o.T., 2014 - Toma Behlsum - E-Book

o.T., 2014 E-Book

Toma Behlsum

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Beschreibung

Das Land, sagen die Bauernsöhne Hans und Willi, das brauchen wir nicht, das Land macht krank, das ganze Jahr liegt das Land unter einer dünnen Schicht Odel, oder Bschütte, wie man hier im Allgäu sagt, und nur im Winter deckt der Schnee für ein, zwei Monate alles zu. Sie verlassen den Hof, der eine, um die Welt zu verlangsamen, der andere um sie noch schneller zu machen. Aus Willi wird Willem, Nachtklubbetreiber, aus Hans James, ein Boheme, ein Künstler ohne Werk. In Berlin stoßen die beiden Brüder nach Jahren wieder aufeinander, was Willem seinen Status in der Nachtklubszene kostet und James seine Freiheit. Im Gefängnis lernt James dann den Besitzer eines heruntergekommenen Grand Hotels in Lindau kennen, der ihm nach James' Entlassung sein Hotel überlässt. In dem seit Jahren geschlossenen Hotel wohnen bereits eine der beiden Töchter des Nachtklubbesitzers, deren Mutter und ein alter Privatgelehrter, mit deren Hilfe James und etwas später auch Willem das Hotel wieder in Betrieb nimmt, bis der ehemalige Besitzer stirbt und das Hotel an Investoren verkauft wird. Der Roman spielt, ohne dass dies bewusst so herbeigeführt wird, hauptsächlich auf Inseln, in Lindau im Bodensee, aber auch in England, dem Berlin kurz nach der Wende und auf Kuba. Und auch das Grandhotel in Lindau ist letztlich eine Insel auf der Insel. Einzelne Stationen der Biografie von Hans werden nur umrissen, ausführlich beschrieben wird seine Zeit als Betreiber des Grand Hôtel Bodensee als Parabel, eine Parabel auf eine Welt, in der vieles nicht mehr an ihrem richtigen Platz ist, und schildert Protagonisten, die versuchen, sich darin zurechtzufinden und sie in ihrem Sinn zu verändern. Das Thema des Romans ist auch die Affinität des Menschen zur Insel, der Wunsch nach Familie in einer Welt im Umbruch, wobei Familie ähnlich wie Frieden und Freiheit ein Begriff ist, der nicht genau definiert ist. In o.T. kommen nicht vor, Großeltern, Eltern, Kind, oder Hochzeiten, Geburten, Ehescheidungen. Ist o.T.

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Seitenzahl: 303

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Toma Behlsum

o.T., 2014

Ein Familienroman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Zitat

Hinweis

Personen

Erster Teil

1 Willi und Hans, Söhne eines Kleinbauernpaares im Westallgäu

2 Willi und Hans ziehen in die Welt

3 Hans heißt James und lebt jetzt in London, Willi heißt Willem und lebt in Amsterdam.

4 Der Hotelbesitzer friert und muss ebenfalls ins Gefängnis

5 James sitzt jetzt im Gefängnis.

6 James arbeitet nun 30 Monate in der Gefängnisküche mit dem Hotelbesitzer

7 James wird entlassen und ist auf dem Weg vom Gefängnis zu seinem neuen Hotel

Zweiter Teil:

8 James kommt in Lindau an und trifft auf Sarah, Mathilda und Herrn Bertram

9 Grand Hôtel Bodensee Revisted

10 Oskar plant den Einstieg des Westallgäus in die Globalisierung

11 Benni hilft James und James hilft Benni

12 James, sowie Sarah, Mathilda, Herr Bertram

13 Als erstes kämpfen sie gegen die Radfahrer

14 Willem auf dem Weg von Berlin nach Lindau ins Grandhotel von James

15 Willem trifft ein und dort erst einmal auf Benni

16 Willem trifft erstmals wieder auf seinen Bruder James

17 Der Hotelbesitzer stirbt im Gefängnis und James trifft bei der Beerdigung auf dessen zweite Tochter Hildrun, genannt Hildi.

18 Hotelküche

19 Die Hotelgäste

20 Sarah

21 Hildi ist zu Hause mit ihrem Mann Horst, als ihr Vorgesetzter sie besucht

22 Weihnachten im Hotel, und Willem wird Unterhaltungschef

23 Der ehemalige Präsident wird von Hildi abgeholt

24 Nachts in der Bar

25 Hildi kommt mit dem ehemaligen Präsidenten im Hotel an.

26 Der Kaukasische Kreidekreis nimmt seine Arbeit auf.

27 Hildi sitzt auf dem Balkon

28 Mit der Ankunft des ehemaligen Präsidenten hat sich das Grand Hôtel Bodensee verändert.

29 Benni im Café

30 Die Chinesen spielen Karten

31 Der ehemalige Präsident soll nun doch wieder nach Hause gehen

32 Eine Ausstellung nur von Kuhbildern

33 Horst hat frei und fährt mit dem Zug

34 Horst kommt im Hotel an

35 Sommerfest bei Franz, I. Teil

36 Der Präsident auf dem Weg nach Hause, I. Teil

37 Der Präsident auf dem Weg nach Hause, II. Teil

38 Atelierfest Franz, II. Teil

39 Die Investoren kommen

40 Willem überlegt, was er jetzt machen soll

41 Das letzte Zusammentreffen

Dritter Teil:

42 Hildi und ihr Mann sind nun wieder zu Hause.

43 Auch Oskar überlegt

44 Benni schaut zum Fenster raus

45 James in Kuba

46 Ende

Dank

Noch ein Hinweis:

Impressum neobooks

Zitat

Das Leben ist kein Zuckerschlecken,

eher schon Kunst.

Hinweis

Der Roman spielt in und um reale Orte wie Berlin, Havanna und Lindau.

Die Orte gibt es wirklich, die im Roman genannten Orte allerdings sind frei erfunden, es gibt im echten Lindau kein Grand Hôtel Bodensee. Ebenso sind leider auch alle Figuren und Handlungen frei erfunden und wurden nicht von realen Figuren und Vorkommnissen der Vergangenheit oder Gegenwart abgeleitet.

Sollte sich also bei o.T. tatsächlich jemand wiedererkennen, so liegt das einzig an dessen Selbstüberschätzung.

Personen

Die Familie

Sarah, Tochter von Mathilda und einem Hotelbesitzer, vorübergehend Geschäftsführerin der Hotels

Mathilda, ihre Mutter, Barsängerin

Herr Bertram, Privatgelehrter, Gast, Klavierspieler, vorübergehend ebenfalls Geschäftsführer des Hotels

Die nur temporären Familienmitglieder

James/Hans, Koch, vorübergehend Frühstücksdirektor

Willem/Willi, sein Bruder, vormals Nachtklubbesitzer, vorübergehend Unterhaltungschef

Hildi, Schwester von Sarah, Nachrichtendienstmitarbeiterin

Die Verwandten

Benni, Kioskbetreiber

Trisch, seine Freundin

die Zwillinge Anne und Ulla, Abiturientinnen, vorübergehend Rezeptionistinnen

Franz, Künstler

Horst, Ehemann von Hildi, und ein hässlicher Hund

Keine de facto Familienmitglieder

der Hotelbesitzer, Chefkoch in der JVA, Vater von Sarah

Oskar, Unternehmer

ein Landtagsabgeordneter

ein ehemaliger Präsident aus dem Kaukasus

Offbroadwaykünstler, vorübergehend Hotelpersonal

Figuren daraus, die bereits im ersten Band der WestallgäutrilogieKuhland, ein Heimatroman

eingeführt wurden:

Erster Teil

1 Willi und Hans, Söhne eines Kleinbauernpaares im Westallgäu

Ein klarer warmer Sommernachmittag im Juli, es riecht nur ganz wenig nach Kuh, ein Tag wie geschaffen, vor dem Haus zu sitzen, ein Bier zu trinken. James, der eigentlich Johann heißt und damals noch Hans gerufen wird, 15 Jahre alt, und Willem, der Wilhelm heißt und Willi gerufen wird, 14 Jahre alt, die beiden Söhne des Mooshofbauern, sitzen so auf der Bank neben der Haustüre vor dem Haus, auf der noch mit verschmierter Kreide C+B+M 81 zu lesen ist, und versuchen, mit sich im Reinen zu sein oder zumindest so zu tun, als wäre alles im Reinen. Es gibt Presssack mit Brot und Tomaten.

‚Mahlzeit’, sagt Hans, und Willi nickt, dann spricht keiner mehr, weil sie beide mit essen und trinken beschäftigt sind. Hans holt zwei weitere Flaschen Weizenbier aus dem Haus.

Willi hat seit einer Woche die Volksschule beendet, damals hieß die Grund- und Hauptschule / Mittelschule noch Volksschule, und Hans macht seit einem Jahr eine Kochlehre im Gasthaus zur Post in dem Hauptort der Gemeinde, der aber auch nur ein Dorf mit dreitausend Einwohnern ist. Kochlehre heißt, er schält seit einem Jahr Kartoffeln und wäscht Salat, er beschwert sich nicht, er hat es nicht anders erwartet, Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Auch wenn die zweite Hälfte des 20. Jahrhundert auch auf dem Land schon eingetroffen ist klingt die erste Hälfte gelegentlich noch nach.

Der Mooshof ist ein kleiner Hof, alles ist klein, die Felder, das Haus, die beiden Söhne und auch der Bauer selbst und die Bäuerin waren klein, als beide noch da waren, der Vater klein und dünn, mit einem Bauchansatz, der nur deshalb auffällt, weil der Rest so klein und dünn ist, die Mutter klein und dünn mit dünnen blonden Haaren, Willi ist dünn, klein sowieso, da ja noch jung, nur Hans ist klein und moppelig, so dass sich jemand, der darüber nachgedacht hätte, darüber gewundert hätte, dass das ein Sohn vom Mooshof sei, was aber nie jemand tat.

Im Erdgeschoß des Kleinbauernhauses gehen nach Osten vom Flur zur Giebelseite zwei kleine Zimmer ab, die Küche und das Wohnzimmer, die durch eine Türe verbunden sind. Im ersten Stock sind nochmals genau die gleichen beiden kleinen Zimmer, eines war bis vor kurzem noch das Schlafzimmer des Bauern und seiner Frau, und eines das der beiden Söhne, die jetzt jeder ein eigenes Schlafzimmer bewohnen.

Das Haus hat drei Eingänge, den Haupteingang zur Straße, der immer verschlossen ist, auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs den Hintereingang zum Garten, der auch immer verschlossen ist, und einen Eingang innen neben dem Stall, den Eingang von der Tenne her, der immer offen ist. Die Tenne ist im hinteren Teil, wo das Gelände leicht abschüssig ist, mit Balken abgestützt, seit die beiden Jungen denken können, und alle paar Jahre ist einer dazugekommen, weil der Vater mit seinen beiden Berufen als Nebenerwerbslandwirt und Rohhüteformengießer ausgelastet ist und sich nicht auch noch um faulende Balken und herabfallenden Putz kümmern konnte.

Weil aber der Kuhstall direkt an den Flur angrenzt und die Türen alt und luftdurchlässig sind, riechen die Brüder von ihrer Geburt an bis zu ihrem Auszug aus dem Mooshof in von jetzt ab vier Jahren und einem Monat nach Kuhstall, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, im Winter vermischt mit dem Rauch des Küchenofens, der einzigen Wärmequelle im Haus, von den Kühen einmal abgesehen. Irish Moos und Boss for men machtlos.

Seit ein paar Wochen sind Hans und Willi nun schon ganz allein auf dem Hof. Hans, das Lieblingskind des Vaters, ist der Ältere, er ist wie erwähnt rundlich und gemütlich, Willi, das Lieblingskind der Mutter, ist dünn und aggressiv, aber die Mutter hatte sehr wohl erkannt, dass auch die gemütliche bärchenhafte freundliche Art von Hans im Ergebnis Ego pur sein kann und dass die emotionslose Aggressivität Willis sie sehr an sich erinnert.

Verschwunden ist dann zuerst die Mutter.

Über viele Jahre hat die Verzweiflung über ihr armseliges Dasein ihre Eltern noch notdürftig zusammengehalten, und die Bewunderung der Mutter für diejenigen, die es zu etwas gebracht haben, zu was auch immer, respektive deren Verachtung durch den Vater, Hauptsache gleiches Subjekt. Ihr Verschwinden hatte sich aber im Grunde genommen seit 15 Jahren abgezeichnet, seit ihr frisch angetrauter Ehemann, der einzige Sohn eines Kleinbauern und Student der Linguistik und Ethnologie, so genau hatte sie es damals nicht verstanden, nach dem plötzlichen Tod seiner Eltern sein Studium ‚aussetzte’, Hochbegabtenstipendium hin oder her, um sich ‚erst einmal’ um den Hof zu kümmern, und dann nicht mehr damit aufgehört hatte.

Monate vor ihrem tatsächlichen physischen Verschwinden musste sie, immer wenn der Vater zu Hause war, zur Elternsprechstunde. Elternsprechstunden gibt es in den 80er Jahren aber nicht, die Einrichtung wäre auch sinnlos, da die beiden Lehrer, einer für die Klassen 1-4 und einer für die Klassen 5-8, und die Eltern ihrer insgesamt 14 Schüler alle im Dorf und im Umkreis von 3 Kilometer rund um das Dorf wohnen und sich ganz ohne ihr Zutun fast täglich begegnen. Sowiesobegegnungen sozusagen. Die beiden Brüder erwarteten anfangs noch eine Reaktion als Resultat der vielen Elternsprechstunden, etwa ‚der Herr Lehrer meint, du sollst dich mehr auf die Rechtschreibung konzentrieren’, aber als diese ausbleibt beschäftigten sie sich nicht mehr damit, und der Vater hatte dafür keine Zeit, er war vollauf damit beschäftigt Bauer, oder, genauer, Nebenerwerbslandwirt zu sein, und Schichtarbeiter in der Hutfabrik, und daneben seiner Familie geistige Kapriolen und Luftsprünge zu präsentieren, die aber nur Hans und Willi hören wollten, und Willi auch nur deshalb, um daraus zu lernen, alles ganz sicher anders zu machen.

‚Die Tenne müsste mal neu abgestützt werden’ entgegnet die Mutter darauf nur, oder ‚Die Kuh ist schon wieder krank und bräuchte Antibiotika’, woraufhin der Vater stets mit ‚kommt nicht in Frage, keine Antibiotika’ antwortet.

Immer, wenn der Vater nicht da war, also oft, blieb die Mutter zu Hause und der Lehrer für die Klassen 5 – 8 kam vorbei, es dauerte lange, bis der Vater, der mehr in den Wolken lebte als auf den Feldern, davon Kenntnis zu bekommen bereit war. Als er nicht mehr umhin kam es zu merken, packte die Mutter den größten Koffer aus ihrem Kofferset, das sie mit in die Ehe gebracht hatte, und das aus insgesamt drei braunen genoppten Lederkoffern bestand, und verschwand. Die beiden kleineren Koffer lies sie zurück, und alles andere, das nicht in den großen Koffer passte, so wie ihre Söhne, ebenfalls. Das Land, sagte sie, selbst Tochter eines Bauern aus der Gegend, kurz vor ihrem Verschwinden, das brauche ich nicht, das Land macht krank, das ganze Jahr liegt das Land unter einer dünnen Schicht Bschütte*, und nur im Winter deckt der Schnee für ein zwei Monate alles zu. Ein Professor für Linguistik und Völkerkunde wäre schön gewesen, aber ein simpler Lehrer geht zur Not auch, um hier wegzukommen.

Der Lehrer lässt sich daraufhin in die Bezirkshauptstadt versetzen und die Söhne haben beide nie mehr wiedergesehnen. Zum nächsten Weihnachten schickt die Mutter ihnen noch eine Weihnachtskarte, die aber genau so aussieht wie die Weihnachtskarte, die sie vor Jahren einmal an eine Freundin geschrieben hat und dann vergessen abzuschicken, dann nicht mehr.

Der Vater, unbeugsam und unbelehrbar, wartet noch einige Wochen, ob sie nicht doch zurückkommt, überschreibt dann den Söhnen den Hof, gibt jedem von ihnen noch 1000 Mark und die Schlüssel für Haus und den alten Opel und geht dann ebenfalls. Was die 14 und 15 Jahre alten Buben mit einem Auto anfangen sollen sagt er nicht dazu.

Die Brüder nehmen den Verlust ihrer Familie ohne weitere äußere Gefühlsregung zur Kenntnis, in Kleinbauernhöfen sind Kinder von Respekt den Eltern gegenüber geprägt und nicht von zitierter Affenliebe wie in den Einfamilienhäuser am Stadtrand. Fortan übernimmt Willi, der hagere, harte Junge die Rolle der Mutter, während der rundliche gemütliche Hans die des Vaters übernimmt.

Sie bewirtschaften den Hof jetzt eben selbst, und nur nachts weinen sie gelegentlich, wenn der andere es nicht merkt, weil jetzt ja jeder ein eigenes Zimmer hat. Wenn jemand nach ihren Eltern fragt, was selten passiert, weil sie keinen Kontakt zu ihren Nachbarn haben, ihre Eltern schon nicht hatten, von ihre Mutter und ihrem Volksschullehrer einmal abgesehen, sind die Eltern gerade nicht da, krank im Bett, oder sonst wo. Sie leben auf einer Insel mitten im Land.

Die beiden Buben haben Angst vor dem Jugendamt, es ist aber ihre einzige Angst. Sie haben beschlossen, den Hof so lange zu bewirtschaften, bis Wilhelm 18 Jahre alt ist und Johann dann 19. Dann können und werden sie ihn verkaufen und ebenfalls weggehen, und nie mehr wiederkommen. Sie wollen alles anders machen. Ein Kleinbauernhof ist ein Kleinbauernhof, damit kann man nichts anders machen, das war ja schon das Dilemma ihrer Eltern die ganzen Jahre.

Das Land, sagen sie sich wie ihre Mutter auch, das brauchen wir nicht, das Land macht krank, das ganze Jahr liegt das Land unter einer dünnen Schicht Bschütte, und nur im Winter deckt der Schnee für ein zwei Monate alles zu.

Zu ihren Kühen sind sie nicht unfreundlich, haben aber keine Bindung an sie, und ihre Nachbarn meiden sie, und die wiederum haben auch kein Interesse an den zwei sonderbaren Kindern, höchstens Angst, sie könnten ihnen auf irgendeine Weise zur Last fallen. Die Nachbarn haben genug mit sich selbst zu tun und mit ihrer Arbeit und der Arbeit nach der Arbeit, und wenn sie nicht arbeiten schauen sie in den Fernseher, gehen sie zum verkaufsoffenen Sonntag nach Lindenberg und zur Wahl der Hutkönigin, oder fliegen eine Woche all inklusive nach Mallorca.

Verkaufsoffene Sonntage, die Wahl der Hutkönigin und all inclusive Urlaube interessieren die Brüder nicht, und nur gelegentlich verlassen sie ihre Insel und laufen in das nächste Dorf zu Omnibushaltestelle und fahren dann in die Kreisstadt, die Dinge zu besorgen, die sie nicht selbst herstellen können und um das andere Leben zu betrachten. Die beiden Brüder warten drauf, endlich volljährig zu werden. Warten auf die große Geste, vollbracht aber nicht etwa von irgend jemand anderem, vollbracht von ihnen selbst.

Wenn Hans hört, wie Willi nachts in seinem Zimmer auf und ab geht, fragt er ihn, ob er denn nie müde werde, aber Willi schläft nicht.

‚Schlafen kann ich wenn ich tot bin’, sagt er, aber nicht wegen der Kultur, wie Fassbinder, auch nicht wegen der Arbeit auf dem Hof, die er emotionslos verrichtet, er schläft nicht, weil er reich und mächtig, berühmt und schön werden möchte und ständig überlegt, wie er das bewerkstelligen könnte. Irgendwo da draußen rast die Welt dahin und er möchte dabei sein, mitwirken an der Raserei. Kultur und Kühe sind etwas, das er dabei nun wirklich nicht brauchen kann, er schaut sich noch nicht einmal Filme mit Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone an, den Idolen der Landjugend, geschweige denn, dass er ins Theater ginge, er ist vollauf damit beschäftigt, im Kopf sein eigenes Leben zu erfinden und zu inszenieren, erfundenen Fremdleben zuzuschauen bringt ihm da überhaupt nichts, noch nicht einmal als Anregungen. Wenn das Leben Geld verdienen ist, stellt er sich vor, und Rivalen aus dem Weg räumen, dann ist die Kultur dazu koksen und ficken.

Hans will auch reich werden, aber an mächtig, berühmt und schön findet er nichts, eher bewundert und glücklich. Die Welt draußen rast und er will dabei sein und mithelfen, sie anzuhalten.

‚Ich werde ein Künstler werden’, sagt er zu Willi.

‚Was jetzt’, schreit Willi dann und boxt ihm in den Arm. Hans ist es schon gewohnt, in den Arm geboxt zu werden und reagiert nicht darauf.

‚Egal’, sagt er.

‚Egal was? Irgendwas?’

‚Egal’ wiederholt Hans. ‚Ein Künstler ohne Werk. Ein Bohemien.’ Das Wort Bohemien gefällt ihm, das kennt er aus Erzählungen seines Vaters, auch wenn er noch nicht so genau weiß was es bedeutet.

Die Sonne geht unter und sie gehen ins Haus. Im Haus riecht es genauso wie draußen, nur noch mehr nach Kuh. Hans und Willi möchten irgendwann einmal wo sein, wo es nicht mehr nach Kuh riecht.

Von ihnen aus nach Abgasen oder nach Fisch, oder nach Ölraffinerie, nur nicht nach Kuh.

*Bschütte ist ein alemannischer Ausdruck für Odel oder Gülle. Tatsächlich produzieren die Hochleistungskühe mehr Bschütte / Gülle / Odel als rein rechtlich auf die zur Ernährung der Kühe erforderlichen Felder aufgebracht werden darf, jährlich in Deutschland mehr als 200 Millionen Tonnen. Es wird aber ausdrücklich nicht kontrolliert.

2 Willi und Hans ziehen in die Welt

‚Wir brauchen Geld’, sagt Willi eines Tages. ‚Unsere 2.000 Mark sind aufgebraucht, der Opel verkauft und 5 Kühe und 14 Hühner ernähren keine zwei Menschen.’

‚Vorher haben sie vier ernährt’ wendet Hans ein.

‚Die Arbeit vom Vater in der Hutfabrik und 5 Kühe und 14 Hühner haben vier ernährt’ erinnert ihn Willi.

‚Der Vater ist weg und die Hutfabrik ist pleite’, sagt Hans daraufhin.

Sie fragen ihren Nachbarn, den drei beziehungsweise vier Jahre älteren Benni, wie sie am besten zu Geld kommen könnten.

‚Ich habe letzten Monat erst bei einem Preisrätsel aus der HörZu gewonnen’, erzählt er ihnen.

Hans und Willi fragen interessiert, was Benni gewonnen hat.

‚Eine Ramatischdecke’, verkündet er.

‚Eine was? Was ist denn das’? fragen sie nach.

‚Na eben eine Tischdecke, mit klassischen Muster, in das Bilder von Ramaschachteln eingearbeitet sind.’

‚So ein Scheiß’, sagt Willi. Hans schweigt.

Einen Monat später lernt Hans, als er gerade das Feld an dem Fußweg nach Thal in Österreich mäht, einen Mann kennen, der ihn fragt, wie man hier am besten die Zöllner umgeht, die hier Streife gehen, und ihm 10 Mark bietet für so eine Wanderungen von Vorarlberg ins Allgäu, ohne auf eine zu treffen. Wir sind noch immer in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts, da gibt es noch kein Schengener Abkommen der Öffnung der Grenzen mit Verlagerung der grenznahen Streifengänge auf die Schleierfahrdung.

Hans willigt ein und nimmt Willi mit und gibt ihm 2 Mark davon ab. Nach der ersten Wanderung folgt die zweite, dann die dritte.

Es sind meist stille Leute, die sie begleiten, Frauen mit kleinen Kindern, ältere Männer, wenig Junge, aber sie verstehen die Leute nicht, die meist nur rudimentäres Englisch sprechen, und Hans und Willi sprechen überhaupt nicht englisch, in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts war Englischunterricht in Volksschulen noch nicht überall auf dem Land verbreitet. So kommt es immer wieder zu Sicherheitsproblemen, wenn die Brüder Anweisungen geben, die nicht befolgt werden, weil nicht verstanden.

Also fragen sie wieder Benni, der aufs Gymnasium geht und daher Englisch spricht, ob er ihnen hilft.

‚Was springt dabei raus?`

‚2 Mark pro Tour. Dauert höchstens eine Stunde.’

Benni lacht. ‚Wie viel verlangt Ihr?’

‚10 Mark.’

‚Ich will 50’ sagte Benni, ‚Mark. Ihr könnt hundert verlangen.’

Die Brüder schauen einen Moment erstaunt, dann nickten sie, zuerst Willi und mit Zeitverzögerung auch Hans.

Es ist lange beschlossen, dass, sobald Willi 18 wird, die Brüder den Hof verkaufen. Die 14 Hühner und der Hahn sind im Laufe der letzten vier Jahre gestorben und nicht wieder durch neue Hühner ersetzt worden, die fünf Kühe aber leben noch, die Lebenserwartung von Kühen liegt bei etwa 25 Jahren, und die ihren sind erst 12 bis 15 Jahre alt.

‚Wer kauft schon einen Kleinbauernhof mit 5 älteren Kühen’? fragt Willi.

‚Niemand’, antwortet Hans.

‚Stimmt’, sagt Willi, ‚niemand.’

Sie haben sich aber durch die 5 Kühe keinen Tag aufhalten lassen. Sie haben sie einfach verschenkt. Die Brüder schenken sie dem blinden Bauer, der sie nicht weiterverkaufen darf, sondern behalten muss bis sie sterben. Sie legen dabei Nachdruck in ihre Stimme, und der blinde Bauer, der gelernt hat, akustische Signale zu deuten, spürt die Aggression dahinter.

Als die Kühe umgezogen sind finden sie rasch einen Käufer, einen Psychotherapeuten, der ihnen den Hof und die paar Felder abkauft.

‚Ich kann nicht verstehen, warum Sie weggehen. Im Allgäu ist es so schön, dass ich jedenfalls nie wieder weggehen werde. Ich wohne doch dann mit vielen wilden Tieren, und mit Kühen. Der Himmel ist nachts dunkel und der Mond scheint hell, und die laute Natur übertönt die böse Welt draußen’, sagt die dunkelhaarige Frau des Psychotherapeuten zu den beiden Brüdern. ‚Aber uns soll’s recht sein’.

‚Das Land, antwortet Willi frech, ‚das brauchen wir nicht, ich und der Hans, das Land macht krank, das ganze Jahr liegt das Land unter einer dünnen Schicht Odel, oder Bschütte, wie man hier sagt, und nur im Winter deckt der Schnee für ein zwei Monate alles zu.’

Vor allem aber wollen sie ab jetzt alles anders machen, anders als bisher, anders als die anderen.

Hans geht in die Welt, sie anzuhalten

Willi geht in die Welt, sie anzutreiben.

Willi kauft sich von dem Geld für den Mooshof einen gebrauchten Mercedes SL, Anzüge und Schuhe. Hans weiß noch nicht, was er mit seinem Anteil anfangen soll und lässt ihn auf der Bank. Er trägt die Kleidung, die er immer trägt, Jeans und bunte Baumwollhemden.

Benni kommt eigens aus München, um sich von den Brüdern zu verabschieden. Er studiert nun Kunstgeschichte, auch etwas, an das er sich später nicht mehr wird erinnern können.

‚Was wollt ihr jetzt machen’? fragt er.

‚Als erstes die Fingernägel wachsen lassen’, antworten beide.

‚Die wachsen doch von selber’ wirft Benni ein.

Sie merken, dass er sie ärgern will und grinsen ihn an.

Als sie ihm erzählen, dass Hans in die Welt geht, sie anzuhalten und Willi um sie anzutreiben, dass Willi dazu nach Amsterdam und Hans nach London gehen wird, wundert er sich nicht, er war bereits in London und Amsterdam und eigentlich hätte man eher erwartet, dass jemand, der die Welt beschleunigen will, nach London geht und der Entschleuniger nach Amsterdam, er findet aber, dass in der Beschleunigung von Amsterdam und der Entschleunigung von London eine gewisse Logik steckt.

‚Aber warum gerade Amsterdam’? fragt er trotzdem.

‚Weil in Amsterdam all die Firmen ihre Leute sitzen haben, die an den Finanzplätzen Frankfurt oder London in Erscheinung treten. Die Leute, die immer schneller am Verfall der Zivilisation arbeiten, immer manischer versuchen, an den noch frei verfügbaren Rest Macht, Reichtum und Sex zu gelangen, bevor sich für sie alles in Luft auflöst und nur noch die Imagination bleibt von Macht, Reichtum und Sex, die jeder haben kann und sie sich in einem Fünfsterneressortallinclusive wiederfinden’ antwortet Hans an Willis Stelle.

Willi sagt, wenn Hans das so sähe wird es wohl stimmen.

Das habe eine gewisse immanente Logik, meint auch Benni, findet aber nicht, dass es an ihm ist, hier weiter kommentierend einzugreifen.

Hans und Willi bieten Benni an, durchs Haus zu gehen und alles mitzunehmen, was er gerne hätte, aber Benni lehnt dankend ab. Benni ist jetzt 23 Jahre alt und kann sich ausrechnen, wie groß die Wohnung sein muss, die er braucht wenn er 50 Jahre alt ist, er aber bereits mit 23 Jahren angefangen hat, sie zu füllen, und wenn er einmal gestorben ist, werden nach seinem Ableben seine Erben den Haushalt auflösen, in Müllcontainer sortieren, Papier, Holz und Gemischmüll trennen, Schachteln und Kartons mit all den Dingen füllen, die noch zu verticken sind, diese an Flohmarkthändler nach Kilo verkaufen, ihn ob des großen Aufwandes und des geringen Ertrags posthum verfluchen.

Hans packt die verbliebenen zwei kleinen braunen genoppten Lederkoffer, die zu dem Set mit dem großen braunen genoppten Koffer gehörten, mit dem seine Mutter fortgegangen ist. Er besitzt außer dem, was er anhat, nicht mehr all zu viel, etwas Wäsche, einen Leinenanzug, und einen Apple Notebook mit 4 MB Arbeitsspeicher, den er auf 8 MB erweitert hat, mit 80 MB Speicher, und der auch bereits ein Farbdisplay hat.

Er möchte nach London und fragt Willi, ob er ihn bis Amsterdam mitnimmt, aber Willi verweist darauf, dass der Sportwagen bis unter das Dach voll gepackt sei. Er sagt das in neutralem Ton, weder bedauernd noch hämisch. Der Bitte von Hans, ihn dann doch wenigstens zur Autobahnauffahrt zu fahren, kommt Willi ebenso neutral nach, wundert sich aber, dass Hans per Anhalter nach London fährt, Mitte der 80er Jahren fährt niemand mehr per Anhalter, und außerdem hat Hans ja auch die Hälfte des Erlöses für den Kleinbauernhof, könnte sich ein Flugticket also leisten. Hans wiederum, der schon einmal mit Willi mitgefahren ist, zum Notar nach Lindau, und dabei versucht hat ihm zu erklären, zu was Blinker und Scheibenwischer da sind, findet zwar, dass er ihm ein paar weitere Tipps auf der Fahrt hätte geben können, aber schon auf der Lindaufahrt hat Willi ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er vorhat, sich alsbald einen Chauffeur anzuschaffen, und es deshalb überflüssig sei, den Gebrauch des Blinkers zu erlernen.

Dann sind sie beide weg. Sie werden nicht nochmals auf den Hof zurückkehren, auch nicht, als sie viele Jahre später mehrmals ganz in der Nähe sein werden. Vergleiche früher – jetzt bringen nichts, weil immer Vergangenheitsform, da sind sich die ungleichen Brüder einig.

*Andrzej Stasiuk beschreibt in ‚Tagebuch danach geschrieben’ ein ähnliches Phänomen auf einer Reise durch Mazedonien

3 Hans heißt James und lebt jetzt in London, Willi heißt Willem und lebt in Amsterdam.

Hans lebt jetzt in London und heißt nicht mehr Hans, er nennt sich James. Er wohnt eine Zeitlang in Islington in Untermiete in einem dieser englischen Reihenhäuser, wie es sie nirgendwo sonst auf der Welt gibt, nur in England, dort dafür aber überall, bei einer Künstlerin, von der er alles über Kunst lernt, aber über weitere Wohnorte ist nichts bekannt. Er hat Kontakt zur Punkszene und über seine Mieterin zu den Britpopmalern, was ihn dazu bringt, Kunst als bürgerlichen Unfug fortan abzulehnen, sowie zu militanten Muslimen, woraufhin er feststellt, dass Religion etwas ist, was er nicht begreifen wird und es deshalb tunlichst auch nicht versucht.

Er lernt in England, dass sich in England wohnende Leute sehr wohl fühlen, wenn es gemütlich ist. Gemütlich ist es, wenn das bekannte englische Reihenhaus vollgestopft ist mit Krimskrams bis oben hin, das Aufräumen über längeren Zeitraum vermieden wurde, wenn das Kaminfeuer brennt, als Heizmaterial eignen sich Holz, Kohlen, gebrauchte Windeln etc, und wenn die Besucher ausreichend Alkohol mitbringen.

Und er lernt große Gesten zu lieben, die auf halbem Wege wieder in Frage gestellt werden und dann ins nichts laufen. Kurz gesagt, er lernt, was er immer werden wollte, Bohème.

Willi geht nach Amsterdam, heißt jetzt Willem und lernt auf hart. Er wird Türsteher in einem Nachtklub, dann wird er Geschäftsführer in einem Nachtklub, Er arbeitet sich hoch, bis er Besitzer mehrerer Nachtclubs ist, in den Salons der Politik, Justiz und Wirtschaft verkehrt, Netzwerke aufbaut, und über einen Stab von mehreren Hundert freien Mitarbeitern verfügt, auf mehrere Untergruppen verteilt, und eine kleine Gruppe meist vorbestrafter Männer geringerer intellektueller Kapazität, die von Willem und seinem Stab geführt Angriffe anderer Gruppen aus vorbestrafter Männer geringerer intellektueller Kapazität auf sein Nachtklubimperium vor Ort abwehren, noch bevor das Netzwerk aus den Salons greift.

Es geht immer weiter aufwärts, bis es irgendwann wieder abwärts geht. Er geht rechtszeitig vor dem Absturz nach Berlin, nachdem Berlin die deutsche Hauptstadt geworden war und viele Firmen von Amsterdam nach Berlin umgezogen sind oder gerade dabei sind, er will sich in der Nachtklubszene zu etablieren, er übernimmt eine Russendisko der DDR, in denen nun noch die amerikanischen und britischen Soldaten verkehren, bald aber die Zivilisationszerstörer aus den Entwicklungsetagen nachziehen werden, ist dort anfangs aber wenig erfolgreich.

Möglicherweise unterschätzt er dabei auch den Verdrängungswettbewerb, der damit einsetzt, dass nun mehr Agierende einen größeren Kuchen verteilen und setzt zu sehr auf die Kraft des noch immer präsenten Militärs. Es gelingt ihm nicht, rechtzeitig wieder sein Netzwerk aufzubauen, rechtzeitig, bevor James dann später seinen einzigen Nachtklub in die Luft sprengen wird und er wieder von vorn anfangen muss.

o

Denn James taucht plötzlich nach fünf Jahren London ebenfalls in Berlin auf, verheiratet mit einer Deutschen, die er in London kennen gelernt hat. Sie mieten sich eine 8-Zimmer Wohnung aus der Gründerzeit, mit Ausgängen in zwei Treppenhäuser, von denen seinerzeit in den goldenen 20er Jahren eines als Dienstbotenzugang gedacht war, bezahlen die Kaution und sind anschließend pleite.

Am Morgen des 5. Tages nach seiner Ankunft in Berlin um 7 Uhr 43 morgens bekommt er einen Anruf von seinem Bruder Willem, der ankündigt, ihn zu besuchen. James geht in die Küche, setzt die damals übliche Espressokanne aus Aluminium auf und als der Kaffee durchgelaufen ist klingelt Willem bereits an der Türe. Willem trägt einen Ledermantel, der am Boden schleift.

‚Du kommst früh’ begrüßt er ihn, ohne weiter darauf einzugehen ob früh nach fünf Tagen oder früh um jetzt 7 Uhr 55. ‚Wie hast Du mich gefunden?’ Willem macht eine abwehrende Handbewegung. Sie trinken Kaffee, schweigend, wie sie es früher schon gemacht haben als Kinder, dann bietet Willem James an, mit ihm zusammen zu arbeiten.

James lehnt ab, leiht sich aber 5.000 Mark von Willem.

Aus London kennt sich James aus mit den Sitten und Gebräuchen von Gesellschaften am Rande der Gesellschaft und er bewegt sich mühelos in solchen und solchen, ohne sich selbst als Teil davon zu verstehen. Er schreibt sich an der Kunstakademie ein und lernt Motorradfahren, das er in den Gängen der Akademie übt. Malen lernt er nicht, aber in seiner Berliner 8-Zimmer Wohnung gründet er unablässig Organisationen bildender Künstler, aus denen ihn die anderen Mitglieder dann später per Mehrheitsentscheid wieder rauswerfen werden. James selbst fehlt jede Affinität zu Mehrheitsentscheidungen.

Seine Frau wirft ihm vor, es zu nichts gebracht zu haben. James antwortet, er finge eben im Leben alles anders an als andere, weshalb ihm eben auch wenig gelingt, das sei ganz normal.*

Statt es zu was zu bringen zieht es James vor, mehr als 20 Jahre nach dem Ende der RAF den antiimperialistischen Kampf neu zu inszenieren, quasi als Revival, nur diesmal als absurdes Kunstwerk.

Nachdem ihn daraufhin seine Frau nach mehreren Anläufen entgültig verlässt, wobei er erstaunt feststellt, dass er den Verlust der Mutter, zu der er nie ein besonders inniges Verhältnis gehabt hat, nicht wirklich verarbeitet hat, unternimmt er Studienreisen, aber der Libanon und der Südjemen sind bereits überlaufen oder passé, und so fährt er in die Anden und in die Westsahara. Er lernt den Umgang mit verschiedenen Waffen, mit der Uzi, ‚Gießkannenprinzip’ sagt er dazu verächtlich, und mit der Kalaschnikow, zu der er in den Anden sagt, das sei mehr eine Waffe für Kameltreiber, in der Sahara lässt er den Ausdruck Kameltreiber weg. Er versucht zu lernen, mit zwei Walter PPK beidhändig zu schießen, dann mit einer Glock mit Magazin für 33 Schuss, und rennt damit zwischen Schießscheiben herum, aber als er auch nach Wochen nicht trifft entscheidet er sich gegen Schusswaffen und für Sprengstoff. Sprengstoff erscheint ihm nun als genau das Mittel, die Welt zu verlangsamen.

Er lernt alles über Nitroglycerin, Zellulosenitrat, Ammoniumnitrat, Natriumnitrat, über Rohre und Zünder.

Eine Gruppe zorniger Frauen und Männer schart sich um ihn, allesamt gebildete freundliche Leute, die hilflos mit aufgerissenen Augen eine Abscheulichkeit nach der anderen ins Auge fassen und analysieren, die nächtelang darüber diskutieren, um dann nicht zu wissen, was sie mit ihrem Wissen anfangen können, wie damit umzugehen, wodurch sich etwas ändern lässt. James lässt sich nicht darauf ein, bleibt den Diskussionen fern, interessiert sich nicht für Politik. James ist nur daran interessiert, dass die Zukunft nicht zu interessant zu werden verspricht.*

Bei seinen Sprengstoffexperimenten im Ausland trifft James einen großen hageren Mann mit Halbglatze*, der ebenfalls in Sachen surreale Satire unterwegs ist und der ihm rät, bei den Einrichtungen der Alliierten anzusetzen, denn die wären nicht so gerne gesehen, und dass der Innensenat ihn dabei gerne mit Material und sachdienlichen Hinweisen unterstütze.

Wieder zu Hause trägt James der Gruppe zorniger junger Männer und Frauen die Strategie vor, die er auf dem Rückflug auf den Servietten des Bordservice der Lufthansa entwickelt hat. Nachdem er seine Ausführungen beendet hat stellen sie gemeinsam fest dass er auch keine Ahnung hat und schicken den Jüngsten los, Bier und Zigaretten zu holen. Mit Hilfe von Bier und Zigaretten einigen sie sich auf die vom Fernsehen bekannte konventionelle Vorgehensweise, Schlüssel besorgen, ermitteln wann leer, Fluchtweg 1 + 2 ermitteln, das übliche. James findet das nicht originell genug, im Sinne eines Kunstwerkes, kann sich aber nicht durchsetzen.

Sie sprengen dann zuerst das Hard Brake in die Luft, und als das ohne Zwischenfälle reibungslos klappt folgt das Amber Eyes.

Als es so weit ist, die Vorbereitungen abgeschlossen, betritt James durch den Hintereingang die Diskothek, die da noch Diskothek heißt und nicht Club, wartet mit der Alditüte in der Hand, bis sich seine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt haben, dann geht er langsam Richtung Theke, stellt die Tüte ab, schaltet den Zünder ein. Er denkt, dass noch genügend Zeit sei, ein Glas Rum zu trinken und sieht 34 Rumsorten im Regal, und entscheidet sich schließlich für Saint James Réserve Privée, aus Martinique. Als James dann auf dem Rückweg den Lieferantenausgang erreicht hat legt sich ihm ein Arm von hinten um dem Hals. James stampft mit der Ferse auf den Fuß und mit dem Ellenbogen gegen die Rippen des Angreifers und haut ihm mit dem Hinterkopf gegen die Nase, ganz schnell, und der Arm lockert sich und James dreht sich um.

‚James’? sagt Willem. Es klingt wie ‚Mbs’.

Die Auswahl des Rums aus 34 Sorten hat länger gedauert als geplant, und James hat jetzt keine Zeit, seinerseits erstaunt zu sein, schon wieder Willem zu treffen. Er packt ihn am Arm.

‚Raus hier’ schreit er und sie rennen los, Willem trotz gebrochenem Zeh ohne zu humpeln, dann werden sie noch schneller, als die Druckwelle der Explosion die beiden von hinten erfasst und gegen die Fassade der gegenüberliegenden Schaufenster der Ladens für Literatur im Grenzbereich wirft. Die Scheibe hält dem Aufprall stand, nicht aber der Hinterkopf von Willem, der zu Boden sinkt. James prüft den Puls, stellt fest, dass er fest ist und es sich um eine vorübergehende Ohnmacht auf Grund besonderer Belastungen des Organismus handelt.

‚Tut mir leid’, murmelt er.

Es ist das letzte Mal für mehr als 3 Jahre dass er seinen Bruder sieht.

James geht nach Hause und teilt der Gruppe zorniger junger Männer und Frauen mit, dass er ab sofort aus dem Verein für surreale Satire austrete. Da aber surreale Satire nur wirkliche surreale Satire ist, wenn sie auch ernst genommen wird, landet James im Gefängnis*.

James will die Welt anhalten, aber die Welt hält ihn an.

*Um 5 Uhr 43 sitzt Helena auf der Toilette in James’ Wohnung, und weil die Toilette in der 9 Zimmer Altbauwohnung nicht beheizt ist lässt sie die Türe offen. James und die anderen vier Mitbewohner schlafen. Sie hört leise Stimmen vor der Wohnungstüre, beendet umgehend ihr Geschäft und weckt sofort alle auf. Sie raffen an Kleidern, was gerade greifbar herumliegt, und rennen zur Dienstbotentreppe, als an die Türe gehämmert wird und ‚Aufmachen Polizei’ gerufen wird.

In einem Anflug von Opferbereitschaft, die er sich dann im Nachhinein nicht mehr erklären konnte, lässt James Hose und Jacke fallen und ruft ‚Sofort, ich zieh mir nur schnell was an.’ Dann hebt er Hose und Jacke wieder auf, holt das dazu noch erforderliche Hemd und zieht alles an. Er wartet, bis auch alle weg sind, und öffnet dann die Türe für die sofort hereinströmenden Polizisten. Er zählt 12 Stück und stellt später fest, als sie ihn abführen, dass vor der Türe an beiden Hauseingängen noch je 4 postiert sind.

Seine Mitbewohner laufen derweil leise in nicht vollständiger Oberbekleidung über Schlafanzug oder Nachthemd, einer barfuß, zwei mit Hausschuhen und einer mit Socken und einem Halbschuh die Dienstbotentreppe hinauf, um vom Speicher ins Nachbargebäude zu gelangen und von dort über die Querstraße zu verschwinden, ein längst vorbereiteter Fluchtweg.

*’Mögen Sie interessante Zeiten erleben’ gilt in China, ungeachtet oder aktuell auch gerade wegen der Realität, bis heute als beliebte Drohung.

*gemeint ist Dieter Kunzelmann

4 Der Hotelbesitzer friert und muss ebenfalls ins Gefängnis

Der Besitzer des Grand Hôtel Bodensee sitzt im Wohnzimmer seiner Wohnung im Dachgeschoß des Hotels und friert. Noch vor nicht allzu langer Zeit ließ sich die Heizung nicht mehr drosseln, so dass der Gaszähler nur so ratterte. In den Zimmern hatte es mitten im Winter plötzlich über 30 Grad, und es mussten ständig alle Fenster geöffnet werden, aber 35 Grad innen und 5 Grad außen geben zusammen keine angenehme 20 Grad, sondern unangenehme 35 Grad und 5 Grad, gleichzeitig. Und jetzt springt die Heizung gar nicht mehr an, und 8 Grad bei geschlossenen Fenstern bleiben immer und ewig 8 Grad, zumindest bis zum nächsten Frühjahr.

‚Wenn Du so ernst bist schaust Du aus wie ein Dackel’, sagt seine Frau zu ihm, dann steht sie auf und geht in die Küche, um sich ein Glas Wein zu holen. Sie bleibt eine ganze Weile.