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Band 5 der Stadtgeschichte Oberhausens ergänzt die 2012 erschienene vierbändige Ausgabe mit vier wertvollen Beiträgen
Das E-Book Oberhausen wird angeboten von Karl Maria Laufen Buchhandlung und Verlag und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Regionalgeschichte, Kommunalgeschichte, Geschichte
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Seitenzahl: 450
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Oberhausen
Eine Stadtgeschichte im Ruhrgebiet
Herausgegeben von Magnus Dellwig und Peter Langer
Band 5: Beiträge zur Stadtgeschichte
Verlag Karl Maria Laufen
Die Herausgeber und der Verlag bedanken sich bei der Sparkassen-Bürgerstiftung für die großzügige Unterstützung. Nur so konnte der Band 5 der Oberhausener Stadtgeschichte realisiert werden.
© Verlag Karl Maria Laufen
Oberhausen, 2017
Alle Rechte vorbehalten
Autoren und Herausgeber haben sich bemüht, alle Bildrechte zu klären. Sollte dies im Einzelfall nicht oder nicht zutreffend gelungen sein, wird um Nachricht an den Verlag gebeten.
Satz: Ika Putranto, MA, Leiden, NL
ISBN 978-3-87468-372-2
Überblick über das Gesamtwerk
Band 1: Oberhausen in vorindustrieller Zeit
Band 2: Oberhausen im Industriezeitalter
Band 3: Oberhausen in Krieg, Demokratie und Diktatur
Band 4: Oberhausen in Wirtschaftswunder und Strukturwandel
Band 5: Beiträge zur Stadtgeschichte
Cover
Titel
Impressum
Grußwort
Vorwort der Herausgeber
MAGNUS DELLWIG
Essay: Kleine Geschichte der Kommunalpolitik in Oberhausen
PETER LANGER
1914-1918, Die Heimatfront in Oberhausen
KLAUS OBERSCHEWEN
„Niedergeknüppelt, aber nicht widerlegt”
DIRK-MARKO HAMPEL
Oberhausen 1945-1961 Ein Abriss
Abbildungsnachweis
Autoren
Liebe Oberhausenerinnen und Oberhausener,
für uns an der Stadtgeschichte Interessierte war das Erscheinen des vierbändigen Werkes „Oberhausen - eine Stadtgeschichte im Ruhrgebiet“ zum Anlass des 150. Jubiläums der Gemeindegründung im Jahr 2012 ein beachtlicher Höhepunkt. Lange Zeit mussten wir warten, lag die letzte Veröffentlichung mit ähnlichem Anspruch schon fast ein halbes Jahrhundert zurück: das Oberhausener Heimatbuch erschien 1965.
Es war folglich an der Zeit, den Versuch einer ganzheitlichen, umfassenden Darstellung des Werdens und Wirkens unserer Stadt nach den Ansprüchen der modernen historischen Forschung zu unternehmen. Das Ergebnis war und ist eine eindrucksvolle Lektüre von 1.900 Seiten.
Betrachtet man die gesamte Bandbreite der Epochen,Themen, Autoren und Darstellungsweisen, ist der Versuch für mich als Oberhausener und gelernter Historiker sehr gut gelungen.
Neben aller positiver Resonanz und einem großen Verkaufserfolg, auf welchen vor zwei Jahren die Neuauflage des Werkes als Studienausgabe folgte, haben sich die Herausgeber aber auch gefragt, welche weiteren Facetten der Darstellung harrten.
Denn es war unvermeidlich, dass bei einem knappen, ambitionierten Zeitplan nicht jedes Thema zur vollkommenen Zufriedenheit - insbesondere auch für die Herausgeber als „Auftraggeber“ - beschrieben werden konnte.
So entwickelten die Herausgeber Dr. Peter Langer und Dr. Magnus Dellwig mit ihrem Oberhausener Verleger Wilhelm Kurze einen fünften Band, den Sie, liebe Leserinnen und Leser, nun in Ihren Händen halten. Die vier Beiträge erbringen den eindrucksvollen Beweis dafür, dass es noch die eine oder andere bedeutende Lücke zu schließen galt.
Ich bin davon überzeugt, dass die Themen Geschichte der Kommunalpolitik, Erster Weltkrieg, Widerstand gegen den Nationalsozialismus sowie Wiederaufbau und Wirtschaftswunder in Oberhausen auf ein breites Interesse unserer Stadtgesellschaft treffen werden.
Durch diesen fünften Band wird die Oberhausener Stadtgeschichte noch vielfältiger und zu einer erst recht runden Sache. Dafür sage ich den Herausgebern, den Autoren, dem Verleger und allen Beteiligten einen herzlichen Dank.
Ich wünsche Ihnen bei der Lektüre viel Vergnügen und einige neue Erkenntnisse.
Herzlichst Ihr
Daniel Schranz Oberbürgermeister
Liebe Leserin, lieber Leser,
die Herausgeber freuen sich mit dem Verleger, Ihnen nunmehr im Herbst 2017 den fünften Band des Werkes „Oberhausen, eine Stadtgeschichte im Ruhrgebiet“ vorlegen zu können. Anlässlich des 150. Jubiläums der Gründung der Bürgermeisterei Oberhausen 2012 veröffentlicht, war das vierbändige Werk im Herbst 2012 nach wenigen Wochen vergriffen. 2014 gewannen wir Herausgeber dann den Oberhausener Verleger Wilhelm Kurze mit seiner Verlagsbuchhandlung Karl Maria Laufen für die Neuauflage als Studienausgabe. Damit waren einige Neuerungen verbunden. Zur Fehlerkorrektur trat ein wertiges Softcover, ergänzende Veröffentlichungen der Einzelbände als E-Books, und vor allem der Anspruch, die Stadtgeschichte fortzuschreiben.
Werfen wir den Blick kurz zurück auf die Besonderheiten des bisher schon vorliegenden Werkes: Da selbst vier Bände von diesem Umfang eine Stadtgeschichte niemals vollständig erzählen können, ist eine Konzeption entstanden, die jeder Epoche mit einem eigenen Zugang gerecht zu werden versucht. Damit folgen wir Herausgeber den Grundsätzen von Multiperspektivität, Mehrdimensionalität (Ereignisgeschichte und Längsschnitte, Politik, Wirtschaft, Alltag und Kultur) sowie Zielgruppenbezug, wie sie die moderne Geschichtswissenschaft aufgibt: In vorindustrieller Zeit (Band 1) wurde Oberhausen noch nicht als räumliche Einheit erlebt. Drei Herrschaften und zahlreiche Siedlungen bildeten die Bezugspunkte des Lebens bis ins 19. Jahrhundert. - Deshalb kommt hier die Geschichte jedes relevanten Stadtteils zu Wort. Im Industriezeitalter (Band 2) entstand in atemberaubender Geschwindigkeit eine Großstadt, in öder Heide um Bahnhof und Industrieanlagen, anstatt um Kirche und Marktplatz. - Diese seltene Besonderheit im deutschen Städtewesen prägte Oberhausens Stadtwerdung mit allen Facetten von den Infrastrukturen, den Stadtvierteln über den Alltag bis zur Kommunalpolitik. Im Zeitalter der Weltkriege (Band 3), das Historiker auch das des „Weltbürgerkriegs“ nennen, beherrschten die Wechsellagen der Politik das Leben der Menschen so elementar wie vermutlich seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr. - Ein überzeugender Grund, die politische Stadtgeschichte in den Mittelpunkt zu stellen. Band 4 schließlich bildet die Zeitgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg ab. Die Vielfalt der modernen Lebensbereiche,Wirtschaft und Politik, Kultur und Kirchen, Umwelt, Geschlechter und Migration, aber auch das komplexe Wechselverhältnis Oberhausens mit seiner Region Ruhrgebiet werden erforscht und dargestellt.
„Oberhausen, eine Stadtgeschichte im Ruhrgebiet“ bietet Ihnen mit seiner Kombination aus Heimatforschung und moderner Stadtgeschichtsschreibung, mit seiner Verknüpfung von Ereignis- und Strukturgeschichte, mit den anregenden Perspektiven von mehr als 30 Verfassern und Gesprächspartnern einen umfassenden Blick auf diese außergewöhnliche Stadt. Das Buch bietet eine geschichtswissenschaftlich breit reflektierte lokale „Universalgeschichte“, die seriöserweise nicht mehr den Anspruch erheben darf, „die“ Geschichte Oberhausens zu sein, sehr wohl aber die zentralen Lebensbereiche der Menschen in ihrer jeweiligen Zeit im Wesentlichen zu erfassen, nämlich in Bezug darauf, was uns an der Geschichte für unsere Gegenwart und für unsere Orientierung auf die Zukunft interessiert.
Während jeder der vier ersten Bände chronologisch eine Epoche behandelt und dabei einer eigenständigen Konzeption folgt, welche den besonderen Lebens- und Entwicklungsbedingungen im Oberhausener Raum zur jeweiligen Zeit gerecht wird, behandelt Band 5 ausgewählte inhaltliche Schwerpunkte. Der Zeitrahmen von der Idee im Jahr 2009 über die Aufnahme der Redaktionstätigkeit 2010 bis zum Abschluss der Arbeiten im Sommer 2012 erwies sich für ein Werk von etwa 1.900 Druckseiten als sehr anspruchsvoll. Daher gelang es nicht, alle gewünschten Themen in der angestrebten Tiefe darzustellen. Somit verfolgten wir Herausgeber diese Themen als Merkposten weiter, um die „Lücken“ durch eine weitere Veröffentlichung zu schließen. Unser Verleger Wilhelm Kurze ermunterte und unterstütze tatkräftig, so dass wir in Band 5 vier Beiträge präsentieren, durch die das bisher vierbändige Gesamtwerk eine wertvolle Ergänzung erfährt:
Magnus Dellwig stellt in einer Längsschnittstudie die kommunalpolitische Kultur in Oberhausen von der Gemeindegründung 1862 bis zur Oberbürgermeisterwahl 2015 dar. Dabei liegt das Augenmerk auf längerfristigen Strukturen und deren Ursachen sowie auf der jüngsten Entwicklung im 21. Jahrhundert. Geschichts- wie politikwissenschaftliche Zugänge werden verknüpft.
Mittels Feldpostbriefen stellte Peter Langer in Band 3 bereits den Ersten Weltkrieg dar. Nun folgt eine umfassende Behandlung der Lebensumstände wie der Arbeitsbeziehungen in Oberhausen von 1914 bis 1919 vor dem Hintergrund des relevanten Forschungsstandes.
Klaus Oberschewen gibt uns einen anschaulichen Einblick in Widerstand gegen den Nationalsozialismus, indem die individuelle Entwicklung und das konkrete Handeln einzelner Persönlichkeiten des Oberhausener Widerstandes schlaglichtartig präsentiert werden.
Dirk-Marco Hampel schießt die empfindlichste Leerstelle von Band 4, nämlich die unmittelbare Nachkriegszeit in der Folge des Kriegsendes 1945. Eindrucksvoll und ausführlich gewährt er uns Einblick in die ernährungs- und Wohnungssituation, in die Arbeitsverhältnisse und den Wiederbeginn von geordneter Verwaltung und demokratischem politischen Leben sowie in die Zeit des Wirtschaftswunders bis 1960.
Die Herausgeber von „Oberhausen – eine Stadtgeschichte im Ruhrgebiet“ wünschen Ihnen eine anregende und erkenntnisreiche Lektüre.
Oberhausen, im September 2017
Magnus Dellwig
Peter Langer
Als alleinig durchgeführte Personenwahl ohne Neuwahl des Rates stellte die Oberbürgermeisterwahl vom 13. September 2015 einen Urnengang unter einzigartigen Bedingungen dar. So bemerkenswert sein Ausgang mit 52,5% der Stimmen für Daniel Schranz (CDU) und 37,7% für Apostolos Tsalastras war und ebenso einschneidend diese Entscheidung für die Kommunalpolitik der Wahlperiode bis 2020 sein wird: Ebenso plausibel ist es angesichts der Geschichte von Kommunalpolitik in Oberhausen, dass dieses Wahlergebnis noch keine Vorentscheidung für die Begründung eines möglicherweise neuen längerfristigen Trends bedeutet. – Denn zu deutlich als von struktureller Natur stellt sich das Wahlverhalten in Oberhausen im langfristigen Zeitverlauf bis zur Kommunalwahl von 2014 dar. Ob es bei der Kommunalwahl 2020 dann zur Begründung eines längerfristigen Trends in Kontinuität zur Wahl des Oberbürgermeisters kommen kann, darüber werden sowohl die Kommunalpolitiker durch ihre Arbeit bis 2020 als auch die Bürgerinnen und Bürger mit ihrem Urteil über die Qualität jener Arbeit bei der Kommunalwahl 2020 entscheiden. Diese spannende Konstellation gibt längst nicht den einzigen, jedoch einen besonderen Anlass, sich mit der Geschichte der Kommunalpolitik in Oberhausen im großen Längsschnitt seit Gründung der Gemeinde 1862 eingehender zu befassen.
Noch bei der Kommunalwahl im Jahr 2009 erzielte die SPD als mit großem Abstand stärkste politische Kraft in Oberhausen ein Wahlergebnis von 44 %. – Die CDU erreichte 30 %. Und selbst bei dem unter den für eine etablierte Mehrheitspartei ungünstigen Bedingungen einer reinen Ratswahl durchgeführten Urnengang von 2014 waren es 39 %. Bei Prognosen zu den Wahlaussichten der Parteien auf Bundesebene erreichte die SPD in den Jahre 2012 bis 2914 stets einen Wert von lediglich 25 bis 30 %. Somit betrug die Differenz der Oberhausener zu den regionalen wie nationalen Wahlergebnissen 10 bis sogar 20 %, was einer qualitativen Dimension für die politische Struktur und die politische Kultur vor Ort gleichkommt. Spiegelbildlich verhält es sich mit der politischen Zustimmung zur CDU in der Kommune 2009 (30 %) sowie 2014 (32,8 %) und wiederum im Bund 2012 bis 2014 (um 40 %). Die Differenz zwischen diesen Werten für die Volksparteien bedeutet im politischen Geschehen, dass Welten die Verhältnisse im Bund und in der Oberhausener Kommunalpolitik trennen.
Wie ist dies möglich? Vor allem, wie sind diese Unterschiede in den politischen Kulturen zu erklären?
Und zugleich: Wie konnte es angesichts jener zuvor tief verankerten politischen Kultur zur Wahl von Oberbürgermeister Daniel Schranz kommen?
Auf diese Frage soll nachfolgend eine Antwort gegeben werden.
Doch zu allererst sind einige grundsätzliche Vorbemerkungen nötig, die keineswegs nur Selbstverständlichkeiten beinhalten: Der Autor benennt gleich hier als die Grundlagen seiner Darstellung, dass erstens eine rationale Erklärung für das Phänomen einer vom Bund stark abweichenden lokalen - wie regionalen - politischen Kultur in Oberhausen - und in weiten Teilen des Ruhrgebietes - gefunden werden kann. Zweitens fußt diese Erklärung auf langfristigen Bindungen der Wählerschaft an politische Parteien. Drittens basieren jene Bindungen auf tiefgreifenden strukturellen Einflüssen, die sowohl aus der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung der Stadt als auch aus der mit dieser Entwicklung verknüpften Ausgestaltung der kommunalen Öffentlichkeit hervorgehen. Viertens sind es damit weniger Zufälligkeiten oder die Einflüsse einzelner bedeutender Persönlichkeiten - deren Gewicht im Weiteren nicht geleugnet werden soll - als vielmehr die tiefen Furchen der Strukturgeschichte, ohne welche die kommunale Gegenwart Oberhausens – um so mehr die Stadtgeschichte bis zum Jahr 2014 - nicht erklärt, kaum verstanden werden kann. Und da aus all dem wesentliche Orientierungshilfen für das Verständnis der Zukunftsoptionen erwachsen, soll nunmehr der Versuch unternommen werden, das Werden der politischen Kultur Oberhausens „in the long run“ nachzuzeichnen. Dabei werden zwangsläufig Vereinfachungen vorgenommen werden müssen, um dieses Projekt nicht zu einem Mammutvorhaben werden zu lassen. Deshalb lesen Sie das Folgende bitte als Essay - und nicht als unzulängliche Kurzfassung einer politik- oder geschichtswissenschaftlichen Dissertation. Wem der Geist danach steht, dieses später einmal nachzuholen, dem wünscht der Autor viele neue Erkenntnisse oder Fehlerkorrekturen im Detail, schon aus Überzeugung von der Tragfähigkeit der eigenen Forschungsergebnisse jedoch möglichst wenige Korrekturen grundlegender Art.
Nebenbemerkung:
Aus Gründen der Lesbarkeit wird nachfolgend auf die durchgängige Verwendung der weiblichen und der männlichen Substantivform verzichtet. Das bedeutet keineswegs eine Geringschätzung des Anliegens und der Werte von Gender Mainstreaming. Diese Grundhaltung mögen die Leserin und der Leser auch an der häufigen Verwendung androgyner Substantive – wie Menschen, Beschäftigte, Bürgerschaft – erkennen.
Preußen und das Kaiserreich1
Oberhausen ist 2012 150 Jahre alt geworden. Somit beginnt die Geschichte der Kommunalpolitik 1862 mit der Gründung der Bürgermeisterei Oberhausen. Doch um zu verstehen,wie der Start der Gemeindeverordneten in ihre Arbeit verlief, richtet sich unser Blick auf die fünf Jahre zuvor, in welchen die Industrie und wenige vorausschauende Grundbesitzer auf der einen, die Mehrzahl der Bauern und Adeligen auf der anderen Seite heftig um ein Novum der Verwaltungsgeschichte stritten: um die Bildung einer Gemeinde, deren Wurzeln, deren Lebenskraft allein aus ihrer Industrie erwachsen sollten. Indem sich die Befürworter der neuen Gemeinde durchzusetzen vermochten, war zugleich über die zukünftige Zusammensetzung der Oberhausener Gemeindeverordnetenversammlung entschieden. Unter den Bedingungen des preußischen Dreiklassenwahlrechtes, das den politischen Einfluss der Bürger an ihrer Steuerkraft maß, waren die Folgen der Gemeindegründung für die drei maßgeblichen gesellschaftlichen Gruppen klar:
Abb. 1: Rathaus Oberhausen, erbaut 1873
Die Arbeiterschaft würde im Wesentlichen überhaupt kein Wahlrecht erlangen, da ihre Löhne unterhalb der Pflicht zur Zahlung der Klassensteuer - einer Besteuerung des Gesamteinkommens aus Erwerbsarbeit - lagen. Das zahlenmäßig sehr kleine industrielle Großbürgertum - bis um 1900 kaum mehr als 100 Haushaltsvorstände - würde die politische Arbeit vor Ort beherrschen, weil es über Jahrzehnte die Mehrheit der Gemeinde-, später der Stadtverordneten stellen oder in wirtschaftlicher Abhängigkeit halten sollte. Dazu trug maßgeblich bei, dass bei der Vergabe von Stadtverordnetenmandaten nach dem Dreiklassenwahlrecht nicht allein die Steuerleistung natürlicher Personen, sondern auch dieselbe von Kapitalgesellschaften als Klassensteuer entrichtende juristische Personen Berücksichtigung fanden. Das niedere und mittlere Bürgertum der Handwerker, Händler, Angestellten und der akademisch gebildeten Freiberufler würde die Minderheit der frühen Kommunalpolitiker stellen und versuchen, über die Bereitschaft zur Kooperation mit der Industrie Einfluss im Sinne von Mitgestaltung zu gewinnen. Dieser Grundlage politischer Kultur in Oberhausen während des guten ersten halben Jahrhunderts der Stadtgeschichte, bis 1919mit der Weimarer Demokratie das gleiche Wahlrecht Einzug hielt, entsprachen die zeitgenössischen Begrifflichkeiten: Die „Hüttenfraktion“ bestimmte oder verhinderte, was ihr zu kostspielig erschien. Die „Bürgerfraktion“ tat sich mit konstruktiven Vorschlägen, vorrangig zur Entwicklung der Innenstadt, technischer Infrastruktur oder des Bildungswesens hervor.
Parteipolitisch bedeuteten diese Gruppenzuordnungen zwar nicht immer, aber überwiegend: Hüttenfraktion gleich Nationalliberal, Bürgerfraktion seit 1880 immer mehr katholisches Zentrum. Sozialdemokraten gelang wegen des Wahlrechts der Sprung in den Stadtrat bis 1918 nicht. Dennoch saßen dort ab 1900 einige handverlesene Arbeiter, die als Mitglieder der gut bezahlten Arbeiterelite und als Katholiken über das Zentrum, als Protestanten über die Nationalliberalen in den Rat einzogen. Für uns Menschen des 21. Jahrhunderts nahezu unbegreiflich mutet der Stellenwert an, den die Konfessionszugehörigkeit im politischen Leben einnahm. Das lag daran, dass die beiden christlichen Konfessionen markant unterscheidbare soziale Milieus bildeten, deren Mitglieder dadurch wiederum stark unterschiedliche Sichtweisen auf die Gesellschaft und demnach auch verschiedene Interessen in ihr herausbildeten.
Abb.2: Tabelle: Berufsstruktur der Stadtverordneten
* Darunter drei Mitglieder der Kreisamtsleitung der NSdAP.
** An Stelle von Berufsbezeichnungen sind nur Parteifunktionen, so stellvertretende Kreisleiter und SA-Offiziersränge, angegeben.
*** Standartenführer der SS
Zitiert nach Dellwig 1996, S. 725, Anlage 24. Quellen: Reif: Die verspätete Stadt, Tabelle 44, S. 514; StdA OB: VB 1934, 1938; GA vom 18. November 1929
Die katholische Bevölkerungsmehrheit von knapp zwei Dritteln der Oberhausenerinnen und Oberhausener bestand aus den wenigen Ortsansässigen und aus denjenigen Zuwanderern, deren Heimat vornehmlich Rheinland und Westfalen sowie Schlesien waren. Die katholische, meist ländliche Zuzugsbevölkerung bildete das Gros der Arbeiterschaft, gerade im Bergbau, der Handwerker und Händler. Der protestantischen Bevölkerungsminderheit dagegen gehörte die weit überwiegende Mehrheit des Großbürgertums an. Fast alle großindustriellen Manager sowie viele mittlere Eigentümerunternehmer waren evangelisch. Sodann war eine Mehrheit der Angestellten sowie der Facharbeiterschaft, gerade in den Metallindustrien, evangelisch. Und nicht zuletzt kamen seit 1890 zahlreiche Zuwanderer in den Bergbau aus den deutschen Ostprovinzen zwischen Elbe und Memel, die bis auf Schlesien fast ausschließlich protestantischer Konfession waren. So kam es, dass sich wichtige politische Grundüberzeugungen mit der Konfessionszugehörigkeit verbanden. Evangelisch bedeutete vornehmlich national-konservativ, preußisch-patriotisch, großbürgerlich oder am bürgerlichen Lebensstil orientierte Stammarbeiterschaften mit hohen Anteilen verheirateter Facharbeiter und angestellter Führungskräfte.
Abb. 3: Stadtverordnete im Ratssaal, Mai 1930
Evangelisch konnte im Gegensatz zu diesen Bevölkerungsgruppen aber auch bedeuten: Man zählte zu der Mehrzahl derjenigen Menschen, die jung, ledig, örtlich extrem mobil und damit auch mental nicht an den Wohnort gebunden waren, und sich ferner der sozialistischen Arbeiterschaft, der SPD und den Gewerkschaften gegenüber aufgeschlossen zeigten. Diese große Gruppe der Oberhausener spielte jedoch bis 1919 für die Kommunalpolitik keine Rolle, da ihr mit Einkommen von unter 900 Reichsmark jährlich das Wahlrecht versagt blieb. Welche quantitative Bedeutung der sozialistischen Arbeiterschaft zukam, zeigte sich im westlichen Ruhrgebiet erstmals 1878, als der Kandidat der SPD im Wahlkreis Duisburg, zu dem auch Oberhausen zahlte, überraschend das Direktmandat errang. – Der davon ausgehende Schock für das staatstragende Bürgertum war so gewaltig, dass für alle weiteren Reichstagswahlen des Kaiserreiches bei Bedarf Wahlbündnisse zwischen Nationalliberalen und Zentrum zustande kamen und tatsächlich erfolgreich einen erneuten sozialdemokratischen Sieg vor Ort verhinderten. Dessen ungeachtet stieg die SPD mit 31 % der Stimmen bei der Reichstagswahl 1912 in der nationalen Politik zur stärksten Fraktion auf. Das gesellschaftliche Milieu der sozialistischen Arbeiterschaft befand sich im Kaiserreich noch in einer besonderen Situation, die in der Kommunalpolitik sehr augenfällig wurde: Eine Integration in die Gesellschaft, eine Akzeptanz als Gesprächspartner durch das Bürgertum fanden nicht statt. So entstanden Arbeitervereine, Gewerkschaften, sogar Parteischulen und insgesamt ein Klassenbewusstsein, das sich durch Abgrenzung vom Rest der Gesellschaft und zugleich durch die Überzeugung auszeichnete, die eigentliche Gesellschaft, nämlich deren Mehrheit zu sein. – Erst die soziale Integration in die pluralistische Gesellschaft der Bundesrepublik machte den Weg frei für Godesberg 1959, für die Öffnung von der klassenbewussten Arbeiterpartei zur gesellschaftspolitisch fortschrittlichen, dabei pluralistischen statt ideologisch orientierten Volkspartei.
Abb. 4: Marktstraße, um 1900
Katholisch bedeutete oft gläubig und „ultramontan“, also im Zeitalter des Nationalismus wurde dieser zugunsten des internationalen Katholizismus und zugunsten der regionalen rheinischen oder westfälischen Identität relativiert. Katholisch waren zugleich viele Bergarbeiterfamilien und ledige Bergarbeiter, auf die der von der Amtskirche geprägte Lebenszusammenhang aus Kirchgang, Traditionen, katholischem Vereinswesen, katholischer Zentrumspartei und katholischen Gewerkschaften einen stärkeren Einfluss ausübte als auf das vergleichbare Milieu der Protestanten. Das vielfach in sich abgeschlossene „soziale Milieu“ des Katholizismus erleichterte es dem Zentrum, einen hohen Anteil von zeitweise über 70 % der Katholiken als Wählerinnen und Wähler an sich zu binden. So begünstigte das soziale Milieu des Katholizismus, mitsamt seinen Abgrenzungsbedürfnissen gegenüber dem evangelischen Staat und der evangelischen Elite in der Gesellschaft, zugleich einen im öffentlich-politischen Leben alltäglich erlebbaren konfessionellen Gegensatz, der seinerseits die politische Polarisierung im Kaiserreich förderte.
Abb. 5: Tabelle: Dreiklassen-Wahlrecht in Oberhausen 1874 - 1912, zur Stadtverordnetenversammlung 1874 bis 1912
* Ohne die 1910 eingemeindeten Gebiete.
Quelle: Reif: Die verspätete Stadt, Tabelle 46, S. 515. Zur Anzahl der Personen in den Einkommensteuerklassen über 3000 und über 6500 Mark ebd. Tabelle 45, zur Wahlbeteiligung ebd. Tabelle 47. Zitiert nach Dellwig 1996, S. 726, Anlage 25.
Nachhaltigen Einfluss auf die im Gemeinde- und später seit 1874 im Stadtrat diskutierten Themen, geschweige denn auf die Beschlussfassungen, erhielten die wenigen Vertreter der Bevölkerungsmehrheit aus der Arbeiterschaft im Rat der Stadt nicht. Umgekehrt jedoch wirkte, oder besser funktionierte die Integration in das politische Leben der Stadt. Die sesshafte und zunehmend lokalpatriotische Arbeiterschaft unterstützte jenen Konsens zwischen Hütten- und Bürgerfraktion, der etwa seit 1895 im Interesse der übergeordneten Stadtentwicklung gefunden worden war, als die kommunale Mehrheit der Industrie gegenüber den anwachsenden Stadtbürgern merklich dünner wurde: Um Oberhausen zur Großstadt mit Lebensqualität, und das hieß mit Infrastrukturen und einer attraktiven City zu entwickeln, einigte man sich auf kostspielige Investitionen, an deren Spitze die erste kommunale Straßenbahngründung in einer deutschen Stadt überhaupt im Jahr 1894 stand. Möglich wurde dies durch die Übereinstimmung der Interessen: Die oft selbstständigen Bürger aus Handel und freien Berufen wünschten das Wachstum der Innenstadt als Dienstleistungszentrale der Stadt; die Großindustrie dagegen brauchte immer mehr Beschäftigte - vor allem qualifizierte Angestellte, Meister, Führungskräfte - die nicht mehr nur in fußläufiger Distanz zu den Werkstoren wohnen konnten. Beidem diente die Straßenbahn! Die Verständigung des Oberhausener Bürgertums auf jenes Stadtentwicklungskonzept steigerte fortan die Kompromissbereitschaft und die Konsensorientierung von Nationalliberalen wie Zentrum, von Hütten-wie Bürgerfraktion auf vielen Feldern kommunaler Politik von Steuern über Bildung bis zum Verkehr und zu den Bauaktivitäten.
Abb. 6: Triebwagen Oberhausener Straßenbahn, um 1900
Weimarer Republik 2
Im November 1918 war für das Deutsche Reich der Erste Weltkrieg verloren, der Kaiser dankte ab, die parlamentarische Republik wurde ausgerufen. 1919 folgten in Oberhausen die ersten Kommunalwahlen nach dem gleichen Wahlrecht, und nun auch für Mann und Frau! Wahlrecht und Novemberrevolution von 1918 bewirkten eine völlig veränderte Zusammensetzung der Oberhausener Stadtverordnetenversammlung. Das katholische Zentrum, bislang zweitstärkste Fraktion nach den konservativ-protestantisch-bürgerlichen Nationalliberalen, stieg über die gesamte Geschichte der Weimarer Republik zur stärksten Kraft vor Ort auf und erreichte meist um 32 bis 35 %, in der Spitze 37 % der Stimmen. Ursache dieser Vorrangstellung des Zentrums während der Jahre der ersten deutschen Republik waren nicht allein die große, Identität stiftende Bedeutung des konfessionellen Gegensatzes in Kaiserreich und Republik in Verbindung mit einem gut 60-prozentigen Bevölkerungsanteil der Katholiken. Als ebenso bedeutsam erwies sich der „moderne“ Charakter des Zentrums als erster Volkspartei der deutschen Geschichte: Arbeiter und Bürgertum, Frauen noch zahlreicher als Männer gaben ihre Stimme jener Partei, die insbesondere im Rheinland vieler Orts dominierte. Der Kulturkampf Bismarcks gegen die Ansprüche der katholischen Bevölkerung auf Autonomie in Kultur und Bildung während der 1870er Jahre zeigte lange währende Folgen für das Zusammengehörigkeitsgefühl der Katholiken im mehrheitlich protestantischen Preußen. Spiegelbild dieser Sonderstellung des Zentrums im Parteienspektrum war schließlich die Zersplitterung der Parteienlandschaft in den beiden weiteren großen gesellschaftlich-politischen Milieus: der sozialistisch orientierten Arbeiterschaft einerseits, dem national-konservativen protestantischen Bürgertum andererseits.
Abb. 7: Wallfahrt der Sterkrader Katholiken nach Kevelaer 1928
Schon anders als bei der Wahl zur in Weimar tagenden, Verfassung gebenden Nationalversammlung am 19. Januar 1919, als die Mehrheits-SPD in Oberhausen noch 35 % der Wählerstimmen errang und damit nur 2 % hinter dem Zentrum zurückblieb, fielen die Zustimmungswerte der SPD bereits bei der Kommunalwahl am 2. März 1919 auf 22,3 % zurück. Im Gegenzug errangen die jetzt erstmals kandidierenden Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) einen Wähleranteil von 6,6 %, der sich 1920 noch erhöhte. - Diese Konstellation der parteipolitischen Zersplitterung in der sozialistischen Arbeiterschaft sollte für die Folgejahre der Republik das Verhältnis von SPD und der 1924 die Nachfolge der USPD antretenden KPD bestimmen. Abgrenzung erlangte dabei gegenüber Kooperation den Vorrang. Das gesamte sozialistische Lager behauptete in Oberhausen von 1919 bis 1932 einen Stimmenanteil von rund 35 %.
Abb. 8: Tabelle: Stadtverordnetenwahlen 2.März 1919 in Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld
Abb. 9: Tabelle: Stadtverordnetenwahlen 4. Mai 1924 in Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld
Die Ursachen dieser dramatischen Verschiebungen im ersten Nachkriegsjahr bildeten – neben einer bei der Wahl zur Nationalversammlung wahrscheinlich höheren Wahlbeteiligung mit entsprechend positiven Mobilisierungseffekten für die SPD - die für die sozialistische Arbeiterschaft vielfach enttäuschenden Erfahrungen der Revolution:
- keine Verstaatlichung der Schwerindustrien, insbesondere des Bergbaus,
- kein Zurückdrängen der immer noch monarchisch gesinnten alten Eliten in Bürokratie, Militär und Wirtschaft,
- außer der Einführung des Acht-Stunden-Tages hinter den Erwartungen zurückbleibende Reformen der Betriebsverfassung, die sich insbesondere auf die Stärkung der im Krieg neu geschaffenen Betriebsräte oder –ausschüsse richteten.
Und dann folgte im März 1920 das schockierende Erlebnis, dass die Reichswehr - auf Befehl des sozialdemokratischen Kriegsministers Noske und gemeinsam mit meist nationalistischen Freikorps - Befehl und Freibrief zur Niederschlagung des von der Roten Ruhr-Armee geführten Ruhrkampfes erhielt. Dabei stellte dieser zu Beginn doch vornehmlich das solidarische Handeln der sozialistischen Arbeiterschaft zur Niederschlagung des verfassungsfeindlichen Kapp-Putsches nationalistischer Militärs in Berlin und München dar. Diese Entwicklungen wirkten sich dramatisch bei den Reichstagswahlen vom 6. Juni 1920 aus, als 16,9 % Stimmen für die SPD nun 10,5 % für die USPD und 10,9 % für die KPD gegenüberstanden.
Viele Ernüchterungen über die begrenzte Durchsetzungsfähigkeit der unzweifelhaft demokratischen Parteien - Zentrum, SPD und liberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) - gegenüber Deutscher Volkspartei (DVP) und Deutschnationaler Volkspartei (DNVP) - Nachfolgeparteien der Nationalliberalen und der Konservativen aus dem Kaiserreich, und damit zugleich gegenüber Großindustrie, ostelbischer Großlandwirtschaft, Justiz und Beamtenapparat folgten von 1920 bis 1932. Das alles bewirkte allmählich ein Absinken der Wahlergebnisse der SPD von 22,3 % im Jahr 1919 auf noch 12% vor Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929, indes lediglich noch 10,2 % am Ende der Republik im November 1932. Die KPD dagegen –mit weniger Einfluss in den Betriebsräten und Betrieben, während der Weltwirtschaftskrise seit 1930 oft gewählt von Arbeitslosen und jungen Arbeitern– profitierte von der nicht auf Sozialpartnerschaft, sondern von der auf den „Herr-im-Hause“-Standpunkt ausgerichteten Haltung der alten Eliten, vor allem solcher Großindustrieller wie des Oberhausener Vorstandsvorsitzenden der Gutehoffnungshütte Paul Reusch. Dieser war von 1924 bis 1930 als Vorsitzender der „Nordwestdeutschen Gruppe im Verband der Eisen- und Stahlindustrie“ für die einen Galionsfigur, für die anderen personifiziertes Feindbild während zahlreicher klassenkämpfersicher Auseinandersetzungen. So stieg die KPD in den Weimarer Jahren mit Werten zwischen 11 % der Stimmen 1929 und 19 % im Jahr 1924 % zur zweitstärksten politischen Kraft in Oberhausen auf. Dann sollte sie jedoch schon bei den Septemberwahlen 1930 zum Reichstag von der NSDAP auf den dritten Platz verwiesen werden.
Abb. 10: Tabelle: Ergebnisse der Kommunalwahl vom 17.11.1929 in Oberhausen
Der Aufstieg der Nationalsozialisten im Zeitraum von 1928 bis 1933 beruhte im Deutschen Reich, erfolgreicher noch als in Oberhausen, auf der oft vulgär-populistisch vorgetragenen Fähigkeit ihrer prominenten Spitzenpolitiker, zum Sammelbecken für viele enttäuschte, der Demokratie zunehmend entfremdete und ihr feindlich gegenüberstehende Menschen aus Bürgertum und auch Arbeiterschaft zu werden. So gelang den Nationalsozialisten die Entwicklung zur zweiten Volkspartei, die weniger mit der Sündenbock-Parole vom Antisemitismus bei den Massen Erfolg erzielte, als vielmehr mit der etwas diffusen, gleichwohl unter den Zeitgenossen äußerst populären Losung von der „Volksgemeinschaft“. Diese nämlich sollte, anders als durch den sozialistischen Klassenkampf, durch die Verständigung aller sozialen Gruppen auf ein oft national interpretiertes Gemeinwohl zur Befriedung der stark polarisierten und krisengeschüttelten Weimarer Gesellschaft führen.
Die Wahlerfolge der NSDAP in Oberhausen während der Weltwirtschaftskrise, beginnend mit 20,5% bei den Reichstagswahlen im Jahr 1930, trugen der Partei im Juli 1932 den Spitzenwert von 25,5 % der Stimmen ein. Darin vollzog sich die von den Zeitgenossen oft als solche bezeichnete „Sammlung“ der bürgerlich-nationalen Bevölkerungsgruppen in einer Partei, die Populismus mit der Brutalität des Straßenkampfes insbesondere gegen die KPD verband. Folge dessen war die völlige Marginalisierung der national-konservativen DNVP und DVP mit zusammen nur noch 7,1 % - Parteien, die in den 1920er Jahren zusammen 15 bis 25 % der Oberhausener Wählerrinnen und Wähler von sich hatten überzeugen können.
Abb. 11: Tabelle: Ergebnis der Reichstagswahl vom 31.07.1932 in Oberhausen
Es wäre trotz aller Faszination auf viele demokratisch nicht gefestigte Menschen, trotz aller Dreistigkeit bei der Verknüpfung von populären Themen mit demagogischen Schuldzuweisungen, welche die NSDAP kennzeichneten, verfehlt, ihren Erfolg alleine auf diese Alleinstellungsmerkmale in der deutschen Parteienlandschaft zurückzuführen. Hinzu kamen die gravierenden Fehler und Versäumnisse der übrigen politischen Kräfte, von denen ohne Anspruch auf Gewichtung und Vollständigkeit nur einige wesentliche benannt sein sollen: Die demokratischen Parteien der so genannten Weimarer Koalition - Zentrum, SPD, DDP - vertrauten sich nicht vorbehaltlos, um damit allen übrigen politischen Kräften zu signalisieren, dass Regierungsbildungen nur mit ihnen gemeinsam, nicht aber auch mit einzelnen von ihnen möglich seien. Die alten Eliten des Kaiserreiches - ostelbische Junker, Großindustrielle von der Ruhr, hohe Beamte und Militärs - wurden über die 13 Jahre von Weimar von überzeugten Monarchisten nicht nur keine überzeugten Demokraten. - Das wäre für viele von ihnen sehr viel verlangt gewesen. Unverantwortlicher für die politische und soziale Stabilität Deutschlands war jedoch, dass sie oftmals nicht einmal zu Vernunft-Republikanern wurden, die den neuen Staat unterstützt hätten, anstatt ihn zu bekämpfen und auf seine Ablösung durch eine autoritäre, vom Reichspräsidenten eingesetzte Regierung zu hoffen. Weil dies so war, fiel es den Nicht-Demokraten um Reichspräsident Hindenburg so leicht, schon 1930 eine Regierung ohne Parlamentsmehrheit um den Zentrumspolitiker Heinrich Brüning zu bilden und zu stützen, und die Demokratie damit bereits vor der Machtübertragung an Hitler auszuhöhlen. - In Oberhausen wurde Mangel an staatstragendem Vernunft-Republikanismus 1928 offenkundig, als unbeschadet einer demokratischen Mehrheit im Stadtrat Paul Reusch als Initiator der großen Aussperrung des „Ruhreisenstreites“ auftrat. Ziel der Arbeitgeber an der Ruhr war es, die staatliche Schlichtung von Arbeitskämpfen, eine zentrale Errungenschaft der Weimarer Republik und der sie tragenden Parteien Zentrum und SPD, grundlegend zu schwächen.
Was unterschied die politische Kultur Oberhausens von derjenigen des Deutschen Reiches, als die Weimarer Republik 1932/33 unterging? In Zahlen ausgedrückt, bleib die NS-DAP mit 25,5 % in Oberhausen fast 12 % und damit sehr deutlich hinter dem nationalen Ergebnis der Reichstagswahlen vom Juli 1932 mit 37,3 % zurück. Zugleich behauptete sich, wie bereits erwähnt, das Zentrum als stärkste politische Kraft in Oberhausen. Doch sehr vergleichbar mit der reichsweiten Entwicklung stärkten die Krisenerscheinungen mit der KPD eine weitere Partei, die mit der parlamentarischen Demokratie zugleich berechenbare Koalitionen ablehnte. Ebenfalls mit den reichsweiten Entwicklungen vergleichbar waren nicht nur der Bedeutungsverlust, sondern zum Teil sogar die Marginalisierung von Parteien, die 1919 noch von der Mehrheit der Bevölkerung gewählt worden waren: SPD, DDP und die national-konservativen Parteien DNVP und DVP. - Zusammen errangen diese Kräfte im Juli 1932 in Oberhausen lediglich noch 17,3 % der Stimmen. Mit anderen Worten: Von 1930 bis 1932 gingen der Republik auch in Oberhausen die Demokraten als Bevölkerungsmehrheit verloren. Lediglich das Zentrum behauptete sich beinahe ungeschmälert. Wie im Reich fanden die Demokraten zudem nicht zu einem entschlossenen gemeinsamen Handeln, um den Gefahren bestmöglich zu begegnen. Dies alles vollzog sich in einer Stadt, die zu 70 % aus Arbeitern und ihren Familien bestand, die zu 60 % aus Katholikinnen und Katholiken bestand. - Anders als zur Zeit des optimistischen Aufbruchs in eine demokratische Gesellschaft 1919 hatte die Weimarer Republik ihren Gegnern seit 1932 auch in Oberhausen keine starke Gegenwehr mehr entgegen zu setzen.
Und welche Auswirkungen hatten die politischen Kräfteverhältnisse sowie ihre deutlichen Verschiebungen im Verlaufe von 13 Jahren auf die beherrschenden Herausforderungen der Kommunalpolitik selbst? Die seit 1895 als Konsensmodell von Industrie- wie Citybürgertum, von Protestanten wie Katholiken geschmiedete Allianz zur Umsetzung der Oberhausener Stadtentwicklungskonzeption behauptete eine beeindruckende Kontinuität und Schlagkraft über alle sonstigen parteipolitischen Gegensätze hinweg: Ob bei den Investitionsentscheidungen in repräsentative öffentliche Gebäude am heutigen Friedensplatz, für das Stadion Niederrhein oder für das neue Rathaus, ob im konservativen und liberalen Bürgertum von DNVP, DVP bis zur DDP, ob beim Zentrum oder der SPD, die Oberhausener Wählerinnen und Wähler befürworteten eine Kommunalpolitik zur Stärkung der Infrastrukturen in Verkehr, haustechnische Ver- und Entsorgung oder in Bildung, vor allem aber zur Sicherung der kommunalen Existenz, die seit Sommer 1928 im großen Show-Down der kommunalen Neuordnung des Ruhrgebiets zwischen 1926 und 1929 akut gefährdet schien. Die inzwischen überwiegend sesshaften, ortsverbundenen und ein wenig lokalpatriotischen Bürger wie Arbeiter der Stadt folgten jener Zielsetzung, die eine kleine Elite von Kommunalpolitikern und Stadtbürgern, bestehend aus 200 bis 300 Personen, um 1900 entwickelt und tatkräftig umgesetzt hatte:
In den Worten des von 1906 bis 1929 amtierenden Oberbürgermeisters Berthold Otto Havenstein hieß dies der „Ausbau der Stadt im Großen“, was nicht weniger bedeutete als die Etablierung Oberhausens als Kommune des gesamten GHH-Wirtschaftsraumes einschließlich Sterkrades und Osterfelds, als Großstadt mit urbaner City, attraktiven Wohnquartieren und Arbeitsplätzen für ein wachsendes Bürgertum der kleinen und mittleren Angestellten und Beamten, aber ebenso für die Stammbelegschaften der Großunternehmen der Montanindustrien mit der GHH und der Zeche Concordia an der Spitze. - Begünstigt wurden Kontinuität wie Breite der Zustimmung zur Oberhausener Stadtentwicklungsvision von einem starken Zentrum, das als kommunal wichtigste Partei der Weimarer Republik zugleich die Partei der Stabilität bei wichtigen Zielen vom Kaiserreich in die Republik hinein darstellte. Dem folgten die SPD ebenso wie die bürgerlichen Parteien DDP, DVP und DNVP zumeist, und aus Überzeugung.
Abb. 12: Rathaus Oberhausen, erbaut 1927 – 1930 mit Anbau, erbaut um 1955, davor Anbau zum alten Rathaus, erbaut 1924 (nach Kriegszerstörungen abgebrochen)
Nationalsozialismus3
Kommunalpolitik in Oberhausen während der nationalsozialistischen Diktatur bedarf unter dem Gesichtspunkt der Geschichte demokratischer politischer Kultur kaum einer Erwähnung. - So mag man meinen. Und doch gibt es einige wenige Aspekte, die für die Wirkungsgeschichte der kommunalen Gesellschaft vor Ort von Bedeutung sind und daher kurz beschrieben werden sollen.
Es dauerte nur etwa ein halbes Jahr, bis die „Eroberung“ der Macht, bis die Gleichschaltung von Politik und Gesellschaft in Oberhausen weitgehend als abgeschlossen gelten dürfen. Die oft brutal ausgeübte „Macht der Straße“, wie sie die SA als Massenorganisation innerhalb der NSDAP schon seit 1930 praktiziert hatte und dann 1933 sogar ins Rathaus hineintrug, um Druck auf Sitzungen auszuüben oder schlimmer, Ratsmitgliedern den Zugang zu verweigern, schloss die KPD seit dem Februar von der Kommunalpolitik aus. Bis zum Juli 1933 folgten alle übrigen Parteien, die auf gesamtstaatlicher Ebene und auf den dort herrschenden Druck hin sowie im Nachgang zum Ermächtigungsgesetz, dem im Reichstag nach dem Verbot der KPD nur noch die Sozialdemokraten widersprachen, allesamt die Selbstauflösung beschlossen oder verboten wurden. Fortan waren die staatlichen Institutionen der demokratischen Willensbildung – Stadträte und Parlamente – nur noch formale Hüllen, in denen die NS-Machthaber für die Öffentlichkeit Akklamationen von vermeintlich demokratisch legitimierter Zustimmung zu ihrer Politik organisierten.
Vor Ort war besser noch als in der großen Politik öffentlich sichtbar, dass wichtige gesellschaftliche Gruppen die neue autoritäre, nationalistische Regierung - und damit das Ende der Demokratie – mehrheitlich begrüßten. Diese waren das industrielle Großbürgertum, der alte wie der neue Mittelstand aus Selbstständigen, Beamten und Angestellten sowie viele Gruppierungen innerhalb der evangelischen Kirche. Demgegenüber resignierte die zentrumsnahe katholische Mehrheit der Stadtbevölkerung, als der Vorsitzende der Oberhausener Zentrumspartei, Polizeipräsident Wilhelm Weyer, demonstrativ nach der Reichstagswahl vom März 1933 abgesetzt wurde, nachdem er im Februar Nationalsozialisten die Einsicht in Polizeiakten verweigert hatte, und zeitgleich die katholische Amtskirche statt zur Opposition zur Kooperation mit der neuen Regierung aufrief. In Oberhausen mit seiner starken katholischen Arbeiterbewegung erfuhr diese Kirchenpolitik auch Widerspruch, der sich in Widerstandshandlungen niederschlug. Doch die kritische Haltung vieler Zentrumspolitiker und -mitglieder verflüchtigte sich angesichts der Entwicklungen in der großen Politik in Ratlosigkeit. Wenngleich es die Partei Zentrum seit Juli 1933 nicht mehr gab, blieben Ansätze von Rücksichtnahme der Nationalsozialisten auf die katholische Bevölkerungsmehrheit erkennbar: Prominente Vertreter des katholischen Bürgertums wurden als Mitglieder der NSDAP später in den Stadtrat oder in Funktionen bei NS-Parteigliederungen berufen. Bis in den Krieg hinein blieb der politische Druck auf den Klerus maßvoll, so dass davon der weitere Zusammenhalt des katholischen Milieus in Oberhausen über 12 Jahre NS-Diktatur hinweg begünstigt wurde.
Abb. 13: Repression der Nationalsozialisten gegen städtische Angestellte in Sterkrade 1933
Ganz anders verhielt es sich indes mit dem in SPD und KPD stark zerstrittenen sozialistischen Milieu. Von beiden Gruppen wurden eindrucksvolle Handlungen und Haltungen des Widerstandes gegen die NS-Machthaber gezeigt. Entsprechend traf diese Personen die volle Härte der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Widerstandskämpfer und Kommunalpolitiker, bis zum vormaligen preußischen Landtagsabgeordneten und SPD-Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat Hermann Albertz, kamen bis 1945 in Konzentrationslagern ums Leben. Das wiederum hatte Folgen für die Bedingungen, unter denen SPD und KPD nach 1945 ihre politische Arbeit erneut aufnehmen konnten.
Zuletzt lohnt ein Blick auf die große Bevölkerungsgruppe des protestantischen Bürgertums und der national statt sozialistisch orientierten, protestantischen Arbeiterschaft. Diese Bevölkerungsgruppen, etwa 30 % der Oberhausener Stadtbevölkerung, bildeten die überwiegende Anhängerschaft und Wählerschaft der NSDAP, die es geschickt verstand, mit kämpferisch formulierten Losungen aus der Frühzeit der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert viele Menschen anzusprechen. Die führenden Repräsentanten des protestantischen Bürgertums, wie Teile des Klerus und die wichtigsten Manager der Großindustrie, arrangierten sich entweder vom Frühjahr 1933 an mit den neuen politischen Verhältnissen oder aber wirkten direkt in den neuen politischen Strukturen mit. So wurde auch Hermann Kellermann, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Gutehoffnungshütte, die mit rund 25.000 Beschäftigten am Ort das beherrschende Unternehmen darstellte, nach der Niederlegung seines DVP-Ratsmandates 1930 dann 1935 erneut Stadtverordneter in Oberhausen, ohne dass Kellermann jedoch der NSDAP angehörte. Für die Nachkriegszeit hatte das fast durchgängige Arrangieren, Mitmachen, Schweigen oder Tolerieren zu Gunsten der NS-Diktatur seitens des evangelischen Milieus tief greifende Konsequenzen für die politische Kultur seit 1945. In seinem inneren Zusammenhalt ohnehin vielschichtiger als das katholische Milieu verlor das stark nationalistisch und staatlich-obrigkeitlich geprägte evangelische Bürgertum mit der katastrophalen, verbrecherisch- gewaltsamen Selbstzerstörung des großdeutschen Nationalstaates durch die NS-Diktatur jede realistische Aussicht auf die Bildung einer bedeutenden Volkspartei, die unter den Bedingungen der Bundesrepublik hätte Politik mit gestalten können. Lediglich die politische Programmatik der FDP wies bis zu Beginn der 1960er Jahre manche Anknüpfungspunkte an das protestantisch-nationale Bürgertum der Vorzeiten auf, ohne jedoch jemals nennenswert über 10 % der Wählerstimmen hinaus zu gelangen. So blieb es CDU und SPD vorbehalten, zu den großen demokratischen Volksparteien der Bundesrepublik aufzusteigen.
Abb. 14: Aufmarsch der NSDAP in Oberhausen
Bundesrepublik Deutschland4
Den Rahmen dieser Betrachtung würde es erheblich sprengen, eine kontinuierliche Geschichte der Wahlergebnisse und ihrer Ursachen über ein Zweidrittel-Jahrhundert Nachkriegszeit zu erzählen. Deshalb lautet der Anspruch, die großen Linien nachzuzeichnen, welche die Veränderung der kommunalen Mehrheitsverhältnisse und der politischen Kultur vor Ort in Oberhausen prägten. Es erscheint gerade deshalb legitim, sich auf diese großen Linien zu konzentrieren, weil jene Veränderungen sehr tief greifend verliefen und die Gegenwart von Kommunalpolitik in Oberhausen in mancher Hinsicht, auch in Bezug auf die letzten Wahlergebnisse, bis heute prägen.
Dem Neubeginn des parteipolitischen Lebens ging in Oberhausen wie im gesamten Ruhrgebiet seit Jahresbeginn 1946 die erneute Gründung von Gewerkschaften voraus. Diese bildeten die erste Gegenmacht gegen die alten Eliten in den Großunternehmen. Aus der konstruktiven Überwindung der Klassengegensätze von Kaiserreich und Weimarer Republik – und in pluralistischer Fortentwicklung des Ideals der Volksgemeinschaft aus Weimarer Republik wie Drittem Reich – erwuchs bis ende der 1950er Jahre die Sozialpartnerschaft im Arbeitsleben. Sie wurde das zentrale Wesens- und Erfolgsmerkmal des „rheinischen Kapitalismus“, der kontinentaleuropäisch-deutschen Alternative zum angloamerikanischen Wirtschaftsmodell. Gewerkschaften erstritten gerade auch in Oberhausen bei der HOAG seit 1946 die paritätische Mitbestimmung in den Aufsichtsräten der Montanindustrie. Sozialpartnerschaft als wichtige Komponente des gesellschaftlichen und politischen Lebens in der Arbeiterstadt Oberhausen zeitigte vielfältige Wirkungen: Impulse für politisches Engagement von Gewerkschaftern in den Volksparteien SPD, CDU und Zentrum; enge und kompromissorientierte Zusammenarbeit mit dem Management in den Unternehmen. Beides bildete später die erfolgreiche Basis für Sozialpläne beim Personalabbau der Kohlen- und Stahlkrisen; es bildete zugleich den Hintergrund für eine Kommunalpolitik, die im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts der Verteidigung des Bestehenden im Ruhrgebiet zeitweise den Vorrang vor dem Aufbau neuer Infra- und Wirtschaftsstrukturen einräumte.
1946 fanden in Oberhausen die ersten demokratischen Wahlen zum Stadtrat und zum Landtag des neu gebildeten Landes Nordrhein-Westfalen statt. Die britische Besatzungsmacht förderte diesen Prozess und schuf mit der bis 1997 in Oberhausen gültigen Gemeindeordnung - mit der in Deutschland bis dato unbekannten Doppelspitze von Oberstadtdirektor als Verwaltungschef und Oberbürgermeister als Ratsvorsitzendem - wichtige Strukturen für den politischen Neuanfang. Schnell schlugen sich die Charakteristika des politischen Neubeginns in den westlichen Besatzungszonen auch in Oberhausen nieder: Bis 1952 hatte sich ein Vier-Parteien-System im Rat der Stadt etabliert, in dem die 1946 neu gegründete und von Konrad Adenauer in NRW repräsentierte CDU mit 32 % der Stimmen zur zweitstärksten Kraft nach der SPD (34,8 %) avancierte. Das Zentrum blieb zwar mit 17,5 % bei der Kommunalwahl von 1952 (1956 dann nur noch 8,4 %) bedeutend, büßte aber mit seiner Führungsrolle aus der Weimarer Zeit vor allem den Charakter der katholischen Volkspartei ein. Denn zu geschickt formte die rheinische CDU-Führung um Adenauer eine neue Parteiidentität, in der sich eine höhere Qualität von Christlicher Volkspartei, nämlich nunmehr konfessionsübergreifend und damit bundesweit mehrheitsfähig, realisierte. Das war gerade in Oberhausen mit seiner großen Zahl von Vertriebenen und Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten, die beiden Konfessionen angehörten, eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg als offener, toleranter Volkspartei. Das Zeitalter konfessioneller Spannungen ging mit dem allgemeinen Bedeutungsverlust der Kirchen für den Alltag vieler Menschen deutlich zu Ende.
Abb. 15: Eisenhütte der HOAG – Hüttenwerke Oberhausen AG, 1949
Auch verstand es die CDU über die Gründung der Bundesrepublik 1949 hinaus während der gesamten 1950er Jahre besser als das Zentrum, den zwischen Sozialstaatsverpflichtung und striktem Antikommunismus angelegten programmatischen Widerspruch durch die Berufung auf eine „soziale Marktwirtschaft“ Erhardscher, ordoliberaler Prägung zu überbrücken. Somit entsprach es sowohl den konfessionellen Mehrheitsverhältnissen als auch der politischen Tradition vor Ort, dass sich die CDU in Oberhausen gegenüber dem Zentrum durchsetzte und mit diesem gemeinsam bis 1956 die Ratsmehrheit stellte. Wenngleich es der CDU daraufhin nicht gelang, den Großteil der Zentrumsanhängerschaft an sich zu binden, sondern diese, insbesondere sofern es sich um Mitglieder der katholischen Arbeiterbewegung handelte, ihre politische Heimat vielfach auch in der SPD fanden, verfügte die CDU in Oberhausen über ein markant soziales Profil. Die Zusammenführung ihrer Markenzeichen sowohl als konfessionell übergreifende christliche Volkspartei als auch als sozialpolitisch profilierte Partei mit großer Attraktivität für Gewerkschaftsmitglieder ist eng mit der Führungspersönlichkeit der CDU in den 1950er Jahren verbunden: Martin Heix, ehemaliger Zentrumspolitiker, Gewerkschaftssekretär, von 1946 bis 1962 Vorsitzender der Oberhausener CDU, und seit 1949 Inhaber des Oberhausener Direktmandates im Deutschen Bundestag verkörperte die starke Tradition des politischen Katholizismus in Oberhausen. Mit seiner gesellschaftspolitisch vielfältig interessierten Persönlichkeit repräsentierte er für die Oberhausener Bürger sehr glaubwürdig den neuen Charakter der CDU als überkonfessioneller Volkspartei. Dass die Partei jedoch bei den Bundestagswahlen seit 1961 in Oberhausen stetig verlor, ist nicht ihrem Mandatsträger anzulasten, sondern geht gewichtig auf die grundlegenden Veränderungen im Parteienspektrum auf Bundesebene insbesondere seit dem Godesberger Programm der SPD von 1959 zurück.
Abb. 16: Martin Heix, MdB (CDU), um 1955,
Die kleinste der vier kontinuierlich im Stadtrat vertretenen Parteien war die bürgerlich-liberale FDP. Sie hatte es in Oberhausen schwer, deutlich mehr als 5 % der Stimmen zu erlangen, und das nicht allein wegen der Belastungen, die eine all zu große politische Nähe der national-konservativen Repräsentanten des protestantischen Oberhausener Bürgertums zur NSDAP bedeuteten. Dies verkörperte besonders Bernhard Legge, NSDAP- Mitglied und von 1940 bis 1942 als Bürgermeister und Stadtkämmerer kommissarischer Leiter der Stadtverwaltung, der für die FDP von 1952 bis 1956 Stadtverordneter war. Im November 1952 äußerte die SPD-Fraktion öffentlich Kritik an Legges Ratsmandat. Die FDP-Fraktion stellte sich daraufhin demonstrativ hinter ihn. Doch auch die Sozialstruktur der Stadt mit ihrem äußerst kleinen Bürgertum, die neue Attraktivität der CDU für evangelische Christen sowie der Wechsel vieler vormals stark nationaler evangelischer Arbeiter zur SPD begrenzten die Erfolgspotenziale der FDP. Somit bewirkte die vollständige Diskreditierung der NSDAP, die angesichts der Sozialstruktur ihrer Wählerschaft durchaus eine mehrheitlich protestantische „Volkspartei“ darstellte, in der deutschen wie in der Oberhausener Öffentlichkeit bei Kriegsende zugleich den historischen Abschluss aller Bemühungen zur Schaffung einer national-protestantischen Volkspartei aus dem Zeitalter von der Gründung bis zum Untergang des Deutschen Reiches.
1950 – 1970: Wirtschaftswunder - Die SPD wird Mehrheitspartei in Oberhausen
Knapp vor der CDU und deutlich vor dem Zentrum war die SPD mit 29 bis 37% schon seit 1946 die stärkste politische Kraft in Oberhausen. Mit der Kommunalwahl von 1956 errang die SPD (mit 49,4 % bei 33,8 % für die CDU) erstmals die absolute Mehrheit der Ratsmandate. Aus ganz anderen Gründen als die CDU profitierte im Vergleich zu Weimar auch die SPD von der neuen politischen Großkonstellation der Nachkriegszeit. Drei Faktoren begünstigten ihren Aufstieg in Oberhausen: die britische Besatzungsmacht, der gesellschaftspolitisch bedingte Bedeutungsverlust der KPD sowie die Fähigkeit zur Integration großer Teile des politischen Katholizismus aus der Zentrumspartei.
Bis 1949 bestand durchaus eine politische Nähe vieler britischer Offiziere vor Ort mit Labour-Hintergrund zur wieder gegründeten SPD. Das erleichterte der Partei, deren lokale Führung seit 1933 vielfach Terror und Verfolgung bis hin zum Tod von Hermann Albertz und anderer im KZ ausgesetzt war, den Neubeginn.
Indem der Ost-West-Konflikt seit 1947 Konturen gewann und insbesondere nach der abschreckenden Zwangsvereinigung von SPD und KPD in der sowjetischen Besatzungszone zur SED gelang der SPD im Westen die weitgehende Bündelung der sozialistischen Arbeiterbewegung. Damit begann der noch steinige Weg von der sozialistischen Arbeiterpartei zur Volkspartei für alle fortschrittlichen gesellschaftlichen Gruppierungen. Dieser fand nach dem Verbot der KPD 1956 mit dem Godesberger Programm der SPD 1959 einen Abschluss, als die Öffnung zum Bürgertum und zu konfessionell geprägten Menschen explizit festgeschrieben wurde. - Die KPD dagegen wurde mit unter 10 %, dann 1952 nur noch 4,9 % der Wählerstimmen schon vor ihrem bundesweiten Verbot 1956 bedeutungslos. Doch anders als für die CDU steckte in dem „Segen“ des Kalten Krieges für die SPD zugleich auch ein Ballast: Angesichts einer dominant antikommunistisch geprägten Gesellschaft bedeutete die fortdauernde Ausrichtung an einem gesellschaftspolitischen Fernziel des Sozialismus einschließlich einer Umgestaltung der Wirtschaftsordnung hin zum angestrebten Gleichgewicht von Kapital und Arbeit in einer staatlich abgesicherten „Wirtschaftsdemokratie“ in den Unternehmen einen beträchtlichen Hemmschuh. Auf dieser Grundlage war die Gewinnung von progressiven bürgerlichen Wählerinnen und Wählern kaum in größerem Umfang zu erreichen. Aus diesem Dilemma befreite sich die SPD bundespolitisch mit dem Godesberger Programm von 1959, das der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft abschwor und stattdessen die pluralistische Demokratie widerstreitender, jedoch jeweils berechtigter Interessen als positives Ziel definierte.
Kommunalpolitisch - und in weiten Teilen auch regionalpolitisch im Ruhrgebiet- fand ein noch weit umfassenderer und erfolgreicherer Prozess der Anpassung an die, ja mehr noch, der Verinnerlichung der Grundlagen der westdeutschen Gesellschaft und der neuen Demokratie statt. In den großen wie mittleren Arbeiterstädten des Ruhrgebietes vollzog sich während der 1950er und bis weit in die 1960er Jahre hinein ein die Zeitgenossen beeindruckender wirtschaftlicher Aufstieg. Die Bundesrepublik wurde in jener Zeit nach den Weltmächten USA und Sowjetunion drittgrößte Volkswirtschaft der Erde. Die Industrie im gesamten Land brauchte aus dem Ruhrgebiet Kohle als Brennstoff und Stahl als Werkstoff. Zehntausende qualifizierte Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten standen nach 1945 in Oberhausen zur Verfügung, Ebenso viele folgten in den 1950er Jahren bis zum Mauerbau von 1961 aus der DDR nach. Sie alle ermöglichten ein bis dahin ungekanntes Tempo an Wachstum von Produktion und Bevölkerung. - Oberhausen wuchs in den 15 Jahren von 1946 bis 1961 um 100.000 Einwohner und erreichte mit 260.000 Menschen den höchsten Einwohnerstand seiner Geschichte. In diesem Zeitalter herrschten Wohlstandsorientierung und Zukunftsoptimismus. Die materielle, wirtschaftliche Basis bildete die Schwerindustrie mit ihren Großunternehmen der Bergwerke, Eisenhütten, Stahlwerke und Metallverarbeitungsbetriebe. Genau hier lag der Ursprung des Erfolges der SPD in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Oberhausen und im Ruhrgebiet begründet.
Abb. 17: Luise Albertz, Wilhelm Meinicke und Friedhelm van den Mond im Ratssaal um 1975
In den ersten Nachkriegsjahren etwa bis 1952 – bevor sich das Wirtschaftswunder Bahn brach und darüber die Begünstigung von Wachstum Vorrang vor althergebrachten Konfliktlinien erlangte - hatten Teile der Ruhrindustriellen an ihre schroffe Ablehnung des Einflusses von Belegschaften auf die Gestaltung der Arbeitsbeziehungen angeknüpft. Dann jedoch antizipierten auch sie die Konsequenzen der anders als in Weimar seit 1949 nicht mehr zu hinterfragenden parlamentarischen Demokratie. Das bedingte die Akzeptanz der organisierten Arbeitnehmerschaft als Verhandlungspartner im Betrieb und in Konzernen. Für diese Entwicklung steht bis heute die Durchsetzung der paritätischen Mitbestimmung in der Montanindustrie. Und eben dort, in den wichtigen Institutionen von Betriebsrat und Aufsichtsrat, bewährten sich gewerkschaftliche Akteure mit meist sozialdemokratischem Hintergrund. Diese entfalteten fortan die Eigenschaft von Multifunktionären in Betrieb, Stadtrat sowie Vereinsleben vom Sport über den Gesangverein bis zur Wohnungsbaugenossenschaft. Diese im Betrieb verankerten Sozialdemokraten erlangten beim Großteil der Oberhausener Bevölkerung, der Arbeiterschaft, das Vertrauen als glaubwürdige Kümmerer um alle wesentlichen Belange des Lebens. - Dieses Bild vom SPD-Stadtverordneten war die Basis für den eindrucksvollen Aufstieg der SPD während der 1950er und 1960er Jahre, während derer die Partei ihren Stimmenanteil bei den Kommunalwahlen von 30 % auf annähernd 60 % fast verdoppelte und zur beherrschenden kommunalen Kraft in Oberhausen wurde. Ähnliche Prozesse vollzogen sich in den Nachbarstädten des Ruhrgebietes, wobei die stark durch ihre großindustrielle Arbeiterschaft geprägten Städte an der Emscher folgerichtig die höchsten Wahlergebnisse der SPD erzielten.
Abb. 18: Luise Albertz und Willy Brandt im Bundestagswahlkampf 1965
Oberhausen lag wohl nicht nur aufgrund der sozial- und wirtschaftsstrukturellen Eckdaten mit an der Spitze der SPD-Wahlergebnisse, sondern auch deshalb, weil mit Willi Meinicke als Fraktionsvorsitzendem im Rat, weit mehr jedoch noch mit Luise Albertz als jahrzehntelang amtierender Oberbürgermeisterin, ununterbrochen von 1956 bis zu ihrem Tod im Jahr 1979, zwei personelle Konstanten mit klarem Profil - Ecken und Kanten - mit großer persönlicher Integrität und mit an Selbstausbeutung grenzendem Zeiteinsatz die Garanten für Glaubwürdigkeit und Bürgernähe der Oberhausener SPD darstellten. Für Luise Albertz zählte dabei nicht allein ihre große Glaubwürdigkeit als überzeugte Demokratin, schmerzlich gelernt auch durch den Tod ihres Vaters im KZ Bergen-Belsen 1944, zu ihren Aktivposten bei der Bewertung durch die Menschen in Oberhausen. Ihre Resolutheit im Einsatz für die Interessen der Stadt ebenso wie für die persönlichen Belange vieler Menschen, die sich an sie als Oberbürgermeisterin oder als Vorsitzende des Petitionsausschusses im Deutschen Bundestag wandten, brachte ihr den ehrenvollen Beinamen „Mutter der Bedrängten“ ein. Dieser Titel wurde 1968 im Kampf um die Zeche Concordia abgewandelt zu „Mutter Courage des Ruhrgebiets“.
Doch wie sah die Politik der Sozialdemokratie aus, die eine breite Mehrheit der Oberhausener seit der Kommunalwahl von 1956 (49,4%) – 1964 dann 54,8 % - den Programmen der übrigen Parteien vorzog? In jener Zeit des Wachstums von Stadt und Wirtschaft waren kommunale Einnahmen in ausreichendem Maße vorhanden, um einer Vielzahl wichtiger Zukunftsaufgaben nachzugehen. Seit den ersten Nachkriegsjahren bildete die Behebung der Wohnungsnot durch eine stetige Neubautätigkeit auf hohem Niveau ein herausragendes Ziel sozialdemokratischer Kommunalpolitik. Die Oberhausener SPD bot schon zu dieser Zeit – vor 1968 - nicht allein Arbeitern, sondern auch vielen Intellektuellen, insbesondere Künstlern und Pädagogen - eine politische Heimat. Zu deren prominenten Vertretern zählte Hilmar Hoffmann. „Kultur für alle“ war seine Losung beim Aufbau der Volkshochschule, dann der Oberhausener Kurzfilmtage. Vielfältige Infrastruktur für die gesamte Stadtbevölkerung, so kann man das praktische Handeln der Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Stadtrat zusammenfassen. Dazu zählten insbesondere der flächendeckende Aufbau einer Sportinfrastruktur aus Plätzen, Hallen und Bädern, einer Bildungsinfrastruktur mit vielen neuen Volksschulen, seit Beginn der 1960er Jahre daraufhin auch zusätzlicher Berufsschulen, Gymnasien und von Gesamtschulen als neuem Schultyp. Bessere Bildung, das Angebot zum sozialen Aufstieg durch höhere Schulbildung war in den 1960er Jahren eines der vorherrschenden Themen der großen Politik und die fortschrittliche Arbeiterstadt beteiligte sich daran mit umfassenden Investitionen in neue Einrichtungen, so auch dem Oberhausen-Kolleg als sehr früher Einrichtung zur Erlangung der Hochschulreife über den zweiten Bildungsweg für junge Erwachsene. – Keine Anstrengungen unternahm die Stadt indes in den 1960er Jahren zur Errichtung einer staatlichen Hochschule. Wahrscheinlich standen die Chancen dafür im Wettbewerb mit den bürgerlicheren Städten am Hellweg, wie Bochum und Essen, schlechter. Möglicherweise war das gesellschaftspolitische Bewusstsein der Zeitgenossen in der Arbeiterstadt Oberhausen zugleich noch lange nicht so weit, akademische Bildung als wichtige Perspektive für breite Bevölkerungsgruppen zu erkennen, zu beurteilen und in konkrete politische Projekte umzusetzen.
Abb. 19: Luise Albertz spricht im Rat der Stadt
Verstärkt seit den 1970er Jahren erlangte die Anhebung der Lebensqualität im Wohnquartier große Bedeutung. Sozialdemokratische Stadtentwicklungspolitik sollte nunmehr möglichst allen zu Gute kommen. Das bedeutete ganz praktisch: Nicht mehr fast ausschließlich die City war Objekt der Stadtplanung und ehrgeiziger Gestaltung des öffentlichen Raumes, sondern fortan viele Teile der Stadt, in denen neue Wohngebiete für die wachsende Bevölkerung entstanden. - Diese Politik hatte in Oberhausen eine unmittelbare Schnittstelle mit der Sozialpolitik als weiterer sozialdemokratischer Dömane: Bislang stark ausgegrenzte Menschen, wie obdachlose Familien, erhielten nunmehr lebenswürdige Unterkünfte. Prominent setze sich dafür der Sozialausschussvorsitzende Hugo Baum, seit 1979 Sozialdezernent der Stadt ein. Er erhob seitdem zusätzlich die Beschäftigungsförderung für Jugendliche zur sozialdemokratischen Pflichtaufgabe, als der Strukturwandel bei Kohle, Eisen und Stahl seit Mitte der 1970er Jahre die Arbeitslosenzahlen ansteigen ließ.
Hugo Baum – nach einem Mandat für das Zentrum von 1956 bis 1960 - war von seiner erneuten Wahl in den Rat der Stadt 1969 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand als Sozialdezernent 1989 – und ist für viele bis heute - der prominenteste ehemalige Kommunalpolitiker des Zentrums, der eine neue politische Heimat in der SPD fand. Der Lebensweg des 1925 in Oberhausen geborenen und 2013 in seiner Heimatstadt verstorbenen Katholiken mit jüdischen Wurzeln beleuchtet eine letzte entscheidende Erfolgsbedingung für die strukturelle Mehrheitsfähigkeit einer Partei, der - jenseits aller gewohnten Sichtweise auf etablierte Epochengrenzen - vom Ende der 20er bis zum Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts - der in der modernen Oberhausener Stadtgeschichte einmalige Aufstieg von der nicht einmal 15-Prozent-Partei zur mehr als 50-Prozent-Partei gelang. Es war das Zusammentreffen aus bundespolitischer Öffnung für die pluralistische Demokratie durch das Godesberger Programm von 1959 und aus kommunalpolitisch vorbehaltlosem Zugehen auf stark in der christlichen Soziallehre wie in der Gewerkschaftsbewegung verwurzelte Persönlichkeiten gerade der Zentrumspartei, welche der SPD in Oberhausen, ähnlich in vielen anderen Ruhrgebietsstädten, das massenhafte Eindringen in ihr bislang verschlossene Wählergruppen erlaubten: Dies waren die katholische Arbeiterschaft und nicht minder das progressive Klein- wie Bildungsbürgertum beider Konfessionen. - So war die Oberhausener SPD zwischen 1946 und 1970 von der sozialistischen Arbeiterpartei zur umfassenden Volkspartei neuen Typs, nämlich zur Partei für die progressiv und wohlfahrtsstaatlich orientierte Mehrheit der Oberhausener Bevölkerung geworden.
Abb. 20: Hugo Baum, Beigeordneter, um 1980
Abb. 21: Hilmar Hoffmann, Leiter der VHS und der Westdeutschen Kurzfilmtage
Was aber bedeutete jene dramatische Verschiebung der politischen Gewichte für die übrigen Parteien in Oberhausen? Das Zentrum verlor zwischen 1952 und 1961 von 17,5 % auf noch rund 4 % der Stimmen und versank unter den Bedingungen der 5 %-Hürde in der Bedeutungslosigkeit. Die CDU vermochte es nach ihren Gründungsjahren weniger als die SPD, ehemalige Zentrumswähler an sich zu binden, so dass die CDU in einer Stärke von rund 40% (1956 nur 33,8 %) verharrte. Die FDP schließlich als bürgerlich-liberale Partei mit Ambitionen auf die Profilierung als protestantisch-bürgerliche Volkspartei entfaltete ihre Attraktivität vornehmlich für die zahlenmäßig kleinen Gesellschaftsgruppen des wirtschaftsliberal geprägten, evangelischen und eher national-konservativen Bürgertums. So blieben ihr Wahlerfolge jenseits der 10 Prozent versagt (1952: 9,4 %; 1956: 5,2 %). Als Folge des umfassenden Aufstiegs der Sozialdemokratie während der Jahre des Wirtschaftswunders - von der Gründung der Bundesrepublik bis zur ersten spürbaren Konjunkturkrise im Jahr 1967 - erfolgte die Umgestaltung der Oberhausener Parteienlandschaft von einem 5-Parteien-System, mit der KPD, über ein 4-Parteien-System, mit dem Zentrum, hin zur 3-Parteien-Landschaft aus SPD, CDU und FDP, die während der 1960er und 1970er Jahre zugleich die große Landes- und Bundespolitik bestimmte.
1970 – 2000: Wirtschaftlicher und soziokultureller Strukturwandel - Herausforderung für die Stadt, Bewährungsprobe für die sozialdemokratische Mehrheit
Die stärksten Verluste an Industriearbeitsplätzen – in nur einem Jahrzehnt rund 10.000 - erlebte Oberhausen während der 1960er Jahre: Der Bergbau schrumpfte massiv, wofür symbolisch die Schließung der 6.000 Menschen beschäftigenden Zeche Concordia 1968 stand. Die Eisen- und Stahlindustrie hatte ihren Beschäftigungshöhepunkt überschritten und erwirtschaftete die letzten Produktionsrekorde dank fortschreitender Effizienz mit bereits leicht zurückgehendem Personalbestand. Wichtige Konsumgüterindustrien in der Stadt jedoch gerieten in eine schwere Krise und verschwanden vom Markt. Dazu zählten an der Spitze so wichtige Arbeitgeber wie die Polstermöbelfabrik Hemmers mit 1.400 und die Oberhausener Glasfabrik, ehemals Funke & Becker, mit über 500 Arbeitsplätzen noch im Jahr 1961. Doch die Zeitgenossen empfanden die 1960er Jahre noch kaum als Krisenjahrzehnt. Das lag einfach daran, dass viele Produktionsunternehmen zeitgleich weiter Personal suchten und insbesondere der Dienstleistungssektor vom Handel über öffentliche Verwaltungen bis zum Bildungswesen spürbar expandierte. Es war daher nicht die erste Konjunkturkrise der Bundesrepublik von 1967, sondern die erste Ölkrise von 1973, die den Oberhausenerinnen und Oberhausenern ins Bewusstsein brachte, nunmehr beginne eine neue Zeit, die schwieriger zu werden sich anschickte als die so aufstrebende Nachkriegszeit.
