0,49 €
Ein ganz besonderes Kindermädchen lässt nach dem Zusammenbruch der Zivilisation nichts unversucht, den Bedürfnissen ihrer Schützlinge gerecht zu werden. Eine Geschichte vom Ende der Zeit. Von unendlicher Geduld. Und endlichem Leben.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 18
Veröffentlichungsjahr: 2017
Ein schmieriger, dunkler Regen legte sich auf die Welt. Paei erinnerte sich genau, wann die Sonne zuletzt durch die alles verdeckenden Wolken strahlte. Jede einzelne Stunde der vergangenen Jahre hatte sich für ewig in ihr Gedächtnis eingebrannt. Dafür war sie einmal ausgesucht worden.
Sie begann, wie immer um diese Tageszeit, brennbares Material zu sammeln und zu einem Stapel zusammenzutragen. Die Kinder mussten bald eintreffen. Sie sollten es sich an einem wärmenden Feuer bequem machen können.
Die bissige Kälte, die jedes Jahr in die Mauern kroch, beeinträchtigte sie nicht. Temperaturen, egal welcher Art, konnten ihr kaum etwas anhaben.
Als das Gebäude um sie herum noch intakt war, schickte man sie oft hierher. Mittlerweile nagte der Zahn der Zeit an der Ruine. Kletterpflanzen und Flechten überwucherten die Außen- und Innenmauern der Anlage. An einigen Stellen wuchsen Bäume hinein. Wände waren von Ruß geschwärzt, andere teilweise zu Bruch gegangen oder komplett eingestürzt. Nur tief im Inneren der Zuflucht gab es noch Möglichkeiten, sich behelfsmäßig warm und trocken zu halten.
Vor langer Zeit versammelten sich Menschen an Orten wie diesem, um Informationen zu finden. Ihr Wissen über ihre Welt zu erweitern. Nun fand der zerstörte Lesesaal eine andere Verwendung. Sie wurde ihm zuteil, nachdem Feuer die gesamte Stadt verschlangen. Dass die Stadtbibliothek die Katastrophe überstand, mochte ein Zufall sein.
Andernorts, wo einst Hochhäuser in den Himmel ragten, spannten sich Krater, die sich im Lauf der Jahre wieder mit Leben zu füllen begannen. Paei konnte jede Sekunde der Zerstörung aus einer ihrer Perspektiven abrufen und erneut betrachten.
Das Inferno spielte sich nicht in der unmittelbaren Nähe ab, dennoch blieben die vorhandenen Erinnerungen detailliert genug. Als die Katastrophe ihren Lauf nahm, hielt sie sich in einiger Entfernung unter der Erde auf.
Eine glückliche Fügung. Aber davon wusste sie nichts. Nicht damals, und nicht heute - zehn Jahre später.
An jenem seltsamen Tag im Spätsommer brachte sie die drei Kinder der Familie und die Nachbarszwillinge von der Schule heim. Sie nahmen einen willkommenen Umweg, um den städtischen Spielplatz aufzusuchen. Der Platz lag etwas abseits der Wege, am Rande einer Baustelle.
Als die Sirenen aufheulten, versteckten sie sich nicht weit davon entfernt in einem seit langem stillgelegten Tunnelschacht. Einige Meter unter der Erde, umgeben von rostigen Metallgerüsten, Baumaterialien und Abfall. Als es stundenlang donnerte und die Welt zu bersten begann, wurden sie auf diese Weise zufällig zu Überlebenden.
