Of Blood and Poison - Luna Helmer - E-Book
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Of Blood and Poison E-Book

Luna Helmer

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Beschreibung

Schicksal spielt mit jedem seine Spielchen. Und wenn es dich nicht mag, stehen schnell mal alle Welten gegen dich... Iska und Derryk hatten sich nie etwas aus Schicksal gemacht. Als Waisen, die seit Kindesalter auf den Straßen Asharis überleben mussten, hat es für sie nicht existiert. Doch wenn es kein Schicksal gibt, weshalb erwacht Iska als Halbteufelin? Und weshalb führt Derryks Weg direkt zu den Gesetzeshütern Asharis? Iskas Blut verbannt sie in eine neue Welt: Die Welt der Dämonen und Teufel, in die Unterwelt Neterya. Doch statt auf Antworten trifft sie dort auf unendlich tiefe Rätsel und Fragen. Niemand ist gewillt, ihr bei der Beantwortung zu helfen; außer der bediensteten Dämonin Skee. Das Katzenmädchen möchte ihr hefen - kann es jedoch nicht. Langsam wird Iska der Grund klar, weshalb die Dämonen vor all den Jahren in die Unterwelt verbannt wurden... Derryks Weg hat ihn zu einer ritterlichen Garde Asharis geführt: Zum Schutz seines Landes jagt er unter anderem Dämonen. Oder? Oder will der Mond etwas anderes von ihm? Will der Mond etwa...?

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Seitenzahl: 484

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Luna Helmer lebt meist in ihren eigenen Fantasywelten oder denen, die sie liest und schaut. Dadurch ist es kaum verwunderlich, dass sie die herumgeisternden Geschichten niederschreiben möchte.

Die Zeit, um dies zu tun, hat sie sich dann lieber während der Schule freigeschaufelt, statt eine Runde Online ausfallen zu lassen oder die neue Folge nicht zu beenden... Während des Schreibens hatte sie daher leider auch keine Zeit, um an ihrer Prioritätensetzung zu arbeiten.

Ihr zweiter Wohnort ist in Hessen, wo sie mit ihren Eltern und zwei leicht dämlichen Katzen (sorry, aber …) lebt. Sie mag realistische Fantasy (und hasst es, über sich selbst in der dritten Person zu schreiben).

Für jene,

die immer an mich geglaubt und mich unterstützt haben.

Und für alle,

die lieber in ihren Träumen statt in der Realität leben.

Fürs Schreiben ist ja wichtig, dass Namen auch schön aussehen.

Daher entschuldige ich mich für die Aussprache (oder auch nicht).

Viel Spaß!

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Von Aufleuchtungen und einem blutenden See

0. Iska

Von Familie und dem Selbst

1. Iska

2. Derryk

3. Iska

4. Derryk

In der Fremde

5. Skee

6. Iska

7. Derryk

8. Iska

Aller Anfang

9. Iska

10. Derryk

11. Derryk

12. Iska

Zwischen Welten

13. Derryk

14. Skee

15. Derryk

16. Iska

Tag um Tag

17. Derryk

18. Iska

19. Derryk

20. Iska

Von Halbwahrheiten und dem Nichts

21. Derryk

22. Iska

23. Derryk

Inmitten von Ruhe und Sturm

24. Iska

25. Derryk

26. Skee

27. Derryk

Blut und Scherben

28. Nian

29. Iska

30. Iska

Familie und das Selbst

31. Iska

32. Ka’Ji

Von Chaos und Verzweiflung

33. Derryk

34. Iska

35. Skee

Der Anfang vom Ende

36. Iska

Das kleine Buch, das zu wenig weiß

Unsere Teufel, Dämonen und Erzengel

Dämonenarten

Die Magiearten

Die Magieformen

Kleines Wörterbuch der Alten Sprache

Nachwort

Vorwort

Hallo!

Das mit den Namen war nebenbei ernst gemeint. Selbst ich habe Schwierigkeiten, manche auszusprechen. Deshalb eine kurze Bemerkung/Hilfe dazu (damit sie neben schön aussehen auch aussprechbar werden)

Viele der Namen haben ein xj, meistens am Ende. Sprecht es einfach als ksch aus, dann klingen die Namen schön und exotisch. Und es ist nicht so ein Zungenbrecher, wie es aussieht. Generell das j einfach als sch aussprechen.

Und die Namen mit Apostroph: Lasst es beim Sprechen einfach weg. Das ist fürs Aussehen da. (Und Rio’t als Ausnahme: Einfach Rio mit langem o)

Das ist nur ein Tipp zur Vereinfachung und damit ihr nicht einfach über die Namen einfach hinweglest, ohne sie auszusprechen. Aber wenn ihr die Namen wortwörtlich aussprechen wollt, nur zu. (Auch wenn ich das zu gern hören würde.)

Und bei so manchen Dämonennamen… Fragt nicht. Ich weiß doch auch nicht.

Die Ästhetik halt.

Dann jetzt aber, viel Spaß beim Lesen! :)

Von Aufleuchtungen und einem blutenden See

–0–

Iska

»Derryk, Derryk komm schon.« Iska zerrte am Arm ihres Bruders, um ihn von den älteren Jungs wegzuziehen. Doch Derryk bäumte sich auf und verkrampfte die zu Fäusten geballten Hände umso mehr.

»Hör lieber auf dein Schwesterchen, Kleiner. Straßengesindel wie ihr gehört in den Schlamm«, höhnte der Vorderste der Jungen und trat einen Schritt näher an Derryk heran. Er überragte ihn mit mehr als einem Kopf. Iska wich hinter ihren Bruder, hörte jedoch nicht auf an ihm zu ziehen. Derryk legte den Kopf in den Nacken, um dem Blick seines Gegenübers standzuhalten.

»Derryk, das ist es nicht wert«, flehte Iska. Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, knallte Derryks Faust direkt in das Gesicht des älteren Jungen. Begleitet von einem lauten Knacken taumelte dieser nach hinten und wurde von seinen Freunden aufgefangen. Iska zuckte zusammen und krallte sich fester an Derryk. Die Nase des Kaufmannsohnes war sicher gebrochen. Und Derryks Finger? Er atmete schwer und ließ seine Muskeln spielen. Seine Faust zitterte. Diese Situation spielte sich immer und immer und immer wieder in ihren Leben ab. Und in diesen fünfzehn Jahren hatte Derryk nichts dazugelernt, stattdessen häuften sich diese Prügeleien und Streitereien.

»Wir gehen jetzt einfach wieder zu unserem alten Platz«, flüsterte Iska Derryk bittend zu und fasste ihn an der Schulter. Doch er entriss sich ihrem Griff und trat einen Schritt vor.

»Gebt es uns zurück«, knurrte er Richtung der feindlichen Jungsbande und deutete auf ihre wenigen Habseligkeiten. Auf dem Gesicht ihres Anführers breitete sich ein fettes Grinsen aus und er wischte sich das Blut von den Lippen. Seine nun krumme Nase färbte sich langsam in ein hässliches Gemisch aus Blau und Violett. Helles Blut tropfte über seine Lippen auf das makellos weiße Hemd. »Hol es dir doch, wenn du so mutig bist wie du tust, elender Straßenköter.« Früher hatten diese Bezeichnungen sie verletzt, doch mittlerweile hörte sie einfach weg. Derryk jedoch nicht

»Derryk, nein!«, rief sie, doch der filzige Stoff seines geflickten Umhangs entglitt ihren Fingern. Er stürzte sich mit einem Aufschrei auf den vorderen Jungen und warf ihn um. Innerhalb weniger Sekunden lag Derryk rücklings am Boden. Seine Arme und Beine wurden von den beiden Freunden des Ältesten an den Boden genagelt, während dieser auf Derryk einprügelte. Iskas Herz pochte heftig gegen ihre Brust. »Hört auf, wir gehen! Lasst ihn los!«

Sie wollte ihren Bruder greifen, doch ein hochgewachsener Junge packte ihre Hand. Sie schrie auf und schlug auf seinen Arm ein. Doch dafür erntete sie nur höhnisches Gelächter. Ihr Bruder sah zu ihr hoch, während er sich auf dem Boden wandte und versuchte, sich zu befreien. Beide Jungen prügelten auf ihn ein. Ihr Bruder keuchte und stöhnte unter den Schlägen und Tritten. Ein Reflex zuckte durch ihren Körper und ehe sie sich davon abhalten konnte, klatschte ihre flache Hand gegen das Gesicht ihres Peinigers. Benommen ließ er sie los und Iska warf sich an den Jungen, der am nächsten zu ihr stand und zerrte an ihm. Ihre Handfläche brannte und ihr Körper zitterte. Außerdem schlug ihr Herz bis zu ihrem Hals, leichter Schwindel und Übelkeit überkamen sie.

Im nächsten Moment wurde Iska an den Haaren zurückgezogen, sie stolperte und fiel auf den harten Boden. Mittlerweile hatte Derryk die Jungen, die ihn festgehalten hatten, abschütteln können. Mit gekrümmten Rücken und einem blauen Auge humpelte er neben sie, doch seine Beine gaben nach und er stürzte auf die Knie. Derryk atmete schwer, sein Körper verkrampfte bei jeglicher Bewegung. Iska wollte sich seine Wunden an Bauch und Brust anschauen, jedoch standen die kaum angeschlagenen Jungen wie Könige über ihnen.

»Was wollt ihr noch, ihr habt doch gewonnen. Und wir haben sowieso nichts mehr.« Ihre Stimme wurde immer leiser, den Blick wendete sie ebenfalls ab. »Eure Sachen sind bei meiner Katze besser aufgehoben als bei euch, Straßki. Haut ab in den Schlamm, aus dem ihr gekrochen seid«, zischte der Größte von ihnen höhnisch und spuckte dabei ekelerregend.

Verdammtes Leben, schrie Iska innerlich. Verdammte Idioten! Verdammtes… verdammtes einfach alles.

Sie half Derryk hoch und schleppte ihn in die nächste feuchte Gasse. Sie hörte noch, wie die Jungen lachten und scheinbar ihre Papiere auseinanderrissen.

»Du bist ein Idiot«, kommentierte Iska mit einem Kloß im Hals.

»Bist du verletzt?«, Derryk ging gar nicht erst auf ihren Kommentar ein. Iska schüttelte den Kopf, ignorierte dabei das leichte Brennen der Schürfwunden an ihren Handballen. »Du aber. Wir müssen aus der Stadt, hier finde ich nichts.«

»Dann gehen wir wieder zum Blutsee, in die verfallene Hütte im Wald.« Iska stimmte mit einem Nicken zu. Die Hütte war keinesfalls gemütlich oder sicher, es war dreckig und ein metallischer Gestank wehte vom Blutsee in die Hütte. Doch sie hatten keine Alternative, aus den Städten wurden sie verjagt und außerhalb des dichten Blätterdachs des Waldes lauerten Aetris und Terris, solche Dämonen, von denen die Ältesten immer Gruselmärchen erzählten. Terris trieben sich zwar gerne in Wäldern rum, jedoch mieden Dämonen generell den Blutsee.

Es dämmerte bereits, als Iska den Blutsee zwischen dicken, fahlen Baumstämmen erblickte. Ein pastellroter Schimmer lag wie ein Seidentuch auf ihm, die untergehende Sonne kräftige den Rotschimmer.

Die zerfallene Hütte stand zwischen zwei Bäumen, die drohten, in den See zu fallen. Ihre Blätter färbten sich bereits rosarot. Die Holzbretter lösten sich bereits voneinander, an manchen Stellen faulten sie sogar. Iska klammerte sich an Derryks Arm.

»Die Hütte stürzt sicher bald ein. Dann haben wir keine Alternative mehr zur Straße«, murmelte Iska zu sich. Sie blickte nervös zwischen den morschen Holzbalken und dem dunklen Wald hin und her.

»Ach quatsch, sei nicht so ängstlich. Die Hütte steht schon lang, da wird sie noch solange durchhalten, bis wir was anderes haben.« Derryk hielt sich den Bauch. »Ich habe von einem Wollhandler gehört, Dämonen hätten sich hier nach der Großen Schlacht versteckt. Doch sie wurden von Alpträumen vertrieben und Fischer haben sich dann dort niedergelassen, bis ihnen keine Fische mehr ins Netz gingen. Seitdem ist sie verlassen.«

»Wollhändler–», verbesserte Iska ihn. »Ich dachte, Dämonen schlafen nicht.«

»Jeder braucht Schlaf, selbst Dämonen.«

»Und Wächter?«

»Jeder, Iska. Schlaf ist wohl die eine Sache, die wir alle zusammen haben«, erklärte Derryk ihr, bevor sie den brüchigen Bau betraten. Bis auf rosarote und gelbe Blätterhaufen, zwei löchrige Decken und ein altes, kleines Boot war sie leer. Die Hütte war, wie sie sie vor einer Woche verlassen hatten: Löchrige Decken lagen im Boot und Blätter stapelten sich auf der anderen Seite. Iska fröstelte und klammerte sich weiterhin an Derryk. Er stützte sich am Bootsrand ab, als er sich schwerfällig auf dem Boden niederließ. Iska kniete sich neben ihn. Er zog sein Hemd aus, sein Bauch färbte sich mit blau–violetten Flecken bis zur Brust.

»Ich brauche Ringelblume und Johanniskraut für deine Wunden«, entschied Iska schließlich, nachdem sie sich Derryks Wunden angesehen hatte. Hätte sie nur noch ihre Notizen bei sich–

»Aber nicht mehr heute, der Mond steht schon am Blau«, sagte Derryk entschieden und griff nach seinem Hemd. Iska zog es unter seinen Fingern weg und sah ihn vorwurfsvoll an. Derryk seufzte und schien auf eine Erklärung zu warten.

»Wenn du dich schon in eine Schlägerei stürzen musst, lass mich dich wenigstens verarzten.«

»Iska, die Terris sind nachtaktiv in Wäldern. Wir bleiben hier, bei Sonnenaufgang können wir nach den Pflanzen suchen.« Derryk legte ihr die Hand auf die Schulter und zog sie sanft an sich. Iska biss sich auf die Lippe und gab ihm das Hemd wieder. »Wie du meinst.«

Sie legten sich in das Boot, das Holz war grünlich und feucht und roch salzig. Die Decken fühlten sich an, als würden sie jede Sekunde zu Staub zerfallen. In Ashari glaubte man an das Schicksal, doch Iska wollte und konnte nicht daran glauben, dass ihres sie beide als Waisen vorgesehen hatte, die irgendwann elendig verhungerten. Und auch wenn Derryk so tat, als würde er ihr Schicksal akzeptieren, tat er das nicht. Er dachte genauso wie Iska. Nur bloße Gedanken halfen ihnen nicht aus ihrer Situation heraus.

Ein Schauder lief durch ihren Körper und Müdigkeit überwältigte sie.

Sie wurden von den ersten Sonnenstrahlen geweckt, die durch die Lücken im Holz fielen. Die Kälte der Nacht ließ Iska frösteln. Auch Derryk bewegte sich schwerfälliger als am Abend zuvor, Blattfall war die gefährlichste Zeit für Heimatlose. Selbst die paar Tage Schneefall waren harmloser, eigentlich sogar besser. In der Zeit des Schneefalls wurden Feuer in und außerhalb der Städte gelegt, um Tiere fortzuhalten. Im Blattfall war das Wetter launisch, in Sekundenschnelle konnten sich Gewitter zusammenziehen und die Temperaturen auf tödlich fallen.

»Wir können nicht ewig hier bleiben«, sprach Iska ihre Gedanken aus.

»Werden wir nicht. Wir…«, Derryk brach ab und fuhr sich durch die Haare. Iska kaute sich ihre Lippe blutig, während Derryk unruhig die Zähne knirschte.

Er wusste auch nicht weiter. Die Stadtleute hatten sie jetzt zum vierten Mal von der Straße gejagt, und ins Waisenheim konnten sie nicht mehr.

»Ich suche die Kräuter im Wald«, murmelte Iska und verließ die Hütte, ohne auf Derryks Antwort zu warten.

Der Wald lag in unheimlicher Stille. Iska blickte sich um. In den Kronen der kahlen Bäume saßen Vögel, ihre schwarzen Augen verfolgten sie auf ihrem Weg. Unter den modrigen Geruch mischte sich der Gestank von Schwefel.

Ihr Blick fiel auf einzelne schwarze Federn zwischen Dreck und herabgefallenen Blättern.

Aetris.

Ihr schauderte es. Die Dämonen mussten die Nacht hier gewesen sein.

Sie eilte zwischen den Bäumen hin und her und suchte Ringelblumen und Johanniskraut. Immer wieder sah sie sich um, in ihrem Hinterkopf tauchte ein Bild nach dem anderen auf. Mal die Schattengestalt eines Terris, mal die verzerrte Gestalt eines Aetris. Sie konnte sich die Dämonen bildlich vorstellen, auch ohne einen in echt gesehen zu haben. Auch wenn sie deren Aussehen neugierig machte, hatte sie dennoch nicht das Bedürfnis jemals einem zu begegnen.

Mit einer Handvoll Johanniskraut und ein paar Blüten Ringelblume eilte sie zurück zum Blutsee. Derryk stand im Wasser und versuchte zu fischen.

Iska legte die Kräuter auf einen Holzstamm neben der Hütte, dann lief sie zu ihm.

»Was bei den Engeln tust du da?«

Er drehte nicht mal den Kopf, als er antwortete. »Nach was siehts denn aus.«

»Deshalb frage ich ja.« Ihr Blick glitt aufs Wasser. »Du kannst nicht fischen.«

»Ich fische nicht.«

»Was tust du dann? Komm raus und lass mich dich behandeln.«

»Ich suche nach Algen. Ich hab von Fischern in der Stadt von welchen gehört, die genießbar sein sollen.« Iska schenkte ihm einen skeptischen Blick.

»Die Nixen und Sirenen angeblich essen? Derryk, komm jetzt bitte raus. Es ist Blattfall. Und der Himmel zieht sich schon – « Donnergrollen ließ das Wasser erzittern und Iska zuckte zusammen. Sie wendete den Blick sofort gen Himmel, auch Derryk sah vom Meeresboden hoch. »Derryk…«, setzte Iska noch einmal an. Ihr Körper gehorchte ihr für lange Sekunden nicht mehr, als der nächste Donner die Luft zum Vibrieren brachte. In der Ferne schlug eine Aufleuchtung auf die Erde und heller Rauch stieg gen Himmel. Iskas Körper fing an zu zittern, unfähig auch nur einen Muskel zu bewegen.

Eben noch hatte der Himmel im sanften Orange der untergehenden Sonne geleuchtet, jetzt zog sich der unnatürlich leuchtende Himmel mit dicken Wolken zu. Iska suchte mit wild schlagendem Herzen den Blick ihres Bruders. Er stand bewegungsunfähig im Wasser, sein Gesicht so bleich wie eine Wasserleiche. Die Luft flimmerte und brannte, als eine Aufleuchtung im Blutsee einschlug. Derryk verdrehte die Augen und fiel aufs brodelnde Wasser.

Iskas Lippen formten sich zu einem stummen Schrei, als in ihr Panik ausbrach und ihren Körper ausfüllte. Wieder krachte Donner über den Himmel. Diesmal wurden auch ihre Gefühle paralysiert, denn ohne weitere Emotion beobachtete sie die zweite Aufleuchtung, die sich direkt über ihr bildete.

Iska erwartete, ein weißes Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Oder weiße Flügel, die sie abholten.

Doch stattdessen war sie umgeben von tiefer Schwärze. Noch weniger als nichts. Die Last dieser Dunkelheit drückte sie hinunter und ihr war, als würde sie in ein endloses Loch fallen.

Bin ich tot? Ist das Jenseits ein – ein Nichts?

»Aber nein, vom Tod bist du noch weit entfernt, Iska.«

Das Nichts füllte sich in Millisekunden mit einer so dichten und schweren Atmosphäre, dass das Gefühl vom freien Fall schlagartig verklang. Ihr pochendes Herz schien die Luft noch zusätzlich in Wallungen zu bringen. Doch trotz ihres rasenden Herzens fühlte sie nichts. Keine Angst, keine Verwirrung, keine Erleichterung. Ihre Gedanken waren so leer, dass sie diese Situation nicht mal hinterfragte.

Ich lebe also noch. Dann ist das hier… ja, was ist das hier?

Eine dunkle Gestalt erschien ihr gegenüber, eingehüllt in schwarze Gewänder. Ein Schatten inmitten von Schwärze. Doch verschlang die Schwärze sie nicht. Nein, durch ihre gewaltige Aura stach sie aus der Finsternis deutlich hervor.

»Das hier ist dein Zuhause, meine Tochter. Komm zurück, sobald du bereit bist, Iska A’Shyr.«

Von Familie und dem Selbst

–1–

Iska

Zwei Jahre später

Der Himmel sah mal wieder unfreundlich aus. Seit die Sonne aufgegangen war, zogen sich graue Wolken immer dichter zusammen. Es wurde immer kälter. Nicht mal ihre dicken Felle hielten Iska bei dieser Kälte wirklich warm, vor allem da ihre Schlappen schon lange durchnässt waren.

»Wir könnten mal ‘ne Pause machen. Wir laufen seit heute Morgen und außerdem sieht es wieder nach Schnee aus.« Iska dachte zuerst, Derryk würde ihren Vorschlag ignorieren. Er verlangsamte seine Schritte kein bisschen, sondern schien das Tempo noch anzuziehen.

»Wenn‘s bald wieder schneit, ist das eher ein Grund, schneller zu laufen. Ich würde gerne so schnell wie möglich nach Ashari.«

»Ja, ich doch auch. Aber was bringt uns das, wenn wir uns im Schneegestöber verlaufen.« Wenn wir uns das nicht schon längst haben.

»Werden wir schon nicht«, murmelte Derryk mit knirschenden Zähnen. Sein Kopf ruckte immer von rechts nach links und links nach rechts.

»Mhm.« Mehr gab Iska nicht als Antwort zurück.

Den Weg nach Ashari liefen sie immer mehrmals im Jahr. Ashari war etwa drei bis vier Tagesmärsche vom Blutsee entfernt. Ab der halben Strecke führte zwar auch eine Handelsstraße zum großen Tor der Stadt, jedoch warteten in deren Nähe immer Räuber und Verbrecher auf die reisenden Händler. Und diese waren sowieso nicht bereit, Straßenkinder mitzunehmen. Daher liefen sie immer durch den tiefsten Wald und kannten sich deshalb auch ziemlich gut in der Umgebung aus. Zumindest solange sie sich nördlich des Waldes hielten.

Iska warf wieder einen Blick in den Himmel. Mittlerweile bedeckten die Wolken vollständig die Sonne.

»Wir sollten uns einen Unterschlupf suchen.«

»Wir müssen uns aber beeilen, nach –« Die ersten Schneeflocken fielen vom Himmel herab. Derryk blieb stehen und hielt die Hand den Flocken hin.

»Wenn wir im Schnee verloren gehen, kommen wir am Ende gar nicht mehr nach Ashari. Wir haben jetzt schon mehrere dieser Baumstümpfe verpasst…«

»Jaja, ist ja gut. Dann lass uns eben so einen suchen.« Sie liefen weiter, doch diesmal langsamer und suchten einen Unterschlupf. Es gab eine bestimmte Baumart, die vor jeglichem Wetter schützte, da sie innen hohl war. Sie wuchs viel niedriger als die anderen Bäume, doch ihre Rinde war viel dicker und härter. Jedoch stand sie immer alleine. Und genau genommen war es kein Baumstumpf, jedoch sahen sie wegen ihrer geringen Größe so aus.

Der Schneefall wurde schnell stärker und die Flocken dicker. Nicht nur bedeckte er schon fast den gesamten Waldboden, das Weiß beschränkte zunehmends ihre Sicht.

»Derryk, das wird ein Schneesturm.«

»Ich merk‘s.« Eine Hand umschloss Iskas Handgelenk und Derryk zog sie mit.

»Wir brauchen unbedingt einen Unterschlupf!«

»Ich weiß, Iska. Wir müssen aber auch auf dem Weg bleiben…«

Den haben wir doch schon längst verlassen. Iska erkannte keinen Weg mehr durch den Sturm. Der Wind fegte durch die Bäume wie durch eine Schlucht und stob den feinen Schnee am Boden zusätzlich noch auf. Sie konnte kaum noch ihre Augen aufhalten, außerdem schmerzten ihre Finger. Doch Derryk hielt noch immer ihr Handgelenk fest umschlossen und mit der anderen Hand musste sie ihre Kapuze auf dem Kopf halten.

Der Sturm raubte ihre gesamte Energie, langsam aber sicher. Sie waren seit Stunden in der Kälte auf den Beinen, ohne Pause. Sie taumelte Derryk nur noch hinterher im Versuch, Schritt zu halten. An ihre eiskalten Hände und brennenden Wangen durfte sie gar nicht denken.

»Komm schon, wir dürfen hier keine Pause machen. Wir finden sicher gleich einen dieser Bäume, keine Sorge.«

Iska konnte ihren Bruder kaum noch sehen. Sie taumelte einfach weiter in die Richtung in die sie gezogen wurde bis sie mit ihrer Schulter gegen einen Baum stieß. Erschöpft blieb sie stehen und lehnte sich gegen die einfrierende Rinde. Das Ziehen an ihrer Hand hörte auf. Eine Schulter lehnte sich an sie und durch das Weiß konnte Iska auch Derryk wiedererkennen.

Iska versuchte, am Baum vorbeizusehen, doch sie sah lediglich eine Wand aus dichtem Schnee.

»Ist alles gut, Iska?« Ihre Hände zitterten, stärker als der Rest ihres Körpers.

»Ja, es geht …« Der Wind pfiff laut und schrill.

Für den Moment eines Wimpernschlags stoppte der Schneefall direkt in der Luft. Iska hielt die Luft an und suchte den Weg vor sich ab. Wenige Meter von ihnen entfernt stand ein kleiner, dicker Baum inmitten des Weiß.

»Iska?« Sie blinzelte und starrte wieder in den peitschenden Schnee.

»Komm«, murmelte sie und zog diesmal Derryk mit sich, »ich glaub, da vorne ist so ein Stumpf.« Sie kämpfte sich langsam durch den Schnee, bis sie gegen die Rinde fiel.

»Tatsächlich.«

Sie tasteten sich mehrmals um den Baum herum, bis sie die kleine Öffnung im Stamm fanden. Iska kletterte zuerst hindurch und drückte sich an den Rand, damit Derryk sich dazu quetschen konnte. Im Innern des Baumes war es etwas wärmer als draußen, doch vor allem waren sie vorm Wind geschützt.

»Gut gesehen«, sagte Derryk und klopfte sich den Schnee von seinen Fellen. Iska nickte, ihr Herz schlug schnell gegen ihre Brust. Sie schielte zu Derryk. Er versuchte, eine gemütliche Position zum Schlafen zu finden.

»Ist alles gut, Iska?« Iska schüttelte sich den Schnee von ihren Schultern und der Kapuze.

»Ja, ich bin nur erschöpft.«

»Bis der Sturm vorbei ist, können wir uns ausruhen…«

»Wir ruhen uns so lange aus, bis wir wieder aufwachen. Dann können wir weiter.« Iska legte den Kopf gegen die Rinde und schloss die Augen. »Morgen werden sie in Ashari auch noch rekrutieren.«

Derryk nuschelte noch irgendeine Antwort, doch Iska war schon eingeschlafen.

Iska kletterte aus dem Baumstumpf raus und sah sich um. Der Schnee hatte sie fast in dem hohlen Baum eingesperrt, jetzt reichte er bis über ihre Knie. Iska hatte schon Mühe, ein paar Schritte nach vorne zu laufen, daher blieb sie neben dem Baum stehen und wartete auf Derryk. Sie sah zwischen den Bäumen hindurch. Die Wolken hatten sich verzogen und die Schneekristalle reflektierten die grelle Sonne. Iska kniff die Augen zusammen.

Sie erkannte nichts mehr wieder. Sie mussten gestern südlich geirrt sein. Sie ließ sich gegen die Rinde fallen und atmete ein paar Mal tief ein und aus. Die eiskalte Luft brannte in ihrem Hals.

Derryk verzog frustriert das Gesicht.

»Verdammt.« Er schlug mit der Faust gegen die dicke Rinde.

»In welche Richtung müssen wir jetzt?«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht mal, aus welcher Richtung wir gekommen sind.« Derryk versuchte sich durch den Schnee zu kämpfen, kam jedoch nur langsam und mit viel Fluchen voran. Iska krallte ihre Finger in die eiskalte Rinde des Baumes und versuchte sich hochzuziehen. Erst beim dritten Versuch fand sie genug Halt, um sich aus dem Schnee rauszuziehen und um auf der Rinde zu stehen. Vorsichtig tastete sie sich um den Baum herum, ein Fuß in den Zwischenräumen der Rinde, mit dem anderen lief sie vorsichtig auf dem dichten Schnee. Nach einer halben Umrundung stutzte sie. Weiter in der Ferne zwischen den Bäumen zogen sich dichte, dunkle Nebel zusammen. Sie hatten eine so tiefschwarze Farbe, dass sie wie eine Wand wirkten.

»Derryk!«

»Was?«

»Sieh dir das mal an.« Auf knirschenden Schnee folgten laute Flüche, bis Derryk im Schnee unter ihr auftauchte.

»Siehst du die Nebel?« Da Derryk ihr keine Antwort gab, wandte sie ihm ihren Blick zu. Sein Gesicht glich dem Schnee. Ein mulmiges Gefühl überkam sie und sie schaute wieder zu den Nebeln. Eigentlich waren sie zu dunkel für Nebel. Sie sahen mehr aus wie lebendige Schatten.

»Sind das die Schatten der Terris?« Derryk nickte. Ihr Magen zog sich zusammen.

»Das sind Großterris. Nur sie haben solche Schatten.«

»Aber sie kommen nicht in unsere Richt–« Ein Schrei hallte durch den Wald, der die Schatten erzittern ließ. Weitere, schrille Schreie erklangen und die Schatten zogen sich hinter die Bäume zurück. Weg von ihnen.

»Da muss ein Dorf sein«, flüsterte Iska. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie den Halt an der Rinde verlor und in den Schnee fiel.

»Dann sind wir am Rand des Waldes. Wir müssen also…–«

»Da ist ein Dorf!«, unterbrach Iska aufgebracht, »wir können doch nicht einfach…« Derryk packte ihren Arm, zog sie auf die Beine und sah ihr direkt in die Augen.

»Was willst du denn machen? Direkt in die Arme von Terris rennen? Die zerreißen dich in der Luft, du kennst die Geschichten!«

Iska schlug seine Hand weg und starrte schockiert zurück.

»Aber…–« Die Erinnerung an den seltsamen Traum kamen wieder hoch, damals am Blutsee.

Der Sturm. Die Aufleuchtungen. Der Aufschlag.

Sie hatte Derryk nie etwas erzählt und sich selbst eingeredet, es hätte mit dem Blutsee zu tun. Dämonen hielten sich vom See fern, weil seine Aura sie angriff, sie halluzinieren ließ. So erzählten es zumindest die Stadtleute. Bestimmt hatte er ihr das Gleiche angetan?

Sie hatte sich selbst nie geglaubt.

»Aber ich gehe nicht einfach weg!«

»Hast du den Verstand verloren? Wir können uns glücklich schätzen, dass die Terris uns nicht bemerkt haben und du willst dich jetzt direkt zu ihnen begeben? Bist du wahnsinnig?!«

»Ich–«

»Hilfe! Helft mir–!« Wo eben noch die Schatten die Sicht versperrten, taumelte eine Gestalt durch den Schnee. Sie brach an einem Baum zusammen und versank im Schnee.

Ohne ein weiteres Wort eilte Iska auf die Person zu, so schnell sie im hohen Schnee konnte. Sie ignorierte Derryks Rufe und war letztendlich erleichtert, als sie Schritte hinter sich hörte. Neben der Person zeichnete sich eine tiefrote Blutspur im Schnee ab. Ein süßlicher Geruch lag schwer in der Luft. Der Gestank legte sich in ihre Kehle und wie benebelt blieb sie stehen. Vor ihr lag eine junge Frau, eingesunken in rotem Schnee. Die Augen starrten leer ins Nichts. Ein Arm lag hilfesuchend nach Iska ausgestreckt, doch wo ihre Hand sein sollte, breitete eine Blutlache aus. Iska taumelte zurück und fiel rücklings in den Schnee.

So viel Blut! Das kann sie unmöglich–

»Iska, ist alles gut? Geht es dir gut?« Derryk schüttelte sie an ihrer Schulter, doch Iska antwortete nicht. Sie fühlte sich benebelt und ihr Herz schlug so heftig gegen ihre Brust, dass es schmerzte. Derryk packte ihren Arm und zog sie auf die Beine.

»Du hast recht«, flüsterte sie kaum hörbar, »wir müssen hier weg.« Derryk antwortete nicht, meckerte sie nicht an und spielte sich auch nicht auf. Er zog lediglich an ihrem Arm und sie stolperte ihm hinterher.

Da bewegten sich die Schatten der Bäume neben ihnen, verschlungen zuerst die Leiche der Frau und waberten dann um ihre Beine. Die Schatten kamen aus jeder Richtung.

»Nein, nein, nein! Iska!« Sie war wie betäubt. Ihre Beine wurden schwer wie Stein, sie konnte keinen Schritt mehr gehen. Panik stieg in ihr auf, setzte sich in jeden Zentimeter ihres Körpers und setzte auch ihre Gedanken lahm.

Gedämpft drang Derryks Stimme zu ihr durch. »Das ist ein anderer Großterris!«

Iska, hörst du mich?

Eine Gestalt trat aus den Schatten. Dunkle Nebel tropften von seiner gekrümmten Gestalt, durch das tiefe Schwarz fokussierten Iska und Derryk zwei weiß leuchtende Augen. Die dünnen Arme waren so langgezogen, dass seine Krallen durch den Schnee schleiften. Derryks Stimme war erstorben und Iska spürte seine zitternde Hand.

Hinter dem Großterris traten mehrere kleinere Terris aus den Schatten und folgten ihrem Meister. Von ihren Körpern tropften keine Schatten, doch ihre dunkle Haut ließ sie beinahe mit den Schatten um sie herum verschmelzen. Ihre Augen wirkten wie weiße Löcher in der Dunkelheit.

Der Großterris stand direkt vor Derryk. In Zeitlupe sah Iska, wie er den Arm hob und seine knöchrigen Finger nach Derryks Kopf griffen.

Jemand legte eine Hand auf Iskas. Eine zweite Hand hielt ihr die Augen zu.

Hab keine Angst, deine Magie zu benutzen. Töte sie, Iska A’Shyr.

Die Person drehte Iskas Handfläche nach oben.

Du bist meine Tochter. Der Tod liegt in deinen Händen.

Dann waren die Hände verschwunden. Die Schatten vor ihr wichen einem roten Leuchten. Der Großterris hielt inne und wandte seine weißen Augen ihr zu. Iska bewegte keinen Muskel. Eine Macht durchflutete Iskas gesamten Körper, so heftig und intensiv, dass sich ihr Herzschlag verlangsamte.

Er passte sich an.

Die Schatten versuchten, sich wieder um sie zu sammeln, als der Großterris auf sie zukam. Diesmal war sie es, die ihre Hand nach ihm ausstreckte. Ihre Finger färbten sich bis zu den Knöcheln tiefrot und goldene Krallen ragten daraus hervor.

Als sie auch nur die Schatten, die von seinem Körper tropften berührte, begann sein Körper zu schmelzen. Die Schatten erzitterten bei den schrillen, gequälten Schreien des Dämons. Der Dämon schmolz; seine Schatten und die knochige Gestalt darunter. In der schmelzenden Dunkelheit sah sie sich selbst widerspiegeln– mit rot–gefärbten Fingern und einem leuchtend roten Auge auf der Stirn. Sein Blut tränkte den Schnee und schließlich flohen auch die Schatten zusammen mit den anderen furchtvollen Terris.

Iska drehte sich in die Richtung um, von wo die Schreie hergekommen waren. Sie ignorierte Derryks Blick und den befremdlichen, ängstlichen Ausdruck darin. Ihr war es egal, ob er ihr folgte oder nicht. Sie würde die Leute im Dorf retten.

Das Dorf lag halb im Wald und halb auf der Lichtung dahinter. Die Blutspur führte Iska auf direktem Weg dorthin, und damit auch in die dichten Schatten.

Im Dorf herrschte Chaos. Die Leute rannten durcheinander, von einem Terris dem nächsten in die Arme. Sie konnten deren dunkle Körper nicht von den Schatten unterscheiden. Männer, Frauen und Kinder lagen in ihrem eigenen Blut; hier und da lagen abgetrennte Arme oder Hände oder halbe Körper. Es gab ein grausames, groteskes Bild ab, wie die panischen Leute über ihre ehemaligen Freunde stolperten und dem nächsten Dämon in die Arme fielen. Diesmal ließ sich Iska von dem matellischen Gestank und dem Kreischen nicht beirren. Sie suchte den Großterris. Wenn er starb, würden auch die anderen Terris verschwinden.

Langsam schritt sie durch das Dorf. Sie beraubte jeden Dämon seines Lebens, der in sich ihre Reichweite traute, doch der Großterris tauchte nicht auf.

Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Körper und etwas Warmes floss über ihren rechten Arm. Sie drehte den Kopf und blickte in zwei weiße Augen. Aus ihrer Schulter schauten fünf scharfe Krallen, von deren Spitzen Blut tropfte. Aus dem Augenwinkel sah Iska das zweite paar Krallen des Dämons, doch bevor diese sie auch noch berühren konnten, stoppte sie sie mit ihrer linken Hand. Der Dämon schrie auf. Die Schatten erzitterten und verschwanden langsam. Wie auch der vorherige schmolz auch dieser Großterris. Seine schmelzende Gestalt legte sich kurzzeitig wie eint Umhang um sie, der von ihren Schultern zu Boden floss.

»Iska, was–«

Gut gemacht, Iska. Gefällt dir diese Macht? Soll ich sie dir lehren?

Wieder legte sich eine Hand auf Iskas, sie zeichnete ein Zeichen in die Luft. Iska erkannte es nicht, ihre Sicht verschwamm. Sie war erschöpft.

Hinter dem schwammigen Zeichen erschien eine geisterhafte Gestalt. Goldene Augen sahen sie an, mehr erkannte Iska nicht mehr.

Aktiviere es, Iska. Aktiviere das Zeichen und komm zu mir. Ich zeige dir deine Macht.

Etwas, wahrscheinlich eine Hand, streckte sich nach Iska aus und umfasste ihr Handgelenk.

»Iska, was tust du da? ISKA?«

Sie wollte den Kopf zu Derryk umdrehen. So erschöpft sie auch war, ihre Gedanken klärten sich langsam. Doch die goldenen Augen hielten ihren Blick auf das Zeichen gefangen. Langsam führte die fremde Kraft Iskas Hand, ihre noch immer goldenen Krallen an das Zeichen heran. Sie konnte ihre Hand nicht zurückziehen.

»Verschwinde von dem Fluch!« Eine fremde Stimme ertönte und Iska wollte darauf hören. Doch die Gestalt zog ihre Hand zu dem Zeichen, sodass die Spitze ihrer Krallen es berührten. Eine Druckwelle fegte sie von den Füßen. Jemand fing sie auf und hielt sie fest, als heftiger Wind an ihr zerrte. Sie erkannte die Person nicht mehr.

»Verschwinde, …« Ohnmacht nahm Iska ein, sodass sie den Namen nicht mehr hörte.

–2–

Derryk

Tot. Sie waren alle tot. Die messerscharfe Druckwelle hatte ihn nur verfehlt, da ein Fremder aufgetaucht war. Der hatte die Druckwelle direkt vor ihm neutralisiert. Und danach zu Geistern gesprochen. Und Iska aufgefangen, als sie zusammengebrochen war.

Derryk stand weiter weg von den beiden. Seine Beine trugen ihn nicht zu seiner Schwester, auch wenn er es eigentlich wollte. Was hielt ihn davon ab, zu seiner Schwester zu gehen? Zu seiner Schwester, die gerade Terris mit ihren bloßen Händen getötet hatte?

Er konnte keinen Schritt gehen. Seine Knie gaben nach und er sank in den Schnee.

Was war geschehen? Wer hatte das getan? Das war doch nicht Iska gewesen. Seine kleine, ängstliche Schwester war doch kein Monster. Diese ungeheure Kraft… die Großterris waren innerhalb von Millisekunden gestorben. Und letztendlich auch alle Dorfbewohner, die Druckwelle hatte sie alle getötet. Ihre Körper lagen leblos im roten Schnee. Iska unterschied sich kaum von ihnen. Auch sie lag im Blut, obschon es nicht ihr eigenes war.

Ist sie tot?

»I–Iska?«

Der fremde alte Mann, der um das schwebende Zeichen herumlief, blieb stehen und wandte den Blick zu Derryk.

»Mach dir keine Sorgen. Deine Schwester lebt noch, sie ist nur bewusstlos.«

Keine Sorgen machen? Wie – wie sollte er sich keine Sorgen machen? Iska hatte gerade Großterris getötet, als wären sie lästige Fliegen! Und auch alle Unschuldigen, die in diesem Dorf gelebt hatten.

»Was ist mit ihr geschehen? Was hat sie getan?«

»Ich erkläre es dir unterwegs, wenn du es wissen magst.« Derryk nickte geistesabwesend.

Das Zeichen über Iska leuchtete in tiefem rot auf und schwebte zu Boden. Der Fremde seufzte.

»Hab ichs mir doch gedacht. Wir müssen hier verschwinden. Nimm deine Schwester und folge mir, Derryk.« Er nickte wieder, doch seine Beine waren taub.

»Was heißt das?«

»Erkläre ich dir später. Jetzt komm.« Der Fremde trat neben ihn und zog ihn auf die Beine. »Ich bringe euch erstmal zu meiner Hütte.«

Derryk gab sich einen Ruck und schüttelte seine Gedanken und Fragen fürs Erste ab. Dann stolperte er zu Iska und trug sie vom Dorf weg. Der alte Mann verließ schon das Dorf. Er stützte auf einem hölzernen Stock und lief nur langsam. Ein Umhang aus Fell schützte ihn vor der Kälte, darunter konnte Derryk eine dunkle Robe erkennen. So kleideten sich normalerweise keine Menschen. Nur Seher und Dämonen.

»Was macht ein Dämon so nahe an einem Dorf?«

»Ein Seher hat Wert im menschlichen Auge, weshalb sie uns dulden. Viele Menschen suchen bei uns Hilfe, wenn ihresgleichen ihnen nicht weiterhelfen können. Es ist nicht selten, dass sich dämonische Seher, Alchemisten oder Heiler bei Menschen aufhalten. Schließlich lassen sich solche Seher mit Wächterblut nicht dazu herunter, sich bei Menschen aufzuhalten.«

»Dämonisches und Wächterblut?«

»Ja. Heiler, Seher und Alchemisten stammen entweder von Dämonen oder Wächtern ab. Diese Abstammung bestimmt ihre Magieart. Selbstverständlich lässt sich das edle Wächtergeschlecht nicht auf menschliches Leben ein, weshalb du kaum welche von ihnen sehen wirst. Jeder Dämon am Königshof in Ashari besitzt dämonisches Blut.«

Von Sehern und Heilern auf dem Königshof hatte Derryk schon gehört. Doch normalerweise lebten sie abseits von Dörfern und Städten. Derryk hatte gedacht sie wohnten abgesondert, da Menschen sie nicht um sich haben wollten.

»Wie haben Sie das vorhin gemacht?«

»Eine alte Freundin hatte mir vor Jahren ein Schutzsiegel hinterlassen. Ich habe es angewendet, um uns zu schützen. Der Fluch wurde dadurch nur leider nicht aufgehoben.«

»Welcher Fluch?« Der Seher führte Derryk gemächlichen Schrittes mitten durch den Wald. Kurz hatte Derryk mal das Gefühl, wieder auf einem bekannten Weg zu sein, doch das Gefühl verschwand, sobald sie ein paar Schritte weitergelaufen waren.

»Das Symbol, welches deine Schwester heraufbeschworen hat. Es ist ein Fluch, welcher sich auf den verschmutzten Boden legt. Niemand kann das Dorf mehr betreten, ohne sein Leben zu verlieren.«

Derryk starrte stur auf den Schnee vor sich. Zu so etwas war Iska fähig? Menschen und Orte zum Tod verfluchen? Wie sie die Dämonen getötet hatte, war gruselig gewesen, doch das war doch nur Notwehr gewesen Reine Selbstverteidigung, mehr nicht. Doch wie sie die Menschen enthauptet hatte… Wie hatte sie das tun können? Sie hatte ihnen doch helfen wollen, was war da nur geschehen?

»Ein– ein Todesfluch? So etwas soll Magie sein?«

»Magie ist ein zweischneidiges Schwert, Junge. Dort, wo sie Glück bringt, kann sie auch Katastrophen heraufbeschwören. Doch Iskas Vorführung zeugt von keiner gängigen Magie. Es gibt fünf Arten von Magie. Die weiße Magie beherrschen die Erzengel, helle Magie wendet ihre Gefolgschaft, die Wächter, an. Über die neutrale Magie ist wenig bekannt und es gibt noch weniger Anwender. Dunkle Magie verwenden alle Dämonenarten, ausschließlich. Und dann gibt es noch die schwarze Magie. Die einzig Verbotene. Sie wird von den sechs Teufeln benutzt, und von ihren Kindern.« Der Seher machte eine Pause und es wurde unheimlich still.

Derryk hatte eine Vorahnung, was der Fremde damit sagen wollte. Auch wenn ihm nicht bewusst war, wie das möglich sein sollte.

Vor ihnen tauchte eine Hütte zwischen zwei massiven Bäumen auf. Sie sah klein aus, doch passte sich gut an den Wald an.

»Komm mit herein, ich erkläre es dir genauer.«

Schweigend lief Derryk hinter ihm her. In der Hütte war es warm und stickig. Im Kamin brannte ein kleines Feuer, davor stand ein niedriger Tisch mit zwei Fellen zum Sitzen.

»Du kannst deine Schwester auf das Bett legen.« Er deutete mit seinem Stock auf ein Feldbett, welches an der Wand neben dem Kamin stand. »In der Kiste daneben sind noch Decken, damit kannst du dir später eine Schlafmöglichkeit zusammenstellen.«

»Vielen Dank«, murmelte Derryk und legte Iska auf das Bett. Dann stand er verloren in der kleinen Hütte rum, weshalb er unruhig auf und ab lief.

Der Seher stand vor einer kleinen Feuerstelle und setzte Wasser auf.

»Du kannst dich auch setzen, Derryk. Ich setze nur einen Tee auf, dir ist doch sicher kalt.«

Derryks Blick fiel auf seine geröteten Finger, die vom starken Temperaturwechsel brannten.

»Ja, ein wenig.« Derryk setzte sich mit dem Rücken zum Bett. Er schaute den Flammen im Kamin zu und spielte an seinem Umhang, während der Seher bei der kleinen Kochzeile beschäftigt war. In seinem Kopf spielte sich die Szene vom Dorf wieder ab. Bald kam es ihm so vor, als würde er das Geschehene in dem Feuer sehen. Die Flammen bildeten das Dorf und kleine Figuren nach. Erst als er bemerkte, dass sich das Ganze wiederholte, wurde ihm bewusst wie schnell alles passiert war.

Eine Tasse wurde vor ihn gestellt und der Seher kniete sich ihm gegenüber hin.

»Den Kamin nennt man auch Sackrez. Er ist ein Werkzeug, der mir bei meiner Magie hilft. Deshalb zeigt er dir deine Gedanken bildhaft.«

Derryk wandte den Blick von den Flammen. Er schloss die Hände um den heißen Becher, zog sie bei der Hitze und dem Brennen nicht zurück.

»Worauf wollten Sie vorhin hinaus?« Derryk musste sich überwinden, diese Frage zu stellen. Er wusste nicht, ob er überhaupt eine Antwort haben wollte.

»Was Iska vorhin angewandt hat, war schwarze Magie. So etwas Endgültiges wie den Tod kann nur schwarze Magie bringen.«

»Ist es mit dunkler Magie nicht möglich, jemanden zu töten?«

»Natürlich ist es das. Du kannst den Tod nur nicht als Waffe anwenden. Mit dunkler Magie tritt der Tod als Effekt auf – wie eine gewollte Nebenwirkung.«

Derryk schwieg. Dann war es also wirklich schwarze Magie. Schwarze Magie, die den Teufeln gehörte. Iska konnte sie nicht kontrollieren, das war einfach unmöglich. Woher hatte sie die Kraft? Und seit wann?

»Teufel geben ihr Blut an ihre Kinder ihres Geschlechtes weiter. Generell kommt es selten vor, dass sie Kinder des anderen Geschlechtes haben.«

Derryk fuhr sich durch die Haare und legte den Kopf in die Hände. Er verstand nicht, was das für sie beide bedeutete. Sie waren doch Geschwister – oder nicht? Was genau war Iska und was war er?

»Du und Iska seid Kinder von Suruh, der Teufelin des Todes. Daher hat nur Iska ihr Blut geerbt. Du hingegen bist menschlich.« Der Seher zögerte beim letzten Satz.

»Aber weshalb erst jetzt? Wenn sie von einem Teufel abstammt, weshalb kann sie erst jetzt Magie benutzen?«

»Da sich die Magie bei den Kindern der Teufel erst aktivieren muss. Das kann auf verschiedene Weisen geschehen. Es kann auch vorkommen, dass nach der Aktivierung der Magie noch einige Zeit vergeht, bis sie sich zeigt. Magie folgt keiner Logik. Sie lässt sich nicht erklären oder vorhersagen.« Der Seher sah in die Flammen. Nach wenigen Sekunden erschien ein Bild eines schleierhaften Wesens. Das Gesicht war durch eine Kapuze nicht zu erkennen und auch der Rest des Körpers wurde durch einen Umhang verdeckt. Derryks Blick blieb an dem Hirschgeweih hängen, welches aus der Kapuze ragte. Generell fiel ihm beim zweiten Hinsehen auf, dass die Gestalt undefiniert war. Wie ein Schatten, der sich zu einer Form zusammengesetzt hatte. Oder ein Körper, der mit dem Hintergrund verschmolz.

»Ist das …«

»Suruh, ja. Sie hat eine gewisse Faszination für Menschen, deshalb diese Form. Die Teufel leben in ihrer eigenen Dimension. Zurzeit gibt es vier lebende Kinder, die wissen, wie man zu ihnen kommt. Iska ist das fünfte Kind, doch sie wird es noch nicht wissen.«

»Das heißt, sie interessieren sich nicht für diese Welt? Wenn sie eine eigene Dimension haben und niemand weiß, wie man dort hinkommt.«

»Sie hatten vor ewig langer Zeit einen Vertrag mit den Erzengeln geschlossen, dass sich beide Seiten nicht in das Leben der Menschen einmischen. Dafür haben sie ihre Gefolgschaft.« Der Seher erhob sich. »Du bist doch sicherlich müde. Ich kann dir deine Fragen morgen noch beantworten, wenn Iska wieder wach ist. Noch eine Sache, Derryk. Ihr seid Geschwister. Ihr habt gleiches Blut, auch wenn durch Iskas Magie fließt.«

Derryk nickte. Er wusste momentan nicht, wo sein Kopf stand. Sicher waren sie Geschwister. Iska war noch immer seine Schwester. Doch begleitete ein seltsames Gefühl diesen Gedanken. Er stand auf und öffnete leise die Kiste am Fuß des Bettes. Ohne hinzusehen nahm er sich drei Decken heraus und machte sich damit ein Schlafplatz neben dem Bett zurecht.

»Wo schlafen Sie dann?«, fragte er den Seher, der in einem kleinen Buch mit ledernem Einband las.

»Mach dir um mich keine Sorgen.«

Derryk nickte. Er kniff die Augen leicht zusammen, um die Schrift auf dem Einband entziffern zu können. Das kleine Buch, das zu wenig weiß, las es. Zwei Namen standen darunter. für Seharya und Rehej. Vielleicht waren das die Namen seiner Kinder. Oder seiner Frau und einem Kind.

Derryk legte sich hin und deckte sich bis unters Kinn zu. Das Gefühl von vorhin ließ ihn nicht los. Zorn und Verzweiflung vermischten sich mit dem bitteren Geschmack der Enttäuschung zu einem reißenden Fluss aus Gefühlen. Er presste die Kiefer aufeinander bis seine Zähne knirschten.

Die Erkenntnis brannte den wilden Ansturm nieder und Derryks Augen fielen zu. Verrat brannte in seinem Inneren.

»Andrahey, hörst du mich?« Eine fremde, weibliche Stimme riss Derryk aus seinem Traum. Er zog sich verschlafen die Decke bis über die Nase – öffnete aber nicht die Augen.

»Gut. Ich habe gesehen, dass eine Tochter bei dir ist. Ich möchte, dass du sie zu mir schickst.«

»Wie Ihr wünscht. Ich werde ihr Eure Nachricht übermitteln, sobald sie wach ist.«

Derryks Herz schlug schneller. Sie redeten von Iska, wer auch immer da sprach. Sie redeten nur von Iska.

»Eine Sache noch, Het Mohra. Ka’Ji hatte bereits Kontakt mit ihr aufgenommen. Deshalb wurde das Dorf verflucht.« Eine kurze, unheimliche Stille legte sich schwer in der Hütte ab. Sie wurde nur vom Knistern der Flammen unterbrochen.

»Ka’Ji? Und du bist dir sicher? Ich habe sie nicht gesehen.«

»Sie war nicht dort. Ich denke, sie hat sich in ihre Magie eingeklinkt.« Die weibliche Stimme seufzte.

»Sei es drum. Kein Wort über Ka’Ji oder die anderen Kinder zu dem Mädchen, verstanden? Sie darf keinen Kontakt mit ihnen haben.«

»Wie Ihr wünscht, Het Mohra. Was ist mit dem Jungen? Soll er –«

»Der Junge ist mir egal. Solange er kein Dämon ist, gehört er in die Menschenwelt. Schicke das Mädchen in den Palast. Ich werde sie unterrichten.«

»Wie Ihr wünscht. Ich werde ihr den Weg nach Neterya zeigen.«

Danach herrschte Stille. Derryk hatte für mehrere Sekunden aufgehört zu atmen. Iska sollte zu den Dämonen, in die Unterwelt. Dorthin, wo er niemals hinkommen konnte. Würden sie ab jetzt unterschiedliche Wege gehen?

Wird Iska auf sie hören? Wenn sie nach Neterya geht, sind wir getrennt. Wer weiß, wann und ob wir uns dann noch wiedersehen.

–3–

Iska

Der sachte Mond tauchte den Wald in ein gedämpftes weißes Licht. Mit dem Rücken lehnte sie im Schnee gegen das kalte Holz der Hütte, die Beine an den Bauch angezogen und den Kopf bis zur Nase in den Armen vergraben. Im Halbschlaf hatte sie den Großteil des Gesprächs des Fremden mitbekommen. Er sollte sie nach Neterya führen, die Hauptstadt der Dämonen. Irgendwo in der Unterwelt. Die weibliche Stimme hatte ernst und mächtig geklungen, ein Nein würde sie wohl kaum akzeptieren. Und dennoch … Sie wollte Derryk nicht verlassen. Die gestrigen Ereignisse hatte sie wie in einer Trance miterlebt, an das meiste konnte sie sich nicht mehr erinnern. Nur, dass sie die Großterris getötet hatte – und ein paar Gesprächsfetzen zwischen dem Seher und Derryk. Wie zum Beispiel, dass sie eine Tochter Suruhs sein sollte. Die Tochter einer Teufelin, mit magischen Kräften.

Das war doch Blödsinn. Wie konnte das stimmen? Seit dem Unwetter am Blutsee vor zwei Jahren fühlte sie sich seltsam. Sie hatte öfter seltsame Träume gehabt. Manchmal sah sie Tage aus ihrer Vergangenheit oder Erlebnisse, die sie wenig später durchlebte.

Aber jetzt war da noch das Geschehene … Das ganze Blut und die Macht, die durch ihre Adern pulsiert war.

D –die Dämonen waren einfach zerfallen. Unter meiner Berührung. Von ihnen ist nichts mehr übriggeblieben. Aber ich will Derryk nicht verlassen, ich will ihn nicht alleine lassen!

Was genau würde es bedeuten, wenn es stimmte? Halbteufelin, das klang nach einem mächtigen Wesen. Von einer Waise zur Halbteufelin… das klang surreal. Und legte sich bei diesem Gedanken ein ungewolltes Lächeln auf Iskas Lippen. Dann hätte sie endlich einen Ort, zu dem sie gehörte. Sie hätte Macht und könnte ihr Leben in die Hand nehmen, ohne der Laune der Natur oder den Launen anderer Leute ausgesetzt zu sein.

Sie könnte ihr verdammtes Schicksal endlich in die Hand nehmen.

Vielleicht würde der Seher ihr helfen. Der hätte sicher alle Antworten, dafür waren sie doch generell bekannt. Doch die fremde Frau hatte von Unterricht gesprochen. Hieß das, sie würde sich um Iska kümmern und ihr alles erklären? Dafür musste sie nur nach Neterya. Wie auch immer man dahin kam.

Aber dann muss ich Derryk zurücklassen. Dann wären wir getrennt …

Gedankenverloren zeichnete Iska im Schnee herum, bis ihre Finger taub wurden. Sie wusste, dass sie Derryk verletzt hatte. Sie fühlte sich seit zwei Jahren seltsam und hatte ihm nie etwas gesagt. Doch ihm zu erklären, dass sie sich fehl am Platz fühlte und am liebsten ganz weit weggewollt hätte, war nie in Frage gekommen. Derryk hatte sich nicht verändert, für ihn war es einfach nur ein unglücklicher Tag gewesen. Er hatte noch wochenlang über das Gewitter geflucht. Doch für Iska hatte sich an diesem Tag etwas verändert, auch wenn sie bis heute nicht sagen konnte, was genau. Irgendein Schalter musste sich umgelegt haben, denn sie fühlte sich nicht mehr wohl. Die Gedanken und Gebete an die Erzengel riefen in ihr Erschütterung hervor und es kamen Gedanken an Verrat auf. Wobei das kein Wunder war, falls sie wirklich die Tochter einer Teufelin war.

Iska stand auf und klopfte sich den Schnee vom Mantel. Der Wald lag in Ruhe und kaltem Mondlicht vor ihr, der Schnee reflektierte schwach das weiße Licht. So sahen die Bäume wie Silhouetten aus, die sie tiefer in den Wald führen wollten.

Sie warf einen Blick zurück auf die Tür. Drinnen wäre es warm, ihr Bruder war da und sie würde wahrscheinlich ebenso Antworten bekommen. Theoretisch war es die bessere Wahl, sich einfach wieder hinzulegen und abzuwarten, was geschehen würde. Doch schon allein beim Gedanken, sie müsste Derryk in die Augen sehen mit der Gewissheit, sie unterschieden sich so immens, breitete sich ein flaues Gefühl in ihrem Magen aus. Und das Ergebnis würde sich nicht ändern. Sie würden getrennt werden. Ihr gemeinsamer Weg war vorbei, nun mussten sie alleine klarkommen.

Derryk, es tut mir leid. Verzeih mir. Aber ich kann nicht länger hierbleiben.

»Ik Ahji, Derryk.«

Doch bevor sie auch nur aufstehen konnte, wurde die Tür geöffnet und eine lange Silhouette fiel auf den Schnee neben ihr. Der Seher stand in der Tür auf seinen Stock gestützt.

»Was? Ich dachte, Sie schlafen …«

»Ich habe dich gehört, Iska. Deine Gedanken.« Iska biss sich auf die Lippe und sah wieder auf die Erde.

»Weshalb sind Sie rausgekommen? Sie haben doch sowieso befohlen bekommen, mich von Derryk zu trennen und nach Neterya zu bringen.«

Der Seher seufzte. »Ja, das stimmt. Euer Schicksal tut mir leid, dass kannst du mir glauben. Für dich ist es jedoch besser.«

»Mir ist egal, was Sie oder andere für besser halten. Es ist niemals das Beste, Familie voneinander zu trennen.«

»Wäre es dir lieber, wenn Derryk mit dir in diese fremde Welt kommen würde?«

Nein, natürlich nicht.

»Dein Bruder gehört in diese Welt, die Oberwelt. Mach dir keine Sorgen, euer Schicksal wird euch nochmal zusammenführen.«

Schicksal?

»Was für eine Träumerei. Schicksal, so ein Schwachsinn. Niemand interessiert sich für zwei kleine Punkte in so einer riesigen Welt.«

Der Seher antwortete lange nichts und starrte stumm vor sich hin.

»Wenn du am Nu–Shajee, dem Flussabschnitt im Wald entlangläufst, findest du früher oder später ein Portal nach Neterya. Viel Glück, Iska A’Shyr.« Damit fiel die Tür mit einem Quietschen zu und der lange Schatten verschwand. Iska saß wieder allein in der Dunkelheit. Sie schluckte, starrte einen letzten langen Augenblick auf die Hütte und stand auf. Diese war die Entscheidung, die sie getroffen hatte. Es war besser so.

Also lief sie einfach in den Wald hinein. Sie musste zum Fluss kommen und ein Portal finden. Jedoch konnte alles eines sein, sofern die Erzählungen stimmten, die sie gehört hatte. Zumindest alles mit einer Verbindung zur Magie. Am Flussufer standen mehrere Feuerfichten, in deren Innern sie oft übernachtet hatten. Feuerfichten bestanden zwar aus Holz und Nadeln, doch ihre rot–orangenen Nadeln sandten Wärme aus und ihre Äste bildeten einen kleinen, geschützten Bereich um den Stamm herum. Manche sagten, sie seien Überreste aus einer Zeit, in der Wächter und Dämonen mit auf der Oberfläche der Erde lebten. Andere sagten, sie seien Geschenke der Wächter oder Flüche der Dämonen gewesen. Doch in jeder Erzählung wurden sie mit Magie verbunden. Sie würde die Fichten wieder aufsuchen und dann weitersehen.

Umso länger sie durch den Schnee lief, desto schwerer wurden ihre Beine. Die Erschöpfung kroch langsam wieder in ihren Körper und nahm ihn ein. Iskas Augen fielen zu und sie fing an zu schwanken. Ihr Schlaf war wenig erholsam gewesen, da sie immer halb wach gewesen war und den Gesprächen zugehört hatte. Die letzten Tage forderten nun ihrem Preis.

Sie schwankte noch solange weiter zwischen den Bäumen entlang, bis sie einen der Stümpfe sah. Inzwischen war es schon lang nach Mitternacht. Iska quetschte sich durch die kleine Öffnung und begrub sich im Innern des engen Baumes unter ihrem Mantel. Sie verbannte ihre Gedanken an Derryk und den letzten Tag und schlief ein.

Eine leise Melodie drang an ihre Ohren und holte sie aus dem Schlaf. Es klang wie die Melodie aus solchen Spieldosen, mit denen vor allem reiche Kinder spielten. Man drehte an einem Hebel und die Melodie erklang. Iska rieb sich die vom Schlaf verklebten Augen. Verschlafen krabbelte sie aus dem Baumstumpf heraus in den Schnee. Dunkler Nebel waberte zwischen den Bäumen und verdeckte den Boden. In der Luft hing eine magische Präsenz. Iska konnte sie spüren. In ihren Gedanken erklangen leises Lachen und Klatschen. Sie setzte einen Fuß vor den anderen, bei jedem Schritt sank sie tiefer in den Nebel ein, bis sie gar nichts mehr sehen konnte. Das Lachen und Klatschen wurden lauter, umso weiter sie lief. Sie verlor sich in einem Schleier aus Schatten.

Bald hatte sie festen Boden unter den Füßen statt dem Schnee, neben ihr sah sie Umrisse von Gegenständen. Sie könnten zu Bällen und Kästen gehören, zu Puppen und Küchengeräten.

Oder zu Skeletten und Käfigen.

Zu Köpfen und Waffen.

Die Schatten verschlangen Details der Gegenstände. Diese stapelten sich zu hunderten nebeneinander. Dazwischen huschten immer mal wieder Schemen entlang, sie warfen die gestapelten Türme um und verschwanden dann wieder.

Schlagartig fiel grelles Licht auf sie, der Nebel verschwand restlos. Iska schirmte ihre Augen mit den Händen ab. Kaputte Spielzeuge lugten aus zerstörten Karren und Marktständen heraus.

»Wer hat sich denn da verlaufen?«, kicherte eine Gestalt mit ziemlich hoher Stimme. Iska blinzelte ein paar Mal. Die Quelle des Lichts waren mehrere Kerzen die auf den Schrotttürmen standen. Lange Schatten breiteten sich auf dem Weg vor ihr aus.

»Was mache ich hier?«, murmelte sie zu sich. Iska verfolgte den langen Weg vor sich mit den Augen. Wo war sie hier und was war das? Vielleicht hätte sie doch bei Derryk bleiben sollen …

»Wissen wir nicht. Was machst du denn hier?«

»Ja wirklich, verlaufen hast du dich, was tust du nur?«

Die Stimmen verschmolzen ineinander und sie wurden zu einem schrillen Gewirr aus unverständlichen Worten. Die Worte schwirrten in ihrem Kopf, sie wurden von überall zurückgeworfen. Sie wurden nur lauter, umso länger sie zuhörte. Die Schatten verschwammen vor ihren Augen und Iska taumelte einige Schritte zurück. Sie atmete hektisch.

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und Iska fuhr mit einem stummen Aufschrei herum. Ihr Herz setzte für einen Moment aus. Sie blickte in zwei tiefschwarze Augen und mit einem Mal war es totenstill.

»Hast du dich verlaufen?«, fragte ihr Gegenüber. Ihre Stimme klang jung und monoton.

»Sch–scheint so«, antwortete Iska unbeholfen. Langsam beruhigte sich ihr Atem. Die Augen des Wesens ihr gegenüber zogen ihren Blick wie hypnotisch an.

»Folge mir.« Das Wesen lief an ihr vorbei und einen Weg entlang. Iska erkannte drei weitere Gestalten, auf die das Wesen zulief. Ihre Umrisse hoben sich nur schwach von dem dunklen Hintergrund und den Schatten ab. Zu der Dunkelheit gesellten sich dickflüssige Schatten, die den dürren Körper des Wesens umgaben.

»Du bist eine Terris«, stellte Iska fest, als sie zu ihr schließlich aufgeschlossen hatte.

»Eine Halbterris, um genau zu sein.« Die Dämonin machte sich nicht die Mühe, sich zu Iska zu drehen und ihr mehr zu erzählen. Sie liefen direkt auf ein riesiges schwarzweißes Zirkuszelt zu, welches erdrückend mittig auf dem freien Platz thronte. Das Zelt überragte jeden Schrottturm und doch war es ihr vorhin noch nicht aufgefallen. Die Planen waren mit Löchern übersät, und mit jedem Schritt raubte ihr der intensive Geruch nach Schwefel und Staub mehr den Atem. Iska sah sich um. Alles hier war schwarz, weiß oder grau. Sie sah auf ihre eigenen Hände. Sie waren hellgrau.

»Eintönig, nicht wahr?«, bemerkte die Dämonin. Sie stand halb zu Iska gedreht vor dem Eingang des Zirkuszelts. Ein brüchiges Schild hielt den Schriftzug »Zirkus der dunklen Künste« gerade noch so darüber.

»Was in der Engels Namen?«, murmelte Iska gedankenverloren. Sie fühlte sich nicht nur Fehl am Platz, sondern richtig verloren.

»Eine ziemlich falsche Bemerkung, Kleine. Die in Weiß haben hier gar nichts verloren«, ertönte es von irgendwo hinter ihr. Sie drehte sich um. Die drei Gestalten befanden sich hinter ihr. Sie lungerten auf Gerüsten und sahen sie eindringlich an.

»Was ist das für ein Ort?«, fragte Iska zu ihnen gewandt.

»L’Annin dämon–raskjye, oder einfach der Zirkus der dunklen Künste. Willkommen«, sprach wieder die Halbdämonin und Iska drehte sie wieder zu ihr um.

»Dem Gefängnis der besonderen Art und der besonderen Bewohner«, kicherte es wieder von hinter ihr und Iska drehte sich abermals um. Hinter ihr stand nur das Zelt.

»Was meinst du damit?«, fragte sie daher ins Nichts.

»Schon mal von L’Annin dämon–hexje gehört?« Diesmal kam die Antwort von vorne. Iska konnte den Namen nicht mal aussprechen, sie schüttelte den Kopf.

»Die Insel der beschworenen Dämonen schimpft sie sich. Eine Insel im Meer …, ist ja auch egal. Dorthin werden die Dämonen verbannt, die die Menschen fassen können und mit ihren altertümlichen, dämlichen Ritualen wegschicken. Tschau, tschau, auf nimmer Wiedersehen«, erklärte ein weibliches Wesen. Als es näherkam, sah Iska den schlangenartigen Schwanz.

»Eine Gorgone?«, riet Iska. Die Dämonin gab ein zorniges Zischen von sich.

»Uh–oh, da kennt sich jemand nicht mit Dämonenarten aus«, flüsterte eine der Gestalten hinter dem Schlangendämon.

»Nein, keine Gorgone, unwissender Mensch. Eine Animeere, eine Schlangenanimeere«, zischte sie durch einen starken Akzent. Iska war nicht bewusst, wo genau der Unterschied zwischen beiden Rassen lag, aber sie verzichtete darauf, nachzufragen.

»Von mir aus. Aber Mensch ist auch nicht so ganz richtig.« Die Schlangenanimeere hob überrascht eine Braue.

»Ein Dämon? Alchemist oder Seher?« Die Dritte meldete sich zu Wort und trat einen Schritt vor.

»Seherin. Seht sie euch doch an, fahle Haut, dunkle Schatten unter den Augen … oder warte«, sagte die Animeere und tippte Iska auf die Stirn, »eine Dritte Seherin.« Iska blinzelte ein paar Mal verwirrt. Seherin?

Da fiel ihr das rote Leuchten ein und das merkwürdige Zeichen auf ihrer Stirn. Es war damals kurz aufgetaucht, nachdem sie die Stimme gehört hatte.

»Komm erstmal mit rein. Im Zelt kannst du dich nicht verlaufen.« Ohne auf eine Antwort zu warten, lief die Halbterris schon voraus. »Zumindest, wenn du in unserer Nähe bleibst.«

Die anderen drei Dämoninnen folgten ihr. Iska sah sich noch mal um. Die Nebel zogen sich wieder dichter zusammen und ein aus dem Nichts kommender Wind wehte durch die kahlen Bäume und Geräusche erklangen, als würde Metall auf Metall schlagen. Iska erschauderte und folgte den Vieren in das Zirkuszelt hinein.

–4–

Derryk

Als Derryk am nächsten Morgen aufwachte, saß der Seher an dem kleinen Tisch vor dem Kamin. Eine Tasse stand vor ihm, außerdem das aufgeschlagene Buch, welches er am gestrigen Abend schon in der Hand hatte.

Er drehte den Kopf, um nach Iska zu schauen. Doch das Bett war leer. Er brauchte gar nicht fragen, wo sie war. Schließlich hatte er ihr Gespräch gehört. Iska hatte ihn einfach verlassen. Im Schlaf hatte er ihre geflüsterten Worte Ik Ahji gehört. Eine Verabschiedung in der Alten Sprache die so viel wie »Auf ein Wiedersehen« bedeutete.

»Hätte sie sich nicht wenigstens richtig verabschieden können?« Derryks Stimme war rau und kalt.

»Sie hat sich auf ihre Art verabschiedet. Sie wird genauso wie du das Gespräch zwischen Rio’t und mir mitgehört haben und hat sich daraufhin selbst auf den Weg gemacht.«

»Sie ist einfach so gegangen? Können Sie nicht sehen, wo sie gerade ist?«

»Du wirst sie nicht mehr rechtzeitig einholen. Mach dir keine Sorgen um sie. Im Palast ist sie in guten Händen.«

Derryk stieß eine Art Knurren aus.