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Beschreibung

Wörter spielten und spielen in der Geschichte der linguistischen Beschäftigung mit Politik und politischer Kommunikation eine bedeutende Rolle. Standen am Anfang vor allem Arbeiten zum Schlagwortgebrauch, so wurden nach und nach weitere Bereiche bis hin zur modernen Diskursforschung wissenschaftlich erschlossen. Im vorliegenden Band sollen Wörter wieder stärker in den Blick genommen werden, ohne dass deshalb ihre Einbettung in Diskurse unberücksichtigt bleibt. Vielmehr soll eine Brücke zwischen Wort- und Diskursforschung geschlagen werden, ausgehend von den beiden öffentlichkeitswirksamen jährlichen Wahlen zum „Wort des Jahres“ bzw. zum „Unwort des Jahres“ über den „Unschuldsvermutung“-Diskurs im Nachbarland Österreich, zum Wortgebrauch von Stasi-Mitarbeitern in der Gegenwart, Nutzung von Diskussionsforen für rechtsextreme Propaganda bis hin zu allerneusten Entwicklungen politischer Kommunikation im Bereich von sozialen Netzwerken wie Facebook und der Microblogging-Plattform Twitter. Neben der linguistischen Analyse bietet der Band auch Einblicke in die Arbeitsweise der ‚Unwort‘-Jury und der Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache.

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Seitenzahl: 216

Veröffentlichungsjahr: 2013

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ibidem-Verlag, Stuttgart

Inhalt

Hajo Diekmannshenke/Thomas Niehr . Öffentliche Wörter

Martin Wengeler. Unwörter. Eine medienwirksame Kategorie zwischen linguistisch begründeter und populärer Sprachkritik

Kornelia Pollmann. Von aufmüpfig über Wutbürger zum Stresstest. Eine kritische Betrachtung des populären Rankings der Wörter des Jahres

Georg Weidacher. Zur Verwendung des komplexen Lexems Undschuldsvermutung im politischen Diskurs Österreichs

Bettina Bock. Verschwundene Wörter? Begriffe des DDR-Sozialismus und des Geheimwortschatzes der Staatssicherheit nach 1989/90

Jana Reissen-Kosch. Wörter und Werte – Wie die rechtsextreme Szene im Netz um Zustimmung wirbt

Michael Klemm/Sascha Michel. Der Bürger hat das Wort. Politiker im Spiegel von Userkommentaren in Twitter und Facebook

Mark Dang-Anh/Jessica Einspänner/Caja Thimm. Kontextualisierung durch Hashtags. Die Mediatisierung des politischen Sprachgebrauchs im Internet

Autorenverzeichnis

HAJO DIEKMANNSHENKE/THOMAS NIEHRÖffentliche Wörter

Wörter spielten und spielen in der Geschichte der Politolinguistik eine bedeutende Rolle. So sind es zu Beginn des 20. Jahrhunderts Untersuchungen zum Schlagwortgebrauch, besonders in der Reformationszeit (Lepp 1908), dann aber auch in anderen historischen Epochen, die als Vorläufer der linguistischen Beschäftigung mit politischer Kommunikation und politischem Sprachgebrauch angesehen werden können. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs rückt vor allem der nationalsozialistische Wortschatz in das Blickfeld der Forschung. Die bekanntesten Publikationen sind vermutlich Victor Klemperers L.T.I. (Klemperer 1947/2007)und das Wörterbuch des Unmenschen von Sternberger, Storz und Süskind (1946/1986). Auch mit der Entwicklung des Wortschatzes in BRD und DDR haben Linguisten sich intensiv beschäftigt (Reich 1968). Ende der 60er Jahre begann schließlich erstmals die systematische Beschäftigung mit Sprache in der Politik (Dieckmann 1975). Publikationen wie Begriffe besetzen (Liedtke/Wengeler/Böke 1991), Wörter in der Politik (Diekmannshenke/Klein 1996) oder auch Wörterbücher wie Brisante Wörter (Strauß/Haß/Harras 1989) und Kontroverse Begriffe (Stötzel/Wengeler 1995) belegen, dass weiterhin Wortschatz- und Wortgebrauchsuntersuchungen eine große Rolle spielten. Allerdings rückte langsam auch der politische Diskurs stärker in das Interesse der Wissenschaft. Der Diskurs des Rassismus (Jäger/Januschek 1992), Die Sprache des Migrationsdiskurses (Jung/Wengeler/Böke 1997), Einwanderungsdiskurse (Niehr/Böke 2000) und Wort – Begriff – Diskurs (Kämper/Kilian 2012) sind Titel, die die stärkere Orientierung an komplexeren Phänomenen oberhalb der Wort- und Textebene dokumentieren.

Der im September 2012 in Erlangen ausgerichtete Kongress der Gesellschaft für Angewandte Linguistik (GAL) rückte unter dem Titel Wörter – Wissen – Wörterbücher wieder Wörter und ihren Niederschlag in Wörterbüchern in den Vordergrund der Betrachtung. Die im Rahmen dieses Kongresses ursprünglich als Vorträge konzipierten Aufsätze dieses Bandes sollen jedoch kein ‚Zurück zu den Anfängen‘ markieren, sondern wollen einerseits das Interesse an Wort(schatz)untersuchungen erneuern, andererseits den Bogen von Wörtern zu den Diskursen spannen, wobei gerade auch die Einbettung von Wörtern in (multimodale) Diskurse als ein bedeutsames Forschungsfeld moderner Politolinguistik deutlich gemacht werden soll.

Große mediale Öffentlichkeit findet seit 1991 die in jedem Jahr stattfindende Bekanntgabe des ‚Unwortes‘ des Jahres. MARTIN WENGELER (Trier) gibt in seinem Beitrag Unwörter. Eine medienwirksame Kategorie zwischen linguistisch begründeter und populärer Sprachkritik einen Einblick in die Praxis der Jury, die auf der Grundlage von Vorschlägen aus dem In- und Ausland letztlich die Entscheidung über die Wahl des jeweiligen Wortes trifft. Dabei präsentiert Wengeler aus der Sicht der Linguistik das Prozedere von Auswahl und Entscheidung und zeigt zugleich, welche Kriterien herangezogen werden, um die nicht immer leichte Wahl auch fachwissenschaftlich abzusichern. Die andere bekannte ‚Wort-Wahl‘ ist die erstmalig bereits 1971 und seit 1977 regelmäßig von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) durchgeführte Wahl des ‚Wortes des Jahres‘. KORNELIA POLLMANN (Magdeburg), Sprachwissenschaftlerin und Mitglied der GfdS, präsentiert analog zur Wahl des ‚Unwortes‘ in ihrem Beitrag Von aufmüpfig über Wutbürger zum Stresstest. Eine kritische Betrachtung des populären Rankings der Wörter des Jahres die Auswahl- und Entscheidungsprozesse der GfdS. Dabei spielt der Gedanke, die Wahl des jeweiligen ‚Siegerwortes‘ in einem Austausch von Wissenschaft und Öffentlichkeit zu ermitteln, eine wichtige Rolle. Zusammen mit einem Blick in die Geschichte der Wörter-Wahl expliziert Pollmann dies anhand von Beispielen aus den letzten Jahren und Jahrzehnten.

An der Schnittstelle von Wort- und Diskursforschung ist der Beitrag Zur Verwendung des komplexen Lexems Unschuldsvermutung im politischen Diskurs Österreichs von GEORG WEIDACHER (Graz) angesiedelt, zugleich weitet er den Blick über die Bundesrepublik Deutschland hinaus auf den öffentlichen Diskurs im Nachbarland Österreich. Es gilt die Unschuldsvermutung, in Österreich 2010 zum ‚Un-Spruch des Jahres‘ gewählt, kann als ein besonders erfolgreicher Spruch bzw. als besonders erfolgreiches Wort angesehen werden, dessen unterschiedliche Verwendungen Weidacher anhand ausgewählter Pressebeispiele darlegt. Auch BETTINA BOCK (Halle) betrachtet in ihrem Beitrag Verschwundene Wörter? Begriffe des DDR-Sozialismus und des Geheimwort-schatzes der Staatssicherheit nach 1989/90 sowohl Wörter aus dem Wortschatz der Staatssicherheit als auch den Umgang mit diesen Wörtern in spezifischen Diskursbereichen nach der sogenannten ‚Wende‘. Solche Wörter verschwinden nicht plötzlich aus dem Sprachgebrauch ehemaliger Mitarbeiter der Stasi, sondern werden auch heute noch – zumindest gelegentlich oder unter bestimmten Bedingungen – verwendet. In der rechtsextremen Szene der Bundesrepublik Deutschland fungieren bestimmte Wörter als Miranda, sie dienen sowohl der Selbstversicherung als auch der Werbung für die eigene Ideologie. JANA REISSEN-KOSCH stellt in ihrem Beitrag Wörter und Werte – Wie die rechtsextreme Szene im Netz um Zustimmung wirbt dar, wie diese Strategie im Internet realisiert wird. Dabei unternimmt sie den Versuch, das Semiometrie-Modell der Markt- und Meinungsforschung für die Analyse rechtsextremer Internetpropaganda nutzbar zu machen. Welche Wertvorstellungen damit möglicherweise aktiviert werden, zeigt Reissen-Kosch anhand ausgewählter Lexeme und Wortfamilien in verschiedenen Internetkommunikationsweisen.

Das Aufkommen neuer Medien und Kommunikationsformen führt nach einiger Zeit dazu, dass diese auch für politische Kommunikation ‚entdeckt‘ und genutzt werden. MICHAEL KLEMM und SASCHA MICHEL (beide Koblenz) demonstrieren diesen Prozess am Beispiel von Twitter und Facebook. Dabei richten sie in ihrem Beitrag Der Bürger hat das Wort. Politiker im Spiegel von Userkommentaren in Twitter und Facebook den Blick vor allem auf die Internetnutzer, die mittels Kommentaren in sozialen Netzwerken und auf Kommunikationsplattformen zu ‚Produsern‘ werden. Anhand eines Fallbeispiels demonstrieren sie die Nutzung von sozialen Netzwerken für die Artikulierung vor allem von kritischen bis hin zu aggressiv-beleidigenden Äußerungen zu bzw. über prominente Politiker. Einen weiteren speziellen Aspekt dieser Nutzung fokussieren MARK DANG-ANH, JESSICA EINSPÄNNER und CAJA THIMM (alle Bonn), indem sie vor allem die Funktion von Hashtags untersuchen: Kontextualisierung durch Hashtags. Die Mediatisierung des politischen Sprachgebrauchs im Internet. Die Mediatisierung des Alltags aber auch der Politik eröffnet NutzerInnen neue politische Handlungsspielräume, so die These der AutorInnen, die sie dann anhand von Twitter-Beispielen und speziell des Einsatzes des Hashtags demonstrieren.

Wir danken allen BeiträgerInnen dieses Bandes für ihre Vorträge im Symposium Wörter – Wissen – Wörterbücher und insbesondere für ihre Bereitschaft, diese Vorträge zu den hier vorliegenden Aufsätzen auszuarbeiten. Nicht zuletzt danken wir den Reihenherausgebern Heiko Girnth und Sascha Michel für die Aufnahme des Bandes in die Reihe Perspektiven Germanis-tischer Linguistik.

Sollte dieser Band das Interesse für die Beschäftigung mit den vielfältigen Aspekten des Wortgebrauchs im öffentlich-medialen Diskurs wecken oder ver-tiefen, so hat er seinen Zweck erfüllt.

 

Koblenz, Aachen im Frühsommer 2013

Hajo Diekmannshenke & Thomas Niehr

 

Erwähnte Literatur:

Böke, Karin/Wengeler, Martin/Jung, Matthias (Hg.) (1997): Die Sprache des Migrationsdiskurses. Das Reden über „Ausländer“ in Medien, Politik und Alltag. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Dieckmann, Walther (1975): Sprache in der Politik. Einführung in die Pragmatik und Semantik der politischen Sprache. 2. Aufl., Heidelberg: Winter.

Diekmannshenke, Hajo/Klein, Josef (Hg.) (1996): Wörter in der Politik. Analysen zur Lexemverwendung in der politischen Kommunikation. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Jäger, Siegfried/Januschek, Franz (Hg.) (1992): Der Diskurs des Rassismus. Ergebnisse des DISS-Kolloquiums November 1991. Oldenburg: OBST.

Kämper, Heidrun/Kilian, Jörg (Hg.) (2012): Wort – Begriff – Diskurs. Deutscher Wortschatz und europäische Semantik. Bremen: Hempen.

Klemperer, Victor (1947/2007): LTI. Notizbuch eines Philologen. Stuttgart: Philipp Reclam.

Lepp, Friedrich (1908): Schlagwörter des Reformationszeitalters. Leipzig: M. Heinsius Nachfolger.

Liedtke, Frank/Wengeler, Martin/Böke, Karin (Hg.) (1991): Begriffe besetzen. Strategien des Sprachgebrauchs in der Politik. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Niehr, Thomas/Böke, Karin (Hg.) (2000): Einwanderungsdiskurse. Vergleichende diskurslinguistische Studien. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Reich, Hans H. (1968): Sprache und Politik. Untersuchungen zu Wortschatz und Wortwahl des offiziellen Sprachgebrauchs in der DDR. München: Hueber.

Sternberger, Dolf/Storz, Gerhard/Süskind, Wilhelm E. (1957/1986): Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. 3. Aufl., Berlin: Ullstein.

Stötzel, Georg/Wengeler, Martin (1995): Kontroverse Begriffe. Geschichte des öffentlichen Sprachgebrauchs in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin/New York: de Gruyter.

Strauss, Gerhard/Haß, Ulrike/Harras, Gisela (1989): Brisante Wörter von Agitation bis Zeitgeist. Ein Lexikon zum öffentlichen Sprachgebrauch. Berlin/New York: de Gruyter.

MARTIN WENGELER

Unwörter. Eine medienwirksame Kategorie zwischen linguistisch begründeter und populärer Sprachkritik

1. Einstieg: Auseinandersetzung mit Kritik an der Unwort-Wahl

Mein Verhältnis zur alljährlichen „Unwort-des-Jahres“-Wahl ist etwas gemischt. Wie ich gerne sage, als Sprachwissenschaftler kann man zu „Unwörtern“ etwa genausoviel sagen wie ein Zoologe zu „Untieren“. Andererseits erkenne ich natürlich an, dass es Beispiele manipulativer und verzerrender Sprache gibt, die die öffentliche Diskussionskultur verzerren, verbiegen und manchmal auch vergiften […]. (Anatol Stefanowitsch)1

Mit der Ächtung des Begriffs Döner-Morde hat die Jury […] die außergewöhnliche Gelegenheit geschaffen, die Aufmerksamkeit nahezu aller Medien zugleich, der Öffentlichkeit, der Pädagogik, der Kulturwissenschaften, von Ermittlungsbehörden, Ämtern und vieler anderer Institutionen und Berufsgruppen auf den alltäglichen und den institutionellen Rassismus in Deutschland und seine Folgen zu richten. So hätte über den Tag hinaus um Sensibilisierung und um den Abbau von Stereotypisierungen geworben werden können. Wie es jedoch scheint, hat das Expertengremium die dafür notwendige Aufklärung nicht leisten wollen oder können. Damit aber rückt die Frage nach dem Sinn der jährlichen Proklamation eines Unworts in den Mittelpunkt, insbesondere nach deren theoretischen, fachwissenschaftlichen Grundlagen. (Jobst Paul)2

Mit diesen beiden jüngeren Stellungnahmen zur sprachkritischen Aktion „Unwort des Jahres“ möchte ich zu Beginn exemplarisch deutlich machen, wie nicht nur in der politischen Öffentlichkeit, sondern auch in der Sprachwissenschaft kritisch mit dieser Aktion umgegangen wird. Sie wird einerseits im Allgemeinen naserümpfend beäugt, weil grundsätzlich in Zweifel gezogen wird, ob Unwort eine sprachwissenschaftlich begründbare Kategorie sein kann – wiewohl der Kritiker selbst sich durchaus zugesteht und zutraut, linguistisch begründet politische Sprachkritik zu betreiben. Das geht im Falle Stefanowitschs nicht nur aus dem zitierten Satz hervor, sondern er praktiziert eine solche auch in seinem von mir geschätzten Sprachblog. Insofern kann er auch der Unwort-Wahl für das Jahr 2011 etwas abgewinnen, er findet sie nur nicht sehr originell oder erhellend, da schon andere zuvor Döner-Morde entsprechend kritisiert hatten.

Mit seiner kurzen Kritik an der „gemischten Erfolgsbilanz beim Auffinden solcher ‚Unwörter‘“ benennt er die auch in den Diskussionen der Unwort-Jury relevanten Gesichtspunkte: Es würden manchmal Wörter gewählt, „die irgendjemand in irgendeinem obskuren Zusammenhang verwendet hat und die ohne die Auszeichnung zum ‚Unwort des Jahres‘ niemandem aufgefallen wären (z.B. betriebsratsverseucht 2009)“. Genau dies ist ein in der Unwort-Jury kontrovers diskutierter Aspekt: Ob solche von einzelnen Einsendern vorgeschlagenen, öffentlich aber wenig bekannten oder beachteten „Unwörter“ gerügt werden sollen. „Manchmal werden Wörter gewählt, deren Unwortcharakter darin besteht, dass die Jury den ironischen Unterton des Wortes nicht verstanden hat“ (Beispiel Herdprämie 2007)3: Zu entscheiden, ob vorgeschlagene „Unwörter“ ironisch verwendet worden sind, ist ebenfalls eine der Aufgaben, der die Jury sich stellen muss. Im genannten Beispiel Herdprämie teilt die Jury nicht Stefanowitschs Auffassung über den „Witz“ des Gebrauchs von Herdprämie, auch wenn dieser Ausdruck einen ironischen Beigeschmack haben mag. Gewählt wurde das Wort – so die damalige Begründung –, weil es „Eltern, insbesondere Frauen [diffamiert], die ihre Kinder zu Hause erziehen, anstatt einen Krippenplatz in Anspruch zu nehmen“.4 Diese Diffamierung bleibt auch bei „ironischem Unterton“ erhalten.

Jedenfalls sind damit zwei der Gesichtspunkte angesprochen, die in den Diskussionen der Jury eine Rolle spielen: Sie und andere sorgen dafür, dass es in der Unwort-Jury nicht einfach ist, sich auf die jährliche Kür eines „Unwortes des Jahres“ zu einigen, und sie deuten an, dass es tatsächlich schwierig ist, mit linguistischen Kriterien die Wahl zu begründen. Es handelt sich bei der Unwort-Wahl tatsächlich – wie es der Titel des vorliegenden Beitrags vorwegnimmt – um eine Aktion, die zwischen linguistisch begründeter Sprachkritik5, um die sie sich bemüht, und populärer Sprachkritik, die sie allein schon deshalb ist, weil sie öffentlich so breit wahrgenommen wird, schwankt. Dass Letzteres der Fall ist, ist ein wichtiger Grund, diese Aktion – trotz auch eigener Bedenken – weiterzuführen, denn wie der Unwort-Initiator und langjährige Sprecher Horst Dieter Schlosser schreibt: „[…] eine öffentlich geführte kontroverse Diskussion von Jury-Entscheidungen bewirkt immerhin, dass wenigstens einmal im Jahr öffentlich über den aktuellen Sprachgebrauch nachgedacht wird“ (Schlosser 2007: 28).

Im zweiten einleitenden Zitat wird u.a. die fachliche Qualifikation der Jury in Zweifel gezogen. Mit unserer Begründung werde der zentrale Punkt des institutionellen Rassismus, der sich in dem durch die Polizeibehörden geprägten Unwort Döner-Morde ausdrücke6, nicht erfasst; vielmehr würde – so die Kritik in der veröffentlichten Version des oben zitierten Manuskripts – mit der Begründung, mit dem Wort würden Menschen ausgegrenzt, „indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert werden“, die Öffentlichkeit von den verantwortlichen Institutionen abgelenkt in Richtung „auf Perverses, das in der Regel mit Einzelnen assoziiert wird“ (Paul 2012: 55). Das zeigten überzogene bis absurde Reaktionen auf die Unwort-Wahl in der Presse, die auf diese Begründung gestützt dafür gesorgt hätten, dass „nicht nur die gesellschaftspolitische Dimension der rassistischen Zuschreibung ins ‚Pathologische‘ entsorg[t]“ worden sei, sondern dass nun auch von den Opfern und ihren Angehörigen als Döner gesprochen worden sei. Wie dem auch sei: Auch wenn mich Pauls Interpretation des rassistischen Gehalts von Döner-Morde als Ausdruck eines „tief verinnerlichten Ausgrenzungskonstrukts unserer Kultur“ (Paul 2012: 54), bei dem mit einem solchen Wort stereotype Vorstellungen von der Fressgier der Fremden aktualisiert würden, nicht überzeugt, so hat er doch die Unwort-Jury bei einer verkürzten Redeweise in ihrer Presseerklärung „erwischt“, die sachlich „schief“ ist und sprachwissenschaftlich nicht begründbar ist. Denn, wie wiederum Stefanowitsch im oben zitierten Blog-Eintrag zu Recht anmerkt:

Durch das Wort Döner-Morde werden die Ermordeten zwar mit Dönern in Zusammenhang gebracht […]. Sie werden aber nicht „zu Dönern gemacht“. In deutschen Komposita kann das Erstglied fast jede beliebige semantische Beziehung zum Zweitglied haben.7

Wie dieser Zusammenhang aussieht, das haben wir zwar in der Begründung der Unwort-Wahl ebenfalls deutlich zu machen versucht, dass nämlich durch das Wort die Unterstellung gestützt wurde, „die Motive der Morde seien im kriminellen Milieu von Schutzgeld- und/oder Drogengeschäften zu suchen“.8 Im letzten, oben zitierten Satz ist unsere Begründung aber unglücklich, indem sie nahe legt, wir meinten, mit dem Kompositum sei ausgedrückt, dass hier nicht Menschen, sondern nur Döner „umgebracht“ worden seien. Das kann im Nachhinein nur mit der Tatsache gerechtfertigt werden, dass es es sich bei der Unwort-Wahl eben auch um „populäre“ Sprachkritik handelt, was in diesem Fall bedeutet: Es ist eine Sprachkritik, die medienwirksam ist und von den Medien begierig aufgenommen wird – denen man dafür aber unter Zeitdruck nach der Entscheidung der Jury eine möglichst knappe und prägnante Begründung liefern muss.

2. Kriterien der Unwort-Wahl

Da die Jury unter einer Vielzahl von Einsendungen nach z.T. langen und kon-troversen Diskussionen sich im Konsens auf ein zu rügendes „Unwort des Jahres“ einigt und dafür eine kurze und möglichst überzeugende Begründung in einer Presseerklärung liefern muss, kann diese keine tief gehende sprachwissenschaftliche Analyse enthalten, und sie beinhaltet auch schon einmal verkürzte Redeweisen, die nicht allen linguistischen Ansprüchen gerecht werden. Gleichzeitig aber soll die Unwort-Rüge linguistisch begründet oder zumindest begründbar sein. In der Jury wird daher intensiv diskutiert, was linguistisch vertretbar ist. Insbesondere wird die Entscheidung für eine Unwort-Wahl dann schwierig, wenn man aus sprachtheoretischen Gründen von Folgendem überzeugt ist: Bezüglich der Sprachentwicklung im Allgemeinen von dem Grundsatz „leave your language alone“ und bezüglich des Euphemismus-Begriffs von einer Skepsis im Sinne Heringers: Wer ein Wort als Euphemismus charakterisiere, also als eines, das die Wirklichkeit verschleiert, müsse sich selbst einen privilegierten Zugang zur Realität zuschreiben (vgl. Heringer 1982: 16). Auf der anderen Seite aber steht die Überzeugung von einem engen Zusammenhang von Sprache und Denken und somit auch davon, dass „Welt“, „Wirklichkeit“ sprachlich konstituiert und organisiert wird. Angesichts dieses Spannungsverhältnisses von Grundüberzeugungen ist es der Anspruch der Unwort-Jury, sehr gute Gründe für die Wahl eines „Unwortes“ anzuführen. Dafür braucht es einerseits einigermaßen klare und anwendbare Kriterien und andererseits eine wenigstens minimale Gebrauchsanalyse des Wortes – weshalb diejenigen, die Unwörter vorschlagen, aufgefordert sind, Quellen des Gebrauchs ihres potentiellen „Unworts“ zu nennen, und weshalb wir den Gebrauch wenigstens der „heißen“ Kandidaten eines Unwortes – soweit von den zeitlichen Ressourcen her möglich – recherchieren.

„Geschenkt“ ist in diesem Zusammenhang allerdings die – auch von Fachkollegen immer wieder geäußerte – Kritik am Wort Unwort selbst. Es gibt nun einmal sowohl eine Tradition des Gebrauchs in unserem Sinne als auch analoge Bildungen, die es rechtfertigen, diesen eben auch der Popularität, der Medienwirksamkeit geschuldeten Begriff für die Aktion zu verwenden: Die Kritik, dass Unwort

– durch die Vorsilbe un- markiert – bereits als etwas Nichtexistentes charakterisiert sei [vgl. auch Stefanowitschs Eingangszitat, das diese Kritik ebenfalls nahe legt] […] übersieht […], dass diese Vorsilbe sehr wohl auch Existentes, zugleich aber Kritikwürdiges bezeichnet, wie in Unart, Unding, Unsitte, Unzeit u.ä. Und so kann sich die Unwort-Aktion auf jenes im Grimm’schen Wörterbuch bezeugte Interpretament berufen, dass Unwort ein Wort sei, das es sehr wohl gebe, aber gemieden werden solle, weil es andere beleidigt und verletzt. (Schlosser 2007: 39)

Und damit bin ich bei den Kriterien, nach denen die Jury versucht, „Unwörter“ zu bestimmen und aus einer – am Ende eines Vorauswahlprozesses relativ überschaubaren – Anzahl rügenswerter Wörter ein „Unwort des Jahres“ zu küren sowie zwei bis vier zusätzliche „Unwörter“ als weitere sprachliche Missgriffe zu benennen. Die Kriterien der Unwort-Wahl erlaube ich mir, von der Unwort-Homepage zu zitieren: Gerügt werden

Wörter und Formulierungen in allen Feldern der öffentlichen Kommunikation, die gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen, zum Beispiel weil sie gegen das Prinzip der Menschenwürde verstoßen (z. B. Geschwätz des Augenblicks für Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche), weil sie gegen Prinzipien der Demokratie verstoßen (z. B. alternativlos als Haltung/Position in der politischen Diskussion, um eine solche zu vermeiden und sich der Argumentationspflicht zu entziehen), weil sie einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren (z. B. durch unangemessene Vereinfachung oder Pauschalverurteilung, wie etwa Wohlstandsmüll als Umschreibung für arbeitsunwillige ebenso wie arbeitsunfähige Menschen), weil sie [und hier wird die oben angeführte problematische Begrifflichkeit genutzt!] euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend sind (z. B. freiwillige Ausreise als Behördenterminus für die nur bedingt oder gar nicht freiwillige Rückkehr von Asylbewerbern in ihre Heimatländer aus Abschiebehaftanstalten).9

Wenn dies also Kriterien sind, die zur Begründung der Unwort-Entscheidung zur Verfügung stehen und die dazu beitragen sollen, dass die Aktion eine linguistisch begründete Sprachkritik ist, so ist doch zu berücksichtigen, dass die Unwort-Wahl allein deshalb auch populäre Sprachkritik ist, weil die gesamte Bevölkerung gehalten ist, Vorschläge einzureichen und ihren Vorschlag zu begründen. Nur aus diesen Vorschlägen wählt die Jury aus. Sie nimmt sie sozusagen als Ausgangspunkt im Sinne der klassischen, von Wimmer vorgeschlagenen Form der linguistisch begründeten Sprachkritik (vgl. Wimmer 1982 u.ö.). Eine solche brauche Anlässe, also Gelegenheiten, bei denen ein Sprachgebrauch von den Beteiligten selbst oder vom Analysierenden/vom Rezipienten als problematisch empfunden werde und der deshalb für eine Kritik lohnend erscheint. Die Sprachteilhaber werden aufgefordert, solche Anlässe wahrzunehmen und zu benennen und mit ihrer Begründung der Wahl bereits selbst sprachkritisch tätig zu werden. Idealerweise läge dann der von der Jury vorgenommenen Auswahl eine ausführliche linguistisch begründete Analyse im Sinne Wimmers und darüber hinaus auch im Sinne Schwinns (1997) als einer Diskursanalyse zugrunde. Damit könnte die Aktion dem Anspruch gerecht werden, den Jan Georg Schneider ihr freundlicherweise bereits als erfüllt bescheinigt: eine emanzipatorisch orientierte Sprachkritik zu sein, „die über ‚bloße Nör­gelei‘ hinausgeht und z.B. danach fragt, ‚wer eigentlich welchen Sachverhalt zu welchem Zweck verschleiert‘ (Seidl 2006), oder […] z.B. auch darauf hinweist, welche se­mantischen Implikationen bestimmte Wort­prägungen und vor allem bestimmte Wortgebräuche haben.“ (Schneider 2007: 20) Wie erwähnt, kann die Aktion aus Zeitgründen eine solche linguistisch begründete Sprachkritik allerdings nur in Ansätzen sein – eben weil sie gleichzeitig auch populär ist und damit den am Ende des Kap. 1 genannten Bedingungen unterliegt.

Die Kriterien der Wahl sind selbst keine linguistischen, sondern ethisch-moralische und gesellschaftspolitische („gegen Prinzipien der Demokratie verstoßend“). Die Wahl kann aber linguistisch begründet sein, insofern mit linguistischen, semantisch-pragmatischen, auf einer Gebrauchstheorie der Bedeutung basierenden Mitteln die entsprechenden Implikationen der Verwendung der gerügten Wörter herausgearbeitet werden.10

3. Beispiel: Die Wahl des „Unworts des Jahres 2011“

Weil dies vom Begründer der Unwort-Aktion Horst Dieter Schlosser (2007 u.ö.) schon mehrfach praktiziert worden ist, möchte ich im Folgenden nicht die Unwort-Wahlen der letzten zwanzig Jahre anhand der genannten Kriterien Revue passieren lassen und rekapitulierend begründen, sondern auf Vorschläge des Jahres 2011 näher eingehen und darstellen, wie die Jury bei diesen Vorschlägen die Kriterien der Unwort-Wahl intensiv diskutiert und angewendet hat.11 Dabei soll herausgearbeitet werden, wie der Anspruch der Aktion, linguistisch begründete Sprachkritik zu sein, zu verwirklichen versucht wird. Für das Jahr 2011 sind neben dem eingangs rekapitulierten Unwort Döner-MordeGutmensch und marktkonforme Demokratie als weitere Unwörter gerügt worden.

3.1. Gutmensch und marktkonforme Demokratie

Gutmensch hielt die Jury für einen geeigneten Kandidaten, weil das Wort vor allem dem Kriterium, gesellschaftliche Gruppen/Einzelpersonen – hier Andersdenkende – zu diskriminieren, zu denunzieren, entspricht. Es ist ein noch nicht genanntes, aber beinahe selbstredendes Kriterium, das uns dazu geführt hat, Gutmensch nur als zweites Wort zu rügen und nicht als das Unwort des Jahres zu benennen. Das als „Unwort des Jahres“ gerügte Wort soll im zurückliegenden Jahr aktuell, also im Gebrauch oder sogar neu gewesen sein. Eine grobe Gebrauchsanalyse zeigt nun, dass Gutmensch tatsächlich 2011 wieder neu und verstärkt im Gebrauch war, vor allem weil im Rahmen der öffentlichen Berichterstattung über rechtsextreme Blogs wie politically incorrect auch über die Nutzer solcher Blogs hinaus bekannt wurde, dass dort Andersdenkende mit diesem Wort stigmatisiert werden. Andererseits wird das Wort in dieser Weise schon seit langem verwendet12, und im Vergleich zu Döner-Morde erschien es der Jury daher als weniger aktuell und kennzeichnend für das Jahr 2011. Da es aber auch der Anspruch der Jury ist, zur sprachkritischen Reflexion problematischer Wortgebräuche beizutragen, ist ein Entscheidungskriterium der Jury auch, auf was man die Öffentlichkeit stärker aufmerksam machen will. Hier hätten wir mit Gutmensch die Möglichkeit gehabt, einen diskriminierenden Wortgebrauch stärker ins Bewusstsein zu heben, der zwar auch schon oft kritisiert worden ist, der aber einer breiteren Öffentlichkeit wohl noch nicht aufgefallen war. Döner-Morde war dagegen im November 2011 schon in mehreren Stellungnahmen öffentlich sprachkritisch problematisiert worden, so dass die Jury zu entscheiden hatte, ob es sich lohnt, etwas, das sowieso schon sprachkritisch im Mittelpunkt gestanden hatte, mit ihrer Entscheidung nur noch einmal „aufzuwärmen“ und damit nur die berechtigte Empörung über das Wort noch einmal zu bestätigen. Dafür haben wir uns entschieden und damit genau diese Kritik provoziert: „Das einzige, was man der ‚Unwort‘-Jury also vielleicht vorwerfen kann, ist, dass sie auf ein ‚Unwort‘ aufmerksam macht, das bereits breit diskutiert und als ein solches akzeptiert worden ist. So hat sie zwar eine nachvollziehbare, aber nicht besonders lehrreiche Wahl getroffen.“ (Stefanowitsch im bereits zuvor zitierten Blog-Eintrag) Gutmensch jedenfalls haben wir anhand der Kriterien „Diffamierung“ und „gegen Prinzipien der Demokratie verstoßend“ wie folgt kritisiert:

Mit dem Ausdruck Gutmensch wird insbesondere in Internet-Foren das ethische Ideal des ‚guten Menschen‘ in hämischer Weise aufgegriffen, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren. Ähnlich wie der meist ebenfalls in diffamierender Absicht gebrauchte Ausdruck Wutbürger widerspricht der abwertend verwendete Ausdruck Gutmensch Grundprinzipien der Demokratie, zu denen die notwendige Orientierung politischen Handelns an ethischen Prinzipien und das Ideal der Aushandlung gemeinsamer gesellschaftlicher Wertorientierungen in rationaler Diskussion gehören. Der Ausdruck wird zwar schon seit 20 Jahren in der hier gerügten Weise benutzt. Im Jahr 2011 ist er aber in unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Kontexten einflussreich geworden und hat somit sein Diffamierungspotential als Kampfbegriff gegen Andersdenkende verstärkt entfaltet.13

Ebenfalls mit dem Kriterium „gegen Prinzipien der Demokratie verstoßend“ wurde für das Jahr 2011 marktkonforme Demokratie gerügt:

Die Wortverbindung marktkonforme Demokratie steht für eine höchst unzulässige Relativierung des Prinzips, demzufolge Demokratie eine absolute Norm ist, die mit dem Anspruch von Konformität mit welcher Instanz auch immer unvereinbar ist. Sie geht zurück auf ein Statement Angela Merkels, wonach Wege zu finden seien, „wie die parlamentarische Mitbestimmung so gestaltet wird, dass sie trotzdem auch marktkonform ist.“ Auch wenn die Wortverbindung gegenwärtig meist kritisch verwendet wird, steht sie doch für eine bedenkliche Entwicklung der politischen Kultur.14

Umstritten war die Wahl in der Jury insbesondere wegen des letzten Punktes, dass nämlich die Wortverbindung, wenn sie verwendet wird, meist nur kritisch zitiert wird. Zudem ließ sich auch kein Beleg finden, in dem die Wortverbindung so, wie sie später kritisiert wurde, unkritisch verwendet wurde, vielmehr hatte Merkel marktkonform lediglich prädikativ und auch nur als Prädikation zu parlamentarische Mitbestimmung und nicht zu Demokratie gebraucht. Als das zu rügende Unwort kam die Wortverbindung daher einerseits nicht in Frage, weil man uns zu Recht vorgehalten hätte, sie sei so nicht benutzt worden. Zum zweiten wäre zu Recht kritisiert worden, dass wir hier einen zweiten Fall Entsorgungspark geschaffen hätten. Matthias Jung hat diesen Klassiker der Sprachkritik der Umweltbewegung als sprachkritisches Phantom nachgewiesen, d.h. als ein Wort, das kaum einmal unkritisch gebraucht worden war, aber ein Eigenleben als sprachkritisches Beispiel geführt hat (vgl. Jung 1994: 77 ff.; 1995: 641). Linguistische Analyse besteht hier also aus der Überprüfung und Analyse des Gebrauchs des vorgeschlagenen Unworts und beruht auf der Kenntnis und Berücksichtigung einschlägiger Präzedenzfälle. Das in Merkels Satz aufscheinende Demokratie-Verständnis schien uns dennoch wie im Jahr zuvor alternativlos das Kriterium „Prinzipien der Demokratie verletzend“ zu erfüllen, so dass wir die Wortverbindung noch als ein weiteres zu rügendes Wort aufgenommen haben.

3.2. Weitere Unwort-Kandidaten für das Jahr 2011

Von 923 unterschiedlichen Vorschlägen für das Jahr 2011 sind neben den drei gerügten „Unwörtern“ noch folgende dreizehn „Kandidaten“ intensiver diskutiert worden: Arbeitsverdichtung, Finanzindustrie, Fleischgewicht, Gesinnungsterror, Hartz IV-TV, Langlebigkeitsrisiko, Lästigkeitsprämie, menschlicher Tsunami, partielle Kernschmelze, PIIGS, Restrisiko, systemrelevant, Wirkfunktion.

Diskutiert wurden diese Vorschläge, weil sie nach einer ersten Sichtung der vielen eingegangenen Vorschläge am ehesten einem oder mehreren der Unwort-Kriterien entsprechen oder zu entsprechen schienen. Diesbezüglich muss ergänzt werden, dass viele Vorschläge schnell beiseitegelegt werden können bzw. müssen, weil viele Einsender sich nicht darauf einlassen, Wort und Ding zu trennen und demzufolge Wörter vorschlagen, die etwas benennen, das für sie ein „Unding“ ist (Beispiele: Gammelfleisch, Altersarmut, I-Phone, Ehec), oder weil zumeist Eigennamen von Personen des öffentlichen Lebens vorgeschlagen werden, die den Einsendern nicht passen (Beispiele: Ackermann, Guttenberg, Wulff). Nicht den Kriterien entsprechend sind auch viele Vorschläge, die gegen stilästhetische Vorstellungen der Einsender verstoßen (ich sag mal so, am Ende des Tages, definitiv, Anwendungszeitpunktverschiebungsverortung), die eindeutig nur aus einer bestimmten politischen Position kritisierbar sind (Energiewende, Rettungsschirm