Ökologischer Waldschutz - Siegfried Prien - E-Book

Ökologischer Waldschutz E-Book

Siegfried Prien

0,0
49,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ecological Forest Management – Biocide-Free How can you manage your forest without synthetic biocides? Use this book to gain an overview of the current situation and of the future of your forest stand. Find out what measures you can use to stabilise your forest ecosystem. If you can keep your forest ecosystem stable, you can avoid having to use synthetic biocides in the long term, and also protect your forest stand from extreme impacts caused by climate change. *Impacts of climate change on forests *Listing and explanation of abiotic risk factors, pests and diseases *Presentation of the main components of ecological forest protection *Strategy function of integrated forest protection

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 643

Veröffentlichungsjahr: 2016

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Siegfried Prien (Hrsg.)

Ökologischer Waldschutz

Für eine biozidfreie Waldwirtschaft

Unter Mitarbeit von Paul Heydeck, F. Kost, Katrin Möller,

Michael Müller, L.-F. Otto und Hans-Peter Reike

19 Farbfotos

56 Schwarzweißfotos

34 Zeichnungen

50 Tabellen

Die in diesem Buch enthaltenen Empfehlungen und Angaben sind von der Autorin mit größter Sorgfalt zusammengestellt und geprüft worden. Eine Garantie für die Richtigkeit der Angaben kann aber nicht gegeben werden.

Autorin und Verlag übernehmen keine Haftung für Schäden und Unfälle. Bitte setzen Sie bei der Anwendung der in diesem Buch enthaltenen Empfehlungen Ihr persönliches Urteilsvermögen ein.

Der Verlag Eugen Ulmer ist nicht verantwortlich für die Inhalte der im Buch genannten Websites.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© 2016 Eugen Ulmer KG

Wollgrasweg 41, 70599 Stuttgart (Hohenheim)

E-Mail: [email protected]

Internet: www.ulmer-verlag.de

Lektorat: Anna Häusler, Heide v. Berlepsch

Herstellung: Ulla Stammel

Umschlagentwurf: Verlag Eugen Ulmer

Satz: r & p digitale medien, Leinfelden-Echterdingen

Produktion: Zeilenwert GmbH | v1

ISBN 978-3-8186-0308-3 (ePub)

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

1 Einleitung

1.1 Gegenstand und Aufgaben des Waldschutzes

1.2 Bedeutung des Waldschutzes

1.3 Waldschutz und forstliche Nachhaltigkeit

2 Klassischer Forstschutz und Ökologischer Waldschutz

2.1 Historische Entwicklung des Forst- und Waldschutzes

2.2 Definition und inhaltliche Charakterisierung

2.2.1 Klassischer Forstschutz (KFS)

2.2.2 Ökologischer Waldschutz (ÖWS)

2.2.3 Unterschiede „Klassischer“ Forstschutz / Ökologischer Waldschutz

2.3 Integrierter Waldschutz als rationelle, zukunftsorientierte Strategie

2.4 Ökologischer Waldschutz und Ökologischer Waldbau

2.5 Ökologischer Waldschutz und Naturschutz

2.6 Anwendungsbereiche für den Ökologischen Waldschutz

2.6.1 Entscheidungskriterien

2.6.2 Favorisierte Anwendungsbereiche

3Risiko- und Schadfaktoren für den mitteleuropäischen Wald

3.1 Globaler Klimawandel und Risikofaktoren für den Wald

3.1.1 Faktoren der Klimaänderung

3.1.2 Mögliche Auswirkungen auf die Waldökosysteme

3.1.3 Konsequenzen aus dem Klimawandel für den Waldschutz

3.2 Abiotische Risiko- und Schadfaktoren

3.2.1 Schäden durch Witterungsextreme

3.2.2 Abriss zu Waldbränden in Mitteleuropa

3.2.3 Schäden durch Immissionen und Depositionen

3.3 Biotische Risiko- und Schadfaktoren

3.3.1 Waldschädliche Insekten

3.3.2 Waldschädliche Mäuse

3.3.3 Jagdbare Wildarten als Risiko- und Schadfaktoren

3.3.4 Schäden durch Krankheitserreger

4 Komplexkrankheiten

4.1 Definition und Charakteristik der Komplexkrankheit

4.2 Komplexerkrankung der Weiß-Tanne

4.2.1 Vorkommen und Bedeutung

4.2.2 Symptome

4.2.3 Potenzielle Ursachenfaktoren

4.2.4 Vorbeugungs- und Schutzmaßnahmen

4.3 Komplexerkrankung an Eichen

4.3.1 Vorkommen und Bedeutung

4.3.2 Befalls-Symptome

4.3.3 Potenzielle Ursachenfaktoren und Ursachenhypothesen

4.3.4 Vorbeugungs- und Schutzmaßnahmen

4.4 Komplexerkrankung der Rot-Buche

4.4.1 Vorkommen und Bedeutung

4.4.2 Krankheitssymptome

4.4.3 Ursachen und Ursachenhypothesen

4.4.4 Waldhygiene und Waldbaumaßnahmen

4.5 Komplexerkrankung an Ulme

4.5.1 Verbreitung und Bedeutung

4.5.2 Krankheitsursachen, Prädisposition und Krankheitssymptome

4.5.3 Krankheitsverlauf

4.5.4 Monitoring

4.5.5 Waldschutzmaßnahmen

5 Hauptkomponenten des Ökologischen Waldschutzes

5.1 Übersicht der Hauptkomponenten

5.2 Zielorientierte Verringerung der Baum- und Bestandsdisposition

5.3 Ökologische Regulation − Kernstück des Ökologischen Waldschutzes

5.3.1 Übersicht der Faktorenkomplexe zur Aktivierung der Selbstregulation

5.3.2 Förderung und Schutz der Waldvögel

5.3.3 Förderung und Schutz von Fledermäusen

5.3.4 Hege und Schutz Hügel bauender Waldameisen (HWA)

5.3.5 Begünstigung und Schutz räuberischer Käfer

5.3.6 Räuberische Spinnentiere

5.3.7 Wirkung von Parasitoiden im Ökosystem Wald und Möglichkeiten der Förderung

5.3.8 Ansiedlung von Parasitoiden und Prädatoren in Waldökosystemen

6 Spezifische Verfahren zur ökologischen Stabilisierung von Forsten

6.1 Komplexe Herdmethode (KHM) nach Köhler

6.2 Mortzfeldtsche Löcherhiebe

6.3 Sauener Waldwirtschaft nach Bier

6.4 Erhöhung der ökologischen Stabilität durch Unterbau

6.4.1 Zum Begriff „Unterbau“ und seiner 290Bedeutung für den Waldschutz

6.4.2 Zur jüngeren Geschichte des Unterbaus

6.4.3 Zweckbestimmung des Unterbaus unter Berücksichtigung von Waldschutzaspekten

6.4.4 Der Einfluss des Laubholz-Unterbaus auf die Abundanz von Schädlingen

7 Monitoring der Waldschutzsituation unter Verwendung biotechnischer Methoden

7.1 Zunehmende Bedeutung des Waldschutz-Monitorings

7.2 Biologische und biotechnische Methoden der Überwachung von Schaderregern

8 Biologische und biotechnische Bekämpfung von Waldschädlingen

8.1 Möglichkeiten der biologisch-biotechnischen Bekämpfung

8.2 Einsatz von Parasitoiden zur biologischen Schädlingsbekämpfung

8.3 Biologische Bekämpfung von pilzlichen Krankheitserregern

8.4 Anwendungsbereiche für biotechnische Mittel in der Schädlingsbekämpfung

9 Zertifizierung von Waldschutzmaßnahmen

9.1 Zertifizierungorganisationen und Zertifizierungsverfahren in Deutschland

9.2 Waldschutzfachlich relevante Aspekte der Forstzertifizierung

Service

Glossar

Literaturverzeichnis

Liste der Autoren

Bildnachweis

Vorwort

Der Herausgeber wurde im Jahre 1970 an die Sektion Forstwirtschaft Tharandt der Technischen Universität Dresden auf den Lehrstuhl für Forstschutz berufen. Zu dieser Zeit befand sich die „Chemisierung“ in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) auch in der Forstwirtschaft auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung und brachte mit einer sachgemäßen Bekämpfung der Nonne (Lymantria monacha) von 1979 bis 1986 auf einer Gesamtfläche von 654,3 Tsd. ha einen durchschlagenden Erfolg. Gleichwohl bildete sich schrittweise eine Lehrmeinung heraus, die durch Erhöhung der Eigenstabilität des Waldes, Förderung der Selbstregulation und starke Betonung vorbeugender Waldschutzmaßnahmen gekennzeichnet war. Der „Integrierte Forstschutz“ war und blieb dabei die „tragende“ Strategie und das Hauptanliegen des Herausgebers.

Chemieeinsatz und chemische Bekämpfung, wie in den Kiefernwäldern der mittleren und östlichen Regionen der DDR gegen Großschädlinge oft als ultima ratio zwingend notwendig und zum damaligen Zeitpunkt allein effektiv, wurden selbstverständlich entsprechend ihrer Bedeutung im Lehrplan berücksichtigt und ausgewogen dargestellt, ohne jedoch Nebenwirkungen (Schädigung von Nicht-Zielorganismen), Nachwirkungen (Akkumulation persistenter Wirkstoffe und ihrer Metaboliten in der Umwelt) und Rückwirkungen (Resistenzbildung bei Schädlingen) zu verschweigen.

Als im Jahre 1992 an der Universität Rostock ein viersemestriges „Weiterbildendes Fernstudium Umweltschutz“ eingerichtet wurde, erhielt der Herausgeber einen Lehrauftrag für das Fachgebiet „Ökologischer Waldschutz“, den er bis zum Jahre 2005 wahrnahm. Bereichernd und der weiteren Profilierung des Lehrinhalts dienlich, waren die inhaltsreichen Diskussionen mit den Fernstudenten unterschiedlichster Fachgebiete, die jährlichen Exkursionen in die Rostocker Heide und vor allem die Betreuung der Diplomanden. Insgesamt wurden zum „Ökologischen Waldschutz“ bis 2007 über zehn Diplomarbeiten betreut, die mit guten und sehr guten Ergebnissen erfolgreich abgeschlossen wurden. Unter Federführung von Dr. Werner Pfalz, langjähriger Oberassistent am Walbaulehrstuhl in Tharandt, der zeitparallel an der Universität Rostock „Ökologische Waldwirtschaft“ lehrte, entstanden für dieses Studium die Lehrmaterialien „Waldökologie“ (2002), „Ökologische Waldwirtschaft“ (1998, 2006) und „Ökologischer Waldschutz“ (1998, 2006). Im Rahmen eines Aufbaustudiums „Umweltschutz und Raumordnung“, das zu Beginn der 90er-Jahre an der Fakultät für Umweltwissenschaften der TU Dresden eingerichtet wurde, haben wir die genannten Lehrgebiete ebenfalls einige Jahre vertreten.

Welche Besonderheiten kennzeichnen den Inhalt des vorgelegten „Ökologischen Waldschutzes“? Es sind vor allem folgende sechs:

1. Zu Beginn wird im Kap. 3.1 „Globaler Klimawandel und Risikofaktoren für den Wald“ auf der Grundlage aktueller Aussagen zur CO2-Senkungspolitik und zu Klimaprojektionen der Versuch gewagt, mögliche Auswirkungen der Klimaänderung auf abiotische Risikofaktoren und potenzielle Waldschädlinge zumindest in der Tendenz abzuleiten.

2. Unter dem Aspekt der Praxisanwendung werden eindeutige Prioritäten bei der Auswahl der Risiko- und Schadfaktoren gesetzt.

3. Wo neue Erkenntnisse und relevante Erfahrungen zu den Dispositions- und Prädispositionsfaktoren für abiotische und biotische Schadfaktoren vorliegen, werden diese explizit benannt, eine weitgehende Einschränkung ihrer Wirkung eingefordert und realistische Wege dazu gewiesen.

4. Die nachhaltige Erhöhung der mechanischen und ökologischen Stabilität von Einzelbäumen und Beständen sowie der langfristige Erhalt des Waldökosystems werden als wesentliche Voraussetzungen zur nachhaltigen Aktivierung der Selbstregulation gesehen und dargestellt.

5. Mit der Auswahl und ausführlichen Abhandlung der wesentlichen Regulatoren-Gruppen Waldvögel, Waldfledermäuse, Hügel bauende Waldameisen, räuberische Coleopteren, Spinnen und Parasitoide wird der Focus auf ein Antagonistenpotenzial gelenkt, das im intensiv genutzten, oft artenarmen Wirtschaftswald vielerorts jahrzehntelang benachteiligt wurde, in seiner Gesamtheit für den ökologischen Waldschutz aber von fundamentaler Bedeutung ist.

6. Da sich unter den im Buch gegebenen Empfehlungen zur Förderung von Regulatoren eine Vielzahl von Arten befindet, die einen Schutzstatus haben oder deren Habitate gefährdet sind, wird durch den schrittweisen Verzicht auf den Einsatz chemischer Biozide und die gezielte Ausstattung der Biotope mit ökologischen Requisiten (z.B. Biotopbäumen, Altholzgruppen, strukturreichen Waldrändern) durch die Waldschutzpraxis nachhaltig ein zunehmend größerer Beitrag zum Natur- und Artenschutz im Wirtschaftswald geleistet.

Beim vorgelegten Titel „Ökologischer Waldschutz“ handelt es sich aufgrund der Prioritätensetzung und des inhaltlichen Profils um kein Fachbuch des Waldschutzes im klassischen Sinne. Ein solches hat der Ulmer Verlag mit dem Standardwerk „Waldschutz- auf ökologischer Grundlage“ von Altenkirch, Majunke, Ohnesorge (1. Aufl. 2002), an dem der Bearbeiter ebenfalls mitarbeiten durfte, herausgegeben. Die jetzt vorgelegte Publikation „Ökologischer Waldschutz“ ergänzt das Standardwerk um aktuelle Entwicklungstrends, die sich insbesondere aus dem Klimawandel, neuen ökologischen Erkenntnissen zu bestimmten Schädlingen und der rigorosen Einschränkung bei der Anwendung synthetischer Biozide ergeben. Dieses Werk ist aber in enger Beziehung zum oben genannten Standardwerk zu sehen, und ist hinsichtlich Befallssymptomen durch Schädlinge und Diagnose von Baumkrankheiten auf den ebenfalls im Ulmer Verlag erschienen „Farbatlas Waldschäden“ (3. Aufl. 2007) von Hartmann, Nienhaus und Butin abgestimmt.

Die vorliegende Veröffentlichung „Ökologischer Waldschutz“ kann besonders folgendem Personenkreis („Zielgruppen“) empfohlen werden: Studierenden der Forstwissenschaft an Universitäten und Hochschulen mit Bachelor-Abschluss, Studierenden der Fachrichtung Forst-Management (wegen der Stoffbegrenzung und der gesetzten Prioritäten besonders geeignet!); Studierenden der Agrarwissenschaft (sofern dort auch fakultativ Waldbau und Waldschutz angeboten werden); Studierenden der Biologie/ Ökologie sowie von Umweltwissenschaften inkl. Landschaftgestaltung und-pflege sowie Naturschutz; Teilnehmern an mehrsemestrigem Fernstudium auf den genannten Fachgebieten; Lehramt-Studenten (Fach Biologie/Ökologie).

Für die Forstpraxis bietet dieses Fachbuch den Forstamts- und Revierleitern gleichermaßen Anregungen und Lösungsansätze, insbesondere hinsichtlich der Zusammenarbeit mit ehren- und hauptamtlichen Kräften des Natur- und Umweltschutzes sowie der entsprechenden Verbände bzw. Organisationen. Leiter von Nationalparks und anderen Großschutzgebieten sowie ihre Ranger sollten wesentliche Positionen des Buches zur Kenntnis nehmen − besonders jene, die mit ihren nicht übereinstimmen.

Politischen Entscheidungsträgern aller Verwaltungsebenen (Kreis, Land, Bund) kann die Publikation „Ökologischer Waldschutz“ zum Zwecke der Hintergrundinformation und Fundierung ihrer Entscheidungen in Wald- und besonders Waldschutzfragen sowie den sich aus dem Klimawandel für die Waldwirtschaft ergebenden Konsequenzen sehr empfohlen werden.

Allen im Inhaltsverzeichnis ausgewiesenen Fachkolleginnen und Fachkollegen danke ich für ihre konstruktive Mitarbeit, das verständnisvolle Eingehen auf inhaltliche Wünsche sowie die Unterstützung bei der Beschaffung aktueller Informationen und Fotos. Da alle sechs Mitstreiter auf dem Gebiet des ökologischen Waldschutzes „gestandene“ Fachexperten sind, ein eigenes ausgeprägtes Fachprofil haben und in Forschung, Lehre und Praxis langjährige Erfahrungen sammeln konnten, habe ich deren Beiträge selbstverständlich unverändert in das Gesamtmanuskript übernommen. Für evtl. Rückfragen bitte ich, das zu beachten.

Der Herausgeber erhielt für die Manuskriptgestaltung auch durch ehemalige Diplomanden und Doktoranden sowie weitere Fachkolleginnen und Fachkollegen eine Vielzahl von Informationen, Fotos, Sachhinweisen und Kritiken für die er sich herzlich bedankt. Ein besonderer Dank gilt: FD W. Ahrenhövel (Gotha), Dr. Frischbier (Gotha), FD D. Fritzlar (Mühlhausen), DFI M. Hartig (Tharandt), Dr. A. Mann (Tharandt), Prof. Dr. C. Majunke (Eberswalde), DFI S. Martens (Dresden), Dr. Niesar (Gummersbach), Dr. H. Polley (Eberswalde), DFI T. Roch (Radeburg), DFI F. Schuffenhauer (Halle), DFI S. Stiefel (Erfurt), DFW Thiele (Gotha) und DFW A. Wenzel (Gotha).

Den Mitarbeitern der SLUB Dresden, Zweigstelle Forstwese, dankt der Herausgeber herzlich für die beratende Unterstützung bei der Beschaffung aktueller Fachbeiträge und für die oft gewährte „Suchhilfe“ in den langen Regalen des imposanten und sehr nutzerfreundlichen forstlichen Wissensspeichers Tharandt.

Herrn Matthias Ulmer danken wir für die Aufnahme des Buches in das Verlagsprogramm des Hauses. Der Herausgeber bedankt sich besonders bei den Lektoren, Frau Anna Häusler und Herrn Werner Baumeister, für die stets konstruktive, hilfreiche Zusammenarbeit bei der Manuskriptgestaltung.

1 Einleitung

Im Vordergrund des ökologischen Waldschutzes stehen Maßnahmen zum Schutz gegen Forstschädlinge oder Umwelteinflüsse.

1.1 Gegenstand und Aufgaben des Waldschutzes

Den Gegenstand des Waldschutzes bilden die auf das Ökosystem Wald, den Bestand und den Einzelbaum einwirkenden Belastungs- und Risikofaktoren sowie geeignete Maßnahmen zur Vorbeugung, zum Monitoring und zur Prognose sowie zur Therapie von Waldkrankheiten im weitesten Sinne. Hauptanliegen ist es dabei, im Wirtschaftswald die wichtigsten, meist multifunktionalen Wirtschaftsziele und gesellschaftlichen Anliegen abzusichern und Waldschäden zu verhindern oder zumindest zu minimieren.

Es liegt im Trend, dass künftig auch die zumindest stichprobenartige periodische Erfassung (Inventur) relevanter Regulatorengruppen, z.B. der Kleinvögel, der Waldfledermäuse, der Hügel bauenden Waldameisen, relevanter räuberischer Coleopteren sowie ausgewählter Parasitoide von Großschädlingen, und die Beurteilung ihrer Lebensbedingungen im Wirtschaftswald als „Daueraufgabe“ des Waldschutzes in Ausbildung und Praxis anzusehen sind. In den Forschungs- und Kompetenzzentren einiger Bundesländer sollten dafür schrittweise die apparativ-experimentellen und personellen Voraussetzungen ergänzt bzw. geschaffen werden.

Eine Vielzahl abiotischer, anthropogen und biotisch bedingter potenzieller Risikofaktoren kann den Wald überdurchschnittlich belasten, gefährden und partiell oder großflächig schädigen und im Extremfall zerstören. Dem Waldeigentümer kann so ein ökologisch und ökonomisch mehr oder weniger schwerer Schaden zugefügt werden, weil die vielfältigen Waldfunktionen erheblich gestört und die Nachhaltigkeit gefährdet werden.

In Wäldern, in denen die maximale Holzproduktion und das Erzielen von Einkommen nicht das Hauptziel waldwirtschaftlicher Tätigkeit ist, z.B. in Erholungs- und Schutzwäldern verschiedenster Kategorie, sind die Waldschutzmaßnahmen vorrangig auf die Gewährleistung dieser funktionsbedingten Ziele und den Erhalt des Ökosystems Wald als wesentliches Landschaftselement zu richten. Darüber hinaus haben die Manager dieser Gebiete die Aufgabe, initiale Massenvermehrungen forstlicher Groß- und Hauptschädlinge (z.B. blatt- und nadelfressende Insekten, Borkenkäfer) in den Kernzonen des Schutzgebietes kontinuierlich zu überwachen und in deren engerer Umgebung zeitgerecht gezielte Waldschutzmaßnahmen zur Verhinderung der Migration dieser Schädlinge in benachbarte Wirtschaftswälder zu veranlassen.

Synonyme: Forstschutz, Forstpathologie, Forstlicher Pflanzenschutz

Die den Wald bedrohenden und gefährdenden Risiko- und Schadfaktoren können folgenden Haupt-Ursachengruppen zugeordnet werden:

• Abiotische Risikofaktoren (z.B. Schnee- und Sturmkatastrophen, Überschwemmungen);

• Anthropogen bedingte Schadfaktoren (z.B. Waldbrände, Immissionsschäden);

• Tierische Schädlinge (z.B. Insekten, forstschädliche Mäuse);

• Schäden durch Wild (z.B. Verbiss-, Fege- und Schälschäden durch wiederkäuendes Schalenwild);

• Krankheitserreger (z.B. Mykosen, Bakteriosen,Virosen);

• Komplexkrankheiten (z.B. Tannensterben, Eichensterben, Buchensterben).

Abb. 1 Aufgaben des Waldschutzes bzw. Ökologischen Waldschutzes (ÖWS) in Lehre, Forschung und Praxis

Dem Waldschutz obliegen vorrangig folgende Aufgaben (Abb. 1):

• Das Erkennen anormaler („abweichender“) bzw. krankhafter Veränderungen an Einzelbäumen, am Bestand und am Ökosystem Wald sowie das möglichst exakte Beschreiben und Klassifizieren der Schädigungssymptome (Symptomatik) und schließlich die Diagnostik des Schädlings bzw. Schaderregers;

• das Aufklären der Ursachen (Ätiologie);

• Analyse der die Instabilität und das Schadensrisiko begünstigenden Einflüsse und Umstände (Dispositions- und Prädispositionsfaktoren);

• Komplexes, kontinuierliches Monitoring aller wesentlichen abiotischen Risikofaktoren, Schädlinge und Krankheitserreger (Forstschutz – Meldewesen);

• bei Gefahr des Überschreitens einer kritischen Belastungsgrenze bzw. einer wirtschaftlichen Schadensschwelle rechtzeitige Erarbeitung einer wissenschaftlichen Prognose der Entwicklung potenzieller Schaderreger (Schaderregerprognose), der Witterung (Wettervorhersage) und des zu erwartenden Schadens (Schadensprognose);

• periodische Beurteilung der waldhygienischen Situation und Einleitung geeigneter waldhygienischer Maßnahmen (ökologische Regulierung);

• Abwehr und aktive, gezielte Bekämpfung von Schadfaktoren, Schädlingen und Krankheitserregern mit den modernsten physikalischen, chemischen und biologisch-biotechnischen Verfahren (Zu beachten: der ökologische Waldschutz verzichtet auf Biozide!);

• die Wahrnehmung der hoheitlich-polizeilichen Aufgaben im Walde (Gewährleistung von Sauberkeit, Ordnung und Sicherheit)

Das Wahrnehmen dieser Aufgaben in der Praxis erfordert eine vorausschauende, strategisch richtige Einordnung der Waldschutzaufgaben in die Führungstätigkeit der verschiedenen Leitungsebenen und vor allem in den laufenden Betriebsvollzug. Dazu stehen den Waldeigentümern, Revierleitern, Forstämtern und den Landesforstdirektionen in nahezu allen Bundesländern in den jeweiligen Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalten bzw.

Kompetenzzentren leistungsstarke Abteilungen Waldschutz zur Verfügung.

Wie dieses Aufgabenspektrum auf dem Gebiet des Waldschutzes den jeweiligen Funktionsträgern in der Praxis zuzuordnen ist, und auf welche Anleitungen sich die Waldbesitzer, Revier- und Forstamtsleiter dabei stützen können, ist in den einzelnen Bundesländern in Dienstanweisungen, speziellen Merkblättern bzw. in einem „Waldschutzordner“ etwas unterschiedlich geregelt (Abb. 2).

Abb. 2 Waldschutzordner – Anleitung für die Forstpraxis in Brandenburg

1.2 Bedeutung des Waldschutzes

Durch Waldschäden werden der Landschaft, dem Ökosystem Wald und letztlich dem Waldeigentümer sowohl durch chronische, wenig spektakuläre Schadeinflüsse als auch durch Katastrophenereignisse (z.B. Sturmkatastrophen, Großwaldbrände) und Insektenkalamitäten (z.B. Nonnen- und Borkenkäferkalamitäten) Verluste zugefügt, die möglichst minimiert werden sollten.

Im langjährigen Mittel können die in den deutschen Wäldern entstehenden Schäden auf mindestens 400 bis 600 Mio. EUR pro Jahr geschätzt werden, obwohl umfangreiche, zielgerichtete prophylaktische und therapeutische Waldschutzmaßnahmen durchgeführt werden.

Sowohl das Bundeswaldgesetz (BWaldG) vom 02. 05. 1975 (BGBl. I S. 1037) als auch die Waldgesetze der Länder messen wegen der landschaftsökologischen, waldbaulichen und ökonomischen Auswirkungen von Schädigungen dem Waldschutz einen hohen Stellenwert bei. Diese hohe Bedeutung des Waldschutzes besteht u.a. im Folgenden:

• Erhaltung und Schutz von Waldökosystemen,

• Wald als Landschaftselement,

• Erhaltung der Multifunktionalität,

• ökologische Stabilisierung, Erhaltung und Erhöhung der Artenvielfalt,

• Reduzierung substanzieller und ökonomischer Verluste im Wirtschaftswald (indirekt: Erhöhung des Holzertrags),

• Minderung der negativen Auswirkungen von Urbanisierung und Industrialisierung (Waldbrände, Immissionen, Grundwasserabsenkungen etc.),

• Minderung der voraussichtlichen Folgen einer Klimaänderung,

• verstärkte Maßnahmen zur Erhaltung und Erhöhung der Vitalität der Bäume und Bestände auf ausgewählten Standorten,

• zielorientierte Durchführung waldbaulicher Anpassungsmaßnahmen,

• Erweiterung des Spektrums der zu überwachenden Schadfaktoren und Schädlinge (z.B. Trockenstress, Waldschädlinge),

• Gewährleistung einer weitgehend kontinuierlichen forstlichen Produktion (stabile Versorgung des regionalen Holzmarktes, Mechanisierung der Waldarbeit/Effektivität),

• Einschränkung bzw. Vermeidung des Einsatzes chemischer Pflanzenschutzmittel,

• Trinkwasserschutzgebiete,

• stadtnahe Erholungsgebiete,

• Naturparke,

• Waldgebiete, die nach den Grundsätzen der naturgemäßen Waldwirtschaft bewirtschaftet werden und / oder zertifiziert werden sollen.

Obwohl durch gesetzliche Regelungen (Waldgesetze, Naturschutzgesetze, Pflanzenschutzgesetz etc.) und langfristig vorbeugende waldbauliche Maßnahmen (z.B. ökologischen Waldumbau) Beachtliches zur Erhaltung der Vitalität und Erhöhung der Stabilität des Waldes geleistet wird, nimmt die Bedeutung des Waldschutzes europaweit und global zu und wird auch langfristig einen hohen Stellenwert behalten. Dabei gewinnen gleichzeitig sachorientierte und koordinierende Aspekte des Natur- und Umweltschutzes, die bei der Waldhygiene und im praktischen Forstschutz zu berücksichtigen sind, an Bedeutung.

1.3 Ökologischer Waldschutz und forstliche Nachhaltigkeit

Geht man traditionell von den Grundbeziehungen der Nachhaltigkeit in der Waldwirtschaft zwischen Holzvorrat, Holzzuwachs und Holzertrag aus (Kurth 1994), dann wird sichtbar, dass Risiko- und Schadfaktoren fundamentalen Einfluss auf jede Einzelne dieser Beziehungen und damit auf die forstliche Nachhaltigkeit haben. Es kann hier nur auf einige Aspekte aus der Sicht des Forst- und Waldschutzes skizzenhaft eingegangen werden:

• Der Holzvorrat wird durch fast jeden Schaden der am Einzelbaum oder flächig auftritt und zur Mortalität einer kleineren oder größeren Anzahl von Bäumen führt, verringert; bei schweren oder gar katastrophenartigen Schäden fallen so schlagartig Tausende von Bäumen innerhalb der Nachhaltseinheit aus (z.B. bei Sturmschadkatastrophen oder Insektenkalamitäten);

• der für die laufende mittelfristige Planungsperiode („Forsteinrichtungszeitraum“) und für den Zeitraum bis zum Erreichen bestimmter Zielstärken kalkulierte Holzzuwachs fällt deutlich geringer aus (z.B. als Folge starken Einzel- und Nesterbruchs durch Nassschnee,Lichtfraß durch nadelfressende Insekten);

• die wirtschaftlich schwerwiegendste Konsequenz für den Waldeigentümer ist, dass der erwartete Holzertrag, z.B. für ein Dezennium, nicht annähernd realisierbar ist, da mit einem plötzlichen massenhaften Angebot an Schadholz regional auch häufig ein vorübergehender Preisverfall einsetzt, treten selbst beim Verkauf dieser Holzmengen oft erhebliche Erlösverluste ein.

Die Nachhaltigkeit des Holzertrages wird also durch Schadereignisse über Jahrzehnte empfindlich gestört. Hinzu kommt, dass mit Schadereignissen, die einen Kahlschlag und damit eine längere Freilage des Bodens zur Folge haben, oft schwerwiegende Bodenschäden einhergehen: die Humusschicht wird stark aktiviert und abgebaut. Bei diesem Prozess der Mineralisierung werden zu schnell wertvolle Nährelemente ausgewaschen und unnötig Stickstoff freigesetzt; je nach Bodenart und Geländeneigung wird Feinerde abgeschwemmt (Bodenerosion). Die Bodenfruchtbarkeit kann für Jahrzehnte gestört und das künftige Holzertragsvermögen von Teilen der Nachhaltseinheit vermindert werden. Die Erfüllung der vielfältigen Funktionen des Waldes, z.B. Klimafunktion, Schutzfunktion im Gebirge, Erholungsfunktion, bleibt zumindest für einige Jahre eingeschränkt.

Es soll nun keinesfalls der Eindruck erweckt werden, eine hohe Stabilität des Wirtschaftswaldes und ein ökologischer Waldschutz könnten grundsätzlich alle katastrophenartigen Schäden verhindern und so die Einhaltung der Nachhaltigkeitsbedingungen gewährleisten. Was ein naturnaher Waldbau und ein integrierter ökologischer Waldschutz aber vermögen ist: gegenüber einer Vielzahl von abiotischen und biotischen Schadfaktoren langfristig für eine Risikominderung zu sorgen und so durchaus wesentlich zur Gewährleistung der Nachhaltigkeit beizutragen.

Dem Verfasser ist bewusst, dass der Begriff „Nachhaltigkeit“ gegenwärtig, insbesondere seit der „Konferenz Europäischer Forstminister“ 1993 in Helsinki und der Definition der Expertenkonferenz in Genf 1994, gesamtwirtschaftliche, ressourcenschonende, multifunktionale, ökologische und soziale Komponenten umfasst (Stinglwagner, Haseder, Erlbeck 2005). Deshalb die Betonung der forstlichen Nachhaltigkeit, bei der Holzertrag und langfristiges Holzertragsvermögen des Standorts im Mittelpunkt stehen und der Verzicht auf die weiter gefasste allgemeine Nachhaltigkeit.

2 Klassischer Forstschutz und Ökologischer Waldschutz

Die wissenschaftliche Disziplin Forst- oder (zutreffender) Waldschutz und praktische Forstschutzmaßnahmen entwickelten sich parallel mit der schrittweisen Durchsetzung einer „geregelten Forstwirtschaft“ zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Der schlechte („ausgeplünderte“) Zustand der meisten deutschen und mitteleuropäischen Wälder und der rasant steigende Holzbedarf, insbesondere der Industrienationen, erforderten nicht nur eine Steigerung der Holzerzeugung, sondern auch eine Begrenzung bzw. Vermeidung von Waldschäden und Holzverlusten. Eine Leistungssteigerung der forstlichen Hauptproduktion bei gleichzeitiger Wahrung der Nachhaltigkeit wurde, wenn auch regional und temporär unterschiedlich intensiv, zum zentralen Anliegen der geregelten Forstwirtschaft.

Die Entwicklung der forstlichen Hauptdisziplinen Waldbau, Forsttaxation, forstliche Ertragskunde und Forsteinrichtung sowie Forstnutzung einschließlich Holzmarktkunde und Forstschutz verlief außerordentlich erfolgreich. Sie ist u.a. durch das Wirken und die wissenschaftlichen Schulen der Forstlichen Klassiker Heinrich Cotta (1763−1844), Georg Ludwig Hartig (1764−1837), Carl Justus Heyer (1797−1856), Johann Christian Hundeshagen (1783−1834), Gottlob König (1779−1849) und Friedrich Wilhelm Leopold Pfeil (1783−1859) geprägt.

2.1 Historische Entwicklung des Forst- und Waldschutzes

Der Begriff Forstschutz wurde offensichtlich von Georg Ludwig Hartig geprägt und findet sich erstmalig in seinem „Lehrbuch für Förster“ (1808); aber bereits J. H. Jung (1781) spricht von Forsthut, meint damit das hüten (schützen) des Forstes und damit den Forstschutz.

Während an den meisten deutschen und mitteleuropäischen Forstlichen Meisterschulen und Forsthochschulen bzw. Forstabteilungen der Universitäten zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Fachdisziplin Forstschutz durch andere Fachvertreter, z.B. Waldbaulehrer, Zoologen, gelehrt und über Jahrzehnte an Teilen des bereits relativ einheitlich strukturierten Lehrgebietes „gezerrt“ wurde, um sie in andere Lehrgebiete mehr oder weniger zu integrieren (z.B. den Forstschutz gegen Tiere in die Entomologie/Zoologie, den Schutz gegen abiotische Risikofaktoren in den Waldbau bzw. teilweise in die Meteorologie/Klimakunde und den Schutz gegen Pilze/Bakterien in die Phytopathologie oder Botanik) ist es wohl das bleibende Verdienst der Thüringer Natur- und Forstwissenschaftler Johann Matthäus Bechstein und Richard Alexander Heß, dieses forstliche Lehr- und Forschungsgebiet entscheidend geprägt zu haben. Bechstein (1757−1822), Lehrer an den Forstschulen in Walthershausen und Dreißigacker, ist gleichzeitig als einer der Begründer der Forstentomologie anzusehen (Prien u. Müller 1989).

Richard Heß (1835−1916), Ordentlicher Professor der Forstwissenschaften an der Universität Gießen, Julius Theodor Christian Ratzeburg (1801−1871), Ordentlicher Professor für Naturwissenschaften an der Forstakademie Eberswalde, Karl Leopold Escherich (1871−1951), Professor für Forstzoologie an der Universität München u.a., haben dieser Wissenschaftsdisziplin schließlich Struktur und Profil gegeben. Mit der Herausgabe des zweibändigen Standardwerkes „Der Forstschutz“ von Heß/Beck (1876/1878), wurde das einheitliche Lehrgebäude „Forstschutz“ ausgebaut und komplettiert.

Tab. 1 Katastrophenartige Schadereignisse in deutschen Wäldern im 18., 19. und 20. Jahrhundert (eine Auswahl) Jahr Schadensereignis Regionen 1700/11 Große „Wurmtrocknis“ (Massenbefall durch den Großen achtzähnigen Fichtenborkenkäfer (Buchdrucker), Ips typographus) im Westharz, später im gesamten Harz (mittlere u. höhere Lagen) 1776/77 Massenvermehrung der Forleule (Panolis flammea) Groß Schönebecker Forst (Schorfheide), Uckermark 1830/? Forleulen-Gradation Uckermark, Raum Eberswalde 1921/24 Großräumigste aller Forleulen-Gradationen! Nordost- Brandenburg, Pommern bis Ostpreußen (Befallsfläche: > 0,5 Mio. ha) 1923/24 Massenvermehrung der Nonne (Lymantria monacha) Ostpreußen, Pommern, Mecklenburg, Brandenburg. 1946 Katastrophen-Sturmschäden im Sommer Bayern, Thüringer Wald, Harz, Teile Baden- Württembergs 1947/51 Größte Borkenkäfer-Kalamität der Nachkriegs- zeit (Folge der „unsauberen Wirtschaft“ während des Krieges u. der Sturmschäden) Thüringer Wald, Harz, SW- Deutschland 1977/86 Größte und längste Nonnen-Gradation der jüngeren Forstgeschichte Gradationsgebiet reichte von Polen bis zur niederl. Grenze 1980 Säkulares Schneebruchereignis in Sachsen (ca. 5,0 Mio. m3 Schadholz) Erzgebirge, Vogtland, Hügelland 1981 Schneebruchkatastrophe in Thüringen (5,5 Mio. m3 Schadholz) Thüringer Wald, Thür. Schieferg. Hügelland 1990 Größte Sturmschadenkatastrophe der jüngeren Forstgeschichte in Europa durch Orkan „Vivian“ u. „Wiebke“ (> 35 Mio. m3 Schadholz) West- und Mitteleuropa 1999 Orkan „Lothar“ 186,6 Mio. m3 Schadholz in Deutschland, Frankreich und der Schweiz West- und Mitteleuropa (vor allem in Frankreich, Schweiz, Süddeutschland (Schwarzwald) und Österreich) 2007 Orkan „Kyrill“ 28,3 m3 Schadholz in Deutschland Baden-Württemberg, Bayern, Thüringen, Sachsen, NRW

Schließlich war es Professor Fritz Schwerdtfeger (1905−1986), Eberswalde, der trotz der zeitbedingt enormen Schwierigkeiten und des Manuskriptverlustes während des Zweiten Weltkrieges eine stärkere theoretische und besonders ökologische Fundierung in dem Standardwerk „Die Waldkrankheiten. Ein Lehrbuch der Forstpathologie und des Forstschutzes“ vornahm. Im neuesten, 2002 erschienenen deutschsprachigen Standardwerk „Waldschutz: auf ökologischer Grundlage“ (Herausgeber: Wolfgang Altenkirch, C. Majunke, B. Ohnesorge) findet dieser Trend zur stärkeren Ökologisierung der Fachdisziplin ihre erkenntnis- und zeitbedingte Fortsetzung.

Mit der Zunahme des Nadelholzanbaus, überwiegend in Form von großflächigen Monokulturen bzw. gleichaltrigen Reinbeständen, im Verlauf des 19. Jahrhunderts nahmen auch die abiotisch und biotisch bedingten Schadereignisse zu (Tab. 1). Die Notwendigkeit, geeignete Mittel und Verfahren des Forstschutzes zu entwickeln, nahm folgerichtig ebenfalls zu. Gegen wichtige abiotische Risikofaktoren wurden vorrangig Vorbeugungsmaßnahmen empfohlen, gegen Massenvermehrungen von Schädlingen mechanisch-physikalische Bekämpfungsverfahren angewendet (Tab. 2).

Verstärkte Chemieanwendung im Forstschutz

Erst mit der Entdeckung und Synthetisierung anorganischer Insektizide und der Entwicklung entsprechender Spritz-, Sprüh- und Stäubeverfahren sowie des Flugzeugeinsatzes im Forstschutz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die umfangreiche Anwendung der chemischen Forstschädlingsbekämpfung mit all ihren Vor- und Nachteilen durchführbar. Meilensteine auf diesem Weg waren:

• Die Möglichkeit des Flugzeugeinsatzes zur großflächigen Applikation chemischer Pflanzenschutzmittel (Patentanmeldung durch den preußischen Oberförster Zimmermann im Jahre 1912); 1925 erste avichemische Bekämpfung der Nonne im Sorauer Stadtwald).

• Die Entdeckung und Produktion geeigneter insektizider Wirkstoffe, insbesondere aus der Gruppe der chlorierten Kohlenwasserstoffe. Der Schweizer Chemiker Paul Hermann Müller entdeckte 1939 die insektizide Wirkung des bereits im Jahre 1874 durch den österreichischen Chemiker Othmar Zeidler synthetisierten Dichlordiphenyltrichlorethans (DDT). Es wurde bereits 1943 unter dem Handelsnamen „Gesarol“ auch in der Forstschädlingsbekämpfung eingesetzt.

• Die als Folge der Massenproduktion und des Exports mögliche Verbilligung der chemischen Bekämpfungsmittel (Pestizide) und die relativ lange Zeit andauernde „Unterbelichtung“ der negativen Nebenwirkungen auf Nichtzielorganismen und die Akkumulation persistenter Substanzen in Nahrungsketten und der Umwelt.

Einsetzende Ökologisierung des Forstschutzes

Obwohl die unerwünschten Nebenwirkungen (Schädigung der Biozönose), die Nachwirkungen (Verbleib toxischer Rückstände des Wirkstoffes und seiner Metaboliten in der Biosphäre und die Akkumulation in Nahrungsketten, Pflanzen, Boden und Wasser) sowie die evtl. Rückwirkungen (Erscheinung der Insektizidresistenz) der chemischen Schädlingsbekämpfung bereits Mitte des 20. Jahrhunderts in den Grundzügen bekannt waren, verlief der Verzicht auf den Einsatz der besonders gefährlichen chlorierten Kohlenwasserstoffe DDT, HCH etc. in den meisten mittel- und nordeuropäischen Ländern sehr schleppend (erst in den 70er-Jahren schritten einige Regierungen, darunter die der Bundesrepublik Deutschland, unter dem Einfluss der Ökologie- und Umweltschutzbewegung zu einem konsequenten DDT-Verbot! In der DDR wurde nahezu zeitgleich im gesamten Pflanzenschutz durch Vorschriften zur „Einhaltung sehr niedriger Toleranzwerte bei Gemüse und anderen Nahrungsmitteln“, durch „erhebliche Anwendungsbeschränkungen im Bereich Forstwirtschaft“ und durch Verwendung anderer, angeblich weniger toxischer Pflanzenschutzmittel der Anwendungsausstieg aus dieser den Menschen und seine Umwelt gefährdenden Wirkstoffgruppen ebenfalls eingeleitet (Prien 1975; Prien, Klausnitzer 1977; Sedlag 1980).

Parallel zur Diskussion um die Gefährlichkeit des DDTs und weiterer synthetischer Wirkstoffe setzte dann mit erheblicher Verzögerung in Mitteleuropa ein Rückgang bei der Herstellung und Anwendung chemischer Pflanzenschutzmittel ein. Die Anzahl der im Forstschutz zugelassenen Handelspräparate bzw. Mittel (M) und Wirkstoffe (W) nahm ab 1975 deutlich ab, darunter am stärksten bei den Insektiziden (1975: 68 M / 22 W; 1990: 54/18; 2000: 12/6; Tab. 2).

Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts nahmen Forschungsintensität, Mittelproduktion und Anwendungsumfang bei biologischen und biotechnischen Bekämpfungsmitteln auch in der Forstwirtschaft zu:

• Bei der Bekämpfung bestimmter blatt- und nadelfressender Schädlinge wurden zunehmend häufiger Bakterienpräparate auf der Basis von Bazillus thuringiensis-Stämmen (z.B. Dipel) und von Häutungshemmern (z.B. Dimilin) eingesetzt.

• In der Prognose und Bekämpfung der gefährlichsten Fichtenborkenkäfer konnte durch die Anwendung von Pheromonen (z.B. Pheroprax, Chalcoprax, Linoprax) und den Einsatz effektiver Fallensysteme (Barrierefallen, Fallenstern) auf die Verwendung von Insektiziden weitgehend verzichtet werden.

• In der Bekämpfung des gefährlichsten Schädlings in Nadelholzkulturen, des Großen braunen Rüsselkäfers (Hylobius abietis), erfolgte die Abkehr vom umweltbedenklichen Insektizid HCH hin zum sehr begrenzten, betont gezielten Einsatz von weniger umweltschädlichen Mitteln und teilweiser Kopplung mit Fangsystemen (Prien, Pohris, Majunke 1978; Müller 1993; Neumann u. Müller 1991).

• Durch die erhebliche Reduktion des Holzeinschlags, den weitgehenden Verzicht auf Kahlschläge und die Verringerung des Anteils der Nadelbaumkulturen (positive Folgen der Umstellung auf naturnahe Waldwirtschaft) nach der politischen und wirtschaftlichen Wende auch in den ostdeutschen Bundesländern und den meisten Ländern Osteuropas, wurde diesem gefährlichsten Kulturschädling auch biologisch-ökologisch weitgehend „der Boden entzogen“. Der Käfer benötigt für seine optimale Entwicklung und Massenvermehrung u.a. eine ausreichende Anzahl frischer Stubben in sonniger Lage, wie sie besonders die Groß-Kahlschlagwirtschaft in weiten Teilen Ostdeutschlands, Nord- und Osteuropas jahrzehntelang geboten hat.

• Schließlich sind die wesentlichen Veränderungen und der zunehmende Verzicht auf den Einsatz von Rodentiziden bei der Überwachung und Bekämpfung forstschädlicher Mäusearten in einigen Bundesländern zu nennen, obwohl die Anzahl der im Handel verfügbaren Mittel (M) in den letzten beiden Jahrzehnten stark anstieg, während die Anzahl der Wirkstoffe (W) etwa konstant blieb (1969: 8 M/2 W; 2010: 29/3 (!), siehe Tab. 2).

Auch in der Landwirtschaft, im Obstbau und besonders im Gemüseanbau (vorrangig „unter Glas“ und damit unter kontrollierten Wachstumsbedingungen) gab es Bemühungen, die gefährlichsten Wirkstoffe durch weniger umweltschädliche zu ersetzen. Dabei standen wegen der Häufigkeit der Anwendungen die Resistenzproblematik, die Grundwassergefährdung und die Akkumulation persistenter Wirkstoffe und ihrer Metaboliten in Nahrungsketten im Mittelpunkt der Diskussion. Aber auch wegen des starken Rückgangs der Niederwildbestände geriet die Landwirtschaft in die Kritik und diskutierte zunehmend verantwortungsbewusster Auswege (Prien 1975; Prien u. Gärtner 1984; Prien u. Pohris 1984).

In der Forstwirtschaft wurde der biologische und biotechnische Pflanzenschutz für verschiedene Risiko- und Befallssituationen zu einer auch wirtschaftlich gesehen nahezu gleichwertigen Behandlungsalternative im Vergleich zum traditionellen, auch weiterhin stark durch die chemische Bekämpfung geprägten Pflanzenschutz im Feld- und Obstbau. Im Gartenbau, namentlich bei Kulturen „unter Glas“, wurden bedeutende Fortschritte bei der Anwendung biologischer und biotechnischer Mittel erreicht (Hoffmann et al. 1985).

Das Erscheinen der Fachbücher „Biologische Schädlingsbekämpfung unter Berücksichtigung integrierter Verfahren“ von J. M. Franz und A. Krieg 1970 (1.Auflage) und „Biologische Schädlingsbekämpfung“ von U. Sedlag 1974 (1. Auflage) kann als weiteres Indiz dafür gewertet werden, dass sich mittlerweile für bestimmte Schädlingsgruppen, Waldeigentumskategorien und Waldökosysteme praxisrelevante Alternativen zum stark „Chemie geprägten“ Pflanzenschutz entwickelt haben.

Das bedeutet keinesfalls, dass etwa bereits in wenigen Jahren oder Jahrzehnten auf den Einsatz synthetischer chemischer Wirkstoffe auch im Forstschutz verzichtet werden kann – er sollte jedoch zumindest bei besonders umweltbelastenden, aber amtlich noch zugelassenen Pestiziden erst nach gründlicher Prüfung anderer, umweltverträglicher Bekämpfungsalternativen als „ultima ratio“ Anwendung finden!

2.2 Definition und inhaltliche Charakterisierung

Den „Klassischen Forstschutz“ und den „Ökologischen Waldschutz“ zu definieren, ist bei aller Kompliziertheit durchaus möglich – vorausgesetzt, man meidet bewusst akademische Spitzfindigkeit und rechthaberische Intoleranz gegenüber anderen Auffassungen. Dennoch bleibt ein solcher Versuch zumindest durch eine Akzentuierung bestimmter Sachverhalte subjektiv „belastet“ (wie übrigens auch die meisten „Wissenschaftlichen Schulen“).

2.2.1 „Klassischer“ Forstschutz (KFS)

Unter „Klassischem“ Forstschutz ist die Lehre von den abiotischen und biotischen Gefährdungen und Beschädigungen der Bäume und Bestände, der Überwachung und Prognose der Schadfaktoren bzw. des Schadverlaufs und der weitgehenden Vermeidung von Schäden durch alle potenziell geeignete Vorbeugungs- und Bekämpfungsmaßnahmen zu verstehen.

Synonyme: Forstlicher Pflanzenschutz, Forstpathologie

Diese Definition des einheitlichen Lehrgebäudes Forstschutz steht auf zwei wesentlichen Säulen: der Forstpathologie (= Lehre von der Diagnose, den Gefährdungen und Krankheiten des Forstes bzw. Waldes) und dem Forstschutz i. e. S. (= Lehre von der Überwachung / Prognose, der Prophylaxe und den Therapiemaßnahmen). Beide Teilgebiete wurden und werden an den europäischen Universitäten und Fachhochschulen überwiegend an einem Lehrstuhl vertreten. Das Standardwerk des Waldschutzes im deutschsprachigen Raum der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts „Die Waldkrankheiten“ von F. Schwerdtfeger (4. Aufl., 1981) trägt denn auch entsprechend den Untertitel „Ein Lehrbuch der Forstpathologie und des Forstschutzes“.

Was die Mittel und Verfahren der Bekämpfung anbelangt, werden physikalische, chemische und biologisch-biotechnische Schutzverfahren dem neuesten Erkenntnisstand und den praktischen Erfordernissen entsprechend dargestellt. Eine gewisse Dominanz der chemischen Bekämpfungsverfahren ist (zeitgeist- bzw. wirtschaftsbedingt) unverkennbar.

Das neue Standardwerk „Waldschutz auf ökologischer Grundlage“, herausgegeben von W. Altenkirch (Göttingen), C. Majunke (Eberswalde) und B. Ohnesorge (Stuttgart), 2002 im Verlag Ulmer erschienen, trägt wesentlich dazu bei, trotz weiter notwendiger Spezialisierung in Forschung und Lehre, das einheitliche Lehrgebäude „Forst- bzw. Waldschutz“ zu erhalten und den Praxisanforderungen der Zukunft entsprechend auszubauen. Die sehr gute ökologische Fundierung, die gebührende Berücksichtigung von Natur- und Umweltschutzaspekten und vor allem die bei der Auswahl und Empfehlung von Waldschutzmaßnahmen gebotene Vielfalt an Möglichkeiten sind für die Gestaltung von Forschung und Lehre sowie die forstliche Praxis gleichermaßen eine fachlich sichere, ausgewogene Orientierung.

2.2.2 Ökologischer Waldschutz (ÖWS)

Unter „Ökologischem Waldschutz“ ist die Lehre von den abiotischen und biotischen Gefährdungen und Beschädigungen der Bäume, Bestände und Waldökosysteme, die Diagnose, Überwachung und Prognose der Schadfaktoren bzw. des Schadverlaufes und die weitgehende Vermeidung von Schäden durch Minimierung der Prädispositionsfaktoren und vor allem eine optimale Aktivierung der Selbstregulierungskräfte und des Regenerationsvermögens der Bestände und Waldökosysteme zu verstehen. Verstärkte, vorrangig in Waldbau und Holzernte integrierte Waldhygiene- und Vorbeugungsmaßnahmen, die zielorientierte Förderung und der Schutz relevanter Regulatorengruppen sowie die Anwendung biologischer und biotechnischer Bekämpfungsmaßnahmen gegenüber Schädlingen und Krankheiten sind „Eckpfeiler“ des ÖWS.

Synonyme: Biologischer Waldschutz, „Integrierter“ Forstpflanzenschutz, „Integrierter“ Waldschutz (die beiden letzten Termini bezeichnen eher eine Strategie!).

Der ökologische Waldschutz ist demzufolge stark ökosystemar und standortbezogen orientiert. Er rückt die Stärkung und Ausnutzung der systemeigenen Kräfte zur Erhöhung der ökologischen Stabilität, Selbstregulierung und Regeneration in den Mittelpunkt der Betrachtungs- und Handlungsweise. Da sich der ÖWS bei der Überwachung und Bekämpfung von Schädlingen und Krankheitserregern auf die Anwendung biologisch-biotechnischer Mittel und Verfahren beschränkt und auf den Einsatz chemischer (synthetischer) Wirkstoffe, soweit sie primär biozid wirken, bewusst verzichtet, ist er im Prinzip ein nahezu chemie- und fremdstofffreier, insbesondere aber ein chemobiozidfreier Waldschutz!

2.2.3 Unterschiede „Klassischer“ Forstschutz / Ökologischer Waldschutz

Analog zur naturnahen Waldwirtschaft bzw. dem ökologischen Waldbau entwickelt sich im Forstschutz der ökologische Waldschutz als zeitgemäße und zukunftsorientierte Denk- und Handlungsalternative zunächst und vorrangig für bestimmte Anwendungsbereiche. Aber ebenso wie etwa der ökologische Waldbau kein neues, autarkes Lehrgebäude benötigt, gilt das für den ökologischen Waldschutz. Er ist und bleibt integraler Bestandteil des einheitlichen Lehrgebäudes Waldschutz. Wesentlich sind aber die stark veränderte Prioritätenverschiebung zugunsten der Selbstregulation, die zielgerichtete Förderung biologischer Regulatoren, die prophylaktische Minimierung von Prädispositionen sowie der konsequente Verzicht auf synthetische Biozide. Es ist daher zweckdienlich, den ÖWS als Teilgebiet des gesamten Waldschutzes separat darzustellen. Vorrangige Gründe dafür sind, dass eine Reihe von Bundesländern, insbesondere in Ostdeutschland, bei der Novellierung oder Neufassung ihrer Waldgesetze nach der politischen Wende einen chemiefreien oder biologischen Waldschutz „festgeschrieben“ haben. Es besteht aktuell Informations-, Diskussions- und Handlungsbedarf bei der Ausnutzung der Möglichkeiten, die der ÖWS für die Forstschutzpraxis bietet.

Für die Aus- und Fortbildung, insbesondere auch für weiterbildende Fernstudien auf den Gebieten der „Ökologischen Waldwirtschaft“ sowie des Natur- und Umweltschutzes bietet sich eine Darstellung dieses Teilgebietes des Waldschutzes an. Es zeichnet sich für die Zukunft eine Fachausbildung und der Einsatz von „Forst-Managern“ in verschiedenen Verwaltungsebenen ab (Setzer 2014), für die der ÖWS das geeignete inhaltliche Profil für das Lehrgebiet „Waldschutz“ bietet. Die Zertifizierungssysteme, z.B. Pan European Forest Certification (PEFC) und Forest Stewardship Council (FSC), favorisieren den chemiefreien Waldschutz sehr stark, sodass es in der forstlichen Praxis nicht selten zu Definitions- und Bewertungsproblemen sowie zu voreiligen Selbstbeschränkungen der Waldeigentümer kommt.

In der Waldschutzpraxis zeichnen sich auch international bereits recht deutlich Bereiche ab, in denen ausschließlich Maßnahmen des ökologischen Waldschutzes Anwendung finden. Für Mittel- und Osteuropa bzw. den EU-Raum sind das u.a.:

• Stadtwälder und stadtnahe Erholungswälder;

• Wälder, die in hohem Maße der Erholung und dem Tourismus dienen, z.B. Landschaftsparks;

• Wälder mit dominierenden Sonderfunktionen (z.B. Wasserschutzwälder);

• Nationalparks, Wald- Naturschutzgebiete, Biosphärenreservate und andere Groß-Schutzgebiete (sofern überhaupt Waldschutz zugelassen wird!);

• artenreiche, naturnahe Waldökosysteme, z.B. Laubwälder der Flussauen, in denen durch den Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel ökologisch schwerwiegende Nebenwirkungen zu erwarten sind;

• große und mittelgroße Privatforstbetriebe, die sich auf eine „naturgemäße“ Waldwirtschaft festgelegt haben und nicht selten jegliche Anwendung von Pestiziden ablehnen;

• verschiedene Kirchenwälder;

• Kleinprivatwaldbesitzer, für die aus den verschiedensten Gründen der „klassische“ Forstschutz nicht sinnvoll erscheint (Kleinflächigkeit des Waldbesitzes, finanzieller Aufwand zu hoch, unzureichende Fachkompetenz und fehlender Sachkundenachweis für den Umgang mit chemischen Bekämpfungsmitteln etc.);

• Forstbetriebe, die ihre Wirtschaftsweise freiwillig durch besonders strenge Zertifizierungssysteme bewerten lassen.

Die Entscheidungen, nur noch Maßnahmen des ökologischen Waldschutzes durchzuführen, nehmen ständig zu. Besonders in den vier zuletzt genannten Eigentümerkategorien handelt es sich dabei nicht selten auch um großflächige Tabubereiche für die Anwendung chemischer Pflanzenschutzmittel. Unter Einschluss der CFC- und PEFC-zertifizierten Wälder umfasst die Waldfläche, auf der bei der Bewirtschaftung auf den Einsatz synthetischer Biozide verzichtet werden soll, 70 bis 80 % des gesamten Wirtschaftswaldes!

2.3 Integrierter Waldschutz als rationelle, zukunftsorientierte Strategie

Mit der Berufung des Herausgebers zum Lehrstuhlinhaber für Forstschutz an die damalige Sektion Forstwirtschaft Tharandt der TU Dresden im Jahre 1971 ergab sich im Hinblick auf Lehre und Forschung die Notwendigkeit, den Terminus „Integrierter Forstschutz“ (IFS) weiter zu präzisieren. Außerdem wurde der wesentliche Inhalt des Begriffs durch acht „Grundsätze des IFS“ ergänzt, die nahezu alle noch heute Gültigkeit haben (Prien 1972, 1974).

Unter dem Begriff „Integrierter Waldschutz“ ist eine umfassende, stark ökosystemar ausgerichtete Strategie des Waldschutzes zu verstehen, bei der die zielorientierte Ausnutzung der relativen Selbstregulation des Ökosystems Wald und die vorbeugende Verhütung von Waldschäden durch Minimierung der Prädisposition, waldhygienische und prophylaktische Maßnahmen im Vordergrund stehen. Dabei sind die praktischen Maßnahmen der Waldhygiene, der Förderung von Regulatoren, der Erhöhung der ökologischen und mechanischen Stabilität der Bäume und Bestände weitgehend Bestandteil der forstlichen Hauptarbeiten in den Bereichen Waldbau und Holzernte, d. h., sie sind in die laufenden Hauptarbeiten logistisch und betriebswirtschaftlich optimal zu integrieren. Selbst die Bekämpfung zur Gradation neigender Schädlinge, z.B. des Großen braunen Rüsselkäfers und der Fichtenborkenkäfer, lässt sich weitgehend parallel mit den Hauptarbeiten durchführen (Prien 2006).

Der Begriff IWS sagt damit absichtlich nur wenig über die Mittel und Verfahren des Waldschutzes aus. Er beschreibt aber den Hauptweg zum Hauptziel, nämlich durch eine hohe ökologische und mechanische Stabilität des Waldes, die Ausnutzung und möglichst Förderung der Selbstregulation und eine vorbeugende Verhütung von Schäden im Wirtschaftswald eine nachhaltige Waldwirtschaft zu gewährleisten.

IWS ist so eine zeitgemäße und zugleich zukunftsweisende Strategie des modernen Waldschutzes. Sie gilt demzufolge für den Forst- bzw. Waldschutz allgemein und ist nicht etwa auf den ökologischen Waldschutz begrenzt, obwohl bei diesem umfassender durchsetzbar.

Diese Begriffsdefinition ist nicht mit der im Pflanzenschutzgesetz vorgegebenen und im Pflanzenschutz der Landwirtschaft gebräuchlichen Definition identisch (diese geht von den kurzlebigen, überwiegend sogar einjährigen Agrarökosystemen aus, die mit den naturnahen „Dauer“-Ökosystemen des Waldes überhaupt nicht vergleichbar sind!). Der IPS in der Landwirtschaft und im Gartenbau ist im Prinzip ein weitgehend kombinierter Pflanzenschutz, was er auch sein will. Gisi (2012) sagt ebenfalls:„Der integrierte Pflanzenschutz ist primär eine Kombination (Hervorhebung. Prien) von agronomischen und chemischen Maßnahmen, aber auch biologische, physikalische und molekulare Methoden sollen eingebaut werden“.

Eine Gleichsetzung der Begriffe „Integrierter Waldschutz“ und „Ökologischer Waldschutz“ bzw. der synonyme Gebrauch dieser Fachtermini ist ebenfalls abzulehnen, weil damit Strategie und Verfahren bzw. Mittel des Waldschutzes „in einen Topf“ geworfen und fachliche Ordnungssysteme missachtet sowie Ungereimtheiten gefördert würden.

Tab. 3 Veränderungen in der Waldstruktur die die Ökosystemstabilität der Waldbestände fördern − Ergebnisse der dritten Bundeswaldinventur (BNJ 2012) Ökol. Parameter Maßeinheit 2. BWI (2002) 3. BWI (2012) Ursachen, Motive Baumartenstruktur Fichte (%) 28,9 25,4 (–8) Sturmschäden, Waldumbau, hohe Nachfrage des Holzmarktes Wald-Kiefer (%) 23,9 22,3 (–3) Waldumbau zur ökologischen Stabilitätserhöhung ökol. Stabilisierung Lärche (%) 2,9   2,8 Ertragssteigerung Tanne (%) 1,6   1,8 (+11) Stabilitätserhöhung Douglasie (%) 1,7   2,0 (+19) Ertragssteigerung, Klimawandel (?) Nadelholz zus. (%)* 58,954,2 Rot-Buche (%) 15,2 15,4 Waldumbau, Stabilisierung Eichen-Arten (%) 9,8 15,4 (+6) Stabilitätserhöhung, Artenvielfalt Sonst. Hartlaubholz (%) 6,0 Waldumbau Weichlaubholz (%) 10,1 10,4 Klimatoleranz, Sukzession (?) Laubholz zus. (%) 41,143,4 Stabilitätserhöhung Artenvielfalt, Waldnaturschutz Strukturvielfalt Stabilitätserhöhung  – Mischbestd. (%) 57,0 (+5) Artenvielfalt, Strukturverbesserung  – Zweischicht. (%) 11,0 Artenschutz Totholz (m3/ha) 20,6 Artenvielfalt, Naturschutz, ökol. Stabilität Biotopbäume  – Specht- u.- Höhlenb. (Mio) etwa 22,0 Artenschutz  – Horstbäume (Mio) etwa 0,74 Natur- u. Artenschutz

2.4 Ökologischer Waldschutz und Ökologischer Waldbau

Seit Ende des vergangenen Jahrhunderts haben sich fast alle deutschen Bundesländer eindeutig zur Abkehr vom Altersklassenwald bekannt und von der bevorzugten großflächigen Schlagwirtschaft losgesagt. In den neuen oder novellierten Landeswaldgesetzen und ihren Nachfolgeverordnungen wurde ein stärker ökologisch orientierter Waldbau festgeschrieben. Der Wirtschaftswald in der mittleren und fernen Zukunft soll ein horizontal und vertikal stark strukturierter Mischwald sein.

Der Weg zu diesem anspruchsvollen Ziel führt über laubholzreiche, teilweise gemischte künstliche Bestandsbegründung, die Förderung der Naturverjüngung, insbesondere in Laubholz- und Mischbeständen, sowie über den ökologischen Waldumbau (Voranbau, Unterbau etc.). Die Ergebnisse der dritten Bundeswaldinventur (BWI) bestätigen beachtliche Fortschritte bei der Umsetzung dieser anspruchsvollen Zielsetzung (BWI 2012; Polley 2015). Für den Waldschutz sind alle die ökologische und mechanische Stabilität der Bestände belegenden Parameter von besonderem Interesse (Tab. 3).

Der ökologische Waldbau ist also voll „im Gange“ und wird zweifelsfrei in manchen Regionen und an zahlreichen Forstorten zu einer erheblichen ökologischen Stabilisierung, einer relevanten Risikominderung und zu einer Verringerung der Prädisposition für bestimmte Schadfaktoren und Schädlinge führen. Es muss jedoch stets bedacht werden, dass die stabilisierende Wirkung des Waldumbaus zunächst bescheiden, nach einigen Jahrzehnten bereits stärker und erst gegen Ende einer Umtriebszeit annähernd optimal zur Geltung gelangt. Hinzu kommen die durch den Klimawandel bedingten neuen Risiken. Die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen des Waldumbaus, zumindest mittel- und langfristig, sind nicht ausreichend erforscht und lassen sich daher nur grob abschätzen.

Zwischen ökologischem Waldbau und ökologischem Waldschutz gibt es ein hohes Maß an Gemeinsamkeiten. Um Waldschutzaspekte künftig noch zielorientierter und vor allem schadensvorbeugend in waldbauliche Entscheidungen einfließen zu lassen, sind eine rechtzeitige Koordination und optimale Kooperation u.a. in folgenden Fragen wichtig:

• Bei der Prioritätensetzung von Waldumbaumaßnahmen (Anliegen des ÖWS: Verringerung von Disposition und Prädisposition an bestimmten Lokalitäten);

• bei der weiteren Veränderung der Baumartenstruktur (Anliegen: ausreichende Berücksichtigung von Baumarten mit einem hohen Adaptionsvermögen);

• zielorientierte, zeitgerechte Jungwuchs- und Jungbestandspflege sowie Durchforstung (Anliegen: höhere mechanische Stabilität gegenüber Schneebelastungen und Stürmen sichern);

• Entscheidungen zur Akkumulation von Totholz (Anliegen: Vermeidung von neuem Stehendbefall durch Belassen von fängischem Schadholz am falschen Ort; weitere Erhöhung des Anteils an Stark- und Altholz sowie Höhlen-Bäumen);

• Waldrandgestaltung (Anliegen: aktive Eingriffe zur Lichtregulierung; Förderung der Artenvielfalt und damit des Gegenspielerpotenzials);

• Strategie des Schalenwild-Managements (Anliegen: ausreichende, dauerhafte Bestandsregulierung nach Wildart und Forstort, Verbesserung der Äsungsbedingungen, Sicherung des Waldumbaus).

Diese und weitere wichtige Anliegen beider Fachdisziplinen ausreichend abgestimmt, nach Priorität eingeordnet, koordiniert zu bearbeiten beginnt bereits bei Forschungs- und Überleitungsprojekten. In der „rauen“ täglichen Praxis liegen Entscheidungsbefugnis und Verantwortung meist ohnehin „in einer Hand“ (Waldbesitzer, Forstamtsleiter, Revierförster etc.) und werden überwiegend im Sinne des integrierten Waldschutzes wahrgenommen. Dennoch kommt es in Verwaltung und Praxis wegen Nichtbeachtung von Vernetzungen, falscher Prioritätensetzung, fehlerhaften Entscheidungen etc. mitunter zu nicht annähernd optimalen Lösungen und vermeidbaren Risikosituationen.

2.5 Ökologischer Waldschutz und Waldnaturschutz

Ähnlich wie zwischen dem ökologischen Waldschutz und dem ökologischen Waldbau gibt es auch zwischen dem ökologischen Waldschutz und dem Waldnaturschutz in verschiedenen Sachfragen enge Beziehungen. Einige mit der Schad- und Totholzproblematik, der Förderung und dem Schutz wichtiger Regulatoren-Gruppen, der Artenvielfalt und dem Artenschutz sowie der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln zusammenhängenden Probleme bedürfen der kritischen Prüfung aus beiden Blickwinkeln. U. a. sollte für folgende Entscheidungsfelder eine Meinungskongruenz zwischen ökologischem Waldschutz und Waldnaturschutz erzielt werden:

• Höhe und Struktur von Totholz eines Revieres. Eine Sukzession von fängischem Schadholz zu Totholz kann nur an Forstorten zugelassen werden, wo ein minimales Risiko für Stehendbefall durch Borkenkäfer gegeben ist (was „minimal“ ist, haben nur der Waldeigentümer und/oder der Revierleiter zu entscheiden!);

• die Auswahl von Biotopbäumen (einschließlich Horstbäumen) in einem Revier und der „Schutzabstand“ von Horstbäumen bei Forstarbeiten sollten gemeinsam durch den zuständigen Revierförster und kompetente Naturschützer vorgenommen werden;

• konkrete Anliegen des Naturschutzes bezüglich der Förderung bestimmter gefährdeter Pflanzen- und Tierarten durch Maßnahmen der Habitatgestaltung und Rücksichtnahme bei den Waldbau- und Holzerntearbeiten sind rechtzeitig möglichst vor Ort zu diskutieren und dann verbindlich zu vereinbaren (z.B. Schutz von Orchideenarten, Käferarten, Vogelarten);

• die Waldeigentümer und Revierleiter sind gut beraten, eine geordnete, koordinierte und dauerhafte Zusammenarbeit mit ortsansässigen ehrenamtlichen Naturschützern und Biologielehrern auf Spezialgebieten anzustreben (z.B. mit Botanikern, Entomologen, Ornithologen, Fledermausschützern);

• ein großes und berechtigtes Interesse an einer gewissen Mitsprache hat der Naturschutz bei der Gestaltung von Waldrändern (Anliegen: mehr Struktur, mehr ökologische Nischen, höhere Artenvielfalt);

• geradezu beispielhaft vollzieht sich in den meisten Revieren der einzelnen Bundesländer die koordinierte Zusammenarbeit zwischen den ehrenamtlichen Ameisenhegern der Deutschen Ameisenschutzwarte e.V. (DASW) und den lokalen Waldeigentümern und zuständigen Revierleitern (siehe auch Kap. 5.3.4.5 „Not- und Rettungsumsiedlung Hügel bauender Waldameisen“).

2.6 Anwendungsbereiche für den Ökologischen Waldschutz

Die Bereiche, in denen eine totale Abkehr vom Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel, insbesondere den Pestiziden, im Walde vollzogen wurde, haben in den letzten 20 bis 30 Jahren stark zugenommen. Als Hauptursache dieser Entwicklung ist der Erkenntnisgewinn über die negativen Nebenwirkungen (nachhaltige Wirkung auf Nichtzielorganismen, darunter zahlreicher Gruppen ökologischer Regulatoren), Nachwirkungen (Akkumulation persistenter Wirkstoffe und mancher ihrer Metaboliten) und Rückwirkungen (Resistenzbildung bei Schädlingen) bestimmter Pflanzenschutzmittel anzusehen. Auch durch die Öko- und Umweltbewegung wurde eine breite Öffentlichkeit sensibilisiert und die Abkehr von der großflächigen Pestizidapplikationen beschleunigt. Dabei wurden nicht selten fundamentalistische und ideologische Positionen vertreten, die in ihren Auswirkungen wirtschaftsschädigend waren.

Der Prozess der Entscheidungsfindung bei einer Bekämpfung von Waldschädlingen bleibt hinsichtlich der Wahl der Mittel, der Applikationstechnologie und des Zeitpunktes schwierig. Er verlangt solides Fach- und Spezialwissen sowie meist koordinierte Teamarbeit.

2.6.1 Entscheidungskriterien

Mit einer Entscheidung gegen jeglichen gezielten Einsatz von Bioziden zur Bekämpfung von Forstschädlingen bei Gradationen (sowie kulturschädlichen, unerwünschten Gräsern und Kräutern) geht der Waldbesitzer bei der gegenwärtigen und auch noch Jahrzehnte in den Grundzügen andauernden Baumarten- und Bestandsstrukturen (Anteil älterer Kiefern- und Fichtenreinbestände) ein hohes Risiko ein. Daher wird empfohlen, durch Gewährleistung eines guten Vitalitätszustandes, einer hohen mechanischen und ökologischen Stabilität der Bäume und Bestände sowie unter bestmöglicher Aktivierung der Selbstregulierungskräfte des Waldökosystems das Risiko für abiotische Schadfaktoren (besonders Sturm und Schnee) unbedingt kontinuierlich weiter zu verringern und die Prädisposition für den Massenbefall durch Großschädlinge merklich abzusenken. Diese Ziele schrittweise zu erreichen, erfordert zwingend, im Waldschutz der Zukunft andere Prioritäten zu setzen.

Bei einer Entscheidungsvorbereitung über wichtige Waldschutzschutzmaßnahmen, insbesondere die Bekämpfung von forstlichen Großschädlingen oder die Begrenzung von Komplexkrankheiten, sollten u.a. folgende Kriterien maßgebend sein:

• die Beurteilung der Gefährlichkeit und Migrationsfähigkeit des Schädlings sowie der kritischen Befallsgrenze (Befallsprognose);

• die möglichst exakte Einschätzung des Fluktuationsstadiums für das aktuelle Gradationsgebiet;

• eine fundierte, durch Probeflächen und Laboruntersuchungen gestützte Beurteilung der Konstitution der Schädlingspopulation (stadien- und generationsbezogene Angaben zum Parasitierungsgrad, zur Mortalität etc.);

• Beurteilung der aktuell zugelassenen Pflanzenschutzmittel nach Applikationseigenschaften, Wirkungsgrad und Wirkungsdauer sowie Umweltverträglichkeit für den konkreten Entscheidungsfall;

• Einschätzung (besser Modellberechnung!) der Mortalität, des Zuwachsausfalls und evtl. der Kosten für die Waldverjüngung sowie potenzieller Umweltschäden bei Unterlassen der Bekämpfung (Schadensprognose);

• Beurteilung der Gefährdung von Waldflächen benachbarter Waldeigentümer (bei unterlassenen oder nicht termin- und sachgerecht getroffenen Forstschutzmaßnahmen können Schadenersatzansprüche drohen);

• Kosten-Nutzen-Kalkulation (Berücksichtigung steuerlicher Absetzbarkeit von Kosten, und möglicher Fördermittel).

Für ökologisch, forstschutzfachlich und betriebswirtschaftlich schwierige Entscheidungsfälle bei drohenden Gradationen sollten möglichst Rat und Unterstützung des zuständigen forstlichen Forschungsinstituts bzw. des Landeskompetenzzentrums in Anspruch genommen werden.

2.6.2 Favorisierte Anwendungsbereiche

Während fundamentalistisch und ideologisch verbrämte Ablehnungen chemischer Forstschutzmaßnahmen häufiger vorkommen, steckt die ökologisch und forstschutzfachlich fundierte Anwendung des ökologischen Waldschutzes, gewissermaßen als komplexes System von Maßnahmen, noch in den Anfängen. Dessen ungeachtet werden aber wesentliche Anliegen und Inhalte des ÖWS bereits Jahrzehnte praktiziert und seitdem der ökologische Waldumbau in allen deutschen Bundesländern „Programm“ ist auch auf großer Fläche umgesetzt.

Nachstehend werden die wichtigsten Kategorien von Wäldern und die Gründe benannt, auf einen Einsatz von Bioziden generell zu verzichten, dafür aber eine höhere Komplexität und Intensität des ÖWS durchzusetzen. So können das Risiko für Waldschäden sukzessive gesenkt und die Multifunktionalität des Waldes auch ohne Biozideinsatz nachhaltig gewährleistet werden.

2.6.2.1 Stadtwälder

Die meisten Stadtwälder erstrecken sich teilweise noch im Stadtbereich, an den Stadträndern, aber zumindest im stadtnahen Umfeld. Sie haben je nach Orografie, der Nähe zu Flüssen, Bergen bzw. Erhebungen und der Standortsgüte oft sehr abwechslungsreiche Baumbestände. Ihnen gemeinsam sind sehr hohe Erwartungen an die Multifunktionalität und besonders aber an das Erfüllen vielfältiger Erholungs- und Freizeitleistungen. Entsprechend sind denn auch der Grad der Erschließung und die Ausstattung zumindest der besonders stadtnahen Waldbereiche mit Spiel-, Sport- und Freizeitplätzen bis hin zu Versorgungseinrichtungen.

Die Frequentierung derartiger Waldgebiete durch Spaziergänger, Hundehalter, Wanderer, Pilzesucher, Radfahrer, Sporttreibende ist überwiegend ganzjährig extrem hoch. Mancherorts kommen noch Reitsportler und gelegentliche Massensportveranstaltungen hinzu, z.B. Waldläufe (von illegalen Laufstrecken und „Trimm-Dich-Strecken“ ganz abgesehen).

Derartige Stadtwälder (bzw. je nach Wald- und Stadtgröße bestimmte Bereiche) sind erhöhten und dauerhaften Belastungen ausgesetzt. Sie müssen möglichst vital und in jeder Hinsicht stabil sein. Massenvermehrungen von Schädlingen muss, wo immer möglich und sinnvoll, unbedingt bereits prophylaktisch wirksam begegnet werden. Bahnen sich dennoch Gradationen an, kommen nur umweltverträgliche Forstschutzmaßnahmen im Sinne des ÖWS in Betracht. Eine Pestizidanwendung ist aus einer Vielzahl von Gründen inakzeptabel und würde bei der Bevölkerung der Stadt keine Akzeptanz finden.

2.6.2.2 Erholungswaldgebiete

In den letzten Jahrzehnten wurden in zunehmendem Maße Erholungswaldgebiete erschlossen und mit Infrastruktureinrichtungen wie Parkplätzen, Wander- und Schutzhütten, Rastplätzen mit Sitzgruppen, Sport- und Erlebniseinrichtungen etc. ausgestattet. Da diese Gebiete meist großräumig ausgeschieden und arrondiert wurden, werden sie durch Waldbesucher sehr unterschiedlich frequentiert.

Bei einer anstehenden Entscheidung zur Eindämmung einer bevorstehenden Massenvermehrung, z.B. einer Insektenkalamität, kann hinsichtlich der Wahl des Bekämpfungsmittels dann zwischen „sensiblen“ und den übrigen Bereichen des Erholungswaldes differenziert werden. Im ersten Fall könnte ein u.U. teures biotechnisches Präparat Anwendung finden mit einem möglicherweise niedrigen Wirkungsgrad von 60−70 % (weil Wirksamkeit stärker temperaturabhängig), im zweiten Fall ein vergleichsweise kostengünstigeres Mittel mit einer sicheren Abtötungsrate von 85−95 %. Im ersten Fall könnte es noch zumindest kleinflächig zu einem Nasch- bis Lichtfraß kommen, während im zweiten Fraßschäden nahezu völlig verhindert würden. Auch die Abgänge (Zufallsnutzungen) in den Folgejahren würden unterschiedlich sein.

Auf welchen Waldflächen die Wahrscheinlichkeit einer deutlich kürzeren Latenzphase und das Anbahnen einer erneuten Gradation größer sind, weil das Gegenspielerpotenzial durch den Einsatz der verschiedenen Wirksubstanzen unterschiedlich stark und nachhaltig gestört wurde, lässt sich nur logisch ableiten.

2.6.2.3 Schutzgebiete der unterschiedlichsten Kategorien

Die Schutz- und Sondergebiete werden den beiden Haupt-Schutzkategorien Waldpflegebereiche und Vollschutzgebiete zugeordnet. Zu den Waldpflegebereichen gehören: Naturdenkmale, Geschützte Landschaftsbestandteile, Landschaftsschutzgebiete und Staatswald ARB (= außer regelmäßigem Betrieb). Den Vollschutzgebieten sind Naturwaldreservate und Große Waldschutzgebiete zuzuordnen. Zu Letzteren gehören die Nationalparke, Biosphärenreservate und Wildnisgebiete (Scherzinger 1996).

Die Gebiete der ersten Haupt-Schutzkategorie haben entweder keine größere Flächenausdehnung, sodass dort selten Waldschutzprobleme mit Gefahren für das nähere Umfeld ausgehen oder es können Waldschutzmaßnahmen nahezu uneingeschränkt wie im übrigen Wirtschaftswald durchgeführt werden. Hinzu kommt, dass in den großflächigen, waldbestockten Landschaftsschutzgebieten gegenwärtig noch fachlich kompetente Forstleute Deutungshoheit und Verantwortlichkeit besitzen. Damit ist gewährleistet, dass alle relevanten Waldschutzaufgaben von der Schädlingsüberwachung über die Prognose bis zu aktiven Bekämpfungsmaßnahmen fach- und termingerecht wahrgenommen werden können. Dazu gehört auch die gebührende Beachtung und Integration von rationalen Naturschutzzielen.

Abb. 3 Autochthoner Fichten-Hochlagenbestand mit femelartiger Struktur auf dem Schloßberg bei Oberhof/Thüringen (825 m über NN; Naturschutzgebiet) − ohne angemessenen Waldschutz im engeren Umfeld des Bestandes in den letzten Jahrzehnten würde er nicht mehr existieren.

Für die meisten Gebiete der zweiten Haupt-Schutzkategorie wie Nationalparks, Biosphärenreservate, größere Naturschutzgebiete etc. wird durch die zuständigen Behörden des Natur- und Umweltschutzes auf zunehmender Fläche ein Prozessschutz angestrebt. In den Nationalparks ist das Bemühen ausgeprägt, die Kernzone rasch zu erweitern und nach Wahlen bei günstigen umweltpolitischen Machtkonstellationen auch die Gesamtgröße des Schutzgebietes zu erweitern oder gar neue zu deklarieren. Die gravierenden Nachteile für die regionale holzverarbeitende Industrie und die nachfolgenden Verarbeitungsstufen werden rasch sichtbar, die Einschränkungen für andere Waldnutzer, insbesondere auch Waldbesucher und Touristen, folgen später „scheibchenweise“.

Insgesamt wird in der Bundesrepublik Deutschland angestrebt, zehn Prozent der Waldfläche aus der Bewirtschaftung und damit aus der Holznutzung herauszunehmen (nach der dritten Bundeswaldinventur sind es bereits 5,5 %). Ein aktiver, gezielter Waldschutz wird in diesen Schutzgebieten nur selten betrieben. Äußerst wertvolle, überwiegend autochthone Altholzbestände und Genreservoire werden „in großem Stil“ dem Borkenkäfer überlassen und wertvoller Rohstoff der Holzindustrie entzogen. Das Gefährlichste und Verderblichste an dieser Entwicklung ist, dass man anderen Bundesländern und manchen Nachbarländern dieses Vorgehen zur Nachahmung empfiehlt.

Für die mittelfristige und fernere Zukunft ist im Interesse einer großflächigen Walderhaltung und der Minderung der Gefahr einer Migration von forstlichen Großschädlingen aus Waldgebieten der zweiten Haupt-Schutzkategorie, also der Nationalparks und Biosphärenreservate sowie größerer Naturschutzgebiete, ein ökologisch verträglicher, den Schutzzielen für das Gebiet entsprechender Forst- bzw. Waldschutz betrieben wird.

Abb. 4 Buchen-Fichten-Lärchen-Mischbestand im Verjüngungsstadium – ein Beispiel für einen ertragreichen, stabilen Wald (Rev. Dolmar, FA Schwarza/Thür.),

Die Berechtigung der Forderung nach einem ordnungsgemäßen Waldschutz für Schutzgebiete (selbstverständlich den Schutzzielen angemessen und subsidiär) ergibt sich aus folgenden Sachzwängen:

• Die Waldflächen der genannten Schutzkategorien haben seit der Wiedervereinigung regional stark zugenommen. Weitere Nationalparks sind von bestimmten umweltpolitischen Gruppierungen und einigen Landesregierungen vorgesehen. Da im näheren Umfeld derartiger Großschutzgebiete, die fast ausschließlich aus jahrhundertealtem Landeswald hervorgegangen sind, Wirtschaftswald der verschiedensten Eigentumsformen angrenzt, sind Gefahren der Schädlingsmigration oder anderer „Initialfaktoren“ (z.B. Sturmschäden als Folge vorgelagerter, ungepflegter Altholzbestände; Waldbrände; Überschwemmungen) durch vorbeugende Waldschutzmaßnahmen weitgehend zu minimieren.

• Mit dem Klimawandel wird sich das Gefährdungsrisiko für verschiedene abiotische Schäden und für Gradationen forstlicher Großschädlinge zumindest regional weiter erhöhen. Dieses Gefährdungspotenzial muss für zusammenhängende Waldgebiete, darunter auch den Großschutzgebieten, mit einheitlichen bzw. zumindest vergleichbaren Methoden des modernen Waldschutz-Monitorings intensiv überwacht werden. Gegebenenfalls sind koordinierte Waldschutzmaßnahmen, z.B. gegen polyphage Nadel- und Laubfresser wie Nonne oder gegen bestandsvernichtende Borkenkäfer, erforderlich.

• Es zeichnet sich nach der sachlich fundamentierten, weisen Entscheidung des Oberlandesgerichts Hamm/NRW ab, dass eintretende Waldschäden bei benachbarten (angrenzenden) Waldeigentümern, die auf eine Vernachlässigung notwendiger Waldhygiene- und Waldschutzmaßnahmen einer „Initialfläche“ verursacht oder stark begünstigt wurden, durch den Verursacher zu erstatten sind (OLG Hamm, Urteil 2012).

• Weite Kreise der Bevölkerung werden künftig nicht mehr bereit sein, einen derart verschwenderischen Umgang mit dem wertvollen Rohstoff Holz und der Ressource Wald zu akzeptieren, wie das in manchen Regionen Deutschlands noch in jüngster Vergangenheit der Fall war. Auch die Forderungen großer Naturschutzverbände, bis zu 10 % der Waldfläche nicht zu bewirtschaften und de facto aus der Nutzung zu nehmen, ist aus Sicht des Bearbeiters irreal.

2.6.2.4 Bewirtschaftung des Kleinprivatwaldes

Der bäuerliche Kleinprivatwald ist im Allgemeinen stark horizontal strukturiert: Er ist meist kleinflächig bis parzelliert, weist zwischen benachbarten Parzellen oft markante Altersunterschiede auf und hat mitunter auch eine abweichende Baumartenstruktur. In einem inhomogenen Wald neigen Schädlinge seltener zu Massenvermehrungen. Wenn dann noch, begünstigt durch häufige Randlinien- und Lichtschachteffekte, Prädatoren, z.B. Waldameisen, Kleinvögel, Fledermäuse, entsprechende ökologische Nischen haben, ist die Prädisposition für Schädlingsbefall flächenbezogen vermutlich gering.

In einem so oder ähnlich ausgestatteten und strukturierten Wald wird seit jeher meist auf den Einsatz von Bioziden verzichtet, weil eine Applikation der Mittel nur manuell (z.B. Anbringen von Giftspritzringen gegen aufbaumende Larven und nicht flugfähige Schmetterlinge) bzw. motor-manuell (z.B. Kronenbestäubung einzelner Bäume vom Boden) erfolgen könnte. Zudem verfügen Kleinwaldbesitzer nur selten über den gesetzlich geforderten Sachkundenachweis für den Umgang mit chemischen Pflanzenschutzmitteln. Eine bessere Information und Praxisunterweisung („Waldschutz-Training“ analog zum Waldpflege-Training) könnte dazu beitragen, die Möglichkeiten des gezielten ökologischen Waldschutzes in dieser Eigentümerkategorie noch besser zu nutzen. Da diese Wälder häufig Familienunternehmen gehören, bei denen die Einkommen aus der Waldwirtschaft auch das Familieneinkommen mitbestimmen, sind sie darauf bedacht, einen möglichst hohen Anteil der notwendigen Waldarbeiten in Eigenleistung zu erbringen und kostenintensive Fremdleistungen möglichst gering zu halten. Bei fast allen Arbeiten des ökologischen Waldschutzes ist das auch möglich.

2.6.2.5 Betriebe der naturgemäßen Waldwirtschaft

Waldeigentümer, die Mitglied oder Sympathisant der „Arbeitsgemeinschaft für Naturgemäße Waldwirtschaft“ (ANW) sind, wirtschaften meist stark ökologisch orientiert und umweltbewusst. Waldschutzaufgaben werden ohne Biozideinsatz und weitgehend im Sinne des hier interpretierten ökologischen Waldschutzes durchgeführt. Die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft in Deutschland hat im Jahre 2014 ihre ökologischen Grundsätze neu formuliert. Unter Punkt acht heißt es explizit: „grundsätzlicher Verzicht auf Einsatz ökosystemfremder Stoffe (Dünger, Biozide)“ (Wolf Hockenjos 2014). Nach vorsichtigen Schätzungen kann unterstellt werden, dass gegenwärtig bereits 20 bis 25 % des Wirtschaftswaldes nach den Grundsätzen der ANW bewirtschaftet werden.

Prominente Vertreter der ANW heben aber in Gesprächen hervor, dass es häufig Schwierigkeiten gibt und Kompromisse eingegangen werden müssen, wenn es um die Einhaltung waldhygienischer Mindestforderungen geht, z.B. bei der termingerechten Holzabfuhr. Ebenso beklagen und polemisieren Waldbesitzer, die nach den Grundsätzen der ANW wirtschaften, dass Zielsetzungen im ökologischen Waldumbau durch maßlos überhöhte Schalenwildbestände in der Nachbarschaft ihres Waldes gefährdet oder infolge notwendiger Wildschutzmaßnahmen verteuert werden (Hockenjos 2014; von Rotenhan 2014).

3 Risiko- und Schadfaktoren für den mitteleuropäischen Wald

Die Wälder sind einer Vielzahl abiotischer und biotischer Risiko- und Schadfaktoren ausgesetzt. Es kann deshalb nur für die wesentlichsten potenziellen Risikofaktoren ein Überblick gegeben werden. Dabei ist zu beachten, dass nicht jeder negative Einfluss und jede Beschädigung zugleich auch einen wirtschaftlichen Schaden darstellt.

Für vertiefende, thematische Studien sei auf das Fach- und Lehrbuch „Waldschutz auf ökologischer Grundlage“ (Altenkirch, Majunke, Ohnesorge 2002), die zitierte Fachliteratur sowie die aktuellen Waldzustandsberichte und die speziellen Waldschutz-Informationen der Länder verwiesen.

3.1 Globaler Klimawandel und Risikofaktoren für den Wald

In Europa haben sich mittlerweile 27 Klimaforschungsteams in der EURO-CORDEX-Gruppe zusammengeschlossen, um mittels regionaler Klimamodelle und Szenarien die möglichen Wirkungen des Klimawandels zu simulieren. Nach Spathelf, Bolte und Luthardt (2015) „zeigt die Mehrzahl der EURO-CORDEX-Simulationen – mit regionalen Unterschieden − für das Ende des 21. Jahrhunderts einen Temperaturanstieg von 1 °C bis 5 °C. Für Mittel- und Nordeuropa wird eine generelle Zunahme der Niederschläge sowie der Häufigkeit und Intensität von Starkniederschlägen erwartet“. Übereinstimmend mit Schellnhuber (2015) werden eine Zunahme von Hitzewellen und länger anhaltende Trockenperioden, vor allem für Südeuropa, ausgewiesen.

Die möglichen Auswirkungen des globalen Klimawandels betreffen nicht nur die weitere Entwicklung und die ökologische Stabilität der Waldökosysteme, sondern auch neue oder in ihrem Wirkungsfeld veränderte Risikofaktoren für den Wirtschaftswald. Diese Faktoren sind sowohl den abiotischen (z.B. Witterungsextreme) als auch den biotischen Ursachen zuzuordnen (z.B. Einfluss der Temperaturerhöhung auf die Gradation von Insekten). Deshalb wird die Thematik „Klimawandel“ vorangestellt. Dabei wird davon ausgegangen, dass das vom Weltklimarat (IPCC – Intergovernmental Panel on Climate Change) einst projizierte Zwei-Grad-Ziel bei der Begrenzung der globalen Erwärmung nicht mehr zu erreichen ist (Geden, 2015). Zu lange blieben einige Industrieländer, darunter auch Deutschland, und große Schwellenländer bei der „Dekarbonisierung“ weitgehend untätig. Ob die Beschlüsse und Vereinbarungen der 21. Weltklimakonferenz von Paris im Dezember 2015 zu einer schnelleren Verringerung der Treibhausgase führen werden, bleibt abzuwarten.

3.1.1 Faktoren der Klimaänderung

Nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung und Klimamodellierung sind in den folgenden Hauptrichtungen in den nächsten Jahrzehnten Veränderungen der Baum- und Bestandsgefährdungen und damit eine Verschärfung des Schadensrisikos verbunden (Abb. 5).

Die weitere CO2-Anreicherung − auch der bodennahen Atmosphäre − begünstigt allgemein die Fotosynthese und damit das Pflanzenwachstum, darunter auch der Bäume (überwiegend positive Effekte).

Die voraussichtliche Erderwärmung um mehrere Grad Kelvin (K) kann gravierende Wirkungen auf wichtige Lebensvorgänge der Pflanzen und Tiere, besonders auch auf die Waldökosysteme haben (allgemeine Beschleunigung der wichtigsten Lebensvorgänge, starke Beeinflussung der Biorhythmen).

Abb. 5 Klimawandel und Waldökosysteme.

Es werden sich die natürlichen Verbreitungsareale der Baumarten sowohl in horizontaler als auch in vertikaler Richtung verändern, insbesondere wärmeliebende und trockenrestistente Spezies erlangen eine höhere Konkurrenzkraft.

In enger Beziehung zum Temperaturanstieg stehen Veränderungen beim Niederschlag und dem Wasserhaushalt in Ökosystemen und in der Landschaft ganzer Regionen.

Die bereits seit einigen Jahrzehnten beobachtete Zunahme der Extremwetterlagen wird ursächlich mit dem Klimawandel in Zusammenhang gebracht (Latif 2008; Schellnhuber 2015; Stock 2004; Vollborn u. Georgescu 2008).

Zwischen diesen fünf Hauptrichtungen der Auswirkungen des Klimawandels auf den Wald gibt es mannigfaltige Beziehungen und Interaktionen, die gegenwärtig noch kaum erforscht sind und demzufolge in ihrer Tragweite nur unzureichend beurteilt werden können. Während von den genannten Faktoren vier direkt Forstschutzprobleme bereiten können, gibt es eine Reihe indirekter Wirkungen für einige Forstschädlinge und vermutlich auch Krankheitserreger (Müller 2004, 2009). Schwerwiegende Langzeitrisiken für die verschiedenen Waldtypen bzw. Waldökosysteme, z.B. in Verbindung mit Störungen im Wasserhaushalt, sind zu erwarten.

3.1.2 Mögliche Auswirkungen auf die Waldökosysteme

Waldökosysteme sind von klimatischen Veränderungen besonders betroffen. Die ökologischen Auswirkungen durch Klimaänderung können Standorteigenschaften und damit die Vegetationsentwicklung stark beeinflussen.

3.1.2.1 Kohlendioxidkonzentration der Luft und Pflanzenwachstum

Badeck, Lasch und Suckow (2004) heben wohl zu Recht hervor, dass „die Erhöhung der atmosphärischen CO2-Mischungsrate nicht nur eine der Hauptursachen für den Klimawandel ist, sondern auch eine direkte Wirkung auf das Pflanzenwachstum hat“. Der im Kohlendioxid gebundene Kohlenstoff ist der Grundbaustein der Biomoleküle und hat in der trockenen pflanzlichen Biomasse einen Anteil von etwa 50 %. Nimmt die Konzentration des CO2 in der Luft zu, erhöhen sich die Umsatzraten der Fotosynthese, sodass von einer „potenziell düngenden Wirkung“ gesprochen werden kann.

Die Autoren verweisen darauf, dass diese wachstumssteigernde Wirkung höherer CO2- Konzentration in Frankreich auch im Versuch mit Sämlingen der Rotbuche nachgewiesen werden konnte: Bei Verdoppelung des CO2-Gehalts durch Begasung stieg während der dreijährigen