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Wie es sich anfühlt, in einer Klinik aufzuwachen und der nächsten Elektroschockbehandlung entgegenzusehen - das ist selten Stoff für Literatur. »Oktoberkind« zeichnet den Weg einer Frau und Schriftstellerin nach, die an diesem Punkt um ihre Erinnerungen ringt. Die Therapie droht diese Erinnerungen, Triebfeder ihres Schreibens, auszulöschen. So bringt sie all ihren Mut auf, um sich alles zu vergegenwärtigen, die Kindheit in der Stadt, die Ehe mit einem berühmten Schrift- steller, das Leben auf dem Land, wo er aufblüht und sie verkümmert, die Geburt der vier Kinder, ihre eigene Arbeit als Schriftstellerin und welche Kraft sie darin findet. Unter den Bildern aus der Kindheit ist das vom Reiten im Ferienlager ein Lichtblick. Im wilden Galopp ist sie glücklich, aber bald muss sie wieder in die Stadt und in den Alltag zurück. In ihrem autobiografischen und zugleich hoch poetischen Roman dringt Linda Boström Knausgård vor zu den Ursachen für ihren Schmerz und ihr Scheitern, aber auch zu Momenten der Stärke und des Glücks, die sie in kraftvolle, unvergessliche Prosa bannt.
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhalt
[Cover]
Titel
Ich wünschte, ich …
Ich öffne die Tür …
Autor:innenporträt
Übersetzer:innenporträt
Kurzbeschreibung
Impressum
Ich wünschte, ich könnte alles über die Fabrik erzählen. Ich kann es nicht mehr. Bald erinnere ich mich nicht länger an die Tage und Nächte meines Lebens oder warum ich geboren wurde. Ich kann nur sagen, dass ich zwischen 2013 und 2017 für unterschiedlich lange Zeiträume hier war und sie mein Gehirn solchen Strommengen aussetzten, dass sie sicher waren, ich würde dies nicht mehr schreiben können. Erst intensiv, in einer Serie von zwölf Behandlungen. Behandlung, dieses Wort gebrauchten sie. Ein Wort, das ihr Vorgehen neutralisierte und die Angst vor dem Eingriff mindern sollte. Sie sagten, die Behandlung sei schonend und damit vergleichbar, einen Computer neu zu starten. Derart miese Bilder benutzten sie wirklich. Es war eine Sprache, geschaffen von Leuten, die glaubten, auf diese Weise könne man das Leid eines Menschen lindern. Für sie waren die Eingriffe zu einer Gewohnheit geworden, die man genauso leicht vergisst wie seine letzte Lüge. Zwanzig Behandlungen am Tag führten sie durch. Diese Fließbandveranstaltungen waren die Krönung ihres undurchsichtigen Geschäfts. Hier konnten sie ungestört wüten, und wenn jemand absprang, ließ sich das immer damit begründen, dass er oder sie nicht auf die Behandlung ansprach. In solchen Fällen betonten sie stattdessen stolz die sonst so guten Ergebnisse. Sie schlossen jedes Schlupfloch zur wirklichen Welt. Ihre Angst vor einer kritischen Prüfung war derart groß, dass sie alles auf die Patienten schoben: Sie ist unberechenbar, sein Verlauf viel zu weit fortgeschritten, er hat resigniert. Die alte Frau ist ein chronischer Fall und hätte in anderen Zeiten leben sollen, als solche wie sie noch friedlich mit anderen zusammenleben durften und einen Tagesablauf hatten, der auf ihre Fähigkeiten abgestimmt war. Drei Stunden Freigang im Park und Pflegerinnenhände, die ihr nie etwas vorwarfen. Diese Zeiten waren vorbei, niemand wollte mehr einen chronischen Fall in seiner Abteilung haben. Alle mussten Ergebnisse vorweisen, und Ergebnisse erreichte man mithilfe der ungeheuer beliebten Elektrokrampftherapie, der Antwort auf die Qualen eines jeden Individuums. Sie verkauften ihre Behandlungen Kranken, denen nichts anderes übrig blieb, als das zu glauben, was ihnen der Oberarzt im Laufe der kurzen Zeit, in der man tatsächlich miteinander sprechen konnte, erzählte. Zehn Minuten, einmal wöchentlich, kein Raum für Fragen. Die Aufmüpfigen bekamen stärkere Stromstöße. Das wussten alle.
Ich hatte eine Schwäche in meinem Inneren, meinem ganzen Wesen, die dafür sorgte, dass ich nicht wenig Zeit an solchen Orten verbrachte.
Ich war schon mehrfach einer Strombehandlung ausgesetzt gewesen. Ich wusste alles darüber.
Um fünf Uhr morgens kam jemand vom Pflegepersonal ins Zimmer, um eine Infusion zu legen. Schon an der Art und Weise, wie jemand die Türklinke herunterdrückte, konnte man erkennen, ob es wehtun würde oder nicht. Zahid fürchtete sich davor, die Nadeln zu setzen, deshalb stach er immer daneben und begann in dem kleinen Raum zu schwitzen. Sein Versagen war nicht weiter erstaunlich, denn die Lampen verbreiteten nur einen schwachen Schein. Dass die anderen in diesem Dämmerlicht meine Venen fanden, grenzte an ein Wunder. Am Ende stach Zahid die Nadel in den Handrücken, wo die Adern am besten zu sehen waren, der Schmerz allerdings auch am größten. Öffnete Schwester Maria die Tür, wusste man, es würde gar nichts zu spüren sein. Die Nadel glitt sanft in den Arm, und Maria erntete oft ein dankbares Lächeln. Aalif stieß die Nadel hinein. Er traf immer, und darüber war man trotz allem froh, auch wenn es so wehtat, dass der Schmerz für eine Weile die Wirklichkeit auslöschte, in der man sich gerade befand. Manche unternahmen mehrere Anläufe, ohne zu treffen, die Adern flutschten immer wieder weg. Seltsamerweise passierte das immer denselben Leuten, und einige stachen ohne Vorwarnung zu. In diesen Fällen schrie ich vor Schmerz auf. Ich musste mich auf das Eindringen der Nadel vorbereiten. Musste ein Gleich-pikst-es hören, damit ich in dem Moment ausatmen konnte, in dem die Nadel durch die Haut drang, um auf diese Weise den Schmerz wegzuzaubern oder wenigstens erträglich zu machen. Wenn die Nadel an ihrem Platz saß, klebten sie ein kleines Päckchen mit einem Zugang daran fest und spülten ihn probehalber mit Kochsalz, um sicherzugehen, dass das Schlafmittel später ungehindert dieKörperfunktionen erreichte, und die Seele, die sofort aufgab. Völlige Kapitulation.
Aber zunächst einmal: der Weg dorthin. Man durfte nie allein gehen. Immer war jemand vom Pflegepersonal dabei, und meistens wurde ich von Aalif abgeholt. Ich mochte Aalif. Er war nicht verkehrt. Er kam aus einem wärmeren Land und war vor dem Krieg geflüchtet. Wir gingen die ungefähr zwanzig Meter zusammen. Erst aus der Abteilung hinaus und dann drei Schritte nach links, in den kurzen Tunnel hinein, der zur Fabrik führte.
Wir saßen aufgereiht in einem Wartezimmer, wir, die behandelt werden sollten, und unsere Begleiter. Dort drinnen lief alles in rasendem Tempo ab. Sie hatten den Laden im Griff. Wie schon erwähnt schafften sie es, zwanzig arme Kreaturen an einem Morgen abzufertigen. Wir saßen im Wartezimmer, und die meiste Zeit sagte ich gar nichts, aber wenn mein Blut schneller floss, redeten wir über Aalifs Land. Ich fragte ihn nach dem Krieg und ob es nicht schrecklich sei, jetzt in diesem Land zu sein, wo abends niemand draußen saß und die Gespräche immer nur davon handelten, ob man jemand war, auf den die anderen zählen konnten, oder jemand, auf den die anderen nicht zählen konnten. Aalif sagte mit einer Geste, was soll man schon machen, und ergänzte: Hier ist es besser. Besser für die Familie.
Oft saß ich einfach nur da und starrte die Tür an, die regelmäßig geöffnet wurde, woraufhin ein fescher blonder Medizinstudent mit weißen Zähnen einen Namen aufrief, und dann blieb man entweder auf der Bank im Wartezimmer sitzen oder stand auf und ging zusammen mit der Begleitung hinein.
Im anderen Zimmer blieb keine Zeit zum Zweifeln. Auf die Liege. Dann der Anästhesist: Haben Sie heute schon etwas gegessen und getrunken? Haben Sie irgendwelche lockeren Zähne?
Der Blutdruck wurde gemessen, während die Krankenpflegerin anfing, die Elektroden über der Brust und an der Stirn anzubringen. Anschließend kam der Medizinstudent mit dem Sauerstoff, den man einatmete, um das Gehirn damit zu versorgen. Der Narkosearzt sagte, bald werde man schlafen, und dann wurde das kalte Schlafmittel durch den vorbereiteten Katheter ins Blut gespritzt. Es war, als würde man Dunkelheit trinken.
Was danach passiert, wenn man schläft, hat Aalif mir erzählt. Erst setzen sie einen Zahnschutz ein, damit man sich nicht auf die Zunge beißt. Sie leiten ein muskelentspannendes Mittel durch den Zugang, um zu verhindern, dass der Körper auf der Liege hin- und hergeworfen wird. Deshalb muss gleichzeitig die Stromstärke erhöht werden, um überhaupt einen Krampf herbeizuführen. Dann geht alles ganz schnell mit dem Strom. Mit dem Strom, in den sie all ihr Vertrauen setzen. Der Strom, der für die Ärzte die Rettung bedeutet. Der Strom, der ohne Nebenwirkungen jene Linderung herbeiführen soll, die einem kein Medikament verschaffen konnte.
Der Strom, der für einige Sekunden, bis zu einer Minute, jenen Krampfanfall auslöst, der den Schlüssel zu einer gelungenen Behandlung darstellt.
Was passierte, wenn der Krampfanfall vorüber war, werde ich ein andermal erzählen, aber ich kann jetzt schon sagen, dass wir Patientinnen auf schmalen Liegen nebeneinanderlagen, so dicht an dicht, dass wir einander fast streiften. Jeder in seiner eigenen Dunkelheit, in einem Schlaf, der nicht zu begreifen war. Da lagen wir und schliefen hinter einem Vorhang. Es war wichtig, die schlafenden Patienten vor jenen zu verbergen, die gerade erst den Raum betraten. Es war wichtig, vor dieser schonenden Behandlung niemandem Angst einzujagen, aber ich hatte die Schlafenden dennoch oft zu sehen bekommen, und der Gedanke, dort bald als eine von vielen zu liegen, ohne zu wissen, was mit mir geschah, machte mir mehr Angst als der Strom an sich.
Dass es anschließend große Flächen von Zeit gab, an die ich mich nicht mehr erinnerte, interessierte niemanden. Der Gedächtnisverlust wurde gegen die Wirkung der Behandlung aufgerechnet. Und was zählt schon das Gedächtnis? Wie bemisst man es? Wie bewertet man es? Das Gedächtnis hatte einen geringen Stellenwert in der Fabrik. Lieber behandelten sie dich vier Wochen mit Strom, als dich monatelang in ihrer Abteilung herumwanken zu haben. Für jene, die in den menschlichen Randzonen arbeiteten, war es ein berauschendes Gefühl, endlich Ergebnisse vorweisen zu können und dafür gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen.
Ich war zu diesem Zeitpunkt Schriftstellerin. Ein elendiger Beruf. Keine Erleichterung. Keine Linderung. Keine Ruhe. Keine Freude. Nur starke Erinnerungen an den Ort, an dem ich schrieb, und Fantasien und Worte, die manchmal ins Schwarze trafen. Ich schrieb so selten, dass es lächerlich war, mich selbst als Schriftstellerin zu bezeichnen, aber ich tat es dennoch. Schreiben war meine zweite Wahl. Erst hatte ich Schauspielerin werden wollen und mich in meiner frühen Jugend auch daran versucht. Mein Talent war unbeständig. An manchen Abenden war ich sehr gut, vollkommen frei auf der Bühne, und da erlebte ich ein unbeschreibliches Glück. Meine Erleichterung ließ sich nicht in Worte fassen. Frei zu sein und trotzdem zu wissen, was als Nächstes passieren wird. Geschützt zwischen anderen und doch ganz man selbst. Es war das Paradies auf Erden.
Trotzdem hatte ich das Gefühl, ich hätte keine eigene Wahl getroffen. Es sei nicht meine Eroberung gewesen. Meine Mutter hatte den Beruf entdeckt, und irgendwann wollte ich nicht mehr in ihre Fußstapfen treten. Außerdem war das Theater an jenen Abenden unerträglich, an denen ich meinen Text ohne Leichtigkeit sprach, wie eine untalentierte Anfängerin, mit der Angst als einziger Begleiterin. Ich verstand, dass man in diesem Beruf nicht unbeständig sein durfte. Meine Vernunft sagte mir, ich solle meinen Traum aufgeben und etwas wählen, was schon immer da gewesen war. Das Schreiben.
In meiner Kindheit schrieb ich mehr als jetzt. Ich habe nichts zu sagen. Außerdem befinde ich mich in einer Art Krise. Es liegt nicht nur an den Behandlungen, den Tagen, an denen ich auf dem Korridor auf und ab laufe. Ich bin vollkommen schutzlos.
Ich bin allein mit mir selbst. Ich habe keine Freunde in der Stadt, in der ich wohne, und mein Mann hat mich verlassen. Er war es leid, immer derjenige sein zu müssen, der am Esstisch alle Gespräche mit den Kindern führte. Er war besonders witzig, um zu überspielen, dass ich nie etwas sagte. Nicht beim Essen und auch sonst nicht. Außer dann, wenn ich drauflosredete, als hätten die Wörter kein Ende. Ich war häufig weg. Häufig in dieser Klinik. Meine Krankheit zog uns alle herunter. Es war ein Leben, wie er es nicht wollte. Die ganze Liebe wurde zu einem kratzenden Pullover, der wegmusste. Sobald man den Pullover los war, wurde alles wieder gut.
In diesen Jahren betete ich nicht. Hatte ich vergessen, für lebenslange Liebe zu beten? Kann ich mein Versäumnis auf irgendetwas anderes schieben? Warum habe ich mich in unserem Zusammenleben nicht mehr bemüht?
Ich weiß es nicht.
Du weißt, wie viele unterschiedliche Stimmungen gleichzeitig in mir Platz finden. Am Ende wurde es schlimmer.
Ich beschließe, dieses Neue als eine Prüfung Gottes anzusehen.
Am Gymnasium hatte ich zwei größere Arbeiten geschrieben, eine über Sophokles und eine über Hiob. Ich stelle mir vor, dass ich in Hiobs Zeitalter eingetreten bin.
Pflicht, Arbeit und ein verschlossener Himmel.
Eines Tages fand ich mich allein in einem Haus wieder und wusste nicht, wie ich weiterleben sollte. Ich war wertlos, weil mich niemand liebte, und ich brachte nichts mehr zustande. Meine Einsamkeit war groß, und ich hatte keine Idee, wie ich mein Leben allein leben sollte, deshalb wurde ich eine, die niemandes Leben lebte. Ich war niemand. Natürlich tat ich, als würde ich leben, aber es war nicht so. Ich malte mir aus, wie ich verschwinden oder mich umbringen könnte, aber es sollte wie ein Unglück aussehen. Ich recherchierte im Internet nach den besten Methoden, ein Unglück nachzustellen. Ohne mich daran zu erinnern, musste ich auch im Netz herumgefragt haben, wie man an eine Waffe kam, denn die US Army schickte mir Nachrichten, und als Erstes schrieb sie: »You can’t stand all this freedom.« Womit sie ja auch recht hatte. Diese Art von Freiheit war nichts für mich. Außerdem schrieb sie noch, dass ich für eine bestimmte Summe alles Mögliche in ihrem Laden kaufen könne. Da wurde mir klar, dass mir nicht die echte amerikanische Armee Nachrichten schickte, sondern ein Waffengeschäft gleichen Namens. Wenn ich darüber nachdenke, mein eigenes Leben zu beenden, denke ich auch, dass es am einfachsten sein muss, sich zu erschießen. Das würde ich hinkriegen, aber es so aussehen zu lassen, als hätte mich jemand anders erschossen, wäre wiederum schwierig, weshalb ich mich mit einem gewissen Bedauern nach anderen Möglichkeiten umzusehen begann. Ich war für alles zu feige. Ich konnte nicht von einem Hochhaus springen und auch nicht die ganzen Tabletten schlucken, die als möglicher Ausweg in einer Blechdose warteten. Einmal nahm ich Kontakt zur Unterwelt auf. Ich fuhr mit dem Zug in die große Stadt am schlechten Ende des Landes, an dem ich auch wohnte. Ich wusste, wo ich hinmusste. Alle wussten es. Ich ging zu demjenigen, der die meisten Anhänger um sich herum versammelt hatte, und fragte, was es kosten würde, mich vor einen Zug stoßen zu lassen. Ich hatte ein Stipendium bekommen, das war die Summe, die mir zur Verfügung stand. Er lachte mich aus, als ich erklärte, was ich zahlen konnte. Wer würde für das bisschen Kohle ein Leben in Freiheit riskieren?, fragte er und sagte, wenn ich ihn je wieder mit diesem Anliegen belästigen wolle, müsse ich das Hundertfache auftreiben. Ich zog beschämt wieder ab. Was bildete ich mir ein? Wie war ich an diesen Punkt gelangt, und wie kam ich wieder dort weg?
Ich konzentrierte mich auf die Kinder. Kochte aufwändig und suchte ihre Nähe, sooft es ging. Trotzdem saßen sie ihre Zeit bei mir nur ab. Die Älteren sehnten sich immerzu nach ihrem Vater. Wenn sie bei ihm waren, verstanden wir uns am Telefon besser, und das war ein Trost, auch wenn die Vorwürfe stets da waren. Das war mein Fehler. Ich war diejenige, die uns auseinanderbrachte.
Die Kleineren wollten bei mir sein, und dass ich ihnen nahe sein und all ihre Wünsche erfüllen durfte, erinnerte an Freude. Ich konnte gut mit den Jüngeren umgehen und weniger gut mit den Älteren, die auf ihre Fragen richtige Antworten verlangten. Nicht meine Möchtegernantworten. Ich war nie ganz da, sondern versank in einem Niemandsland, in dem ich keine Chancen auf ein richtiges Leben erkennen konnte. Ein großes Problem war, dass ich es nicht wagte zu trauern. Ich weigerte mich, als die Verliererin dazustehen, die ich war. Keine Tränen. Es ist schon gut, sagte ich mir selbst. Seine Art, den Abstand zu wahren, wollte ich sowieso nicht übernehmen. Und das stimmte wirklich, aber es stimmte noch mehr, dass ich wie versteinert war.
Während all das geschah, wurde eines meiner Bücher zum Erfolg. Es war verwirrend. Eine Art Glück, inmitten des ganzen Bösen, das ich nicht wahrhaben wollte. Bücher zu veröffentlichen ist nichts für nervöse Seelen. Jedenfalls nicht für nervöse Seelen in Not.
Nach einigen Monaten wurde ich akut eingewiesen.
Ich hatte den Nachtzug Richtung Norden genommen, um meinen Lektor Kristofer zu treffen. Wir wollten gemeinsam die Hälfte aller Veranstaltungen absagen, auf die ich mich eingelassen hatte. Ich hatte ein Chaos angerichtet. Hätte an ein und demselben Abend in Oslo und in Washington sein sollen. Und dann waren da noch einige Lesungen, Bibliotheksbesuche. Nichts, was sich nicht verschieben ließ.
Einiges wollte ich dagegen auf keinen Fall absagen. Gemeinsam mit zwei Autorenkollegen und der Frau, die diese Reise geplant hatte, sollte ich nach Jerusalem fahren. Dort würden wir in einem Café lesen und dann weiter nach Tel Aviv fahren, um Amos Oz in seinem Haus zu besuchen. Ich hatte angefangen, seine Werke zu lesen, Im Lande Israel, Eine Geschichte von Liebe und Finsternis.
Das Schöne war, dass man uns viel freie Zeit in Aussicht stellte, in der wir die Städte erforschen konnten. Ich hatte mein ganzes Erwachsenenleben Bücher über Jerusalem gelesen. Ich wollte nichts verpassen. Ich würde in der Heiligen Stadt zwischen den Heiligen Orten umhergehen. Aus irgendeinem Grund war ich mir sicher, dass ich eine tragfähige Idee für ein Stück hätte. Ich hatte ein Auftragswerk für ein Theater angenommen, konnte mich aber nicht überwinden, damit anzufangen. Ich fantasierte von einem Stück, das vom gemeinsamen Ursprung der drei Weltreligionen handelte. Ich wollte eine bestimmte Erzählung weiterdichten, ich sage nicht, welche. Mir war klar, dass es eine seltsame Erfahrung werden würde: das alte Jerusalem, ganz nah an den üblichen Handelsketten, die überall auf der Welt in rasendem Tempo aus dem Boden schossen. Dass es eine Kollision sein würde und ich mich davon nicht zu sehr beeinflussen lassen durfte. Ich hatte wieder die Bibel zur Hand genommen. Und mir noch einen Reiseführer über Jerusalem gekauft.
Im Grunde wusste ich gar nicht so viel über die Stadt, wie ich behauptet habe. Mein Geschichtswissen war lückenhaft, aber ich würde es schon noch schaffen, mich vorzubereiten.
Und eines Morgens würde ich früh aufstehen und meine Stirn an die Klagemauer legen und um Hilfe bitten.
Ich traf am frühen Morgen am Hauptbahnhof ein. Als Nächstes erinnere ich mich daran, wie ich in einem Antiquariat stehe und drei Ikonen bewundere, die vor mir auf dem Tisch liegen, umgeben von Büchern. Ich kaufe alle drei mit Geld, das ich nicht habe. Den Erzengel Gabriel. Michael. Den heiligen Georg mit seinem Drachen. Ich bin von großer Freude erfüllt. Ich habe den Schutz gefunden, nach dem ich mich immer gesehnt habe, und verlasse das Antiquariat voller Zuversicht. So etwas nennt man einen Wendepunk. Von nun an wird mein Leben ein anderes sein, das sagen mir die Ikonen. Als Nächstes erinnere ich mich daran, wie ich Kristofer einen Anstecker wegnehme. Es ist der Anstecker, den er immer trägt, auf dem 1984 steht, und in diesem speziellen Moment habe ich das Gefühl, das sei meine Jahreszahl. Der Anstecker gehört mir. Ich nehme ihn an mich, und dann sitze ich in einem Wartezimmer, in dem Gold von der Decke herunterhängt. Als ich aufwache, kommt meine Mutter zu mir. Ich liege in einem Bett, und sie kommt auf mich zu, wie sie es schon oft getan hat, acht-, elf- oder dreißigmal, und tätschelt mir den Kopf, und ich bin in der Klinik, und sie besucht mich, und alles ist so wie immer. Abgesehen davon, dass ich mich in der falschen Stadt befinde.
Wo sind Sie normalerweise in Behandlung? Es ist wichtig, dass Sie dorthin kommen, wo man Sie kennt. Als könnten sie in dieser Branche jemals jemanden kennenlernen. Zu den Menschen, die mich kennen, gehört mein Ex-Mann, und wer noch? Jedenfalls auf keinen Fall das Personal aus der Abteilung am Meer. Man tätigt einen Anruf, und ich werde zum Ambulanzflugzeug gebracht, und den ganzen Flug über sehen mich drei Menschen an. Die ganze Zeit sehen sie mich an, während ich auf einer Liege festgebunden bin, und ich überlege, was sie von mir befürchten. Dass ich das Flugzeug entführe? Es gegen eine Felswand lenke? Genau das würde ich tun, wäre ich nicht so feige und einfallslos.
Ich bekam einen Freifahrtschein für die Fabrik. Eine entschlossene, frühzeitige Regelung musste her.
Ich schlief, bis ich aufwachte und nicht wusste, wer ich war, wo ich war oder warum. Diesmal nahmen sie mir drei meiner neun Leben. Sie nahmen sie, als wäre es nichts. Zuvor hatte ich mich selbst schon fünfer entledigt und jetzt also nur noch eines übrig.
Achtzehn Behandlungen. Ich erinnere mich an kaum etwas. Fast nichts. Das kümmert sie nicht. Es wundert mich, dass es mich kümmert, aber so ist es. Ich spreche es bei dem Oberarzt an, der zufällig in den mir zustehenden zehn Minuten Gesprächszeit anwesend ist. Es ist nie derselbe Oberarzt. Niemand will in dieser Abteilung bleiben, die nach Verwirrung und Furcht riecht. Nur ein Teil des Pflegepersonals bleibt dasselbe: Zahid, Aalif, Schwester Maria, Christian, mit dem ich Schach spiele, Lennart und Muhammed, der mitunter als Gott zwischen uns Sterblichen erscheint. Er arbeitet als Springer in verschiedenen Abteilungen und wird in brenzligen Situationen gerufen. Wie einmal, als Thobias mich schlagen wollte, weil er an seine Frau erinnert wurde, als ich an seiner offenen Tür vorbeiging.
Es war im Sommer, die Sonne schien, und die Abteilung schwitzte in der Hitze, die durch die Plastikfenster drang, und ich und der junge Patient, ich nenne ihn Trudy, hatten uns auf den vergitterten Balkon am Ende des Korridors geflüchtet. Ich redete drauflos, wie schön es sei, die Fähren zu sehen, die auf dem Sund hin- und herfuhren, und wie mich die Nähe zu Kronborgs Schloss irritiere, wo Hamlet gelebt hatte.
Kannst du dir vorstellen, dass wir dem Schloss so nahe sind und trotzdem nie da waren? Das ist träge und anmaßend, ein Versäumnis, fast eine Todsünde.
Wovon redest du?, fragte der Jüngling und blickte über das Meer. In dem Moment verstand ich, dass er der einzige Mensch war, den ich bisher getroffen hatte, der nicht wusste, wer Hamlet war. Als ich dort in der Sonne hinter dem Gitter stand, das dafür sorgte, dass sich niemand hinunterstürzte, überlegte ich, ob ich ihm von Hamlet erzählen sollte, aber falls ja, was sollte ich sagen?
Hamlet war ein junger Prinz, der seinen Vater verloren hatte und um Mitternacht vom Geist des Vaters erfuhr, dass er von seinem eigenen Bruder ermordet worden war, woraufhin dieser sofort die Königin heiratete, Hamlets eigene Mutter. Das verkraftete Hamlet nicht.
Trudy, der es hasste, wenn ich ihn so nannte, kam mit seinem Gesicht näher. Ich wich ein wenig zurück und überhäufte ihn mit Hamlet-Zitaten, denn um ehrlich zu sein, machte er mich nervös. Ein Jüngling mit allem, was ein Jüngling auf dem Herzen hat.
The time is out of joint –O cursed spite, That ever I was born to set it right! Sein oder nicht sein. Wird des Gedankens Blässe angekränkelt.
Trudy wandte mir sein Gesicht zu. Ich beschloss sofort, Hamlet Hamlet sein zu lassen. Ich erlebte eine Art Leichtigkeit, einen Rausch, dort im Licht, das vom Gitter zerschnitten wurde, und ich kehrte dem Öresund den Rücken, und der Jüngling stand mit dem Gesicht ganz nah vor mir, und wir küssten uns.
Vielleicht war ich von dem langen Kuss erweicht worden, denn als Thobias mich erblickte, während ich an seiner offenen Tür vorbeiging, und er unmittelbar an seine Frau denken musste und mich deshalb als Hure beschimpfte, drehte ich mich sofort um und steuerte auf ihn zu. Thobias stand auf, und hätte ich den Jüngling nicht dabeigehabt, hätte er auf mich eingeschlagen, bis ich am Boden lag, und mich anschließend getreten. Der Jüngling war Kickboxer und wagte es, sich dem verstummten Thobias zu nähern, und kurz darauf saß Thobias wieder auf seinem Bett, und die Szene war vorbei, noch bevor sie begonnen hatte. Ich erinnere mich, wie ich in dem Moment dachte, dass mich zum ersten Mal jemand verteidigt hatte. War ich in meiner Jugend in Situationen geraten, die in Gewalt umschlugen, hatten mich die Männer, mit denen ich damals unterwegs war, lieber festgehalten, als sich gemeinsam zu rächen und denjenigen niederzuschlagen, der mich vor allen gedemütigt hatte. Einer von ihnen hatte im Übrigen auch Thobias geheißen; dieser kleine, aggressive Schauspieler, der mich auf einem Fest ebenfalls Hure nannte, nachdem ich ihn gebeten hatte, nicht so unhöflich zu mir und meiner Begleitung zu sein. Als Antwort auf seine Beleidigung drückte ich meine Zigarette auf seiner Wange aus, und da streckte er mich nieder. Eine rechte Gerade.
Vielleicht sollte ich mir für immer merken, dass Männer namens Thobias kein angenehmer Umgang sind. Andererseits hatte ich auch schon einmal mit einem sehr sympathischen Tobias zusammengearbeitet. Entscheidet nur der eigene Charakter darüber, wie man seinen Namen trägt?
Thobias aus der Abteilung fixierte sich auf mich und wollte auf mich losgehen, sowie er mich erblickte, und dann wurde Muhammed gerufen. Thobias war ein Meter neunzig groß, still und in einer solchen Wut gefangen, dass sogar Muhammed handgreiflich werden musste. Sie konnten ihn nicht ständig am Bett festbinden. Es gab für alles Regeln. Muhammed, der ebenfalls Kickboxer war und an Profiwettkämpfen teilnahm, verbreitete eine Ruhe in der Abteilung, die ich, glaube ich jedenfalls, zu schätzen wusste. Mit seinen zwei Metern und seinem Gang wirkte er übermenschlich, und als ich ihn das erste Mal sah, sagte ich: Du siehst aus, als wärst du nicht von dieser Welt. Muhammed war die Ruhe selbst, und ich hielt mich in seiner Nähe, sobald Thobias auftauchte. Nein, eigentlich hielt ich mich fast immer in seiner Nähe.
Meistens saß er da und las ein arabisches Buch, und wenn er hörte, wie ein Tumult ausbrach, las er erst seinen Abschnitt fertig, ehe er aufstand und loszog, um allein durch seine Erscheinung für Frieden zu sorgen. Beinahe zögernd, aber dennoch voll und ganz darauf eingestellt, was ihn erwartete.
Ich redete und redete mit Muhammed, über alles, was mir einfiel. Über die kaum unterscheidbaren Tage und Nächte hier drinnen, die Abwesenheit von Jahreszeiten, das Essen, dieses zerkochte, wässrige Gemüse, über die Traurigkeit und das Verständnis, die Einsamkeit. Ich fragte, ob er schon einmal in der Fabrik gewesen sei, und er betrachtete mich lange und antwortete schließlich: Was meinst du?
Bist du nie durch die Tür gegangen und dann die drei Schritte nach links, die durch den Tunnel führen?
Muhammed überlegte, und das rechne ich ihm hoch an. Meinst du hier in der Klinik?
Ja, warst du in diesem Raum, wo sie dich erst lahmlegen und dann mit dem Strom wieder wecken wie ein Neugeborenes? Hast du jemals die Schlafenden durch die Abteilung geschoben?
Ja, das habe ich, antwortete er. Ich arbeite hier.
Muhammed ging hinaus, und wie schon so oft dachte ich, dass niemand in meiner Nähe sein wollte. Nicht einmal die Würmer, die mich nachts heimsuchen. Sie sind überall. Wie lange bin ich schon tot? Bin ich begraben worden, und wie lange liege ich schon unter der Erde? Habe ich Muhammed verschreckt? Ich schämte mich. Ich hatte ihn unter Druck gesetzt. Warum sollte einer wie er mit einer wie mir reden wollen? Er hatte bestimmt anderes zu tun. Was kümmert dich Muhammed? Vergiss ihn. Warum arbeitet er hier, wenn er ein so guter Kickboxer ist? Muhammed ist nichts für mich. Ein Nichts, das keine Ahnung hat, wie man anderen in schweren Zeiten hilft, obwohl es doch sein Beruf war.
