Willkommen in Amerika - Linda Boström Knausgård - E-Book

Willkommen in Amerika E-Book

Linda Boström Knausgård

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Beschreibung

Die elfjährige Ellen lebt in einer hellen Familie. So betont es die Mutter, eine erfolgreiche, lebenslustige Schauspielerin. Wenn sie zu Hause ihren Unterricht hält, müssen die Türen geschlossen sein, und sie genießt ihre eigene Welt am Theater. Auch der große Bruder verbarrikadiert sich in seinem Zimmer, hört laute Musik und hat eine erste Freundin. Die Zeit ausgelassener Eishockeyspiele in der Diele der großen Wohnung ist vorbei, erst recht, als der Vater stirbt. Nach der Trennung der Eltern war er aggressiv geworden, und Ellen hat seinen Tod so sehr herbeigewünscht, dass sie nun aus Angst über die Macht ihrer Gedanken verstummt. Mit ihrem Schweigen schützt sie die dunkle Wahrheit ihres Ichs und fordert die Mutter zu einem Kräftemessen heraus.Mit WILLKOMMEN IN AMERIKA ist Linda Boström Knausgård ein dichtes, poetisches Kammerspiel gelungen, ein Roman über Kunst und Macht aus der magischen Perspektive eines Kindes, der einen unwiderstehlichen Sog entwickelt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 123

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

[Cover]

Titel

Ich spreche schon seit Langem …

Autorenporträt

Übersetzerportrait

Über das Buch

Impressum

[Leseprobe – Elly]

Willkommen in Amerika

Ich spreche schon seit Langem nicht mehr. Alle haben sich daran gewöhnt. Meine Mutter, mein Bruder. Mein Vater ist tot, also weiß ich nicht, was er dazu sagen würde. Vielleicht ist es ererbt. Das Erbe schlägt in meiner Familie hart durch. Unerbittlich. In direkt absteigender Linie. Vielleicht habe ich schon die ganze Zeit das Schweigen in mir herumgetragen. Früher sagte ich Dinge, die falsch waren. Wenn es regnete, sagte ich, die Sonne scheint. Der Haferbrei sei grün wie eine Wiese und schmecke nach Erde. Zur Schule zu gehen sei, als würde man jeden Tag in die tiefste Finsternis hinabsteigen. Als würde man sich an einem Geländer festhalten, bis der Tag zu Ende war. Was machte ich nach Schulschluss? Ich spielte nicht mit meinem Bruder, denn er schloss sich mit der Musik in seinem Zimmer ein. Er verrammelte die Tür. Er pinkelte in Flaschen, die er da drinnen hortete. Eigens zu diesem Zweck.

Das Schweigen macht keinen Unterschied. Glaubt das bloß nicht. Glaubt nicht, dass die Sonne morgen aufgeht, denn darauf kann man sich nicht verlassen. Das Tagebuch, das meine Mutter mir gegeben hat, benutze ich nicht. Falls du dich mitteilen musst, sagte sie. Das Tagebuch war eine Art Zugeständnis. Sie akzeptierte mein Schweigen. Man ließ mich in Ruhe. Es würde bestimmt vorübergehen. Vielleicht würde es vorübergehen.

Ich strich mit der Hand über das Fensterbrett und zeichnete dann in den Staub, der sich in meiner Handfläche gesammelt hatte. Erst zeichnete ich einen Tannenbaum und dann einen Wichtel. Das war das Einzige, was mir einfiel. Die Gedanken kommen so langsam, und sie äußern sich so einsilbig: Pellets, Brotscheibe, Staub.

Habe ich gesagt, dass wir in einer Wohnung lebten? Wir hatten nichts mit der Natur zu tun, abgesehen von dem Park, wo ich meinen ersten Exhibitionisten sah. Ich saß auf dem Klettergerüst, und der Mann stand unter mir und entblößte sich. Er zog die Hosen herunter. Sein Glied war steif und lila. Ich schaute mir die Farbe genau an.

Ich hatte Freunde, aber die gibt es nicht mehr. Sie gehen mittlerweile zu anderen nach Hause, seit der Sache mit dem Schweigen. Bis dahin waren ständig Kinder bei uns. Meine Mutter war wild. Bei uns zu Hause durfte man mit Pucks auf die doppelten Spiegeltüren schießen. Wir hatten eine Skateboard-Rampe hinauf zum Bücherregal gebaut, und die Wohnung war so groß, dass man mit den Rollschuhen Runden drehen konnte. Der Parkettboden bekam Kratzer, aber die Kinder sollten spielen dürfen. Jetzt ist es still. Das macht doch einen Unterschied.

Ich hörte auf zu sprechen, als das Wachstum in mir einen zu großen Raum einnahm. Denn ich war mir sicher, dass ich nicht gleichzeitig sprechen und wachsen konnte. Vielleicht war ich eine Art Anführer gewesen. Es tat gut, das nicht mehr zu sein. Nicht mehr so viele im Auge behalten zu müssen. Nicht mehr so viele Träume zu erfüllen. Wünsch dir etwas von mir, sagte ich manchmal. Aber ich konnte die Wünsche nie erfüllen. Nicht wirklich.

Ich hätte über meine Mutter reden können. Aber ich schwieg. Wollte ihr blondes Lächeln nicht haben. Ihre elegante Frisur. Ihren Wunsch, aus mir solle ein schönes Mädchen werden. Für sie war Schönheit etwas Besonderes. Eine wichtige Eigenschaft, die man wie Blumen züchtete. Samen aussäte, sie begoss, sie wachsen sah. Ich hätte ihr ähnlich werden können. Auf dunkle Art wie sie, mit einem Recht auf Frische. Aber mir fehlte etwas. Ich war keine Naturkraft, sondern vom Zweifel befallen. Er war überall. Er steckte im Rückenmark und streute von dort aus. Ich spürte, wie mich der Zweifel attackierte. Es gab Tage und Nächte und es gab Sonnenuntergänge, die in Zweifel getaucht waren.

Ich schrieb nichts in mein Tagebuch, aber ich wusste trotzdem immer, wo es lag. Erst versteckte ich es oben auf dem Schrank, dann unter dem Kissen, dann wieder auf dem Schrank. Irgendwann schob ich es hinter die Kloschüssel, falls ich gerade an diesem Ort würde schreiben müssen.

Mein Vater ist tot. Habe ich das schon gesagt? Es ist meine Schuld. Ich habe laut zu Gott gebetet, dass er ihn sterben lassen möge. Eine solche Macht hatte mein Sprechen also. Vielleicht stimmt die Sache mit dem Wachstum gar nicht? Vielleicht ist es so, dass ich zu sprechen aufhörte, weil mein Wunsch in Erfüllung gegangen war. Man glaubt, man will, dass der eigene Wunsch in Erfüllung geht.

Aber das will man nicht. Man will seine Wünsche nie erfüllt sehen. Das stört die Ordnung. Die Ordnung, die man eigentlich herbeisehnt. Man will enttäuscht werden. Man will verletzt werden und um sein Überleben kämpfen. Man will die falschen Geschenke zum Geburtstag bekommen. Man kann glauben, dass man die eigenen Vorstellungen verwirklicht sehen will, aber das will man nicht.

Die Tage und die Nächte gleichen einander. Die Stille weicht die Umrisse auf, wodurch alles in eine Art Dunst gehüllt ist. Wir können es Zwielicht nennen. Wir können es irgendetwas nennen.

Früher begleitete ich meine Mutter oft zum Theater. Das mache ich nicht mehr. Ich höre, wenn sie geht, und ich höre, wenn sie zurückkommt. Als ich sie das letzte Mal spielen sah, war sie eine gefallene Freiheitsgöttin, die die Immigranten willkommen hieß. Ihr Kopf war kahl, und in ihrer Stirn steckte eine Spiegelscherbe. Die Fackel hatte sie verloren. Ich habe es geliebt. Ihr Aussehen. Ihr Wesen, das da auf der Bühne leuchtete und leuchtete. Willkommen in Amerika. Willkommen in Amerika.

Es kam vor, dass ich genau diese Worte in mein Tagebuch schreiben wollte. Aber ich hielt mich zurück. Man muss streng sein. Darf nicht den Impulsen folgen, die einem kreuz und quer durch den Kopf schießen wie in kleinen Tunneln, von Licht umgeben. Ich konnte die Gedanken sehen. Sie waren überall. Krochen hinunter in den Körper, umkreisten das Herz Mal für Mal, spielten mit dem Herzmuskel, drückten zu. Mit den Gedanken konnte ich nichts anfangen.

Ich hatte im Schulchor gesungen. Die Musiklehrerin hieß Hildegard und kam aus Österreich. Wenn ich so singen könnte wie du, schrieb sie in ein Buch, das ich als Preis bei einer Schulabschlussfeier bekam. Sie sang wirklich schlecht. Schneidend und laut. Aber sie beherrschte alle Stimmlagen. Ich hatte in der Kirche solo gesungen. The sun is shining, the grass is green, the orange and palm trees sway, there’s never been such a day in Beverly Hills, L.A. But it’s December the twenty-forth, and I’m longing to be up north. Ich war so nervös, dass ich zitterte, aber es ging gut. Und meine Mutter sagte, nervös sind sie alle.

Im Traum sprach mein Vater mit mir. Hast du Probleme mit deiner Stimme?, fragte er. Nein, Papa. Aber die Worte sind so schwierig. So schwierig, sie um sich zu werfen.

Was sagte er noch? Mein Mädchen. Du hast nie Probleme gemacht. Nein, Papa, antwortete ich. Ich habe nie Probleme gemacht.

Er musste beruhigt werden. Obwohl er tot war. Da ist kein Unterschied zwischen den Lebenden und den Toten.

Ich versuchte, ihn von mir fernzuhalten. Ignorierte seine Fragen, aber er war genauso wie früher, als er noch lebte. Auf das Vaterland, sagte er und füllte sein Glas nach. Auf die zahnlose Alte.

Das Schweigen war so einfach. Mama sagt, ich würde mich verweigern. Ich wolle das Leben um mich herum schwingen lassen und nicht mittendrin stehen und mich überschütten lassen wie alle anderen. Sie mochte mich jetzt weniger, aber das war ja nicht so verwunderlich. Auch ich mochte sie weniger. Wir standen uns an einem Graben gegenüber und maßen den Abstand, oder war es so, dass wir einander mit Blicken maßen? Wer ist stark?, fragten wir einander. Wer ist die Starke, und wer ist die Schwache? Wer von uns beiden würde nachts zur anderen ins Bett kriechen und weinend ihre Arme um sie schlingen?

Trotzdem wollte meine Mutter keine große Sache daraus machen. Das hatte sie zu meiner Lehrerin gesagt, die weinte, nachdem eine Woche vergangen war. Es ist eine Marotte, hatte sie gesagt. Sie hat viele davon. Machen Sie keine große Sache daraus. Lassen Sie sie einfach. Sie wird herauswachsen. Ihr fehlt nichts.

Die Sprache nahm das Licht mit. Es tanzte nicht mehr über die Wände der Wohnung. Wir sind eine helle Familie, sagte sie manchmal, meine Mutter, obwohl mein Vater nur auf dem Bett lag und an die Wand starrte, solange er lebte. Wo ist das Licht?, fragte ich sie mit den Augen. Von welchem Licht redest du? Vielleicht hatten wir einander immer mit Blicken gemessen. Vielleicht hatte sich die Frage, wer stark ist und wer schwach, schon von Anfang an gestellt?

Ich hatte Angst vor meinem Bruder. Das hatte ich schon immer gehabt. Beständig war er da mit seinen Händen und seiner Wut. Ich bekam ein Päckchen mit Rosinen von meiner Großmutter oben im Norden. Er riss es mir aus den Händen, mir wurde schwarz vor Augen, weshalb ich zum Messer griff. Aber was sollte ich mit dem Messer anfangen? Er lachte mich aus, während er aß.

Auf der Toilette hatte ich ein Lager mit Büchern, Butterbroten und Obst. Es befand sich ganz hinten auf dem obersten Regal, hinter dem Toilettenpapier, das wir immer in großen Rollen kauften. Wenn Mama die Wohnungstür hinter sich schloss, wandte sich mein Bruder mir zu, und ich rannte auf die Toilette. Dort saß ich stundenlang. Ich las Bücher oder versuchte zumindest, die Buchstaben in den Griff zu bekommen, aber oft bewirkte die Angst, dass ich nur zwischen den Wörtern hin und her rutschte, und ich erinnerte mich nie daran, was ich gelesen hatte. Irgendwann wurde er es dann leid, da draußen Wache zu stehen. Es gab eine schweigende Übereinkunft, die besagte, dass er jetzt aufgehört hatte, ich jetzt herauskommen durfte.

Dann konnten wir spielen. Wir spielten Seeräuber oder Blinde Kuh. Ich durfte mitmachen, wenn ich mir die Nägel herausziehen ließ. Ich schloss die Augen und streckte die Hände aus. Dann lagen sie wie kleine Fenster in seinen Händen.

Geschwisterliebe. Sah sie so aus? Er war launisch, und ich war sanft. So hatten wir die Karten verteilt. Man soll seine Karten immer mit höchstem Einsatz spielen, hatte mein Vater gesagt. Wenn man gut genug ist, klappt es.

Ich war gut. Wenn die anderen zu eifrig gewesen waren, konnte ich hervorkriechen und die besten Karten auf den Tisch werfen. Karten wurden gespielt, Pucks sausten durch das Zimmer. Das Theater war vorhanden wie ein großer Himmel. War es das, was mir am meisten fehlte?

Vielleicht kann ich meiner Mutter nicht ausweichen, so wie ich es gewollt hätte. Sie ist zu groß, zu fröhlich, zu übermächtig. Aber ich versuche es. Ich sehe sie mit Teig an den Diamantringen, ich sehe ihre Stärke, ich erinnere mich, wie schön es war, mich an sie zu lehnen, als ich klein war. Bin ich jetzt groß?

Ich bin gerade elf geworden. Man kann sagen, dass das Geburtstagslied ein Scherz war, wie die Geschenke, die mir zugeworfen wurden, als wäre ich ein Hund.

Ob ich leben wolle?, fragte Mama, als die Torte verzehrt war. Ob ich leben wolle? Ihr Blick bohrte sich in meinen.

Ich falle ab, kam es mir in den Sinn. Das sagten meine Gedanken. Wieder und wieder sagten sie das. Ich falle ab. Ich falle vom Leben ab, fuhren die Gedanken fort.

Nächtliche Träume. Als ginge ich auf Stelzen übers Meer. Ich ging hoch über der Wasseroberfläche, sah die Erde sich runden.

Es hätte schlimmer sein können.

Das Zimmer umgibt mich still. Die Wände sind jetzt nackt, nachdem ich die Plakate heruntergerissen habe. Ich setze mich aufs Fensterbrett und schaue hinunter auf den einzigen Baum des Hofs. Es ist eine Kastanie. Musik dringt durch die Wand. Das Zimmer meines Bruders liegt neben meinem. Ich wohne in einer Dienstmädchenkammer. Aber es ist ein großes Zimmer, wie alles in dieser Wohnung groß ist. Die Dienstmädchen hatten hier viel Platz. Es gibt einen Eingang vom Hof, ein verborgenes Treppenhaus mit einer schmalen, eisernen Wendeltreppe und einem Zugang zur Küche. Diese Tür bleibt immer unverschlossen. Mama mag es nicht, hinter sich zuzusperren. Sie fühlt sich schnell wie eine Gefangene. Manchmal habe ich Angst, ich könnte im Schlaf reden. Jemand könnte mich hören, und es könnte gegen mich verwendet werden. Ich sehe das triumphierende Gesicht meiner Mutter. Es wäre nicht gerecht.

Im Zimmer ist es dunkel. Ich mache kein Licht. Wir sind eine helle Familie. Eine helle. Es gibt vieles, was nicht denkbar ist.

Die Schritte meines Bruders über den Boden. Wie er sich in seinem Zimmer bewegt. Schwer und zugleich gefügig. Seine Stimme in meinem Inneren, wenn er mich um etwas bittet. Seinen Teller abzudecken. Ein Glas Wasser zu holen. Ich bin seine Dienerin. Oder Sklavin. Ich tue, was er sagt, da ich Angst vor diesem Griff um den Nacken habe. Es widerstrebt mir, daran zu denken, dass ich Angst vor meinem Bruder habe. Trotzdem denke ich oft daran.

Früher gab es den Park als eine Möglichkeit. Früher spielte ich mit meiner Freundin in diesem Baum. Stundenlang waren wir dort oben und redeten über die Welt, wie wir sie sahen. Wir waren dort zusammen und kletterten höher und höher hinauf, bis wir ganz oben im Wipfel saßen, jede in einer Astgabel, und baumelten mit den Beinen. Jetzt spielt sie mit einem anderen Mädchen. Ob sie in dem Baum sind, weiß ich nicht. Aber sie laufen zusammen über den Schulhof, genau wie wir es taten. Wobei die eine plötzlich losrennt und die andere mit sich zieht. Die Angst, die zwischen dem einen und dem nächsten Schritt zuschlägt und uns antreibt. Das Lachen, das wie Weinen klingt.