Oktoberplatz (eBook) - Martin von Arndt - E-Book

Oktoberplatz (eBook) E-Book

Martin von Arndt

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Beschreibung

Weißrussland im 21. Jahrhundert: Präsident Lukaschenka regiert das Land mit harter Hand, Zeitungen werden verboten, ppositionelle Politiker verschwinden. Die Bevölkerung hat sich mit allem abgefunden, ertrinkt in einer Mischung aus Wodka und Fatalismus. Und Wasil, der Held des Romans, will seine Tante Alezja loswerden – und zwar für immer! "Oktoberplatz" erzählt von der persönlichen und politischen Frustration, die Wasil in Betrügereien, Inzest und Mord treibt. Ein aufwühlendes, eindrückliches Buch über die Liebe, über Träume, über Macht und Missbrauch. Aber auch eines über die letzte Diktatur Europas, über kapitalistische und sozialistische Verirrungen. Für die Arbeit an diesem Roman lebte und recherchierte Martin von Arndt über mehrere Monate im Milieu weißrussischer Oppositioneller in Minsk.

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MARTIN VON ARNDT

Oktoberplatz

oderMeine großen dunklen Pferde

ROMAN

Vollständige eBook-Ausgabe der 2012 erschienenen Originalausgabe

eBook veröffentlicht bei ars vivendi verlag GmbH & Co. KG, Bauhof 1, 90556 Cadolzburg

©2022 Alle Rechte vorbehalten

www.arsvivendi.com

eISBN 978-3-7472-0512-9

Coverbild unter Verwendung von Grafiken von Nicole Köhler / [email protected]

Fonts: Delicious: A font by Jos Buivenga (exljbris, www.exljbris.com); TheMix: A font by Luc de Groot

Sie kommen, meine großen dunklen Pferde kommen! Mit dem sachten und rauschenden Innern ihrer Hufe. Die Pferde des Schlafs galoppieren, galoppieren über das Land. Thomas Wolfe: Tod, der stolze Bruder Kali raptam adczujesz kamunalnyja pachi, I żyćcio ciabie woźmie u piatlu. Zrazumiejesz tady, szto try czarapachi Paraniejszamu ciahnućziamlu. Hej la-la-la-laj, Ty nie czakaj, siurpryzau nia budzie. N.R.M.: Try Czarapachi Wenn du in der Kommunalka (Gemeinschaftswohnung) plötzlich die Ausdünstungen riechst Und dich das Leben in den Schwitzkasten nimmt Wirst du verstehen, daß nach wie vor Drei Schildkröten diese Welt ziehen. Warte nicht ab, es wird keine Überraschungen geben! N.R.M.: Drei Schildkröten

Tümpel, so tief, daß auf ihrem Grund Höhlen sein könnten

Ich habe Draht gekauft. Draht zum Überbrücken der Sicherung. Und einen Pürierstab, dieselbe Marke, dasselbe Modell, das mein Tantchen dazu benutzt, um ihren Tag mit einem Bananen-Shake zu beginnen.

Weil die Metro voll war, wie immer um diese Zeit, ging ich in ein Schnellrestaurant an der Njamiha und stopfte mich mit Bliny voll, bis mir schlecht wurde, bis sich mein Magen umstülpte, wieder und wieder, bis er leer war, entspundet. Dann setzte ich mich zurück an meinen Tisch, den Schweiß noch auf der Stirn, und während um mich her die Idiotie einer Pubertierenden-Selbstfindung mit Klingeltönen und MTV Russia tobte, machte ich mich daran, den Pürierstab mit meinem Taschenmesser aufzuschrauben.

Es begann zu regnen, zu schneien, zu regnen. Ich ging zu Fuß bis zur Station Maladzjozhnaja, den Kragen meines Hemds hochgeschlagen, den Wintermantel trug ich unterm Arm, ein Paket unter vielen. Ich spürte, wie meine Brustwarzen unter dem Synthetikstoff prall wurden, gegen die Kälte rebellierten. Die letzten hundert Meter sprintete ich, harte lange Schritte auf den Ballen. In der Metro rieb sich meine klatschnasse Kleidung an den Businessjacken der mich Umdrängenden, die sich angewidert von mir wegzudrehen versuchten. Erfolglos.

Zuhause habe ich Kaffee gekocht, habe mich hingesetzt, bin wieder aufgestanden, habe mich hingesetzt, habe nicht von dem Kaffee getrunken. Der Sekundenzeiger der Uhr pulsierte vor meinem Auge, in meinen Augen.

Die leitenden Teile im Inneren des Pürierstabs so mit dem Einschalter zu verbinden, daß auf dem Knopf Strom fließt, ist ein Leichtes. Strom durch den Knopf durchzuleiten, ist ein Leichtes, man muß nur ein wenig mit dem Messer an seiner billigen Plastikabdeckung kratzen. Mein Tantchen ist Linkshänderin. Der Strom wird unmittelbar zu ihrem Herzen vorstoßen. Der Pürierstab liegt in der Faust. Die Faust ist fest um das Instrument geschlossen. Verkrampft.

Ich schütte die Kanne Kaffee aus. Der Sekundenzeiger der Uhr pulsiert.

Der Sicherungskasten von Tantchens Wohnung befindet sich im Bad. Während eines Stromausfalls hatte ich versucht, die vermeintlich defekte Sicherung zu wechseln. Mit der Taschenlampe im Mund habe ich – nackt, auf Zehenspitzen – vor dem Kasten gestanden und eine nach der anderen raus- und wieder reingeschraubt, während mein Tantchen von hinten durch das Delta griff, das meine Oberschenkel mit den Bodenfliesen bildeten, und mit fünf schwarzlackierten Fingernägeln meine Hoden streichelte. Bis sie nach einem Blick aus dem Fenster feixte, daß das ganze Viertel ohne Licht sei. Ich drehte mich zu ihr um, sie biß in das andere Ende der Lampe, zog sie mir aus dem Mund, wir haben den Sicherungskasten wieder zugeschlossen, und, statt auf Licht zu warten, zweimal Sex im Stehen gehabt. Zehnmal Schwarzlackiertes verkrallte sich in die Küchengardine. So habe ich ihr vor einem dreiviertel Jahr beim Umzug geholfen, beim Sicheinleben in ihre neue Stadt. Mjensk. Minsk.

Rechts von mir: mein Messer, meine Zange. Und zu meiner Linken: Draht, Draht zu meiner Linken. Wenn man ihn richtig anbringt, wird es nach Schludrigkeit aussehen, nach derselben Schludrigkeit, mit der wir jahrzehntelang unser Haus instand gehalten haben. Vielleicht auch nach der Faulheit eines Vormieters, der, um die kaputten Sicherungen nicht ständig wechseln zu müssen, sie einfach überbrückt hat.

Der Sekundenzeiger der Uhr.

Stromstärken von mehr als 50 Milliampere, so habe ich gelesen, sollen ausreichend sein, um das somatische Nervensystem zu zerstören. Steigen sie über eine Sättigung von 150 Milliampere: Exitus. Die Elektrokution wird wie ein bedauerlicher, wie ein bescheuerter Unfall wirken. Die meisten Menschen sterben zuhause. An und mit ihren Haushaltsgeräten, den Föhn, den Pürierstab, die Bohrmaschine noch in der Hand. »Na, was soll’s?!« wird der Pathologe sagen, und er wird ein Tuch über Tantchens Gesicht ziehen. Vorsichtig wird er dabei zu Werke gehen, sie nicht berühren, um das gesottene Fleisch nicht von den Knochen zu lösen. Wegen der Verbrennungen an der Hand und am Arm werden sich Eiterblasen gebildet haben, die wie kleine rote Tümpel aussehen. Tümpel, so tief, daß auf ihrem Grund Höhlen sein könnten, Höhlen mit Gängen, die man schwimmend durchqueren, durch die man auf die andere Seite hinübergelangen könnte.

Der Sekundenzeiger. Der Sekundenzeiger.

Das Haus steht immer offen. Ein Ersatzschlüssel für die Wohnung liegt im Keller. Mein Tantchen ist so vergeßlich! Sie wird gegen 20 Uhr weggehen. Um diese Zeit ist auf dem ganzen Weg von der Metro bis zu ihrem Haus auch nicht mehr eine Straße beleuchtet. Die Menschen werden vor ihren überlauten Fernsehern sitzen, Castingshows auf allen Kanälen, nur die blöde Töle aus dem vierten Stock, die ihr Herrchen am Ton der Auto-Zentralverriegelung erkennt, wird lautstark bellen, das ganze Haus zusammenbellen. So daß mich niemand hören wird. Das Austauschen des Pürierstabs: zwei Minuten, höchstens drei, je nachdem, ob mein Tantchen ihn von Hand gesäubert, in die Spülmaschine oder auf die Wandhalterung gesteckt haben wird. Das Überbrücken der Sicherung: zehn, fünfzehn Minuten. Aber Tantchen wird nicht vor vier Uhr morgens heimkommen. Und ich werde, kaum daß die Spielshows begonnen haben, wieder auf der Straße sein. Die einzigen, die mir begegnen, sind Studenten, die Flasche Bier in der einen, die Zigarette in der anderen Hand, im Wohnheim dürfen sie nicht trinken, nicht rauchen, nicht randalieren. Ich werde zwei Flaschen Wodka im Magasin kaufen und das Restgeld auf der Theke liegen lassen. Befreiung, so habe ich beim ungarischen Dichter György Konrád gelesen, sei es, vom Mörder zum Geliebten zu werden. Aber das funktioniert nur in der Literatur.

Nächster Morgen, 7:32 Uhr. Ein auf Vibration geschaltetes Handy tanzt wie verrückt auf einem Glastisch, der ganze Tisch vibriert. Niemand geht ran. Niemand scheint zuhause zu sein. Obwohl ich auf dem Sofa liege. Der Restalkohol läßt mich wie in einer Retorte eingesperrt atmen. Mein Leben in vitro. Ich bin nicht da, einfach nicht da. Das Handy macht eine kurze Pause, dann meldet es sich mit einem schweren Brummen nochmals. Ich weiß, was mich erwartet, würde ich zum Telefon greifen.

Sie haben – eine – Nachricht auf Ihrer Mailbox.

Erste Nachricht auf der Mailbox.

Leck mich.

7:34 Uhr. Der Sekundenzeiger der Uhr steht still. Leise summt die Gasleitung. Ich werde wieder einschlafen. Wenn ich mich ganz fest auf Großpapa konzentriere, werde ich wieder einschlafen. Ich arbeite an einem widerspenstigen Webstoff, und ich muß zurück, zurück zum Anfang, zu einem Anfang. Oder aber zum Ende. Zum ersten Ende, mit dem alles begonnen hat. Großpapa.

Kartoffelzucker

Treppab, treppab, treppab.

Unten sind sie damit beschäftigt, den massigen Körper anzuwuchten. Zu dritt. Rasou, der Fleischer, faßt unter den Schultern an. Vater und Onkel Janka greifen nach je einem Bein. Es riecht nach Aprikosenschnaps.

»Jetzt!« heißt das Kommando, und alle heben an. Der Leib sackt in der Mitte zusammen, sie bekommen ihn nicht vom Kellerboden hoch. Die Träger straucheln, taumeln aufeinander zu, sechs pralle Fäuste, dreißig weiße Fingerkrallen. Stürzend reißt der Schwächste eine Naht entzwei, raaatsch, durch den Bund schiebt sich fleckige Unterwäsche. Es riecht nach Salmiak. Es riecht nach wilder Minze. Das Bein rutscht Vater aus der Hand, klatscht auf den Stein, etwas kracht und geht entzwei, ein Pantoffel schlurft über den Boden, Großpapa ist tot.

Dieselben Bilder. Immer dieselben Bilder. Begleitet von einem monotonen Sirren. Aber es ist nicht das Motorengeräusch eines Filmprojektors, obwohl es derselbe Laut ist. Es ist die ostdeutsche Gefriertruhe, die sich Großmama vom Mund abgespart hat. Die im Kellerhintergrund steht. Dort, wo sie ein Stromkabel durch das Fenster gezogen haben.

Immer dieselben Bilder, wenn ich die Augen schließe. Wenn ich die Augen schließe, ist Großpapa tot. Er ist die Kellertreppe hinabgestürzt. Er wollte zu seinem Schnapsversteck. Vater hat im Keller ein Geldversteck. Großpapa ein Schnapsversteck. Aprikose, Pflaume, Wodka. Die leere Flasche Aprikosenschnaps, die er mit hinunternehmen wollte, liegt oben auf dem Treppenabsatz. Unzerbrochen. Großpapa liegt auch auf dem Treppenabsatz. Unten.

Großpapa war krank. Leberzirrhose. Dazu Rückenmarkentzündung. Außerdem war er Epileptiker. Er wollte längst nicht mehr. Gemußt hat er auch nicht mehr. Mit seinen achtzig Jahren.

Mit seinen achtzig Jahren liegt der Epileptiker vor der Kellertreppe. Sein Leiden: die Blutschmiere in seinem Bart.

Alezja entdeckt ihn als erste, von oben. Sie ruft. Nach dem Vater. Dann ruft Vater. Alle laufen sie zusammen, Onkel Janka, der mit Vater schon am frühen Morgen einen neuen Schacher vorbereitet, Rasou, der auf ein Schwätzchen mit Großpapa gekommen ist, und ich. Alezja schicken sie weg, mit mir versuchen sie es auch, aber vergeblich. Ich bin vierzehn Jahre alt. Ein Mann. Ich gehe mit ihnen die Treppe hinab und sehe den blutigen Schaum. Großpapas Gesicht sehe ich nicht. Er liegt darauf. Motorensirren. Es riecht nach Salmiak. Nach wilder Minze. Nach Eisen.

Ich weiß: Großpapa muß gewaschen werden. Dieselben Bilder, derselbe Film.

Wenn sie ihn die Stiegen hinaufgeschafft und auf sein Bett gezerrt haben, wird Onkel Janka seine Jacke durchstöbern, er wird einen Flachmann darin finden, sich wundern, was der Alte wohl im Keller suchte, wenn er noch ein Fläschchen bei sich hatte, er wird es herausbefördern und sagen:

»Das letzte Hemd hat keine Taschen!«

Dann wird er es aufschrauben, einen Schluck tun, es in die Runde reichen, das Gesicht nachschmeckend verziehen, und sich selbst antworten:

»Na, was soll’s?!« Es wird nach Aprikosenschnaps riechen. Vater wird mich zur Großmama schicken.

Die arbeitet schon wieder. Keine zwei Wochen ist es her, daß sie entbunden hat. Aber Marya, die Kleine, ist Großmamas viertes Kind, das sei nur eine Frage der Routine. Milch hat sie ohnehin keine mehr. Sie kann längst wieder arbeiten. Nur die angehende Nierentuberkulose macht ihr zu schaffen.

Großmama arbeitet im Gemischtwarenladen. Ich kann Kaslou, den Leiter, nicht ausstehen, deshalb besuche ich sie selten, selbst wenn es dann Süßigkeiten gäbe. Tatsiana und Alezja sind ständig da. Ich habe sie darauf eingeschworen, die abgestaubte Besucherschokolade mit mir zu teilen, was besonders Alezja schwer fällt. Dabei muß sie auf ihre Pickel achten. Fett wird sie allmählich auch, und die Jungs aus meiner Klasse fangen an, sie und mich, ihren Neffen, zu hänseln. Sie ist die einzige Zwölfjährige, die noch keinen Freund hat. Trotzdem kann es nicht genug Schokolade sein, sie beginnt mit einem Stück, ißt sofort einen Riegel hinterher und anschließend verputzt sie die ganze Tafel. Es ist mehr als essen. Sie mästet sich. Sie stopft sich, verspundet sich. Seit sie entdeckt hat, daß sie tagelang bluten kann. Oder vielleicht ist es auch wegen Großpapa.

Bei meinem Eintritt in den Laden weiß Großmama, daß etwas geschehen sein muß. Mit ihren fünfundvierzig Jahren ist sie eine alte Frau für uns. Und wie eine alte Frau lugt sie, mit schiefgehaltenem Kopf, über die Theke. Es ist Alezja, die auf sie zutritt und laut verkündet:

»Mamuschka, der Papa ist gestürzt.«

Und mit unverhohlener Wehleidigkeit in der Stimme sagt sie noch:

»Kann ich Kartoffelzucker haben?«

Wortlos bindet sich Großmama die Schürze auf, blickt auf mich, ich sehe weg. Wortlos wendet sie sich Kaslou zu, der den Auftritt von Anfang an hinter seinen akkurat geschichteten Stapeln Konservenbüchsen verfolgt hat. Er nickt. Beiläufig. Sie schiebt uns der Tür entgegen, aber noch bevor wir aus dem Laden sind, hebt er Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand und ruft:

»Zwei Stunden! Zwei!«

Als ob er mit seinen fünfzehn Kundinnen am Tag nicht imstande wäre, den Tante-Natascha-Laden allein zu schmeißen.

Draußen steht die Sonne schon hoch. Wir müßten längst in der Schule sein. Großmama erinnert uns daran, aber zu ihrem Ärger erklären wir uns für schulunfähig. Eine halbe Stunde gesteht sie uns zu. Die Entschuldigung für eine halbe Stunde. Weniger Zeit als sie selbst hat.

Jetzt, da Tatsiana vorantrabt Richtung Schule, Alezja sich einen letzten Rest Kartoffelzucker in den Ranzen steckt, für den Rückweg, beginnt etwas Besitz von mir zu ergreifen. Großpapa sagte immer: »Kommst du über den Hund, dann kommst du auch über den Schwanz.« Ich habe nie verstanden, was das heißt, und das lag nicht daran, daß er es auf Ungarisch gesagt hat. Ich habe vielmehr nie verstanden, was er damit gemeint haben könnte. Er wahrscheinlich auch nicht. Aber darum geht es nicht, darum ging es nie. Es geht um Großpapa. Den ich von jetzt an suchen müßte. Den ich doch immer nur gefunden hatte. Den ich nie wieder aus dem Kellerversteck von Rasou nach Hause holen würde und dafür Kalbasa zugesteckt bekäme von der Rasowa, die mich als »Mein Engelchen« begrüßte, weil durch mich die trinkerische Zusammenkunft rasch, heiter, und vor allem ohne ihr Zutun aufzulösen war.

»Geh deine Wurst holen!« sagte die Großmama, und Rasou, der Fleischer, sagte:

»Der kleine Polizeimann! Gell, du führst uns nicht beide ab? In der Ausnüchterungszelle ist’s so hundstrocken!« Dann schenkten sie einander den Letzten ein, sprachen sich ein »Trink, und laß es nicht wiederkommen!« zu, ergaben sich den besten Schauern der Aprikose, ich mußte Großpapa aufhelfen, weil die Entzündung im Rücken ihn steif und immer steifer werden ließ, und schmatzend und lachend verdrückten wir die erste Wurst zusammen auf dem Nachhauseweg. Denn das, schwatzte Großpapa, sei der Sozialismus, der wahre Sozialismus, nicht der abgeschmackte, der Aftersozialismus, den sie von Stalin gelernt hätten: Nicht einsam trinken, gemeinsam trinken, nicht einsam essen, gemeinsam essen.

Ich hatte ihn doch immer nur gefunden, wo sollte ich ihn jetzt suchen?

Und, mit leisem letzten Zögern, beschließe ich, lieber gleich etwas von all der Sonne abzuarbeiten, die diesen Sommer noch vor mir liegt. Diesen Sommer ohne den Alten.

Ich glaube nicht, daß meine Tantchen bemerken, daß ich nicht mehr bei ihnen bin. Außer Stanislau wird es auch in der Schule niemand bemerken. Nicht einmal die Lehrer.

Ich sei kein bemerkenswerter Schüler, sagen sie, für meine vierzehn Jahre nicht besonders aufsässig, nicht besonders talentiert. Was mich zwar nicht vor dem Pionieralltag, wohl aber vor den Komsomolzen bewahrt hat, die keine Anstalten mehr machen, mich unter ihre Fahne zu ziehen.

Und wäre ich nicht Stanislaus Freund, hätte auch keines der Mädchen aus der Schule je Notiz von mir genommen. So kennen sie mich als Liebesboten, stecken mir kleine, aus den Schulheften gerissene Zettel für ihn zu, aus denen ich, am Polentümpel sitzend, winzige Boote baue, um sie in die rauhe See ohne Wiederkehr zu schicken. Manchmal antworte ich für Stanislau. Ich bin geschickt im Antworten für andere, so geschickt, daß beide Seiten bis heute den Betrug nicht bemerkt haben. Stanislau wäre mir dankbar, wüßte er davon. Ich halte ihm den Rücken frei. Den Kopf. Die Seele. Die nach dem Tod seiner kleinen Schwester keinen Platz mehr für Mädchen hat.

Vielleicht lerne ich jetzt verstehen. Vielleicht werde ich wie Stanislau. Schließe mich zu Hause ein, bette mich unter Bücher. Erhoffe, erwarte von ihnen etwas. Antworten. Und schicke keine Boote mehr auf den Tümpel, der jetzt, ich arbeite die letzten Bitten um Verabredung von gestern ab, erste kleine Wasserringe zeigt. Dann überfallartiger Regen. Ein Krieg zwischen Himmel und Erde. Wie im Himmel. So auf Erden. Regen beugt sich nieder über die Landschaft, gerade so, als wollte er von ihr kosten. Ich laufe, harte lange Schritte auf den Ballen, ich übe meinen Antritt. Ein guter Leichtathlet hat nie Trainingspause.

Erst jetzt ist unser Haus zu einem Trauerhaus geworden, mit allem, was man sich ihm zugehörig denkt: Den Kindern ist es verboten, drinnen zu spielen, kein Wort, kein Laut, kein Tritt auf den Dielen. Nur die Großen poltern geschäftiger denn je durch den Korridor. Im Zimmer, in dem der Alte aufgebahrt liegt, ist es außerdem verboten zu sprechen. Sie haben ihn schweigend ausgezogen, ihn gewaschen und in seinen Sonntagsstaat gesteckt. Sie. Großmama, die zwischendurch der Kleinsten die Flasche gegeben, und Mutter, die hin und wieder verstohlen mit den Schultern gezuckt hat.

Es ist uns verboten, schnell durch den Flur zu jagen und die Töpfe zu schlagen, wenn wir das Essen ankündigen. Das ist jetzt Kindersache. Beim Essen selbst kein Unterschied: Schweigen, wie immer. Nur daß Vater nicht zischt, wenn man trotzdem zu sprechen wagt. Das übernimmt jetzt Großmama. Vater schüttelt nur den Kopf. Womit hat er diese Blagen verdient?

Wir Blagen stehlen uns heimlich ins Schlafzimmer der Großeltern, das uns ganz neu ist. Das gemeinsame Schlafzimmer, das kein Gemeinsam mehr kennt. Oder es noch nie gekannt hat. Außer zum Kindermachen. Der Raum ist in zwei exakt gleich große Sektoren geteilt, die man nur zu überschreiten wagte, wenn die eine Seite den Schnapsvorrat der anderen umbettete und die andere das Umgebettete wieder hervorsuchte, um es in der Kehle neu zu lagern. Um kein Spielverderber zu sein. Jedesmal mit dem gleichen Ernst bei der Sache. Schließlich hatte Großpapa die Regeln ja aufgestellt.

Ansonsten sahen sie sich wenig, sprachen sie wenig miteinander. Großmama hatte Kaslou. Großpapa hatte mich.

Und Alezja, die »Mittlere«. Mich zum Zuhören, sie, ihm dienstbar zu sein. Wenn er mal wieder mußte. Es falle ihm eben alles ein wenig schwer mit seinen achtzig Jahren. Mit dem steifen Rücken. Mit der großen runden Leber, die schuld war, daß er mußte, wenn er nicht wollte, und nicht konnte, wenn er mußte.

Und mit seinem Leiden. Hatte Angst, er komme ohne fremde Hilfe nicht mehr zu sich, die Zunge zwischen den Zähnen, die Stirn blutig gekratzt, dort an der Wand in dem engen Badezimmer. Wenn er mußte, folgte sie ihm stumm.

Weshalb Alezja, ich könne ihm doch helfen. Aber nein. Denn ich bin der Junge.

»Das ist nichts für Jungen«, sagt Großpapa und schenkt sich noch einen ein, bevor er sich auf den Weg macht.

»Das ist was für Jungen, Kleiner«, lacht er und läßt mich an der Flasche riechen. Heute nur riechen. Er war schon großzügiger. Aprikosenschnaps. Überdeckt nur wenig den Salmiakgeruch, den er wieder ausströmt. Deshalb wird es jetzt Zeit, Großpapa streicht Alezja über den Scheitel und läßt sich von uns aufhelfen, bis er mich augenzwinkernd zurückwinkt: Du weißt ja, nichts für Jungen.

Heimlich bin ich doch mitgegangen. Weil es so eng ist in dem Raum, den man vor einigen Jahren einfach nur mit einer Zwischenwand von der Küche abgetrennt hat, können sie die Tür nicht schließen. Alezja öffnet ihm die Hose, zerrt zugleich an ihr und an der verfilzten, feuchten Unterhose, zerrt sie ihm in die Kniekehlen, bis er »Halt!« ruft, denn er möchte noch Stoff spüren zwischen Oberschenkel und Toilettensitz, sonst wird’s gar zu arg im Winter. Dann stützt er sich mit der Linken gegen die Wand, seine Rechte sucht die Tochter, die, wenn er sich jetzt nach hinten sinken läßt, verzweifelt um Gleichgewicht bemüht den Arm nach vorn reißt, bis Großpapa auf den Sitz aufplumpst, ihr zunickt, »Geht schon« zischt, und an den ineinander zerknüllten Hosen zieht. Dann höre ich ihn laut stöhnen, leise fluchen. Eine Begleitmelodie. Immer im selben Tonfall. Es dauert, dauert lange, bis er Alezja wieder herbeizitiert. Sie befördert ihn unter Zuhilfenahme ihres Körpergewichts in den Stand, wischt ihm kurz zwischen die Beine und dreht ihn um, daß er vor dem Toilettenbecken steht. Großpapa brummelt. Alezja dürfe jetzt abschütteln. Und sie dürfe da auch ruhig mal dran ziehen, ja, feste ziehen, nach hinten, feste! Und wieder nach vorn, feste! Schließlich müsse sie sich daran gewöhnen. Als Mädchen.

Plötzlich weiß ich, weshalb Tatsiana, die doch die größere und kräftigere ist, nicht mehr mitgeht. Und ich bin ja der Junge. Ich muß mich nicht daran gewöhnen.

Großpapa, so sagte mir Rasou Jahre später in wodkaseliger Vertrautheit, habe eben schon immer … und nichts für ungut, das dürfe ja auch sein, das habe ja fast jeder Mann, gell, das dürfe man nicht vergessen, und er wolle damit ja auch nicht schlecht von ihm sprechen, der Großpapa sei ein feiner Kerl gewesen, ein wirklich ganz prima Kerl, vielleicht der beste Kerl im Städtchen, gell … eine Vorliebe habe er halt gehabt für »kleine Mädchen«. Sonst hätte er sich ja auch nie mit der Großmama eingelassen.

»Mußt mal rechnen, Wasja, Junge«, sagte er mit wichtigtuerischem Stirnrunzeln, »mußt mal rechnen, wie alt deine Großmutter war, als dein Vater zur Welt gekommen ist. Fünf-zehn war sie, gerade mal fünfzehn geworden.«

Aber so sei das eben, und nichts für ungut, gell, sa sdarouje, und daß es nicht wiederkomme!

Großpapas Totenzimmer. Sie haben große Kerzen zu seinen Füßen angesteckt, am Kopfende steht der wurmstichige alte Kellertisch, Kreuz, Weihwasserschale, Öllampe, in der Luft ein klebriger Rauch, »Kackruß, katholischer«, hat er dazu immer gesagt, aufbegehrt hätte er gegen diese Aufbahrung.

»Ich weiß, mein Gott lebt«, sagte Großmama, wenn sie die Wortwechsel mit ihm beenden wollte, und: »Na sicher«, antwortete der Alte, »fragt sich nur, wovon.«

Großpapas Totenzimmer. Zwei Rubelmünzen liegen dort, wo seine Augen waren. Wir Blagen stehlen uns heimlich in den Raum, der uns ganz neu ist. Alezja tastet sachte an den Rändern des Lakens, dann rücken ihre Finger dem Körper immer näher. Schließlich ziehen sie um ihn eine Spur in das Tuch. Berühren will sie ihn aber nicht mehr. Denn es ist nicht mehr ihr Papa, das haben ihr die Großen gesagt. Aber weshalb nicht, das haben sie ihr nicht gesagt. Sie sieht fragend zu mir auf. Ich sage: »Das letzte Hemd hat keine Taschen!«, dann: »Na, was soll’s?!« und kneife sie dabei in den Arm, ganz fest ins Fleisch. Einen Moment schwankt sie, soll sie weinen oder lachen, und dann toben wir drei doch durch das Zimmer, allen Verboten zum Trotz, so wild, daß das Öllämpchen auf dem Tisch erzittert und fast alle Kerzen ausgehen.

Bis die Großen wieder da sind von ihren Gängen, ihren »Formalitäten«. Das Radio wird angestellt. Die Stimme sagt beschwingt, der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe habe mit der »Europäischen Gemeinschaft« eine Erklärung über die Aufnahme offizieller Beziehungen unterzeichnet. Und schildert dann in elegischem Ton, wie unsere Nationalmannschaft nach einem kämpferischen Spiel das Finale bei der Fußballeuropameisterschaft in Deutschland verloren habe. Vater schüttelt den Kopf. Auch das noch. Weil das Radio unablässig brummt und knackst, schaltet er ab. Obwohl gleich seine Lieblingssendung kommt. Aber Respekt für den Alten muß schließlich sein. Der Alte. Der ihn unzählige Male geschlagen hat. Ins Gesicht. Mit dem Handrücken. Jefim Abramawitsch, mein Lauftrainer, meint, daß es für die Juden nichts Schlimmeres gebe, als mit dem Handrücken geschlagen zu werden. So schlägt der Herr den Knecht. Er schlägt ihn und treibt ihn vor sich her, treibt ihn von sich fort. Den ungehorsamen, den Kainssohn.

Während der Totenfeier ist Onkel Janka vollauf damit beschäftigt, den bereits austretenden Leichensaft aus Großpapas festgezurrten Mundwinkeln zu wischen. Es ist stickig, schwül. Nicht einmal die Birken vor den Fenstern schütteln ihr Laub. Es riecht nach Erbsen. Nach frisch gepflückten Erbsen und dem Saft unter der Hülse.

Tatsiana, Alezja und ich, wir bilden die erste Reihe hinter dem Sarg. In unserem Rücken geht die Großmama, aufrecht und starr, mit Marya im Arm, und Janka, Großmamas Onkel, der unablässig schnauft, jammert, sich die Nase putzt, über die Augen und das Haar mit seinem Feiertagstaschentuch wischt. Dahinter, wir können sie nurmehr erahnen, Vater, Mutter, auch Rasou, der sich, seiner Rauchwürste wegen, gern vor der Beerdigung gedrückt hätte.

Tatsiana, Alezja und ich. Wir ziehen uns wechselseitig zum Grab hin, wir folgen dem Sarg, in den man, der fortgeschrittenen Leberzirrhose wegen, zusätzliche Nägel schlagen mußte, um zu verhindern, daß die Gase im wasserprallen Körper die schwache Kiste sprengen. Aber es nützt nichts, rein gar nichts. Bei der Grablegung ächzt das Holz unter der Zweieinhalbzentnerlast, die Träger, auf sieben aufgestockt, straucheln, dem ersten rutscht prompt das Seil aus den Händen, rahursch, die Bretter sind längst gesprungen, als Großpapa unten aufschlägt.

Er war der Mann

Großpapa. Er war der Mann. Der Mann des Städtchens.

Fünfzehn Jahre war meine Großmama, als er sie zum ersten Mal schwängerte. Großmama, die Tochter seines besten Freundes Sándor. Die fünfziger Jahre gingen ihrem Ende entgegen. Chruschtschow, der Allesfresser, wollte sich Westberlin einverleiben, und in Budapest hängten sie Imre Nagy, Großpapas prominentesten Fürsprecher, als er kurz vor Ende des großen vaterländischen Kriegs erstmals sowjetischen Boden betrat. Als Vater zur Welt kam, trug der Alte noch immer Trauer um »seinen Imre« und traute dem Radiosprecher nicht, der verkündete, Nagy sei ein vom Westen gekaufter Verräter. Großpapa kannte Verräter, der war keiner! Und so polterte er: Das Kind könne selbstverständlich keinen anderen Namen als Imre tragen. Doch Großmama, mit der ganzen Kraft ihrer Jugend und dem Stolz auf ihre neue, ihre belarussische Heimat, rollte nur mit den Augen und setzte Mikola durch. Und der Alte, der jede Form von Nationalismus und Separatismus ebenso ablehnte wie einen kernigen Streit mit der Wöchnerin, schrieb den Namen in seinem Kopf um zu Nikalaj. Wenigstens das.

Mein Vater setzte alles daran, Großpapas Aufmerksamkeit zu erregen, aber er verstand einfach nicht, daß er dafür kein verklemmter Duckmäuser, der schon im Alter von vierzehn Jahren ein Depot mit Angespartem im Keller anlegte, sondern ein großer Sozialist hätte werden und sich den Namen »Roter Nikalaj« verdienen müssen.

Nächst dem Geld galt Vaters ganze Aufmerksamkeit den früh entwickelten Brüsten seiner Nachbarin Sweta. In unserer Familie ist Kindersegen immer eine Sache der Kinder selbst gewesen. Mein Vater war sechzehn, Mutter auch, als sie dem Alten in vorauseilendem Gehorsam einen Stammhalter, mich, schenkten; aber auch der Alte pflanzte sich noch zweimal fort, in Verachtung der Schwäche seines Leibes, auch ungeachtet der spöttischen Bemerkungen allenthalben, gönnte seiner Frau zwölf milde Winter, ließ sie mit fünfundvierzig noch einmal diesen einzigartigen Schmerz verspüren, um anschließend, gleichsam an ihrer statt, im Wochenbett zu sterben. Und was in anderen Ländern vielleicht Einzug in die Zeitungen gehalten hätte, hielt bei uns nicht einmal recht Einzug in die Köpfe. Geschweige denn in die Herzen.

Tatsiana war es, die irgendwann nach dem Tod des Alten damit begann, Stammbäume zu zeichnen. Angeblich für Marya. Ich glaube aber, in Wahrheit fürchtete sie einfach, die Übersicht zu verlieren.

Hier war sie also, unsere Familie:

Ich bin, was verdächtig nach einem toten Trieb links unten aussieht. Und er war es, der stets im Mittelpunkt stand: Großpapa István.

Er war der Mann. Der Mann des Städtchens, geboren am Tag und zur Stunde, als der russische Schachgroßmeister Tschigorin in Lublin starb. Von Lublin bis Budapest waren es 600 Kilometer, zu weit, um Tschigorins noch ziemlich munteren Geist in ihm zu reinkarnieren. Und so verpatzte Großpapa in unseren samstäglichen Schachpartien zähneknirschend eine Eröffnung nach der anderen.

Die Budapester Vorstadt, in der Großpapa aufwuchs, war damals so aufregend wie heute, nur daß sie weniger nach Abgasen stank. Meine Urgroßeltern waren Kleinbauern, wie alle; ein Klepper, mehr tot als lebendig, zwei Kühe, fünf Schafe, allabendlich Laub brennen. Rauch stieg, der Westwind verwirbelte ihn, und er zog ins Haus, bis in die frühen Nachtstunden. In der Dämmerung brannte es sich am schönsten, Großpapa und sein Vater hatten das Laub den Tag über im Garten gerecht. Großpapa liebte ihn über alles, den Moment, als die Flammen flügge wurden.

Als er alt genug war, schickte ihn meine Urgroßmutter zum Roten Sándor, dem Sohn ihrer Jugendliebe. Urgroßvater tobte, einen Monat lang, mehr aus Eifersucht denn aus politischen Bedenken, dann wurde er mitsamt Sándors Vater und den übrigen Reservisten der KuK-Armee eingezogen.

Der Rote Sándor gab Großpapa Unterricht in Sachen Herren und Knechte. Er lehrte ihn Lesen, mehr als die öffentliche Schule, weil Großpapa sie nur in den Monaten besuchte, wenn es nichts zu säen, zu jäten, ernten oder brennen gab. Großpapa las im Manifest, sollte die ersten zwanzig Seiten auswendiglernen, was er wenig widerstrebend tat, weil sein Kaff, trotz des großen Krieges, nicht aufregender geworden war. Sándor lehrte ihn, daß die Engländer etwas nicht inwendig, schon gar nicht auswendig lernten, sondern »by heart«, und daß der Sozialismus eine Herzensangelegenheit oder nichts sei. Und schließlich lehrte Sándor ihn, daß das Gemetzel, das gerade bei Marmaros-Sziget zwischen Österreichern und Russen tobte, und das auch ihre Väter nicht überleben sollten, nur eine Wiederholung dessen war, was die Herren 1849 in Budapest, 1871 in Paris und 1905 in Petersburg angerichtet hatten, als sie auf ihre Knechte schießen ließen.

Nach den recht abgeschmackten KuK-Kondolenzbriefen brannte man seltener Laub. Aber immer öfter und lauter hörte man von dem kranken alten Kaiser in Wien sprechen, und von der großen Sache, die ausgerechnet bei den Russen schon Wirklichkeit geworden war. Und Sándor lehrte Großpapa Russisch. Oder das, was er dafür hielt.

Dann kamen der Oktober 1918 und die Budapester Arbeiter- und Soldatenräte. Aus seinem Moskauer Exil war Béla Kun zurückgekehrt, um die sozialistische Republik auszurufen, und der brauchte jeden Arm. Sándor zögerte keine Sekunde, spannte das Pferd vor den Wagen, und fuhr mit Großpapa, zwei weiteren Freiwilligen und einem nach Apfelessig riechenden Gewehr, das sie einen Tag lang geputzt hatten, und für das sie keine Munition besaßen, in die Stadt. Während sich die einen eine neue Ordnung und eine neue Verwaltung gaben, gaben sich andere einfach nur einen neuen Namen und eine neue Biographie. Großpapa wurde der Rote István. Man behandelte ihn wie einen Erwachsenen, einen Mann.

»Zehn Jahre und die Revolution. Danach braucht ein Mensch nicht mehr viel, um zu leben«, johlte der Alte, schlug mit der einen flachen Hand auf meinen Hinterkopf, mit der anderen auf den Tisch, und er richtete, trotz seiner Schmerzen, wieder einmal seinen Rücken auf.

Als nur wenige Wochen später die Truppen des rumänischen Königs in der Hauptstadt einmarschierten, war Großpapa längst wieder nach Hause zurückgekehrt und hatte begonnen, seine abendlichen Feuer zu entfachen. Die Mutter hatte ihn angefleht: Die Felder lagen brach, und ohne Männer war es schrecklich einsam im Haus. So erlebte er nicht, wie Horthy und seine Milizen der Räteregierung mit weißen Handschuhen den Garaus machten, wie sie in die Menge schossen und die Pester Genossen im Frühnebel verscharrten, der wie ein zerschlissener alter Mehlsack über dem Donaustrand lag.

Großpapa hatte seinen alten Namen zurückerhalten und seine alte Biographie. War er nun also wieder der kleine István. Hatte sein kurzes revolutionäres Leben und seine jungenhafte Erinnerung. Das mußte genügen für lange Zeit.

Ein Jahr später kam auch der Rote Sándor wieder. Ausgezehrt, müde bis ins Herz hinein. Er sprach nicht, oder nicht mehr viel. Er hatte nichts mehr zu lehren und auch nichts zu lernen. Die beiden säten, jäteten und ernteten. Sie brannten Laub. Und weil ihre Familien nach dem Tod der Väter beschlossen hatten, den Haushalt zusammenzuwerfen, nährten sich Großpapa, Sándor und ihre Mütter zunehmend von Sándors jüngerem Bruder János, der noch nie Interesse an der Sache der Knechte gezeigt hatte, vielmehr mit Hingabe, by heart, verschacherte, was er an Gutem und Gehaltvollem zwischen den Dörfern aufzustöbern pflegte.

An einem klaren Februartag begann sein Leiden. Le grand mal. In Dresden kartätschte die SA Arbeiterführer nieder, und in Ungarn warf die Epilepsie Großpapa vom Kutschbock. Er blinzelte durch froststarrende Zweige in die Sonne, Hell und Dunkel kamen und gingen, und die weißen Baumkronen hieben wieder und wieder und wieder auf seinen Schädel ein, um sich seiner besten Erinnerungen zu bemächtigen. Auf dem Landstraßenpflaster zerplatzten die roten Schaumbläschen. Lange wurde er nicht gefunden. Er hatte Glück, daß sein dummer Gaul diesen Tags allein zu seinem Hafer zurückfand und so die Familie alarmierte. Für sie, die größer geworden war – János’ Geschäfte waren mittlerweile so erfolgreich, daß er sich ein kleines Weib zugelegt hatte –, wurde der István zur Last, weil man ihn nicht mehr auf den Markt schicken konnte. Auch das mußte János nun selbst übernehmen. Großpapa versorgte das Feld, so gut es ging, aber es ging immer öfter nicht mehr.

Einfacher war es, das Haus mitsamt dem kleinen Weib zu versorgen, denn bei János’ ununterbrochener Abwesenheit wollte und wollte sich kein Kind einstellen. Als es endlich doch soweit war, wußte niemand so recht, von wem es stammte, das Würmchen mit den drei dunklen Locken, aber als es, keine zwei Wochen alt, nach Phasen ununterbrochener Spasmen, abgelöst von leerer und letzter Apathie, an einem Hirnkrampf starb, schien auch das festzustehen. Es ging eben alles immer öfter nicht mehr.

Wenigstens rettete ihn sein Leiden vor der ins Haus stehenden Einberufung. Die Nächte von Reichsverweser Miklós Horthy wurden länger und schwärzer, zu diesen Stunden gedachte er Ungarns Pein, und wie übel er das ihm Anvertraute verweste; und da die Alliierten lustig auf das krumme kleine Ländchen zwischen Theiß und Drau pfiffen, versuchte Ritter Miklós, sich an die andere Seite ranzuwanzen. Wenig später tobte um Großpapa der Zweite Weltkrieg. Und nur um ein weniges leiser tobte János. Sein kleines Weib trug erneut einen Stammhalter unterm Herzen, diesmal ohne Mitwirkung von Großpapa, aber leider auch wieder ohne seine. Obwohl Sándor der Übeltäter war, entfloh Großpapa, des Streits überdrüssig, in die Hauptstadt. Dort sprach man immer offener davon, daß es mit den Deutschen zu Ende gehe. Und er, der seine Jahre in Gleichgültigkeit gegen Weiße wie Braune hingebracht hatte, schmeckte in der Stadt seiner jungenhaften Erinnerungen noch einmal den Frühling. Er wollte tun, was ein Epileptiker für den Umbruch tun konnte. Doch was er sah, das waren nicht die marschierenden roten Brigaden, was er sah, das waren die deutschen Maschinengewehre auf den Donaubrücken, und die deutschen Panzer auf der Burg, und er sah, wie ganz Ungarn sich, ohne zu zögern, in den Matsch warf.

Dann kamen die Pfeilkreuzler, Szálasis dreckiges Dutzend, die Söldlinge der Nazis. Sie begannen damit, die Juden zusammenzutreiben, und alles Volk, das auf der Straße war. Großpapa war auf der Straße.

Es waren zwei, ein alter und ein junger, noch viel zu klein für die Uniform, die er wie einen Mantel trug. Sie waren drauf und dran, ihn mit den anderen in die Donau zu schießen. In einem Hinterhof in Ferencváros rissen sie ihm die Hose herunter und sahen nach, ob da eine anständige Vorhaut war. Überzeugt hat sie der Anblick nicht. Der Junge brachte seine Mauser in Anschlag.

»Trägt aber keinen Stern«, sagte der alte Pfeilkreuzler.

»Eben, vorschriftswidrig, muß weg«, knurrte der Junge, während er nervös am Abzug fummelte.

»Habt ihr denn so viel Munition?« fragte Großpapa den Alten, während er die drei letzten amerikanischen Zigaretten herzeigte, die er aus János’ Vorräten gemaust hatte.

»Wär ich ein Jud’, hätt ich sicher keinen Stern getragen, aber wär ich dann auf die Gasse, um euch entgegenzugehen?«

Und um sein Selbstbewußtsein zu zeigen, hat der Großpapa zu singen begonnen: »Nyisd ki, babám, az ajtót – Öffne, Liebste, mir die Tür«, hat ein paar Tanzschritte angedeutet, und der Alte hat lachend, mit spöttischem Seitenblick auf den Jungen, mitgesungen, »Nein, das geht nicht, denn der Nachbar lugt herfür«, hat sich zwei Zigaretten hinter die Ohren gesteckt und die dritte angezündet, hat salutiert, dem Jungen von hinten gegen die Mütze geschlagen, und ihm den Weg zur Donau gewiesen. Und das hat Großpapa den Kopf gerettet. Das und die Tatsache, daß die Nazis nach einem solchen Tag keine Patronen mehr hatten. Und daß sein Leiden einmal, im rechten Augenblick, ausgeblieben war.

Dann schickten auch die Ungarn ihre Juden nach Auschwitz und zum Frontdienst ohne Waffe, und die Deutschen sprengten das Straßenpflaster von Budapest. Aber Großpapa war längst auf dem Weg nach Osten, wo die Pfeilkreuzler Dorf um Dorf an die Sowjets verloren.

Nur um Lebewohl zu sagen kehrte er zurück, von diesem Ungarn wollte er nichts mehr wissen, er wollte in die Sowjetunion, und er verfluchte sich selbst, weil er so lange damit gezögert hatte. Nur um Lebewohl zu sagen kehrte er zurück zu den Häusern, von denen nicht viel übriggeblieben war, nachdem deutsche Panzergranaten an ihren Fassaden gerüttelt hatten, und er fand keine der drei Frauen wieder. Nur die Brüder lebten, und mit ihnen Sándors Tochter Katalin. Katika. Großmama.

Als er den Heimkehrer fest in die Arme nahm, fand János, nach Tagen des Zerfließens in Reue und Selbstmitleid, in dem Maße wieder zu sich, in dem Großpapa zu seinem Leiden zurückfand. Allein zum Schachern fand János nichts, und das machte ihn wirklich unglücklich. Er erklärte, wenn der Russe zum Ungarn komme, sei Ungarn verloren, deshalb sei es besser, wenn der Ungar zum Russen gehe, und Sándor, die plärrende Katika auf dem Arm, schlug vor, noch rasch ein Schaf zu schlachten, es zu zerteilen, zu pökeln, und die Wurst eine Nacht über den Rauch zu hängen. Großpapa zuckte mit den Schultern, was soviel heißen sollte wie: In einer Nacht, mit etwas Tabak, Maiskolben und Selbstgebranntem im Gepäck, da kann man weit kommen auf den Viehzügen, die planlos in alle Richtungen rollen. Aber auf die Schafwurst wollte auch er nicht verzichten, und so mußte die Sowjetunion noch ein wenig warten.

Bis Eger aßen sie die Wurst und sahen Ungarndeutsche, die ihre Wehrmachtsuniformen im Wald vergruben. In Nyiregyháza tauschte János Mais gegen Zwiebelbrot. In Kisvárda war der Selbstgebrannte dran. Bei Záhony mußten sie auch an die Zigaretten gehen. In Ungvár, das Großpapa Uzhgarad nannte, bekam Katika Durchfall von einer Erbsensuppe, die János bei einem Bauern erbettelt hatte. Und als die vier, halb verhungert und halb verblödet von den bitteren Karpatenbeeren, endlich vor Barislaw standen, war es Mündungsfeuer der Roten Armee, das Sándor tödlich verwundete.

Ein Schreiben seines revolutionären Waffenbruders Imre Nagy, das Großpapa immer bei sich trug, bestätigte, daß er ein wertvoller Kadermann war. Wertvolle Kadermänner siedelte Stalin in Gebieten an, die vor dem Krieg zu Polen gehörten, mit den Ihren sollten sie sich um die Sowjetisierung kümmern. So kam meine Familie in die Nähe von Hrodna. Belarus. Und kam doch nie hier an.

Und aus István wurde Stepan oder Stafan, und aus János wurde Janka, und aus Katika Katja. Und dann haben sie in Sándors Grabtafel den Namen Sascha schnitzen lassen. Krasnyj Sascha, der Rote Sascha.

Janka heiratete zum zweiten Mal, seine Katja bekam eine Stiefmutter, die halb taub und halb scheel war, so bannte er wenigstens die Gefahr, daß er wieder betrogen würde. Großpapa zog von Dorf zu Dorf und verdingte sich als Ausbesserer. Es gab jede Menge auszubessern, besonders nach der alljährlich wiederkehrenden Flut. Im ganzen Land fehlte es an Männern. Keiner packte besser zu als der Großpapa, auch wenn er manchmal vor lauter Übereifer in fremde Taschen und unter fremde Röcke packte.

Ein neues Jahr, und der Hauch aus Moskau kam als Sturm in Budapest an. Ungarns politische Führer, die Rákosis und Gerős und Hegedüs, kamen und gingen. Auch Imre Nagy ging, aber er ging nur, um noch bestimmter wiederzukehren. Vier Wochen. Vier Wochen lang war Großpapa wieder zehn Jahre alt. Schlief nicht. Aß nicht. Kannte kein Blut, keine Familie, nur Flammen, die flügge wurden. Dachte daran, ob er den Weg, den er vor zwölf Jahren gekommen war, auch zurück schaffen würde. Aber als die Panzer der Sowjets auf denselben Stellen standen, wo einst die deutschen gestanden hatten, und in die Menge feuerten, verstand er, daß er, mit seinem Leiden und seiner Rückenmarkentzündung, ein Überbleibsel der Flucht quer durch die Karpaten, nicht einmal mehr zum erschossenen Konterrevolutionär taugte. Nicht Imre Nagy hatte den Sozialismus verraten – der Sozialismus hatte ihn verraten. Großpapa begann den Geschmack an ihm zu verlieren.