Oma Jertrud & Co. - Dieter Hermann Schmitz - E-Book

Oma Jertrud & Co. E-Book

Dieter Hermann Schmitz

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Beschreibung

»Es waren einmal zwei alte Leute. Sie hießen Gertrud und Hermann. Und sie taten das, was Schneewittchen, Aschenputtel und Dornröschen mit ihren Prinzen nach der Hochzeit auch getan haben: Sie lebten glücklich und zufrieden bis zu ihrem Lebensende. Gertrud und Hermann waren meine Großeltern. Anders als die Figuren aus Grimms Märchen lebten sie aber nicht in einem fernen, wundersamen Königreich, sondern im Rheinland. Ein klein wenig märchenhaft ging’s bei den beiden aber dennoch zu. Meine Oma, die von uns Enkelkindern Oma Jertrud gerufen wurde, besaß erstaunliche Gaben. Sie konnte zum Beispiel Äpfel schälen. Das klingt zwar nicht weiter aufregend, aber sie schälte die Äpfel so, dass sie besser schmeckten als irgendwo sonst auf der Welt: Ihre Äpfel schmeckten nach Zuhause.« Dieter Hermann Schmitz erzählt vergnügliche Kurzgeschichten mit herbem Witz und Herzenswärme über seine Oma, die man einfach gernhaben muss! In dieser völlig überarbeiteten Neuauflage sind seine beiden Bücher »Oma Jertrud« und die Fortsetzung »Jertrud und Hermann«, in der auch der Opa endlich einmal zu Wort kommt, erstmals in einem Band vereint.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 135

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dieter Hermann SchmitzOma Jertrud & Co.

Schmunzelgeschichten aus dem Rheinland

Oma Jertrud und Jertrud & Hermann

erstmals in einem Band!

Mit Bildern von Benjamin Schmitz

Eifeler Literaturverlag 2024

Impressm

1. Auflage 2024

© Eifeler Literaturverlag

In der Verlagsgruppe Mainz

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Eifeler Literaturverlag

Verlagsgruppe Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.eifeler-literaturverlag.de

Gestaltung, Druck und Vertrieb:

Druck & Verlagshaus Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.verlag-mainz.de

Lektorat: Christoph Swiontek

Umschlaggestaltung: Dietrich Betcher

Satzgestaltung: Daniel Santosi

Abbildungsnachweis (Umschlag)

Illustration von Benjamin Schmitz

Druckbuch:

ISBN-10: 3-96123-100-1

ISBN-13: 978-3-96123-100-3

E-Book:

ISBN-10: 3-96123-128-1

ISBN-13: 978-3-96123-128-7

»Die Kindheit ist das Kapital, von dem wir den Rest unseres Lebens zehren.«

Johann Wolfgang von Goethe,

deutscher Dichterfürst

»Et kütt, wie et kütt!«

Jertrud,

meine Oma

Die Original-Ausgabe von Oma Jertrud war meinen Eltern gewidmet, der Nachfolge-Band Jertrud & Hermann meinen beiden Brüdern.

Diese Gesamtausgabe ist all meinen Verwandten gewidmet,

alten und jungen, rheinischen und außerirdischen,

sowie allen Schmitzens, die guten Willens sind.

Vorwort zur vorliegenden Ausgabe

Was haben der VW Käfer und die Geschichten um Oma Jertrud miteinander gemeinsam? Nun, vom VW Käfer, klein, unscheinbar und ein wenig sonderbar, sagte man einmal: Er läuft und läuft und läuft ... Der Käfer war ein Modell, das schier nicht totzukriegen war, sich über viele Jahre verkaufte und eine ganze Epoche der deutschen Nachkriegsgeschichte prägte.

Von »Oma Jertrud« könnte man mit einem Augenzwinkern dasselbe für das Rheinland sagen. Bereits Mitte der 1990er Jahre erschien die erste kleine Auflage der Schmunzelgeschichten aus der Feder von Dieter Hermann Schmitz, einem Enkel der Titelheldin. Einige Jahre später folgte unter dem Titel »Jertrud & Hermann« das ähnlich erfolgreiche Nachfolge-Bändchen mit weiteren rheinischen Schmunzelgeschichten, in dem auch die bessere Hälfte der bekannten Oma öfter zu Wort kommt: Gemeint ist der gutmütige und dickbäuchige Opa Hermann. Seither wurden die beiden Mundart-Bücher immer wieder aufgelegt und nachgedruckt. Sie sind seit Jahrzehnten Dauergäste in den Regalen regionaler Buchläden. Im Koordinatenkreuz vom Aachener Grenzland bis zur Rheinmetropole Köln, von der Eifel bis zum Niederrhein sind die Oma Jertrud-Geschichten vielen Leserinnen und Lesern so vertraut geworden, als wären sie den netten Großeltern, warmherzigen rheinischen Originalen, leibhaftig begegnet. Ohne je in überregionalen Bestsellerlisten aufzutauchen, sind die Büchlein damit zu Longsellern der Region geworden. Vielleicht liegt das in Zeiten der Globalisierung am Bedürfnis vieler Menschen, in der eigenen Heimatregion einen Anker werfen zu können – einer Region mit ihrer eigenen Mundart und einem unverwechselbaren Menschenschlag. Vielleicht liegt es aber auch an den Lebensweisheiten, die die Oma so unverblümt zum Besten gibt und die ihren gesunden Menschenverstand aufzeigen. Oder es liegt schlichtweg an der einnehmenden Art und Weise, wie der Autor seine Kindheits- und Jugenderinnerungen in Worte fasst.

Mit der vorliegenden Gesamtausgabe erscheinen die beiden Werke »Oma Jertrud« und sein Nachfolger »Jertrud & Hermann« erstmals gemeinsam zwischen zwei Buchdeckeln. Die Texte wurden dafür geringfügig überarbeitet und neu illustriert. Für die Bilder sorgte Benjamin Schmitz, ein Urenkel von Oma Jertrud und Opa Hermann, der seine bekannten Ahnen niemals kennengelernt hat, aber mit ihren Geschichten großgeworden ist.

Zum Abschluss noch ein Hinweis zum Lesen: Es gibt Bücher, die man idealerweise von A bis Z und in einem Rutsch lesen sollte. Dazu gehören Romane. Es gibt andere Bücher, die man nur stellenweise und bei Bedarf liest, so wie Kochbücher oder Bedienungsanleitungen. Dieses Buch sollte man wie eine Anthologie von Gedichten lesen: in kleinen Häppchen und mit längeren Pausen. Oder wie ein Märchenbuch: jeden Abend eine kurze wundersame Erzählung vor dem Schlafengehen. Auf diese oder ähnliche Weise entfalten die rheinischen Schmunzelgeschichten sicher ihre größte Wirkung.

Jede Erinnerung ist immer auch ein bisschen Geschichtsfälschung. Aber oft sind die Erinnerungen das Beste, was wir haben. Nur mit ihnen lässt sich in die Zukunft schauen.

Günter Krieger,

Schriftsteller und Verfasser vieler historischer Romane aus der Geschichte des Rheinlands

Oma Jertrud

Jertrud

– Meine Oma –

Meine Oma war eine Frau, die wohl auf diese Welt gekommen war, um Oma zu sein. Als ich Kind war, war es für mich undenkbar, dass sie je etwas anderes als Oma gewesen sei. Eigentlich hieß sie Gertrud oder – weil ihre Geschichte im Rheinland spielt: Jertrud; aber das ist zweitrangig!

Sie war eine einfache Frau. Solange sie lebte, dauerte meine Kindheit. Da sie in vielem kindischer war – im besten Sinne des Wortes – als wir Kinder, wurde sie von uns umso mehr gemocht. Sie hatte in ihrem Leben viel erlebt, von dem sie immer wieder erzählte, oft ohne Einleitung und Zusammenhang, ohne eine zeitliche Reihenfolge einzuhalten oder darauf zu achten, Namen und Personen einzuführen und zu erklären.

Sie setzte voraus, dass wir schon wüssten, wer all die Josefs und Matthiase gewesen waren, von denen es in ihrer Verwandtschaft mit jeder Generation Dutzende gegeben haben musste.

Ihr Weltbild war einfach: Der Hitler hatte den Krieg angefangen, der Papst saß in Rom und die Amerikaner konnten zum Mond fliegen. Dass sie den Krieg miterlebt hatte, bewies nur, wie alt sie war, denn der Krieg lag für uns Kinder fast so weit zurück wie die Glanzzeiten des Römischen Reiches. Da sie vieles überstanden hatte, genoss sie ihre Tage, zurückblickend in dem Wissen, überlebt zu haben, um in Ruhe zu Ende zu leben. Es musste ihr Spaß machen, alt zu sein. Ebenso wie es uns Kindern Spaß machte, klein zu sein. Wir hatten also vieles gemeinsam.

Wenn sie erzählte von Erlebtem und Gehörtem, dann hatte dies immer etwas stark Anekdotenhaftes. Es spielte auch keine Rolle, was wirklich geschehen oder hinzuerfunden war, denn es ging ihr nicht um Tatsachen, sondern um mehr.

Wenn wir Kinder des Nachts Angst vor der Dunkeheit hatten oder uns Alpträume plagten, verstand sie uns. Denn sie tröstete uns nicht mit dem sinnlosen Versuch uns klarzumachen, dass kein Grund zur Angst bestünde und alles nur Lug und Trug, Traum und Einbildung gewesen sei. Nein, sie beschützte uns, wenn wir zu ihr ins Schlafzimmer flüchteten.

Von der Welt hatte meine Oma nicht viel gesehen. Ihr Horizont reichte von Koblenz bis Kevelaer: Zum Deutschen Eck war sie einmal mit einem Rheindampfer gefahren und nach Kevelaer hatte sie eine Pilgerfahrt gemacht. Auf einer Landkarte hätte sie wahrscheinlich nicht einmal zeigen können, wo sich ihr Heimatort befand. Sie wusste nur, dass ihr Dorf irgendwo zwischen Aachen und Köln gelegen war. Sie wusste: aus Aachen kamen im Dezember die Printen und in Köln stand der Dom. Das genügte, um sich zurechtzufinden!

Einmal jedoch war sie auch in Thüringen gewesen, damals im Krieg, während der Evakuierung. Ihr ganzes Leben teilte sich deshalb in zwei große Abschnitte: davor und danach. Vor der Evakuierung musste sie jung gewesen sein, was eigentlich kaum vorstellbar war! Als sie zurückkam, bauten sie und mein Opa ihr zerstörtes Haus wieder auf, kamen zu einigem Wohlstand und begannen, in ihrem Haus und mit diesem Wohlstand alt zu werden. Der zweite Abschnitt hatte begonnen – der schönere von beiden.

Das Besondere an meiner Oma war, dass sie dennoch so viel wusste, auch wenn sie nie weit gekommen war und obwohl sie nie eine Höhere Schule von innen gesehen hatte. Einmal zum Beispiel hatte ich schreckliche Angst, weil es draußen gewitterte. Wo kam der Donner her? Würde bald alles zusammenbrechen? Was hatte das alles zu bedeuten?

Meine Oma nahm mich, verschreckt wie ich war, in den Arm und meinte: »Wenn et e’ su kraach, dann is dä Düvel et Dier am jaare’. Un’ pass op: Jlich räänt et wie ve’röck’.«

Hätte sie mir von elektrostatischen Entladungen erzählt, hätte ich sie wohl kaum ernst genommen. Da ihre Erklärung aber einleuchtend klang und weil ihre Vorhersage eintraf und es bald wie aus Kübeln zu regnen begann, glaubte ich ihr aufs Wort. Später lernte ich zwar von elektrostatischen Entladungen, aber wie saftlos kam mir diese Erklärung vor, als ich zum ersten Mal in der Schule davon hörte. Überhaupt schien meine Oma über fast seherische Kräfte zu verfügen. Ich erinnere mich an einen Abend, als wir vor dem Fernseher saßen und die Wettervorhersage hörten. Der Nachrichtensprecher versprach sonniges Wetter und Temperaturen bis 26 Grad. Meine Oma schüttelte unwirsch den Kopf und verzog dramatisch die Mundwinkel nach unten. »Nee, nee, nee. Dä räd sisch ene Kwatsch! Morje jitt et Rään. Dat saare’ mir meng Knauche.« Am nächsten Tag war es bedeckt und regnerisch. – Es hat selten Tage gegeben, an denen meine Oma nicht recht behalten hätte.

Schäel, Pläät un’ Nas

– Fernsehkommissare im Einsatz –

Meine Oma hatte eine Vorliebe für Fernseh-Krimis. Mit Begeisterung folgte sie am Bildschirm den TV-Kommissaren bei Spurensuche und Verbrecherjagd. Jeder Kommissar hatte in ihrer eigenen Sprache seinen eigenen Namen. Da gab es den »Schäel«, der dem übrigen Fernsehpublikum bekannt war als Inspektor Columbo, gemimt durch den schieläugigen Peter Falk. Da gab es die »Nas« aus der alten US-Serie »Die Straßen von San Francisco«, in denen der Schauspieler Karl Malden mit seinem klobigen Gesichtserker durch die Unterwelt schnüffelte. Da gab es die »Pläät«, wie meine Oma Glatzkopf »Kojak« alias Telly Savalas nannte. Und schließlich gab es noch den »met die Büggele onger de Oore« – gemeint war »Derrick« Horst Tappert mit seinen ausgeprägten Tränensäcken.

Jeden Abend, wenn »dä Schäel«, »die Nas«, »die Pläät« oder ein anderer Vertreter ihrer Gilde einen schwierigen Fall zu lösen versuchten, war meine Oma mit dabei. Mit einem schelmischen Grinsen schaute sie zu. Nach dem ersten Mord – und das war bei jedem anständigen Krimi die Hauptsache – stellte sie nicht nur uns Kindern, die wir gespannt mit dabeisaßen, sondern gleichsam auch sich selbst die alles entscheidende Frage: »Wer woar et?« Das große Rätselraten begann, das meist bis zum Schluss der TV-Folge andauerte.

Bei meiner Oma wurde Fernsehgucken noch nicht von nervösen Zeigefingern unterbrochen, weil es noch keine Fernbedienung gab. Ebenso wenig gab es lästige Unterbrechungen durch nervraubende Werbespots. Und die Angst, auf einem anderen Kanal etwas zu verpassen, gab es auch nicht, denn mit der beschaulichen Anzahl von nur drei Programmen war das Fernseh-Leben noch überschaubar.

Mein Opa, der meist mit dabeisaß, aber nur mit einem Auge zuguckte, weil er seinen Kopf lieber in die Zeitung steckte, blickte dann auf, warf einen Blick auf den Bildschirm und gab eine Vermutung ab. Eine Vermutung, die begründet war und die auf möglichen Tatmotiven basierte. Eine durchdachte Vermutung! Und mein Opa war ein gebildeter Mann, der immerhin vor seiner Pensionierung »aufm Amt jewesen« war – also eine Respektperson. Ihm versuchten wir Kinder nachzueifern. Wir versuchten in unseren kleinen Köpfen alle Anhaltspunkte und Indizien zu sammeln und abzuwägen, Schlüsse zu ziehen, schlauer zu sein als die schlausten Kommissare: Wer woar et?

Ganz anders meine Oma: Sie wurde meist aus der Handlung nicht klug. Sie warf regelmäßig die Namen der verschiedenen Personen durcheinander, rasche Szenenwechsel oder Rückblenden schienen sie zu verwirren. »Da kreen isch keene Kopp draa’«, war ihr Kommentar in solchen Fällen. Ihren Fernsehgenuss schmälerte dies allerdings nicht. Die Handlung war für sie sowieso zweitrangig; wichtig für sie waren die Personen, die auftraten. Und entsprechend fielen ihre Vermutungen aus, wenn sie dem Täter auf die Schliche zu kommen versuchte: »Dat Minsch do woar et. Dat sehn isch demm an de Naas’ aa’.«

Das waren die Inidizien, nach denen meine Oma ihre Schlüsse zog: Nicht mögliche Motive und fehlende Alibis, nicht Fingerabdrücke und Zeugenaussagen, sondern eine zur falschen Zeit hochgezogene Augenbraue, eine nach unten hängende Unterlippe, eine gerötete Nasenspitze, eine gerunzelte Stirn oder ein schräger Blick. Wenn sich zum Schluss der Sendung herausstellte, dass meine Oma wieder einmal recht behalten hatte – mein Opa vergrub seinen Kopf noch tiefer in die Zeitung – wenn sie den Mörder eher durchschaut hatte als der »Schäel«, die »Pläät« oder die »Nas« und wir Kinder mit einem Anflug von Verwirrung und Verwunderung zu ihr aufsahen, quittierte sie mit einem kurzen »Isch saaht et dauch!« die Richtigkeit ihrer Vermutungen. Sie sagte dies ohne auftrumpfende Besserwisserei.

Mein Opa meinte dann manchmal, dass der Mörder immer derjenige sei, der als Täter eigentlich am unwahrscheinlichsten erscheine. Dies täten die Drehbuchschreiber mit Absicht, um den Fall bis zum Ende spannend zu halten. Und meine Oma würde immer nur richtig raten, weil sie eigentlich am falschesten liege. Wir Kinder erklärten uns ihre Erfolge weniger gelehrt: Mit Glück, sechstem Sinn oder purem Zufall. – Heute, wo ich erwachsen bin und meine Oma längst im Grab liegt, weiß ich: Sie war ein Genie!

Schwatze Sow

– Fußball –

Meine Oma wusste viel, es war erstaunlich: Sie kannte den Rosenkranz auswendig und Schillers »Glocke«; sie konnte mindestens fünf Dutzend Reime, Gedichte und Lieder aufsagen; sie wusste, welchen Heiligen man für welches Leiden anzubeten hatte und an welchem Kirchfest mit welchem Wetter zu rechnen war. Dass sie nicht wusste, wer der Regierungschef von Italien war oder wie man einen Kassettenrekorder bedient, störte sie überhaupt nicht. Sie wusste nicht, wie die Hauptstädte von Albanien und Kanada hießen, kannte dafür aber alle Blumen beim Namen; sie wusste, was man bei Magenproblemen essen sollte – »Druvve drieve’, Banane stoppe’« – und sie wusste, wie man den weltbesten Streuselkuchen – »Jrimmelstaat« – backt.

Von Fußball hatte meine Oma allerdings keine Ahnung. Sehr zum Leidwesen meines Opas, der nicht nur jeden Samstag die Sportschau guckte und die Bundesliga verfolgte, sondern auch jeden Sonntagmorgen zum Fußballplatz des Dorfes pilgerte, um zu sehen, wie unser Verein spielte. In der Bundesliga hielt mein Opa als echter Rheinländer paritätisch für Mannschaften wie Mönchengladbach und Düsseldorf. Auch für Rotweiß Essen und den MSV Duisburg hatte er eine Menge übrig, obwohl die niederrheinischen Ruhrpott-Städte bereits gefährlich an Westfalen grenzten. Doch am meisten schlug sein Herz für den FC aus Köln. Da er Beamter gewesen und preußisch geschult war, versuchte er als Fußball-Zuschauer seine Regungen zu verbergen und stets Haltung zu bewahren. Das gelang ihm aber nur schlecht; man merkte es, wenn er fernsah, am Zucken seiner Beine, denn innerlich kickte er heimlich mit. Bei Übertragungen von Länderspielen schwitzte mein Opa Blut und Wasser, rutschte aufgeregt auf seinem Fernsehsessel hin und und – was sehr selten vorkam – ließ sich manchmal sogar zu Flüchen hinreißen, besonders wenn es gegen die Holländer ging.

Einmal spielte Deutschland gegen Belgien, ein Qualifikationsspiel für die Europameisterschaft. (Eigentlich spielte die Mannschaft der alten Bundesrepublik, also Westdeutschlands, aber da mein Opa nicht nur katholisch war, sondern auch an Adenauer glaubte, wäre es ihm nie eingefallen, etwas anderes als »Deutschland« zu sagen.)

Nach einem Lattenschuss der Belgier in der dritten Minute standen meinem Opa bereits die Schweißperlen auf der Stirn. »Sow-Wagges!«, fluchte er, »dat fänk ja ald joot aa’!«

»Schad’, der jing delangs!«, kommentierte meine Oma den Schuss.

»Du halve Jeck«, entgegnete mein Opa aufgebracht, »dat woar dauch vür die Waggese!«

»Ah su. Wer sin’ da’ de Osere?«, fragte Oma unschuldig.

»Die Wisse met die schwatze Botze«, klärte mein Opa sie auf, obwohl er wusste, dass es vergeblich sein würde.

In der 17. Minute schossen die Deutschen ein Tor, das aber wegen Abseits nicht gewertet wurde. Mein Opa hatte bereits feuerrote Ohren, die scharf von seinem weißen Haar abstachen.

»Han mer jetz jewonne?«, fragte meine Oma ungerührt.

Mein Opa antwortete nicht; sein Atmen ging flach und gespannt besah er sich die Zeitlupenwiederholung. In Großaufnahme erschienen die empörten Gesichter der deutschen Spieler, die mit der Abseits-Entscheidung gar nicht einverstanden waren.

»Wovür räje’ die sisch da’ e su op?«, fragte meine Oma ohne Verständnis für die wilden Gesten der Spieler, die Pfiffe von den Zuschauerrängen und das verbissene Gesicht des Bundestrainers.

»Dä Schiedsrichte’ is blenk op de Oore!«, entfuhr es meinem Opa, der von Anfang an geargwöhnt hatte, dass der Mann in Schwarz parteiisch pfeifen würde, weil er Holländer war.

»Wovür spelt dä da’ met, wenn der blenk is?«, fragte meine Oma mit gleichbleibender Ruhe.

»Dä spelt ja net met, dat is der Schieri’. Die sin’ imme’ blenk!«

»Ah su!«, sagte meine Oma.

In der 26. Minute foulte ein deutscher Abwehrspieler einen Belgier im 16-Meter-Raum: Strafstoß!

»Dä! Jetz han mer et Spell!« Mein Opa schlug die Hände überm Kopf zusammen! Heimlich sandte er Stoßgebete zum Himmel, dass der Torhüter halten würde. »Han mer jetz jewonne?«, fragte meine Oma wieder. »Elfmeter vür die Waggese!«, warf ihr mein Opa entgegen, der jetzt keine Zeit für lange Erklärungen hatte, denn er musste sich aufs Halten konzentrieren. Der belgische Elfmeterschütze legte sich in aller Ruhe den Ball zurecht. Mein Opa stand vor Aufregung kurz vor einer Gesichtslähmung. Der Belgier nahm Anlauf, ein scharfer Schuss in die linke Ecke, der Torhüter reckte sich, erwischte den Ball knapp mit seinem ausgestreckten Arm und lenkte das Leder ins Aus. Nur sein dicker Bauch hielt meinen Opa davon ab, vor Begeisterung aufzuspringen. Der Torhüter hatte gehalten! Die Welt war wieder in Ordnung.