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Eigentlich wollte er nur ein ruhiges Wochenende in seiner kleinen Hütte am See verleben. Als er dann aber das feenähnliche Wesen Onanga an seinem Steg entdeckt, beginnt für ihn eine magische Reise. Er lernt Teile aus Onangas Welt kennen, die außerhalb von allem liegen, was er sich jemals hätte vorstellen können. Den Wunsch Onangas, ihr bei der Suche nach einem Buch zu helfen, das ihrem Volk sehr wichtig ist, erfüllt er nur allzu gerne. Am Ende der Suche stellt ihn Onanga vor eine gleichermaßen schwere, wie unerwartete Entscheidung.
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Eigentlich wollte er nur ein ruhiges Wochenende in seiner kleinen Hütte am See verleben.
Als er dann aber das feenähnliche Wesen Onanga an seinem Steg entdeckt, beginnt für ihn eine magische Reise. Er lernt Teile aus Onangas Welt kennen, die außerhalb von allem liegen, was er sich jemals hätte vorstellen können. Den Wunsch Onangas, ihr bei der Suche nach einem Buch zu helfen, das ihrem Volk sehr wichtig ist, erfüllt er nur allzu gerne.
Am Ende der Suche stellt ihn Onanga vor eine gleichermaßen schwere, wie unerwartete Entscheidung.
Vorwort
Ein Traum?
Büroarbeit
Die Königin
Das Amulett
Die Löwin
Die Kundschafter
Ian
Der Chor
Der Sturm
Der Wasserfall
Der Bibliothekar
Die Reiterin
Die Hütte
Musik ist immer gut
Die Burg
Die Gabelung
Über weite Passagen des Buches empfehle ich ein bisschen Hintergrundmusik zu hören. Besonders denke ich dabei an die mystische Musik, die man stundenlang auf den bekannten Internetplattformen legal und kostenfrei bspw. unter der Suchanfrage „music celtic“ hören kann.
Die wenigen Passagen, in denen sich diese Art von Musik nicht empfiehlt, bekommt man sehr deutlich mit. Finde ich zumindest.
Gab Robe
„Kommst du noch mit? Einen trinken?“
„Ne, weißt du doch. Ich arbeite wirklich gerne mit euch zusammen. Aber, wenn ich Feierabend habe, dann habe ich Feierabend. Und da gehört unter anderem zu, dass ich keinen von euch sehe. Trotzdem nett, dass du fragst.“
Eigentlich war er im Grunde seines Herzens gar nicht so abgeneigt mit seinen Kollegen – insbesondere mit Janette - einen trinken zu gehen, aber er hatte Bedenken, dass es dann doch irgendwie verklemmt werden würde. Bei der Arbeit hatte man schließlich immer ganz andere Themen. Deshalb kam es ihm ganz recht, dass er ohnehin das ganze Wochenende verplant hatte.
Kurz danach saß er in seinem Auto und arbeitete sich durch den Feierabendverkehr. Ein langes Wochenende lag vor ihm. Nachdem er den dichten Verkehr verlassen hatte, tauchte vor ihm eine lange Landstraße auf. Links und rechts standen vereinzelte hohe Nadelbäume, die sich vor dem blauen Himmel majestätisch erhoben. Er hätte nichts dagegen gehabt, wenn er noch ein paar Stunden auf der gleichen Straße weitergefahren wäre. Der Anblick berührte ihn jedes Mal aufs Neue. Leider wich die schöne Landschaft nach ein paar Kilometern den Häusern des nächsten Dorfes.
Hinter dem Dorf musste er nur noch ein bisschen durch den Wald kurven, den er am Horizont bereits sehen konnte. Dann würde der Alltag endgültig hinter ihm liegen. Keine Kollegen, keine Kolleginnen. Einfach nur er und die einsame Hütte am See.
Ohne jede Vorwarnung hörte er einen ohrenbetäubenden Lärm und ein riesiger Schatten legte sich krachend über ihn.
Natürlich war er automatisch auf die Bremse gestiegen, aber so sehr er auch nach der Ursache des Phänomens suchte. Es war nichts zu sehen. Hatte er sich das nur eingebildet? Um ihn herum standen die Kühe genügsam auf der Weide und grasten. Der Himmel war blau. Alles war friedlich. Schließlich schüttelte er den Kopf, stieg wieder in sein Auto und kurvte durch den Wald bis er am Ziel angekommen war. Vor ihm lag seine kleine Hütte am einsamen See.
Er machte sich schnell ein Essen auf dem Campingkocher und setzte sich draußen an den Tisch. Der See war, wie immer ruhig und dunkel. Je später der Abend, umso einsamer wurde es an dem See. Die wenigen Jogger, die sich tagsüber bis hierher verirrten – der einzige Weg, der um den See herumführte war ein gewundener Trampelpfad – hatten sich schon lange zurückgezogen.
Als die Sonne unterging und den Himmel hinter den dunklen Tannen, die am anderen Seeufer standen, in rotes Licht tauchte, setze er sich in eine dicke Decke gehüllt auf den Steg. Er wusste, dass er nichts anderes machen wollte, als ruhig und entspannt sitzen zu bleiben. Was für ein herrliches Gefühl.
Ein leises Plätschern riss ihn aus seinem Dämmerschlaf. Da sich das Rot des Himmels schon lange verabschiedet hatte, erahnte er den hellen Körper mehr, als dass er ihn sah. Trotzdem war er sich sicher, dass am Ende des Stegs eine Frau saß. Eine Frau, die ein weißes wallendes Kleid an hatte.
Jeden anderen, der sich das erlaubt hätte, hätte er ziemlich rüde verjagt. Dieses Wesen strahlte aber vom ersten Moment an so eine unglaubliche innere Ruhe und Schönheit aus, dass er nur daran dachte, sie unbedingt kennen lernen zu wollen. Er wusste nur nicht wie. Einfach so etwas wie, „hallo, wer bist du denn?“ kam ihm vollkommen unangemessen vor. Er musste sich jedenfalls etwas Besseres einfallen lassen. Also wartete er noch ein bisschen ab, bis ihm etwas Passendes einfiel. Vielleicht war es ja doch nur eine optische Täuschung.
Als der Mond dann irgendwann den ersten Lichtstrahl auf den Steg brachte, geschah etwas, das er überhaupt nicht erwartet hatte.
Sie schaute ihn lächelnd an und streckte eine Hand nach ihm aus. So, als ob er seine Hand in die ihre legen sollte. Einen kurzen Moment überlegte er noch, ob er nicht eigentlich erstmal etwas Kluges oder Lustiges sagen müsste, dann aber wurde ihm klar, dass die Initiative von ihr aus ging. Er musste einfach nur seine Hand in ihre Hand legen. Mehr wurde gar nicht erwartet. Ihre Hand war angenehm weich und warm. Und ihr Lächeln war das schönste Lächeln, das er jemals von einer Frau bekommen hatte.
„Hallo, mein Freund.“
Sie hatte etwas zu ihm gesagt. Das alleine war nicht so fürchterlich besonders. Nur kam ihre Stimme ganz eindeutig nicht von ihr. Es konnte noch nicht einmal ein Bauchrednertrick sein, mit dem sie ihn vielleicht amüsieren wollte. Die Stimme war einfach in seinem Kopf aufgetaucht. Ihm war nicht klar, wie das passieren konnte. Der Gedanke, dass er besser ihre Hand loslassen sollte und gehen sollte, kam so schnell, wie er auch wieder ging.
„Komm mit mir. Ich möchte dir meine Welt zeigen.“
Wieder war die Stimme mehr ein Gedanke. Trotzdem wusste er, dass sie zu ihm gesprochen hatte. Und er wusste auch, dass er ihrer Aufforderung gerne folgen wollte. Nur wusste er nicht, wie er es machen sollte.
Sie machte einen Schritt in Richtung des Sees und zog ihn sanft hinter sich her. Dabei lächelte sie ihm aufmunternd zu. Kaum hatte er begriffen, dass sie mit ihm schwimmen gehen wollte, da merkte er auch schon, wie er in das Wasser glitt.
Statt der Kälte des Wassers empfand er angenehme Wärme. Auch musste er nicht schwimmen. Er stand mit ihr auf einer Lichtung, die vom Mond beschienen wurde. Er hatte zwar noch nie davon gehört, dass jemand in einem Traum – und nichts anderes konnte das sein – merkte, dass er nur träumte. Trotzdem konnte es nicht anders sein. Schließlich konnte niemand in einen See gehen und dann, statt im Wasser mindestens nass zu werden, einfach auf einer Lichtung stehen und dabei komplett trocken zu bleiben. Das ging einfach nicht. Trotzdem beschloss er, den Traum noch ein bisschen weiter zu träumen. Es war einfach zu schön.
„Schön, dass du mitkommen möchtest. Es gibt so schöne Plätze bei uns.“
Während er das hörte, schaute ihn seine Begleitung erwartungsvoll an. Natürlich hatte er Lust sie zu begleiten. Es war warm. Alles war so unglaublich friedlich. Es roch, wie an einem verheißungsvollen Frühlingsmorgen. Wie hätte er auch nur ansatzweise auf die Idee kommen können, nicht mitgehen zu wollen?
Noch immer hielt ihn seine Begleitung an der Hand. Sie ging leicht versetzt vor ihm her, sodass er einen Blick auf ihren Rücken werfen konnte. Es war das erste Mal, dass er sie in vollem Licht sah. War nicht gerade noch Nacht? Egal. Schon vorher hatte er erahnt, dass sie eine traumhafte Figur hatte. Jetzt aber sah er es zum ersten Mal und es gelang ihm nicht mehr, den Blick von ihr zu lösen.
Sie trug ein nahezu feenhaftes leichtes Kleid, das selbst da, wo Stoff war, den Blick auf ihre Haut kaum verstellte. Ihr Rücken war, wie auch Teile ihrer Arme mit einem wunderschönen Tattoo verziert, das eine Szene darstellte, wie er sie nur aus Illustrationen romantischer Märchen kannte.
„Gefällt es dir?“
Natürlich gefiel es ihm. Was war das für eine Frage? Es war fantastisch. Unvorstellbar schön. Was würde er darum geben, wenn das nicht nur ein wunderschöner Traum wäre.
Obwohl sie zunächst auf einer Lichtung gestanden hatten, befanden sie sich jetzt auf einmal auf einem Feld. Er konnte sich nicht erklären, warum das so war. Für seine Begleitung schien das allerdings vollkommen normal zu sein. Sie zeigte mit ihrer freien Hand auf eine Dunstwolke am Ende des Feldes.
„Dort wohnen wir. Hab keine Angst vor dem Nebel. Ich werde dich sicher führen.“
Inzwischen machte er sich schon gar keine Gedanken mehr darüber, weshalb er sie so klar verstehen konnte, obwohl sie gar nicht sprach. Trotzdem hätte er sich so gerne mit ihr unterhalten. Es gab so viele Fragen, die er stellen wollte. Er wusste zum Beispiel nicht, wie er sie nennen sollte. Vielleicht war sie eine Elfe oder so etwas in der Art. Elfen hatten doch auch Namen. Oder war das nur eine Erfindung irgendwelcher Schriftsteller? Ja, natürlich gab es so etwas nicht. Wie auch? Wo blieb denn bitteschön die Naturwissenschaft?
„Ach ihr Menschen macht es euch immer so schwer. Du darfst mich Onanga nennen. Was ich genau bin? Für euch Menschen bin ich so etwas wie eine Fee. Einfache Erklärungen sind oft die besseren. Auch wenn sie nicht ganz stimmen.“
Er musste über sich selber lachen. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so intensiv geträumt zu haben. Den Namen Onanga konnte er sich gut merken. Wie das Volk, zu dem sie gehörte genau hieß, war wirklich nicht so wichtig. Da hatte Onanga recht.
Inzwischen waren sie dem Nebel schon sehr nah gekommen. Noch nicht einmal der Ansatz von Konturen war in der grauen Suppe zu erkennen. Trotzdem hatte er keine Bedenken, als er Onanga in den Nebel folgte. Der Boden unter seinen Füßen schien auf seltsame Weise nachgiebig zu sein. Nicht, dass er den Eindruck hatte, im nächsten Moment einzubrechen. Es war mehr, wie das Gehen auf einem prall gefüllten Wasserbett von gigantischen Ausmaßen. Er hätte den Boden gerne näher betrachtet, konnte aber nichts erkennen. Seine eigenen Füße waren bereits im Nebel verborgen.
Als sich der Nebel endlich lichtete, standen sie vor einem riesigen See, über dem große schwarze Vögel kreisten. Das Licht, in das die Szenerie getaucht war, war so irreal wie der gesamte Traum. Alles erschien in dunklen, violetten und roten Farbtönen. Selbst die riesige Sonne, die am Horizont stand, war nicht gelb sondern in tiefem Rot gefärbt.
Sie bestiegen ein kleines Ruderboot. So wie die Reise mit Onanga bisher verlaufen war, hätte er sich nicht gewundert, wenn sich das Boot jetzt, wie von Geisterhand gezogen, auf den See hinaus bewegen würde. Da sich Onanga nicht setzte, blieb er ebenfalls stehen und stellte sich in Erwartung der Bewegung in leichter Schrittstellung auf. Der erwartete Ruck blieb aber aus. Und als er sich zum Ufer umschaute, merkte er, dass auch die magische Bewegung des Bootes auf den See hinaus ausblieb. Es lag noch immer genau an der Stelle, an der sie eingestiegen waren.
„Na, ein bisschen musst du auch dafür tun“, war der lachende Kommentar, den er in seinem Kopf hörte. Dabei war das Lachen so unglaublich fröhlich und hell, dass er hoffte, der Kommentar würde möglichst oft wiederholt werden. Den Gefallen tat ihm der Traum aber nicht. Stattdessen lächelte ihn Onanga an und zeigte ihm die Ruderbank.
Als er die beiden Ruder in die Hände nahm, stellte sie sich hinter ihn und legte ihre Hände auf seine Schultern. Erst nach einigen Ruderschlägen begann er darüber nachzudenken, weshalb sich das Boot nach vorne bewegte, obwohl es durch die Ruder eigentlich nach hinten hätte fahren müssen.
„Wir müssen doch sehen, wo wir hin steuern. Also bewegen wir uns vorwärts. Ihr Menschen seid manchmal etwas umständlich.“
Warum sollte er sich weiter Gedanken darum machen? Dann funktionierten die Boote in diesem Traum eben anders als die realen Ruderboote. Die Hauptsache war doch, dass Onanga ihre Hände so wunderbar auf seine Schultern legte. Erst bei diesem Gedanken bemerkte er, dass sich die Hände noch angenehmer und weicher anfühlten, als am Anfang der Reise.
Danach genoss er einfach nur noch die Überfahrt. Das Farbenspiel des Himmels änderte sich immer wieder. Kaum merklich glitten die Farben ins blaue Spektrum und wieder zurück über Violett und Rot zu einem tiefen warmen Orange. Es war ein einmaliges Schauspiel. Als er den Gedanken hatte, dass dies schöner war, als er es sich jemals in einem Traum hätte ausmalen können, hätte er fast laut losgelacht.
Ohne, dass er es vorher bemerkt hatte, tauchte das Ufer an der gegenüberliegenden Seite des Sees auf. Wie er es machte wusste er nicht, aber er steuerte den Steg auf einem perfekten Kurs an. Als das Boot schon fast anschlug, erkannte er, dass es sein eigener Steg war. Er konnte sogar erkennen, wie er selber in dicke Decken gehüllt auf dem Steg saß.
„Hat dir die Reise gefallen?“ wollte Onanga von ihm wissen. Als ob das wirklich einer Frage bedurft hätte. Natürlich hatte es ihm gefallen und er hätte die Reise sehr gerne noch weiter fortgesetzt. Nur noch eine kleine Runde auf dem See oder wo auch immer. Diese wunderbaren warmen Hände auf seinen Schultern spüren. Diese unglaublich schönen und intensiven Farben sehen. Nein. Er wollte den Traum noch nicht enden lassen. Der Traum sollte weitergehen.
„Wenn ich dich nochmals besuchen soll, dann musst du bereit sein, ein Andenken von mir entgegen zu nehmen.“
Natürlich war er bereit dazu. Was für eine Frage. Onanga wollte ihm ein Andenken geben! Er würde es in Ehren halten und sich bei jedem Anblick an diese wunderbare Traumreise zurückerinnern.
Der Tag im Büro versprach wieder so unaufgeregt zu verlaufen, wie immer. Seitdem er sich entschlossen hatte, etwas zu machen, das zwar weniger Kick, dafür aber eine umso längere Lebenszeit versprach, freute er sich über diese unaufgeregten Tage. Noch jetzt musste er lachen, wenn er sich an die Gesichter seiner Geschäftsfreunde und Kollegen erinnerte. Sie hatten es einfach nicht verstanden, wie er aus dem sicher dahinbrausenden, superschnellen und supermodernen Zug aussteigen konnte, um dann bei einem Laden anzufangen, der kaum die Bezeichnung Bimmelbahn verdiente. Noch dazu für so viel weniger Geld.
Seine Rechnung aber war sehr einfach gewesen. Er hatte genug Geld angehäuft, um ein paar Jahre ohne jegliche Arbeit auszukommen. Wenn er also einen Job machte, der seinen täglichen Bedarf deckte, reichte sein Geld locker bis ans Ende aller Tage. Denn eines hatte er im Gegensatz zu seinen Kollegen nie wirklich genossen: Geld für kurzfristige Vergnügungen auszugeben.
„Hey, was hast du denn da am Nacken? Ist das neu?“
Janette, mit der er das kleine Büro teilte, stand mit erwartungsvoll leuchtenden Augen neben ihm.
„Ja. Gefällt es dir?“
„Sieht echt cool aus. Hätte ich dir nie zugetraut. Hat das irgendeine besondere Bedeutung?“
„Nicht, dass ich wüsste. Mir gefiel es einfach.“
„Wahnsinn. Da arbeitet man in Ruhe mit dir zusammen und dann kommst du auf einmal mit so einem mystischen Nackentattoo um die Ecke.“
Wenn die wüsste… Der Moment, in dem er das Tattoo entdeckt hatte, war für ihn so schockierend und überraschend gewesen, dass er fast umgefallen wäre. Danach war ihm sein Traum wieder eingefallen. Klar. Onanga hatte ihn gefragt, ob er ein Andenken an sie annehmen wolle. Natürlich hatte er das gewollt. Zum einen, weil er einfach so wahnsinnig überwältigt war und zum anderen weil es nun einmal ein Traum war. Es konnte also niemals eine Verbindung zur Realität geben, die sich in Form eines Tattoos zeigte.
Soweit er das wusste, tat ein frisches Tattoo noch eine Zeitlang weh. Es war schließlich nicht viel mehr als eine Verletzung der Haut, die mit Farbe vollgepumpt war. So sehr er sich aber über seinen Nacken gerieben hatte. Er hatte nichts gemerkt. Nicht den geringsten Schmerz. Auch die Kruste, die hätte da sein müssen, war nicht zu erfühlen.
Also konnte es eigentlich nur Farbe sein, die auf seine Haut aufgetragen worden war. Henna zum Beispiel. Aber wer hätte das wann machen sollen? Außerdem schied Henna ohnehin direkt wieder aus, da es das nur in rot und schwarz gab. Letzteres war sogar giftig, hatte er mal gelesen. Irgendwas mit Schwermetallen.
So lange er auch nachgedacht hatte – waschen hatte er natürlich auch ausprobiert - er war auf keine vernünftige Lösung gekommen. Also hatte er es einfach hingenommen. Sollte es eben das Geschenk von Onanga sein. Zwar war das eine komplett unrealistische Erklärung. Aber immerhin eine wunderschöne. Anders als sonst, konnte er sich noch jetzt an jedes Detail seines Traumes erinnern. Ungewöhnlich. Aber bei einem solchen Traum…
Als er sich dann zur Arbeit aufgemacht hatte, hatte er einen kleinen Moment lang überlegt, ob er sich etwas anziehen sollte, das seinen Nacken vor fremden Blicken schützte. Dann aber hatte er den Gedanken verworfen. Wenn er bei der Arbeit auf einmal mit Hemd und Kragen aufgetaucht wäre, wäre das für seine Kollegen geradezu die Aufforderung gewesen ihn zu fragen, was er verbergen würde. Also hatte er es einfach auf sich zukommen lassen.
Mehr als die Reaktion von Janette kam den ganzen Tag über nicht. Also war alles kein wirkliches Problem. Der Arbeitstag plätscherte langsam vor sich hin. Möglicherweise hatte er in der Kantine noch ein paar Blicke bekommen. Ihn interessierte es zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr. Seine Gedanken kreisten immer mehr um den Wahnsinnstraum, den er auf dem Steg gehabt hatte. Eines war sicher: Die Erinnerung war so klar und deutlich, dass Onanga eigentlich real sein musste. Andererseits war ihm natürlich klar, dass er Dinge erlebt hatte, die so im realen Leben nicht passieren konnten.
Er kam zu keinem wirklichen Schluss seiner Überlegungen. Vielleicht würde sich Onanga ja auch am nächsten Wochenende zeigen. Vielleicht gelang es ihm dann ja irgendwie mit ihr zu reden. Vielleicht, vielleicht.
Endlich hörte er sie. Diesmal setzte sie sich nicht an das Ende des Stegs. Sie ging direkt auf ihn zu und legte ihre Hand auf seine Schulter. Er blieb einfach sitzen und genoss die überwältigende Freude. Sie war zurückgekommen. Und sie lächelte ihn wieder an. Ihm war, als ob er ihr Lächeln hören könnte. Gerade so, wie helle fröhliche Stimmen, die der laue Nachtwind zu ihm herüberwehte.
Er wollte einfach nur genießen und ihr irgendwann irgendwie für das Tattoo danken, das sie ihm geschenkt hatte. Obwohl er vorher nie daran gedacht hatte, sich tätowieren zu lassen, hatte er sich in den paar Tagen bereits so sehr daran gewöhnt, dass er es für nichts auf der Welt wieder hergegeben hätte.
„Wie schön, dass es dir gefällt.“
Wieder entstand die Stimme in seinem Kopf. Gerade so, wie in dem Traum. Nur… Nein, er wollte den Gedanken nicht zu ende denken. Wo hätte das auch hinführen sollen? Höchstens dazu, dass Onanga wieder verschwand und im schlimmsten Fall nie wieder auftauchen würde.
„Wollen wir noch eine kleine Reise durch meine Welt machen?“
Er war sich sicher, dass es auf die Frage nur eine Antwort geben konnte. Natürlich hatte er Lust, mit ihr durch ihre Welt zu reisen.
Ohne sich darüber zu wundern, dass das Ruderboot von der letzten Fahrt wieder am Steg lag, stieg er ein und setzte sich auf die Ruderbank. Wieder legte sie ihre Hände auf seine nackten Schultern. Nackte Schultern? Wo war seine Decke geblieben? Egal. Er fühlte sich gigantisch gut. Ihm war warm. Alles stimmte.
Auf beiden Seiten des Sees erhoben sich bizarr anmutende Felsformationen. Das Gestein, auf dem sich vereinzelt kleine Kiefern festgesetzt hatten, erschien vor dem violetten Himmel dunkel und matt. Je weiter er ruderte, umso enger schlossen sich die Felsen um das Wasser. Als er seinen Blick hob, sah er riesige senkrecht in den Himmel aufsteigende Felswände. Seine Ruderschläge kamen als Echo zu ihm zurück. In der Ferne machte sich ein leises Rauschen bemerkbar.
„Vertraust du mir, mein Freund?“
Natürlich vertraute er ihr. Ohne sie und die unglaubliche Ruhe und Leichtigkeit, die sie ausstrahlte, wäre er doch niemals bis in diese Schlucht gekommen. Mit ihren Händen auf seinen Schultern kam er noch nicht einmal auf die Idee, dass ihm irgendetwas passieren konnte.
Inzwischen war das Rauschen näher gekommen. Es konnte eigentlich nur ein Wasserfall sein. Ein Wasserfall, der mit unbändiger Kraft, das Wasser des Sees in die Tiefe schleuderte. Ihn störte es nicht. Auf der Oberfläche des Wassers zeigte sich ein farbiges Flirren, das immer dann, wenn es auf einen der Felsen traf, einen Schwall nebeliger Gischt empor spritzen ließ. Er fand das Spiel der Farben interessanter, als die auf ihn zukommende Gefahr. Er fühlte sich so sicher, wie es nur ging. Das immer wilder spritzende Wasser machte ihn noch nicht einmal nass. Eigentlich hätte er doch jetzt frieren müssen.
Mit immer größer werdender Geschwindigkeit sah er eine Felswand auf sich zukommen. Er war gespannt, wie er die Kurve, die der Fluss dort nehmen musste, meistern würde. Wahrscheinlich genauso traumwandlerisch, wie alles andere. Als die Wand schon so nah war, dass er glaubte, jetzt hinein zu krachen, verschwand das Wasser unter dem Boot und er segelte in aller Ruhe unter der Felswand hindurch, bis er sachte und elegant auf dem Wasser aufsetzte und vor sich einen riesigen See sah.
„Ich danke dir für dein Vertrauen.“
Er wusste einfach nicht mehr, was er denken sollte. Schon wieder war er auf einem See. Wieder war der Himmel in wilde mystische Farbspiele getaucht. Nur war er diesmal mit Onanga nicht alleine. Auf dem See waren viele andere Boote unterwegs. So wie Onanga stand auch auf den anderen Booten immer genau eine Person. Nein. Hatte er gerade Person gedacht? Natürlich waren es Feen aus Onangas Volk. Alle Boote bewegten sich mit einer stillen Eleganz. Er wusste nicht, was die Boote antrieb. Zu hören war jedenfalls nichts und im Gegensatz zu Onanga hatten die anderen niemanden, der auf der Ruderbank saß und für sie ruderte.
Während er langsam immer weiter auf den See hinaus glitt, beobachtete er aufmerksam die anderen Boote. Scheinbar waren nur Frauen auf den Booten unterwegs. Alle fuhren mit großer Ruhe auf geraden Linien über den See. Er hatte keine Idee, was all diese Feen auf dem See machten. Sie fischten nicht. Sie schienen nichts zu transportieren. Sie fuhren einfach nur in alle möglichen Richtungen über den See, dessen Wasser vollkommen ruhig war. Eigentlich erstaunlich bei der Größe. Das gegenüberliegende Ufer war irgendwo hinter dem Horizont.
Erst jetzt bemerkte er, dass die Boote noch nicht einmal die kleinsten Wellen auslösten. Es sah schon fast so aus, als ob das Wasser einfach nur kurz Platz machte und sich danach wieder an seine alte Stelle zurückbegab.
„Sie meditieren. Vielleicht lernst du das auch eines Tages. Die Meditation ist für unser Volk sehr wichtig. Nur so gelingt es uns, in gefährlichen Situation die Ruhe zu bewahren und das Richtige zu tun.“
