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Im Sommer 2020 riefen die Autorinnen R. West und Ames Morgen auf Instagram die OneShortYear- Challenge aus. Das Projekt forderte die schreibende Community der Social Media Plattform dazu auf, ein ganzes Jahr lang jeden Monat eine Kurzgeschichte zu schreiben. Den kreativen Impuls lieferten zahlreiche Prompts, Fotos und Musik. Um diese Herausforderung zu meistern, brauchten die Teilnehmer von OSY nicht nur die eigene Fantasie, sondern auch den Mut neue Wege zu gehen und ein besonders gutes Zeitmanagement. Die spannenden Gespräche, neuen Bekanntschaften und positiven Erinnerungen haben dieses Projekt zu etwas ganz Besonderem gemacht. In dieser Sammlung befinden sich nun die besten Geschichten dieses Jahres.
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Seitenzahl: 197
Veröffentlichungsjahr: 2022
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2020 verhalf uns eine kleine Idee zu genau der Art Ablenkung, die so viele von uns dringend nötig hatten. Ein ganzes Jahr, zwölf Monate, zwölf Prompts, jeder von ihnen eine Herausforderung. Was als Instagram-Challenge startete, ist heute diese Anthologie in deinen Händen.
Im Juni 2020 riefen wir das allererste Mal zum Mitmachen auf und sind immer noch begeistert davon, wie viele mit Eifer und einzigartigen Ideen dabei waren.
Unter einem Prompt verstehen wir einen kurzen Impuls, der Schreibenden die Grundlage für eine Geschichte bietet. Wir haben dabei auf verschiedene Medien zurückgegriffen, um die Fantasie anzuregen: Bilder, Musik und Zitate. Fast jeden Monat ließen wir unseren Teilnehmenden ansonsten freie Hand. Die Genrewahl oblag ihnen und die maximale Wortanzahl war nur selten auf unter 1000 Wörter angesetzt.
Nach der Bekanntgabe des Prompts blieb genau ein Monat Zeit, um die passende Geschichte zu schreiben. Das hieß auch: Nicht Zögern! Schreiben! Und im besten Fall das Gelernte in den nächsten Monat mitnehmen. Es folgten zwölf Monate voller Spaß, Panik, Writingsprints und vielen spannenden Gesprächen. Die kleine Community, die sich durch dieses Projekt entwickelte, verbrachte den Winter auf einem Sonnenblumenfeld und den Sommer in Cafés und ihren Lieblingsstädten mit Musik auf den Ohren.
Danke an alle Teilnehmenden, die regelmäßig, unregelmäßig oder auch nur ein einziges Mal mitwirkten. Ihr habt dieses lange Jahr mit Kurzgeschichten gefüllt und es vergehen lassen wie im Flug. Diese Anthologie ist für euch.
VORWORT
MONAT 1 – DER 3. SONG
WIR Linda Roß
MÜDE ABER GLÜCKLICH Julia Grams
DER GRIZZLYBÄR (URSUS ARCTOS HORRIBILIS) Sandra Bollenbacher
PREDIGER UND SÜNDER Marina C. Herrmann
I WANT TO BREAK FREE E. Marwood
THE DEVILS OPERA Melanie Lane
MONAT 2 – EVIL IS A POINT OF VIEW
DIE GELIEBTE, IHR MANN UND SEINE FRAU Avelyna
LIEBE Linda Roß
783 Sandra M. Wolf
NACHMIETER GESUCHT Sandra Bollenbacher
BEN Sophie Modrok
VERDOPPLUNG Marina C. Herrmann
MONAT 3 – BONDING OVER DISAGREEMENT
AD MORTEM FESTINAMUS Noah Martin
CAESAR, BRUTUS UND DAS HUSCH-HUSCH Marina C. Herrmann
FEUER Ames Morgen
MONAT 4 – WALDGRÜN
GLÄSERN Marina C. Herrmann
WALDGRÜN E. Marwood
HERDENGEFÜHL Ames Morgen
MONAT 5 – EIN INNERER MONOLOG
FAHR(T) ZUR HÖLLE Julia Grams
LOVE ME DEAD E. Marwood
WANN BIN ICH Ames Morgen
MONAT 6 – THE PAST BEATS INSIDE ME
HÜTER DER ERINNERUNGEN Sandra M. Wolf
DUNKLE VERGANGENHEIT Ames Morgen
MONAT 7 – SONNENBLUMENFELD
EINE BLUME FÜR THEO Annika M.
EIN DACHBODENFUND Veruca Sabin
VERBISSEN Julia Grams
IMMER DEN SONNENBLUMEN NACH Sandra Bollenbacher
STEIN R. West
MONAT 8 – TWIST IT
HÄNSEL UND GRETEL Julia Grams
MORD IM FRÜHLING Marina C. Herrmann
HELDIN E. Marwood
MONAT 9 – HAND IN MY POCKET
MEIN LEBEN, MEIN WEG, MEINE ENTSCHEIDUNG Marina C. Herrmann
MONAT 10 – LIEBLINGSSTADT
BETRUG Arkoar Qere
BARCELONA – BERLIN – REYKJAVIK R. West
MONAT 11 – KAFFEEFLECKEN
DEAD BUTTERFLIES Sandra M. Wolf
FRÜHLING IM DEZEMBER Sandra Bollenbacher
KAFFEE: SCHWARZ J. R. Katzenstein
MONAT 12 – A LIE IN BELIEVE, AN END IN FRIEND
THE LIE IN BELIEVE Sandra Bollenbacher
AN END IN FRIEND Ames Morgen
DIE AUTOR*INNEN
TRIGGERWARNUNG
Müde aber glücklich: Kinderwunsch
Der Grizzlybär: Übergriffiges Verhalten
Liebe: Blut, Gewalt, Mord
783: Tod
Ben: Pädophilie, übergriffiges Verhalten, Gewalt
Eine Blume für Theo: Verstorbener Partner, Überlebensschuld
Dead Butterflies: Erbrechen
Dieser Prompt markierte den Start in die Schreib-Challenge. Wir haben unseren Autor:innen in diesem ersten Monat besonders freie Hand gelassen. Die meisten Schreibenden hören während der Arbeit Musik oder haben vielleicht sogar spezielle Songsammlungen für ihre Projekte oder Charaktere. Für einen relativ einfachen Einstieg stellten wir ihnen die Aufgabe, sich von einem ihrer Lieder inspirieren zu lassen. Und zwar von dem 3. Song einer Playlist. Welcher Song und welche Playlist, blieb ihnen überlassen.
Die einzige Vorgabe, die wir ihnen stellten, war eine maximale Wortanzahl von 1.000.
Heraus kam eine besonders vielfältige Mischung an Short Stories, die den Ton für diese Challenge setzte.
PLAYLIST
https://open.spotify.com/playlist/2wyLOYcgwqshI2ltbPPORi
wir arbeiten von abends bis morgens und von morgens bis abends wir hacken wir schleifen wir rühren wir schichten wir drücken wir ziehen wir arbeiten von morgens bis abends und von abends bis morgens wir arbeiten für uns wir arbeiten für euch wir arbeiten für Ihn wir arbeiten für Ihn aber nicht wenn Er kommt Er kommt.
wir arbeiten von abends bis morgens und von morgens bis abends wir arbeiten für freiheit wir arbeiten für reichtum wir arbeiten für sicherheit wir arbeiten für arbeit.
wir werden mehr wir werden mehr wir werden mehr und mehr und mehr und mehr und wir bleiben bis in alle Ewigkeit bis unser Fleisch von unseren Knochen fällt bis nur noch unser skelett hackt und schleift und rührt und schichtet und drückt und zieht und arbeitet für freiheit für reichtum für sicherheit und arbeit und Er geht.
wir wissen nicht mehr wie der himmel aussieht wir wissen nicht mehr wie sich die Luft anfühlt wir wissen nicht mehr wie der Frühling riecht wir wissen nicht mehr wie Musik klingt wir wissen nicht mehr wie süß die Früchte schmecken wie wissen nicht mehr wie sich leben anfühlt wir wissen nicht mehr wer wir sind.
Ich muss hier weg
Anna kam aus dem Kinderzimmer. »Meine Güte, war das anstrengend! Fast eine Stunde hat sie zum Einschlafen gebraucht.«
Tom sah sie verständnisvoll an. »Wahrscheinlich waren es heute einfach zu viele Eindrücke und sie konnte nicht abschalten. Aber du hast es geschafft«, sagte er lächelnd.
Anna nickte erschöpft. Der liebevolle Blick ihres Mannes tat ihr gut. Ein Foto an der Wand zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Es zeigte sie und Tom auf einem Bootssteg im Sonnenuntergang während ihres Urlaubes vor zwei Jahren. Damals lag bereits mehr als ein Jahr des vergeblichen Hoffens hinter ihnen. Vor dem Abflug nach Florida waren sie sich sicher, dass ein entspannter Inselurlaub zum Wunschkind führen würde. Aber sie kamen ohne blinden Passagier im Bauch zurück. Kurz darauf hatte Anna einen Termin bei ihrer Ärztin vereinbart, um die ersten Untersuchungen für eine künstliche Befruchtung durchführen zu lassen. Die Blutentnahme musste zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden, um die Hormonwerte exakt bestimmen zu können. Die Tage bis zum Termin waren Anna endlos vorgekommen und von trüben Gedanken bestimmt. Sie hatte jegliche Hoffnung auf eine natürliche Schwangerschaft verloren und die Erfolgsaussichten bei einer künstlichen Befruchtung erfüllten sie nicht gerade mit Optimismus. Aber der Gedanke, niemals ihr Kind im Arm halten zu können, war so unerträglich, dass sie bereit war, einige Strapazen auf sich zu nehmen. Zwei Tage nach der Blutentnahme erhielt Anna einen Anruf der Arzthelferin. Die Worte hatte sie noch immer ganz genau im Kopf. »Uns liegen Ihre Blutwerte vor und ich muss Ihnen mitteilen, dass wir zurzeit keine Fruchtbarkeitsbehandlung bei Ihnen durchführen können«, begann die Arzthelferin damals das Gespräch. Bei Anna hatte sich sofort ein dicker Kloß im Hals gebildet, Tränen standen ihr in den Augen. Als die Arzthelferin fortfuhr; »Wir brauchen keine Behandlung durchführen, Sie sind schwanger, herzlichen Glückwunsch!«, fiel Anna vor Schreck das Telefon aus der Hand. Und nun war ihr kleines Wunder schon zehn Monate alt.
»Komm, es ist Zeit für den Abwasch«, riss Tom sie aus ihren Gedanken. Sie folgte ihm in die Küche und stellte das Radio an. Annas Mundwinkel zuckte, ein Grinsen huschte über ihr Gesicht. Sie hörte Peter Cetera und Cher im Duett schmettern. Sie sangen über schwere Zeiten und darüber, dass es am Ende nur auf sie ankäme, solange sie zusammenhielten, und endeten mit der Mutmaßung, füreinander bestimmt zu sein.
Ja, dachte Anna bei sich, der Text trifft es. Sie und Tom haben viel durchgemacht. Nach all den Krisen, die sie zusammen überstanden und gemeistert hatten, war sie sich sicher, dass sie füreinander bestimmt waren. Sie drehte ihren Kopf zu Tom, lächelte und küsste ihn.
Oh Gott, ich bin so aufgeregt! Ich kann’s immer noch nicht glauben, dass Dad zugestimmt hat und ich jetzt in den USA bin – in Missoula, Montana, um genau zu sein. Ich sitze vor dem Flughafen, meine beiden Koffer vor mir, und warte auf meine Mom. Um mich herum reden alle Englisch und ich komme mir vor wie in einem Hollywoodfilm. Ich könnte vor Freude quietschen, wenn ich daran denke, dass ich die nächsten vier Jahre hier verbringen darf! Okay, es ist etwas uncool, bei meiner Mom und ihrem neuen Macker wohnen zu müssen, aber das war eine von Dads Bedingungen.
Am meisten freue ich mich auf das Studentenleben. Kann sein, dass ich es mir durch Bücher, Serien und Filme etwas zu romantisch vorstelle, aber ich kriege das Bild einfach nicht mehr aus dem Kopf: An einem warmen Herbsttag sitze ich mit meinen Freundinnen unter einem Ahornbaum auf einer Campuswiese und lerne, neben mir ein Pumpkin Spice Latte, während etwas abseits ein paar Jungs in Collegeshirts einen Football hin und her werfen. Dann wirft einer der beiden zu weit und trifft meinen To-go-Becher. Der Footballspieler kommt rübergejoggt, entschuldigt sich mit einem schiefen Schmunzeln, ein Grübchen in seiner linken Wange, und besteht darauf, mich als Entschädigung zu einem Kaffee einzu–
Direkt vor mir hupt ein silberner SUV und reißt mich aus meinem Tagtraum. Keine Sekunde später reißt Mom die Beifahrertür auf und fällt mir um den Hals. Ihr Mann kommt um den Geländewagen herumgelaufen und schüttelt mir mit einem schüchternen Lächeln die Hand. Er heißt Mike und wirkt eigentlich ganz sympathisch mit seinem Akzent und den ausgelatschten Converse. Er hilft mir dabei, die Koffer ins Auto zu laden, und dann sind wir auch schon unterwegs auf dem Highway zu meinem neuen zu Hause in Amerika.
Sonntagabend liege ich mit offenen Augen und nervös pochendem Herzen im Bett und kann nicht einschlafen: Morgen beginnen die Orientierungstage für die neuen Studierenden. Statt des schönen Tagtraums von dem sexy Footballspieler und mir sehe ich mich alleine in der letzten Reihe eines Hörsaals sitzen, während die anderen sich mit Umarmungen begrüßen, laut lachen und bereits die erste Party planen, zu welcher ich nicht eingeladen werde. Im besten Fall werde ich ignoriert, im schlimmsten Fall machen kaugummikauende Tussis blöde Witze über meinen deutschen Akzent und nennen mich Eva Braun.
Am nächsten Morgen bin ich so k.o., dass ich den Wecker ausschalte und sofort weiterschlafe. Als Mom kurz nach acht Uhr in meinem Zimmer steht, um mich zum Campus zu fahren, bleibt mir kaum Zeit zum Duschen und Anziehen. Hektisch renne ich runter in die Küche, erschrecke mich fast vor Mike, der hinter der geöffneten Kühlschranktür steht, schnappe mir ein Sandwich und meinen Rucksack und schon sitzen wir im Auto.
Zehn Minuten später renne ich eine lange Allee mit Kopfsteinpflaster entlang, an einer gruseligen Bärenstatue vorbei und weiter auf dem kerzengeraden Weg durch eine Wiese. Während ich im Laufen auf meinem Handy nach der E-Mail suche, in der steht, in welchen Raum ich zur Begrüßung um neun Uhr kommen muss, sehe ich im Augenwinkel ein paar Mädels unter einer großen Esche in der warmen Morgensonne sitzen und quatschen.
»Autsch!«
»Shit! Sorry, are you okay?«
Ich taumle rückwärts, weg von dem Kleiderschrank von Kerl, in den ich volles Kanonenrohr gerannt bin. Er hält mich sanft am Ellbogen und ich finde meine Balance wieder.
»I’m so sorry«, stammle ich.
Er trägt ein weinrotes T-Shirt mit dem Aufzug »Montana Grizzlies«, das jetzt ein dunkler, nasser Kaffeefleck ziert, und er hat das bezauberndste schiefe Lächeln, inklusive Grübchen.
»No harm done!«
Mir stockt der Atem – er sieht fast genauso aus wie in meinem Wunschtraum!
»You sure you’re okay?«, fragt er besorgt. Ich nicke panisch und weil ich keine Ahnung habe, was ich jetzt tun soll, renne ich weiter, die Stufen hoch in das rote Backsteingebäude der University Hall.
Ich kann mich kaum auf das Begrüßungsgequatsche konzentrieren, denn in meinem Kopf läuft ein Satz auf Dauerschleife: »Ich bin so blöd, so blöd, so blöd.« Ich lasse mich von den anderen Erstsemestern von einer Veranstaltung zur nächsten treiben, frühstücke mit einer Gruppe auf der Wiese und tausche Handynummern aus, doch ich kann einfach nicht damit aufhören, mich aufzuregen. Anstatt darüber zu fantasieren, wie mein Traumtyp mich zum Kaffee einlädt, hätte ich den Spieß umdrehen und ihn einladen sollen! Einmal glaube ich, ihn zu sehen, als ich von der Toilette komme, doch hier tragen so viele diese T-Shirts …
Zu Hause, als ich nach dem Abendessen meinen Rucksack ausräume und die ganzen Infobroschüren und Flyer sortiere, entdecke ich ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Ich lese die zwei englischen Zeilen und mein Herz beginnt wie wild zu pochen: Did I scare you this morning? So sorry. Cute dress!
Am nächsten Tag halte ich überall nach ihm Ausschau, doch wie soll ich jemanden finden, wenn ich noch nicht einmal seinen Namen weiß?
Endlich, am Donnerstag, sehe ich ihn: Er sitzt mit Freunden zusammen in der Cafeteria. Mein Herz rast. Ich schaffe es, ihn im Vorbeigehen anzulächeln, doch er schaut im selben Moment weg. Für mehr reicht mein Mut nicht, doch am selben Abend finde ich wieder einen Zettel in meinem Rucksack: I’d love to spend some time with you alone. Wear that cute dress tomorrow if you want to meet me, too!
Oh. Mein. Gott.
Ich fische das Kleid aus der Wäsche, sprühe es mit Deo ein, um den Schweißgeruch zu überdecken, und bügle es sogar, doch am Freitag sehe ich ihn nirgends. Aber vielleicht hat er mich gesehen?
Ich bleibe auf dem Campus, bis der letzte Bus nach Hause fährt, und gehe nach dem gemeinsamen Abendessen bedröppelt auf mein Zimmer. Ich habe mich gerade bettfertig gemacht, als es an meiner Tür klopft.
»Come in!«
Mike schiebt sich mit seinem schüchternen Lächeln ins Zimmer und schließt die Tür hinter sich.
»I’m glad you got my message.”
Mir wird kalt, obwohl es um mich herum heiß ist. Alles brennt, Gebäude stürzen zusammen, Menschen schreien und rennen verzweifelt durch die Straßen – suchen ihre Liebsten oder ein sicheres Versteck. Doch sie werden nichts finden. Es ist nichts mehr da. Nur die Kirche steht fest verankert im Boden und die Glocke schlägt, als würde sie sagen wollen, dass alles gut wird, dass wir nicht allein sind. Dabei sind wir genau das – allein, obwohl wir so viele sind.
Ich spüre, wie mir etwas Warmes seitlich am Bauch herunterläuft und mir wird klar, dass es nur mein eigenes Blut sein kann. Vorsichtig schaue ich nach unten und sehe, dass ich recht habe. Ein klagendes Seufzen verlässt meine Kehle. Langsam drehe ich meinen Kopf, alles pocht und dröhnt, für einen Moment erscheinen schwarze Punkte vor meinen Augen. Das Bild vor mir verschwimmt, bis ich über mir den Himmel sehe, fast verdeckt hinter dem aufsteigenden Rauch. Wie von selbst hebt sich mein Arm. Meine Hand umschließt das Kreuz, das um meinen Hals hängt und ich beginne zu beten. Wo bist du? Warum lässt du so etwas zu? Die Sünder fügen uns Schaden zu und sie werden nicht aufhören. Die Gläubigen waren immer für alle da – auch für die Sünder. Warum bist du jetzt nicht für uns da? Du schreitest nicht ein, beendest es nicht. Nein, stattdessen holst du uns zu dir – alle, wie wir hier unten sind. Ich kann hören, wie es leiser wird, wie einer nach dem anderen verstummt. Bald ist es vorbei und dann bin auch ich fort.
Tränen laufen über mein Gesicht. Will ich zu dir? Ich wehre mich gegen das wohlige Gefühl, das langsam meine Seele umhüllt. Ich bin noch nicht bereit! So kann ich nicht gehen! Es tut mir leid, dass ich in deinen Augen nun auch ein Sünder bin, dass ich aufgehört habe, mein Leben der Kirche zu widmen und dass ich diesen Moment – meinen letzten Moment – nicht mit dir, sondern mit ihr verbringen möchte. Sie hätte nicht mit mir gesündigt, hättest du mich davon abgehalten. Ist das der Grund für diese Bestrafung? Weil ich dich belogen habe? Ist ein glückliches Leben etwa eine Lüge? Sie war immer für mich da, wenn du es nicht warst.
Und doch sind es am Ende wohl nur du und ich.
Aber das will ich nicht wahrhaben, also nehme ich alle Kraft zusammen und rufe nach ihr: »JULIE!« Keine Antwort, meine Kehle brennt, doch ich rufe erneut: »JULIE!« Mein Leben lang warst du an meiner Seite und jetzt lässt du mich im Stich? Julie, ich will dich hören, dich fühlen, dich ein letztes Mal sehen. Wenn du schon der Grund bist, warum ich diese Strafe über mich ergehen lassen muss, dann sei bitte an meiner Seite. Sieh zu, wie ich kämpfe, wie ich schwinde, wie ich erliege und wie sich die von Gott geschickte Asche auf meinen kalten Körper legt.
Schmerzerfüllt huste ich, meine Lippen werden für einen Moment feucht und warm, und meine Augen fallen wie von selbst zu. Dunkelheit umgibt mich. Ich spüre keine Angst, nehme die Schreie nicht mehr wahr, spüre auch die Hitze nicht mehr, die sich auf meinem Körper so fremd anfühlt. Obwohl mir das Atmen schwerfällt, fühlt es sich an, als würde jemand eine Last von meiner Brust nehmen.
»Julie«, flüstere ich und greife ins Leere. Nur noch einmal deine Stimme hören, deine Fingerspitzen auf meiner Haut spüren. Wir haben alles gemeinsam durchgestanden, warum dann nicht auch das hier?
Doch sie ist es nicht, die die Last von mir nimmt. Denn die Dunkelheit schwindet und es wird hell, obwohl meine Augen geschlossen bleiben. Ein Licht erscheint, erst sachte, dann immer stärker. Ohne mich körperlich zu bewegen, fühle ich, wie ich mich seelisch von der echten Welt abwende, wie ich von diesem hellen Licht angezogen werde.
»Julie«, flüstere ich erneut schluchzend und versuche, mich zu wehren. Ich will nicht! Ich will das nicht allein durchstehen! Bitte finde mich und gehe diesen letzten Schritt mit mir!
Das Licht flackert, schwindet hier und da, wird ungleichmäßig und eine Silhouette erscheint. Ich reiße die Augen auf und mit einem Mal ist alles anders. Keine Schreie, kein Blut, kein Feuer, kein Glockenschlag, kein Prediger und kein Sünder. Nur zwei Menschen, die einander lieben – unabhängig jedweder Situation.
»André«, höre ich sie, diese süße liebliche Stimme und mein Herz pumpt ein letztes Mal das Blut in einem atemberaubenden Tempo durch meine Venen. Ihre zarten Hände berühren weich mein Gesicht. Sie ist da, so wie sie immer bei mir war. Gegen den Himmel, der noch immer mit Rauch bedeckt ist, kann ich sie nicht sehen. Nur ihre Silhouette nehme ich wahr. Doch sie ist da, lässt mich ihre Stimme hören und ihre Haut spüren.
Mir wird warm, obwohl es um mich herum so kalt ist. Alles ist zerstört, Menschen sterben, die Glocke verstummt und ich spüre, wie die von Gott geschickte Asche auf meinen Körper fällt.
Rückblickend war das eine der waghalsigsten und dümmsten Sachen, die ich je in meinem Leben gemacht habe. Würde ich es noch einmal tun? Definitiv.
Ich erinnere mich noch genau daran, wie aufgeregt ich vorher war, weil ich dachte, meine steife Haltung würde mich verraten und dann wäre es aus und vorbei. Zu meinem Glück schoben die Wärter mein merkwürdiges Verhalten auf die Gerichtsverhandlung am nächsten Tag.
»Heute ist deine einzige Chance, also musst du es schaffen. Du musst es einfach schaffen!«, sagte ich mir selbst zum tausendsten Mal am folgenden Morgen. Unruhig ging ich in meiner Zelle auf und ab, während ich darauf wartete, dass einer der Wärter, Marvin, die Tür aufschloss. Wegen ihm machte ich mir keine großen Sorgen, da man ihn nicht gerade als intelligent bezeichnen konnte. Mein Plan war eher schlecht und ziemlich löchrig, jedem anderen wäre das aufgefallen, aber er war eben alles, was ich hatte.
Marvin tat mir fast schon leid. Heute war er besonders gut gelaunt und erzählte begeistert von dem neuen Kuchenrezept, das er gestern ausprobiert hatte, während er mich und meine Zellengenossin, Tris, zum Aufenthaltsraum brachte. Ich hörte ihm die meiste Zeit über nicht wirklich zu und konzentriere mich stattdessen darauf nicht in Panik auszubrechen. In den vorigen Tagen hatte ich die Aufregung noch gut verdrängen können, da alles so unreal und weit entfernt wirkte, doch nun steigerte ich mich immer weiter in meine Zweifel hinein.
Was, wenn genau das, was ich im Moment tat, das Falsche wäre? Was, wenn ich blieb und morgen endlich etwas Gerechtigkeit erfahren würde und Beweise für meine Freisprechung auftauchten? Doch selbst wenn die Mordanklage fallen gelassen werden würde, hätte mich das noch lange nicht aus dem Gefängnis gebracht. Liams Netz aus Lügen war es, das mich gefangen hielt, verschlossen hinter Gittern für andere Taten, die ich nicht begangen hatte. Auch nach all den Jahren habe ich nie herausgefunden, wie er es geschafft hat, all die Autodiebstähle und Tankstellenüberfälle, die er mit seiner verrückten Gruppe unternommen hatte, mir anzuhängen.
Was, wenn etwas bei der Flucht schief gehen würde? Wenn ich mich verletzen würde, oder man mich schnappte? Eine Flucht kam einem Geständnis gleich, dann hätte ich nichts mehr auf das ich hoffen konnte.
Was, wenn Tris mich verraten würde? Sie war zwar meine Komplizin, aber nach dem, was Liam getan hatte, würde mich auch ihr Verrat nicht mehr überraschen.
Das Geräusch, als die nächste Hochsicherheitstür aufging, riss mich aus meinen negativen Gedanken zurück in die Wirklichkeit. Im Moment standen nur noch ein paar verschlafene Wärter, zwei normale Türen und die Sicherheitsschleuse zwischen mir und meiner Freiheit.
Ich holte noch einmal tief Luft und hoffte, dass meine zitternde Stimme Marvin nicht misstrauisch machen würde.
»Also… ich habe eine Frage«, setzte ich an. Marvin blieb neben mir stehen und schaute verwundert.
Auf einmal waren alle Sätze, die ich mir für diesen Moment zurechtgelegt hatte wie ausgelöscht.
Tris verdrehte die Augen und ging langsam auf den Feueralarm zu. Marvins Aufmerksamkeit löste sich von mir und wandte sich Tris zu.
»Was machst du da?«
»Finden Sie nicht, dass es nach Rauch riecht?«, griff ich hastig ein.
Marvin wandte sich wieder mir zu.
»Rauch? Findest du? Also mir kommt alles normal vor –«
Doch die paar Sekunden Ablenkung hatten gereicht, damit Tris die letzten Schritte machen und den roten Knopf betätigen konnte.
Es erschallte eine schrillende Sirene und Marvin geriet sofort in Panik.
Jetzt mussten wir darauf hoffen, dass man die Gefangenen auf den Parkplatz evakuieren würde, da der Hof vom Gebäude umgeben und daher im Falle eines Brandes viel zu gefährlich war. Marvins Funkgerät erwachte zum Leben und eine hektische Stimme gab mehrere Befehle durch.
»Wir sollen das Gebäude verlassen, bis geklärt wurde, ob es einen echten Brand gibt« Er ging los in Richtung Ausgang, denn der war näher als die Notausgänge.
»Meint ihr wirklich, es riecht nach Rauch?«, fragte Marvin unsicher.
»Total stark. Es ist kaum auszuhalten!«, redete ich auf den armen Wärter ein.
Auf dem Weg begegneten uns andere Wachleute und jedes Mal hielt ich die Luft an, wartete darauf, dass sie uns aufhielten, um uns zurück in die Zelle zu stecken, doch keiner würdigte uns eines Blickes.
Marvin führte uns zielstrebig weiter, vorbei an der Hochsicherheitstür und seinen gestressten Kollegen. Dann endlich bogen wir in den letzten Flur ein, der durch das Licht der Eingangstür hell erleuchtet war. Der Metalldetektor an der Sicherheitsschleuse war abgestellt worden – vermutlich damit er nicht losging, wenn ein Wärter Häftlinge nach draußen brachte -, und wir konnten problemlos passieren.
