12,99 €
Die kleine Nordseeinsel Ooge wird von Touristen heimgesucht. Ganz Ooge? Nicht ganz. Kantig und unbeugsam wehren sich einige kriegstüchtige Hardcore-Insulaner. Reisen ist mittlerweile zu einer Herausforderung geworden. Die traditionellen Urlaubsziele der Deutschen sind kaum noch erreichbar. Ganze Kontinente haben sich abgeschottet oder werden gerade militärisch besetzt. Also bleibt nur die Schönheit des eigenen Landes. Und so kommen sie eben alle nach: Ooge. Die idyllische Miniaturwelt aus Dünen, Möwen, zu vielen sonderbaren Gänsen und sturen Bewohnern, platzt aus allen Nähten. Einheimische und Touristen drängen sich wie Sardinen in der Dose – mit jeder Menge Konfliktpotenzial. Denn im Verhaltensrepertoire der Urlauber finden sich weder Bescheidenheit noch Höflichkeit, dafür umso mehr Anspruchsdenken und irrige Serviceerwartungen. Doch Ooge, letzter verbleibender Sehnsuchtsort urlaubshungriger Festländer, macht es Feriengästen schwer, gemocht, geduldet oder auch nur hineingelassen zu werden. Die Insulaner wehren sich mit drastischen und skurrilen Maßnahmen, verstärken damit aber ungewollt die Anziehungskraft ihrer kleinen Insel im weiten Meer ... Eine rasend komische Geschichte vom Autor des Romans „Quitt“. Wieder seziert Stefan Gliwitzki die Komik und Tragik des Lebens, entblößt die Mechanismen unseres Zusammenseins und versetzt seine Geschichte gleichzeitig an einen der schönsten Urlaubsorte der Republik: Ooge. Die Mischung stimmt. Die Sprache so spitz. Gliwitzkis Bücher sind Comedy-Show in Buchform!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 389
Veröffentlichungsjahr: 2025
OOGE
Impressum
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN: 9783958943230 (Print), 9783958943285 (ePub)
© Copyright: Omnino Verlag, Berlin / 2025
Am Friedrichshain 22 / 10407 Berlin / [email protected]
www.omnino-verlag.de
Coverabbildung, Karte, Illustrationen: KI-generiert, canva.com
Handsymbol auf Flagge/ Cover: freepik.com
Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.
Prolog
Ohne Worte
Forsch
Der Rest
Wie man es macht …
Numerus clausus
Von den Besten lernen
RTFM
Wie weiter?
Hinten dran
Pamplona
Weg
Fressfeinde
Randgruppen
Otto Normal
Musterschüler
Abgetaucht
Liebe deine Feinde
Dicke Luft
Künstlerische Freiheit
Spurensuche
Zum Teufel
Road to nowhere
Nachhilfe
Action!
Kegelein
Run Rabbit!
Halali!
Keiner da
Anfängerglück
ROT!
Wo sind wir gelandet?
Go!
Hell’s Coming
Euch wird vergeben
Und weiter
Tierfreunde
Showtime
Leitwolf
Musik liegt in der Luft
Think big
Count on me
Dranbleiben
Lass es raus!
Coming home
Gekniffen
Achterbahn
Verschwörung
Rollentausch
Befreiung
Harte Landung
Nachbeben
Wir sind das Volk
Finale
Ooge 5.0
Keine falsche Zurückhaltung
SOS
In einer vielleicht nicht allzu fernen Zukunft hat sich die Welt verändert, die Menschen nicht. Reisen ist zu einer Herausforderung, wenn nicht gar unmöglich geworden. Die traditionellen Urlaubsziele der Deutschen sind kaum noch erreichbar, weil Fliegen für private Zwecke aus Umweltschutzgründen verboten ist, die Bahn ihren Minimalanspruch der wenigstens zehnprozentigen Pünktlichkeit aufgegeben hat, Autos nur noch eine begrenzte Kilometerzahl im Jahr fahren dürfen und andere Fortbewegungsmittel noch nicht erfunden sind, Elektroautos gibt es nicht mehr. Ganze Kontinente haben sich abgeschottet und die Krallen gegenüber Fremden ausgefahren. Amerikaner wollen nur sich selbst begegnen und werden seit Jahrzehnten von einem Mann mit roter Kappe regiert, der eine Mauer rund um das ganze Land gebaut hat. Afrika und der Ferne Osten sind auch dicht. Die Länder im europäischen Ausland haben zum großen Teil ihre alten Währungen wieder aktiviert und eine Visumspflicht eingeführt. Am und im Mittelmeer herrscht striktes Alkoholverbot für Urlauber. Also bleibt für die meisten nur das eigene Land. Das Klima hat sich verändert, die Winter sind warm und nass, die Sommer unerträglich heiß, besonders in den Bergen. Der Treck der Urlauber zieht nach Norden, ans Meer, wo es sich noch einigermaßen aushalten lässt. Dort, an Nord- und Ostsee, gibt es aber schon lange nicht mehr genug Platz für Einheimische und die ständig wachsende Zahl von Touristen, zumal der Meeresspiegel hier wie da stark gestiegen und viel Land verloren gegangen ist. Die Inseln sind kleiner geworden, viel kleiner. Geschrumpft ist auch das Verhaltensrepertoire der Urlauber, denen Bescheidenheit und Höflichkeit weitgehend abhandengekommen und durch knüppelharte Egomanie ersetzt worden sind.
Eine kleine Nordseeinsel ist zum Sehnsuchtsort urlaubshungriger Festländer geworden, von denen immer mehr in diese letzte Bastion der Unbeugsamkeit und Unbestechlichkeit eindringen, wo man es als Feriengast zunehmend schwer hat, gemocht, gewollt, geduldet oder auch nur hineingelassen zu werden. Abschreckend? Weit gefehlt. Abweisung kann süchtig machen.
Die Signale waren klar und deutlich, die Handbewegungen knapp. Stopp! Etwas mehr nach rechts. Noch mehr. Stopp! Fertig. Kein Laut, kein Blickkontakt, seine Augen waren auf irgendeinen Punkt in weiter Ferne gerichtet, den außer ihm niemand sehen konnte. Diesen über Jahre perfektionierten Aufmerksamkeitsentzug praktizierte Decksmann Hein Asmussen auf der Fähre souverän, er kannte die Typen alle, jedes Wort war tausendfach gesprochen und seit langem überflüssig. Er dirigierte mit Gesten und sparsamen Befehlen, das musste reichen. Wie Zirkustiere folgten die Urlaubshungrigen seinen Direktiven geradezu unterwürfig, diese Würdelosigkeit ekelte ihn an. Und sie kamen immer wieder, warum nur? Aber sie gingen auch wieder, das war gut.
Laurenz Vogel brachte seinen Family Shuttle im Touristen-Bereich zum Stehen und atmete erleichtert viel lauter als nötig aus. Das Einchecken am Terminal hatte dieses Mal länger gedauert als in den letzten Jahren und ihn verunsichert. Warum hatte sich die Kontrolleurin der Reederei die digitale Ooge-Card der Familie Vogel so lange und so genau angesehen? Stirnrunzeln, ein strenger Blick, Kopfschütteln, dann hatte sie die Schranke doch geöffnet und ihm zugeraunt: „Nicht wieder im Bereich für Einheimische parken!“ Das war ihm einmal passiert, der folgende Ärger war gewaltig gewesen. Laurenz Vogel drehte sich begeistert zu seiner Frau Brigitte und seinen Kindern um.
„Habt ihr gesehen, wie unglaublich cool der Mann die Autos einweist? Einfach nur professionell, ich bin jedes Mal begeistert. Hach, herrlich, auf dem Schiff fängt doch gleich der Urlaub an.“
Die vierzehnjährige Johanna rollte genervt mit den Augen.
„Das erzählst du seit zehn Jahren jedes Mal, Papa. Denk’ dir mal was anderes aus.“
Die siebenstündige Fahrt von Oberklemmbach zum Anleger in Norderbüll hatte Nerven gekostet, alle waren mürbe. Vier Personen und ein Hund, die auf dem Weg jeden Stau mitgenommen hatten, der gerade angesagt war, eingezwängt zwischen Gepäck, Hundefutter, verbrauchter Luft und freiliegenden Nervenenden.
„Der hat voll böse geguckt“, steuerte der zehnjährige Jan bei.
„Nein, der Mann ist nur total konzentriert und hat eine große Verantwortung“, rückte seine Mutter die Welt schnell wieder zurecht.
„Genau!“, bestätigte ihr Mann.
Johanna setzte trotzig ihren Kopfhörer auf. Sie hatte sich mit ihrem Wunsch, die Sommerferien mit ihren Freundinnen zu Hause zu verbringen, nicht durchsetzen können und hing jetzt mit drin. Zu jung, meinte ihr Vater. Wieder musste sie mit auf diese öde Nordseeinsel, wo absolut nichts passierte, was sie auch nur annähernd interessierte, und wo ihre Eltern Dinge feierten, die sie einfach nur langweilten. Sie sollte sich irren.
Die Schilder sprachen eine deutliche Sprache: „Handbremse anziehen, Motor aus“. Das mit der Handbremse hatte Porschefahrer Helge Bölk aus Hamburg durch seinen geldgefärbten Wahrnehmungsfilter noch wahrgenommen. Klack! Den Motor seines Space Racer ließ er laufen, während er auf seinem mobilen Kommunikationszentrum, einem ultramodernen Life Manager der Marke Blueberry, hektisch herumtippte. Seine Mitarbeiter im Büro sollten gar nicht erst auf die Idee kommen, dass ihm irgendetwas entging. Jede E-Mail, die rein- und rausging, checkte er. Immer. Urlaub hieß für ihn nur, an einem anderen Ort zu sein, sonst nichts. Die Klimaanlage temperierte das Wageninnere auf exakt einundzwanzig Grad, wie seine aktuelle Freundin Larissa es angenehm fand. Hein Asmussen baute sich an der Fahrerseite des Fahrzeugs auf, blickte in die Ferne und wartete vielsagend wortlos.
„Du Helge, da will jemand was von dir.“ Larissa zeigte auf den Decksmann.
„Herr Gott, was ist denn schon wieder?“, ranzte ihr Freund, ohne das Display seines Lebensmittelpunktes aus den Augen zu lassen. Musste diese Frau ständig nerven?
Decksmann Hein Asmussen hatte den ersten Zug gemacht und damit die Partie eröffnet, wartete nun geduldig auf die Reaktion seines Gegners. Nach mehr als zwanzig Jahren wusste er immer genau, welche Art Spieler er vor sich hatte und wie er ihn anpacken musste. Meistens reichte es, wenn er sich vor die Motorhaube stellte und sich nicht bewegte, einfach nur Autorität ausstrahlte. Das wirkte meistens schon nach wenigen Sekunden. Wenn nicht, rückte er ihnen näher, so wie jetzt. Helge Bölk nahm wahr, dass der Lichteinfall von links unterbrochen war, die Sonne wurde verdeckt. Er sah nur eine dunkelblaue Jacke und das weiße Abzeichen der Fährgesellschaft OWD, das sich nicht bewegte.
„Hat der nichts zu tun?“, ätzte er vor sich hin.
Die Fähre war mittlerweile voll, alle Autos waren an Bord, aber sie fuhr nicht los. Torge Kuhl lehnte an seinem klapprigen Oldtimer Bulli und beobachtete das Spiel, das hatte er schon oft erlebt. Der reiche Schnösel musste erst den Motor seiner vierrädrigen Umweltkatastrophe ausschalten, sonst stünden sie morgen noch hier. Und er wusste, wie es weiterging. Von den Einweisern sagte keiner ein Wort, niemals. Also machte er, was er in Berlin immer tat, wenn ihm als E-Bike-Fahrer ein Auto auf der Radautobahn in die Quere kam. Er donnerte mit seiner rechten Faust auf die Kühlerhaube des roten Porsche und zeigte dem aufschreckenden Helge Bölk erst den Stinkefinger – die Reihenfolge war ihm wichtig – und dann mit dem Zeigefinger auf das Hinweisschild, das zum Abstellen des Motors aufforderte. Aufgebracht fuhr der Porschist das Fenster an der Fahrerseite herunter und wollte dem langhaarigen Freak die Meinung geigen, stieß aber mit der Nase fast gegen die blaue Jacke, die sich noch immer nicht bewegt hatte. Aussteigen konnte er nicht. Also öffnete er das Beifahrerfenster und brüllte an seiner Freundin vorbei:
„Bist du bescheuert, was soll der Scheiß?“
Rumms! Torge Kuhl legte nach und lachte laut.
„Haben sie bei deiner Scheißkarre den Ausknopf vergessen? Typen wie du wissen immer nicht, wo der ist. Die Umwelt war wohl auch im Preis mit drin, oder?“
Bölk wusste nicht, wohin mit seiner Wut. Diese selbsternannten Umweltapostel kotzten ihn schon immer an. Wer sich kein teures Auto leisten kann, der macht denen das Leben schwer, die es können, so war das und nicht anders. Dieser abgehalfterte Bulli des Zottels sagte doch schon alles, zerbeult, verdreckt und bunt wie ein Flickenteppich. Was wollte der überhaupt auf der Insel? Auch andere Passagiere mischten sich nun ein, weil sie endlich ablegen wollten. Kurt Waterott stieg aus seinem Auto, das hinter dem von Helge Bölk stand, und klopfte vorsichtig, aber bestimmt auf das Heck des Porsches. Bölk fuhr herum, noch so einer! Dann hupte einer, dann noch einer, bald war es ein ganzes Konzert. Vom Deck oberhalb der Autoetage blickten Neugierige auf das Spektakel herab. Larissa war das mittlerweile mehr als unangenehm, sie wollte aussteigen. Ihr Freund suchte jede Gelegenheit, um sich mit anderen anzulegen, klein beigeben kam für ihn nicht in Frage. Sie ahnte, das würde kein gutes Ende nehmen. Als sie die Beifahrertür öffnete, wurde sie ihr sofort aus den Händen gerissen.
„Jetzt macht endlich den Motor aus, ihr Idioten! Leute mit Leseschwäche sollten nicht so ein dickes Auto fahren!“, brüllte ein aufgebrachter Mann an Larissa vorbei ins Auto.
Helge Bölk holte Luft, um zurückzuschreien, war aber nicht schnell genug.
„Oder soll ich das erledigen?“, rief der andere unter dem Beifall der vielen Schaulustigen. Der Mann hechtete über Larissa hinweg in das Cockpit von Bölks Heiligtum, griff mit der rechten Hand nach dem Zündschlüssel und wollte, in Überschätzung seiner Koordinationsfähigkeit, zeitgleich mit der linken Bölk einen Faustschlag verpassen. Es gelang nur Letzteres. Vor Schreck und Schmerz schrie Helge Bölk laut auf und zog das rechte Knie ruckartig an, traf dabei die Nase des Eindringlings, der nun wimmernd quer auf den Beinen von Beifahrerin und Fahrer lag. Bölk sucht verzweifelt nach einem Taschentuch, fand aber nur Larissas weiße Balenciaga-Leinenjacke und presste sie auf seinen blutenden Kolben.
„Was machst du denn da?“ Larissa sah ihn entgeistert an. Achthundert Euro hatte der Edelfummel gekostet, den sie sich für diesen Urlaub auf der Insel gekauft hatte. Ihr reichte es jetzt. Der brüllende Mann hing immer noch quer über ihr, versuchte, seinen konturlosen Oberkörper aus dem Auto zu schrauben, und bewegte sich wie eine flügellahme Robbe. Das konnte dauern. Wenn sie schon nicht wegkonnte, musste sie das Problem anders regeln. Entschlossen griff sie nach dem Zündschlüssel und drehte ihn nach links, zog ihn ab und warf ihn auf den Boden des Autos.
„Du bist so ein Mistkerl! Das ganze Schiff hast du gegen uns aufgebracht. Warum machst du nicht einfach das, was da auf dem Schild steht, Herr Oberwichtig?“
„Genau!“, rief eine Frau drei Reihen hinter ihnen. „Der ist doch sowieso verkehrt auf der Insel. Bläst die Seeluft mit seinem Riesenauspuff voll und fährt doppelt so schnell wie erlaubt.“
Ein älterer Herr oben auf dem Passagierdeck ließ es sich nicht nehmen, auf die Nachbarinsel zu verweisen: „Die reichen Schnösel sind doch alle auf der anderen Insel dahinten.“
Er zeigte auf das andere Stück Land im Meer, das man vom Schiff aus sehen konnte. Statt einer Flagge mit Wappen oder Farben wehten dort überdimensionale Geldscheine ab einhundert Euro aufwärts an den Masten. Und der Leuchtturm schickte mit seinem grellen Licht ein goldenes Eurozeichen in den Himmel, das sich in den Wolken verfing.
„Der Borsche im Porsche ist hier falsch.“
Sein siebenjähriger Enkel ließ sich immer gern von seinem Opa inspirieren.
„Der Borsche hat ’n Porsche, der Borsche hat ’n Porsche!“, sang er fröhlich. Das fanden andere auch prima und stimmten mit ein. Bald schleuderte ein vielstimmiger Chor Helge Bölk seine eigene Großspurigkeit an den Kopf. Besonders laut sangen die zwölf Männer des Kegelvereins Dusslingen e. V., die jede Gelegenheit zum Singen ergriffen, wofür sie vor Jahren einmal der Insel verwiesen wurden wegen Lärmbelästigung – Inselverbot für zwei Jahre. Helge Bölk brodelte nach innen und fauchte seine Begleiterin unflätig an: „Schließ dich doch einfach deiner neuen Hammelherde an, die denken nicht so viel!“
Irgendwohin musste er seine unbändige Wut blasen, das Ventil in Richtung seiner jeweils aktuellen Freundin war für solche Fälle immer auf Stand-by.
Die Menschen sangen, Fall erledigt, Partie gewonnen. So betrachtete es Hein Asmussen, und so war es ihm am liebsten. Er hatte den Impuls gegeben, und dann hatten die Leute das Problem selbst gelöst. Da ihn keiner fragte, was er von dem ignoranten Großstadtbonzen hielt, sagte er auch niemandem, was er ohnehin für sich behalten hätte. Er konnte sich an die Zeit seiner Ausbildung erinnern, in der die Gäste gelassener waren und sich einfach nur auf den Urlaub freuten. Die Autos waren kleiner, Stress war noch nicht erfunden und an Bord der Fähre herrschte friedliche Vorfreude. Die Menschen wollten Freizeit und Erholung. Seitdem hatte sich viel verändert. Heute war die Insel für viele mehr als nur ein Ort in der Nordsee, eher eine Pilgerstätte. Man musste einfach dabei sein, obwohl es schwer war, eine der völlig überteuerten, winzigen Unterkünfte zu bekommen. Mit den Strandkörben war es genauso. Auch mit den Plätzen auf der Fähre. Und nett gegenüber Fremden war auf der Insel schon lange niemand mehr. Beste Voraussetzungen für einen Urlaub, von dem man sich erholen musste. Hein Asmussen bat die Streithähne um ihre Ooge-Card, die er in ein Lesegerät schob. Über die Tasten gab er ein paar Bewertungen ein, sicher keine guten. Das Schiff legte ab und Hein Asmussen dachte an seine Zukunft als Rentner, die im nächsten Jahr beginnen würde.
„Gewonnen! Ich habe schon wieder einen!“
Sie wusste nicht, wie die Leute das machten, aber irgendwie schafften sie es immer, in den Besucherritzen der Doppelbetten die verrücktesten Gegenstände zu verlieren. Oder zu verstecken? Was hatten sie nicht schon alles gefunden. Meistens waren es einzelne Socken, wie in diesem Fall, deren einsames Pendant allein die Heimreise angetreten hatte. Unterhosen, ganze Schlafanzüge oder Nachthemden, Hundeleckerli, halbe Brötchen, leere Flaschen. Hin und wieder waren Dinge dabei, die auf recht ungewöhnliche Horizontalpraktiken schließen ließen, da waren Blutflecken noch das Geringste. In dieser Woche hatte Gila Jensen beim Reinigen der familieneigenen Ferienwohnungen bereits die dritte Socke gefunden, ihr Bruder Erk noch keine, dafür aber eine Packung mit aromatisierten Kondomen. Die zählte aber nicht. Am Ende jeder Woche zogen sie Bilanz. Wer die meisten Socken gefunden hatte, bekam vom Verlierer einen Cocktail spendiert. Nicht irgendeinen, sondern den Insel-Cocktail, einen Cisco, erfunden von frühen Auswanderern, die nach Amerika gezogen waren und diesen Drink bei ihrer Rückkehr mitgebracht hatten. Die meisten Emigranten kamen irgendwann wieder. Sie hatten die Insel verlassen müssen, weil einfach nicht mehr genug Wohnraum da war. Über die Zeit waren immer mehr Häuser und Wohnungen in den Besitz von wohlhabenden Festländern übergegangen, die aber nur in den warmen Monaten auf der Insel waren. Das war heute anders.
Cisco gab es überall, in jeder Kneipe, in den Supermärkten, privat. Und jeder hatte eine eigene Mischung. Es gab nur drei Zutaten – Quittenbrand, Eierlikör und Bourbon Whisky zu gleichen Teilen. Der Clou war eine Himbeere, die dem Cocktail den letzten Kick gab. Das Zeug machte süchtig und war ein echter Renner unter den Einheimischen, viele tranken ihn on the rocks. Die Touristen bekamen davon wenig mit, weil sie diese eigentümlichen grün-braunen Flaschen in den Regalen der Geschäfte nicht ansprachen. Das Etikett war hässlich und schwer zu lesen, Pennerglück hatte einer mal abfällig gesagt. Auf den Speisekarten der Restaurants war das Getränk nicht zu finden. Die Urlauber und Zweitwohnungsbesitzer machten sich breit genug auf der Insel, den Cisco mussten sie nicht auch noch vereinnahmen. Also betrieben die Einheimischen Negativmarketing per Hässlichkeit und Unauffindbarkeit. Ein Cocktail als eine der letzten Bastionen der Inselidentität.
Bettenwechsel bedeutete Großkampftag für alle Vermieter und Verwalter von Ferienunterkünften. Eine Armada von Reinigungskräften fiel wie ein Mückenschwarm in die Wohnungen und Häuser ein, um die Spuren der abgereisten Besucher zu beseitigen. Und dann rollte auch schon die nächste Lawine heran. Das ging so von März bis Dezember, ohne Cisco nicht auszuhalten. Ruhe vor den Geldtransportern, wie man sie nannte, hatten sie nur im tiefen Winter, wenn der Regen waagerecht durch die Luft fegte und die zarten Lippen der Festländer vor Kälte abstarben.
„Okay, du hast mal wieder gewonnen“, lachte Erk.
Er hatte den Verdacht, dass seine Schwester immer ein Paar Socken dabeihatte, die sie dann ganz zufällig in einer Ritze fand. Er hatte sie nur noch nicht beim Schummeln erwischt. Sie verabredeten sich für den Abend in der „Kombüse“, die Lieblingskneipe der Inselbewohner, in der nur alle zwei Wochen sauber gemacht wurde, sehr zum Leidwesen der Urlauber. Der ein oder andere fand genau das allerdings herrlich cool und kam gerade wegen des „Schmuddel-Looks“.
Die Schlange reichte an diesem Morgen dreißig Meter lang von der Ladentür über den Gehweg bis zum verwitterten Briefkasten der Post. Bäckermeister Jörg Teigel hatte sich noch nie für die immer spezieller werdenden Wünsche der Touristen verbogen. Und das wurde ihm zum Verhängnis. Sein einziger Laden lag zurückgezogen in einer Nebenstraße des Hauptortes der Insel, hatte seit mehr als fünfzig Jahren dieselbe Einrichtung und noch immer keine Kaffeemaschine. Damit fing er erst gar nicht an. Auch die Produkte trugen schon ebenso lange die immer gleichen Namen. Jörg Teigels Betrieb verstand sich nun schon in der fünften Generation als Bäcker vor allem für die Bewohner der Insel. Er legte keinen Wert auf Marketing und diesen Werberummel, der ihn nur von der Arbeit abhielt. Lieber konzentrierte er sich auf die Qualität seiner über Generationen soliden Backwaren. Die Rezepte waren gut gehütete Familiengeheimnisse. Seine Stammkundschaft hielt ihm die Treue, was allerdings immer schwieriger wurde. Vor einigen Jahren hatte das Reisemagazin Lobe-Trotter einen langen Bericht über den „Kultbäcker zwischen Deich und Düne“ gebracht, der mit einem Schlag alles veränderte. Die Einrichtung war plötzlich „retro“, Jörg Teigel der „unangepasste Traditionalist“ und seine Backwaren hießen plötzlich „Kultkuchen“ und seine Brötchen waren der „Stolz der Zunft“. Gefragt hatte ihn der Redakteur nicht. Immer mehr Touristen suchten und fanden sein Geschäft, wollten „Teigels Teile“. Das war gut und auch nicht, denn die Insulaner zogen sich nach und nach zurück, wollten mit dieser drängelnden Meute nichts zu tun haben. Das ungefragte Marketing per Mundpropaganda hätte andere gefreut. Teigel hatte Zweifel.
„Der Nächste bitte …!“
Dörte Briske hinter dem Tresen hatte den Satz noch nicht beendet, als ihr schon ein voreiliger Kunde seine Wünsche entgegenrief.
„Ich nehme eins von denen da …!“
„Sie sind noch gar nicht dran!“, brüllte eine aufgebrachte Rentnerin von weiter hinten.
„Woher wollen Sie das denn wissen?“, kontertet der Mann und blickte beifallssuchend in die Menge. Keiner klatschte.
„Weil Sie mir eben noch in den Nacken geniest haben, Sie Knalltüte!“, antwortete die Frau.
„Ist doch egal, wir haben Zeit“, versuchte ein junger Vater mit seinem Sohn auf dem Arm, die Situation zu beruhigen.
„Sie vielleicht! Auf mich warten fünf Leute am gedeckten Tisch!“, dröhnte es von ganz hinten. „Der Typ hat sich vorgedrängelt.“
Es war aussichtslos.
„Wenn ihr euch dann irgendwann geeinigt habt, können wir vielleicht weitermachen“, sagte Dörte Briske trocken. „Falls ihr euch streiten wollt, macht das gefälligst zu Hause. Dies ist eine Bäckerei und kein Boxring. Wer hier rumstänkert, hat Hausverbot! Das kommt dann auf die Ooge-Card.“
Und dann war Ruhe. Eine derartige Ansprache waren die Touristen nicht gewohnt, schließlich trugen sie doch das Geld in Säcken auf die Insel. Einige packten innerlich ihr Kundenkrönchen verschüchtert ein. Andere kannten das schon und feixten. Genau deswegen kamen sie immer wieder auf die Insel, weil man sich als Tourist gegenüber der barschen Art der Eingeborenen behaupten musste. Den Kopf zurechtgerückt zu bekommen gehörte irgendwie dazu. Herrlich. Das fand auch Laurenz Vogel am Ende der Schlange, der sich eine mentale Notiz machte.
„Also, ich nehme so eins von denen da“, sagte ein älterer Herr in dünnem Hochdeutsch und zeigte fordernd mit dem knochigen Zeigefinger auf einen Korb voller Brötchen.
„Ist bitte Teil Ihres Wortschatzes?“
„Äh, was? Na gut, bitte.“
„Einen Hafer-Hans?“, fragte Dörte Briske und nahm eines in die Hand.
„Nein, daneben das.“
„Also einen Harten Henning?“
„Wie heißt das? Ist ja herrlich. Hast du gehört, Elvira?“, fragte der Mann begeistert seine Frau, die noch einen Roggen-Robert und einen Dinkel-Dirk bestellte. Mit ihrer Tüte verließen sie an der Schlange vorbei den Laden und amüsierten sich über die Brötchennamen. Die nächsten Kunden bestellten Brummkugeln, Weizen-Wumms und Hammerhörnchen. Einer fragte nach dem besten Brötchen des Hauses und hörte von hinten:
„Nimm den Körner-Kerl, der ist der Brüller!“
Da machte sich Unruhe in einer Gruppe von vier Frauen des Vereins Leben ohne Männer breit, deren Blutzuckerspiegel offenbar noch unter dem Normwert lag. Sie waren auf Detox-Tour und am Ende ihrer drei Wochen alles andere als gelassen.
„Was sind das denn für dämliche Brötchennamen? Das ist hier ja ein frauenfeindlicher Bäcker!“, rief eine von ihnen mit grünem Kopftuch und türkisem Strickpullover.
Einige blickten irritiert, andere solidarisch oder belustigt.
„Stimmt gar nicht!“, rief ein von der Sonne völlig verkohlter Mann mit Pilotenbrille, Typ Makler auf Urlaub. „Für euch gibt es auch was. Nehmt doch einfach eine Zimt-Zicke oder eine Süße Susi.“
„Was haben Sie gesagt, Sie Arsch?“, erwiderte die Frau außer sich vor Wut.
Es war schon schlimm genug, dass sie während ihrer Detox-Kur keinen Kaffee trinken durfte und ständig auf Entzug war. Da kam ihr dieser Chauvi gerade recht. „Von einem geistigen Vollpfosten lasse ich mir nicht vorschreiben, was ich hier kaufe, Sie Besoffski!“
Eine Mutter mit ihrer Tochter an der Hand warf ein, dass Kinder anwesend seien, und erbat sich etwas mehr Benehmen. Dem stimmten einige der Wartenden zu. Sie war zufrieden mit dem Erfolg ihrer Friedensmission und bestellte einen Milchkaffee zum Mitnehmen.
„Haben wir nicht“, sagte Briske knapp.
Der Pseudo-Makler bellte: „Wer lesen kann, ist klar im Vorteil“ und zeigte auf ein großes Schild, das über allen Köpfen unter der Decke hing: „Sprecht mir nach: Dies ist eine Bäckerei, kein Café.“
Beleidigt verließ der Friedensengel samt Tochter das Geschäft. Sie würde wiederkommen.
Eine vornehme Dame in modischem Trenchcoat sah sich die Schildchen an den Brötchenkörben in der Vitrine genauer an. In der Tat hießen die Teile genau, wie sie es eben noch gehört hatte. Angesichts der eigentümlichen Namen rümpfte sie die Nase. „Marzi-Marion“ war ihr zu nah an ihrem eigenen Vornamen. Sie hatte sich gerade mit den Umständen abgefunden, als sie auf einem Korb mit Spritzgebäck das Wort „Friesen-Furz“ las. Das war ihr dann doch zu viel. Entrüstet stampfte sie an den anderen Wartenden vorbei zum Ausgang.
„Blöder Dumpfbäcker!“, flüsterte sie leise, aber vernehmlich.
Die Namen seiner Teigwaren hatte Jörg Teigel von seinem Vater übernommen und dieser von seinem, pure Tradition. Daran war nichts neu oder zeitgemäß. Die Insulaner selbst kannten es nicht anders und dachten gar nicht darüber nach. Im Gegenteil, jedes Produkt hatte seinen Spitznamen. Einheimische hielten sich nicht mit langen Reden auf, bestellten „Hansi, Dirki, Robby oder Susie“. Der Renner unter den Stammkunden war der „Pups“. Diese mit den Touristen immer wieder aufflammende Diskussion über die Namen war allen Insulanern fremd. Besonders schlimm war es in der Nebensaison, wenn die Touristenvermeider, Selbsterfahrungs-Singles und Konsumverweigerer auf der Insel waren und die Abwesenheit ihresgleichen genossen und ungefragt ihre Mitmenschen über Dinge aufklärten, die niemanden interessierten.
Die Inselbewohner hatten aus dem Schaden der Vergangenheit gelernt, als der Touristenstrom von Jahr zu Jahr zunahm und ihnen tausende Festländer vor die Tür spülte, deren Erwartungen immer grotesker wurden und die offenbar glaubten, nach nur einem Tag gehöre ihnen das Eiland und die Bewohner seien das Personal, über das sie verfügen können. Also lautete ein Beschluss, nicht mehr jeden auf die Insel zu lassen, sondern nur diejenigen, die sich dafür qualifizieren und die sich benehmen können. Interessierte mussten sich die beiden Bände des Lehrbuches „Ooge für Fremde“ kaufen und eine Menge Informationen aneignen, damit sie vor dem ersten Aufenthalt den umfangreichen Ooge Zulassungstest bestehen konnten, der schon für Insulaner eine schwere Aufgabe war. Nur wer ihn mit mindestens fünfundneunzig von einhundert Punkten bestand, durfte sich Hoffnungen auf eine oder zwei Wochen Urlaub machen, musste dafür aber eine Unterkunft finden, was mittlerweile absurd teuer war. Im Durchschnitt fielen mehr als neunzig Prozent der Teilnehmer durch, eine Wiederholung war nicht möglich. Diese und andere Hürden hatte der Inselrat errichtet, damit sich die Urlauber die Seeluft verdienen mussten und von vornherein nicht zu wohl fühlten. Erziehung zur Demut.
Seit mehr als vierzig Jahren war der Aufenthalt auf der Insel für Urlauber streng reglementiert. Man konnte für genau eine oder zwei Wochen buchen, weder kürzer noch länger, die verhassten Tages- und Langzeittouristen hatte man damit abgeschafft. Als dieses Thema im Inselrat verhandelt worden war, hatte es sehr konträre Positionen gegeben. Die Insel war gespalten in jene, die vom Tourismus lebten, und das gut und daher gern, und die anderen, die ihre Ruhe und die Insel für sich haben wollten, denen jeder einzelne Tourist einer zu viel war. Die Vermieter von Ferienunterkünften und Geschäftsinhaber wollten nicht einsehen, worin der Vorteil lag, keine längeren Buchungen als nur zwei Wochen zuzulassen, allen voran Harm Jensen, der mit seiner Familie von der Vermietung seiner acht Wohnungen lebte.
„Was sollen denn die Leute machen, die mehr Urlaub haben als nur zwei Wochen? Die verlieren wir dann“, hatte Harm Jensen vorgebracht. Er war Vorsitzender der Partei IFA – Insel Für Alle –, die sich für Toleranz und Freundlichkeit einsetzte, auch gegenüber den Gästen, von denen sie lebten.
„Die sollen hier doch keine Wurzeln schlagen und sich als Teilzeitinsulaner aufführen. Davon haben wir doch wohl alle schon lange die Nase voll. Das ist unsere Insel und keine Besatzungszone. Außerdem kommen immer noch mehr als genug Geldtransporter, so viel Moneten kannst du gar nicht ausgeben.“
Klare Worte vom parteilosen Bürgermeister Klaas Allmann. Seine Mitgliedschaft in der AFO – Alternative Für Ooge – hatte er gekündigt, nachdem man ihm aus den eigenen Reihen mangelnde bäuerliche Solidarität vorgeworfen hatte. Er war Landwirt und hatte sich eine Herde afrikanischer Wasserbüffel zugelegt, die auf dem nassen Weideboden sogar noch besser zurechtkamen als die traditionellen robusten Inselrinder. Wo ist das Problem?, könnte man fragen. Allmanns Herde war leider nicht reviertreu und sehr neugierig, schlau noch dazu. Die Tiere hatten gelernt, das Gatter an der Weide zu öffnen, und waren immer wieder durch das Dorf marodiert, hatten mit ihren starken Hörnern Autos demoliert und andere Rinder auf deren Weide besucht. Mancher fand das lustig, solange es Touristenautos waren, nicht aber Landwirt und AFO-Mitglied Henk Möhlmann, dessen Kühe bald unerwartet Nachwuchs bekamen, der seltsam anders aussah. Grau, gedrungen und kräftig wie Pitbulls mit Hörnern. Die Fachzeitschrift Boden & Loden hatte den Zuchterfolg als Erfindung einer neuen Rasse gefeiert, der Friesischen Wasserkuh. Ähnlich wie Maultiere konnte diese neue Unterart sich allerdings nicht untereinander fortpflanzen, sodass der Zauber schnell wieder vorbei war. Allmann war von Henk Möhlmann auf Schadenersatz wegen Unzuchtermöglichung verklagt worden, worauf er die Partei verlassen hatte, mit deren drei Zielen er sich aber weiterhin verbunden fühlte: nur so viele Feriengäste wie unbedingt nötig, klare Regeln für Fremde und Insulaner haben immer Vorrang.
Die Abstimmung war deutlich zugunsten der Aufenthaltsbeschränkungen für Touristen ausgefallen. Längst nicht jeder war allerdings auf Ooge willkommen. Das hing davon ab, welche Daten und Bewertungen sich auf dem persönlichen Urlauberkonto befanden, das mittels einer Chipkarte verwaltet wurde. Fünfundzwanzig Jahre gab es die Ooge-Card nun schon, und sie hatte sich sehr bewährt. Ihre Einführung war nur Formsache gewesen. Diese Karte musste jeder Tourist immer bei sich führen und für jede Transaktion, jeden Einkauf, jeden Eintritt, am Parkscheinautomaten, einfach überall vorzeigen und von einem Gerät einlesen lassen. Bereits für die Buchung der Ferienunterkunft musste die Karte benutzt werden, auch auf der Fähre. Nicht selten wurde Urlaubern der Einkauf in einem Geschäft oder der Aufenthalt am Strand verweigert, weil sie sich irgendwann vorher nicht korrekt benommen und zu viele Minuspunkte hatten. Jeder Inselbewohner durfte Bewertungen für Urlauber vornehmen, jeglicher Datenschutz war dafür ausdrücklich aufgehoben. Familienstand, Gesundheitszustand, Zeugnisnoten der Kinder, Anzahl der Hunde und deren Rasse, politische Gesinnung, musikalische Vorlieben, Punktestand in Flensburg, Vorstrafenregister, Bankkontostand und vieles mehr waren auf dem Konto hinterlegt. Wer am Ende seines Urlaubs ein Minus hatte, durfte nicht wieder anreisen. Es gab allerdings die Möglichkeit, während des Urlaubs Pluspunkte zu sammeln, um das Ooge-Konto auszugleichen, die aber war recht unbeliebt und wurde nur von hoffnungslosen Fällen und Wiederholungstätern genutzt.
Und dann gab es noch die LOT-Partei – Leben ohne Touristen –, die weniger Mitglieder hatte als die anderen beiden, dafür aber umso mehr Druck im Rat ausübte und radikale Positionen vertrat, die regelmäßig für hitzige Debatten sorgten. Dem Vorsitzenden Cornelius Bade und seiner Gefolgschaft gingen die Entscheidungen des Inselrates zur Eindämmung der Urlauberströme nicht weit genug und er brachte immer neue Vorlagen zur Abstimmung ein, die für Unruhe und Streit sorgten. Harmlosere Ideen waren noch, Autos von fremden Falschparkern zu konfiszieren und sie für deren Urlaubsdauer Insulanern zur freien Verfügung zu stellen, Touristen in den Restaurants nur Essensreste anzubieten, die ansonsten entsorgt werden müssten, und auf öffentlichen Toiletten kein Klopapier mehr vorzuhalten. Da seit Jahren keiner dieser Vorschläge jemals von der Mehrheit der Ratsmitglieder getragen wurde, hatte sich außerparlamentarisch eine geheime Guerilla-Organisation gebildet, die sich Hell’s Coming nannte und regelmäßig aufsehenerregende Aktionen durchführte, mit denen sie sowohl Insulanern, die sich Touristen gegenüber zu freundlich und verständnisvoll zeigten, als auch Feriengästen Angst und Schrecken einjagten. Es war unklar, in welcher Verbindung diese militante Organisation zur LOT stand, wer ihre Mitglieder waren und wie sie sich finanzierte. Für die Anschläge auf Ferienstimmung und gute Laune gab es nur die eine Regel, dass Menschen nicht zu Schaden kommen durften, alle anderen Formen von Rücksicht und Erbarmen waren nicht Teil des Selbstverständnisses der selbsternannten Freiheitskämpfer, die bei ihren Attacken niemals verwertbare Spuren hinterließen, die Hinweise auf konkrete Personen geben konnten. Andererseits ermittelte die dünn besetzte Inselpolizei in diesen Fällen auch nicht immer sehr intensiv, was nicht jeden störte. Für die Zeitung war jeder Bericht über Störfeuer auf Ooge ein journalistischer Festschmaus, der die Auflage in die Höhe trieb. Diese Artikel wollte jeder lesen, aus Angst, vor Schreck oder Begeisterung. Manchmal war es auch einfach zum Lachen, denn wer hätte gedacht, dass Rebellen Humor haben?
Robert Fröhlich war seit dreißig Jahren Leiter der Tourismusabteilung von Kantum, der einzigen Stadt auf der Insel. Während seiner ersten Zeit hatte er eine Dienstreise nach Shanghai unternommen, um sich dort mit seinem Kollegen Fang Si über Tourismusmanagement auszutauschen. Chinesische Urlauber hatten mittlerweile fast jeden Winkel der Erde bereist, viele davon regelrecht okkupiert. Die deutschen Nordseeinseln allerdings waren in weiten Teilen Asiens unbekannt geblieben. Nachdem die ersten chinesischen Reisebüros ihre Fühler nach Ooge ausgestreckt hatten, wurde man dort hellhörig. Was kam da auf sie zu? Robert Fröhlich war beauftragt worden, sich kundig zu machen. Sein anschließender Bericht hatte auf der ganzen Insel hohe Wellen geschlagen.
Schon lange wurden in China alle Menschen mit einer Personenkarte – der China-Card – ausgestattet, die sie immer bei sich zu tragen hatten. Gutes Benehmen und Fehlverhalten wurden penibel registriert und ausgewertet. Minuspunkte konnte man durch Pluspunkte ausgleichen. Es hatte schließlich einen Grund, warum in China pausenlos Menschen anderen Mitbürgern über die Straße helfen wollten, auch wenn diese ein ganz anderes Ziel hatten. Ständig kamen Menschen zu spät zur Arbeit, weil sie durch die vielen ungebetenen Helfer, durch deren hilfreiche Hände sie stundenlang wanderten, in Gegenden landeten, in denen sie sich nicht auskannten; manche fanden nie wieder nach Hause. Es herrschte regelrechter Straßenüberquerungszwang. Diese Hilfe wurde schließlich von der Liste der guten Taten gestrichen. War ja auch zu einfach. Das Kontrollsystem hinter der China-Card war beim Ministerium für gutes Genossentum angesiedelt und basierte auf einem dichten Netz von Videokameras, Bespitzelung und Denunziation. Robert Fröhlich hatte vorgeschlagen, so eine Karte auf der Insel einzuführen, nur für die Touristen. Einhellige Zustimmung in allen Ortsräten, seltene Einigkeit.
Shanghais Tourismusleiter hatte laut gelacht, als Fröhlich das Kartensystem von seiner Behörde hatte kaufen wollen.
„Bezahlen Sie wollen das? Wir nicht selbst haben bezahlen das. Geklaut von deutsche Kasse für Kranke.“ Schließlich hatte Fröhlich das ganze Paket geschenkt bekommen – Benutzerhandbuch, einige Kartenlesegeräte, Auswertungssoftware und ein Ausbildungsprogramm für die zuständigen Mitarbeiter der Inselverwaltung. Einzige Bedingung: Eine chinesische Delegation des Ministeriums für Internationale Beziehungen sollte sich auf der Insel über Urlaubsmöglichkeiten informieren können. Ablehnen war keine Option. Das Kaufangebot für die ganze Insel hatte nach dem Besuch nicht lange auf sich warten lassen. Keine Antwort schien Bürgermeister Allmann die beste. Allerdings bemerkte man seitdem eine steigende Zahl chinesischer Touristen auf der Insel. War das ein Grund zur Sorge?
Nach der neunzigminütigen Überfahrt und einem kurzen Weg von Anleger zur Ferienwohnung waren die Vogels endlich am Ziel. Laurenz Vogel hatte dieses Mal eine größere Wohnung als im Vorjahr gebucht, die letzte verfügbare. Die Kinder beanspruchten mittlerweile jedes sein eigenes Zimmer. Die pubertierende Johanna wollte möglichst weit entfernt vom Rest der Familie sein. Ihr jüngerer Bruder war noch nicht so weit. Johanna stürzte als Erste in die Wohnung, um sich das beste Zimmer zu sichern. Gemeinsame Entscheidungen gehörten nicht zu ihrem Verhaltensrepertoire. Ihr Zimmer hatte einen wunderschönen Blick auf die Nordsee, den sie mit lautem Würgen zur Kenntnis nahm. „Scheißtümpel!“, fluchte sie und zog sofort die Vorhänge zu. Es fehlte ihr gerade noch, ständig auf dieses ereignislose Gewässer glotzen zu müssen. Jan zog in seinem Raum die Vorhänge nicht zu, er hatte gar keine. Auch kein Fenster. Mit zitternder Unterlippe und hängenden Schultern stand er vor seinem Vater.
„Hilfst du mir suchen?“
„Was willst du denn suchen, Jan?“, fragte Laurenz Vogel genervt.
„Das Fenster.“
„Ich habe jetzt keine Zeit zum Spielen, muss erstmal auspacken und dann einkaufen.“
Ansatzlos heulte Jan los wie eine Sirene im Dauerbetrieb und schlug mit seinem Kopf auf die Sofalehne. Das war immer sein letztes Mittel, er hatte das oft vor dem Spiegel geübt. Sein Schreien war so schrill, dass seine Mutter bereits mehrmals zum Ohrenarzt musste.
„Schon gut, ich komme kurz mit.“
Die Sirene machte Pause und alle kamen wieder aus dem Schutzkeller. Vater und Sohn suchten gemeinsam alle vier Wände des sechs Quadratmeter kleinen Zimmers ab, das im Katalog als „Schmuckstück der Wohnung mit idyllischer Ruhe“ angepriesen wurde. Ein Bett, ein Stuhl, eine Deckenlampe, die von einem Flutlichtstrahler eines Sportstadions abstammen musste. Ihr Licht war gleißend hell und verursachte sofort Augenschmerzen. Instinktiv setzte Laurenz Vogel seine Sonnenbrille auf, die er in der Brusttasche seines Hemdes hatte. Der Fall war klar, vier Wände, keine Spur von einem Fenster.
„Das gibt es doch nicht!“, fluchte Laurenz Vogel. „Ich rufe sofort den Vermieter … “
Weiter kam er nicht. Ein gellender Schrei durchdrang die Wohnung, Jan und Laurenz Vogel zuckten zusammen. Dann rannten sie aus dem Zimmer zum Ursprung der Verzweiflung, den sie schließlich in der Küche fanden. Dort kniete schluchzend Tochter Johanna gramgebeugt über einem qualmenden Haufen wabernder Materie. Auf dem Herd stand ein Topf, aus dem heiße Milch in Wellen schwappte und sich sofort auf dem Kochfeld einbrannte. Es dampfte überall und stank wie auf einer Mülldeponie.
„Mein Gott, Hanna, was ist denn passiert?“
Brigitte Vogel stand fassungslos in der Küchentür und sah auf das Desaster.
„Jo-Hanna, immer noch!“, bellte ihre Tochter zurück.
„Der Scheißherd in der Scheißwohnung auf eurer Scheißinsel hat meinen Life Manager abgefackelt!“
Mit dem neuen Ultra Smart Identity Protector 93G der Marke Banana hatte Johannas Leben sich sehr verändert. Lang vorbei war die Zeit, als man mit sogenannten Smartphones kommunizierte, Bilder, Storys und Videos in die Welt sandte und Profile hatte. Auf diese gestrige Technologie blickten die Menschen mitleidig zurück. Wer etwas auf sich hielt, hatte nun Geräte, die wesentlich mehr konnten. So verwalteten sie eigenständig die Kontaktlisten ihrer Besitzer, löschten Adressen von unpassenden Personen und ergänzten Menschen, die sie für passend hielten. Mit diesen, besser gesagt mit deren Life Managern führten sie dann zunächst abtastende Dialoge und erfragten Informationen, aus denen sie ein Profil erstellten. Dieses wurde mit einem integrierten Programm mit den Namen „Who are you?“ ausgewertet und entweder in der Adressliste behalten oder gelöscht, ohne dass der Besitzer des Gerätes etwas davon merkte. Irgendwann stieß man dann auf neue Kontakte in der Adressdatenbank und konnte entweder selbst mit ihnen kommunizieren oder es dem Life Manager überlassen und ihm dabei zusehen. Es war eine zeitraubende Sache, dem eigenen Ultra Smart Identity Protector bei der Kommunikationsarbeit zuzusehen, dem Vorzimmer der eigenen Persönlichkeit. Hin und wieder schlug das Gerät einen Termin vor, um jemanden zu treffen. Diese Begegnungen wurden akustisch und bildlich aufgezeichnet und in real time ausgewertet. Lief es gut, schwieg der Life Manager. Gab es aus seiner Sicht Probleme, erschien „Abbruch!“ auf dem Display und das Gerät des Gegenübers wurde aufgefordert, seinen Besitzer darüber zu informieren. Beide Geräte verabredeten, sich später darüber zu verständigen, ob sich ihre Eigentümer jemals wiedersehen sollten. Wie entlastend!
Wichtiger war für Johanna Lorenz die My-Clever-Me-Funktion. Der Life Manager analysierte täglich ihre Unterhaltungsvorlieben, spielte zu bestimmten Zeiten Videos oder Musik der verschiedensten Genres, Clips von anderen Usern und blockierte für deren Dauer alle anderen Features zugunsten der Konzentration. Das Wort gab es also noch. Das Gerät regelte Essenszeiten, Kalorienbedarf, gab Tipps für vitalisierende Bewegung, ermittelte den Gesundheitszustand, warnte vor herannahenden Gefahren wie Eltern – einfach unersetzbar. Und man konnte das Gerät beim Managen des persönlichen Lebens sogar beobachten. Einziges Manko: Es nahm ab dem zweiten Monat nach der Inbetriebnahme nur noch selten Befehle entgegen und handelte weitgehend autark. Den meisten Usern war das recht. Nachdenken war doch uncool.
„Wie ist das denn um Gottes willen passiert?“, fragte Brigitte Vogel, die um das Seelenheil ihrer Tochter besorgt war. Ihre letzte depressive Phase war erst einen Monat her und war durch eine reparaturbedingte Funktionslosigkeit des Life Managers ausgelöst worden. Eine ganze Woche lang hatte Johanna das Haus nicht verlassen können, weil sie nicht entscheiden konnte, was sie tun oder lassen sollte. Ein für sie unbekannter Zustand.
„Keine Ahnung. Ich wollte mir Schokoladenpudding machen und habe Milch heißgemacht“, heulte das Mädchen.
„Und dann?“, fragte Laurenz Vogel.
„Dann fing das Teil zu qualmen an.“
„Einfach so? Wo lag es denn?“
Während die Milch im Topf heiß wurde, hatte sich Johanna Shopping-Videos angesehen und nebenbei noch Musik gehört. Ihr Ultra Smart Identity Protector 93G lag neben dem Topf auf der Glasplatte mit den Kochfeldern. Als sie das erzählte, wechselte ihres Vaters Gesichtsfarbe spontan ins Violette.
„Es reicht! Ein Zimmer ohne Fenster und ein lebensgefährlicher Herd! Das gibt Stoff!“
Er zückte sein fast antikes Telefon der Marke Samson und wählte die Nummer des Vermieters.
Harm Jensen war selbst im Büro und nahm das Gespräch an.
„Vogel hier. Ich muss mich in aller Form beschweren. Mein Sohn hatte gerade einen Nervenzusammenbruch, weil sein fensterloses Zimmer eher einer Gefängniszelle gleicht. Und meine Tochter hat in der Küche gerade noch einen Wohnungsbrand verhindert, als ihr Life Manager …“
Weiter kam er nicht.
„… auf der Herdplatte Feuer fing und zu einem Haufen Kunststoffmüll zerschmolz“, beendete Harm Jensen den Satz.
„Woher wissen Sie das?“, fragte Lorenz verdutzt.
„Weil das jede Woche zigmal vorkommt. Sie können den Sondermüll in den kleinen Spezialeimer unter der Spüle werfen. Der wird dann separat entsorgt.“
„Wie bitte, das kommt öfter vor und Sie entsorgen den Müll sogar regelmäßig? Das ist verantwortungslos!“, bellte der fassungslose Laurenz Vogel in sein Telefon. „Das müssen Sie uns ersetzen, das Teil war sauteuer!“
Harm Jensen seufzte und sprach jetzt lauter.
„So, Sie Hornochse, dann schauen Sie mal auf das Hinweisschild auf dem Küchentresen rechts neben dem Kochfeld und sprechen mir nach. Ihre Koch-Elfe von Tochter am besten auch. Read the fucking manual!“
„Was erlauben Sie sich?“, Vogel war aufgebracht und sah auf das Schild.
„Fertig? Dann los: ‚Bitte stellen oder legen Sie auf keinen Fall andere Gegenstände als Kochtöpfe oder Pfannen auf das Kochfeld. Es erhitzt sich überall dort, wo es Kontakt hat. Auch mit Körperteilen. Brandgefahr! Eltern haften für ihre Kinder und umgekehrt.“
Harm Jensen war fertig. Dann war Schweigen. Erst letzte Woche hatte sich jemand den Hintern verbrannt.
„Das hat meine Tochter nicht gesehen“, sagte der betroffene Vater Vogel kaum hörbar. „Stimmt’s, Johanna?“
Kopfnicken.
„Hören Sie bloß auf, das höre ich jedes Mal. Von Schülern kann man offenbar nicht mehr erwarten, dass sie eine Druckbuchstabenfolge in Großschrift als Text erkennen und dessen Bedeutung erfassen.“
„Jetzt werden Sie nicht unverschämt, Herr …!“, setzte Laurenz Vogel an.
„Halten Sie mal die Luft an“, erwiderte Jensen. „Steht doch alles auf Ihrem Ooge- Card-Konto. Ihre Tochter schminkt sich im Unterricht, macht sich die Haare und geht in jeder Stunde zwei Mal aufs Klo. Lese- und Schreibschwäche, vorzeitiger Abgang empfohlen aufgrund nicht vorhandener Lernbereitschaft und Desinteresses an Bildung.“
Laurenz Vogel wusste zwar, dass die Informationen auf dem Kartenkonto weitreichend waren, war nun aber sprachlos.
„Ich muss Ihnen den Schaden in der Wohnung in Rechnung stellen“, fuhr Harm Jensen fort. „Das wird alles auf Ihrem Konto vermerkt, auch Ihr unangemessener Ton. Urlaube auf der Insel können Sie erstmal vergessen. Eine Wohnung wird Ihnen niemand mehr überlassen, wir brauchen hier keine Brandstifter.“
Er legte auf.
Während Laurenz Vogel entgeistert sein Telefon anstarrte und die anderen Familienmitglieder ihn mit offenen Mündern ansahen, ließ sie ein „Pling“ aufschrecken. Über der Eingangstür hing, wie in jeder Ferienwohnung, eine Ooge-Ampel. Die sprang in diesem Moment von Grün auf Rot und ein Text erschien: „Zulässige Negativbewertungen überschritten. Inselbesuche für drei Jahre nicht zulässig.“
„Das funktioniert doch so nicht! Wenn das so weitergeht, können wir alle auswandern!“, ereiferte sich Jörg Teigel, der soeben zum neuen Fraktionsvorsitzenden der AFO gewählt worden war. Der dreiköpfige Vorstand und weitere acht der insgesamt eintausendzweihundert Mitglieder der Partei, die damit die Interessen der Hälfte der Inselbevölkerung vertrat, saßen um einen großen, ovalen Tisch und redeten aufgeregt durcheinander. Sie trafen sich einmal pro Monat im großen Saal von Hedda Thomsens Gaststätte Die eilige Maria in Norderende, wie immer erst um Mitternacht, wenn auch der letzte Tourist das Lokal verlassen hatte. Hauptzweck der Partei war es, den Einheimischen ein ruhiges Leben auf ihrer Insel zu ermöglichen, ohne Aufregung und Belästigung durch festländische Okkupanten, und dabei moderater vorzugehen als die Hobbyrevolutionäre der LOT. Die völlig aus dem Ruder gelaufenen Urlauberströme stellten allerdings eine echte Herkulesaufgabe dar. Außerdem gab es immer noch zu viele Zweitwohnungsbesitzer vom Festland, die den ohnehin knappen Wohnraum für Inselbewohner besetzten – und dann waren sie noch nicht einmal auf der Insel. Das Problem hatte der Inselrat immerhin vor einiger Zeit nach jahrelangem Hickhack zwischen den Interessengruppen geregelt: Für Besitzer von Wohnraum auf Ooge galt nun eine Anwesenheitspflicht von mindestens sechs Monaten pro Jahr, nachprüfbar auf dem Ooge- Card-Konto. Wer sich nicht daran hielt, wurde zwangsenteignet und das Haus oder die Wohnung gingen in das Eigentum der gemeinnützigen Stiftung „Wohnraum für alle“ über. Zur Freude von Wohnungssuchenden, zum Leidwesen des Amtsgerichts, das sich mit den Klagen der Enteigneten befassen musste.
„Rund eine Million Übernachtungen im letzten Jahr und wir sind jetzt schon wieder bei fast siebenhunderttausend. Im Sommer! Die fallen hier ein wie die Heuschrecken.“
Teigel war verzweifelt. Die Zahl der Touristen, die nach Ooge kamen, stieg seit Jahren immer noch stetig und hatte die Grenze der Erträglichkeit für die meisten der zweitausendfünfhundert Einwohner schon längst überschritten. Selbst in den früher unbeliebten unwirtlichen und nasskalten Wintermonaten bevölkerten sie die Strände und Straßen, jubelten über die Ruhe auf der Insel in dieser trüben Zeit. Ruhe für wen? In Teigels Bäckereigeschäft gab es jeden Tag Vorfälle, mit denen er Bücher füllen könnte. Angenehm war keiner davon.
„Ich weiß nicht mehr, wo ich mich noch aufhalten kann, ohne dass mir irgendjemand auf die Füße tritt, mir in die Ohren brüllt oder mich zur Seite drängelt“, beklagte sich Gunda Blum, Inhaberin der einzigen Buchhandlung auf der Insel.
„In meinem Laden war diese Woche wieder Ausnahmezustand. Ich überlege ernsthaft, eine Security-Firma zu beauftragen, damit die schlimmsten Auswüchse verhindert werden.“
Das war der Startschuss für die nun folgende Kakophonie von Klagen und Katastrophenberichten. Nur einen Monat nach der letzten Vereinssitzung war schon wieder so viel passiert, dass alle Anwesenden wie Dampfkessel kurz vor dem Platzen ungeduldig darauf warteten, ihre Geschichten endlich loszuwerden. Das musste raus. Obwohl die meisten dachten, sie hätten schon alles erlebt, was einem die Geldtransporter zumuteten, kam jedes Mal etwas dazu, was vorher undenkbar schien. Am Strand war es an verschiedenen Stellen wieder zu üblen Unfällen gekommen. Einige Familienväter waren mit übergroßen Schaufeln und Minibaggern angerückt, mit denen sie für ihre Kinder nicht nur die verhassten Strandburgen drei Meter tief aushoben, sondern auch ganze Wasserstraßen anlegten, die sie mit Zement aus dem Baumarkt befestigten, damit sie die Flut überstanden. Das alles war natürlich verboten und damit ein umso größerer Anreiz für spießige Männer mit kreisrundem Haarausfall, die im Urlaub mal zeigen wollten, dass sie eine rebellische Ader hatten. Während ihre Kinder in ihren Life Managern versanken, verwandelten die Männer den Badestrand in eine Mondlandschaft. Den regelmäßigen Belehrungen des Ordnungsamtes hörten sie nickend zu, tranken ein Bier und machten in der Dunkelheit weiter. Zur Bilanz der folgenden Ereignisse gehörten ein gebrochenes Bein, ein eingeschläferter Hund, vier Versicherungsklagen und eine Massenschlägerei mit zwölf Verletzten. Ein Hundebesitzer hatte seinem Hund bei der abendlichen Gassirunde am Strand freien Lauf gelassen – verbotenerweise. Der übergewichtige Labrador rannte vor Glück los, stürzte kopfüber in einen der Kanäle und kam aus eigener Kraft nicht mehr heraus. Um den Hund zu befreien, brauchte das Herrchen die Hilfe zweier junger Männer, Mitglieder der Strandgarde, die regelmäßig Streife gingen, besonders nachts. Bei der Bergungsaktion stolperte der Mann ebenfalls in den Schacht und brach sich das rechte Bein. Im Gegensatz zu seinem am Kopf verletzten Hund musste er allerdings später nicht eingeschläfert werden. Einer der heimlichen Baggerväter lag volltrunken in einer Strandburg und beobachtete das Schauspiel belustigt.
„Wer geht da eigentlich mit wem Gassi? Leute ab fünfzig sollten ihre Köter ins Tierheim geben und sich einen Hamster kaufen!“, brüllte er.
Welcher der beiden Vorschläge zu dem anschließenden Tumult führte, wurde nie vollständig aufgeklärt.
„Wo bist du Vollidiot? Einschläfern kannst du haben!“, rief der geschädigte Hundebesitzer außer sich.
Plötzlich tauchte aus dem Nichts eine Gruppe angetrunkener Jugendlicher auf, angelockt von dem Geschrei. Sie fragten die beiden Gardisten nach dem Grund für das Spektakel und stürzten sich dann ohne Vorwarnung auf den Mann, der seine beiden unseligen Vorschläge bereuen musste. Um das Schlimmste zu verhindern, warfen sich die beiden Strandpolizisten ins Getümmel – und machten alles nicht besser. Schaulustige, Raufbolde und Halbstarke gesellten sich dazu, die wenigsten wussten, warum und auf wessen Seite sie antraten und gegen wen. Polizei und Rettungskräfte hatten später lange zu tun, um die ineinander verkeilten Kämpfer zu trennen und zu versorgen. Der Chefreporter der Inselzeitung war auch zur Stelle und brachte das Scharmützel am Folgetag auf die Titelseite: „Bandenkrieg auf Ooge!“. Die Einträge auf den Ooge-Cards der illegalen Strandbauarbeiter waren vernichtend: lebenslanges Inselverbot. Und so ging es weiter, zwei Stunden lang.
