Opa, Du hast es doch gewusst! - Achim Bubenzer - E-Book

Opa, Du hast es doch gewusst! E-Book

Achim Bubenzer

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Beschreibung

Heutige Großeltern haben es in der Hand, die politischen Weichen entschlossen in Richtung Klimawende zu stellen – für ihre Kinder und Enkel. Dazu will der Autor und Großvater Achim Bubenzer motivieren und gibt mit seinem breiten Erfahrungshintergrund aus Physik, Technologie, Energiewirtschaft, Unternehmertum, internationalem Management, Lehre und Politik einen Einstieg in das Thema Klimawandel – unterhaltsam gewürzt mit persönlichen Anekdoten, selbstkritisch und humorvoll. Er macht Vorschläge für individuelles Handeln und zeigt, wie Gespräche über den Klimawandel gelingen können. Er erklärt, wie die Energiewende in Deutschland mit existierenden Technologien möglich ist, und geht dabei auch auf innovative Technologien und die Forderung nach einem Ausbau der Atomenergie ein. Bubenzer stellt sich den Widersprüchen zwischen notwendiger ökologischer Radikalität sowie politisch-wirtschaftlichem Pragmatismus und gibt eine Antwort auf die Frage nach Hoffnung in der Klimakrise.

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Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Achim Bubenzer

Opa, Du hast es doch gewusst!

Antworten und Einsichten eines Großvaters zum Klimawandel

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2024 oekom verlag, München oekom – Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbH, Goethestraße 28, 80336 München +49 89 544184 – 200

www.oekom.de

Layout und Satz: oekom verlag

Lektorat: Jonas‐Philipp Dallmann

Umschlaggestaltung: Laura Denke, oekom verlag

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9783987264108

DOI: //doi.org/10.14512/9783987263729

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Cover

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Inhaltsverzeichnis

Hauptteil

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1:

Großväter in der Verantwortung

Eine einsame Begegnung

Kinder und Zukunft

Zeit für Verantwortung

Drei gute Nachrichten

Ein Blick zurück

Ein Blick nach vorn

Zwei Fragen und zwei Scherbenhaufen

Kapitel 2:

Klimawandel, was kann ich tun?

Meine Vier‐Punkte‐Strategie

Punkt 1: Erkennen, worum es geht

Punkt 2: Streiten für das Klima

Punkt 3: Sich selbst im Spiegel anschauen können

Punkt 4: Über den Klimawandel sprechen

Kapitel 3:

Wir wissen, was zu tun ist

Wirklich? – Und das alles mit Sonne und Wind?

Die Staaten unserer Welt sind sich einig

Nachhilfe vom Bundesverfassungsgericht

Zukunft ist möglich – wenn wir es wollen

Vier technische Säulen für ein klimaneutrales Deutschland

Kapitel 4:

Klimaneutralität in einem Vierteljahrhundert?

Viel hilft, was schnell hilft

Gretas glasklare Worte

Vier gesellschaftliche Tugenden

Ein historisches Privileg

Kapitel 5:

Die Geister in der Flasche

CO

2

einfangen mit moderner Technik?

Kernenergie als CO

2

‐freier Retter in der Not?

Kapitel 6:

Was ist Hoffnung?

Epilog:

Einigkeit und Recht und Freiheit

Anmerkungen

Für Anne, wo immer Du jetzt auch sein magst.

Feiern wir das Leben!

Kapitel 1Großväter in der Verantwortung

Eine einsame Begegnung

Salzburg ist ein Ort, wo man es aushalten kann: die Ufer der Salzach entlang radeln, von einer der Brücken dem Wasser nachschauen, in einem der Cafés bei einem »Verlängerten« Sachertorte mit Sahne genießen, sich im Geburtshaus Mozarts beim Anschauen seiner Kindergeige in eine andere Welt tragen lassen oder an einem lauen Sommerabend von der Anhöhe vor der Wallfahrtskirche Maria Plain auf die Stadt schauen und dabei unter den Kastanien des Gasthofs ein kühles Viertele Weißen trinken.

Im Sommer 2017 suchte ich an einem späten Nachmittag in der Salzburger Innenstadt den Weg von der Universität zu meinem Hotel. Ein Salzburgführer hätte mich vermutlich längst an diesen Ort geschickt, aber ich sah den großen, schneeweißen barocken Kirchenbau zum ersten Mal: die Kollegienkirche, die Kirche der Universität. Das Portal stand offen, und ich ging hinein. Wände und Decken des hohen Kuppelbaus waren innen ebenso schneeweiß wie außen, der Raum bis auf den Altar und kleinere Kapellen am Rand war völlig leer, die Nachmittagssonne schien durch die Fenster, es war ganz still, und ich stand völlig allein unter der mächtigen Kuppel.

Gedanken, Erfindungen, neue Ideen brauchen oft Geburtshelfer: besondere Orte, Stimmungen, Zeiten. Dies hier war mein Ort und meine Zeit. An dieser Stelle, in diesem Augenblick, wurde mir eines klar: Die heute lebenden Menschen haben als erste und einzige Generation in der Menschheitsgeschichte die Chance und die Pflicht, mit ihrem Handeln die Weichen für das weitere Überleben der Menschheit zu stellen.

Diese Erkenntnis ist keine Hybris. Sie ist nicht besonders originell und auch nicht überraschend. Sie ist im Grunde jedem klar, der sich ernsthaft mit dem Thema Klimawandel und Erderhitzung auseinandersetzt. Aber diese Erkenntnis überfordert letztlich auch jeden. Man kann sich dabei nur klein und machtlos fühlen.

Hier, an diesem Ort, in diesem Augenblick, hatte mich diese Erkenntnis allerdings kalt erwischt. Sie hat sich in meinen Kopf, in meine Seele eingebrannt. Ich werde sie nicht mehr los. Mir bleibt nur, sie zu verbreiten: an meine Leserinnen und Leser, an alle, die mir zuhören.

Kinder und Zukunft

Es geht um unsere Kinder, Enkel und Urenkel. Sie sollen eine Zukunft haben – eine Zukunft, die sie durch ihre eigene Leistung selbst gestalten können. Aber passt das in unserer Zeit überhaupt noch zusammen: Kinder und Zukunft? Diese bange Frage stellten sich Eltern zu Weltkriegszeiten, in Zeiten des Kalten Krieges und heute in Zeiten des Klimawandels und der globalen Erderhitzung. Kriege kamen und gingen, und es kommen neue. Die globale Erderhitzung kommt seit einem Jahrhundert, erst auf leisen Sohlen, dann aber immer lauter. Und sie geht nicht wieder, seit etwa 30 Jahren wird sie immer stürmischer, immer bedrohlicher. Die mittlere globale Temperatur steigt unaufhaltsam. Menschenkinder und unsere Erde sind sich dabei ganz ähnlich – bei 38 Grad Fieber sitzen wir am Bett und sagen: »Schlaf dich aus, morgen ist alles wieder gut.« Bei 39 oder über 40 Grad allerdings suchen wir die Telefonnummer vom Kinderarzt oder warten im schlimmsten Fall nervös auf den Notarzt.

Bei unserer Erde können wir uns bei etwas mehr als einem Grad globaler Erwärmung gerade noch einreden, es sei so etwas wie erhöhte Temperatur. Bei zwei oder gar drei Grad globale Erwärmung allerdings sieht die Sache anders aus: Dann hat unsere Erde Fieber. Die Begleiterscheinungen, die Symptome: Extremwetter, Hitzerekorde, Dürren und Stürme, wie wir sie uns nie hätten träumen lassen. Und über mehr als vier Grad globale Temperaturerhöhung denken wir besser gar nicht nach. Dann wird es auf jeden Fall verdammt eng, für beide, Kinder und Erde.

Zeit für Verantwortung

Es ist mitunter ein unheilvoller Trend in unserer Gesellschaft: Immer muss es jemanden geben, der die Verantwortung trägt, wenn etwas schiefgeht oder ein Unheil geschieht – jemand, der »Schuld hat«.

Doch beim Thema Klimawandel und Erderhitzung lässt sich die Verantwortung, die »Schuld«, nicht so einfach wegschieben. Schuld tragen wir Menschen mehr oder weniger alle. Denn die seit über 30 Jahren international erforschte und sauber dokumentierte Beweislage ist erdrückend: Klimawandel und Erderhitzung sind menschengemacht, vor allem durch die massive Nutzung fossiler Brennstoffe Kohle, Öl und Gas und das dabei emittierte Klimagas CO2.

An diesem Punkt kommen wir Väter und Großväter ins Spiel. Ich sage ganz bewusst wir, denn ich bekenne mich persönlich zu dieser Rolle. Wir, die Väter und Großväter, die Männer dieser Welt, viele darunter schon in der fortgeschrittenen zweiten Lebenshälfte, waren und sind maßgeblich beteiligt an der Erderhitzung, der eine mehr, der andere weniger. Ganz besonders gilt das natürlich für die sogenannten Leistungsträger und Entscheider, also die Mächtigen unter uns: die CEOs, die Vorstandsvorsitzenden, Aufsichtsräte, Geschäftsführer, Controller, Aktionärsvertreter, Arbeitgeber‐ und Arbeitnehmervertreter, die Minister und Ministerpräsidenten, die Staatssekretäre, Ministerialbeamten, Amtsleiter, Banker, Parlamentarier, Parteifunktionäre, Lobbyisten, Staatspräsidenten, Kanzler, Bürgermeister.

In all diesen – und vielen anderen – Positionen wurden in den vergangenen drei Jahrzehnten klimarelevante Entscheidungen getroffen, und es hatten in diesen entscheidenden Jahren überwiegend Männer, also wir Väter und vor allem wir Großväter, das Sagen, je höher in den Hierarchien, umso mehr. Daher stellt sich mir die bohrende Frage: Brauchen wir nicht auch eine Bewegung »Grandfathers for Future«? Großväter in der Verantwortung?

Ich selbst war auch dabei: in einem Tochterunternehmen zweier europäischer Großkonzerne, als Berater und Teilhaber im mittelständischen Unternehmen der eigenen Familie, als Hochschulrektor und Hochschullobbyist in der Landespolitik. Ich gebe zu: Ich bin gerne mitgeschwommen in diesem Männer‐Führungs‐Pool. Zähneknirschend habe ich versucht, die vorgeschriebene Frauenquote vor allem bei höheren Positionen zu erhöhen und habe mir mit eisigem Gesicht die Klagen tatsächlich oder vermeintlich benachteiligter Professorinnen und Mitarbeiterinnen angehört. Macht zu teilen, und dann auch noch mit Frauen, die oft einen ganz anderen Ansatz, einen ganz anderen beruflichen Werdegang und andere Kompetenzen und Erfahrungen haben, das kann gerade uns älteren Männern mächtig auf die Nerven gehen. Da brennen einem doch gerade weiß Gott genug andere Probleme auf den Nägeln als ausgerechnet die Frauenquote!

Ich behaupte: Daher waren viele von »uns« auch so beleidigt, als uns ein 16‐jähriges unscheinbares Mädchen schonungslos und in glasklaren Worten die Meinung sagte und uns zur Klimakrise die gleiche »Panik« an den Hals wünschte, die sie selbst spürte. Soll diese Greta Thunberg doch selbst erstmal was Gescheites lernen, statt zu demonstrieren und dafür die Schule zu schwänzen, Klimaschutz ist schließlich was für Profis! So dachten viele damals heimlich oder offen. Und nach Greta Thunbergs späteren einseitigen Äußerungen zum Israel/Palästina‐Krieg können sie sich in ihrem Urteil auch noch bestätigt fühlen.

Wie auch immer diese Befindlichkeiten zu werten sind: In Sachen Klimawandel und Erderhitzung ist es jetzt endgültig Zeit für Verantwortung. Und das bedeutet vor allem für uns Väter und Großväter, uns zu dem zu bekennen, was wir geschaffen, aber leider auch zu dem, was wir angerichtet haben: als Entscheider in Wirtschaft, Finanzen, Politik und Verwaltung, als Lehrende, Berater, Lobbyisten und Meinungsbildner oder einfach nur als Konsumenten, Wähler oder Nichtwähler.

Was wir auf den einst von unseren Vätern und Müttern gelegten Fundamenten geschaffen haben, war einerseits eine der längsten und glücklichsten Friedenszeiten in Wohlstand und Freiheit, die unser Land je erlebt hat. Andererseits haben wir uns dieses Wirtschafts‐ und Friedenswunder erkauft durch eine weltweit nie da gewesene Ausbeutung natürlicher Ressourcen und Zerstörung biologischer Lebensräume. Damit konnte weltweit sogar die Armut etwas gelindert werden, und die Vermögenden, also die Industrieländer und ihre BewohnerInnen, mussten dabei weder ihren Wohlstand teilen noch ihren Lebensstil ändern – im Gegenteil.

Es war aber eben ein Wirtschaftswachstum auf der Grundlage überwiegend an wirtschaftlicher Rendite orientierter Natur‐ und Rohstoffausbeutung – mit preiswerter fossiler Energie aus Kohle, Öl und Gas. All dies hatte seinen Preis: der Einstieg in die größte globale Klimakrise der Menschheitsgeschichte – vom größten Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier gar nicht zu reden.

Pauschale Urteile und kollektive Schuldzuweisungen sind nie ganz richtig und oft auch ungerecht. Bei der Klimakrise darf keiner die mutigen Frauen und Männer vergessen, die sich früh gegen den führenden Trend, den Mainstream des unbegrenzten Wachstums und der hemmungslosen Ausbeutung der Natur, aufgelehnt haben und auflehnen. Vor ihnen habe ich als relativ angepasstes und verwöhntes »Nachkriegskind« großen Respekt. Es waren die frühen Kämpferinnen und Kämpfer der Umweltbewegung, die sich abkanzeln und verspotten lassen mussten. Es waren die Klimawissenschaftlerinnen und Klimawissenschaftler, von denen viele erst in der konservativen Presse, dann in den sozialen Medien auf das Übelste beschimpft wurden und die zunehmend auch persönlich bedroht werden. Es waren die Unternehmerinnen und Unternehmer, die in dem Glauben an Vernunft und Nachhaltigkeit früh auf erneuerbare Energien und innovative Infrastrukturtechniken setzten – und von denen viele an bürokratischen Hürden oder unzureichenden politischen Rahmenbedingungen scheiterten. Ich denke nicht zuletzt auch an die vielen unbekannten Aktivistinnen und Aktivisten für Klima‐ und Naturschutz oder soziale Gerechtigkeit, die im eigenen Umfeld zusätzlich zu ihrem Beruf Basisarbeit für eine gute Zukunft ihrer und unserer Kinder leisteten und dabei oft genug mit Verzweiflung oder Burn‐out rangen.

Aber Klagen, Jammern, Schimpfen, mit dem Finger auf andere zeigen – das alles nützt wenig. Es geht um Lösungen. Schließlich hat jedes Unternehmen, wenn es ein Produkt verkauft, das die zugesagte Spezifikation nicht erfüllt, die Pflicht, aber auch das Recht zur »Nachbesserung«. Bleibe ich meinem Ansatz einer kollektiven Verantwortung der Väter‐ und Großvätergeneration treu, dann bedeutet das: Vor allem wir älteren Männer müssen jetzt – soweit wir es noch können – Verantwortung zum Handeln übernehmen, um den Klimawandel und die Erderhitzung mit allen Mitteln einzubremsen. Im Kleinen wie im Großen, jeder nach seinen Möglichkeiten.

Drei gute Nachrichten

Bei aller Dramatik der derzeitigen Lage gibt es drei gute Nachrichten. Die erste: Beim Kampf gegen den Klimawandel und die Erderhitzung geht es nicht mehr darum, herauszufinden, was zu tun ist, denn das ist weitgehend bekannt (vgl. Kapitel 3), sondern schlicht darum, es auch zu tun. Dafür gibt es nicht zuletzt unter uns Vätern und Großvätern genug echte »Macher«. Sie haben zusammen mit den Nachdenklichen, den Strategen, den Kreativen oder Mutigen in der Vergangenheit vieles Unmögliche möglich gemacht. Nur sollen es diesmal nicht Quartalsergebnisse, Meilensteine einer technologischen Entwicklung, Auftragseingang oder Wiederwahl in ein wichtiges Amt sein, sondern eine lebenswerte Zukunft für unsere Kinder und Enkel.

Diese Aufgabe, diese Zielstellung, ist um Größenordnungen schwieriger als alle beruflichen Herausforderungen, die die meisten von uns je zu meistern hatten. Vielen von uns erscheint sie mitunter unlösbar. Dennoch haben wir keine andere Wahl. Um es mit den oft zitierten Worten Nelson Mandelas zu sagen: »It always seems impossible, until it’s done.«

Die zweite gute Nachricht: Heute sind Gott sei Dank noch viel mehr Frauen dabei, die Verantwortung übernehmen, um eine lebenswerte Zukunft für unsere Kinder zu gestalten. Unsere Welt muss weiblicher werden. Für mich heißt das: Sie muss mitfühlender werden, emphatischer mit den Menschen, mit allen Kreaturen dieser Erde. Das Machodenken eines Trump, Bolsonaro oder Putin hat in unserer Welt nichts mehr zu suchen, die Schäden, die durch offene oder verdeckte männliche Machtphantasien und »Machtbeweise« angerichtet wurden und werden, sind groß genug.

Schließlich die entscheidende dritte gute Nachricht: Die besten Köpfe der jungen Generation sind längst für ihre Zukunft aufgestanden. Sie haben damit all diejenigen Lügen gestraft, die immer behauptet haben, diese Generation sei unpolitisch, verantwortungslos und habe nur Spaß und Konsum im Kopf.

In weniger als einem Jahr haben die Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future eine weltweite Kampagne zur Wahrnehmung der Klimakrise als einer existenziellen Bedrohung der Zukunft der Menschheit aufgebaut. Mit professionellem Organisationsgeschick und großer Kompetenz in digitalen Medien, mit fundiertem Wissen zur Klimakrise, mit Fleiß, Disziplin, klaren Gedanken, Umsicht und höchstem persönlichen Einsatz von Aktivistinnen und Aktivisten hat Fridays for Future Millionen Menschen weltweit erreicht. Dabei ist der Bewegung das Kunststück gelungen, eine basisdemokratische Graswurzelbewegung zu bleiben, mit einigen wenigen Gesichtern wie Greta Thunberg oder Luisa Neubauer, die sich der Öffentlichkeit eingeprägt haben. Fridays for Future ist zu einer internationalen Dachmarke geworden, das Programm für eine gesellschaftsweite Bewegung, in die sich jede Berufs‐ und Gesellschaftsgruppe einbringen kann: Wissenschaftler, Eltern und Großeltern, Landwirte, Unternehmer, Künstler, Psychologen und viele weitere.

Fridays for Future wurde von praktisch allen wichtigen Entscheidungsträgern in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zur Kenntnis genommen, sei es zustimmend oder ablehnend. Die Bewegung erreichte so schon vor ihrem ersten Geburtstag eine globale und historische Dimension.

Ein Blick zurück

In der Welt meiner Eltern und Großeltern waren menschengemachter globaler Klimawandel und Erderhitzung (noch) nicht präsent – ganz einfach, weil weder die Problematik allgemein bekannt war noch die zunehmende Erwärmung ein Maß erreicht hatte, das Wissenschaft und Gesellschaft aufgeschreckt hätte. Doch die Welt und die Werte dieser Generationen haben uns, unsere und jede nachfolgende Generation, auf ihre Weise geprägt. Man muss keine Psychotherapeutin und kein Psychotherapeut sein, um zu verstehen, dass wir nur dann angemessen auf unbekannte Herausforderungen (den Klimawandel) reagieren können, wenn wir uns bewusstmachen, welche Werte und Verhaltensmuster von unseren Vorfahren auf uns gekommen sind. Was davon haben wir übernommen, bewusst oder unbewusst? Welche Glaubenssätze, impliziten Annahmen, Vorurteile sind so tief in uns verankert, dass wir es selbst gar nicht wissen?

Vor allem die 68er‐Generation hat diese Analyse intensiv betrieben und ihre Elterngeneration (insbesondere die Väter) dabei recht deutlich ins Gebet genommen. Nationalismus, Militarismus, autoritäre Strukturen, Kapitalismus, Rassismus – all diese Phänomene wurden gnadenlos seziert, kritisiert und für verwerflich erklärt. Allerdings war nach den Erfahrungen und Eindrücken meiner Studentenzeit ab 1968 in Hamburg die 68er‐Bewegung in ihrer Gesellschaftskritik auch nicht ohne Selbstgerechtigkeit. Ich ärgerte mich über ihren »blinden Fleck« in Bezug auf die schon damals kaum mehr zu übersehende Umweltkrise. Das extrem teure und für den Klimaschutz so katastrophale Festhalten an der deutschen Steinkohleförderung bis 2018 gerade in Kreisen der SPD war aus meiner Sicht auch auf diesen »blinden Fleck« vieler der Partei nahestehender Alt‑68er im Bereich Ökologie zurückzuführen.

Eine Gegenreaktion auf die wirtschaftskritischen (um nicht zu sagen: wirtschaftsfeindlichen) Strömungen der heute natürlich längst historischen 68er‐Bewegung war ein in der Folge stark ausgeprägter Wirtschaftsliberalismus. Und der tut sich mit ordnungspolitischen Vorgaben und Maßnahmen für wirksamen Klimaschutz wie spürbarer CO2‐Bepreisung, staatlich geplantem Auslauf oder gar Verbot von Technologien auf Basis fossiler Energien naturgemäß schwer.

Ich persönlich musste mich bei der Auseinandersetzung mit den Werten und Verhaltensweisen der Elterngeneration nicht sehr anstrengen. Mein Vater besaß eine für einen Unternehmer fast revolutionäre soziale und liberale Weltsicht. Meine politisch überwiegend »linkslastigen« Kommilitonen aus Hamburg hätten sich ungläubig die Augen und Ohren gerieben, wären sie bei einem meiner Waldspaziergänge mit ihm dabei gewesen. Aus damaliger Sicht stand dabei politisch die Welt regelrecht auf dem Kopf.

Als erfolgreicher Gründer eines kleinen, wenn auch immer wieder in seiner Existenz bedrohten Maschinenbauunternehmens war mein Vater im Jargon der universitären K‑Gruppen natürlich nichts als ein »Kapitalistenschwein«. Dennoch hatte er erstaunlich viel Verständnis für die fundamentale Gesellschaftskritik der 68er, für das offene Benennen des »Muffs unter den Talaren«, für die breite Kritik an Machtstrukturen und für das Entsetzen darüber, dass in führenden Positionen von Politik, Wirtschaft und Justiz noch immer »Altnazis« saßen. Er wäre lieber in eine Schlangengrube gestiegen (wenn auch nur mit den in unseren Siegerländer Gewässern verbreiteten harmlosen Ringelnattern), als Mitglied im elitären Lions Club zu werden. Einladungen zu entsprechenden Mitgliedschaften durch seine politisch rechts oder konservativ stehenden Unternehmerkollegen ignorierte er konsequent. Mir hingegen wäre das gepflegte Ambiente eines Lions Clubs mit gutem Essen und Trinken lieber gewesen als der Nebel der damals noch von beißenden Gauloises‐ und Roth‐Händle‐Wolken erfüllten Studentenkneipen. Dort fühlte ich mich, Absolvent eines Provinzgymnasiums, wie Lieschen vom Lande und stand in den Diskussionen bei den bedrohlichen Fragen meiner rhetorisch gut geölten Kommilitonen hilflos da: »Du willst doch wohl nicht etwa behaupten, dass an unserer beschissenen kapitalistischen Gesellschaft was Gutes dran ist, oder?«

Gott sei Dank kann ich meine damalige Ratlosigkeit heute gelassen unter »Heiteres aus der Studentenzeit« ablegen. Viel wichtiger: Gerade diese Auseinandersetzung mit der Welt der 68er lieferte mir Jahre später den Schlüssel zum Verständnis der Liberalität meines Vaters.

Eher durch Zufall fand ich diesen Schlüssel in Form eines Fotos in einem Fotoalbum aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Es stammte aus den ersten Tagen des Polenfeldzuges und zeigte meinen Vater als Wehrmachtsoffizier zu Pferd, gefolgt von marschierenden Soldaten. Das also war es! Er kannte einen zentralen Auslöser für die 68er‐Proteste, nämlich die schleppende Aufarbeitung der deutschen NS‑Vergangenheit und das fatale gesellschaftlich‐politische Weiter‐so nach dem Krieg, nur zu gut aus eigener Erfahrung.

Daher stellte ich ihm auf einem unserer gemeinsamen Waldspaziergänge – wir waren gerade auf einer Anhöhe mit Blick auf unseren Heimatort, das friedliche kleine Freudenberg, dessen malerischer Ortskern aus Fachwerk auf vielen Kalenderbildern zu sehen ist – die Gretchenfrage der Nachkriegsgeneration: »Was hast du dir damals eigentlich gedacht, als Wehrmachtsoffizier im Dienst des Deutschen Reichs, bei einem offensichtlichen Angriffskrieg? Du hast doch gewusst, dass hier Verbrechen begangen wurden! Du hast selber erzählt, dass auf der Zitadelle in Posen täglich Schüsse zu hören waren. Ihr habt erlebt, wie sich die SS abends in den Kneipen aufführte und sich von verzweifelten Ehefrauen Inhaftierter eindeutige Vorteile verschaffte. Du warst abkommandiert, mit deinen Soldaten auf dem Bahnhof einen Güterwagon zu entladen. Beim Öffnen der Türen fielen euch tote Juden entgegen, drinnen lebte keiner mehr. Du sagtest, du hast damals sofort den Befehl zum Abzug gegeben. Damit wolltet ihr nichts zu tun haben. Die Wehrmacht hat ja angeblich immer versucht, sich aus den Kriegsverbrechen der Nazis rauszuhalten. Trotzdem: Was hast du dir damals gedacht?«

Die Antwort meines Vaters war ernüchternd.

»Wenn ich nach drei Monaten endlich mal wieder auf Heimaturlaub bei deiner Mutter war, hatte ich weiß Gott keine Lust, ihr von toten Juden zu erzählen – oder von Schüssen auf der Zitadelle in Posen. Und im Übrigen: Wenn ich das getan hätte, was du offenbar von mir erwartet hättest, wärst du als Nachkriegskind heute sehr wahrscheinlich nicht auf der Welt!«

Darauf fiel mir, auch in der mittlerweile erlernten selbstgerechten 68er‐Rhetorik, keine passende Antwort ein.

Ein Blick nach vorn

Als ich die Frage an meinen Vater stellte, war mir allerdings noch nicht klar, dass sie mich sinngemäß eines Tages wie ein Bumerang selber treffen würde.

Anfang der 90er Jahre, als ich mich von Berufs wegen als Professor mit den Themen Energiewirtschaft, Klimawandel, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit beschäftigte, war es dann so weit: Ich begann mir wohl oder übel die Frage stellen, was ich meinen Kindern oder Enkeln antworten würde, wenn sie mich eines Tages, so um das Jahr 2030 herum, fragen würden: »Sag mal, Papa/Opa, du warst doch damals Professor für Energiewirtschaft und Photovoltaik. Du hast als Wissenschaftler um die Folgen der weltweiten massiven Verbrennung von Kohle, Öl und Gas gewusst. Du hast voraussehen können, was für eine Welt ihr euren Kindern einmal hinterlassen würdet. Zugegeben, für deinen besseren Nachtschlaf hast du einen Verein für nachhaltige Wirtschaftsentwicklung gegründet, hast Vorträge über Photovoltaik und Nachhaltigkeit gehalten und dich mit Vertretern der Energieversorger gezankt. Als Hochschulrektor und Verantwortlicher für einen Unterrichtsreaktor hast du dann gleichzeitig noch ein bisschen den Atomenergieversteher gegeben … Also ehrlich – das verstehen wir alles nicht so richtig. Denn du warst damals doch in einer ganz anderen Lage als unser Opa oder Uropa im Polenfeldzug, von dem du uns immer erzählt hast. Er lebte in einer ganz anderen Zeit in einem autoritären Unrechtsstaat. Du aber hast in einem demokratischen Land mit Meinungsfreiheit gelebt. Du warst sogar ein gut besoldeter Beamter, unkündbar, dir konnte keiner was anhaben. Du hast die ganze Situation offenbar verdrängt, hast deiner Hochschule noch ein Leitbild für nachhaltige Entwicklung verpasst, das konnte ja nicht schaden. Ansonsten hast du den local VIP gegeben und persönlich recht gut gelebt. Ganz ehrlich: Du hast doch alles gewusst und was hast du dir dabei eigentlich gedacht?«

Um ehrlich zu sein: Mir ist immer noch keine überzeugende Antwort auf diese Frage eingefallen. Mein Vater hatte da einfach die besseren Karten.

Zwei Fragen und zwei Scherbenhaufen

Beide Fragen, die an meinen Vater und die an mich, haben eines gemeinsam: Sie stehen wie mahnende Schilder vor zwei riesigen Scherbenhaufen – dem, den uns der Zweite Weltkrieg beschert hat, und dem, den Klimawandel und Erderhitzung unseren Nachkommen bescheren werden.

Über den Scherbenhaufen des Zweiten Weltkrieges wächst langsam Gras. Und der andere Scherbenhaufen, der durch den menschengemachten Klimawandel entstehen wird, ist vor den grünen Hügeln eines Dreivierteljahrhunderts Frieden und Wohlstand noch nicht für alle sichtbar.

Über jedem Scherbenhaufen schwebt die Frage nach dem Warum: Warum vergessen oder verdrängen intelligente, gebildete, pflichtbewusste, christlich geprägte und kritisch denkende Menschen immer wieder so offensichtlich alle Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit? Oder einfacher, von Sinn und Verstand?

Zu allen Zeiten gab es Werte und Regeln, die für alle galten und die von der Mehrheit befolgt wurden: In den Zeiten von Kaiserreich und Nationalsozialismus waren das die soldatische »Pflicht« und der »unbedingte Gehorsam« zum vermeintlichen Wohl des Vaterlandes. Und in der Nachkriegszeit waren es die nur allzu verständlichen Ziele eines materiellen »Wohlstandes für alle« (Ludwig Ehrhard), waren es »Fleiß« und »Anpassung« um fast jeden Preis. Für meine Generation galten und gelten immer noch in erster Linie die Regeln der Ökonomie – inzwischen allerdings eines von staatlicher Einflussnahme mehr oder weniger befreiten »globalisierten« Marktes. Wirtschaftlichkeit und Effizienz, gepaart mit technologischem Fortschritt, das sind heute in praktisch allen gesellschaftlichen Bereichen angestrebte Ziele.