6,99 €
Nach einer überraschen Trennung findet sich Misty unversehens in ihrem alten Kinderzimmer in Brighton wieder. Auf einer Dating-App lernt sie Christopher kennen - klug, charmant - aber in einer offenen Beziehung. Eigentlich ein No-Go für Misty, doch weil sofort eine heftige Anziehung da ist, machen sie einen Deal: Sechs Wochen treffen sie sich unverbindlich und ohne Drama. Einfach, damit Misty wieder ins Dating-Game kommt. Doch dann verschwimmen die Grenzen. Und während Misty herausfinden will, wie man liebt, ohne sich selbst zu verlieren, merkt sie: Erwachsenwerden ist kein Ziel, sondern ein ständiger Neuanfang. Und Liebe hält sich selten an Regeln.
»Ein witziger, zutiefst einfühlsamer Roman über Verlangen, Verbindlichkeit und die drastischen (manchmal fragwürdigen) Maßnahmen, die wir ergreifen, um uns selbst auszuweichen. Dunn schreibt mit einer Ehrlichkeit und Intimität, die beängstigend wäre, wenn das Buch nicht gleichzeitig so unterhaltsam wäre.« MORGAN DICK, Autorin von Mickey und Arlo
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 387
Veröffentlichungsjahr: 2026
Nach einer überraschen Trennung findet sich Misty unversehens in ihrem alten Kinderzimmer in Brighton wieder. Auf einer Dating-App lernt sie Christopher kennen – klug, charmant – aber in einer offenen Beziehung. Eigentlich ein No-Go für Misty, doch weil sofort eine heftige Anziehung da ist, machen sie einen Deal: Sechs Wochen treffen sie sich unverbindlich und ohne Drama. Einfach, damit Misty wieder ins Dating-Game kommt. Doch dann verschwimmen die Grenzen. Und während Misty herausfinden will, wie man liebt, ohne sich selbst zu verlieren, merkt sie: Erwachsenwerden ist kein Ziel, sondern ein ständiger Neuanfang. Und Liebe hält sich selten an Regeln.
»Ein witziger, zutiefst einfühlsamer Roman über Verlangen, Verbindlichkeit und die drastischen (manchmal fragwürdigen) Maßnahmen, die wir ergreifen, um uns selbst auszuweichen. Dunn schreibt mit einer Ehrlichkeit und Intimität, die beängstigend wäre, wenn das Buch nicht gleichzeitig so unterhaltsam wäre.« MORGAN DICK, Autorin von Mickey und Arlo
Roxy Dunn
open
hearts
Roman
Übersetzung aus dem Englischen vonAngela Koonen
An dem Nachmittag, als Barney unsere Verlobung löste, schaute ich Kids News auf CBBC und aß ein Päckchen Rosinen. Er kam ins Wohnzimmer, wo ich mit dem ausgestreckten geschienten Bein auf dem Sofa saß, und fragte: »Warum guckst du das?« Dabei runzelte er missbilligend die Stirn.
Ich erklärte ihm, ich sei neugierig darauf, was in der Welt vorgehe, da ich die Erwachsenennachrichten aber zu bedrückend fände, sei dies meine vorläufige, Schrägstrich, langfristige Lösung.
»Es heißt Nachrichten, nicht Erwachsenennachrichten«, sagte er, peinlich berührt, obwohl wir allein waren.
Im Vergleich zu den aktuellen Kriegsverbrechen dürfte meine Worterweiterung ein zu vernachlässigender Regelverstoß sein, erwiderte ich und bat ihn, mir mein Glas Orangensaft zu reichen.
Als er es mir gab, runzelte er wieder die Stirn und sagte: »Du musst langsam mal erwachsen werden.«
Das bekam ich von ihm nicht zum ersten Mal zu hören. Vor zehn Monaten hatte er genau dasselbe zu mir gesagt, aber damals in der Wir-Form, und bezog sich darauf, dass wir wie Trickfilmfiguren miteinander redeten, was wir anfangs nur ironisch und sporadisch getan hatten und dann irgendwann nicht mehr ironisch und sporadisch, sodass mittlerweile so viele parodistische Bemerkungen und Insiderwitze in unseren Gesprächen fielen, dass wir uns kindisch anhörten. Weshalb Barney vorschlug, wir sollten vielleicht Hilfe bei einem Paartherapeuten suchen.
Ich hatte damals laut aufgelacht und gemeint: »Aber das ist nur etwas für Erwachsene.« In dem Moment dachte ich, er hätte recht, wies aber darauf hin, dass keiner von uns beiden genug Geld übrig habe, um einen Therapeuten dafür zu bezahlen, dass er uns beibringe, weniger lustig zu sein. Damit hatte ich das Thema als erledigt angesehen, doch jetzt kam es wieder auf.
Mit einer Rosine vor dem Mund hielt ich inne und fragte: »In welcher Hinsicht muss ich erwachsen werden?«
Er schaute zu Boden, trat mit der Fußspitze gegen die Teppichecke und sagte: »In so ziemlich jeder Hinsicht.«
Darauf schaltete ich den Ton ab und wandte mich ihm aufmerksam zu, denn anscheinend wollte er mir etwas mitteilen.
»Ich denke, ich kann dich nicht heiraten«, sagte er, ohne aufzublicken. »Oder überhaupt mit dir zusammen sein«, fügte er hinzu, als hätte er sich nicht klar genug ausgedrückt.
Mir wurde ganz flau, und ich stopfte mir hastig weiter Rosinen in den Mund. »Aber du hast mich doch gefragt. Warum machst du mir einen Antrag, wenn du mich gar nicht heiraten willst?« Innerlich war ich völlig in Panik, aber meine Stimme klang zu nüchtern, so als hätte sie die Entwicklung noch nicht ganz erfasst.
»Ich dachte, du willst das.«
»Na logo. Aber nur wenn du es ernst meinst.« Ich sagte tatsächlich na logo, und mir wurde heiß vor Scham.
Er sagte, er sei durcheinander gewesen und habe gedacht, er werde sich über einiges klarer werden, wenn wir uns verlobten, aber das sei nicht passiert, und wie könne er sich mit mir vereinen, wenn er mit sich selbst nicht eins sei?
Ich schrie ihn an, er solle aufhören zu reden, als müsse er mir jedes Detail verklickern, und mir lieber eine Schüssel bringen, weil mir jetzt bestimmt gleich schlecht werde.
Als er mit der Schüssel aus der Küche zurückkam, fing er wieder davon an, dass er nicht wisse, wer er sei, und das herausfinden müsse, weil er innerlich zerrissen sei, und dass er sich wie ein Ganzes fühlen müsse, aber ich hörte schon nicht mehr zu, denn a) hatte ich all das Zerrissenseinzeug schon öfter gehört und b) versuchte ich gerade mich daran zu erinnern, wie man atmet.
»Du hyperventilierst.« Erschrocken legte er eine Hand auf meine Schulter, und bei seiner Berührung wurde mir ganz übel, sodass ich mich hastig nach vorn beugte.
»Ist schon gut«, meinte er. »Ist nicht schlimm.« Mit einer Hand hielt er die Schüssel und mit der anderen mich, während ich trocken würgend den Kopf darüber beugte. »Gleich geht’s dir besser«, versprach er. Aber mir ging es nicht besser. Ganz im Gegenteil. Ich weinte nicht einfach vor Traurigkeit, ich weinte vor Angst. Ich hatte furchtbare Angst, plötzlich ganz allein zu sein!
»Wieso ist das für dich so eine große Sache?«, fragte er. Ich war immer noch am Heulen, war aber inzwischen beim zitternden Schluckaufstadium angelangt.
»Wie könnte das denn eine kleine Sache sein?«, erwiderte ich verwundert.
Er zog die Schultern hoch und ließ sie wieder fallen. »Einfach, weil es nicht um Leben und Tod geht.«
Aber abgesehen vom Tod konnte ich mir nichts Schlimmeres vorstellen, als von dem Menschen verlassen zu werden, den man liebt – das war fast genauso schlimm und furchterregend wie zu sterben.
Ich weinte weiter auf seinen dunkelblauen Fishhook-Pullover, und er sagte: »Ja, lass alles raus«, womit er von der unwahrscheinlichen Vermutung ausging, meine Tränen seien endlich. Doch er hatte recht. Schließlich kamen keine mehr, und ich schlief ein.
Als ich aufwachte, war mein Rachen wund und schmerzte beim Schlucken. Ich fühlte mich ausgelaugt und zerknittert, als wäre ich viele Male zusammengeknüllt und wieder ausgebreitet worden. Ich hörte den Kühlschrank brummen und sah durch das Küchenfenster die Sonne rot und tief am Himmel stehen. Einen Moment lang wusste ich nicht, wieso ich auf dem Sofa lag und warum ich geschlafen hatte, wenn es doch laut der Uhr über der Mikrowelle erst acht war. Und dann erinnerte ich mich, dass Barney mit mir Schluss gemacht hatte, und der ganze Schmerz – und die Angst – kamen in einer großen Welle zurück. Au. Oh wow, oh wow.
Drei Tage später zog ich zurück nach Brighton zu meiner Mutter. Ich nahm alle Zimmerpflanzen mit und überließ ihm unser vier Monate altes Bett, in dem wir noch keinen Sex gehabt hatten. Wir waren insgesamt acht Jahre und neun Tage zusammen gewesen.
Ich wohnte seit einer Woche bei meiner Mutter, als meine Freundin Erica anrief und verkündete, dass ihre Zwillinge wie durch ein Wunder beide schliefen, um mich sogleich vorzuwarnen, dass jeden Moment einer der beiden aufwachen könnte. Dann erst drückte sie erschüttert und traurig ihr Mitgefühl aus.
Ich klemmte das Telefon zwischen Ohr und Schulter und humpelte in eine schattige Ecke der Terrasse, außer Hörweite meiner Mutter, die auf dem Rasen kniete und mit einer Schaufel ein Beet umgrub. »Er ist nicht tot, ich weiß«, sagte ich. »Mein Gehirn weiß das logischerweise. Aber mein Körper reagiert, als wäre er gestorben.«
»Ja, verständlich.«
»Und ich frage mich noch immer, ob ich durch eine seltsame Konfusion der Realität in ein Paralleluniversum gelangt bin, aus dem ich irgendwann wieder rausfalle und in mein altes Leben zurückfinde.«
»Auch das ist verständlich.«
Als Erica jede meiner Aussagen bestätigte, selbst die unrealistischen, fühlte ich mich nicht mehr ganz so schrecklich und allein. Ich sagte, es sei halbwegs beruhigend, von ihr zu hören, dass ich neben dem Zusammenbruch meiner Welt nicht auch noch verrückt geworden sei.
»Bist du definitiv nicht. Weißt du, was verrückt ist? Mein Zahnarzt, der mit einem anderen Zahnarzt verheiratet ist, hat mir erzählt, dass drei ihrer vier Kinder von Beruf Clown sind.«
»Und das vierte?«
»Ist auch Zahnarzt.«
Ich jammerte weiter über mein ruiniertes Leben, bis sie nach fast einer Stunde bedauernd erklärte, sie müsse die Zwillinge wecken.
»Das ist schon fast masochistisch, aber sonst schlafen sie heute Abend nicht ein, und jetzt weiter mit dir zu telefonieren ist den verlorenen Abend nicht wert, nichts für ungut.«
Ich versicherte ihr, das nicht übel zu nehmen, und fragte, ob ich noch kurz dranbleiben solle, um den beiden Hallo zu sagen. Sie meinte, das sei zwar eine nette Idee, aber dann würden sie mir wahrscheinlich erzählen, was sie geträumt hätten, und das könne ausufernd und ermüdend werden und sich schwer beenden lassen.
»In dem Alter haben sie noch kein Gefühl für das Wesentliche, sie wissen nicht, wie man eine Geschichte aufbaut oder zum Höhepunkt überleitet. Es immer nur so: und dann und dann und dann.«
»Du erwartest bei einem Traum Kausalität?«, fragte ich.
»Zumindest einen Aufbau und einen Höhepunkt.«
Anscheinend hatte sie hohe Ansprüche an eine Unterhaltung und legte mehr Wert auf die gute Darstellung eines Ereignisses als auf die akkurate Wiedergabe. Kurz bevor sie auflegte, erinnerte ich sie daran, dass sie mir mal von einer Bekannten erzählt hatte, bei der Darmkrebs diagnostiziert worden war und deren Partner sie eigentlich verlassen wollte, sich dann aber um sie kümmerte, bis sie starb, und erst später zugab, dass sie gar nicht tot war und dass »bis sie starb« nur schöner klingt als »bis sie weiterlebte«.
»Ich finde immer noch, dass das schöner klingt«, sagte sie und legte auf.
»Wer war das?«, fragte meine Mutter und blickte von dem Beet auf, ohne mit der Schaufel innezuhalten.
»Erica.«
Sie runzelte die Stirn. »Ich hoffe, du bist bei ihr nicht ständig nur traurig. Du solltest ihre Gutmütigkeit nicht zu sehr ausnutzen.« Sie dehnte das »zu«, als hätte ich es schon ausgereizt.
Ich hob die Nase zum Magnolienbaum, um an einer großen hellgelben Blüte zu schnuppern, und sagte: »Genau dafür sind Freunde doch da. Wenn sie nur in guten Zeiten zur Stelle wären, hätten sie sich schon vor Jahren abgemeldet.«
»Ich warne dich nur. Irgendwann wird ihre Geduld zuende gehen.«
»Was schlägst du denn vor? Soll ich so tun, als ginge es mir gut, obwohl ich manchmal vor Schmerz kaum atmen kann?« Was mich bei der Äußerung erschreckte, war die Erkenntnis, dass ich nicht übertrieb.
»Erzähl so was lieber mir«, sagte sie nüchtern. »Ich bin immer bereit, dir zuzuhören, ohne Limit.« Ich fühlte heiße Tränen aufsteigen und blinzelte sie hastig weg, aber es war zu spät. Sie hatte mich mit ihrer liebevoll pragmatischen Art kalt erwischt. Ich humpelte zu ihr, um sie zu umarmen, doch sie wandte sich wieder dem Beet zu und drückte kräftig die Erde an.
Zu Ostern hatte ich mir einen Bänderriss am Knie zugezogen, während ich die Schokoeier für Barney versteckte. Auch wenn er behauptete, diesen Brauch nur meinetwegen mitzumachen, und immer herablassend reagierte, wenn ich ihn aufforderte, die Augen zu schließen, damit ich die Eier verstecken konnte. Doch wenn er sie wieder öffnete, sah ich den Schimmer darin. Er freute sich auf die greifbare Befriedigung, nachdem er sich an seinem Schreibtisch stundenlang damit abgemüht hatte, Sätze umzubauen, nur um sich fragen, ob es nicht vorher besser gewesen war. In diesem Jahr war es allerdings nicht zur Eiersuche gekommen, weil ich hochsprang, um das letzte Ei oben auf das Bücherregal zu legen, und dann falsch wieder aufkam. Mein Knie knackte laut und gab nach. Als ich aufstehen wollte, stellte ich fest, dass ich das Bein nicht belasten konnte, und so legte ich mich jammernd aufs Sofa, und Barney holte einen Beutel Tiefkühlbeeren aus dem Eisfach. Aber das Knie war angeschwollen, obwohl ich es kühlte, und wurde so dick wie ein Elefantenbein, und daher fuhren wir mit einem Uber zur Notaufnahme.
Die Ärztin, die mich geröntgt hatte, war anfangs zuversichtlich gewesen, dass die Verletzung ohne Operation heilen würde, doch nach zwei Monaten mit Krücken und Beinschiene sowie einem halben Jahr Physio hatte das Knie noch immer nicht richtig funktioniert, und daraufhin hatte dieselbe Ärztin entschieden, ich müsse nun doch operiert werden. Zu ihrem Bedauern (und erst recht zu meinem, betonte ich), hatte es eine weitere Komplikation gegeben, weil das Material, mit dem sie mich genäht hatte, eine allergische Reaktion ausgelöst hatte. Infolgedessen hatte sie es kürzlich entfernt, sodass ich in den letzten zwei Monaten erneut auf Krücken gelaufen war und zum dritten Mal innerhalb von zwei Jahren eine Beinschiene trug. »Diesmal nur eine schnelle, kleine OP«, hatte sie gesagt, sodass ich mich fragte, ob sie selbst jemals operiert worden war. Vielleicht hatte ich mit der Prozedur mehr eigene Erfahrungen als sie. Aber ich konnte sie gut leiden, weil sie ernsthaft an der Gesundung meines Knies interessiert schien, und dass ihre Turnschuhe immer wie neu aussahen, fand ich sehr sympathisch.
Aufgrund meiner Medikamente war mir jetzt immer leicht übel. Benommen humpelte ich im Garten drei Runden über den Rasen, dann wurde mir flau, und ich musste die Richtung wechseln. Meine Mutter meinte, es könne einem nicht übel werden, wenn der Kreis so groß sei wie ihr Rasen, aber ich sagte: »Glaub mir, wenn du auf Cipro bist, geht das.« Ich dachte, durch das Abkürzen von Medikamentennamen hörte ich mich an wie eine Ärztin oder wie diese chronisch kranken Leute, die immer wieder im Krankenhaus behandelt werden müssen, und da ich keinen medizinischen Abschluss hatte, konnte nur eins von beidem für mich zutreffen.
Da ich für die Krücken beide Hände brauchte, trug ich im Haus einen Rucksack, um meine Sachen bei mir zu haben. Aus irgendeinem Grund machte mich der Rucksack noch trauriger und abwehrender, und so ging ich dazu über, mein Zeug in die Taschen meiner Pyjamashorts zu stecken oder es mir unter den Arm zu klemmen. Aber da entglitten mir die Sachen häufig, weil ich durch die Medikamente und die Wärme stark schwitzte. (Es war ungewöhnlich heiß für Juni, und meine Mutter hielt die Benutzung von Ventilatoren in der nördlichen Hemisphäre für Ressourcenverschwendung.) Sie hatte mir ein Messingglöckchen gegeben und gesagt, ich solle damit klingeln, wenn ich etwas dringend brauchte. Doch nach zwei Tagen nahm sie es mir wieder weg, weil ich es zu häufig einsetzen würde. Sie fühle sich, so meine Mutter, als lebte sie mit einer Marktschreierin zusammen.
Abends nach dem Essen – normalerweise ein proteinreicher Salat, da meine Mutter nicht gern kochte – guckten wir zusammen eine Folge einer Dokuserie über die historischen Bahnstrecken Großbritanniens. Ich hatte schon nach der Hälfte der ersten Folge genug davon und hätte gern abgeschaltet, sah aber den seltenen Anflug von Freude bei meiner Mutter, und das löste wiederum bei mir einen Anflug von Freude aus, und da ich es mir gerade nicht leisten konnte, auch nur das kleinste bisschen Freude zu verschmähen, schauten wir uns weiter die Bahnstrecken an. Manchmal ist Freude halt mit leichtem Zähneknirschen verbunden.
Oft rief währenddessen mein Großvater an, und meine Mutter schaltete widerstrebend auf Pause, damit er und ich uns über unsere Gebrechen austauschen konnten. Derweil befasste sie sich mit ihren WhatsApp-Nachrichten. Ich erzählte meinem Großvater, dass mein Oberschenkel durch den Bewegungsmangel stark geschrumpft sei und meine Fingerspitzen sich berührten, wenn ich ihn mit beiden Händen an der breitesten Stelle umfasste, was ich aber abstoßend fand und deshalb nicht gern tat. Er riet mir, unbedingt meine Physio-Übungen zu machen, damit die Haut nicht erschlaffte, denn sonst würde ich so enden wie er und aussehen wie ein Truthahn, den keiner wollte, nicht mal an Weihnachten. Da ich meinen Großvater vergötterte, sagte ich, es sei mir eine Ehre, auszusehen wie er. Danach legte er auf, weil er Ehrlichkeit ohne Witz unerträglich fand, und mir war in dem Moment nichts Witziges eingefallen.
»Es wäre schön, mal einen Abend nicht von dem Mann gestört zu werden.« Gereizt griff meine Mutter zur Fernbedienung.
»Was hast du denn gegen ihn? Ich unterhalte mich gern mit ihm.«
»Ich habe nichts gegen ihn, ich empfinde nur seine Aufmerksamkeit als Ironie.«
»Wieso? Es ist doch nicht so, als hätte er dich im Stich gelassen. Er hat nur viel gearbeitet, um Geld zu verdienen, damit ihr ein schönes Leben haben konntet.«
»Oh, jetzt bist du die Expertin für meine Kindheit, ja?«
»Aber stimmt es denn nicht?« Ich war ungeduldig, weil sie solche kryptischen, abwertenden Bemerkungen über meinen Großvater schon während meiner Kindheit ständig hatte fallen lassen. Sie sollte entweder mal Klartext sprechen oder ihren Hass ad acta legen. Doch sie hielt den Finger über der Playtaste und sagte: »Von jetzt an könnt ihr beide ohne mich happy family spielen.«
Meine Mutter ist eine pensionierte Hausärztin, die gelegentlich Spritzen verabreicht und einen Arztkoffer besitzt. Ich dagegen bin der zartbesaitetste Mensch, den ich kenne, und habe geweint, wenn ich Theme Hospital spielte und meine Patienten starben. »Dein Leid ist nichts Besonderes« ist der Lieblingsspruch meiner Mutter, den hauptsächlich ich zu hören bekomme.
Vor ein paar Jahren habe ich mal einen Artikel über die fünf Sprachen der Liebe gelesen und begriffen, dass meine Mutter mir mein ganzes Leben lang Hilfsbereitschaft geboten hatte, während ich gern Zärtlichkeit und Lob bekommen hätte. Als ich ihr diese Erkenntnis mitteilte, sagte sie: »Ich hätte also seltener die Heizkörper entlüften und dir dafür häufiger über den Kopf streicheln sollen, verstehe ich das richtig?« – »Vielleicht hättest du ein Mittelding versuchen sollen?«, erwiderte ich und hatte prompt ein schlechtes Gewissen.
Bei meiner Geburt war sie einundvierzig gewesen. Sie arbeitete damals für eine Entwicklungsorganisation und bildete Allgemeinmediziner in einer Kleinstadt außerhalb von Java aus, wo sie auch meinen Vater kennengelernt hatte, der als Ingenieur für die gleiche Organisation arbeitete und aus Glasgow kam. Sie gab zu, dass sie sich von ihm hatte schwängern lassen, indem sie vorgab, die Pille zu nehmen, was nicht der Fall war. Da sie auf Geschlechtskrankheiten und Familienplanung spezialisiert war, kann ich mir vorstellen, dass er ihr sofort geglaubt hat.
Als sie feststellte, dass sie schwanger war, kehrte sie zurück nach Sussex und bezog in Preston Park ein Reihenendhaus mit drei Schlafzimmern – das Haus, in dem ich aufgewachsen war und jetzt wieder wohnte.
Nach ihrer Rückkehr hatte sie meinem Vater geschrieben, ihm die Situation erläutert und erklärt, dass sie eine finanzielle oder emotionale Beteiligung von seiner Seite weder erwarte noch wünsche, dass sie die Bedeutung seiner Arbeit auf der Insel verstehe und ihn in keiner Weise rausreißen wolle und dass er ihr den größten Dienst erweisen würde, wenn er sie das Kind allein aufziehen ließe, zumal seine Kräfte in Übersee von größerem Nutzen seien. Das hat meine Mutter mir gegenüber immer offen kommuniziert.
Ich bin meinem Vater nur ein Mal begegnet, in dem Café des BHS in Glasgow, als ich sieben war. Er brachte mir eine Schattenspielpuppe mit, und ich tat, als spielte ich damit, während ich in Wirklichkeit ihn und meine Mutter beobachtete, wie sie schwarzen Tee tranken und Anekdoten über alte Kollegen austauschten. Irgendwann fingen sie an, sich auf Indonesisch zu unterhalten, und meine Mutter wurde lebhaft und ungewöhnlich weich. Das war das einzige Mal, dass ich sie mit jemandem flirten sah.
Er hatte betagte Eltern, die er alle zwei Jahre besuchte, aber davon abgesehen reiste er nicht nach Großbritannien. Diese Großeltern hatte ich nie kennengelernt, und meine Mutter sagte zu mir, sie wolle sich nicht mit ihnen treffen, da sie Erweckungsprediger seien. Sie misstraute streng religiösen Menschen grundsätzlich, da sie überzeugt war, es mangele ihnen an Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Ich hatte gehofft, meinen Vater bei seinem nächsten Besuch wiederzusehen, aber der fiel zusammen mit unserem Eurocamp-Urlaub in der Bretagne, den meine Mutter schon gebucht hatte, und sie hätte die Anzahlung verloren, wenn wir die Reise nicht angetreten hätten.
Im folgenden Jahr hatte sie einen Brief von einer alten VSO-Kollegin erhalten, der sie darüber informierte, dass er bei einem Mopedunfall umgekommen war und man seine Eltern wegen des Zustands der Leiche hatte überzeugen können, den Toten nicht nach Schottland bringen zu lassen. An der Trauerfeier, die in einer Presbyterianerkirche in Glasgow abgehalten wurde, nahmen wir nicht teil. Offenbar hatte er kein Testament hinterlassen, aber wir hatten selbst genug Geld, denn meine Mutter verdiente gut, und mein Großvater hatte sein Fotogeschäft, in dem er mit fünfzehn Jahren als Lehrling begonnen hatte und das ihm der damalige Besitzer später vermacht hatte, zu einem günstigen Zeitpunkt verkauft.
Meine Mutter erzählte mir die Neuigkeit und ließ mich weinen. Ich sagte zu ihr: »Du darfst auch weinen.« Worauf sie erwiderte: »Mir ist aber nicht danach.« Sie blieb immer in der Rolle der Mutter. Nein, das ist nicht wahr. Einmal hat sie doch geweint, nämlich als sie mir Die Eisenbahnkinder vorgelesen hat. Am Ende, als Bobby mit ihrem Vater am Bahnhof wieder vereint wurde, brachte meine Mutter mit ihrem Weinen das Bett zum Beben, und ich sagte: »Mummy, hör auf, du machst mir Angst.« – »Tut mir leid«, sagte sie, legte den Kopf in den Nacken und wedelte mit den Händen. »Es tut mir leid.« Zu der Zeit glaubte ich, sie hätte sich dafür entschuldigt, dass sie mir Angst gemacht hatte, doch später habe ich mich immer wieder gefragt, ob es ihr in dem Moment leidgetan hatte, dass sie mir keinen Vater gegeben hatte, dem ich in die Arme laufen konnte. Sie sagte, er liege auf Java in einem Reisfeld begraben, aber sie wisse nicht genau, wo.
An dem Samstag Mitte Juli kamen meine alte Schulfreundin Beth und ihr Mann Jon zu Besuch. Sie lebten in Bristol, waren aber übers Wochenende bei Beths Eltern in Hove, die ihren Hochzeitstag feierten. Es war kein rundes Jubiläum, aber Beths Mutter beging gerne jeden Feiertag, Gedenktag oder Festtag, sogar den Bastille Day, obwohl sie keine französischen Vorfahren hatte.
Beth und Jon waren Ärzte. Wann immer Beth gefragt wurde, weswegen sie Medizinerin geworden sei, antwortete sie salopp: »Ach, ich bin da irgendwie reingeraten.« Als ich Erica das erzählte, rollte sie die Augen und sagte: »Also bitte. Man gerät irgendwie in die Buchhaltung oder in die Kotze von irgendwem, aber man wird nicht zufällig irgendwie Lebensretter und bekommt dafür Respekt und ein sechsstelliges Gehalt.« Ich dachte eigentlich, Dermatologie stünde ziemlich weit unten auf der Lebensrettungsskala, und ich wusste genau, dass Beth kein sechsstelliges Gehalt bekam, weil ich sie einmal direkt danach gefragt hatte. Doch das sagte ich Erica nicht, denn ich verstand, was sie damit meinte, und wollte nicht pedantisch erscheinen.
Ich führte die beiden ins Wohnzimmer, wo die Vorhänge noch zugezogen waren, weil ich im Dunkeln gesessen hatte.
»Lassen wir etwas Licht rein, ja?« Beth zog schwungvoll an der Kordel.
Ich fragte, ob sie etwas essen oder trinken wollten. Wenn ja, müssten sie es sich aber selbst holen, weil ich gegenwärtig lahmgelegt sei, fügte ich hinzu und deutete auf meine Krücken. Sie sagten, sie hätten jeder vor dem Aufbruch ein großes Glas Wasser getrunken. Beide waren eifrige Radfahrer und Gesundheitsfanatiker. Normalerweise waren sie in Lycraklamotten unterwegs, aber heute trug Beth ein luftiges Kleid, das an ein Zelt erinnerte und ihre schlanke Figur verhüllte.
Sie setzten sich mir gegenüber auf das Sofa, und ich spürte, dass sie nervös waren, weil sie nicht wussten, was sie sagen sollten. Beths Verlobungsring funkelte in der Sonne, als führte er für mich ein Tänzchen auf, obwohl ich das nicht sehen wollte. Sie musste meinen Blick bemerkt haben, denn sie bedeckte ihn plötzlich mit der Hand. Das war in meinen Augen zwar nett gemeint, aber sinnlos, da ihr Ehemann leibhaftig vor mir auf dem Sofa saß.
»Dein Zopf gefällt mir«, sagte sie und wollte wissen, ob ich mir den selbst geflochten habe. Als ich bejahte, meinte sie: »Sehr geschickt. Bei mir sehen die immer unordentlich aus.«
»Ja, ich könnte das auch nicht«, bekräftigte Jon.
Du lieber Himmel, dachte ich. Jetzt kratzen wir wirklich das bisschen zusammen, was ich an Erfolgen vorzuweisen hatte. Doch ich dankte ihnen, weil sie sich große Mühe gaben und ich wissen wollte, ob ich stoisch und würdevoll sein konnte – Eigenschaften, die für mich bisher unerreichbar schienen.
»Wie lange dauert das?«, fragte Jon. »So einen Zopf zu flechten?«
»Kommt drauf an. Normalerweise anderthalb Minuten, aber dieser hat länger gedauert.« Weil es am Morgen nichts anderes zu tun gegeben habe, hätte ich für diesen absichtlich dreizehn Minuten aufgewendet, erklärte ich. Das habe mich allerdings erschreckt, denn angesichts der winzigen Chance, überhaupt geboren zu werden, sei es da nicht eine Verschwendung von Lebenszeit, wenn man Zöpfe absichtlich schlecht flocht, nur um sie noch einmal flechten zu dürfen?
Jon lachte verlegen. »Wow. Ziemlich ernst für elf Uhr vormittags.«
Ich sagte, außer der Fähigkeit, mir selber Zöpfe zu flechten, könne ich auch vormittags schon ernst sein, eigentlich sogar zu jeder Tageszeit. Wohl mehr eine Schwäche als eine Fähigkeit, zirpte die höhnische Stimme in mir.
»Also, wie geht es dir?«, fragte Beth. Sie hatte offenbar beschlossen, direkt zum Punkt zu kommen, wofür ich sie bewunderte.
»Tja, es ging mir schon besser. Und ich glaube nicht, dass es mir schon mal schlechter gegangen ist.« Ich sagte das vollkommen sachlich, was bei mir eine Seltenheit war, und erklärte, dass es nicht nur die Zeit mit Barney sei, um die ich trauere, sondern auch die Zeit, die noch vor uns gelegen habe und auf die ich fest vertraut habe. Wie könne man jemanden so komplett in seinem Leben einkalkulieren und dann damit klarkommen, wenn derjenige nicht mehr dazugehöre – egal ob künftig oder gegenwärtig? Das sei sicher eine harte, unangemessene Forderung, die wir an uns selbst stellten, indem wir uns verliebten. Beth kaute auf einer Wange und suchte wahrscheinlich nach einer angemessenen Antwort. Jon nickte und sagte: »Ja, das ist schwierig.«
»Aber was gibt es Neues bei euch?« Ich hoffte, das Thema würde uns auf festeren Boden bringen, da ihr Leben immer beständig war, während das aller anderen um sie herum immer wieder ins Stocken geriet. Doch Beth machte ein freudiges Gesicht und sagte:
»Es gibt tatsächlich etwas Neues.« Sie stockte, und ich wappnete mich für das, was immer gleich kommen würde. »Wir sind schwanger.«
»Herzlichen Glückwunsch«, meinte ich mit einem sonderbaren Schwanken in der Stimme, das ich innerlich verfluchte.
»Danke. Wir sind schon in der vierundzwanzigsten Woche, aber ich wollte es dir nicht am Telefon erzählen.« Noch einmal gratulierte ich, und diesmal schwankte meine Stimme noch mehr.
»Ich wusste nicht mal, dass ihr es versucht.«
»Haben wir eigentlich auch nicht. Es ist einfach passiert.«
Ich stellte mir vor, wie Erica die Augen rollte und sagte: »Sicher, ihr habt zufällig und ganz aus Versehen nicht verhütet während der sechstägigen Eisprungphase, ja?«
Es war ja nicht so, dass ich selbst ein Baby wollte. Ich wollte nur nicht, dass Beth eines bekam. Das war natürlich gemein, und ich verachtete mich dafür, aber das änderte nichts an meiner Gemeinheit.
Als ich die beiden so vor mir sah mit ihrem geordneten, gesetzten Leben, fühlte ich mich auf unerträgliche Weise verloren. Doch ich fühlte mich nicht nur verloren, ich war wirklich verloren. Ich hatte keine Ahnung, wie meine Zukunft aussah. Was meinen beruflichen Werdegang anging, war das nichts Neues, aber jetzt hatte ich zusätzlich auch keine Wohnung und keinen Barney, der in London auf mich wartete, und das war beängstigend.
»Ich muss aufs Klo.« Ich stemmte mich vom Sofa hoch und hüpfte an Krücken zur Tür. »Ihr könnt so lange über mein trauriges kleines Leben reden.« Das war eigentlich witzig gemeint, kam aber ganz anders heraus, vermutlich weil zu viel Wahrheit darin steckte.
»Ach, Misty, bitte sag so was nicht.« Beth schaute gequält und verlegen. »Du hast nur gerade einen Durchhänger.« Das beschämte mich noch mehr – die Andeutung, ich würde die Dinge schlimmer darstellen, als sie tatsächlich waren. Einen Moment lang wünschte ich, ich würde einen Todesfall oder eine Scheidung durchmachen und nicht bloß eine Trennung und eine Reha, denn oft war es unpassend, auf die Beschwichtigung etwas zu erwidern (aber ich wollte mein Leben mit ihm verbringen, und ich beginne zu zweifeln, ob ich je wieder ohne Hilfe werde laufen können).
Ich nahm mir vor, eine joviale Bemerkung zu machen, wenn ich vom Klo zurückkehrte, um die Situation für alle weniger peinlich zu machen. Genau erinnere ich mich nicht, was ich dann sagte, aber es bezog sich auf die neuste Gesundheitsempfehlung zu Antioxidantien, die meine Mutter aus der Zeitung rausgerissen und an die Wand geheftet hatte, damit wir beim Urinieren alle über die Vorzüge von Blaubeeren informiert waren.
Kurz nachdem Beth und Jon gegangen waren, brachte mir meine Mutter mein Lunch ins Wohnzimmer – Karottenstifte und ein Auflaufförmchen mit Erdnussbutter.
»Beth ist schwanger«, sagte ich.
Meine Mutter verzog das Gesicht. »Weißt du …«
»Ich weiß. Mein Leid ist nichts Besonderes.«
»Ich wollte eigentlich sagen, dass das alles für dich ziemlich beschissen ist.«
Sie legte ihre Hände, die immer kühl waren, in meinen Nacken und ließ sie dort.
»Die Sache ist die.« Ich erzählte ihr, dass ich nicht nur Barney und mein Zuhause, sondern auch etwas Abstrakteres verloren hatte, nämlich wo ich mich an diesem Punkt meines Lebens angekommen glaubte. »Und noch dazu habe ich nicht mal eine Karriere vorzuweisen.«
»Tja, das ist ja nichts Neues. Du hattest nie eine«, stellte meine Mutter zutreffend fest und betrachtete stirnrunzelnd ihre Grünlilie, die unter dem Gewicht ihrer Ableger durchhing. »Ich werde die Pflänzchen abschneiden müssen. Sie zehren die Kräfte ihrer Mutter auf.« Diese Metapher entging mir nicht.
Als Barney und ich zusammengezogen waren, arbeitete ich in Teilzeit im Telefonmarketing und versuchte, ein Buch zu schreiben. Als ich aus unserer gemeinsamen Wohnung aus- und bei meiner Mutter wieder eingezogen war, arbeitete ich noch immer in Teilzeit im Telefonmarketing und versuchte, ein Buch zu schreiben.
Nachdem mein erstes Manuskript abgelehnt worden war, schickte meine Mutter mir eine E-Mail mit dem Betreff: Für dich interessant? In der E-Mail stand nichts außer einem Link zu einem Artikel mit der Überschrift: Was kann ich mit einem Anglistikstudium werden außer Schriftsteller? Ich schrieb zurück: Was hat das mit mir zu tun? Worauf sie nicht reagierte.
»Es muss doch Leute geben, die mit dem Schreiben Erfolg haben. Ich meine, sieh dich nur um«, sagte ich beim nächsten Weihnachtsfest zu ihr und deutete auf das Bücherregal in der Küche. »Es gibt Bücher, die veröffentlicht werden.«
»Das stimmt.« Sie zog sich einen Gummihandschuh an, um den Stopfen aus dem Abfluss zu ziehen. »Aber auch unveröffentlichte Bücher, und davon gibt es wesentlich mehr.« Aber das wusste ich und wollte keine Zeit mit Diskussionen verschwenden. Letztendlich hörte ich auf, mit ihr über das Schreiben zu reden, und sie hörte auf, mir Job-Links zu schicken. Es schien, als hätten wir einen Waffenstillstand geschlossen oder zumindest ein Patt erreicht.
Nachdem man mein zweites Manuskript mit der Begründung abgelehnt hatte, es sei nicht sehr spannend (das fand ich auch und hielt das für eine einleuchtende Anforderung an einen Thriller), erklärte ich Erica, dass mein Geschmack und mein Ehrgeiz nach wie vor größer waren als meine Fähigkeiten. »Aber das ist nur dein Hochstaplersyndrom«, meinte sie. Ich fragte, wie ich unterscheiden solle, ob ich am Hochstaplersyndrom litte oder wirklich unbegabt sei.
»Wieder scheitern, besser scheitern«, wich sie der Frage aus. Ich wies darauf hin, dass das paradox ist, denn besser zu scheitern bedeutete logischerweise, sich noch weiter vom Erfolg zu entfernen. Worauf Erica erwiderte, ich müsse aufhören, Redewendungen auseinanderzupflücken, die Mut machen sollten, um dann hinzuzufügen: »Ich kenne einen Theaterregisseur, der sich das Beckett-Zitat auf den Arm tätowiert hat.«
Erica und ich hatten uns in unserer ersten Woche an der Leeds University kennengelernt, wo ich für Anglistik und sie für Theaterwissenschaft eingeschrieben war. Wir waren auf demselben Korridor unseres Wohnheims untergebracht, an den entgegengesetzten Enden zwischen lauter Millies und Lotties und Indias, die Perlen und Pashminas trugen und ihre Zimmer mit Wachsbatikwandbehängen, Schnurbatiksofakissen und Polsterhockern zum Schrein ihres Gap Years gemacht hatten. Erica kam in der Erstsemesterwoche an der offenen Tür meines Zimmers vorbei, in dem ich nur zwei Rahmen mit Fotos hingestellt hatte, einen von meiner Mutter und meinem Großvater und einen von mir und Beth an unserem ersten und am letzten Tag an der Grundschule.
»Hast du schon fertig ausgepackt?«, fragte Erica, ohne sich vorzustellen. »Ich meine, einschließlich Deko?«
Ich nickte.
»Schon weil dein Zimmer nicht aussieht wie eine Shishabar: Hast du Lust, mit in die SU-Bar zu kommen?«
Erst auf halbem Weg dorthin fragten wir einander nach dem Namen. Erica sagte, zum Glück habe sie nicht eher erfahren, dass ich Misty heiße, sonst hätte sie die Einladung sofort rückgängig gemacht.
Als wir einer Gruppe Hockeytypen dabei zusahen, wie sie Snakebites tranken, erzählte sie mir, sie habe Männer noch nie anziehend gefunden, Frauen seien doch ganz eindeutig die überlegene Spezies, und sie schätze sich glücklich, dass sie noch nie von dem Verlangen nach dem männlichen Körper befallen wurde. Mit solchen Statements könne sie eine moderne Jane Austen werden, gab ich zurück, und sie erwiderte: »Wahrscheinlich könnte ich das, wenn ich das geringste Interesse daran hätte, jemand anderer zu sein als ich selbst.«
Nach meinem dritten gescheiterten Versuch, ein Buch zu schreiben, erzählte ich keinem mehr, dass ich schrieb, und wenn mich jemand darauf ansprach, sagte ich nur: »Ach, nur dies und das, ab und zu eine Zeile, nichts Besonderes.« Aber insgeheim versuchte ich es hartnäckig weiter. »Wie Berta in ihrer Mansarde«, meinte Erica, die auf Schauerromane stand.
Jedes Mal, wenn der Roman, an dem ich gearbeitet hatte, abgelehnt wurde und ich ihn mir wieder vornahm und versuchte, das Problem zu bestimmen, hörte ich mich fragen: Misty, willst du ewig so weitermachen? Die höhnische Stimme in mir konterte: Willst du dir ewig Illusionen machen? Ich nahm es der Stimme nicht mal übel. Ich fand, sie klang vernünftig und bot Objektivität an – was ich begrüßte, denn ich schauderte bei dem Gedanken, eine jener wirklich selbstbewussten, aufgeblasenen Personen zu werden, die entweder vergessen hatten, wie man sich selbst infrage stellt, oder sich dagegen entschieden hatten, um ihren Erfolg herbeizuführen – aber in meinen Augen war es auch beschämend, dass die höhnische Stimme immer das letzte Wort hatte.
Abgesehen von Barney war Erica der einzige Mensch, dem ich detailliert von meinen Schreibversuchen erzählte. Das lag wohl auch daran, dass man sie nicht schockieren konnte. Ich hätte offenbaren können, dass ich ein halbes Dutzend abgelehnter Manuskripte in der Schublade liegen hatte, und sie hätte genauso reagiert, als hätte ich von einem halben Dutzend toter Motten gesprochen.
An Tagen, an denen es mit dem Schreiben gut lief, fühlte ich mich davon vollständig getragen, so als bräuchte ich nichts anderes. Doch an Tagen, an denen es schlecht lief, war ich dankbar für andere Dinge: Bäume, Häuser, Licht, aber vor allem für andere Menschen. Als ich Erica davon erzählte, sagte sie nur: »Krass.«
Jennifers Tochter hat ihren Verlobten über eine App kennengelernt«, sagte meine Mutter unvermittelt, während sie am Küchentisch ihren Blutdruck maß.
Es war Ende August und der Morgen meines zweiunddreißigsten Geburtstags. Wir lebten jetzt seit fast drei Monaten zusammen. Inzwischen war der Schock über meinen Kummer der täglichen Mühe gewichen, ohne Barney zu funktionieren, was in vielerlei Hinsicht ermüdender war als der nackte Schmerz des Vermissens.
»Ist sie nicht ein bisschen zu jung zum Heiraten?«, fragte ich alarmiert, weil ich mal ihre Babysitterin gewesen war.
»Sie ist siebenundzwanzig. Wohl kaum eine Kindsbraut.«
Ich wandte mich von dem zusammengedrückten Oberarm meiner Mutter ab, um die paar aufgereihten Geburtstagskarten zu bewundern, die ich bekommen hatte. Dass vier Leuten genug an mir lag, um sich hinzusetzen, eine Karte zu schreiben, eine Briefmarke herauszusuchen und sie rechtzeitig einzuwerfen, rührte mich. Aber was rührt dich nicht?, fragte die Stimme.
»Offenbar sind da nicht solche Aufreißertypen wie auf Tinder«, fuhr meine Mutter fort. »Bei dieser Hinge-App. Sondern haben mehr Respekt.« Sie spie die letzten beiden Wörter aus, zusammen mit ihrer Verachtung.
Ich war überrascht, sie über Dating-Apps reden zu hören oder überhaupt über Dating. Sie hatte mir nie eingeredet, ich bräuchte einen Partner, oder hatte mir auch nur erlaubt, Disney-Filme zu gucken, während ich klein war. Allerdings war eine VHS-Kassette mit Cinderella von ihrem Verbot ausgenommen, und die guckte ich damals so häufig, dass das Bild total verschneit war und das Ende schließlich ausfiel. Als Erwachsene fragte ich sie mal: »Aber warum Cinderella? Der ist der unfeministischste Film von allen.« Und sie antwortete schlicht: »Ich war an dem Tag im Woolworth zu müde, um mit dir zu streiten.« – »Das hatte keine weitergehende Bedeutung?«, fragte ich. »Keine außer meiner Erschöpfung.«
»Es ist schräg, dass du mich verkuppeln willst. Das passt überhaupt nicht zu dir.« Ich nahm mir eine Himbeere und lutschte daran.
»Ich will dich nicht verkuppeln. Ich meine nur, du könntest dich mit jemandem treffen, wenn du das möchtest.«
Ich strich über die orangenförmige porige Kerze, die Erica mir geschickt hatte (zusammen mit den Zeilen: Herzlichen Glückwunsch, Liebes. Es fasziniert mich, wie hässlich die ist.), und sagte: »Was ich zurzeit möchte, ist, nicht darüber zu reden.«
»Sieh mich an, ich bin der lebende Beweis dafür, dass man keinen Partner braucht, um ein erfülltes Leben zu haben, aber wenn du einen möchtest, dann solltest du Gas geben. Die Zeit bleibt für Frauen nicht stehen.«
Ich wusste, sie hatte recht, aber ich wollte nicht Gas geben. Ich wollte die Zeit anhalten wie der Junge in der Kinderserie, die ich laufend guckte. Nur dass ich mir seine goldene Stoppuhr wünschte, und nicht um ein Tor zu schießen oder einen Eimer Wasser umzustellen, damit er keinem mehr auf den Kopf fiele, sondern damit ich am Ende nicht allein dastünde.
An dem Nachmittag testete ich mein gerade erst bewegliches Knie, indem ich mich bis zu Waterstones gegenüber dem Uhrturm wagte und den Geschenkgutschein einlöste, den ich von meinem Großvater bekommen hatte. Im Geschäft registrierte ich überall Verlobungs- und Trauringe an den Händen wie in einem Computerspiel mit lauter funkelnden Goldklumpen. Einige der Besitzerinnen sahen erschreckend jung aus, und darum verließ ich den Laden und ging zur Amnesty-Buchhandlung in der Lanes, wo die Verkäuferin einen Holzring am Ringfinger trug, was ich immerhin etwas tröstlich fand. Wenigstens bist du ihm keinen Gold- oder Diamantring wert, dachte ich. Du bist ihm nicht mal einen aus Eiche wert, hörte ich sie still erwidern.
Auf dem Heimweg gestand ich mir voller Scham ein, dass ich das Leben meiner Mutter nicht wollte. Sosehr ich ihre Integrität und Unabhängigkeit bewunderte, wollte ich beides nicht haben. Ich wollte einen Partner, der sich um mich kümmerte und mit mir alt wurde und mich so liebenswert fand, dass er mich nicht verließ, und ich konnte nicht mal Disney die Schuld daran geben. Ich hatte Angst, wieder verletzt zu werden, aber noch mehr davor, für immer ein einsamer Single zu sein.
Angetrieben von meiner Angst lud ich Hinge herunter, sobald ich wieder zu Hause war, und sah bestürzt, wie viele Männer im Technologiebereich und in der Finanzwirtschaft arbeiteten und sich im Ski- oder Neoprenanzug zeigten. Nicht dass die für andere Frauen keine großartigen Kandidaten gewesen wären, aber ich hatte das starke Gefühl, dass sie nichts für mich waren.
Nach sieben Profilen, in denen die Worte Bucket List und Japan vorkamen, war ich ziemlich desillusioniert und kurz vorm Aufgeben. Aber wenn ich dabeibliebe, sagte ich mir, würde die App meine Vorlieben lernen und jemanden für mich finden, der sich nicht für Streetfood und Pulverschnee begeistern konnte. Ich hatte wenig Ahnung von der Technologie, war mir aber ziemlich sicher, dass Algorithmen so arbeiteten, und weil ich keinen Social-Media-Account hatte, würde ich mit meinem Profil wohl bei null anfangen müssen. Nachdem ich das einmal akzeptiert hatte, fiel es mir leichter, emotionale Distanz bei der Aufgabe zu wahren, und in den nächsten sechs Minuten scrollte ich nach links und wischte mich durch Fotos von Raman und verschneiten Gipfeln, als läse ich Kritiken bei Trip Advisor.
Am Abend ging ich mit meiner Mutter und meinem Großvater in ein katalanisches Bistro am Stadtrand. Ein junges Mädchen mit dunkel behaarten Armen tanzte leidenschaftlich neben dem Lautsprecher, aus dem lebhafte Gitarrenmusik kam. Sie hatte die Brauen zusammengezogen und vollführte mit ihrem zierlichen Körper viele ausdrucksstarke Figuren. Bewundernd betrachtete ich sie und dachte: Ich wünsche dir, dass du weiter so tanzt.
»Ich habe beobachtet, wie du kaust«, unterbrach meine Mutter meine Gedanken. »Ein bisschen wie ein Rind. Ich denke, du solltest senkrechte, keine waagerechten Bewegungen machen.«
»Danke für das Feedback. Aber falls du es noch nicht bemerkt hast, habe ich mich bisher vor allem um die Heilung meines gebrochenen Herzens und meines kaputten Knies gekümmert.« Danach aß ich absichtlich wie eine Kuh und machte ab und zu Muh.
Kurz nach dem Hauptgang kam der Kellner mit einem Kuchen aus der Küche und sang Happy Birthday. Andere Leute stimmten mit ein und sogar ich, obwohl ich es ein bisschen seltsam fand, das Lied für mich selbst zu singen. Als der Kellner in unsere Richtung kam und den Kuchen auf den Nachbartisch stellte, war ich wirklich froh, dass ich mitgesungen hatte, denn so hatte es wenigstens den Anschein, als hätte ich nicht gedacht, der Kuchen sei für mich.
»Ich dachte, du würdest keinen wollen«, rechtfertigte sich meine Mutter.
»Will ich auch nicht«, sagte ich, und das stimmte, aber ich wünschte mir trotzdem, sie hätte einen für mich bestellt. So widersprüchliche Wünsche, sagte die Stimme. So sind die Menschen, erwiderte ich im Stillen.
Mein Großvater unterbrach das peinliche Schweigen und erzählte uns, der Sohn seines Freundes Kevin habe gerade an seinem fünfundvierzigsten Geburtstag seine Frau und die zwei Kinder verlassen, seinen Job als Chief Marketing Officer gekündigt und sei in eine andere Stadt gezogen, um ganz neu anzufangen.
»Aber wieso?«, wollte ich ungläubig wissen.
»Das hat Kevin auch gefragt. Und sein Sohn sagte nur: Ich habe das getan, um die Zeit zu bremsen.« Es kam mir verrückt vor, dass dieser Mann aktiv aus seinem Leben ausgebrochen war, um den Prozess zu durchlaufen, auf den ich mich gerade einließ. Oder war das der wesentliche Unterschied – weil er es aus eigenem Entschluss getan hatte, fühlte er sich durch seinen Ausbruch gestärkt anstatt erschöpft und gebrochen?
»Hätte er nicht eine Affäre anfangen oder sich einen Sportwagen kaufen können?«, fragte meine Mutter missbilligend. Mein Großvater ignorierte ihre Bemerkung und schaute bewundernd in sein Glas.
»Kevin kann einen Schluck Guinness trinken, sodass es danach genau an der Linie der Beschriftung des Glases steht. Ich habe noch nie erlebt, dass es mal einen Millimeter abgewichen ist.«
»Und davon sollen wir jetzt beeindruckt sein?« Da tat sie es schon wieder, sie machte ihn bei jeder Gelegenheit runter.
Ich lächelte ihn ermutigend an, doch er ignorierte ihre Provokation und sagte ruhig: »Du sollst gar nichts. Aber ich darf es, ja.«
Wie meine Mutter war ich davon nicht besonders beeindruckt, fand es aber interessant, wie sehr es meinen Großvater beeindruckte. Es war merkwürdig, welche Dinge manche Leute ausflippen und andere kaltließen oder allenfalls mäßig interessierten.
Nachdem wir meinen Großvater bei sich abgesetzt hatten und schließlich zu Hause waren, ging meine Mutter sofort in die Küche, um sich ihren Kamillentee zu machen – ihr gewohntes Getränk zu unserer allabendlichen Folge über die Bahnstrecken. Ich ließ mich aufs Sofa fallen und rückte mir einige Kissen zurecht, um das Bein darauf zu legen, dem das immer noch guttat, wenn ich ein paar Stunden unterwegs gewesen war. Als sie kurz darauf hereinkam, schürzte sie die Lippen und hielt einen Cupcake mit einer brennenden Kerze in der Hand. »Ich dachte, einen großen Kuchen würdest du etwas überwältigend finden«, sagte sie schroff. Und sie hatte recht, aber was sie unterschätzt hatte, war, wie überwältigend ich diesen Cupcake finden würde. Doch ich weinte nicht. Ich dachte: Nö. Lass uns mal einen Tag ohne Tränen verbringen, Misty. Wir teilten den Cupcake in zwei Hälften und aßen ihn zusammen wie die beiden irritierend dünnen Frauen, denen ich mal in einem Café dabei zugesehen hatte, wie sie versuchten, der anderen die größere Hälfte aufzudrängen.
In den nächsten paar Tagen blieb ich auf Hinge aktiv und betrachtete es wie meine Physio – als nervige, aber notwendige Aufgabe. Ich hoffte, wenn ich es jetzt richtig anging, würde ich es in zwei Jahren nicht mehr tun müssen. Und daher war es befriedigend, als ich dort am dritten Morgen auf Christopher stieß.
Sein Profil stach auf den ersten Blick heraus, nicht nur weil unter Beruf Neurowissenschaftler stand, was ich äußerst faszinierend fand, oder weil auf seinen Fotos keine Hotdogs oder monumentalen Sonnenuntergänge zu sehen waren, sondern weil – das mag jetzt etwas abgedreht klingen – ich eine sonderbar starke Bindung zu ihm fühlte, als ob wir uns tatsächlich gegenüberstünden, obwohl ich ihn nur auf einem Bildschirm sah. Sein Gesicht wirkte völlig unstatisch. Sogar auf den Fotos, wo er nicht in Bewegung geknipst worden war, sah er äußerst lebendig aus. Ich denke, das lag an seinen Haaren, denn die waren zottig und ziemlich wild. Auf den vier Fotos, die er hochgeladen hatte, changierte sein Bartstadium von stoppelig bis struppig. Er hatte ein ungepflegtes, beinahe rohes Aussehen, das mich sehr anzog.
Er war vierzig, also viel älter als ich, aber nicht auf eine unattraktive Art, auch nicht so viel älter, dass man daran Anstoß nehmen konnte. Ich las die Reaktionen auf seine Selbstbeschreibung, die witzig und intelligent, aber nicht angeberisch war, aber ich verstand nicht, worauf sich die letzten bezogen. Ich scrollte zurück zu seinem Profil und fand die Angabe: Habe ein Kind. Zunächst war ich darüber hinweggegangen, weil es mich nicht interessiert hatte, und jetzt, da ich es wieder las, interessierte es mich wieder nicht. Ich wünschte mir weder jetzt noch für die Zukunft, eigene Kinder zu haben, hatte aber auch nichts gegen sie und sah daher kein Problem darin, einen Mann mit Kind zu daten.
Während ich nach rechts wischte, war ich unverhältnismäßig nervös, als ob von diesem Moment sehr viel abhinge. Bitte matche mit mir, dachte ich. Und als nichts passierte und mir ein weiterer Vertriebsmanager, der neben einem Elefanten stand, präsentiert wurde, warf ich mein Handy aufs Bett und verdrückte ein paar Tränen.
Später am Vormittag loggte ich mich in meinen dienstlichen E-Mail-Account ein und sah elf neue Nachrichten im Posteingang, davon sechs Junkmails. Seit meinem Abschluss vor elf Jahren hatte ich diverse Jobs gehabt – bei den letzten drei hatte ich ausschließlich für einen Mann namens Richard gearbeitet, der einen Beschaffungsdienst betrieb und sich leidenschaftlich für die Welt des industriellen Bedarfs interessierte. Er trug Hemden mit Paisleymuster, die wie William-Morris-Tapeten aussahen, und war mit einer Frau verheiratet, die wöchentlich Triathlons absolvierte.
Richard hatte gesagt, ich dürfe mir so lange eine Auszeit nehmen wie nötig, aber nachdem ich einen Monat lang mit meiner Mutter zusammengewohnt hatte, war ich zu dem Schluss gelangt, dass ich sowohl das Einkommen als auch die Ablenkung brauchte, und so arbeitete ich nun wieder seit vier Wochen. Beim Löschen der Junkmails fiel mir ein Betreff ins Auge: Warum sind Sie nicht verheiratet? Sie sind doch hübsch genug. Na, das ist nett, dachte ich. Immerhin irgendjemand findet das, wenn auch nicht mein Ex-Verlobter.
Ich öffnete die E-Mail, die sich als Newsletter einer Fachzeitschrift entpuppte, und sah, dass die Betreffzeile einem Artikel zur »Bekämpfung von Frauenfeindlichkeit am Arbeitsplatz« entnommen war, in dem ausführlich über sexuelle Belästigung berichtet wurde. Erschrocken, weil ich mich geschmeichelt gefühlt hatte, löschte ich sie und entfernte sie auch gleich aus dem Papierkorb, um mein Schamgefühl zu minimieren.
