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Drei spannende Kurzgeschichten über den Mut, der Menschen über sich hinauswachsen lässt. OPERATION LAZARUS: Paul und Bianca erkennen, dass sie Teil eines monströsen Projekts sind. DER SAMOANER: Ein Mann fühlt sich im Berlin der Kaiserzeit zurückversetzt in die Steinzeit. ZWISCHEN ZWEI WELTEN: Der Kampf zweier Menschen um ihre Liebe im geteilten Berlin.
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Seitenzahl: 208
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Operation Lazarus
Der Traum vom Landleben in der Brandenburger Provinz wird für Paul und Bianca zum Alptraum, als sie erkennen, dass sie Teil eines monströsen Projekts sind.
Der Samoaner
Max Becker verliert 1895 beim Glücksspiel seine Plantage in Neuguinea. Er muss ins Deutsche Kaiserreich fliehen – und fühlt sich zurückversetzt in die Steinzeit.
Zwischen zwei Welten
Ein Mann zwischen Leben und Tod, eine Frau zwischen Ost und West. Und ihr Kampf um eine gemeinsame Zukunft.
Anmerkungen
Jesus aber sprach: Lazarus, komm heraus aus deinem Grab! Und der Verstorbene kam heraus und ging davon.
Johannes 11, 1-45
Als der Kerl meine Autowerkstatt betrat, sah ich sofort, dass es einer dieser üblen Burschen war, mit denen es immer Ärger gibt. Große Klappe und auf Krawall gebürstet. Ich kannte diese Typen. In zwei Jahren Knast hatte ich gelernt, die Angeber von den wirklich gefährlichen Jungs zu unterscheiden. Der, der jetzt vor mir stand, gehörte mit seinen gegelten Haaren, dem Pferdeschwänzchen und dem dümmlicharroganten Gesichtsausdruck zu den Blendern.
Notgedrungen beendete ich meine Frühstückspause. Auf meinem Laptop hatte ich mir gerade einen Bericht über die Krönung von Prinz Charles zum König von England angesehen. Was für eine Show! Ich klappte den PC zu, blickte den Besucher an und fragte, was ich für ihn tun könne.
„Marco würde gern deine Hilfe in Anspruch nehmen, Chef“, sagte er und ließ dabei sein goldenes Dunhill-Feuerzeug auf- und zuschnappen.
„Schön. Und wer soll dieser Marco sein?“
Natürlich wusste ich, wer Marco war. Er hatte mich damals im Duschraum von Block sieben vor einer Attacke der Zwillinge bewahrt, eines Pärchens, das immer auf der Suche nach Frischfleisch war, wie man in Tegel zu sagen pflegt. Ich hätte keine Chance gehabt. Ich bin zwar nicht gerade klein, aber eher ein Leichtgewicht. Wir wurden sogar so etwas wie Buddies. Ich aus Dankbarkeit, er wohl eher aus Berechnung. Im Knast muss jede Gefälligkeit früher oder später bezahlt werden, und Marco gefiel es, wenn jemand in seiner Schuld stand.
Das war drei Jahre her. Kurz danach wurde ich auf Bewährung entlassen; Marco hatte noch zwei Jahre mehr abzusitzen. Er war einer von den gefährlichen Jungs. Bewaffneter Raubüberfall, sieben Jahre.
Es machte keinen Sinn, weiter den Ahnungslosen zu spielen.
„Meinen Sie Marco, den Kroaten? Ist der frei?“ Ich bemühte mich, höflich zu sein.
„Ja, du Schlauberger. Sonst wäre ich ja nicht hier.“
Marco wusste, dass ich ein exzellenter Autofahrer bin, denn mir war es gelungen, die Polizei vor meiner Verhaftung bei der Verfolgungsjagd quer durch Brandenburg abzuschütteln. Erst vor Dessau musste ich aufgeben; mein Tank war leer. Obwohl ich lediglich ein Kurier war, und das nur einmal, bekam ich drei Jahre aufgebrummt. Das Gericht nahm mir nicht ab, dass ich mit der Tat selbst, Anabolikaschmuggel im großen Stil, nichts zu tun hatte. Nach zwei Jahren wurde ich vorzeitig entlassen – mit der Auflage, mich jede Woche bei Stefan Kling, meinem Bewährungshelfer, zu melden. Stefan war ungefähr in meinem Alter, und ich verstand mich mit ihm auf Anhieb gut. Er vertraute mir und räumte für mich so manchen bürokratischen Stein aus dem Weg. Auch nachdem meine Bewährungszeit abgelaufen war, blieb Stefan mir freundschaftlich verbunden. Sicher nicht nur, weil ich seinen Oldtimer, er fuhr eine dreißig Jahre alte Corvette, immer wieder zum Laufen bringen konnte.
Ich ahnte, was Marco von mir wollte. Er brauchte für irgendeinen Coup einen zuverlässigen Fahrer.
Der Kerl nahm das gerahmte Bild, das auf meinem Schreibtisch stand, in seine Hände und lächelte. Es war ein Foto von unserem Campingurlaub im letzten Jahr auf Rügen. Mein Lieblingsbild. Steffi, meine Tochter, sah darauf aus wie ein blondgelockter Engel. Und Bianca wie ihre große Schwester. Zierlich und sanft. Dabei war sie von uns beiden die Taffere.
„Hübsch, deine Frau. Wie alt ist das Mädchen, acht?“
„Sieben“, sagte ich. Im selben Moment ärgerte ich mich, dass ich ihm spontan geantwortet hatte.
Bianca und Steffi waren für mich das Wichtigste in meinem Leben. Meine Frau hatte dem Druck ihrer Eltern widerstanden, sich von mir scheiden zu lassen, als ich verurteilt worden war. Für ihren Vater, einem hohen Tier im Wirtschaftsministerium, war es unerträglich, seine Tochter mit einem Kriminellen verheiratet zu sehen. Seitdem herrschte Funkstille zwischen Bianca und ihren Eltern.
Bis heute verstehe ich es selbst nicht, wie ich mich dazu hinreißen lassen konnte, den Fahrer für die Anabolikamafia zu spielen. Manchmal konnte ich ziemlich naiv sein, und Nein zu sagen, fiel mir schon immer schwer. Natürlich hatte ich auch dringend Geld gebraucht.
Als es mit der letzten Welle der Coronapandemie losging, verlor ich meinen Job als Fuhrparkleiter einer Messegesellschaft. Danach fuhr ich eine Zeitlang Taxe, aber das brachte wenig ein. Ich wollte nicht, dass unsere junge Familie – Steffi war noch ein Baby – allein von Biancas schmalem Gehalt als Chemielobarantin leben musste, und so war ich in die Sache reingerutscht. Bianca hatte davon nichts gewusst und fiel aus allen Wolken. Dass sie dennoch zu mir gehalten hat, rettete mein Leben. Ich glaube, ich wäre sonst endgültig unter die Räder gekommen.
„Sei heute abend um sieben im Belmont. Ich rate dir, Marco nicht warten zu lassen“, sagte der Kerl, stellte das Foto zurück und verschwand. Mir war klar, dass ich das Treffen besser nicht platzen lassen sollte.
Das Belmont ist ein sündhaft teures Restaurant in der Berliner City; Promis aus Kultur, Wirtschaft und Politik gehen dort ein und aus. Nicht gerade ein Treffpunkt für ehemalige Knastis, dachte ich.
Ich fuhr nach Hause, um meine ölbeschmierten Werkstattklamotten loszuwerden, und war froh, dass Bianca heute länger arbeiten wollte. Auf diese Weise entging ich unangenehmen Fragen.
Im Belmont herrschte Hochbetrieb. Marco saß an einem kleinen Tisch und genoss den Rest von seinem Cordon bleu, der Spezialität des Lokals. Er wischte sich mit der Serviette den Mund ab und blickte mich lächelnd an.
„Schön, dich zu sehen. Paul. Du hast etwas zugenommen. Steht dir gut.“
„Danke Marco“, sagte ich in einem Ton, der reserviert klingen sollte. Ich setzte mich zu ihm und ließ mir vom Ober ein Bier bringen. Marco trug einen dunklen Anzug mit Krawatte. Er hatte wohl zu viele Travolta-Filme gesehen und mimte jetzt den Edelgangster
„Du solltest auch das Cordon bleu bestellen, Paul. Es ist exzellent. Ich esse es hier jeden Freitag.“
Dieser Angeber. Dabei konnte er noch nicht einmal richtig mit Messer und Gabel umgehen.
„Meine Preisklasse sind eher Currywürste. Dass meine Werkstatt keine Goldgrube ist, hast du ja sicher schon herausgefunden.“
„Genau darüber möchte ich mit dir sprechen, Paul.“
Marco kostete seinen Rotwein und blickte das Glas mit Kennermine wohlgefällig an.
„Komm zur Sache, Marco. Was willst du von mir?“
„Was ich von dir will? Nun, du weißt, dass du deinem alten Kumpel noch einen Gefallen schuldest. Deine Aufgabe ist einfach. Ich will es kurz machen: Wir stellen dir ab und zu eine Limousine in die Werkstatt, du spritzt sie um, montierst neue Kennzeichen, und dann fährst du das Auto nach Frankfurt. Frankfurt an der Oder. Dort parkst du es in der Tiefgarage am Rathausplatz. Das ist alles.“
Marco war anzumerken, dass er keinen Widerspruch duldete. Für jeden Wagen würde ich eintausend Euro und für die Überführung noch einmal tausend bekommen. Eigentlich nicht schlecht für einen Tag Arbeit und eine Spazierfahrt nach Frankfurt, insbesondere wenn man sich wie ich von Monat zu Monat finanziell durchhangeln musste. Die Hinterhofwerkstatt hatte ich nach meiner Entlassung sehr günstig angeboten bekommen und sofort zugegriffen. Bianca war damit einverstanden, und Stefan Kling hatte dafür gesorgt, dass ich einen Gründungskredit bekam. Ohne seinen guten Bekannten, der bei einer Bank arbeitete, hätte das niemals geklappt. Gott sei Dank hatte ich das Darlehen tilgen können. Knapp bei Kasse war ich aber immer noch. Doch mit Autoschieberei wollte ich nichts zu tun haben; die zwei Jahre in der Zelle hatten mir gereicht. Bevor ich ablehnen konnte, sagte Marco etwas, was mir einen Stich versetzte:
„Auch deine Frau würde sich sicher über ein wenig mehr Geld in eurer Haushaltskasse freuen. Töchter sind heutzutage teuer.“
Marco wusste wahrscheinlich gar nicht, wie recht er damit hatte. Steffi litt seit ihrer Geburt an Asthma, das wir statt mit Kortison jetzt mit Mitteln der alternativen Medizin zu bekämpfen versuchten. Die Therapie schien zu wirken – die Schübe wurden seltener –, verschlang aber jeden Monat einen dreistelligen Betrag.
Marcos Bemerkung klang in meinen Ohren wie eine Drohung und in mir stieg Panik hoch. Ich musste unbedingt meine Familie schützen. Und so beging ich den Fehler, ihm nicht sofort abzusagen. Was hätte er denn schon machen können? Etwa Bianca oder Steffi etwas antun? So dumm wäre Marco sicher nicht. Er würde sich einfach einen anderen Komplizen suchen und mir schlimmstenfalls eine Abreibung verpassen lassen. Aber das ging mir erst hinterher durch den Kopf.
Ich befand mich in einer Zwickmühle. Willigte ich ein, könnte mir wieder der Knast blühen. Weigerte ich mich, würde er meine Familie bedrohen. Wie sollte ich da aus der Geschichte herauskommen?
Marco nahm wieder einen Schluck aus seinem Weinglas und prostete mir zu. Er war sich sicher, dass ich mitmachen würde.
„Übermorgen geht es los. Du bekommst dann einen BMW 8er Coupé. Sei schön vorsichtig mit dem Wagen. Der ist fast nagelneu, Baujahr 2025.“
Er rief nach dem Ober. Für ihn schien das Gespräch damit beendet zu sein. Nicht aber für mich.
„Gut, Marco. Um unserer alten Freundschaft willen werde ich den BMW umspritzen und nach Frankfurt bringen. Aber dann sind wir quitt.“
Ich war überrascht, dass er damit einverstanden war.
„Okay, Paul. Also bis übermorgen.“
Ich trank mein Bier aus und verließ das Lokal.
Bereits beim Hinausgehen ahnte ich, dass die Angelegenheit übermorgen keinesfalls beendet sein würde. Verdammt, dachte ich, ich werde mir meine Hoffnung auf ein besseres Leben nicht zerstören lassen.
In den letzten drei Jahren hatte ich mich abgemüht, aus der heruntergekommenen Kfz-Bude etwas Vernünftiges zu machen. An Arbeit mangelte es nicht, nur litten viele meiner Kunden mit ihren alten Verbrennern unter chronischer Geldnot. Die meisten Leute fuhren ja seit Mitte der Zwanziger E-Autos, und bei denen gab es kaum etwas zu reparieren.
Viele elektronische Prüf- und Messgeräte brauchte ich für Diagnosen nicht. Wenn ein Motor lief, hörte ich sofort, was los war. Ich war ein Schrauber, keiner von diesern Kfz-Experten im weißen Kittel: Festgerostete Felgen auf der Nabe, Kolben austauschen oder abgerissene Entlüfterventile? Alles kein Problem. Mit Kabelbindern, Panzertape und ein paar neuen Teilen hatte ich bislang fast jede Karre wieder zum Laufen und durch den TÜV bringen können. Autos flottmachen und Autos fahren konnte ich am Besten. Darin war ich richtig gut.
Mein Talent für die Lösung kniffliger technischer Probleme habe ich wohl von meinem Vater geerbt, einem Bauingenieur. Er war ziemlich verschlossen, und ich wollte nie so werden wie er. Doch auch mir fällt es bis heute schwer, mich anderen Menschen zu öffnen.
Nach der Scheidung meiner Eltern wuchs ich bei meiner Mutter auf und nach ihrem frühen Tod bei einer Tante. Es ging mir bei ihr sehr gut; sie ließ mir alle Freiheiten. Mit sechzehn verließ ich die Schule und begann eine Lehre als Kfz-Mechaniker und machte sogar noch meinen Meister.
Aber dann kam das verdammte Virus und warf mich beruflich aus der Bahn.
Bianca blickte mich erstaunt an. Sie war es zwar gewohnt, dass ich oft später nach Hause kam, nicht aber, mich an einem normalen Wochentag in meinem Anzug zu sehen.
„Hattest du ein Rendezvous, Schatz?“
„Ja, so ungefähr, ein Treffen mit einem schwerreichen Kunden. Der hatte mich ins Belmont eingeladen. Ich soll seinen BMW aufpeppen.“
Mit „Schatz“ redete sie mich immer an, wenn sie mir eine klare Ansage machen wollte oder von mir eine eindeutige Antwort erwartete. Sie war nicht eifersüchtig und vertraute mir, meinte aber, mich vor den Schatten meiner Vergangenheit schützen zu müssen.
„Na, endlich mal ein Kunde, der Geld genug hat, dich auch ordentlich zu bezahlen. Solche Aufträge könnten öfter kommen, nicht wahr?“, sagte sie lächelnd.
Ich hoffe nicht, dachte ich. Noch mehr solcher Aufträge und ich würde wieder im Gefängnis landen.
Bianca strich mir über die Haare und gab mir einen zarten Kuss auf die Wange.
„Ich bin stolz auf dich, Paul.“
Ich war es nicht. Ich hatte mir geschworen, sie niemals anzulügen. Gut, dass hatte ich auch nicht gemacht. Oder doch? Meine Erklärung war ja nur die halbe Wahrheit gewesen.
Es war noch dunkel, als ich mich mit dem jetzt tintenblauen BMW auf den Weg nach Frankfurt machte. Ich achtete darauf, alle Geschwindigkeitsbegrenzungen penibel einzuhalten; ich durfte nicht auffallen. Dass ich das Geschoss nicht richtig austesten zu konnte, tat mir in der Seele weh. Die Kraft der sechshundert PS unter mir war dennoch zu spüren.
Mein Honorar würde gerade einmal für ein paar überfällige Rechnungen reichen, dennoch beschloss ich, Bianca und Steffi am nächsten Wochenende mit einem Ausflug in den Spreewald zu überraschen, natürlich mit Picknick, Kahnfahrt und einer Übernachtung in einem Gasthof. Beide liebten es, in der Natur zu sein. Ich wollte ihnen eine Freude bereiten. Oder war es mein schlechtes Gewissen, das da schlug?
In Frankfurt steuerte ich die Tiefgarage an, parkte wie vereinbart im Untergeschoss und verließ das Auto. Im selben Moment bekam ich einen heftigen Schlag auf meinen Hinterkopf und verlor das Bewusstsein …
„Was ist mit ihnen? Soll ich die Feuerwehr rufen?“ Die Stimme, die wie durch einen dichten Nebel an mein Ohr drang, ließ mich aus meiner Ohnmacht erwachen. Mein Kopf schmerzte höllisch. Ich betastete meinen Hinterkopf, spürte aber kein Blut. Der ältere Herr, der sich über mich beugte, blickte mich besorgt an. Ich schüttelte den Kopf; mir ging es bereits etwas besser.
„Nein, danke. Das ist nicht nötig. Ich bin nur ohnmächtig geworden. Das passiert mir leider öfter. Mein Kreislauf, verstehen Sie?“
„Ja, das kenne ich. Ich helfe Ihnen auf und bringe Sie zur Wand. Dort können Sie sich setzen und anlehnen, bis es Ihnen wieder besser geht.“
Der Mann schien erleichtert zu sein, sich davon machen zu können. Von meinem Platz an der Wand aus sah ich, wie er in sein Auto stieg und wegfuhr. Noch etwas wacklig auf den Beinen erhob ich mich und blickte mich um. Bis auf ein paar Autos war das Parkdeck leer – und der BMW weg.
Kurz bevor ich bewusstlos geworden war, hatte, ich noch eine tiefe Stimme gehört. Verstehen konnte ich nichts, der Mann sprach Polnisch oder Russisch. An dem Überfall waren also zwei Personen beteiligt gewesen, eine schlug mich von hinten nieder, die andere hatte wohl Schmiere gestanden. Die beiden mussten mir aufgelauert haben. Sie hatten gewusst, dass ich das Auto heute morgen hier abstellen würde. Doch woher?
Jedenfalls war die Sache gründlich schief gelaufen. Ich hatte sie durch meine Unvorsichtigkeit vermasselt. So würde es Marco sehen und damit nicht ganz Unrecht haben. Inzwischen war das Auto sicher schon in Richtung Warschau oder Kiew unterwegs. Sollte ich zur Polizei gehen, um den Überfall anzuzeigen? Würde sie den BMW tatsächlich finden, käme sie schnell dahinter, dass es sich um ein gestohlenes Auto handelte. Der Diebstahl einer geklauten Limousine – das entbehrte nicht einer gewissenen Komik. Doch mir war nicht zum Schmunzeln zumute. Ich wusste, dass es in Berlin für mich sehr unangenehm werden würde.
In Frankfurt konnte ich nichts mehr tun, und Marcos Handynummer hatte ich nicht. Also machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof. In einer Apotheke kaufte ich eine Packung Aspirin und schluckte mehrere Tabletten gleich im Laden. In meinem Kopf dröhnte es noch immer wie in einer Eisenschmiede.
Zwei Stunden später war ich wieder in meiner Werkstatt. Die Kopfschmerzen hatten nachgelassen, dafür machte sich in meinem Magen ein flaues Gefühl breit. Selbst der doppelte Cognac half nicht. Ich konnte jetzt nichts weiter tun, als zu warten.
Sie kamen zu dritt. Marco verschloss die Tür hinter sich und rückte mit seinen beiden Begleitern dicht an mich heran. Der eine war ein bulliger Vollbartträger, der andere dieser schmierige Typ, dessen Bekanntschaft ich schon gemacht hatte. Zur Begrüßung bekam ich von ihm einen Faustschlag versetzt, der mich in meinen Schreibtischstuhl plumpsen ließ. Die Eisenschmiede in meinem Kopf nahm ihre Tätigkeit wieder auf.
Marco erhob beschwichtigend die Arme.
„Langsam Jungs. Wir wollen doch erst einmal hören, was Paul uns zu sagen hat.“
Er sah mich ein paar Sekunden wortlos an. Sein eisiger Blick verriet mir, dass ich nichts Gutes zu erwarten hatte.
„Nun Paul, wo ist der Wagen? Hast du ihn selbst verscherbelt oder in Frankfurt das Parkhaus nicht gefunden?“
Ich berichtete von dem Überfall, sah aber, dass Marco mir kein Wort glaubte.
Ich versuchte, an seine Eitelkeit zu appellieren:
„Marco, du bist eine große Nummer. Ich bin doch nicht so verrückt, dich zu hintergehen. Du würdest mich doch überall auf der Welt finden.“
Meine Schmeichelei wirkte:
„Okay, Paul. Ich will dir glauben. Du hast dich äußerst dämlich verhalten. Du kannst das nur wieder gut machen, wenn du mir das Auto zurückbringst. Ich gebe dir dafür drei Tage Zeit. Wahrscheinlich ist der BMW noch in Slubice.“
Marco zeigte auf den bulligen Kerl neben ihm.
„Jaro wird dich nach Slubice begleiten. Er kennt sich in der polnischen Autoschieberszene gut aus und wird aufpassen, dass du keine Dummheiten machst. Fahrt sofort los. Ich werde mich hier darum kümmern, wer den Polen den Tipp gegeben hat. Sollte ich herausfinden, dass du mit drinsteckst, dann gnade dir Gott.“
Marco strich mit der flachen Hand über die Kehle. Er meinte es ernst!
Slubice ist mit Frankfurt durch die Stadtbrücke über die Oder verbunden. Mit dem Auto würden wir in weniger als zwei Stunden dort sein. Ich rief Bianca an, um ihr zu sagen, dass ich nach Frankfurt/Oder fahren müsse. Der aufgepeppte BMW stünde dort und mache Probleme. Ich würde versuchen, ihn vor Ort zu reparieren, das könne aber ein oder zwei Tage dauern.
„Paul, ist alles in Ordnung? Kann das nicht eine Werkstatt in Frankfurt machen?“
„Ist ’ne komplizierte Sache, Bianca. Der Kunde will, dass ich das mache.“ „Gut Paul. Fahr vorsichtig.“
Ich stieg mit Jaro in meinen alten Passat und fuhr los.
Noch hatten wir kein Wort gewechselt. Ich wollte von ihm wissen, wie es weiterginge. Jaro schien zu überlegen. Dann antwortete er. Sein polnischer Akzent war nicht zu überhören:
„In Slubice werden wir ein leerstehendes Schlachthaus aufsuchen. In einer Halle parkt die Automafia gern die geklauten Limousinen bis der erste Fahndungsdruck vorbei ist. Vielleicht haben wir Glück und können uns den BMW zurückholen.“
Seine Antwort traf mich wie ein Schlag. Fast hätte ich die Kontrolle über das Fahrzeug verloren.
„Pass auf, du Depp.“ Jaro blickte mich verärgert an. „Ich denke, du bist so ein toller Autofahrer!“
Ich musste mich zwingen, ruhig zu bleiben und auf den Verkehr zu konzentrieren. Nicht, was der Pole gesagt hatte, brachte mich aus der Fassung. Es war seine Stimme. Dieselbe tiefe Stimme hatte ich in der Tiefgarage gehört, bevor ich ohnmächtig wurde!
Es waren Jaro und sein Kumpan, die mich überfallen hatten. Sie wollten wohl selbst den BMW verschieben und mir das in die Schuhe schieben. Jaro und ich würden ohne den BMW nach Berlin zurückfahren, und ich wäre der Dumme. Aber es könnte noch schlimmer kommen. Sollte er merken, dass ich ihn wiedererkannt hatte, wäre mein Leben keinen Cent mehr wert.
Mein Gefühl, dass Jaro Bescheid wusste, wurde immer stärker. Auch wenn er sich vielleicht nicht ganz sicher war, durfte er kein Risiko eingehen. Meine Chance, das Schlachthaus lebend zu verlassen, war gleich null. Mir wurde klar, dass ich ihn vorher loswerden musste.
Doch dafür war es bereits zu spät. Jaro hatte mich durch Slubice gelotst, und ehe ich mich versah, erreichten wir das Schlachthaus, ein halbverfallenes Gebäude am Ufer der Oder. Jaro verließ das Auto, öffnete mit einem Schlüssel ein Eisentor zu einem Hof, winkte mich hinein und verschloss das Tor wieder. Ich saß in der Falle.
Er forderte mich auf auszusteigen und schloss ein zweites Tor auf, das zu einer großen Halle führte. Wahrscheinlich parkten früher hier die Viehtransporter. In einer hinteren Ecke stand tatsächlich der BMW.
„Da haben wir aber Glück“, sagte Jaro. „Schau dir den Wagen an, ob alles in Ordnung ist. Mach schnell. Wir müssen verschwinden, bevor wir entdeckt werden. Ich nehme den BMW, du folgst mir in deinem Auto.“
Auf den Gedanken, dass ich mich eigentlich fragen müsste, woher er die Torschlüssel hatte, kam er nicht. Jaro war augenscheinlich nicht der Schlaueste.
Als ich zum BMW ging, blieb er dicht hinter mir. Ich war jetzt auf der Hut. In der spiegelnden Seitenscheibe sah ich, wie er seinen Arm hob. Ich drehte mich blitzschnell um, und konnte gerade noch seinen Angriff mit einem Teleskop-Schlagstock abwehren. Er traf zwar meinen Unterarm, doch ich spürte in dem Moment noch nicht den Schmerz. Er war über meine Reaktion so verblüfft, dass ich ihm den Schlagstock entreißen konnte. Ich versetzte ihm einen kräftigen Hieb auf seinen Schädel, so dass er sofort bewusstlos zusammensackte.
Jaro atmete noch; in ein paar Minuten würde er das Bewusstsein wiedererlangt haben. Ich holte sein Handy und die Torschlüssel aus seiner Jackentasche, in der sich noch ein Bündel Hunderter befand. Ich steckte das Geld als eine Art Schmerzensgeld ein und verließ die Halle. Das Tor schloss ich wieder zu und packte den Schlüssel unter einen Stein. Jaro könnte noch so lange und heftig gegen das Eisentor schlagen, niemand würde ihn in dieser verlassenen Gegend hören.
Über die Stadtbrücke fuhr ich zurück nach Frankfurt. Von einem Café aus schickte ich Marco eine Nachricht: Wenn er noch heute abend mit meinem Honorar in meine Werkstatt käme, würde ich ihm sagen, wo seine polnischen Partner den BMW abholen könnten. Marcos Nummer war auf Jaros Handy gespeichert..
Ich rief Bianca an, um ihr zu sagen, dass ich hier mit meiner Arbeit fertig sei und heute am späten Abend zu Hause sein würde.
„Ich freue mich, dass alles in Ordnung ist, Paul. Ich hatte so ein ungutes Gefühl.“
„Es gibt keinen Grund, besorgt zu sein, Bianca. Das war heute reine Routine. Ein Kinderspiel.“
Gegen neunzehn Uhr ließ sich Marco bei mir blicken. Er war allein. Er blätterte die zweitausend Euro auf den Tisch und blickte mich erwartungsvoll an. Ich nannte ihm die Adresse vom Schlachthof und wo sich der Schlüssel zum Tor befand. Bevor ich das Geld nehmen konnte, legte er seine Hand auf die Scheine.
„Du hast sicher nichts dagegen, wenn ich deine Angaben überprüfe, bevor du das Geld einsteckst. Lass mich kurz telefonieren.“
„Kein Problem, Marco, mach das.“
Er ging hinaus und kam nach ein paar Minuten wieder.
„Meine Partner sind jetzt unterwegs zum Schlachthof und rufen mich zurück. Wird nicht lange dauern.“
„Hast du herausbekommen, wer den beiden Männern, die mich überfallen haben, den Tipp gegeben hat?“, fragte ich.
„Nein, noch nicht. Hast du einen Verdacht?“
„Nicht nur einen Verdacht. Ich weiß es sogar.“ Ich ließ ein paar Sekunden verstreichen, bevor ich weiterredete. „Es war dein Kumpel Jaro, der dich hintergangen hat.“
Marco verschlug es die Sprache.
„Wenn du es nicht glaubst, frage ihn, wo er heute Vormittag gewesen ist. Er war es, der mich in der Tiefgarage überfallen hat. Ich habe ihn zusammen mit dem BMW im Schlachthof eingeschlossen. Mich dort noch einmal niederzuschlagen, ist ihm nicht gelungen. Du solltest dir einen cleveren Helfer suchen, Marco.“
Den letzten Satz hätte ich mir allerdings besser sparen sollen, denn der brachte Marco kurze Zeit später auf eine Idee, die mir gar nicht gefiel.
Dann kam endlich der erwartete Anruf: Alles okay, der BMW sei gefunden und jetzt in Sicherheit. Aus der Halle sei ein Mann geflüchtet, der aber leider habe entwischen können.
Marco nickte mir zu und ich strich beruhigt das Geld ein.
„Gut, Marco. Das war’s dann.“ Ich erhob mich.
Marco blieb sitzen. Er schaute mich mit wichtiger Miene an.
„Ich möchte dir ein Angebot machen, das du nicht ablehnen kannst.“
Wie peinlich, dachte ich. Jetzt mimt er wieder den großen Mafiaboss. Er hatte einen Satz aus einem uralten Hollywoodschinken zitiert, einem Film über einen sizilianischen Gangsterclan. Aber es gab keinen Grund, an Marcos Entschlossenheit zu zweifeln.
„Was hälst du davon, für mich zu arbeiten, Paul. Ich kann einen Mann wie dich gebrauchen.“
„Danke, Marco. Das ist nichts für mich. Die alten Zeiten sind für mich vorbei. Ich habe jetzt eine Familie.“
Er ließ meinen Einwand nicht gelten:
„Eben. Seine Familie muss man beschützen. Da braucht man manchmal Hilfe.“
Wie sollte ich das verstehen? War das wieder eine Drohung?
„Überleg dir mein Angebot gut. Ich rate dir, es anzunehmen. Jaro wird bald hinter dir her sein. Du kennst ihn nicht; er ist dumm, aber brutal und rachsüchtig. Ich könnte ihn dir vom Leibe halten.“
Marco stand auf und ging zur Tür. Er drehte sich noch einmal um.
„Gib mir Bescheid, wie du dich entschieden hast. Ich lasse dir eine Woche Zeit.“
Mein Leben hatte sich innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden total verändert. Es war zum Verzweifeln. Marco würde mich nie in Ruhe lassen und immer stärker unter Druck setzen. Und dabei zusehen, wie Jaro Jagd auf mich machte, bevor er ihn sich selbst vorknöpfte. Sollte ich zur Polizei gehen? Marco den Autodiebstahl nachzuweisen, würde vermutlich nicht gelingen. Ich aber hätte mindestens mit einer Anklage wegen Hehlerei zu rechnen. Und das als Vorbestrafter. Ich war zurück im kriminellen Sumpf.
