Operation Wellenbrecher - Markus Rahaus - E-Book

Operation Wellenbrecher E-Book

Markus Rahaus

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Beschreibung

Ein neuer Fall für den Cuxhavener Hauptkommissar Arne Olofsen Eigentlich möchte sich Arne Olofsen auf die Hochzeit mit seiner Partnerin Paula vorbereiten – doch dann kommt alles anders: Ein Landwirt nimmt Geiseln und droht damit, diese und sich selbst umzubringen. Zur gleichen Zeit kommt es in Cuxhaven und weiteren Städten bis hinauf nach Dänemark zu mysteriösen Ausbrüchen des Dengue-Fiebers. Das ruft das BKA auf den Plan, denn die Ausbrüche scheinen keinen natürlichen Ursprung zu haben. Als sich eine Gruppe Aktivisten zu den Anschlägen bekennt, wird Olofsen in ein Team aus deutschen und dänischen Polizisten und Wissenschaftlern abgestellt.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Operation Wellenbrecher

Arne Olofsens sechster Fall

Markus Rahaus

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2026 dco-Verlag

Verlag: dco-Verlag GmbH

Sommerbergstraße 97, 66346 Püttlingen

[email protected]

Lektorat: Angela Carls

ISBN Paperback: 978-3-910513-28-0

ISBN eBook: 978-3-910513-38-9

Die Handlung und die in diesem Buch genannten Personen sind frei erfunden. Eine Ähnlichkeit mit realen Personen und wahren Vorkommnissen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Inhalt

Über den Autor

Prolog

Kapitel 1

Tag 1

Kapitel 2

Tag 1

Kapitel 3

Tag 1

Kapitel 4

Tag 1 & morgens Tag 2

Kapitel 5

Tag 2

Kapitel 6

Tag 2

Kapitel 7

Tag 2, später Nachmittag und Vormittag von Tag 3

Kapitel 8

Tag 3, Vormittag

Kapitel 9

Tag 3, später

Kapitel 10

Tag 3, Nachmittag

Kapitel 11

Tag 3, später Nachmittag / früher Abend

Kapitel 12

Tag 3, Abend

Kapitel 13

Tag 4, morgens

Kapitel 14

Tag 4, vormittags

Kapitel 15

Tag 4 vormittags

Kapitel 16

Tag 4, später Mittag

Kapitel 17

Tag 4, Nachmittag

Kapitel 18

Tag 4, später Nachmittag

Kapitel 19

Tag 5, später Vormittag

Kapitel 20

Tag 5, Nachmittag

Kapitel 21

Tag 6, früher Vormittag

Kapitel 22

Tag 6, Vormittag

Kapitel 23

Tag 6, Nachmittag

Kapitel 24

Tag 6, Nachmittag

Kapitel 25

Tag 6, Nachmittag

Epilog

Danksagung

Über den Autor

Foto : Thorsten Ernst

Markus Rahaus ist geboren in Herten-Westerholt in Nordrhein-Westfalen. Nach dem Biologiestudium an der Ruhr-Universität Bochum promovierte und habilitierte er im Fach Virologie an der Privatuniversität Witten/Herdecke. Heute arbeitet er in der pharmazeutischen Industrie und lebt in Cuxhaven.

Seine Liebe zur Fotografie führte mit der Zeit zur Veröffentlichung von mehr als zwanzig Beiträgen in unterschiedlichen Zeitschriften. 2014 erschien der Foto – und Reiseführer Nördliches Cuxland: Weltnaturerbe Wattenmeer – Küstenheide – Hochmoor über das Gebiet zwischen Cuxhaven und Bremerhaven. Angespornt durch diese positiven Erfahrungen entschloss sich Rahaus, einen Kriminalroman zu schreiben und dort sein Fachwissen als Virologe einfließen zu lassen.

Für Nathalie & Yannicka

Prolog

Eigentlich hätte der Nachmittag schöner nicht sein können. Die Sonne schien vom weitgehend blauen Himmel, nur einige dahinfliegende Wolken setzten einen farblichen Kontrast. Aber es war heiß. Seit einigen Tagen hatte eine ungewohnte Hitzewelle Cuxhaven fest im Griff. Die Menschen stöhnten über die hohen Temperaturen und die noch höhere Luftfeuchtigkeit.

Der Hitze zum Trotz hatte sich Ben Basmann, von Fieber und unerträglichen Kopfschmerzen geplagt, mit seiner Familie vom Hotel bis auf die Duhner Strandpromenade geschleppt. Er schwitzte, die schwüle Luft machte ihm wirklich zu schaffen. Die letzten Tage dieses Urlaubs hatte er sich definitiv anders vorgestellt. Noch drei Tage zuvor war alles prima gewesen, doch dann hatte ein grippaler Infekt ihn erwischt wie ein Dampfhammer und seitdem hing er in den Seilen. Nun wäre es wahrlich an der Zeit für ein erfrischendes Gewitter, ging es ihm durch den Kopf. Dennoch hatte er seiner immer quengeliger werdenden Tochter den Wunsch erfüllen wollen, zusammen mit Mama erst ein Eis zu essen und zum Strand zu gehen. Beim Anblick der verschiedenen Eiscremes war ihm übel geworden. Mit einem abgerungenen Lächeln hatte er seiner Tochter erklärt, lieber einen Tee zu trinken. Der anschließende Gang zum Strand hatte sich als Qual entpuppt. Seine Glieder fühlten sich mit einem Mal an, als würde ihm jeder Knochen einzeln zerspringen wollen.

Der Wind hatte aufgefrischt, die Wolkendecke wurde dichter und grauer, schließlich hatte die Sonne keine Lücken mehr gefunden, um ihre Strahlen hinab bis auf den Strand zu schicken. Das ersehnte Sommergewitter war zum Greifen nahe.

Dann war die Welt untergegangen.

Ohne weitere Vorankündigung hatten sich die Schleusen des Himmels geöffnet, Wassermassen waren aus den Wolken niedergestürzt als hätte irgendeine Macht beschlossen, Duhnen vom Angesicht der Erde wegzuwaschen. Alle, die sich noch draußen aufgehalten hatten, rannten, um ins Trockene zu gelangen.

Ben Basmann, der jetzt ebenfalls mit seiner Familie mitten in den sintflutartigen Regenfällen stand, fühlte, wie ihm trotz der kühlen Tropfen der Schweiß ausbrach. Während er nach einer Möglichkeit Ausschau hielt, sich festzuhalten oder, noch besser, hinzusetzen, suchte seine Frau hektisch nach einem Schutz vor dem Regen, den Blitzen und dem Donner. Ihre Tochter hatte sich dicht an sie gedrückt.

Plötzlich sackte er erst auf die Knie, dann auf alle Viere und erbrach er sich in einem weiten Schwall in den Sand des Strands. Den erschreckten Aufschrei seiner Frau und das Weinen seiner Tochter hatte er nicht mehr gehört, denn vor seinen Augen war es schwarz und in seinem Kopf taub geworden.

»Verdammt, der Blutdruck fällt weiter!«, rief der Notarzt mit einem Blick auf die Vitalwerte am Monitor. Die Pulsfrequenz des Mannes vor ihm raste, doch der Druck in den Arterien sank rapide. Der Patient, ein Mann Mitte vierzig mit völlig durchnässter Kleidung, den er zusammen mit der Besatzung des Rettungswagens, erst vor wenigen Minuten am Strand von Duhnen aufgenommen hatte, war zwar wieder bei Bewusstsein, doch trotz Sauerstoffmaske rang er heftig nach Atem. Seine Lippen waren blau verfärbt, die Venen an den Armen schimmerten unnatürlich dunkel durch die blasse, schweißnasse Haut, sein Blick war glasig.

»Wir müssen ihn aktiv beatmen, sonst verlieren wir ihn«, rief der Notarzt, »die Sauerstoffmaske alleine reicht nicht.«

Ohne weitere Worte holte der Rettungsassistent das mobile Beatmungsgerät hervor, reichte dem Arzt die Maske und machte sich selbst an den Schläuchen und Einstellungen des Gerätes zu schaffen.

Der Regen trommelte ununterbrochen gegen die Windschutzscheibe des Rettungswagens, als das Fahrzeug mit Blaulicht von Duhnen über den dunklen Bockeswalder Weg in Richtung Cuxhaven Zentrum raste. In der Luft lag ein Hauch von Salz und nasser Erde – doch niemand im Fahrzeug nahm etwas davon wahr. Mit voller Konzentration kämpften der Notarzt und der Rettungsassistent um das Leben des Mannes, der nun erneut zwischen Fieberwahn und Bewusstlosigkeit schwankte.

Ein Blitz erhellte die Dunkelheit. Der Sekunden später folgende Donner klang wie eine Explosion am Straßenrand und zerrte am Nervenkostüm der Retter. Auch wenn die Fahrt bis zum Krankenhaus nur noch wenige Minuten dauern würde, so hofften doch alle im Fahrzeug inständig, dass dieses Sommergewitter, das sich wie ein ausgewachsener Sturm anfühlte, ebenso schnell wieder legte, wie es aufgezogen war.

»Beatmung läuft«, rief der Rettungsassistent gegen den Lärm des Martinshorns und des Sturms. »Der Puls scheint sich zu stabilisieren, leider auf hohem Niveau.«

»Flüssigkeit!«, forderte der Notarzt und der andere reichte ihm eine Infusion. Routiniert legte der Notarzt eine Venenverbindung und ließ die Elektrolytlösung rasch einlaufen, während er gleichzeitig mit einem Stethoskop die Lungen abhören wollte.

Ein weiterer Donnerschlag, noch lauter als zuvor.

Plötzlich begann der Körper des Patienten zu zucken, seine Muskeln verkrampften sich in unkontrollierbaren Zuckungen.

»Er kollabiert! Adrenalin vorbereiten!«, befahl der Arzt. Er versuchte, sich mit einer Hand an einem Haltegriff im Wagen festzuhalten, um während der ruppigen Fahrt nicht zu stürzen.

Weiterhin durchdrang das Martinshorn die Stille zwischen Blitz und Donner.

»Wie lange noch?«, schrie der Notarzt nach vorne zum Fahrer.

»Knapp zwei Minuten«, erhielt er prompt Antwort.

»Der Patient muss sofort auf die Intensivstation.«

»Die Notaufnahme ist bereits über alles informiert.«

»Was kann er sich nur eingefangen haben?«, murmelte der Rettungsassistent, während er die Adrenalinspritze aus einer Schublade nahm. Sein Blick verriet mehr als bloße Sorge – in ihm keimte die Ahnung, dass dies weitaus mehr als ein hitzebedingter Kreislaufzusammenbruch war. Mit dem Kopf deutete er auf eine Reihe von kleinen Hautblutungen an Hals, Wangen und den Unterarmen ihres Patienten.

»Da gibt es mehr Möglichkeiten, als wir gerade zu diskutieren Zeit haben«, brummte der Notarzt. »Und alle davon rangieren zwischen schlimm und ganz schlimm.«

Der Rettungsassistent rang sich ein gequältes Lachen ab.

Endlich bog der Rettungswagen mit quietschenden Reifen in die Zufahrt der Notaufnahme des Cuxhavener Krankenhauses ein. Pfleger und Ärzte standen bereit, und Sekunden später schoben sie die Trage aus dem Wagen und rollten den Patienten mit schnellen Schritten ins Innere des Krankenhauses.

»Schwerer Schock, wahrscheinlich ein virusbedingtes Fieber. Möglicherweise hämorrhagisch!«, rief der Notarzt den Kollegen zu, als sie durch die sich automatisch öffnenden Türen davoneilten.

Noch bevor sie ihn an die Überwachungsgeräte anschließen konnten, öffnete der Mann mit letzter Kraft die Augen. Aus seiner Nase floss ein kleines Rinnsal Blut. Er starrte die Menschen um ihn herum an, wollte etwas sagen. Doch kein einziges Wort drang über seine spröden Lippen, bevor er endgültig in die Bewusstlosigkeit fiel.

Kapitel 1

Tag 1

»Ich verfluche euch alle.« Knut Larson hockte in der Kabine seines Traktors, den er in mitten in die Auffahrt zum Cuxhavener Kreishaus an der Vincent-Lübeck-Straße gefahren hatte. Angewidert betrachtete er die Menschen, die in den vergangenen Minuten zu einer dichten Menge zusammengelaufen waren und ihn mit einer Mischung aus Angst und Sensationsgier anstarrten. Auch wenn die Menschen von mittlerweile ebenfalls eingetroffenen Polizeibeamten zurückgedrängt wurden, waren noch immer die Kameras unzähliger Smartphones auf ihn gerichtet.

»Geilt euch an meinem Elend auf, ihr blöden Wichser!« Er spuckte durch das geöffnete Fenster des Traktors nach draußen.

»Lassen Sie uns gehen. Wir können …«

»Halt die Fresse, du blöde Kuh.« Larson drückte der Frau, die zusammen mit einem jungen Mann hinter dem Fahrersitz mehr eingeklemmt war, als dass sie saß, den Lauf eines Revolvers fest an die Stirn. Die Frau verstummte augenblicklich, eine Träne lief aus ihrem linken Auge und verschmierte den Kajal. Der junge Mann begann unkontrolliert zu zittern. Larson zog die Waffe von der Stirn der Frau weg und schlug sie dem Mann ansatzlos gegen die Schläfe. Begleitet von einem kurzen Schmerzensschrei kippte der Mann, dessen Hände genau wie die der Frau mit einem Kabelbinder hinter dem Rücken gefesselt waren, gegen die hintere Wand der Kabine und stöhnte. Ein leises Plätschern war plötzlich zu vernehmen, als würde Wasser aus einem kleinen Loch in einem Gefäß abfließen und auf den Boden tropfen.

»Sag bloß, du pisst gerade in meinen Trecker«, schnauzte Larson die Frau mit wutverzerrtem Gesicht an und holte mit der Waffe aus.

Die Frau begann zu schluchzen. Sie ließ Ihren Tränen freien Lauf. »Ich will nicht sterben. Ich habe zwei kleine Kinder.«

Gerade als Larson zu einer Antwort ansetzen wollte, klingelte sein Handy.

»Verdammt nochmal, schafft endlich die ganzen Gaffer hier weg«, herrschte Olofsen einen Streifenbeamten an. »Insbesondere die Hohlbirnen mit ihren Handys. Es gibt schon so viele Filmchen auf Facebook und Co, die das Prädikat ›geschmackloser Müll‹ verdienen. Wir brauchen nicht noch mehr davon.«

»Aber …«

»Nein. Jetzt. Sofort. Zieht Absperrband. Wenn ich in dreißig Sekunden hier auch nur noch einen Hobbyfilmer sehe, nagele ich dich mit den Eiern an die Kugelbake. Wer nicht hinter dem Band steht, landet ebenfalls an der Kugelbake. Verstanden?«

Ohne ein weiteres Wort, aber mit hochrotem Kopf, wandte sich der Streifenbeamte ab und begann, Olofsens Anordnung umzusetzen.

»Arne, komm runter.« Martin Greiner war neben seinen Freund und Kollegen getreten und hielt ihm einen Zettel hin.

Greiner, wie Olofsen Hauptkommissar bei der Cuxhavener Kripo und verantwortlich für die Aufklärung von Kapitalverbrechen, war erst vor wenigen Augenblicken zusammen mit dem Kollegen am Kreishaus eingetroffen. Geiselnahme mit vielen Schaulustigen und beständig unübersichtlicher werdender Lage vor dem Kreishaus hatte es in der dringenden Anforderung nach Verstärkung von der Streife geheißen, die zuvor als erste eingetroffen war. Olofsen und Greiner hatten keine weitere Aufforderung abgewartet und waren sofort aufgebrochen.

»Der Tag fängt ja mal richtig gut an«, maulte Olofsen. »Noch nicht acht Uhr, ich habe keinen Kaffee getrunken und schon warten zwei Geiseln auf ihre Befreiung. Es ist zum an die Kugelbake nageln.«

Die Drohung, mit den Eiern an die Kugelbake genagelt zu werden, musste sich jeder anhören, dem es einfiel, sich mit Olofsen anzulegen, sei es durch Fehlverhalten, sei es durch Widerspruch. In Polizeikreisen war dieses Strafmaß mittlerweile legendär, auch in der Cuxhavener Öffentlichkeit sprach es sich immer weiter herum. Manchmal hieß es sogar schon in den Kommentarspalten eines besonders dümmlichen Beitrags in den sozialen Medien, der Postersteller müsste damit rechnen, geolofsont zu werden, sollte er weiterhin derartigen Dünnpfiff schreiben. Aber wie es im Netz nun einmal so war, sahen die einen die Konfrontation mit diesem Satz als Ritterschlag an, die anderen als eine bösartige Drohung. Bisweilen wurde anschließend hitzig über die Deutungshoheit dieses Ausspruchs gestritten. Zum Glück war es bislang bei den Diskussionen geblieben, niemand hatte diese Drohung in die Tat umgesetzt.

»Also, was wissen wir?«, fragte Olofsen seinen Kollegen.

Greiner deutete auf seinen Zettel. »Knut Larson, dreiundsechzig Jahre alt, bislang unauffällig, keine Vorstrafen. Landwirt mit einem Hof in der Gegend. Hier ist seine Handynummer.«

»Du oder ich – wer von uns soll ihn anrufen?«

»Du«, antwortete Greiner ohne zu zögern.

»War ja klar.« Olofsen betrachtete die grauen Wolken, die langsam über die Stadt zogen. Über Nacht hatte das für das unangenehm heiße und drückende Sommerwetter der vergangenen Tage verantwortliche Hochdruckgebiet einer von Nordwesten kommenden Tiefdruckfront Platz gemacht. Bereits am Abend zuvor hatte es einen sintflutartigen Wolkenbruch gegeben, der unter anderem auf den umliegenden Campingplätzen beträchtlichen Schaden angerichtet hatte. Auch heute war der Himmel nach wie vor grau verhangen, in Kürze würden wohl die nächsten Regentropfen fallen.

»Haben wir irgendeine Idee, worum es hier eigentlich geht?«, fragte Olofsen, während er die Ziffern von Larsons Handynummer in sein eigenes Gerät tippte.

Greiner schüttelte den Kopf. »Nein, bislang haben wir nicht die geringste Ahnung.«

»Na super«, ätzte Olofsen.

»Ein ausgebildeter Vermittler ist unterwegs, der dich dann ablösen wird. Das MEK ist ebenfalls angefordert, aber es wird noch mindestens vierzig Minuten dauern, bis die Kollegen aus Oldenburg eintreffen. Hoffen wir, dass bis dahin die Lage nicht eskaliert.«

Olofsen bedeutete Greiner mit dem Zeigefinger zu schweigen. Der Anruf wurde angenommen. Du blöder Arsch, lass die Geiseln frei und verpiss dich mit deinem Trecker, hätte er am liebsten ins Telefon gebrüllt, aber das ging natürlich nicht. »Guten Morgen, Herr Larson. Arne Olofsen ist mein Name. Ich bin von der Kripo Cuxhaven und wollte mich einmal erkundigen, was denn los ist. Wie kann ich Ihnen helfen?«

Zunächst hörte er nur schwere Atemgeräusche und ein leises Wimmern im Hintergrund. Olofsen aktivierte den Lautsprecher, damit Greiner mithören konnte. »Ihr Dreckskerle wollt mich ruinieren«, dröhnte es plötzlich aus dem Telefon. »Alles Lüge. Ich habe nichts falsch gemacht. Nicht einmal meine Meinung habe ich gesagt, und trotzdem soll ich abserviert werden.«

Olofsen legte die Stirn in Falten. »Herr Larson, beruhigen Sie sich. Bitte erklären Sie mir, wer Sie ruinieren oder fertig machen will. Außerdem muss ich wissen, dass es Ihren beiden Geiseln gut geht.«

»Den beiden geht es gut.«

»Ich muss mit beiden sprechen«, insistierte Olofsen.

»Nein«, kam die prompte Antwort. »Sie können sie sehen. Das muss reichen.«

»Wer will Sie ruinieren?«, wiederholte Olofsen seine Frage.

»Der Oberdoc vom Veterinäramt will mir meine Herde wegnehmen. Angeblich wegen Tierquälerei. Das ist Bull-shit. Meinen Tieren geht es gut, die Haltungsbedingungen sind erstklassig und entsprechen jeder noch so bescheuerten Richtlinie. Ohne die Tiere ist mein Hof am Ende.«

Olofsen warf Greiner einen fragenden Blick zu. Der, das eigene Handy am Ohr, bedeutete ihm nur, weiterzureden, Zeit zu schinden.

»Das höre ich nun zum ersten Mal, dass Ihnen Ihre Herde genommen werden soll«, improvisierte Olofsen. Spontan ein ungewolltes Telefonat am Leben zu erhalten, war nun nicht unbedingt seine Lieblingsbeschäftigung, aber in diesem Fall musste er wohl über seinen Schatten springen. »Um was für Tiere handelt es sich denn?«

»Es sind schwarzköpfige Fleischschafe«, hörte er Larsons gebrüllte Antwort. »Fast dreihundert Tiere. Und keinem davon geht es schlecht.«

»Das glaube ich Ihnen gerne«, versuchte Olofsen den Landwirt zu beschwichtigen. »So wie ich das sehe, ist das aber kein Grund, zwei Menschen gegen deren Willen festzuhalten. Lassen Sie die beiden einfach gehen, dann setzen wir uns an einen Tisch, trinken einen Kaffee und lösen das Problem. Ich bin überzeugt, es gibt eine Lösung.«

»Verarsch mich nicht, Bulle«, kam es nun bedrohlich leise aus dem Telefon. »Ich weiß durchaus, dass Sie Zeit schinden wollen, bis die Scharfschützen ankommen und mich abballern.«

Ganz falsch liegst du nicht, dachte Olofsen. Doch bevor er etwas erwidern konnte, brüllte Larsons wieder aus dem Telefon. »Schaff mir den Oberveterinär heran. Nur der kann das Problem lösen. Sie haben eine Minute Zeit. Danach erschieße ich die erste Geisel.«

Es klickte, der Anruf war beendet.

Olofsen presste die Zähne zusammen. Das war gar nicht gut gelaufen. Larson verlor die Kontrolle über sich. Für die Geiseln war das eine extrem gefährliche Situation, insbesondere in der Enge der Traktorkabine. Ein falsches Wort, und – Olofsen versuchte nicht daran zu denken.

»Erzähl mir was Neues, etwas hilfreiches«, forderte er Greiner auf. »Der Typ ist kurz vor dem Durchdrehen. Was hat es mit dieser Schafsherde auf sich?«

Greiner zuckte hilflos mit den Schultern. »Das weiß ich auch nicht. Ich versuche gerade den Amtsveterinär an die Strippe zu bekommen.«

Ein Aufschrei ging durch die Menge, die nun zwar nicht mehr so dicht am Traktor stand wie bei Olofsens Eintreffen, aber allem Anschein nach noch größer geworden war. Ein Teil der Menschen versuchte, weiter weg zu gelangen, andere Gaffer drängten dagegen nach vorne. Außerdem meinte Olofsen, die Kamera eines Fernsehteams erkennen zu können. »Verdammt, wo kommen die denn so schnell her?«, fluchte er laut. Dann erkannte er den Grund für den plötzlichen Tumult: Larson hatte den Motor seines Traktors gestartet und rollte nun, eine tiefgraue Qualmwolke ausstoßend, noch näher an den Eingang des Kreishauses heran.

»Das Gebäude muss evakuiert werden«, schrie Olofsen. »Auf der Stelle.«

»Läuft schon«, sagte Greiner. »Fast alle anwesenden Mitarbeiter sind bereits durch einen Seitenflügel nach draußen gebracht worden. Zum Glück ist es noch früh, da sind noch nicht so viele Mitarbeiter im Gebäude.«

»Was hat der Kerl vor?«, schäumte Olofsen. »Auf diese Weise wird er seine Herde garantiert nicht zurückbekommen, egal was hinter der Sache steckt.«

»Noch immer mindestens dreißig Minuten, bis das MEK eintrifft«, informierte ihn Greiner.

»Verdammter Mist.« Olofsen lief ein paar Meter weiter nach vorne, um einen besseren Blick auf den Traktor zu haben. Greiner folgte ihm. Jetzt stand er nur noch gute zehn Meter von der Landmaschine entfernt und hatte einen guten Blick auf Larson sowie die beiden Geiseln. Seine Hand fuhr zu seiner Dienstwaffe, ließ sie aber sofort wieder sinken. Hier konnte er beim besten Willen nicht schießen, das Risiko für die Geiseln war viel zu hoch. Außerdem wollte er nicht, dass seine Aktion live im Frühstücksfernsehen zu sehen war.

»Arne, ich bekomme gerade die Info, dass der Leiter des Veterinäramtes eingetroffen ist«, sagte Greiner. »Er wird in wenigen Augenbl …«

»Oh Gott.« Gerade als sich Olofsen zu seinem Kollegen umdrehen wollte, sah er aus dem Augenwinkel, wie Larson in seiner Traktorkabine einen Kanister anhob und sich mit einer Flüssigkeit übergoss. Aus der Menschenmenge hinter ihm schwoll ein Schreckensschrei. Die Leute schienen zu begreifen, was sehr wahrscheinlich in den nächsten Sekunden geschehen würde. »Der will sich und die Geiseln umbringen«, schrie Olofsen entsetzt. »Weg hier, der Motor des Traktors läuft, gleicht fliegt hier alles in die Luft.«

Hastig drückte Larson die Kabinentür auf und stieß seine beiden Geiseln mit einem Tritt nach draußen. Ohne ein für Olofsen hörbares Geräusch stürzten die beiden Personen auf den gepflasterten Boden. Trotz der gefesselten Hände richtete sich die Frau sofort auf und wollte wegrennen, als sie von dem Mann, der es ebenfalls auf die Füße geschafft hatte, einfach zu Seite gestoßen wurde. Sie stolperte und stürzte ein weiteres Mal.

»Arschloch«, schnauzte Olofsen. Ohne nachzudenken, rannte er auf die Frau zu, um ihr zu helfen. Gerade, als er sie erreicht hatte und sie hochziehen wollte, schob sich Larson den Lauf des Revolvers in den Mund und drückte ab.

»Rennen Sie um Ihr Leben«, schrie Olofsen. Er hatte einen Arm um die Frau gelegt und schob sie rücksichtlos vorwärts. Hinter ihm ertönte ein Zischlaut, durch den Schuss hatten sich die flüchtigen Gase des Benzins in Sekundenbruchteilen entzündet. Der Körper des Landwirts stand sofort in lodernden Flammen.

»Ich kann nicht. Mein Fuß«, stöhnte die Frau und stürzte fast erneut.

»Weiter«, befahl Olofson.

Greiner und ein weiterer Beamter stürzten auf die beiden zu, griffen nach der Frau, entrissen sie Olofsens Armen. Die Flammen hinter ihnen schossen meterhoch durch die inzwischen geborstenen Fenster der Kabine des Traktors heraus. Stinkender schwarzer Rauch stob empor, wurde vom Wind zu ihnen herübergeweht und nahm ihnen die Luft zum Atmen. Rot-orangene Feuerzungen suchten nach weiterer Nahrung. Der Motorblock des Traktors fing Feuer. Die gaffenden und filmenden Menschen hinter der Absperrung versuchten panisch, den Ort des Geschehens zu verlassen, aber das Gedränge war zu dicht. Einige stolperten, stürzten. Manche versuchten, ihnen aufzuhelfen, andere trampelten einfach über sie weg.

Olofsen, Greiner, die Frau und der Streifenbeamte hatten gerade die Absperrung erreicht, als der Traktor mit einem markerschütternden Knall explodierte. Metallteile flogen wie Geschosse durch die Luft, die Flammen loderten noch höher in den Himmel, zahllose Fensterscheiben der Vorderfront des Kreishauses gingen durch die sich kreisförmig ausbreitende Druckwelle der Explosion krachend zu Bruch, ein Regen aus Glassplittern ging nieder. Die Polizeibeamten wurden zu Boden geschleudert, ebenso wie alle anderen, die sich noch auf dem Vorplatz des Kreishauses aufhielten.

Schmerzen durchzuckten Olofsens Schulter, als er hart auf den Boden aufschlug. Vor seinen Augen wechselten sich Blitze mit Schwärze ab.

Dann übernahm die Schwärze.

Olofsen schlug die Augen auf. Er wusste nicht, wie lange er so dagelegen hatte. Langsam hob er den Kopf, sah Chaos um sich herum. Es stank nach Rauch, verbranntem Plastik und Benzin. Er sah Feuer, einen nach wie vor in Flammen stehenden Traktor, in dem er den Körper Larsons nicht mehr ausmachen konnte, brennende Trümmerteile, schreiende Menschen überall. Geräusche dagegen drangen nicht an sein Ohr. Sein Kopf war wie in Watte gepackt, er nahm nur ein dumpfes Summen, kurzzeitig unterbrochen von einem hochfrequenten Pfeifen wahr. »Steh auf«, verlangte er von sich selbst und kämpfte sich auf alle Viere.

Er spürte wie die Kraft in seinen Körper zurückkehrte. Adrenalin schoss durch ihn hindurch, sein Gehör kehrte schrittweise zur normalen Funktion zurück.

»Kommissar Olofsen, sind Sie verletzt?« Ein Polizist lief auf ihn zu.

»Alles okay, ich bin nur ausgerutscht.« Olofsen winkte ab und stand endlich wieder auf seinen Füßen. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare und sah das Blut in seiner Handinnenfläche. Nicht viel, aber immerhin. Wahrscheinlich hatte er irgendwo am Kopf eine Platzwunde.

»Sie sollten sich vom Doc durchchecken lassen. Ihre Kopfwunde muss bestimmt genäht werden.«

»Was ist mit den beiden Geiseln?«, ignorierte Olofsen das Gesagte und stellte stattdessen eine Gegenfrage.

»Denen geht es den Umständen entsprechend gut. Ein paar Kratzer, Schürfwunden, nichts körperlich Ernstes.«

»Dem Typen möchte ich gleich eins in die Fresse hauen. Rennt einfach seine Mitgeisel um, nur damit er einen halben Schritt schneller ist«, brummte Olofsen. Abermals sah er sich um. Immer mehr Einsatzfahrzeuge trafen mit blinkenden und heulenden Sirenen ein, Rettungsassistenten und ein Notarzt kümmerten sich um Verletzte, ein weiterer Krankenwagen fuhr gerade auf das Gelände, die Feuerwehr nahm die Brandbekämpfung am Traktor auf. Er entdeckte Greiner, der mit dem Einsatzleiter der Feuerwehr diskutierte. Neben ihnen stand ein Mann im dunklen Anzug und Krawatte. Seine Brille hing ihm ein wenig schief im leichenblassen Gesicht, die Frisur war vollständig derangiert.

Wahrscheinlich ist das der Leiter des Veterinäramtes, dachte Olofsen und beobachtete, wie der Mann sich mit einem Mal erbrach und auf die Knie sackte.

»Verdammter Mist«, fluchte Olofsen laut und lief auf die drei zu. Mit einem ruppigen Griff stellte er den Anzugträger wieder auf die Füße. »Sind Sie hier der Veterinär?«

Der Anzugträger wischte sich ungeniert mit dem Ärmel über den Mund und nickte. »Doktor Kuhlmann, ich …«

»Was, zum Geier, ist hier los?«, zischte Olofsen. »Warum hat dieser Larson das gemacht? Was wissen Sie darüber?«

Der Mann schaute Olofsen an, als spräche er in einer ihm unbekannten Sprache. Olofsen packte ihn an den Schultern. »Was hat es mit der Tierherde von diesem Larson auf sich, Mann? Reißen Sie sich zusammen.«

Nun schien Olofsen zu dem andern durchzudringen. »Ich weiß es nicht. Ich habe diesen Namen noch nie gehört. Ich habe den Mann noch nie gesehen.«

»Arne, lass gut sein«, mischte sich Greiner ein. »Wir klären das später. Jetzt müssen wir erst einmal die Situation hier vor Ort in den Griff bekommen.«

»Okay.« Olofsen gab dem Veterinär einen leichten Klapps auf die Wange. »Willkommen in der echten Welt. Nehmen Sie sich vor Spinnern in Acht.«

»Ja … ja, natürlich.«

Olofsen wandte sich ab und betrachtete ein weiteres Mal die Szenerie vor ihm. Zwischenzeitlich war es der Feuerwehr gelungen, den Traktor vollständig zu löschen. Seine Kollegen hatte die Haydnstraße in beide Richtungen gesperrt. Auch die Zufahrt über die Franz-Rotter-Allee war abgeriegelt. Gerade verließ ein Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn den Platz. Alle Schaulustigen waren verschwunden. »Da ist ja mächtig was zu Bruch gegangen«, stellte er mit einem Blick auf die vielen geplatzten Fenster des Kreishauses fest.

»Ein Alptraum«, pflichtete Greiner ihm bei.

»Gibt es Tote?«, fragte Olofsen.

Greiner schüttelte den Kopf. »Außer dem Fahrer des Traktors zum Glück nicht. Keine lebensbedrohlich Verletzten, soweit ich es bisher mitbekommen habe. Eine Menge leichte und mittelschwere Verletzungen. Schnitte, Schürfwunden, gebrochene Knochen. Eine Frau hatte es etwas heftiger am Kopf erwischt, sie wird gerade mit dem RTW zum Krankenhaus gebracht.«

»Das ist gut.« Olofsen griff nach der Wasserflasche, die ihm ein vorbeigehender Kollege anreichte und leerte sie zur Hälfte. »Was ist mit dem MEK?«

»Die haben wir abbestellt und stattdessen die Stadtreinigung angefordert.« Greiner verschränkte die Arme. »Es sieht zwar wild aus, aber ich denke, wir werden das schon wuppen.«

»Sehe ich auch so.« Olofsen leerte die Wasserflache vollständig. »Wo bleibt Frank eigentlich?«

Als hätte er auf sein Stichwort gewartet, schlug Frank Pall die Tür seines kleinen Kastenwagens zu, mit dem er gerade vorgefahren war, und nahm rechts und links je einen der beiden großen Aluminiumkoffer in die Hand. Hinter ihm taten zwei Mitarbeiter seiner Gruppe das Gleiche. Die typischen weißen Overalls der Spurensicherung samt Latexhandschuhe hatten sie bereits übergezogen. »Das sieht nach einer Menge Arbeit aus«, stellte er fest und fügte mit einem Blick auf Olofsen ein launiges »Was habt ihr nur wieder angestellt?« hinzu.

Frank Pall war der Leiter der Tatortgruppe in Cuxhaven. Zusammen mit seinem kleinen Team war er verantwortlich für das Sammeln und Auswerten von Spuren an Tatorten. In ihrem kleinen Labor in der Polizeiinspektion konnten sie die eine oder andere Analyse selbst durchführen, mit allen weiteren Untersuchungen würde man sich an das Kriminaltechnische Institut des LKA in Hannover wenden.

»Demolition man was here«, gab Olofsen mit Anspielung auf einen alten Actionstreifen mit Sylvester Stallone und Wesley Snipes ebenso launisch zurück.

»Das sehe ich«, sagte Pall. »Wo sollen wir anfangen? Hast du einen bestimmten Wunsch?«

»Mit dem Traktor«, antwortete Olofsen. »Aber mach dich darauf gefasst, dass da noch der Fahrer drinsteckt, gut durchgebraten und ein wenig anrüchig.«

Pall streckte den Daumen in die Luft und gab seinen beiden Mitarbeitern ein Zeichen, ihm zu folgen.

Kapitel 2

Tag 1

»Herr Doktor Kuhlmann«, begann Olofsen mit gepresster Stimme. »Was können Sie mir zu den Hintergründen des heutigen Vorfalls am Kreishaus sagen?«

Die beiden waren, sobald es die Situation vor Ort erlaubt hatte, vom Kreishaus zur Polizeiinspektion an der Werner-Kammann-Straße gefahren und saßen jetzt in einem der kleinen für Befragungen vorgesehenen Räume im ersten Stock. Kuhlmann, der sich zunächst gesträubt hatte, jedoch nach einigen harschen Kommentaren seitens Olofsons eingeknickt war, fuhr sich mit der Hand durch den kurz geschnittenen Vollbart. Dann verschränkte er die Finger ineinander, konnte diese jedoch nicht stillhalten und legte die Hände auf die verkratzte Resopal Platte des Tisches. Angestrengt versuchte er, ein Zittern zu unterdrücken. Es gelang ihm nicht. Sein Blick huschte unstet durch den schmucklosen Raum.

Auch Olofsen war nach wie vor schmutzig, seine Kopfwunde war blutverklebt und nur notdürftig verpflastert. Er fühlte sich wie gerädert, sein ganzer Körper schmerzte und er unterdrückte den Drang, einfach nach Hause zu fahren, sich zu duschen und für den Rest des Tages durch das Watt zu spazieren. Die dringende Aufforderung der Rettungssanitäter, sich im Krankenhaus durchchecken zu lassen, hatte er vehement abgelehnt. Sie kannten ihn gut genug, um nicht weiter darauf zu bestehen.

»Herr Kuhlmann?«

»Ich …«, der Amtstierarzt warf die Arme in die Luft. »Oh mein Gott. Ich kannte diesen Mann überhaupt nicht.«

»Wie kann das sein? Larson hat behauptet, Ihre Behörden wollten ihm seine Herde wegnehmen. Sollte dies zutreffen, müssten Sie doch mit dem Vorgang vertraut sein, oder irre ich mich?«

»Vielleicht hat einer meiner Mitarbeiter eine solche Anordnung erlassen.«

»Einfach so, ohne Sie davon in Kenntnis zu setzen?«, fragte Olofsen leise.

Der Veterinär wischte sich über die Augen, zog ein Taschentuch hervor und schnäuzte geräuschvoll hinein. »Nein, das ist eigentlich ausgeschlossen. Derartige Anordnungen landen immer auf meinem Schreibtisch. Dennoch sagt mir dieser Name nichts.«

»Könnte es sein, dass diesem Vorgang ein anderer Name zugeordnet worden ist?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Kuhlmann. »Dazu müsste ich ins Büro gehen und sämtliche derartigen Vorgänge überprüfen. Aber ich halte es für unwahrscheinlich.«

»Wir alle machen Fehler. Das ist nur zu menschlich.«

»Wenn Sie meinen.«

Olofsen zog eine Augenbraue hoch und fixierte Kuhlmann. »Wie läuft es eigentlich ab, wenn einem Landwirt seine Tiere weggenommen werden?«

Kuhlmann kaute auf seiner Unterlippe, bevor er sprach. »Zunächst wird der betroffene Tierhalter schriftlich informiert, anschließend wird ein Termin zur Abholung angesetzt. Im Vorfeld suchen wir eine neue Unterkunft für die Tiere und organisieren den Transport. Am Tag der Abholung fahre ich oder ein Mitarbeiter zu dem betreffenden Hof und leiten dort die Abholung ein.«

»Gibt es da keine Probleme?«, fragte Olofsen. »Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht jeder Halter mit Ihrer Anordnung einverstanden ist.«

»Das ist richtig.« Entgegnete Kuhlmann. »Wenn wir im Vorfeld bereits von Spannungen wissen, begleiten uns Ihre Kollegen. Vielleicht erinnern Sie sich an den Vorfall vor wenigen Jahren, als …«

»Ja, ich erinnere mich«, unterbrach Olofsen. Er wollte nicht an die tödlichen Schüsse auf den damaligen Amtstierarzt erinnert werden, zu denen es genau im Rahmen einer solchen Aktion gekommen war.

»Je mehr ich darüber nachdenke«, sagte Kuhlmann nun mit festerer Stimme, »desto mehr komme ich zu der Überzeugung, dass bei Larson keine solche Aktion anberaumt war. Mehr noch: dass der für uns völlig unauffällig war.«

Olofsen nickte und dachte nach. »Wir machen Folgendes: Ich schicke Sie nun in Begleitung eines Beamten in Ihr Büro. Dort sichten Sie sämtliche Unterlagen, anschließend sprechen wir uns wieder.«

Auf dem Flur liefen die beiden Nunk in die Arme. Nils Niklas Nunk, aufgrund der Tatsache, dass sowohl seine Vor- als auch sein Nachname mit dem Buchstaben N begannen, hinter vorgehaltener Hand N-Kubik genannt, war der Leiter des Zentralen Kriminaldienstes und damit Olofsens direkter Vorgesetzter. Jetzt, am frühen Vormittag, sah der hochgewachsene, drahtige Mann trotz des glatt rasierten Gesichts und der akkuraten Frisur bereits müde aus – und der Tag würde noch lang werden.

»Moin, Nils«, sagte Olofsen. »Wie stehen die Dinge?«

Nunk winkte ab. »Frag nicht. Ein Alptraum. Die Presse rennt uns die Bude ein, dicht gefolgt von der Lokalpolitik, die auf der Suche nach Schuldigen sind, natürlich sowieso alles anders, respektive besser gemacht hätten und über Geld, Imageschäden sowie präventiv schon einmal über potenziell ausbleibende Touristen jammern.«

»Das Übliche also.«

Nunks Blick fiel auf Kuhlmann. »Und Sie sind?«

»Kuhlmann. Norbert Kuhlmann«, antwortete der Angesprochene. »Ich bin der Leiter des Veterinäramtes hier im Landkreis.«

Nunk musterte den Mann von oben bis unten, als wäre das ganze morgendliche Desaster allein dessen Schuld. Nun, vielleicht war es das sogar.

»Laut Herrn Kuhlmann gibt es keine Anordnung, Tiere von Larsons Hof zu entfernen. Ich wollte ihn gerade von den Kollegen zurück in sein Büro bringen lassen, um zu prüfen, ob es dort andere Unterlagen zu der Sache gibt, die Licht ins Dunkel bringen können.«

»Das ist gut.« Nunk sah Kuhlmann erneut an, nun mit strenger Miene. »Arbeiten Sie mit uns zusammen, oder braucht es einen Durchsuchungsbeschluss?«

Das bisschen Selbstsicherheit, das Kuhlmann im Laufe des Gespräches mit Olofsen zurückgewonnen hatte, verflog bei Nunks Worten wie die Luft aus einem Ballon, in den ein Loch gestochen worden war. »Selbstverständlich kooperieren wir. Sie würden die Informationen ja sowieso bekommen – warum dann also bocken. Außerdem möchte ich selbst verstehen, was hier gespielt wird.«

Nunk nickte. »Gute Einstellung.« Er wandte sich an Olofsen. »Arne, ich möchte, dass du mit Martin sofort zu dem Hof von Larson rausfährst. Seht euch da mal um.«

»Umsehen?«

»Stellt von mir aus alles auf den Kopf«, wurde Nunk nun genauer. »Nimm weitere Kollegen mit, wenn du das für sinnvoll hältst, aber finde heraus, warum Larson derart durchgedreht ist. Um die Staatsanwaltschaft und richterliche Beschlüsse kümmere ich mich.«

Olofsen nickte. »Martin hatte mir schon am Kreishaus gesteckt, dass der Typ bis dato unauffällig war.«

»Das stimmt auch. Trotzdem: Wir durchforsten hier die elektronischen Welten, ihr seht euch vor Ort um. Hast du die Adresse?«

»Ich nicht. Für so etwas ist Martin zuständig.« Olofsen wandte sich zum Gehen.

Gute zwanzig Minuten später fuhren Olofsen und Greiner auf Larsons Hof am Süderende, zwischen Köstersweg und Lüdingworth gelegen. Es gab weitläufige Ackerflächen, auf denen Weizen und Mais stand, hier und da ragte eine Windkraftanlage auf. Häuser und Höfe fanden sich nur vereinzelt und vermittelten den Eindruck, man habe eigentlich schlicht vergessen, sie inmitten all der Grünflächen beiseitezuräumen. Die Wolkendecke war noch grauer geworden, der Wind hatte merklich aufgefrischt und zu allem Überfluss hatte es zu nieseln begonnen.

Noch bevor der Wagen ganz zum Stehen gekommen war, rümpfte Olofsen die Nase. »So ganz frisch sieht es hier aber nicht aus.«

Vor ihnen lag ein Wohnhaus, Erdgeschoss, Obergeschoss, darüber ein Spitzdach, gedeckt mit grauen Eternitplatten. Auf der rechten Seite erhob sich eine Scheune, deren Tor offenstand. Darin befanden sich mehrere Landmaschinen, deren genaue Funktion weder Olofsen noch Greiner benennen konnten, an denen der Zahn der Zeit schon deutliche Bissspuren hinterlassen hatte. Neben dem Tor stapelten sich mehrere in schwarze Folie verpackte Heuballen. Der Boden davor war teils gepflastert, teils festgetretene oder -gefahrene Erde. Links neben dem Wohnhaus, ein Stückchen nach hinten versetzt, konnten die Polizisten einen Tierstall erkennen, dessen Tor jedoch verschlossen war. Alles wirkte zwar alt und abgenutzt, aber nicht vergammelt oder gar vernachlässigt. Menschen oder Tiere sahen sie nicht.

»Viele der Höfe hier in der Gegend sind nicht neu«, wiegelte Greiner ab. »Das heißt aber nicht, dass sie schlecht geführt werden. Außerdem ist das garantiert ein Knochenjob, besonders bei kleineren Betrieben, die wenig bis kein Personal haben und man sich die neueste, fancy Technik nicht leisten kann. Zumindest sehe ich hier auf den ersten Blick keinen Müll, Schrott oder Derartiges herumliegen.«

»Und wenn schon.« Olofsen wollte nicht klein beigeben.

Greiner lachte nur und deutete auf das Wohnhaus.

»Wissen wir, ob Larson Familie hatte?«, fragte Olofsen plötzlich. »Nicht, dass wir da gleich ungeahnt einer fröhlichen Ehefrau samt Kinderschar den Tag verderben.«

»Fällt dir ja früh ein«, entgegnete Greiner. »Aber ich kann dich beruhigen. Soweit wir wissen, lebte Larson allein auf dem Hof. Seine Frau ist vor einigen Jahren verstorben. Krebs. Es gibt noch einen Sohn, Hannes Larson, der unten bei Tübingen lebt. Die Kollegen versuchen, ihn zu erreichen.«

»Was du schon wieder alles weißt.« Olofsen reckte den Daumen in die Höhe. Sie hatten die Haustür fast erreicht, als Olofsen stehen blieb und die Fassade mit zusammengekniffenen Augen musterte. An einigen Stellen der Ziegelwand blätterte der Putz ab, an anderen war zumindest ein neuer Anstrich fällig. Unter dem Dachüberstand hingen mehrere Kabel und eine Verteilerdose. Die ganze Konstruktion machte keinen vertrauenserweckenden Eindruck, sondern sah aus, als wäre sie von einem Amateur nach Youtube-Ausbildung gebastelt worden. Die Fenster oben und im Erdgeschoss hatten verwitterte Holzrahmen, jedoch schien es sich immerhin schon um eine Doppelverglasung zu handeln. Im Erdgeschoss standen Blumenkästen aus grauem Plastik auf den Fenstersimsen, jedoch allesamt leer. Nur die Fußmatte vor der Haustür war neu, braun mit dem schwarzen Schriftzug Willkommen darauf.

»Was für eine traurige Erscheinung«, murmelte Olofsen. Zunächst drückte er mit dem Daumen auf den kleinen Klingelknopf, unter dem ein mit Larson beschriftetes Stück Papier mit Tesafilm auf die Wand geklebt war, und wartete.

»Es würde mich überraschen, wenn uns jemand öffnet«, stellte Greiner süffisant fest.

»Ich kann ja nicht sofort die Tür eintreten«, entgegnete Olofsen. »Vielleicht ist die Putzhilfe da oder die Gespielin liegt noch im Bett. Was weiß ich.« Er drückte mit der flachen Hand gegen das Türblatt. Nichts geschah.

»Verdammt.«

»Lass mich mal«, sagte Greiner und schob Olofsen bestimmt zur Seite. Aus seiner Jackentasche holte er ein schwarzes Etui hervor, dem er zwei kleine Werkzeuge entnahm.

»Soso, der Herr hat ein Pickset dabei«, stellte Olofsen anerkennend fest.

»Verrate es niemandem.« Greiner war in die Hocke gegangen und führt erst das eine, dann das andere Werkzeug in den Schlitz des Schlosses ein. Sekunden später klickte es und die Tür schwang auf. »Das Alter des Schlosses passt zum Glück zum Anwesen. Nach dir.«

Das Innere des Hauses entsprach sehr gut dem äußeren Erscheinungsbild. »Alt, aber nicht vergammelt«, stellte Olofsen fest. »Genau wie draußen.

Vor ihnen lang ein dunkler Flur, der in die Tiefe des Gebäudes führte. Sie gingen an einer Garderobe vorbei, an der sich diverse Jacken unterschiedlicher Farbe, Länge und Alters drängten, und sahen rechts und links geschlossene Türen. Olofsen zog seine Dienstwaffe, entsicherte sie und hielt sie mit beiden Händen vor sich gestreckt. Man konnte nie wissen. Mit dem Kopf gab er Greiner ein Zeichen, sich die Türen auf der linken Seite vorzunehmen. Er selbst öffnete mit einem schnellen Griff die erste Tür auf der rechten Seite. Ein Gäste-WC, leer, dunkel, alt. In der Luft hing ein Geruch, der ihn vor die Wahl stellte, gegen einen aufkommenden Würgereiz zu kämpfen oder aber schnellstens die Tür wieder zu schließen. Er entschied sich für die zweite Option.

Während er sich der nächsten Tür zuwandte, hörte er, dass Greiner, ebenfalls mit gezogener Waffe, das erste Zimmer auf seiner Seite betrat. »Sicher.«

Nach und nach durchkämmten sie alle Räume, zunächst im Erdgeschoss, anschließend im Obergeschoss. Alle Zimmer waren leer und mehr oder weniger aufgeräumt. Bei zwei Zimmern hatte Olofsen den Eindruck, sie wären nicht mehr genutzt, sondern bestenfalls als Abstellgelegenheit verwendet worden.

»Nichts«, fasste Greiner, als sie beide im Wohnzimmer angekommen waren, zusammen und steckte seine Waffe zurück ins Schulterholster. Auch hier gab es nichts Besonderes. Ein relativ neuer Flachbildschirm auf einem Sideboard. Eine Couch-Kombination aus braunem Kunstleder, davor ein Tischchen, Fernsehzeitung, Fernbedienung, ein halbvolles Glas und ein überquellender Aschenbecher darauf. Ein vertrockneter Benjamini stand neben dem Fernseher, ein paar Bilder an den mit einer hellen Fließtapete beklebten Wänden. Ein wuchtiger Vitrinenschrank aus dunkler, gebeizter Eiche, Model Erbstück – entsorgen verboten! Ausgetretene Auslegeware in Hellgrau auf dem Fußboden, hier und da ein Fleck.

»Nicht einmal ein Hund«, ergänzte Olofsen.

»Nächster Schritt?«

Olofsen deutete zum Flur. »Ich habe da ein Arbeitszimmer gesehen. Wenn es irgendwo ein Schreiben vom Veterinäramt gibt, dann vermutlich dort.«

Greiner nickte zustimmend. »Ich nehme mir die Küche vor. Da lag Post und einiges an Papier auf dem Küchentisch.«

Jeder der beiden steuerte das Zimmer an, in dem er sich nun etwas genauer umsehen wollte. Olofsen blieb in der Tür zum Arbeitszimmer stehen und zog ein paar Latexhandschuhe aus seiner Jackentasche. Während er die Handschuhe überzog, durchsuchte er mit den Augen den kleinen Raum. Auf einer fast quadratischen, mit buchefarbenem Laminat ausgelegten Fläche von knapp drei mal drei Metern stand ein alter Schreibtisch mit zwei Schubladen, ein zusammengeklappter Laptop an der Seite. Über dem Schreibtisch waren mehrere Regalbretter an die mit Raufasertapete überzogene Wand montiert, auf denen sich Notizbücher, gerahmte Fotos – sie zeigten wahrscheinlich Larsons verstorbene Frau sowie dessen Sohn –, eine Uhr und diverser Kleinkram abwechselten. Unter dem mit einem Rollo verhangenen Fenster stand ein mit Ordnern vollgestopftes Aktenregal, an der Wand dem Schreibtisch gegenüber erhob sich, neben einem alten und gefährlich wackelig aussehenden Stuhl, ein fast deckenhohes Bücherregal, das ebenfalls restlos mit Büchern und Ordnern gefüllt war. Vor dem Schreibtisch stand ein auf Olofsen fast neu wirkender Bürostuhl, super ergonomisch, ganz in schwarz und wuchtig.

»Dann wollen wir mal.« Olofsen setzte sich auf den Bürostuhl. Erstaunt und erfreut stellte er fest, dass er sehr bequem saß und der Stuhl sanft und nahezu geräuschlos über den Boden rollte. »Kein Vergleich zu der Gurke auf Rollen an meinem Schreibtisch«, murmelte er.

Mit einer Hand schob er einen Taschenrechner und ein paar Kugelschreiber zur Seite und sichtete die losen Papiere auf dem Schreibtisch. Ein paar Rechnungen, eine davon mit der Notiz bezahlt und einem handgeschriebenen Datum am Rand, einige Blätter mit schwerlesbaren Notizen, die Olofsen an eine Einkaufsliste erinnerte. Er zog den Laptop in die Mitte, klappte ihn auf und startete das Gerät. Es dauerte nicht lange und der Computer war hochgefahren. Zu Olofsens Leidwesen verlangte der Startbildschirm nach der Eingabe eines Passwortes. Missmutig klappte er den Laptop zu. Wenn sie hier fertig wären, würden sie das Gerät mitnehmen, damit Frank Pall es zur kriminaltechnischen Untersuchung an die richtigen Stellen weiterleiten konnte. Jetzt zog er die oberste Schublade des Schreibtisches auf. Dort fand er eine Pappschachtel mit Kugelschreibern, einen Locher, einen Hefter, dazu noch eine Schachtel Zigaretten, sonst nichts. Olofsen schloss die Schublade wieder und zog die Lade darunter auf. Hier stapelten sich mehrere verschiedenfarbige Schnellhefter auf einem Telefonbuch. Olofsen griff sich den ersten Hefter und schlug ihn auf. Korrespondenz und Rechnungen zu Larsons Landmaschinen. Er legte den Schnellhefter zur Seite und holte den nächsten aus der Schublade.

»Bingo«, platzte es aus ihm heraus. Mit einem lauten Knall klatschte Olofsen den Hefter auf die Schreibtischplatte. »Martin, komm mal her.«

»Was hast du entdeckt?«, fragte Greiner, der Sekunden später neben Olofsen in dem kleinen Arbeitszimmer stand.

Olofsen drückte mit dem Zeigefinger auf das oberste Blatt in dem Hefter, als wollte er ein Loch hineinbohren. »Ein Schreiben des Veterinäramts. Ach was, ich denke, es ist nicht nur ein Schreiben, sondern das Schreiben. Sieh selbst.«

Greiner beugte sich vor und las. Verblüfft sah er kurz darauf seinen Kollegen an. »Das muss uns Kuhlmann dann mal erklären«, stellte er trocken fest.

»Sehe ich auch so«, bestätigte Olofsen und zeigte auf eine Stelle des Schreibens. »Hier kommt wohl der entscheidende Satz: Da trotz wiederholter Aufforderungen keine Verbesserung der Tierhaltungsbedingungen erkannt werden konnte, wird entsprechend Paragraf 16a TierSchG …«

»Tierschutzgesetz«, ergänzte Greiner.

»Genau.« Olofsen schnippte mit den Fingern und las weiter: »eine Anordnung zur Sicherstellung und Wegnahme von Tieren erlassen. Für die Durchführung dieser Anordnung und der tierschutzrechtlichen Sicherstellung aller sich auf dem Gehöft und zugehörigen Weiden befindlichen Tiere wird«, er blickte Greiner an, »der heutige Tag festgesetzt.«

Greiner rieb sich das Kinn. »Trotz wiederholter Aufforderungen?«

Olofsen blätterte in dem dünnen Hefter weiter. »Hier ist noch ein Schreiben, ebenfalls vom Veterinäramt. Es geht um eine Beschwerde wegen der Haltungsbedingungen und eine Aufforderung zur nachweislichen Verbesserung dieser Bedingungen.«

Auch Greiner überflog nun dieses Schreiben. »Ich verstehe das nicht. Warum sagt der Kuhlmann, dass er keine Ahnung von den Vorgängen hat?«

»Er wäre nicht der erste Chef, der keine Ahnung hat, was in seinem Laden wirklich vor sich geht.«

»Das reicht mir nicht.« Greiner wiegte den Kopf hin und her. »Wir müssen noch einmal mit Kuhlmann reden.«

»Ja, jetzt sofort.« Olofsen stand auf und klemmte sich den Hefter und den Laptop unter den Arm. »Das nehmen wir sofort mit. Frank soll mit seiner Truppe herkommen und den Hof auf den Kopf stellen. Vielleicht findet er noch mehr.«

Olofsen parkte den Wagen im hinteren Bereich des Parkplatzes am Kreishaus. Vorne liefen die Aufräumarbeiten. Pall und sein Team waren noch vor Ort und suchten nach weiteren Details und Spuren. Schaulustige waren keine mehr zu sehen, auch die Rettungswagen und der Notarzt hatten mittlerweile die Örtlichkeit verlassen. Trotzdem schwebte ein Hauch von Feuer, Leid und Irrsinn über dem Platz.

»Wo im Gebäude befindet sich das Veterinäramt?«, fragte Greiner

»Das herauszufinden ist die erste Herausforderung«, sagte Olofsen lapidar.

Greiner rief den Kollegen an, der mit Kuhlmann in dessen Büro gefahren war und erkundigte sich, wo sie zu finden waren. Mit den notwendigen Informationen ausgestattet, liefen sie durch gespenstisch wirkende dunkle und leere Gänge. Nach der Explosion des Traktors vor dem Gebäude und der Evakuierung der Mitarbeiter war das Kreishaus mindestens für heute geschlossen worden. In den Büros, in denen die Fensterscheiben zu Bruch gegangen waren, würde für eine längere Zeit nicht gearbeitet werden können.

»Kommissar Olofsen, hierher.« Ein Polizeibeamter war einige Meter vor ihnen durch eine Tür in den Gang getreten und winkte Olofsen und Greiner zu.

»Haben Sie etwas gefunden?«, fragte Olofsen noch im Türrahmen.

»Nein«, kam die Antwort aus dem hinteren Teil des großen Büros. Dort saß Kuhlmann an einem Schreibtisch und fixierte einen Bildschirm. Außer ihm und dem Polizeibeamten war niemand im Raum, alle übrigen Arbeitsplätze waren verwaist. »Wie ich es bereits gesagt hatte, war bei Larson von unserer Seite keine Sicherstellung seiner Tiere vorgesehen gewesen.«

»Gar nicht?«, fragte Greiner. »Nicht einmal eine Kleinigkeit?«

»Nichts«, antwortete Kuhlmann. »Vor vier Jahren gab es einmal eine Beschwerde. Dabei ging es aber nicht um die Haltungsbedingungen. Die damalige Sache hatte sich als Missverständnis entpuppt und wurde zu den Akten gelegt.«

Olofsen trat neben den Schreibtisch und legte den Schnellhefter darauf. »Hier steht etwas Anderes drin.«

Irritiert schlug Kuhlmann den Hefter auf.

»Können Sie mir das erklären?« Olofsens Stimme war hart geworden.

Kapitel 3

Tag 1

Die Luft im großen Besprechungsraum in der ersten Etage der Polizeiinspektion war stickig und warm. Viele Stimmen murmelten leise durcheinander, es lag eine Anspannung in der Luft, die sich wie knisternde Elektrizität anfühlte. Eine der Neonröhren an der Decke klickte und flackerte gelegentlich.

Zwei Beamte betraten den Raum, einer trug eine Kiste Mineralwasser, der andere mehrere Kannen mit Kaffee und heißem Wasser. Kaum stand die erste Kanne auf dem Tisch, stürmte Nunk ins Besprechungszimmer, dicht gefolgt von Olofsen und Greiner.

Olofsen ließ seinen Blick durch den Raum wandern, bei dem einen oder anderen Kollegen blieb er für einen Augenblick hängen und versuchte aus dessen Miene zu lesen. Mit der Hand fuhr er sich einmal über das Gesicht und ließ sich auf einen Stuhl am Kopfende des langen Tisches fallen. Auch Greiner steuerte auf einen der noch freien Stühle zu.

»Ruhe bitte.« Nunk klatschte in die Hände und augenblicklich wurde es still im Raum. »Wir haben hier ein echtes Problem. Ein Mensch ist tot, es gibt mehrere Verletzte, der Sachschaden am Kreishaus wird nicht weit von der Million Euro entfernt sein. Was ich jetzt sehen will, ist Professionalität. Von allen. Kein Gequatsche, keinen Aktionismus, keine schnellen Schuldzuweisungen. Nur noch belastbare Resultate. Ist das klar?« Bei seinen letzten Worten war seine Stimme laut und scharf geworden.

Die Kollegen signalisierten unisono wortlose Zustimmung, ihre Gesichter waren ernst und angespannt, hart, entschlossen.

»Kommissar Olofsen«, fuhr Nunk fort, »wird die Ermittlungen leiten, eure Arbeit koordinieren, die Ergebnisse zusammenstellen und bewerten.«

Allgemeines Nicken, niemand hatte etwas anderes erwartet.

Olofsen griff sich eine Kaffeetasse und goss sich das schwarze Gebräu ein. Eigentlich hätte er aus dem Hartplastikpott mit Deckel und Halm trinken müssen, den ihm seine Kollegen vor Jahren geschenkt hatten, doch der war gerade nicht zur Hand und ihm war es egal. Zuvor hatte er, bedingt durch ebenso ausladende wie unachtsame Handbewegungen in einem Maße hauseigenes Porzellan zerdeppert und dabei regelmäßig Sauereien hinterlassen, die bis hin zu defekten Computern und Telefonen gereicht hatten. Als Folge hatten die Kollegen ihm den Zugriff auf jedweden noch vorhandenen Kaffeebecher strikt untersagt.

»Entspannt euch, Jungs.« Olofsen nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. »Von Larson geht keine weitere Gefahr aus, die uns dazu veranlassen könnte, mit Schaum vor dem Mund durch die Stadt zu laufen. Er ist tot.«

Nunk wollte ihn unterbrechen, doch Olofsen gab ihm mit einer schnellen Geste zu verstehen, ihn weiterreden zu lassen. »Die beiden Geiseln sind frei, körperlich nicht ernsthaft verletzt. Zerplatzte Glasscheiben lassen sich ersetzen. So weit so gut. Trotzdem will ich wissen«, bei diesen Worten schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch, so dass seine Tasse hüpfte und die schwarze Flüssigkeit über den Tisch spritze, »warum dies alles geschehen ist. Ich will wissen, ob jemand hinter all dem steckt und wenn ja, wer. Und ich will, dass wir dies selbst herausfinden und nicht in der Zeitung nachlesen müssen, weil die Reporter besser und schneller waren als wir. Wir sind ein eingespieltes Team, wir können das.«

»Yes, we can«, murmelten einige Kollegen. Doch ihre Züge hatten sich aufgehellt. Die negativen Vibes, die noch vor wenigen Minuten den Raum durchdrungen hatten, waren einem positiven Tatendrang gewichen. Olofsens letzter Satz schien dies erreicht zu haben, obwohl er sich selbst nie für den großen Motivator und Meister des Pepp-Talks gehalten hatte.

»Also, was wissen wir?«, fragte Greiner.

Olofsen wischte mit der Hand die Frage vom Tisch. »Nein, die Frage muss lauten ›Was wissen wir nicht?‹. Martin und ich haben beim Schnellcheck in Larsons Haus ein Schreiben des Veterinäramtes gefunden, das den Vorwurf bestätigt, seine Tiere sollten beschlagnahmt und vom Hof entfernt werden.«

An dieser Stelle hakte Greiner ein: »Kuhlmann, der Ober-Vet, ist jedoch bereit, einen Eid darauf zu schwören, dass das Schreiben nicht aus seinem Haus stammt.«

---ENDE DER LESEPROBE---