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Die Beiträge dieses Bandes, verfasst von namhaften Fachvertretern aus Theologie, Religionswissenschaft, Ethnologie und Politikwissenschaft, beteiligen sich am aktuellen, an Marcel Mauss anknüpfenden gabetheoretischen Diskurs und nehmen Bedeutung und Funktion von Gaben in unterschiedlichen Religionen und Kulturen in den Blick. Angesichts der Vielfalt von Gaben treten folgende Fragen in den Fokus: Welche Gaben von Gott/Gottheiten sind von herausgehobener Bedeutung? Mit welchen Absichten werden Gaben gegeben? Welche Bedeutung haben "milde" Gaben - Almosen, Armensteuer, Sozialabgaben - im Ethos von Religionsgemeinschaften? Inwiefern tragen Gaben zum inneren Zusammenhalt religiöser Gemeinschaften und ganzer Gesellschaften bei? Wie wird dafür gesorgt, dass "milde" Gaben die Empfangenden nicht in entwürdigende Gabebeziehungen verwickeln?
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Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsjahr: 2015
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1. Auflage 2015
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Reproduktionsvorlage: Andrea Siebert, Neuendettelsau
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-024199-2
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-024200-5
epub: ISBN 978-3-17-024201-2
mobi: ISBN 978-3-17-024202-9
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Vorwort
Alexandra Grund
Bindekraft und Polyvalenz der Gabe.Zur Einführung in diesen Band
Bernd Janowski
„Womit soll ich JHWH entgegentreten?“ (Mi 6,6)Gabetheologische Aspekte der alttestamentlichen Kultkritik
Angela Standhartinger
Zweierlei Gabekulturen?Jesu Speisung der Fünftausend im Kontext des antiken Euergetismus
Micha Brumlik
Rabbinische Theologie des Opfers
Stefan Weninger
‚Gabe‘ in der klassischen christlichen Literatur Äthiopiens.Viele augenscheinliche Synonyme und die Möglichkeiten zu ihrer Disambiguierung
Albrecht Fuess
„Verrichtet das Gebet und bezahlt die Armensteuer“.Zur islamischen Konzeption der Almosengabe
Bärbel Beinhauer-Köhler
„So waren sie in der Lage, am Festtag selbst zu schlachten“.Modi des Opfers im Islam
Martin Repp
Opfergaben und Opferpraxis in der einheimischen Religion Japans („Shintō“)
Hans-Jürgen Greschat
Vom Almosen im BuddhismusGeben ist gut, achtsam geben ist besser
Veronika Hoffmann
Die Eucharistie: Gabe und Opfer?
Siegfried Keil
Vom Almosen zum Rechtsanspruch – zum Paradigmenwechsel in der bundesrepublikanischenSozial- und Familienpolitik. Vom Almosen zum Rechtsanspruch Acht Thesen
Thomas Noetzel
Milde Gaben in der Politik
Autorinnen und Autoren
Sachregister
Der vorliegende Band geht auf eine interdisziplinäre Ringvorlesung unter dem Titel „Milde und andere Gaben in Religion und Gesellschaft“ im WiSe 2012/13 an der Universität Marburg zurück. Die Idee hierzu entstand im Anschluss an meine Antrittsvorlesung an der Philipps-Universität Marburg im Juni 2010, nach der eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen von eigenen Forschungen aus dem Bereich der aktuellen Gabediskussion berichteten. Im Rahmen des Marburger „Zentrums für interdisziplinäre Religionsforschung“ (ZIR) fiel es leicht, weitere Referentinnen und Referenten für diese Kooperation zu gewinnen, hinzu kamen Vortragszusagen von Prof. Dr. Bernd Janowski und Prof. Dr. Veronika Hoffmann. Zur Publikation dieses Bandes hat erfreulicherweise Prof. Dr. Micha Brumlik einen Artikel beigesteuert. Die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen aus Marburg, Tübingen, Heidelberg, Frankfurt / Berlin und Erfurt / Siegen war mir eine große Freude.
Großer Dank gebührt der Sparkasse Marburg-Biedenkopf, der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und der Evangelischen Kirche von Hessen-Nassau für großzügige Druckkostenzuschüsse. Ohne ihre Gaben wäre diese Publikation nicht möglich gewesen. Herzlich zu danken habe ich auch Herrn Jürgen Schneider und Herrn Florian Specker für die professionelle verlegerische Betreuung des Bandes, und nicht zuletzt Dr. Ruth Poser, stud. theol. Julia Nikolaus und stud. theol. Christoph Karn für die Hilfe bei den Korrekturen, beim Erstellen der Druckvorlagen und des Registers.
Marburg, im Januar 2015
Alexandra Grund
„Was wäre unsere Gesellschaft ohne die Bereitschaft vieler Menschen, etwas Kostbares zu opfern für andere Menschen? Sei es eine ansehnliche Summe Geldes oder knappe Zeit für eine gute Sache – jedes Mal wird etwas Eigenes freiwillig weitergegeben, weil die Sache eine gute ist, weil man weiß, dass Leben ohne solche gegenseitigen Geschenke nicht möglich ist. […] Ohne die Bereitschaft, etwas von seinen Lebensressourcen wegzugeben, ohne diese alltäglichen Opfer kann es kein gutes Leben geben.“1
Wo Menschen etwas Kostbares geben, spenden oder opfern, wie Niklaus Peter es hier beschreibt, stehen nicht selten existentielle und religiöse Beweggründe im Hintergrund. Welche Rolle spielen religiöse Motive und Traditionen bis heute, wo es um Gaben für andere geht? Welche Bedeutung haben Gaben – Opfer, Wohltätigkeit, Spenden – in Religionen, und welche gesellschaftliche und soziale Bedeutung kommt ihnen bis heute zu? Um diese Fragen geht es in den Beiträgen des vorliegenden Bandes.
Wer Fragen nach der sozialen und religiösen Bedeutung von Gaben aufwirft, kann auf einen Blick auf die gabetheoretische Diskussion der letzten Jahrzehnte nicht verzichten. Als ihr Ausgangspunkt gilt nach wie vor der „Essai sur le don“ (1925) des französischen Ethnologen Marcel Mauss,2 der in traditionalen und antiken Gesellschaften herausarbeitete, dass kulturübergreifend „Austausch und Verträge in Form von Geschenken statt[finden], die theoretisch freiwillig sind, in Wirklichkeit jedoch immer gegeben und erwidert werden müssen“3. Die Logik des Gabentauschs in traditionalen Kulturen ist der des Warentauschs oder des Kaufs aber nahezu entgegengesetzt: Bei ersterem symbolisiert die Gabe die gegenseitige Anerkennung des jeweils anderen und dient dazu, Fremdheit oder Feindschaft zu überwinden und soziale Netze zu knüpfen.
Doch Mauss ging es in seinen gabetheoretischen Schriften nicht allein um die bindende Kraft des Gabentauschs in traditionalen Gesellschaften, sondern um Grundlagen einer allgemeinen Sozialtheorie, um ein Modell für eine zeitgenössische Erneuerung des Sozialvertrags. Und so übt der nicht-wirtschaftliche Charakter der Gabe, der zur moderne Gesellschaften und ihre Mentalität prägenden Geldökonomie im Gegensatz steht, nicht nur in Ethnologie und Kulturanthropologie4, sondern auch in Sozialwissenschaften5 und Philosophie6 seit längerem eine große Faszination aus. In jüngerer Zeit spielen hier, angesichts zunehmender Ökonomisierung und Entsolidarisierung in modernen Gesellschaften, die mit dem Geben verbundenen anerkennungstheoretischen Implikationen eine besondere Rolle.7
Die sozialphilosophische Diskussion lässt zuweilen jedoch auch problematische Vereinheitlichungen des an sich facettenreichen Begriffs „der“ Gabe erkennen, die durch Äquivokation in Missverständnisse oder in einen fruchtlosen Kampf um die Deutungshoheit über einen im Vorhinein zu homogen gefassten Gabebegriff führen. So zielt etwa der von Mauss beschriebene zeremonielle Gabentausch auf ein jenseits der (Handels-)Ökonomie angesiedeltes soziales Geschehen, während die vor einer Erwiderung und damit vor der Infektion und Korruption durch Ökonomie nicht zu schützende Gabe bei Derrida8 hingegen von einer individuellen, oblativen Gabe ausgeht; diese rein wohltätige Gabe wird bei Derrida durch ihre Idealisierung zur Unmöglichkeit eliminiert. Der enorme kulturelle Abstand zwischen ritueller, intertribaler Gabepraxis traditioneller Gesellschaften und interpersonalen Gaben in modernen, individualisierten Gesellschaften gerät somit vielfach aus dem Blick, was durch Hénaffs strikte Unterscheidung zwischen wohltätigen, solidarischen und zeremoniellen Gaben eingeholt werden soll.9
Gerade wenn ein kulturgeschichtlich großes Spektrum von Gabeformen in den Blick genommen wird, wie es im vorliegenden Band geschieht, kann ihre Diversität kaum genug betont werden. Es empfiehlt sich also ein weiter Gabebegriff, bei dem auf Vorentscheidungen verzichtet wird – etwa ob eine Gabe nur als einseitiges (Derrida) oder als wechselseitiges Geschehen (Hénaff) in den Blick kommt oder ob auch ökonomische oder nur anökonomische Gabeformen10 als Gabe anerkannt werden. Es genügt nicht zu betonen, dass es „die“ Gabe als Abstraktum nicht gibt, es ist zugleich die Abhängigkeit von Gabesituationen vom jeweiligen kulturellen und religiösen Deutungsrahmen, vom sozialen Status, aber auch von individuellen Intentionen und Erwartungen der Beteiligten kenntlich zu machen.
So ist bei einem Gabegeschehen mit einer ganzen Reihe nahezu unvermeidlicher Ambiguitäten zu rechnen: Wer sich einem Gabegeschehen zu entziehen sucht, muss nicht nur auf Partizipation verzichten. Verweigerte Gabe, Annahme oder Gegengabe kann vielmehr als Ablehnung des anderen aufgefasst werden und in ernsthafte Konflikte führen.11 Doch auch wer in ein Gabegeschehen eintritt, muss mit Ambiguitäten rechnen. So wohnen einer ersten Gabe eine Reihe von Ambivalenzen inne, die M. Godelier so beschrieben hat: „Das Geben stellt anscheinend zu gleicher Zeit eine doppelte Beziehung zwischen dem, der gibt, und dem, der annimmt, her. Eine Beziehung der Solidarität, da derjenige, welcher gibt, das, was er hat, ja sogar das, was er ist, mit demjenigen teilt, welchem er gibt, und eine Beziehung der Superiorität, da derjenige, welcher die Gabe empfängt und sie annimmt, sich gegenüber demjenigen, der ihm etwas gegeben hat, in eine Schuld begibt.“ So kann auch eine der Intention nach wohltätige, ‚reine‘ Gabe vom Empfänger – noch ohne dass er sie erwidert – als verpflichtend, als Herausforderung oder als Erniedrigung verstanden werden. Das Wissen um den situativen Kontext, die Absichten der Akteure und den Zustand der Beziehung, in denen sich ein Gabegeschehen abspielt, ist für dessen gelungene Deutung meist notwendig. Doch auch wenn Gebende wie Erwidernde ihre Absichten gut kennen und sich im Geben als frei erleben, kann ihr Tausch auf der verobjektivierenden Deutungsebene als durch internalisierte Normen (erlernte Dankbarkeit o. ä.) zustandekommender Automatismus verstanden werden. Auch bei einem Gabegeschehen gibt es den Streit der Interpretationen, wer mit seiner Deutung im Recht ist – die Tauschpartner oder die Gabetheoretiker, die den unvermeidbaren Gewinn des Gebers an sozialem Kapital und die Verpflichtung zur Erwiderung beim Empfänger offenlegen.
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