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Tomatensoße als Rauschmittel? Amphetamine im Lebkuchen? Hopfen mit Morphinwirkung? – So manches, was wir essen und trinken, enthält psychotrope Stoffe, natürliche chemische Drogen, oder setzt sie in uns frei. Das Wissen darum ist seit jeher die Grundlage der Kochkunst – aber in größerem Rahmen erforscht wurde es noch nie. Psychotrope Alkaloide und Amine sind in der Pflanzenwelt recht verbreitet. Zahlreiche Lebensmittel enthalten daher solche Stoffe, natürliche Drogen. Inzwischen interessiert sich auch die Lebensmittelforschung für die chemischen Prozesse, die bei der Zubereitung oder beim Stoffwechsel solcher Lebensmittel ablaufen. Denn der Appetit des Menschen wird wesentlich davon beeinflusst. Spezifische Rezepturen und aufwendige Verfahren dienen häufig dazu, opiatwirksame Stoffe zu erzeugen – egal, ob es sich um Lebkuchen oder eine italienische Tomatensoße handelt, um Pilzgerichte oder Wurstwaren, um Fruchtsäfte oder Cola. Und oft kommt es auf die richtigen Gewürze an. In vielen Kulturen gelten Rauschmittel als normale Nahrung, und noch der Bayer spricht von flüssigem Brot, wenn er sein Bier meint. Denn Bier enthält Hopfen. Und das darin enthaltene «Hopein» wirkt ähnlich wie ein Morphin. Dieses Buch gibt einen umfassenden Überblick über die zahlreichen stimmungsbeeinflussenden und vor allem stimmungshebenden Stoffe in unserer täglichen Nahrung.
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Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2011
Udo Pollmer (Hg.)
Natürliche Drogen in unserem Essen
Tomatensoße als Rauschmittel? Amphetamine im Lebkuchen? Hopfen mit Morphinwirkung? – So manches, was wir essen und trinken, enthält psychotrope Stoffe, natürliche chemische Drogen, oder setzt sie in uns frei. Das Wissen darum ist seit jeher die Grundlage der Kochkunst – aber in größerem Rahmen erforscht wurde es noch nie.
Psychotrope Alkaloide und Amine sind in der Pflanzenwelt recht verbreitet. Zahlreiche Lebensmittel enthalten daher solche Stoffe, natürliche Drogen. Inzwischen interessiert sich auch die Lebensmittelforschung für die chemischen Prozesse, die bei der Zubereitung oder beim Stoffwechsel solcher Lebensmittel ablaufen. Denn der Appetit des Menschen wird wesentlich davon beeinflusst. Spezifische Rezepturen und aufwendige Verfahren dienen häufig dazu, opiatwirksame Stoffe zu erzeugen – egal, ob es sich um Lebkuchen oder eine italienische Tomatensoße handelt, um Pilzgerichte oder Wurstwaren, um Fruchtsäfte oder Cola. Und oft kommt es auf die richtigen Gewürze an. In vielen Kulturen gelten Rauschmittel als normale Nahrung, und noch der Bayer spricht von flüssigem Brot, wenn er sein Bier meint. Denn Bier enthält Hopfen. Und das darin enthaltene «Hopein» wirkt ähnlich wie ein Morphin.
Dieses Buch gibt einen umfassenden Überblick über die zahlreichen stimmungsbeeinflussenden und vor allem stimmungshebenden Stoffe in unserer täglichen Nahrung.
Andrea Fock wurde 1961 in Hamburg geboren, wo sie Biologie mit dem Schwerpunkt Sekundärstoffwechsel bei Pflanzen und Pharmazeutische Biologie studierte. 1993 landete sie beim NDR-Fernsehen und realisiert dort seitdem zahlreiche Magazinbeiträge (z. B. für den Ratgeber Technik) und Dokumentarfilme im In- und Ausland. Einige Jahre (1997-2001) war sie Redakteurin beim NDR-Naturfilm, um dann ab 2002 wieder als freie Journalistin zu arbeiten. Zwischenzeitlich veröffentlichte sie mit Udo Pollmer «Prost Mahlzeit – krank durch gesunde Ernährung» (1993) und «Liebe geht durch die Nase» (1997). Seit 2009 ist sie Chefredakteurin des EU.L.E.n.-Spiegels.
Jutta Muth ist Diplom-Oecotrophologin und Wissenschaftsjournalistin. Seit 1997 ist sie beim Eu.L.E. e. V. tätig – Arbeitsschwerpunkte: Kinderernährung, Geschmacksprägung, Landwirtschaft, Ernährungsökologie und alles, was gängige Lehrmeinungen in Frage stellt. Sie liebt Musik und Bücher, ist gern in der Natur unterwegs und begeistert sich für gutes Essen.
Monika Niehaus, Diplom in Biologie, Promotion in Neuro- und Sinnesphysiologie, freiberuflich als Autorin (SF, Krimi, Sachbücher), Journalistin und naturwissenschaftliche Übersetzerin (Englisch/Französisch) tätig. Mag Katzen, kocht und isst gern in geselliger Runde.
Udo Pollmer, geboren 1954, studierte Lebensmittelchemie an der Universität München. Seit 1981 arbeitet er als selbständiger Wissenschaftsjournalist. Er war mehrere Jahre lang Lehrbeauftragter für Haushalts- und Ernährungswissenschaften an der Fachhochschule Fulda sowie an der Universität Oldenburg. Er ist Gründer und seit 1995 wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e. V. (EU.L.E.) in München. Er ist Autor einer Reihe von Bestsellern, u. a.: Iß und stirb. Chemie in unserer Nahrung (mit Eva Kapfelsperger) 1992; Vorsicht Geschmack. Was ist drin in Lebensmitteln? (Mit Cornelia Hoicke, Hans-Ulrich Grimm) 1998, 2000; Food-Design: Panschen erlaubt. Wie unsere Nahrung ihre Unschuld verliert (mit Monika Niehaus) 2007, 2010; Wer gesund isst, stirbt früher. Tatsachen und Trugschlüsse über unser Essen (mit Monika Niehaus) 2008; Pillen, Pulver, Powerstoffe. Die falschen Versprechen der Nahrungsergänzungsmittel (mit Susanne Warmuth) 2008; Wer gesund lebt, ist selber schuld. Was uns die Gesundheitsapostel verschweigen (mit Monika Niehaus) 2010.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Oktober 2011
Covergestaltung ZERO Werbeagentur, München
Coverabbildung Umschlagabbildung: © FinePic, München
ISBN 978-3-644-45011-0
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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«Nach einem guten Essen kann man jedem verzeihen, sogar der eigenen Verwandtschaft», sinnierte schon der anglo-irische Spötter Oscar Wilde. Was aber macht ein gutes Essen aus? Die Vorfreude auf den Genuss, die Befriedigung beim Essen, die Genugtuung, beim Nachtisch angenehm gesättigt zu sein, und das entspannte Lebensgefühl nach einer Mahlzeit. Dieses Vergnügen verschafft uns die Kochkunst. Sie besteht nicht nur aus der Wahl der richtigen Gewürze. Wichtiger noch ist die korrekte Zubereitung. Sie ist das Ergebnis eines über Generationen weitergegebenen Erfahrungsschatzes, oftmals komplizierter Verfahren, die als kulturelle Leistung sich bis heute neben der Naturwissenschaft behaupten konnten. Die handwerkliche Küche hat trotz des raschen technischen Fortschritts ihre Verfahren bis zum heutigen Tag pflegen können, einfach deshalb, weil hinter dem Genuss Geheimnisse liegen, die erst allmählich von den Naturwissenschaften erahnt und aufgedeckt werden. Für den einen mögen ihre Ergebnisse Abgründe beschreiben, für den anderen sind sie ein Grund unbeschreiblicher Freude.
In diesem Buch wird zum ersten Mal der Versuch unternommen, das weitverstreute Wissen über die «Glücksbringer» in unserem Essen aus den vielen Fachgebieten wie Pharmazie, Lebensmittelchemie und Physiologie zusammenzutragen und daraus ein neues Bild von der Ernährung des Menschen zu zeichnen. Endlich erhält die berühmte «Physiologie des Geschmacks» eine fachliche Grundlage, eine Untermauerung, von der Brillat-Savarin nur träumen konnte. Fachsprachlich geht es um die Psychopharmakologie der Ernährung. Und dabei geht es nicht so sehr um Salz, roten Pfeffer und Bärlauch. Denn für das Glück des Genießers sorgen vor allem psychotrope Wirkstoffe, gemeinhin «Drogen» genannt. So findet man Amphetamine in Wurst und Glühwein, Antidepressiva im Safran, Stimmungsmacher wie β-Carboline im Ketchup. Und selbst der harmlos scheinende Salat hat’s in sich, gewisse Sesquiterpene nämlich. Sein getrockneter Saft wurde in den Apotheken einst als Opiumersatz gehandelt.
In diesem Buch möchten wir Sie mitnehmen auf eine Reise durch das faszinierende «Innenleben» unserer Speisen, Kräuter und Gewürze. Wir machen Sie mit deren Chemie, Wirkung und oft wechselvollen Geschichte bekannt und zeigen Ihnen, was Gerichten jenen kulinarischen Pfiff verleiht, der unsere Sinne betört, unseren Gaumen beglückt und uns die Welt in rosigem Licht erscheinen lässt.
Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das seine Speisen würzt – und einen Koch auch mal fristlos vor die Tür setzt, wenn er es wagt, ihm wiederholt schlabbrige Suppen und fade Soßen vorzusetzen. Obwohl Gewürze wie der Pfeffer in Europa viele Jahrhunderte lang erheblich teurer waren als Getreide, Gemüse und sogar Fleisch, wurden sie in heute schier unvorstellbaren Mengen konsumiert. Es heißt, der Pro-Kopf-Verbrauch von Pfeffer sei im Mittelalter zehn- bis hundertmal höher gewesen als heute – zumindest bei denen, die es sich leisten konnten. «Pfeffersack» werden auch heute noch Bürger geschimpft, die das richtige Näschen für lukrative Handelswaren bewiesen haben. Warum aber weckt gerade das, was ohne jeden Nährwert ist, kulinarische Begierde, wieso fuhren die Menschen ausgerechnet auf exotische Gewürze wie Zimt, Safran oder Muskat ab? Hätten es nicht auch Kerbel, Kümmel und Kamillenblüten getan? Offenkundig nicht.
Die übliche Antwort «Weil gutgewürztes Essen besser schmeckt» hilft uns nicht wirklich weiter. Denn das teuerste aller Gewürze ist geschmacklich zugleich das lausigste: der Safran. Er riecht ein wenig nach Jodoform und schmeckt leicht bitter. Zwar färbt Safran alle Speisen hübsch sattgelb, doch mit Gelbtönen jeglicher Schattierung geizt die Natur sowieso nicht. Daher gab es schon immer erheblich billigere natürliche Lebensmittelfarben, wie die Gelbwurz (Curcuma ssp.) oder die Blüten der Färberdistel (Carthamus tinctorius).
Die Früchte des Muskatnussbaums (Myristica fragrans) versprechen zwar mehr Gaumenkitzel als der Safran, sind aber nicht minder giftig. Wenige Nüsse bereits können tödlich wirken. Schon im Jahr 1576 hat der spätere Leibarzt des englischen Königs Jakob I., der flämische Botaniker Lobelius, auf diese Gefahr hingewiesen.75 Das störte die Hippies in den Sechzigern allerdings wenig. Wenn ihnen der Shit ausging, griffen sie einfach zu Muskat. Damit erweckten sie eine Praxis zu neuem Leben, von der schon die Benediktineräbtissin Hildegard von Bingen (1098–1179) geschwärmt hatte. Sie riet, «Muskatnuss und zu gleichem Gewicht Zimt und etwas Nelken» zu pulverisieren und daraus mit «Weißmehl und etwas Wasser Törtchen» zu bereiten. Das «dämpft alle Bitterkeit des Herzens und … es macht deinen Geist fröhlich».73 Ergänzen wir dieses Rezept mit etwas Zucker, können wir klassische Weihnachtsplätzchen aus dem Ofen holen.
«Wenn ein Mensch die Muskatnuss isst», verkündete die heilige Hilde, «öffnet sie sein Herz und reinigt seinen Sinn und bringt ihm einen guten Verstand.» Ein anderer der Seherzunft, Michel de Notredame (1503–1566), genannt Nostradamus, ward dadurch eher um den Verstand gebracht. Seinem freizügigen Gebrauch des Küchengewürzes entsprangen seine düsteren Prophezeiungen.11
Die beiden Hauptbestandteile des ätherischen Muskatnussöls sind die beiden Aromastoffe Elemicin und Myristicin. Sie zeigen, so der Aromenspezialist Günther Ohloff, «nachweislich eine psychotrope Wirkung, die an die Eigenschaften des Meskalins [s.u.] erinnert und von leichten Bewusstseinsveränderungen bis zu intensiven Halluzinationen reicht».49 Der Pharmazeut Eberhard Teuscher bescheinigt dem Konsum der Muskatnuss die mögliche Wirkung von «Bewusstseinsstörungen verbunden mit intensiven Halluzinationen, die vor allem durch Veränderungen des Zeit- und Raumgefühls und ein Gefühl des Schwebens charakterisiert sein können».68
Die psychotropen Effekte werden allerdings weniger von Elemicin und Myristicin selbst hervorgerufen. Die eigentlichen Wirkstoffe entstehen erst in der Leber: Dort werden sie von den körpereigenen Enzymen in Aufputschmittel umgewandelt, Amphetamine.5 Amphetamin ist in der Szene als speed bekannt, es wirkt anregend auf das Zentralnervensystem und löst eine Euphorie aus. Andere bekannte Amphetamine sind die Designerdroge Ecstasy und das Meskalin aus dem halluzinogen wirkenden Peyotl-Kaktus (Lophophora williamsii). Getrocknete Peyotlstücke werden noch heute bei den religiösen Riten mexikanischer und nordamerikanischer Indianerstämme verzehrt, die der «Native American Church» anhängen.
Die Amphetamine, die in der Leber aus Myristicin und Elemicin entstehen, haben leider wesentlich unübersichtlichere Namen als die berauschenden Wirkstoffe in Kaktus oder Partypille. Aus Myristicin bildet sich eine Verbindung namens 3-Methoxy-4,5-methylen-dioxy-Amphetamin, kurz MMDA. Dieses Molekül sieht dem Ecstasy äußerst ähnlich. Elemicin verwandelt sich in das 3,4,5-Trimethoxyamphetamin, kurz TMA. Es gleicht dem Kaktushalluzinogen Meskalin.
Ähnliche Aromastoffe wie Myristicin und Elemicin finden sich auch in zahlreichen anderen Gewürzen und Küchenkräutern. Chemiker ordnen sie in die Gruppe der Allylbenzole ein. Der Körper kann theoretisch aus allen Allylbenzolen Amphetamine bilden. Zu diesen meist aromatisch schmeckenden und duftenden Allylbenzolen gehören nicht nur das Myristicin aus der Muskatnuss, sondern auch das Apiol aus der Petersilie sowie das Eugenol aus Piment und Gewürznelken. Eugenol sorgte in der Vergangenheit für den charakteristischen Geruch der Zahnarztpraxen, in denen das Nelkenöl als schmerzstillendes und entzündungshemmendes Mittel benutzt wurde.
Zurück zum MMDA der Muskatnuss. Dieses Amphetamin sorgt in höherer Dosis für eine gewisse Gelassenheit, für ein entspanntes Gefühl. «Cool» würde man heutzutage sagen.57,58 Es hebt die Laune, und man neigt dazu, bereitwillig über Scherze zu lachen. Außerdem kann MMDA dazu führen, dass man alle Wahrnehmungen intensiver erlebt. Auch Colagetränke enthalten erkleckliche Mengen an Myristicin und Elemicin, was den weltweiten Erfolg der Ami-Brause erklärt.
Die Laune des Colatrinkers hängt aber nicht nur von Myristicin und Elemicin ab. Cola enthält ja auch Zucker und Coffein. Beide sorgen dafür, dass sich der Serotoninspiegel im Gehirn erhöht. Serotonin ist ein körpereigener Botenstoff, der für gute Laune sorgt. Wie alle Botenstoffe wird das Serotonin vom Körper natürlich nicht nur aufgebaut, sondern auch wieder abgebaut. Anderenfalls geriete der Körper aus dem Gleichgewicht. Für diese Arbeit sind Enzyme zuständig, die Monoaminooxidasen (MAOs) heißen.
Interessanterweise wird die Funktion dieser Enzyme von MMDA und TMA beeinflusst. Beide Stoffe blockieren die MAOs in der Leber. Damit verhindern sie, dass das viele stimmungssteigernde Serotonin gleich wieder abgebaut wird. Das ist der Zusatzkick. Übrigens verhinderte bei Ratten bereits die Zufuhr von einem Milligramm Myristicin pro Kilo Körpergewicht den Abbau von Serotonin so effektiv, dass sich die Serotoninkonzentration in ihren Gehirnen verdoppelte.71 So bleibt auch der Colatrinker länger bei guter Laune – dank dem Zusammenspiel pflanzlicher Naturstoffe.
Ebenso wichtig wie für Colagetränke war Muskat für deutsche Wurstwaren. An Aminen, mit denen Myristicin und Konsorten ja besonders gern reagieren, mangelt es in der Wurstmasse wahrlich nicht: Amine aller Couleur entstehen während der Fleischreifung aus Aminosäuren und Eiweißen. In der Wurst entstehen aber etwas anders strukturierte Amphetamine, die dem Aufputschmittel Methamphetamin (Pervitin) ähneln. In der Drogenszene ist es unter dem Decknamen Crystal bekannt. Berauschende Stoffe können sich auch beim Pökeln bilden, denn das Nitritpökelsalz sorgt dafür, dass Halluzinogene entstehen, vor allem das Harman und das Norharman16 (siehe Seite 162). Kein Wunder, dass deutsche Wurst – bevor die Fleischereien und Wurstfabriken begannen, Gewürze durch Aromen zu ersetzen – einen ähnlich guten Ruf hatte wie schweizerische Schokolade oder spanischer Sherry.
Sobald man um die psychotropen Inhaltsstoffe von Gewürzen weiß, wird sonnenklar, warum sich Europas Reichtum entlang der Gewürzhandelsrouten etablierte. Der Aufwand, mit dem diese Verbrauchsgüter beschafft wurden, suchte seinesgleichen. Der Schriftsteller Stefan Zweig (1881–1942) gab uns wohl die eindringlichste Beschreibung dieses einträglichen Geschäftes: «Durch mindestens zwölf Hände, so schriftet es melancholisch Martin Behaim seinem Globus, muss das indische Gewürz wucherisch wandern, ehe es an die letzte Hand, an den Verbraucher, gelangt. … Aber wenn auch zwölf Hände in den Gewinn sich teilen, so presst doch jede einzelne genug goldenen Safts aus dem indischen Gewürz, trotz allen Risiken und Gefahren gilt der Spezereihandel als der weitaus einträglichste des Mittelalters, weil bei kleinstem Volumen der Ware mit der größten Marge an Gewinn verbunden.»80 Auch wenn Zweigs Sprache heute ein wenig antiquiert klingen mag, so war er wohl der Einzige, der die wirtschaftsgeschichtlichen Zusammenhänge erfasste. Er ahnte, dass den Gewürzen irgendetwas anhaftete, das sie so begehrenswert machte. Heute haben wir das pharmakologische Wissen, um die Richtigkeit seiner Auffassung zu bestätigen.
«Die Paläste Venedigs und jene der Fugger und Welser sind», so Zweig, «fast einzig aus dem Gewinn an indischem Gewürz erbaut.» Die Spezereien, von Sklaven geerntet, wurden mit winzigen Praus – schlanken Seglern – von den Gewürzinseln nach Malacca gebracht, dann von Dschunken durch drei gefahrvolle tropische Meere verschifft, bis Kamele die zunehmend teure Fracht von Aden nach Ägypten durch die Wüste schaukelten.80
Die Europäer ärgerte besonders, dass der gesamte Indienhandel fest in türkischen und arabischen Händen lag. Keinem christlichen Schiff wurde die Fahrt auf dem Roten Meer gestattet, keinem christlichen Händler die Durchreise erlaubt. «Damit wird aber nicht nur den europäischen Verbrauchern die Ware unnütz verteuert», urteilte Stefan Zweig, «nicht nur dem christlichen Handel der Gewinn von vorneweg abgemelkt, es droht der ganze Überschuss an Edelmetall nach dem Orient abzufließen, da die europäischen Waren bei weitem nicht den Tauschwert der indischen Kostbarkeit erreichen. Schon um dieses fühlbaren Handelsdefizits willen musste die Ungeduld des Abendlandes immer leidenschaftlicher werden, der ruinösen und entwürdigenden Kontrolle sich zu entziehen, und schließlich raffen sich alle Energien zusammen.»80
Ihren ersten Versuch, sich endlich einen Anteil am Indienhandel zu erobern, startete die christliche Welt im Jahr 1095 mit dem Aufruf Papst Urbans zum Kreuzzug in das Gelobte Land. Da die Europäer nichts Genaueres über die Herkunft der Gewürze wussten, versuchten sie mit militärischen Mitteln ihr Glück dort, wo sie die Ware in Empfang nahmen – irgendwo zwischen Konstantinopel und Alexandria. Natürlich regte der sagenumwobene Ursprung der Gewürze im fernen Morgenland die Phantasie der Menschen an. Wer an diesen Quellen saß, musste unermesslich reich sein. Bald hatte der verarmte Landadel Europas das biblische Jerusalem vor Augen, dessen Straßen mit Gold gepflastert waren. Auf diese Weise ließen sich genug Soldaten für das militärische Unterfangen gewinnen.54
Die machthungrige Elite des Vatikans hatte es natürlich nicht auf mehr oder minder leere Grabstätten in Palästina abgesehen, sondern auf einträglichere Ziele. «Die Kreuzzüge waren keinesfalls», schreibt Stefan Zweig, «ein bloß mystisch religiöser Versuch, die Stätte des Heiligen Grabes den Ungläubigen zu entreißen; diese erste europäisch-christliche Koalition stellte zugleich die erste logische und zielbewusste Anstrengung dar, jene Sperrkette zum Roten Meer zu durchstoßen und den Osthandel für Europa, für das Christentum freizumachen.»80
Es gelang den Kreuzrittern tatsächlich, Jerusalem zu «befreien» und damit einen Brückenkopf auf arabischem Boden zu etablieren. Kriegsgewinnler dieses Feldzugs waren vor allem die Venezianer. Sie kontrollierten von nun an den Gewürzhandel im gesamten Mittelmeerraum. Allein im Jahr 1411 bringen Venedigs Schiffe Gewürze im Wert von 540000 Dukaten nach Europa. Damit erhält man einen Eindruck von den Summen, die die Europäer den Arabern zahlen mussten. Wozu noch Europa erobern, wenn es sein Kapital freiwillig abführte? Was konnten die Venezianer gegen die begehrten Würzdrogen des Orients schon aufbieten? Historiker wie Walter Zöllner sprechen euphemistisch davon, «die europäischen Kaufleute verschifften im Austausch Metalle», um im Nebensatz einzugestehen, dass es in erster Linie Gold und Silber waren, gefolgt von Waffen.79
Ein anderes Handelsgut erwähnen nur wenige – und wenn doch, dann führen sie es nur schamhaft nach «Seife» und «Glas» auf: Die Italiener lieferten den Muselmanen neben Gold und Silber vor allem Sklaven. Aber nach der Bekehrung der Ungarn und Slawen versiegte auch diese Handelsquelle. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ließen die Genuesen den Sklavenhandel aber mit türkischen und tatarischen Sklaven neu aufleben, die sie aus den Häfen des Schwarzen Meeres herbeischafften, um sie bei den Mamelucken in Ägypten gegen Gewürze und andere Waren einzutauschen.34, 54
Trotz der immensen Kosten verdienten die Kreuzfahrerstaaten so gut am Gewürzhandel, dass er ihre wichtigste Einnahmequelle wurde.34 Sie lebten von den Zöllen, die sie auf die Gewürze erhoben, und von den Erträgen ihrer Besitzungen im europäischen Mutterland.22, 54 Aber den Herkunftsländern, den sagenumwobenen «Gewürzinseln» im fernen Osten Asiens, waren sie noch keinen Schritt näher gekommen. Die arabischen Händler kontrollierten weiterhin den Markt. Das christliche Palästina «befand sich in einem dauernden Dilemma», schreibt Steven Runciman, seines Zeichens Professor für Byzantinistik, «wenn es unter gesunden Verhältnissen fortbestehen sollte, durfte es nicht auf einen stetigen Zustrom von Menschenkräften und Geld aus dem Westen angewiesen bleiben.»54 So spielte es auch keine Rolle mehr, dass die christlichen Staaten in der Levante eines Tages wieder von der Landkarte verschwanden.
Im Großen und Ganzen misslang den Kreuzfahrern ihr militärisches Vorhaben aber. Hinzu kam, dass die Türken im 15. Jahrhundert Konstantinopel und bald darauf Alexandria eroberten. Die Kreuzfahrer konnten den Mohammedanern Ägypten nicht entreißen, und die islamischen Staaten verlegten ihnen weiterhin den Weg nach Indien. Der stete finanzielle Aderlass weckte erneut den Wunsch, einen Weg dorthin zu finden. Zweig: «Die Kühnheit, die Columbus nach Westen, die Bartholomeo Diaz und Vasco da Gama nach Süden, die Cabot nach Norden gegen Labrador vorstoßen ließ, entsprang in erster Linie dem zielbewussten Willen, endlich, endlich für die abendländische Welt einen freien, einen unbezollten und ungehinderten Seeweg nach Indien zu entdecken und damit die schmachvolle Vormachtstellung des Islam zu brechen.»80
Diesmal verzichtete man auf die militärische Option, da man sich keine Chancen ausrechnete, die Araber zu besiegen. Dem Venezianer Marco Polo war es um 1300 gelungen, eine erste Beschreibung von der Heimat des Pfeffers zu liefern. Bald darauf wurde Polos Bericht von den Mönchen Oderico da Pordemone und Jordanus ergänzt, die wie viele andere Europäer als Spione Asien bereisten.75 Der Erste, der es mit dem neugewonnenen Wissen wagte, die islamischen Länder zu «umschiffen», war Christoph Kolumbus. Er verfehlte sein Ziel und verirrte sich nach Amerika, wo er auf den Westindischen Inseln vergeblich nach den begehrten Würzpflanzen suchte. Insofern war Kolumbus eine gescheiterte Existenz. Sein Nimbus als Held und Eroberer war noch zu seinen Lebzeiten dahin. Aber nicht – wie Historiker behaupten –, weil er ein paar Schiffe verloren hatte, sondern weil er ohne Indiens Gewürze zurückkehrte.
Weitaus mehr Glück hatte ein anderer. 1498 landete Vasco da Gama genau dort, wo der Pfeffer wächst: an der Küste Malabars. Zurück in Lissabon, brachte ihm die Gewürzladung seiner ersten Fahrt das Sechsfache dessen ein, was sein ganzes Unternehmen gekostet hatte. Die zweite Fahrt bescherte ihm sogar den fünfzigfachen Gewinn.74 Als immer mehr portugiesische Schiffe jetzt das arabisch-venezianische Handelsmonopol durchbrachen, war die Vormachtstellung Venedigs dahin und das Schicksal der Stadt besiegelt. Auch der Islam war aus dem Geschäft. Der Seeweg beflügelte die «christliche Seefahrt», denn er war trotz aller Gefahren wesentlich billiger als die mühselige Reise über die nicht minder unsicheren Karawanenstraßen.
«Mögen von fünf Schiffen – die Expedition Magellans beweist dieses Rechenexempel – vier mit ihrer Ladung zugrunde gehen», formulierte Stefan Zweig, «mögen zweihundert Menschen von zweihundertfünfundsechzig nicht wiederkehren, so haben zwar Matrosen und Kapitäne ihr Leben verloren, der Händler hat aber bei diesem Spiel noch immer gewonnen. Kehrt nur ein noch so kleines Schiff von den fünfen, gut mit Gewürz beladen, nach drei Jahren zurück, so macht die Ladung mit reichlichem Profit den Verlust wett, denn ein einziger Sack mit Pfeffer gilt im 15. Jahrhundert mehr als ein Menschenleben.»80
Nach Venedig gelangt zunächst Lissabon zu Glanz und Reichtum, aber schon wenige Jahrzehnte später jagen die Holländer den Portugiesen das Geschäft ab, was wiederum Amsterdam zur Blüte verhilft. Als Letzte gewinnen die Briten die zahlreichen Kolonialkriege um die Gewürze, und nun erlebt London seinen Aufschwung.74 Dabei darf man nicht vergessen, dass die eigentlichen Profiteure des Gewürzhandels bis dato im Orient saßen. Die Vorstellung der Europäer vom «sagenhaften Reichtum des Morgenlandes» speist sich nicht aus überschwänglichen Reiseberichten – da konnte man nur auf die Schriften antiker griechischer und römischer Autoren zurückgreifen. Zu dieser Schlussfolgerung musste man nach zwei Jahrtausenden wirtschaftlicher Abhängigkeit von den orientalischen Händlern zwangsläufig kommen.
Mit der Entdeckung des Seewegs nach Indien, der Eroberung der Gewürzländer und dem Ende der Zahlungen an die Araber beginnen der wirtschaftliche Aufstieg und die koloniale Expansion Europas. Die Seefahrernationen hatten keine Skrupel, die Eingeborenen der fernen Inselreiche als Gewürzlieferanten zu versklaven. Mit allen Mitteln versuchten die Handelsunternehmen, Monopole zu schaffen, um aus dem Bedarf an Gewürzdrogen maximalen Gewinn zu schöpfen.
Der Muskatbaum (Myristica fragrans) wuchs damals ausschließlich auf den indonesischen Banda-Inseln. Darum beeilte sich die holländische Ostindiengesellschaft Anfang des 17. Jahrhunderts, sie in ihren Besitz zu bringen. Die einheimische Bevölkerung wurde gezwungen, ihre gesamte Muskaternte an die Holländer zu verkaufen, und zwar zu Dumpingpreisen. Als sich Widerstand regte, griff der Handelskonzern brutal durch und ließ 1621 fast die gesamte Inselbevölkerung ermorden; ein kleiner Teil wurde als Sklaven an holländische Siedler verkauft, die die Muskatplantagen auf Banda fortan bewirtschaften sollten.
Nicht besser erging es einigen in Indonesien ansässigen Engländern, die versucht hatten, ebenfalls im Muskathandel Fuß zu fassen. 1623, in der «Blutnacht von Ambon», ließ der Generalgouverneur der Ostindiengesellschaft, Jan Pieterzon Coen, sie allesamt verhaften und hinrichten. Damit hatten sich die Holländer das äußerst lukrative Muskatmonopol gesichert. Sie gaben es für die nächsten hundert Jahre nicht wieder aus der Hand.19
