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Beschreibung

Der schweizerisch/niederländische Orgelbauer, Organologe und Organist Bernhardt Edskes zählt heute zu den prägenden Persönlichkeiten der europäischen Orgelwelt. In der Fachwelt hat er sich vor allem durch seine konsequente Restaurierungspraxis und Rekonstruktionen von Orgeln aus Renaissance und Barock, aber auch durch wegweisende Neubauten einen Namen gemacht. Den Massstab für seinen kompromisslosen Qualitätsanspruch bildet die lebenslange intensive Auseinandersetzung mit dem Werk Arp Schnitgers (1648-1719) und seiner Schule. Vor diesem Hintergrund wandte er sich früh gegen die Missverständnisse der Orgelbewegung und die Erzeugnisse des «Fabrikorgelbaus». Dabei geht es ihm nicht um eine romantisierende Rückschau als Selbstzweck, sondern um die konkrete Befragung herausragender Zeugnisse der Vergangenheit im Hinblick auf die Schaffung von Neuem. Mit seinem umfangreichen Werk setzt Bernhardt Edskes ein starkes Signal im Hinblick auf eine lebendige Zukunft der europäischen Orgelkultur. Die vorliegende Festschrift zum 80. Geburtstag von Bernhardt Edskes enthält Beiträge zahlreicher Wegbegleiter zu Leben und Werk, Schilderungen persönlicher Begegnungen sowie bebilderte Porträts seiner wichtigsten Arbeiten. Auf diese Weise entsteht ein facettenreiches Bild des Schaffens und Denkens des Jubilars.

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Seitenzahl: 179

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Orgelbaukunst

Festschrift für Bernhardt Edskes zum 80. Geburtstag

Dirk Trüten und Sietze de Vries

Orgelbaukunst von Dirk Trüten und Sietze de Vries wird unter Creative Commons Namensnennung-Nicht kommerziell-Keine Bearbeitung 4.0 International lizenziert, sofern nichts anderes angegeben ist.

© 2020 – CC BY-NC-ND (ausgenommen Abbildungen und Fotos, © bei den Fotografen, siehe Bildnachweis)

Herausgeber: Dirk Trüten / Sietze de VriesVerlag: buch & netz, buchundnetz.com, KöllikenCover & Layout: buch & netz, buchundnetz.com, KöllikenSatz: buch & netzISBN:978-3-03805-299-9 (Print – Hardcover)978-3-03805-298-2 (Print – Softcover)978-3-03805-339-2 (PDF)978-3-03805-340-8 (ePub)978-3-03805-341-5 (mobi/Kindle)Version: 1.01e-20200928

Dieses Werk ist als gedrucktes Buch sowie als E-Book in verschiedenen Formaten verfügbar. Weitere Informationen finden Sie unter der URL: https://buchundnetz.com/werke/orgelbaukunst.

Inhalt

Vorwort der HerausgeberBuchteil I. Leben und WerkBauen, was bereits existiertAnna MillerBernhardt Edskes: Orgelbauer – Organologe – VisionärDirk TrütenBuchteil II. Begegnungen„Ich habe noch einen Wunsch…“20 Jahre Erlebnisse mit Bernhardt EdskesSietze de VriesBernhardt Edskes – der „fliegende Holländer“Bert Veening„Arp Schnitger wurde früher nicht so schnell geholfen“Roelof KuikBuchteil III. OrgelportraitsMuri, Klosterkirche St. MartinEgon SchwarbZugPeter MeierBasel, PredigerkircheJörg-Andreas BötticherBasel, Kartäuserkirche des Bürgerlichen WaisenhausesDirk TrütenMittenwald, Pfarrkirche St. Peter und PaulAndreas FreyMelle, St. PetriUwe KnaakUithuizen, JacobikerkSietze de VriesMariana, Kathedrale Mariä HimmelfahrtJosineia GodinhoGroningen, Hausorgel IJan Willem van WilligenZürich, Kirche AllerheiligenBeatrice MeierGroningen, Hausorgel IITim KniggeDübendorf, Kirche Maria FriedenDirk TrütenOuddorp, Eben-HaëzerkerkAndreas BoeschNeustadt a.d. Weinstrasse, StiftskircheSimon ReichertGroningen, Lutherse KerkTymen Jan BrondaAutorenverzeichnisBildnachweis

1

Vorwort der Herausgeber

Bernhardt Edskes zählt ohne Zweifel zu den prägenden Persönlichkeiten des europäischen Orgelbaus der Gegenwart. Die Bedeutung seines Schaffens für die Entwicklung der Orgelkunst in den letzten Jahrzehnten kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Leidenschaft, Wissen, Kreativität, vorbehaltloser Qualitätsanspruch und vor allem eine klare künstlerische Vision bilden die Voraussetzungen für ein Lebenswerk, das heute einzigartig dasteht. Inspiriert von der reichhaltigen Orgellandschaft seiner Heimat erkannte er früh die Notwendigkeit einer Neuorientierung als Reaktion gegen die Missverständnisse der Orgelbewegung und die Resultate des «Fabrikorgelbaus». Dabei geht es ihm nicht um eine romantisierende Rückschau auf frühere Epochen als Selbstzweck, sondern um die konkrete Befragung der besten Zeugnisse der Vergangenheit im Hinblick auf die Schaffung von Neuem.

Mit seinen zahlreichen Restaurierungen historischer Orgeln und mehr noch mit seinen wegweisenden Neubauten hat er seinen Überzeugungen sichtbaren und vor allem klingenden Ausdruck verliehen. Nichts bringt diese Überzeugungen besser zum Ausdruck als der von Bernhardt Edskes so gern zitierte Satz Gottfried Kellers: „Lasst uns am Alten so es gut ist halten. Doch auf altem Grund Neues schaffen zu jeder Stund“.

Die aussergewöhnlichen Instrumente von Bernhardt Edskes bereichern die Musikwelt und haben bereits Generationen von Interpreten, aber auch Gottesdienst- und Konzertbesucher inspiriert. Als derart Beschenkte freuen wir uns, dass wir dem Jubilar, der am 28. Oktober 2020 seinen achtzigsten Geburtstag feiert, diesen Band als ein kleines Dankeschön überreichen dürfen. Unser Dank gilt vorab allen Autoren und Autorinnen, die mit ihren ganz individuellen Beiträgen zum Gelingen des vorliegenden Werkes beigetragen haben. Nicht zuletzt gebührt unser Dank insbesondere auch Frau Petra Bitterli vom Verlag buch & netz für das grosse Engagement und die ansprechende Gestaltung und den Fotografen Stephan Kölliker und Moritz Leisen für die einfühlsame Visualisierung vieler Instrumente.

Wir gratulieren Dir, lieber Bernhardt, sehr herzlich zu Deinem runden Geburtstag und wünschen Dir noch viele Jahre im Kreise Deiner Familie, Freunde und Instrumente.

Zürich/Groningen im September 2020

I

Leben und Werk

Bauen, was bereits existiert

Anna Miller

Während der Arbeiten an der Hauptorgel der Kirche Maria Frieden Dübendorf sprach Bernhardt Edskes im März 2014 mit der Journalistin und Autorin Anna Miller über das Leben, seine Philosophie und das Älterwerden.

Bernhardt Edskes ist einer der gefragtesten Orgelbauer unserer Zeit. Der gebürtige Holländer versteht sich als Arbeiter der grossen Meister, der die Töne bereits hört, wenn sie noch nicht existieren.

Ein nasskalter Morgen im März, Bernhardt Edskes sitzt in der Kirche Maria Frieden in Dübendorf bei Zürich und drückt die Taste aus Mammut-Horn bis zum Anschlag durch, die Luft sucht sich ihren Weg durch die Öffnung der Orgelpfeife, ein Ton erklingt. Wie er sich im Kopf von Bernhardt Edskes anfühlen muss, weiss nur er allein.

Groningen, 1940, Bernhardt Edskes wird in die nördlichste Stadt Hollands hineingeboren, „in das Mekka des Orgelbaus“. Die Eltern singen im Bach-Chor, Bernhardt saugt alles in sich auf, was mit Orgelbau zu tun hat, jede freie Minute sitzt er beim Orgelbauer im Ort in der Werkstatt. Mit 12 Jahren spielt Edskes seinen ersten Gottesdienst „auf der besterhaltenen historischen Orgel der Welt“ in Groningen, mit 15 Jahren wird er Hauptorganist im holländischen Uithuizen. „Das ist wie beim Fussball. Wenn du mit zwölf Jahren nicht schon alles beherrschst, dann beherrschst du es nie.“ Irgendwie, sagt Edskes, sei ihm das eben in die Wiege gelegt worden, „ich wusste damals schon mehr über Orgeln als ein Experte“, alles fügte sich zusammen.

Bernhardt Edskes in der Kirche Maria Frieden Dübendorf (März 2014)

Wenn Edskes sich an eine Orgel setzt, die ihre Jahrhunderte bereits überdauert hat, wartet er so lange, „bis dieses Instrument sich selbst restauriert“. Er „befragt“ das Instrument so lange, bis es ihm fast zu Eigen wird. „Das Restaurieren ist das Informativste, nicht der Neubau. Denn dort bereichert man sich an dem, was ein Meister bereits getan hat.“ Allen voran Edskes grosses Vorbild aus dem 17. Jahrhundert, Arp Schnitger, einer der berühmtesten Orgelbauer und Vollender der norddeutschen Barockorgel.

1953 kommt die grosse Flut, dutzende Orgeln stehen in Holland unter Wasser, die Schweiz spendet Geld, die Schweizer Orgelfirma Metzler fertigt erste Entwürfe, doch den Holländern gefallen die Entwürfe nicht. Die Denkmalpflege holt Edskes. „Ich war der Brückenbauer zwischen den Kulturen“, sagt er. Mit 25 Jahren wird er zum ersten Kreativ-Direktor von Metzler. Mit den Jahrzehnten baut Edskes sich einen Namen auf, internationales Renommee, letzte Woche war er in Tokio, Begutachtung einer renovationsbedürftigen Orgel, über dreissig Orgeln hat er in den letzten 40 Jahren restauriert oder neu gebaut, seine Auftragsbücher sind voll.

Edskes arbeitet bewusst mit den ältesten Materialien, Schafsleder, Mammuthorn, Zinn, Blei, „nicht, weil wir nostalgisch sind, sondern aus der tiefen Überzeugung heraus, dass das besser ist.“ Jeder Zeit gehören ihre Materialien, und das Beste für eine Orgel sei nunmal das, was damals zur Verfügung stand. „Wer seine Vergangenheit nicht kennt, kann seine Zukunft nicht gestalten“, sagt Edskes, er hat viele Sätze von brillanten Köpfen in sich aufgesogen, nicht, um damit zu kokettieren, sondern, um seine eigenen Wahrheiten darin zu spiegeln. Jeden Tag las sein Vater am Mittagstisch aus der Bibel vor, danach musste jedes Kind in die Runde hinein etwas erzählen, das es am Tag davor noch nicht gewusst hatte. „Das hat mich gelehrt, dass Zuhören weiser macht als Reden.“

Das Geheimnis der Edskes-Qualität liege darin, dass es keine Vorprogrammierung gebe. „Vom ersten bis zum letzten Ton wird alles hier in diesem Raum gefertigt. Damit das Instrument ausgerichtet ist auf den Ort, an dem es schliesslich klingen wird.“ Dabei sehe und höre er das Instrument schon, bevor es gebaut wird. „Ich gebe etwas in einen Holzkörper hinein, das ich schon in mir trage.“

Zwölf Monate arbeitet er mit seinem Team bereits an der neuen Orgel für Dübendorf, 37 Register umfasst sie, über eine Million Franken ist das neue Musikinstrument wert. Die Firma Edskes gibt eine Garantie von zehn Jahren auf jede neue Orgel, einen Zehntel der geschätzten Mindestlebensdauer. „Über hundert Jahre soll diese Orgel leben“, sagt er dann, „mindestens“. Die Orgel, die bisher in Dübendorf stand, hat es nur wenig mehr als 40 Jahre ausgehalten, die meisten Teile waren industriell gefertigt.

Am Ende sei die Zeit der beste Richter. „Die Zeit alleine entscheidet darüber, was die Jahre überdauert.“ Natürlich, am Ende gebe er die Klänge, die er in seinem Kopf hat, in das Instrument hinein. Aber er könne auch nur das schaffen, was bereits existiere. „Von diesem romantischen Denken, dass da ein Künstler ist, der etwas Grandioses schafft, halte ich nichts. Das ist reine Selbstüberschätzung. Alles, was wir hier bearbeiten, war schon vor uns da. Wir setzen es höchstens neu zusammen.“

Bernhardt Edskes:Orgelbauer – Organologe – Visionär

Dirk Trüten

Bernhardt Edskes zählt ohne Zweifel zu den prägenden Persönlichkeiten des europäischen Orgelbaus der Gegenwart. Die Bedeutung seines Schaffens für die Entwicklung der Orgelkunst in den letzten Jahrzehnten kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Mit einer in dieser Form selten anzutreffenden Kombination von Leidenschaft, Wissen, kritischem Urteil, kunsthandwerklichem Qualitätsanspruch sowie einer klaren künstlerischen Vision hat er ein Lebenswerk geschaffen, das vorliegend nicht annähernd gewürdigt werden kann. Von seiner Liebe zur Orgel sprechen vorab seine klingenden Werke, von denen in diesem Beitrag hauptsächlich die Rede sein soll.[1]

Daneben versteht er es, in Interviews, Vorträgen oder als Leiter von Exkursionen seine Vorstellungen sowohl dem Fachpublikum als auch interessierten Laien anschaulich zu vermitteln. Als Mitglied zahlreicher Fachgremien hat er sich immer für die Belange der Orgelwelt stark gemacht, sei es als Präsident des schweizerischen Organisten-Verbands, als Mitglied im internationalen Arbeitskreis für Orgelbaufragen und in der Arbeitsgemeinschaft schweizerischer Orgeldenkmalpflege sowie als Beirat der renommierten Arp Schnitger-Gesellschaft. Wertvoll sind auch sein Einsatz für die Ausbildung hochqualifizierter Organisten und Organistinnen als Dozent für Orgelbau an der Schola Cantorum Basiliensis und seine wissenschaftlichen Schriften zu organologischen Themen.[2]

Bernhardt Edskes ist nicht nur Orgelbauer, sondern auch ein exzellenter Organist, was er im Rahmen zahlreicher Orgelpräsentationen, Konzerte, Rundfunk- und CD-Aufnahmen in ganz Europa unter Beweis gestellt hat. Dennoch steht für ihn, der während Jahrzehnten als Hauptorganist der Kirche St. Josef im zürcherischen Dietikon amtierte, die primäre Bedeutung der Orgel als liturgisches Instrument ausser Frage.

All dies kann im Rahmen dieses kurzen Beitrags nicht vertieft werden, wie auch nicht seine Tätigkeit als Cem­balo­bauer, seine Leidenschaften für die bildende Kunst oder die Kunst der Zeitmessung. Stattdessen soll im Folgenden ein kurzer Überblick über sein Werk und seine Philosophie als Orgelbauer gegeben werden. Dabei erhebt diese Darstellung selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, war Bernhardt Edskes doch bislang an über 400 Orgelprojekten in verschiedenen Funktionen beteiligt. Mögen noch viele weitere hinzukommen!

Grundlegung

Als Bernhardt Edskes am 28. Oktober 1940 als jüngster von vier Söhnen des Juristen Albert Hendrik Edskes und seiner Frau Gritje zur Welt kam, schienen die Zukunftsaussichten düster, denn wie die übrigen Niederlande auch, war seine Heimatstadt Groningen von deutschen Truppen besetzt. Gewalt, Tod und Verfolgung prägten die Jahre bis zur Befreiung. Mehrfach erhoben sich in der Bevölkerung Aufstände gegen die Besatzer. Akut gefährdet war auch das einzigartige Orgelerbe der Stadt. Beim Einmarsch kanadischer Truppen entbrannten im April 1945 heftige Kämpfe, die zur weitgehenden Zerstörung der Bebauung am Grossen Markt führten. Wie durch ein Wunder erlitt die in unmittelbarer Nähe gelegene Martinikirche nur leichte Schäden. Die für die Brüder Edskes später so bedeutsame Orgel blieb zum Glück unversehrt, da die von deutschen Soldaten bereits vorbereitete Sprengung des Turms gerade noch verhindert werden konnte.

Dieser zunächst widrigen Umstände zum Trotz spielte Musik in der Familie Edskes stets eine grosse Rolle. Beide Elternteile sangen im Groninger Bach-Chor und gaben Ihre Begeisterung für die Kirchenmusik an die nächste Generation weiter. Wie seine Brüder erhielt Bernhardt von der ersten Klasse an Klavier- und Orgelunterricht. Mindestens ebenso wichtig war das Singen im Groninger Knabenchor, der damals von Evert Westra geleitet wurde. Dieser amtierte von 1949 bis 1992 als Kantor der Nieuwe Kerk und wurde 1963 für seine Verdienste um die protestantische Kirchenmusik mit dem Kulturpreis der Provinz Groningen ausgezeichnet.

Früh von der Kunst des Orgelspiels und des Orgelbaus fasziniert, gehört die einzigartige Orgellandschaft der Stadt und Provinz Groningen zu den prägenden Umständen seiner Kindheit und frühen Jugend.[3] Ähnlich wie im benachbarten Ostfriesland wetteiferten in dieser wohlhabenden Agrarregion seit dem ausgehenden Mittelalter selbst kleinste Landgemeinden um die prächtigste Kirche und die schönste Orgel. Fast nirgends findet man auf wenigen Quadratkilometern eine solche Vielzahl an historischen Instrumenten aus allen Epochen der Orgelgeschichte. Zudem war Groningen ein bevorzugtes Arbeitsgebiet des vielleicht bedeutendsten Orgelbauers überhaupt, Arp Schnitger (1648-1719).[4] Schnitger wurde 1691 zu Hilfe gerufen, um die stockenden Renovationsarbeiten an der Martiniorgel in die Hand zu nehmen. Dies gelang ihm in Zusammenarbeit mit seinem Gesellen Johann Balthasar Held und dem Groninger Kunsttischler und Stadtbaumeister Allert Meijer (1654-1722)[5] so überzeugend, dass Folgeaufträge nicht lange auf sich warten liessen. So konnte er die Martiniorgel wenig später um die beiden bis heute erhaltenen markanten 24’-Pedaltürme erweitern.[6] 1697 krönte er sein Groninger Schaffen mit der Orgel der Aa-Kerk, einem äusserst repräsentativen Werk, zu dem Schnitger aus freien Stücken ein Brustwerk mit 6 Registern hinzufügte.[7] Von dieser wohl bedeutendsten Orgel Schnitgers in den Niederlanden ist jedoch nur die Entwurfszeichnung erhalten, da das Instrument bereits 1710 beim Einsturz des Kirchturms zerstört wurde. Es folgten Arbeiten in den beiden Groninger Spitalkirchen[8], die Orgel der ehemaligen Universitätskirche (Academiekerk)[9] sowie die Orgel der lutherischen Kirche. Dieses Instrument, das der „Exil-Lutheraner“ Arp Schnitger 1699 „seiner“ Kirche im calvinistischen Groningen schenkte und das 1717-19 von Schnitgers Mitarbeitern Radeker/Garrels um ein freies Pedal erweitert wurde, sollte für Bernhardt Edskes noch bedeutsam werden.[10] In die „Ommelande“ lieferte Arp Schnitger ebenfalls eine grosse Anzahl neuer Orgeln. Aus diesem Werkkomplex ragt die Orgel in Uithuizen im Hinblick auf ihre Grösse und die Qualität ihrer Ausführung heraus. Auch dieses Instrument spielt im Leben und Werk von Bernhardt Edskes eine besondere Rolle.[11]

Intuitiv hat Bernhardt Edskes den hohen kulturgeschichtlichen Wert des historischen Orgelerbes seiner Heimat sofort erkannt, was zu jener Zeit keinesfalls selbstverständlich war. Trotz der in den 1920er Jahren einsetzenden Neubewertung der Orgeln des 17. und 18. Jahrhunderts blieb das entsprechende Wissen lange Zeit erstaunlich gering. Für Bernhardt Edskes war es ein Glücksfall, dass sein 16 Jahre älterer Bruder Cornelius („Cor“, 1925-2015) als einer der ersten damit begonnen hatte, diese Lücken durch intensive Forschungsarbeit zu schliessen und insofern echte Pionierarbeit leistete. Auslöser war eine 1939 bei dem damaligen Pfarrer von Uithuizen eingegangene Anfrage des deutschen Schnitgerforschers Gustav Fock im Hinblick auf Informationen über die dortige Schnitger-Orgel. Dieser verwies den Forscher auf Cor Edskes, der Fock in der Folge mit detaillierten Angaben nicht nur zu Uithuizen, sondern zu allen Schnitger-Orgeln in der Stadt und der Provinz Groningen versorgte.[12] Die Teilhabe an diesen damals noch nicht publizierten Erkenntnissen – das Werk von Fock erschien erst postum in seinem Todesjahr 1974[13] – war für den jüngeren Bruder eine wertvolle Mitgift im Hinblick auf seine weitere berufliche Laufbahn.

Ausbildung in Groningen

Trotz der Skepsis des Vaters, der seinen Jüngsten vielleicht lieber in der Robe eines Oberrichters gesehen hätte, entschied sich Bernhardt Edskes für eine Vertiefung seiner breiten künstlerischen Interessen. Hierzu strebte er eine umfassende Ausbildung an, die sich nicht auf technische Aspekte des Orgelbaus beschränken sollte.

Orgelbau

Entscheidend für seine weitere berufliche Laufbahn war primär seine Tätigkeit im Betrieb des Groninger Orgelbauers Klaas Doornbos (1888-1951). Schon als Schüler war er regelmässig in der kleinen Werkstatt anzutreffen, die nach dem Tod des Inhabers noch eine Weile von Mitarbeitern weitergeführt wurde, ehe der Betrieb Mitte der 1950er Jahre seine Pforten schliessen musste. Im Umgang mit historischen Orgeln sammelte Doornbos früh Erfahrungen, die zu jener Zeit nicht selbstverständlich waren. Wegweisend war etwa die 1950 durchgeführte Restaurierung der Wenthin-Orgel in der reformierten Kirche Nieuwolda[14]. Im folgenden Jahr erweiterte Doornbos die 1743 von dem aus Danzig stammenden Orgelbauer Matthias Amoor in Berghuizen errichtete Orgel um ein Rückpositiv nach dem Vorbild der Arp Schnitger-Orgel in Noordbroek. Beide Projekte wurden von Cor Edskes fachlich begleitet und soweit wie damals möglich im klassischen Stil ausgeführt, womit Doornbos seiner Zeit weit voraus war. Der Werkstatt oblag u.a. auch die Pflege der grossen Groninger Stadtorgeln in der Martinikerk und der Aa-Kerk. Dies ermöglichte Bernhardt Edskes ein genaues Studium beider Instrumente. Zwar bargen die Orgeln noch viel historische Substanz, doch war vieles verändert und dem Zeitgeschmack des 19. und frühen 20. Jahrhunderts angepasst worden.

Insbesondere die Martiniorgel war 1939 durch einen tiefgreifenden elektropneumatischen Umbau entstellt worden, der das Potenzial des Werks nur noch erahnen liess. Erfahrungen wie diese haben sicherlich zur Entwicklung des Qualitätsanspruchs beigetragen, der das Schaffen von Bernhardt Edskes seitdem so eindrücklich prägt. Über Klaas Doornbos bemerkte er:

„Dort lebte das alte Handwerk weiter; dort konnte man noch die traditionelle Handarbeit sehen. Dieser Mann hatte eine enorme Liebe für das Fach.“[15]

Orgelspiel

Neben seinen Aktivitäten in den Bereichen des Orgelbaus und der Orgelforschung betätigt sich Bernhardt Edskes bis heute auch als ausübender Künstler. Grundlage hierfür war eine gründliche Ausbildung bei Johan van Meurs (1903-1986).[16] Als langjähriger Organist an der Aa-Kerk machte dieser die dortige Schnitger-Orgel international bekannt. Zum Schülerkreis van Meurs’ gehörten auch Weggefährten wie Klaas Bolt (1927-1990), einer der Pioniere der historischen Aufführungspraxis in den Niederlanden und später Organist an der Christian Müller-Orgel zu St. Bavo in Haarlem, wie auch alle drei Brüder von Bernhardt Edskes.[17] Zentral für van Meurs’ Unterricht war seine Liebe zur Orgel. Er betrachtete die Orgel selbst als den ersten Lehrer und sich selbst nur als den zweiten. Er machte seine Schüler zunächst mit dem Innenleben der Orgel vertraut und liess sie dann aus der Kirche zuhören und aufschreiben, welche Klänge sie zu hören glaubten. Auf diese Weise lehrte er sie, zuzuhören und vom Klang her zu arbeiten[18]. Dieser pädagogische Ansatz kam Bernhardt Edskes entgegen und sensibilisierte ihn im Hinblick auf die von ihm später so virtuos beherrschte Kunst der Intonation.

Johan van Meurs verstand es, seine Schüler zu motivieren. So war Bernhardt Edskes lange Zeit regulärer Registrant seines Lehrers und vertrat diesen bald einmal als Organist in der Aa-Kerk. Mit 12 Jahren durfte er sein Können als Nachfolger seines Bruders Herman in Zuidbroek erproben. Wenig später wurde er für zwei Jahre als Organist ins benachbarte Noordbroek berufen und ersetzte dort Simon Graafhuis, der wegen seines Studiums ins Ausland ging. In beiden Kirchen standen Edskes historische Instrumente aus der Schnitgerschule zur Verfügung.[19]

1958-63 war Bernhardt Edskes Hauptorganist an der 1701 erbauten Schnitger-Orgel der Jacobikerk in Uithuizen,[20] wo er aus zwanzig Bewerbern ausgewählt wurde. Darüber hinaus übernahm er die Sondergottesdienste in der Pelstergasthuiskerk in Groningen, die ebenfalls über ein Instrument aus der Werkstatt Schnitger/Hinsz verfügt.[21] Diese Erfahrungen haben Bernhardt Edskes zutiefst geprägt. Er selbst hat es so formuliert:

„Sie können überprüfen, dass ich seit meiner Kindheit mit alten Orgelklängen konfrontiert wurde. Das hat mein Leben als Organist und Orgelbauer in hohem Masse beeinflusst. Es war sogar von entscheidender Bedeutung.“[22]

Künstlerisches und Kaufmännisches

Vielseitig begabt, widmete sich Bernhardt Edskes neben der Musik auch dem Zeichnen und Malen. Es erscheint daher nur konsequent, dass er diese Passion als weiteres Element seiner künstlerischen Ausbildung an der Kunstakademie Minerva in Groningen weiterentwickelte.[23] Visuell ebenso ausgerichtet wie auditiv, erleichterte ihm der Zugang zur bildenden Kunst später die Gestaltung von Orgelgehäusen, Schnitzwerk und farblichen Fassungen. Ganz nebenbei erlangte er auch einen Abschluss als Handelskaufmann und somit die Voraussetzung für eine allfällige künftige Tätigkeit als selbständiger Orgelbauer.

Tätigkeit bei Metzler & Söhne

Trotz seiner starken Verwurzelung in der Groninger Orgelwelt wurde die Schweiz in den nächsten Jahrzehnten zum beruflichen und familiären Mittelpunkt von Bernhardt Edskes. Mangels bestehender Verbindungen mag dieser Szenenwechsel zunächst abrupt erscheinen, jedoch drängten sich Anfang der 1960er Jahre für Bernhardt Edskes Veränderungen aus verschiedenen Gründen auf. Zunächst betrachtete er seine Ausbildung auf dem Gebiet des Orgelbaus keineswegs als abgeschlossen. Insofern lag es für ihn nahe, seine Kenntnisse im Ausland zu vertiefen, denn schon immer war es üblich gewesen, dass junge Orgelbauer ihren Horizont im Rahmen ausgedehnter Lehr- und Wanderjahre erweiterten. Hinzu kam, dass sein älterer Bruder Cor zu dieser Zeit als Orgelexperte für die niederländische Denkmalpflege tätig wurde und in dieser Funktion zahlreiche Restaurierungen historischer Instrumente begleitete. Aus naheliegenden Gründen minderte die familiäre Konstellation seine Aussichten, bei entsprechenden Projekten federführend berücksichtigt zu werden.

So ergriff Bernhardt Edskes 1961 die Chance, seine Ausbildung bei dem renommierten schweizerischen Or­gelbaubetrieb Metzler & Söhne aus Dietikon ZH fortzusetzen und darüber hinaus sein bisher erlangtes Know-how in dieses ganz anders geartete Umfeld einzubringen. Konkret wurden die Kontakte über den niederländischen Katastrophenfonds geknüpft, dem nach der verheerenden Flutkatastrophe von 1953 von vielen europäischen Ländern – u.a. auch von der Schweiz – Mittel für den Wiederaufbau der betroffenen Landesteile zur Verfügung gestellt worden waren. Ein Teil der Gelder war für den Bau neuer Orgeln für die von der Flut betroffenen Kirchen bestimmt. Über die Vergabe entschied ein spezieller Orgelausschuss, der dabei als Geste der Freundschaft auch ausländische Firmen aus den Geberländern berücksichtigte.