Orientierung in orientierungsloser Zeit -  - E-Book

Orientierung in orientierungsloser Zeit E-Book

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Beschreibung

Es hat wohl nie in der Geschichte eine Zeit so großer Orientierungslosigkeit gegeben wie heute. Alles gerät in unseren Tagen ins Wanken. Gibt es überhaupt noch Wahrheit? Gibt es noch Verhaltensmaßstäbe, die gültig sind? Das Buch „Orientierung in orientierungsloser Zeit“ gibt auf der Grundlage der Bibel Antworten auf Fragen, die heute gestellt werden.

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Seitenzahl: 259

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Friedhelm Jung (Hrsg.)

Orientierung in orientierungsloser Zeit

Festschrift für Paige Patterson zum 70. Geburtstag

Friedhelm Jung (Hrsg.)

Orientierung in orientierungsloser Zeit

Festschrift für Paige Patterson zum 70. Geburtstag

© 2013 Lichtzeichen Verlag GmbH, Lage

Edition BSB

Umschlag: Samuel Janzen

Satz: Gerhard Friesen

ISBN: 9783869549736 Bestell Nr.: 548973

E-Book Erstellung: LICHTZEICHEN Medien www.lichtzeichen-medien.com

Edition BSB

Abteilung: Systematische Theologie

Band 3

Die Edition BSB wird herausgegeben vom Bibelseminar Bonn (BSB), einer freikirchlichen theologischen Ausbildungsstätte, die Studierende in einem drei- und einem fünfjährigen Ausbildungsgang für die ehrenamtliche und vollzeitliche Mitarbeit in Gemeinde und Mission vorbereitet.

Die Edition BSB macht Forschungsergebnisse von Dozenten und Studierenden des BSB einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich und möchte so der christlichen Gemeinde im deutschsprachigen Europa dienen.

Bibelseminar Bonn

Ehrental 2-4

53332 Bornheim/Bonn

www.bsb-online.de

Dedicated to Dr. Paige Patterson, President of Southwestern Baptist Theological Seminary, on the occasion of his 70th birthday in October 2012 with

Inhalt

Vorwort

Biblisch-Theologisches

Helmuth B. Pehlke

Die Bibel: eine Heilige Schrift – zwei Teile

Systematisch-Theologisches

Thomas Sören Hoffmann

Sterbehilfe – Wer hilft hier wem?

Friedhelm Jung

Scheidung und Wiederheirat-Was sagt die Bibel?

Dietmar Schulze

Gott schuf sie als Mann und Frau – Gender-Mainstreaming im Licht der Bibel

Friedhelm Jung

Homosexualität im Spannungsfeld von Gesellschaft und Gemeinde

Thomas Schirrmacher

Internetpornografie - Verbreitung und psychologische Folgen

Heinrich Klassen

Ein Christ hat kein Recht auf Gewaltanwendung – Grenzen der Gewaltlosigkeit

Friedhelm Jung

Macht und Reichtum aus Gottes Sicht

Jürgen von Hagen

Gott im Betrieb erkennen

Historisch-Theologisches

Johannes Dyck

Orientierung, Navigation und Geschichte

Praktisch-Theologisches

Friedhelm Jung

Wie können wir psychischen Krankheiten vorbeugen?

Internetseiten

Autoren

Vorwort

Es hat in der Geschichte nur wenige Zeiten gegeben, in denen eine so große Orientierungslosigkeit geherrscht hat wie heute. Die Menschen wissen nicht mehr, was richtig und falsch ist. Sie sind hin und her gerissen zwischen ungezählten Angeboten, die in unserer pluralistischen Gesellschaft gegeben werden. Die Kirchen haben längst ihre prägende Kraft verloren. Nicht zuletzt die Missbrauchsfälle, die es sowohl in der katholischen wie in den evangelischen Kirchen gegeben hat, haben mit dazu beigetragen, dass die Austrittszahlen gestiegen sind und die Glaubwürdigkeit der Kirchen sehr gelitten hat. Auch von der Politik wird kaum noch etwas erwartet. Politiker gelten in den Augen vieler als machtbesessen, die in erster Linie für sich selbst sorgen, aber nicht für ihre Wähler. Umso mehr lassen sich die Menschen heute von den Medien manipulieren. Sie sind längst die stärkste Macht im Staat geworden. Die Medienschaffenden sind zu einer nicht geringen Zahl antikirchlich und antichristlich eingestellt. Die wenigen Beiträge zu Bibel und Kirche, die es noch in den Medien gibt, sind meist kritisch bis ablehnend. Über Skandale in der Kirche wird ausführlich berichtet; das viele Gute, das immer noch geschieht, wird nicht erwähnt. Viele Medienleute machen keinen Hehl daraus, das Christentum abschaffen zu wollen. Es gilt als nicht zeitgemäß und den Fortschritt hindernd.

Die Gesellschaft ist multikulturell und multireligiös geworden. Postmoderne Ideologen fordern, keine Religion und keinen Lebensstil mehr als die absolute Wahrheit anzuerkennen. Jeder kann glauben, was er will, und leben, wie er will, sofern er bestehende Gesetze nicht bricht. Doch in Wahrheit überfordert diese Pluralität den Menschen. Wir sind so gestrickt, dass wir einen festen Rahmen und klare Orientierung brauchen. Millionen von psychisch kranken und am modernen Leben gescheiterten Menschen beweisen dies. Viele Menschen lechzen wieder nach Werten. Sie suchen ein sicheres Fundament, auf dem sie ihr Lebenshaus aufbauen können. Sie fragen: Was sollen wir glauben und wie können wir leben?

In diesem Buch sind Aufsätze und Vorträge von Dozenten und Freunden des Bibelseminar Bonn zusammengestellt, die Orientierung geben wollen. Sie beschäftigen sich mit praktischen Lebensfragen, geben aber auch Antwort auf zentrale Glaubensfragen. Widmen möchten wir dieses Buch Dr. Paige Patterson zu seinem 70. Geburtstag. Ihm ist es seit Jahrzehnten ein ganz besonderes Anliegen, Orientierung anhand des Wortes Gottes zu geben. Paige Patterson wurde am 19. Oktober 1942 in Fort Worth, Texas, geboren, wo sein Vater gerade seine theologische Dissertation abschloss. Paige Patterson erhielt seine theologische Ausbildung am New Orleans Baptist Theological Seminary; dort erwarb er sowohl einen Master in Theology als auch einen Doktor in Philosophy. Er arbeitete als Pastor in verschiedenen Gemeinden, war 17 Jahre Präsident des Criswell College in Dallas sowie 11 Jahre Leiter vom Southeastern Baptist Theological Seminary in Wake Forest und wurde in dieser Zeit eine der führenden Gestalten in der Southern Baptist Convention (SBC), der mit 16 Millionen Mitgliedern größten protestantischen Kirche in den USA. Zweimal war er Präsident dieses Kirchenverbandes. Zusammen mit anderen kämpfte er darum, dass die SBC, die im Laufe der Jahre immer liberaler geworden war, wieder zum biblischen Glauben zurückfand. Vor allem die Neuformulierung des Glaubensbekenntnisses („Baptist Faith and Message“) im Jahr 2000 signalisierte, dass der südliche Baptistenbund bereit war, sich neu für ein konsequent bibeltreues Denken und Lehren einzusetzen.

Paige Patterson ist ein Mann mit Vision und einem großen Herzen für die Weltmission. Zusammen mit seiner Ehefrau Dorothy hat er viele Länder bereist und Anstöße zur Mission und Evangelisation gegeben. Nachdem er 2003 zum Präsidenten von Southwestern Baptist Theological Seminary gewählt worden war, besuchte er schon ein Jahr später das Bibelseminar Bonn und zeigte großes Interesse an einer Zusammenarbeit. Pattersons Ziel ist, im weithin theologisch liberalen Deutschland bibeltreue Theologie zu fördern. Deshalb startete er in Zusammenarbeit mit dem Bibelseminar Bonn im Jahr 2005 einen Masterstudiengang auf dem Campus des BSB. Junge Menschen erhalten hier eine konsequent an der Heiligen Schrift ausgerichtete akademische Ausbildung, die sie befähigen soll, Gemeinde Jesu im In- und Ausland zu bauen.

Die Schulleitung und Dozentenschaft am Bibelseminar Bonn möchte Dr. Paige Patterson mit dieser Festschrift ehren und ihm einen ganz herzlichen Dank für seine Verbundenheit und Unterstützung in vielerlei Hinsicht aussprechen. Mögen ihm und seiner Ehefrau Dorothy noch viele Jahre vergönnt sein, um das Evangelium unseres Herrn Jesus Christus durch Wort und Tat zu bezeugen.

Danken möchte der Herausgeber an dieser Stelle auch allen Autoren sowie meinem Kollegen Dr. Dietmar Schulze, der sich viel Zeit für eine kritische Durchsicht des Manuskripts genommen hat. Unser Gebet und Wunsch ist, dass die Beiträge dieses Buches für die christlichen Gemeinden hilfreich und nützlich sein mögen.

Bornheim/Bonn, im Oktober 2012

Der Herausgeber

Die Bibel:eineHeilige Schrift –zweiTeile

Helmuth B. Pehlke

1. Die allgemeine Bedeutung des AT

Es gibt ein großes Missverständnis unter Christen: Die eigentliche Bibel des Christen sei das Neue Testament. Die Botschaft Jesu und das Bekenntnis der ersten Christen seien im Neuen Testament erschöpfend behandelt. Das Alte Testament wird als veraltetes, durch das Neue Testament überholtes und ersetztes Dokument betrachtet. Denn Altes wird durch Neues ersetzt. Das ist nichts Besonderes, wenn man es als historische Reihenfolge auffasst. Problematisch wird es jedoch, wenn man einen rein inhaltlichen Bezug sieht. Diese Negativassoziation wird noch dadurch verstärkt, dass der biblische Bundesbegriff durch das Wort „Testament“ wiedergegebenen wird, der aus der lateinischen Übersetzung, der Vulgata, hergeleitet wurde. Der juristische Hintergrund des Begriffs „Testament“ verstärkt den negativen Bezug zwischen alt und neu, denn das Testament ist eine letztwillige Verfügung, die das Alte außer Kraft setzt. Die Kirchengeschichte hat auch gezeigt, dass das Christentum immer wieder versucht hat, das Spezifische und Eigene des Christentums ausschließlich vom Neuen Testament her zu bestimmen.

Natürlich wird die Glaubenswelt des Christen zunächst durch die Botschaft des Neuen Testaments geprägt. Das ist aber keine Abwertung des Alten Testaments. Denn das Neue Testament gäbe es ohne das Alte Testament nicht, weder formal noch inhaltlich. Deshalb ist es für den Christen unerlässlich, um die Botschaft des Neuen Testaments besser zu verstehen, Zugang zum Alten Testament zu suchen.

1.1. Die frühchristliche Verkündigung basiert auf dem AT

Häufig, und besonders unter Evangelikalen, findet man ein graduelles Inspirationsverständnis: Das Alte Testament sei weniger inspiriert und habe deshalb eine mindere Qualität als das Neue Testament. Wenig wird darüber nachgedacht, dass Paulus in 2. Tim 3,16-17 schreibt: „Alles, was in der Schrift steht, ist von Gott eingegeben und förderlich zur Lehre, zur Überführung von Schuld, zur Wiederherstellung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch, der Gott angehört, allen Anforderungen gewachsen ist, zu jedem guten Werk ausgerüstet“. Mit „alles, was in der Schrift steht“ meinte der Apostel Paulus in erster Linie das Alte Testament, denn die meisten Schriften des Neuen Testaments waren bisher nur in Teilen vorhanden oder es gab sie noch nicht.

In christlichen Kreisen wird wenig, wenn überhaupt, darüber nachgedacht, was Philippus auf dem Weg von Jerusalem nach Gaza dem äthiopischen Finanzbeamten sagte, als dieser Jes 53, 7-8 laut las: „Er wurde misshandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf wie das Lamm, das zur Schlachtung geführt wird und wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern; und er tat seinen Mund nicht auf. - Aus Drangsal und Gericht wurde er hinweggenommen. Und wer wird über sein Geschlecht nachsinnen? Denn er wurde abgeschnitten vom Lande der Lebendigen. Wegen des Vergehens seines Volkes hat ihn Strafe getroffen“. Als der Beamte dies nicht verstand, sagte Philippus zu ihm nicht: Das ist Jesus, von dem der Prophet hier spricht. Sondern Philippus nimmt die Aussagen des Propheten Jesaja als Basis für die Verkündigung des Evangeliums (Apg. 8,35): „ Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit dieser Schrift an und verkündigte ihm das Evangelium von Jesus“. D. h. das Alte Testament diente den ersten Christen als Basis für die Verkündigung des Evangeliums. Die Erzählungen über Jesus, seine Lehre und seine Taten, werden auf dem Hintergrund des Alten Testaments gedeutet.

1.2. Das NT ist kein selbstständiges Buch

Ferner bedeutet es, dass das NT niemals als eigenes, selbstständiges Buch konzipiert worden ist. Die christliche Bibel besteht und bestand immer aus zwei Teilen. Das NT als zweiter Teil macht von der gesamten Bibel etwa 20 Prozent aus. Die Schreiber des NT haben die Bibel des Judentums, die auch die Bibel Jesu und der Apostel war, nie abgeschafft oder durch die Schriften, die von Jesus handeln und ihn als Messias verkündigen, ersetzt. Das Christentum begann nicht mit einer eigenen Offenbarungsurkunde. Auch wurden in die Heilige Schrift des alten Israel die Eigenschaften des christlichen Bekenntnisses nicht eingetragen; sie wurde nicht christianisiert. Das Christentum hat auch nicht das Umgekehrte getan, aus der Bibel Israels das herauszunehmen, was christlich relevant sei, und dieses in ein neues Buch einfließen lassen, so wie es später der Koran getan hat. Die Christenheit behielt auf Dauer die Schriften einer anderen, wenn auch verwandten, Religion bei. Ohne das Alte Testament wäre die Offenbarung Gottes in Christus für die damaligen Zeitgenossen nicht begreifbar und auch nicht sagbar gewesen. Um das Christusgeschehen als Heilsereignis zu verstehen, bedurfte es der alttestamentlichen Heilsgeschichte. Der Schreiber des Hebräerbriefes hat verstanden, dies recht eindeutig darzulegen.

Das Christentum hat den schwierigsten Weg gewählt. Es brachte eine Heilige Schrift in zwei Teilen hervor, wobei der erste Teil ohne Veränderungen übernommen wurde. Die christliche Bibel ist also zweigeteilt. Sie ist als Bibel des Alten und Neuen Testaments zu denken und zu verstehen. Jeder Versuch, dies aufzulösen, ist eigentlich ein Versuch, das Christentum aufzulösen. Um die Aktualität des Alten Testaments zu wahren, wäre es wohl besser, vom Alten Testament als vom ersten Testament zu sprechen und vom Neuen Testament als vom zweiten Testament.

1.3. Die Reihenfolge der Testamente

Die zweigeteilte christliche Bibel ist nicht willkürlich zusammengestellt worden, sondern folgt einem klaren Anordnungsprinzip, das für das Verstehen wichtig ist. Das Alte Testament ist an den Anfang gestellt, das Neue Testament ist angefügt worden.

Aus diesem Anordnungsprinzip ergibt sich nicht nur die sachlich notwendige Leserichtung – von vorne nach hinten – sondern gleichzeitig auch die Interpretationsrichtung. Dieses Anordnungsprinzip gilt auch für die Bücher des Alten Testaments und des Neuen Testaments. In vielen anderen antiken Literaturwerken ist das Gleiche zu beobachten. Das Nachgeordnete ist im Lichte des Vorangestellten zu lesen und zu verstehen. Das hat die Konsequenz, dass das Neue Testament im Lichte des Alten zu lesen und zu verstehen ist. Das Christusgeschehen gibt uns den Höhepunkt des Tuns Gottes. Deshalb ist das Alte Testament mehr als ein bloßer Vorläufer bzw. Vorwort zum Neuen Testament. Wer Jesus für sie war, haben die ersten Christen aus dem Alten Testament, der Bibel Israels, und aus der Verkündigung der Apostel erschlossen, die auf dem Alten Testament fußte. Das erste Testament haben sie nicht als Vorläufer ihres eigenen Evangeliums, sondern als dessen Grundlage gesehen und gelesen. Es war für sie der maßgebliche Sprach- und Auslegungshorizont. Dieses urchristliche Verständnis und die damit verbundene Auslegung des Alten Testaments gehören deshalb zum Ursprung christlicher Theologie und sind ihr nicht nachträglich aufgepfropft worden. Beide Testamente bezeugen die göttliche Realität des gleichen Gottes, des Vaters Jesu Christi. Jesus selbst verweist in seinen Reden und Taten auf diese Basis. Das Alte Testament bezeugt den Gott, der uns in Jesus Christus begegnet.

1.4. Die allgemeine Verbindlichkeit des AT

Da die christliche Heilige Schrift aus zwei Teilen besteht, und nur aus zwei Teilen, besteht auch eine Ausschließlichkeit der Beziehung zwischen beiden Größen. Es kann keine dritte Bezugsgröße mehr hinzutreten. Die Verbindlichkeit des ersten Testaments besteht auch darin, dass die christliche Bibel einen für alle christlichen Kirchen verbindlichen Kanon beinhaltet. Die Texte bzw. Bücher in dieser Sammlung haben sachlich zwingend einen Verbindlichkeitsanspruch, weil sie sich selbst als Wort Gottes bezeichnen. Verbindlichkeit gibt es nie abstrakt, sondern immer nur konkret. Die verbindlichen Texte erheben einen Anspruch, der dem zeitübergreifenden Anspruch Gottes in der Welt Geltung verschaffen will. Denn Gott ändert sich nicht, er ist immer der gleiche, nur die Art und Weise seiner Mitteilung ändert sich (Hebr. 1,1-4). Die Art und Weise der göttlichen Kommunikation passt sich der jeweiligen Situationen an. Das bedeutet auch, dass das zweite Testament dem ersten nicht widerspricht, sondern es bestätigt. Hier ist besonders die Beweisführung des Apostels Paulus in Römer 3 zu beachten. Dort beweist er die allgemeine Sündhaftigkeit der Menschen ausschließlich durch Zitate aus dem Alten Testament. Das Neue Testament führt unter einer neuen Heilsgeschichte das fort, was im Alten Testament über Gott, Welt und Menschen gesagt ist. Ein vom Alten Testament getrenntes Neues Testament kann in seinem eigenen Anspruch nicht bestehen.

1.5. Schwierigkeiten im Verstehen des AT

Schon im ersten christlichen Jahrhundert machte sich ein spannungsvolles Verhältnis der Christenheit zum AT bemerkbar. Es ist durch Aufnahme und Widerspruch, Nähe und Ferne, Ja und Nein, Übereinstimmung und Nicht-Übereinstimmung gekennzeichnet. Das AT enthält vorbehaltlos Nachsprechbares und kaum Nachvollziehbares.

In vielen Teilen ist das AT ein geschätztes Buch, in anderen Teilen ist es mehr oder weniger umstritten. Selbst bei aktiven Mitarbeitern in der Gemeinde ist der marcionistische Ansatz immer wieder zu beobachten. Marcion, ein reicher Reeder und Kaufmann und Sohn des Bischofs von Sinope, wurde von der römischen Gemeinde um 144 n. Chr. wegen seiner Irrlehren ausgeschlossen. Er hatte versucht, das Christentum von seinen jüdischen Wurzeln zu trennen und das Neue des christlichen Glaubens in Antithese zum Judentum zu bestimmen. Er war der Meinung, dass im Evangelium sich ein neuer bis dahin unbekannter Gott der Liebe und Güte offenbart, der von Jesus als Vater verkündigt wird. Der Gott des Alten Testaments und der Gott Jesu haben nach Marcions Ansicht nichts miteinander zu tun. Es wurden daraufhin (in Marcions Bibel) alle Verweise auf das Alte Testament aus dem Neuen Testament herausgenommen.

Der Christ war und ist nicht der Erstadressat des Alten Testaments, sondern der alte Israelit. Dies dürfen Christen nie vergessen. Die Jünger waren Juden, Israeliten, und haben ihre Heilige Schrift gelesen, um das, was ihnen mit Jesus von Nazareth widerfahren war, zu deuten und um ihn dann aufgrund ihrer Heiligen Schrift, dem Alten Testament, als Messias (Christus) zu verkündigen - so wie Philippus es auf dem Weg von Jerusalem nach Gaza tat.

Das Neue Testament ist in einem Zeitraum von ca. 100 Jahren entstanden. Es ist in einer indoeuropäischen Sprache, Griechisch, geschrieben worden. Die Umwelt des Neuen Testaments ist uns nicht fremd, weil unser westliches Schulsystem auf den Lehren der griechischen und römischen Antike beruht und auch an den Schulen gelehrt wird. Athen, Korinth, Thessaloniki, Kreta und Zypern sind bekannte Namen, und viele sind bereits dort gewesen. Dagegen sind die geografischen Gegebenheiten des Alten Testaments für uns als Europäer häufig nicht vorstellbar.

Wer kennt schon Ninive oder Elam oder Zoar oder Theben? Die meisten Bibelleser wissen nicht, wo Hazor liegt und weshalb es die mächtigste Stadt der Kanaanäer war. Das alles führt dazu, dass, wenn das Alte Testament überhaupt gelesen und beachtet wird, dieses sehr selektiv geschieht. Aber Gottes Wort schwebt nicht in einem Vakuum.

Im Gegensatz zum Neuen Testament ist das Alte Testament in einem Zeitraum von ca. 1000 Jahren mit wechselnden geschichtlichen und kulturellen Rahmenbedingungen entstanden. Fremde und wechselnde Kulturen (Ägypten, Babylonien, Assyrien, Syrien) haben das alte Israel beeinflusst. Das erste Testament ist in einer fremden Sprache, semitisch, und nicht in einer indoeuropäischen geschrieben worden. An vielen Stellen des Alten Testaments begegnen uns eine fremde Denkweise und eine fremde politische Kultur. Die historischen Hintergründe vieler alttestamentlicher Bücher bleiben für uns verborgen - es sei denn, wir bemühen uns, sie herauszufinden - und damit auch häufig die Botschaft dieser Bücher, denn Gott handelt und spricht nicht in ein historisches Vakuum hinein, sondern immer in eine bestimmte historische Situation. Gottes Wort ist auch kein Zauberwort, das man unabhängig vom historischen und literarischen Kontext gebrauchen kann. Gottes Wort ist mit dem Anfang der Menschheit und dem Anfang und der Fortdauer der Geschichte Israels unverbrüchlich verbunden. Man kann Gottes Wort nicht von der Geschichte der Menschheit trennen. Wenn Gott spricht, spricht er immer in eine bestimmte historische Situation hinein.

1.6. Die Aktualität des AT

Gerade die Erzählungen des Alten Testaments zeigen, wie schwierig es ist, in einer heidnischen Umwelt als Volk Gottes zu leben. Die Versuchungen waren für den jungen, gut aussehenden und begabten Josef sicherlich verlockend. Jedoch seine Hingabe an die Ordnungen seines Gottes bewahrte ihn davor, ihnen nachzugeben. Um vor seinem Gott rein zu bleiben, nahm er sogar eine ungerechtfertigte Gefängnisstrafe in Kauf. Etwas Ähnliches fehlt im Neuen Testament. Wir haben viele Anweisungen für den Christen und für die Gemeinden im zweiten Testament, aber kaum Illustrationen, die zeigen, wie schwierig es sein kann, die Anweisungen im alltäglichen Leben umzusetzen. Das Alte Testament mit seinen vielen Erzählungen scheint da lebensnäher zu sein als das Neue Testament.

Auch bei vielen aktuellen Fragen, die in unserer heutigen Zeit heftig diskutiert werden und für unsere Gesellschaft wichtig geworden sind, müssen wir feststellen, dass das Neue Testament dazu schweigt. Z.B. zum Umgang mit der Natur, zum Verhältnis Mensch-Tier, zur Stellung und Behandlung der Fremden usw. Bei diesen und ähnlichen Fragen sind wir auf das Alte Testament angewiesen. Die Autoren des zweiten Testaments haben sich zu diesen Fragen nicht geäußert, weil dazu bereits etwas in den Heiligen Schriften stand und weil ihr Interesse hauptsächlich auf die Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi ausgerichtet war.

Im Alten Testament finden wir die unterschiedlichsten Literaturgattungen und Erzählungen, die die unterschiedlichsten Leser ansprechen. In ihm finden wir Gebetstexte - wie viele haben doch durch die Psalmen beten gelernt -, weisheitliche Mahnsprüche, philosophische Erörterungen, Königsnovellen, Trauerlieder, Kriegsberichte, Geschlechtsregister - die für die Menschen der damaligen Zeit von großer Wichtigkeit waren –, Gesetze, Gottesdienstordnungen und anderes.

2. Das AT im NT

2.1.Die AT-Zitate im NT

Eine konservative Zählung ergibt 295 Zitate des Alten Testaments im Neuen Testament. Diese Zitate machen 352 Verse des Neuen Testaments aus, das sind ca. 14 Seiten des griechischen Neuen Testaments (Aland). Anders ausgedrückt: Wenn wir alle alttestamentlichen Zitate hintereinander aufschreiben würden, dann würde das halbe Johannesevangelium nur aus alttestamentlichen Zitaten bestehen, oder der Epheserbrief, der Philipperbrief und der Kolosserbrief zusammen wären dann nur eine Sammlung von alttestamentlichen Zitaten.

Es werden 278 verschiedene Verse des Alten Testaments zitiert: 94 Mal aus den fünf Büchern Mose, 99 Mal aus Geschichtsbüchern und Propheten, 85 Mal aus den übrigen Schriften des AT. Daraus entsteht der Eindruck, dass die Schreiber des Neuen Testaments annahmen, dass das gesamte Alte Testament bedeutungsvoll und für ihre Zeit anwendbar war (siehe Röm. 15,4; 4,23-24; 1. Kor. 10,6-11; 9,9-10).

2.2.Jesus und das AT

Für Jesus war das Alte Testament Gottes verpflichtendes Wort an ihn persönlich. Den Gott des Alten Testaments rief er als seinen Vater an. Vom Alten Testament her verstand er sich und auch seinen Auftrag. Nirgendwo im Neuen Testament lesen wir, dass er über manche Aussagen des Alten Testaments schockiert war. Es ist doch eigenartig, dass so manches Mal unsere christlichen Gefühle Ärgernis an den Berichten und Aussagen des Alten Testaments nehmen. Sind wir heute ethisch und religiös empfindsamer als Jesus es war? Vielleicht ist der Grund der Ablehnung des Alten Testaments auch darin zu sehen, dass wir das Alte Testament und seinen Gott anders sehen wollen als Jesus es tat. Vom Alten Testament her verstand Jesus seinen Vater und sich selbst (Lk. 24,25-27). Wenn wir den himmlischen Vater und seinen Sohn und dessen stellvertretenden Tod verstehen wollen, dann müssen wir das Alte Testament verstehen, es sei denn, wir wollen Jesus anders verstehen, als er selbst und die Schreiber des NT es taten.

Jesus beschuldigte die Sadduzäer, dass sie weder das AT noch die Kraft Gottes kennen würden (Mt. 22,29; Mk. 12,24): „Ihr betrügt euch selbst, ihr führt euch selbst in die Irre, weil ihr die Schrift nicht kennt noch die Kraft Gottes“. Mit anderen Worten, sie hatten von Gott keine Ahnung, weil sie das Alte Testament nicht kannten. In seiner Argumentation über die Auferstehung berief Jesus sich auf das Alte Testament als Basis seiner Ausführungen (vgl. Mt. 22,31-32 mit 2. Mo. 3,6).

In Mt. 5,17-19 (ähnlich Lk. 16,17) sagt Jesus eindrücklich, dass er nicht gekommen wäre, um das erste Testament aufzulösen. In Mt. 5,17 sagt er: „Denkt niemals daran, dass ich gekommen bin, das Gesetz und die Propheten außer Geltung zu setzen, sondern ich bin ihre Erfüllung “. Die Antithese besteht hier nicht zwischen „annullieren, für nichtig erklären“ und „halten“, sondern zwischen „außer Geltung setzen“ und „erfüllen“ (siehe auch Lk. 18,31-33; 21,22). Das griechische Wort, welches wir gewöhnlich mit „erfüllen“ übersetzen, bedeutet eigentlich „komplett machen, vollständig machen“, „eine Forderung, einen Anspruch erfüllen“.

Die Frage ist hier also nicht, in welcher Verbindung Jesus zum Gesetz steht, sondern welche Verbindung das Gesetz zu ihm hat. „Erfüllen“ bedeutet hier, den im ersten Testament bekannt gegebenen Gotteswillen zu verwirklichen. Das von Gott selbst bestimmte Maß der Forderung des Gesetzes und der Propheten wird voll erreicht. Es geht hier um die Verwirklichung des Gotteswillens, nicht nur nach der Seite der Zusage, sondern auch der Forderung.

Das heißt, Jesus zeigte durch sein Leben, was es bedeutete, ein echter Israelit zu sein. Er war das Beispiel eines echten Israeliten, wie Gott ihn haben wollte. Er war der Israelit par excellence. Wenn das Gesetz und die Propheten erfüllt sind, dann bedeutet es, dass sie mit ihrem Anspruch recht hatten. Die Wahrheiten und Forderungen des AT sind durch Christus bestätigt worden. Ohne diese Erfüllung in und durch Christus wäre das AT unvollständig gewesen. Das AT erfüllen bedeutet, dass das Gesetz und die Propheten von Jesus an den Rand gedrückt werden, weil er jetzt das Zentrum ist (Hebr. 1,1-4). Das bedeutet aber nicht, dass sie keinerlei Bedeutung mehr haben. Der gleiche, unwandelbare Gott handelt an und mit den Menschen, die immer die gleichen Probleme haben, im ersten wie im zweiten Testament. Das bedeutet eine Kontinuität zwischen beiden Teilen der christlichen Bibel, gleichzeitig aber auch eine Diskontinuität. Gott ist durch den Sinaitischen Bund ein besonderes Rechtsverhältnis mit Israel eingegangen. Dieser Bund wurde durch Jesus Christus erfüllt. Durch Christus stehen alle Menschen in einem neuen Verhältnis zu Gott. Deshalb kann ich nicht das AT durch die Brille des NT lesen.

In Mt. 19,4-5 schreibt Jesus Gott einen alttestamentlichen Satz zu, der in seinem alttestamentlichen Kontext nicht direkt von Gott ausgesprochen wurde. In 1. Mo. 2,24 ist es der Satz des Erzählers und nicht Gottes direkte Aussage.

An anderer Stelle sagt Jesus eindeutig, dass der menschliche Schreiber im AT vom Heiligen Geist inspiriert war (Mk. 12,36: „David selbst hat durch den Heiligen Geist gesagt…“; Mt. 24,15: „gesagt ist durch den Propheten Daniel…“). Es ist zu beachten, dass Jesus hier nicht auf das Buch des Propheten Daniel verweist. Es gehörte nach jüdischer Auffassung nicht zu den Prophetenbüchern, sondern zu den Schriften. Jesus verweist hier auf die Person des Propheten Daniel, was auch die griechische Satzstruktur deutlich macht. Daniel ist also das Instrument, durch das Gott sprach.

Diese uneingeschränkte Anerkennung des AT als autoritatives Wort Gottes durch Jesus hat sich dann bei den Schreibern des NT fortgesetzt. Für die Autoren des NT war das AT in Bezug auf ihre Autorität und damit verbunden ihre Argumentation unentbehrlich. Streicht man die AT-Zitate aus der Argumentation der neutestamentlichen Schreiber heraus, dann wird sie unverständlich. Ja, die gesamte Rechtfertigungslehre und Sündenvergebungslehre des Neuen Testaments bliebe unverständlich (siehe Röm. 3+4 und Hebr. 9+10).

2.3. Das AT wird im NT auf die eigene Situation angewendet

Das Alte Testament war nicht nur die Bibel für Jesus, sondern auch für die Urgemeinde. Für die neutestamentlichen Autoren war das Alte Testament Heilige Schrift. Es war die Grundlage ihrer Argumentation und Lehre. Das Alte Testament legitimierte für sie den neuen Weg in Christus. Die urchristliche Gemeinde hat das erste Testament ganz selbstverständlich übernommen und auf sich bezogen. Nirgendwo im Neuen Testament ist eine Andeutung zu erkennen, dass Jesus oder die Apostel das Alte Testament abgelehnt oder in seinen Aussagen in Zweifel gezogen oder es nicht als Wort Gottes anerkennt hätten. Gleich am Anfang des Neuen Testaments wird auf die Verbindung zum Alten Testament hingewiesen. Der erste Vers des Neuen Testaments fängt an mit: „Dies ist das Buch von der Geburt Jesu Christi, der da ist ein Sohn Davids, des Sohnes Abrahams“ (Mt. 1,1). „Sohn Davids“ bedeutet, dass durch ihn die Dynastie David fortgesetzt wird (2. Sam. 7, 16; Ps. 89,5.29-38), jetzt jedoch mit geistlichen Kriterien (Joh. 18,36). Die griechische Präposition, die hier im Johannes-Evangelium gebraucht wird, bezeichnet die Herkunft oder die Zugehörigkeit. D. h. in diesem Königreich wird nicht nach irdischen, weltlichen Prinzipien regiert, sondern nach himmlischen, göttlichen. „Sohn Abrahams“ bezeichnet nationale und internationale Interessen (1. Mo. 12, 2-3; 3. Mo. 26, 42). Etwas von internationaler Bedeutung wird bereits sichtbar in 1. Mo. 39,5: Der Pharao wird gesegnet durch Josef, einen Nachfahren Abrahams.

Nicht nur inhaltlich, sondern auch formal wird das Alte Testament im Neuen gespiegelt. So fängt z. B. die alttestamentliche Chronik mit einem Geschlechtsregister an, das die Geschichtsdarstellung des alten Israel bis hin zum König Saul umfasst. Ähnlich ist es auch im Matthäusevangelium, das auch mit einem Geschlechtsregister anfängt. Im Alten Testament steht häufig am Anfang einer neuen Epoche in der Geschichte Israels eine Kindheitserzählung (2. Mo. 2: Mose; 1. Sam. 1-3: Samuel). Auch in Matthäus und Lukas eröffnet die Kindheitsgeschichte Jesu eine neue Epoche in der Geschichte Gottes mit seinem Volk.

Durch den Gebrauch der Personalpronomen, mit denen die Schreiber des Neuen Testaments oft ihre AT-Zitate einleiten, wird deutlich, dass die Aussagen des Alten Testaments für die Autoren des Neuen Testaments und ihrer Zeit relevant waren. In Mt. 22,31 heißt es: „Was aber die Auferstehung der Toten betrifft: Habt ihr nicht gelesen, was zu euch geredet ist von Gott, der da spricht“. Das Zitat stammt aus 2. Mo. 3,6. Dort spricht aber Gott eindeutig zu Mose. In Mt. 15,7 (par. Mk. 7,6) sagt Jesus: „Heuchler! Treffend hat Jesaja über euch geweissagt, indem er spricht“. In Jes. 29,3 beschreibt Jesaja jedoch eine Situation aus seiner Zeit. Das Matthäusevangelium gebraucht bei den alttestamentlichen Zitaten häufig die Gegenwartsform (siehe 1,22; 2,15.17; 3,3; 4,14; 8,17; 12,17; 13,35; 21,4; 22,31; 27,9). In Apg. 13,47 sagen Paulus und Barnabas zu den Juden von Antiochia in Pisidien: „Denn so hat uns der Herr aufgetragen: Ich habe dich zum Licht der Heiden gesetzt, damit du zum Heil werdest bis an das Ende der Erde.“ In diesem Zitat aus Jes. 49,6 spricht Gott jedoch von seinem Knecht, vom Messias. Die Relevanz der Aussagen des AT für die Schreiber des NT wird nicht nur daran deutlich, dass sie in der Einleitung zum Zitat Personalpronomen gebrauchen, sondern auch daran, dass sie in der Zitatseinleitung die Gegenwartsform des Verbs benutzen anstatt der Vergangenheitsform, die man erwarten würde, und zwar 41 Mal. So auch in der Apostelgeschichte 7,48: „Aber der Allerhöchste wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind, wie der Prophet spricht“. Der Prophet sprach die folgenden Worte ca. 800 Jahre, bevor sie Stephanus in seiner großen Rede wiederholte. Auch in Röm. 10,16 gebraucht Paulus die Gegenwartsform: „Denn Jesaja spricht:, Herr, wer glaubt unserm Predigen?’“

Aus diesem allem kann man eigentlich nur eine Schlussfolgerung ziehen: Das Neue Testament kann nicht ohne das Alte existieren. Das Alte Testament war für Jesus und die Autoren des Neuen Testaments Gottes Wort, das sie in ihrem täglichem Leben und Glauben gebrauchten. Daraus ergibt sich die Aktualität des Alten Testaments für den Christen.

3. Die Interpretation des AT im Christentum

3.1. Der Vollsinn im AT

Es ist in diesem Rahmen unmöglich, alle Erfüllungen aufzuzählen. Auch können wir uns hier nicht ausführlich mit dem Problem des sensus plenior („Vollsinn“) beschäftigen. Deshalb hier nur eine sehr kurze Einführung: Unter sensus plenior versteht man eine im Wortlaut verborgene tiefere, auf das Christusgeschehen bezogene Bedeutung, die sich erst im Neuen Testament bzw. vom Neuen Testament her dem christlichen Bibelausleger erschließt.

Der Vollsinn ist die zusätzliche, tiefere Bedeutung eines Textes, der von Gott beabsichtigt, aber vom menschlichen Autor unbeabsichtigt in den Text hineingelegt worden ist. Dieser versteckte Sinn kommt erst dann an die Oberfläche, wenn ein biblischer Text im Lichte der weiteren Offenbarung Gottes im Neuen Testament studiert und verstanden wird. Die Debatte um den spirituellen Sinn des Alten Testaments ist im Katholizismus besonders in der Zeit zwischen dem ersten und zweiten vatikanischen Konzil geführt worden. Führend war hier Spanien, wo das neuscholastische Denken am längsten in Blüte stand. Aber auch im belgischen Leuven, in Jerusalem und in Baltimore wurde die Debatte lebhaft geführt. Die sensus plenior-Debatte ist der Versuch, die geschichtliche Perspektive eines biblischen Textes und die scholastische Inspirationslehre miteinander in Einklang zu bringen.

Die neuscholastische Inspirationslehre lehrt, dass Gott der Autor der Schrift ist und dass er die menschlichen Schreiber als seine Instrumente so benutzte, dass sie sich nicht immer bewusst waren, was sie schrieben. Auf der Grundlage dieser Lehre entwickelte die katholische Hermeneutik ein kompliziertes System vom drei- und vierfachen Schriftsinn: 1. Literalsinn (sensus littera) ist die wörtliche historische Auslegung. 2. Allegorese (sensus mysticus): Hinter dem wörtlichen Sinn des Textes gibt es einen versteckten geistlichen Sinn. 3. Tropologie (sensus moralis): Hinter dem wörtlichen Sinn versteckt sich ein moraltheologischer Sinn. 4. Anagogie (sensus anagogia): Hinter dem wörtlichen Sinn versteckt sich ein höherer Sinn, der sich auf die Endzeit bezieht. Alle Auslegungsarten waren dazu bestimmt, den alttestamentlichen Texten in irgendeiner Weise einen christlichen Sinn abzugewinnen. Das Verhältnis dieser verschiedenen Sinne zueinander versuchte man dann zu bestimmen. Eine Hauptunterscheidung betraf den Unterschied zwischen Wortsinn (buchstäblich) und „spirituellem“ Sinn (Vollsinn). Die Lehre vom sensus plenior ist also der Versuch, das Problem der theologischen Relevanz des Alten Testaments für den Christen zu lösen, denn sein Glaube ist zentral auf das Christusgeschehen im Neuen Testament gerichtet. Die heute gängigste Lösung des Problems der theologischen Relevanz ist die Annahme eines zweifachen Schriftsinns.

Es muss aber die Frage gestellt werden, ob ein über den Wortsinn hinausgehender verborgener Sinn dem Text ursprünglich überhaupt eigen war. Wird dieser verborgene Sinn nicht vielmehr erst durch spätere Erkenntnis oder Offenbarung hinzugefügt und ist somit ein sekundärer Sinn?