Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorne gelebt werden. (Søren Aabye Kierkegaard, 1813-1855) Erneut hat die Biographie-Gruppe Interviews mit Menschen aus der St. Jürgen-Zachäus- Gemeinde oder dem Bekanntenkreis geführt. Auch Erlebnisse aus dem eigenen Leben hat sie zu Papier gebracht. Wer hat uns zu dem gemacht, was wir sind? Menschen sind es, die unser Leben prägen: die beste Freundin, ein besonderer Lehrer, mutige Menschen des Widerstandes. Aber auch besondere Orte und Schauplätze beeinflussen unsere Biographie: Kinderspiele am Ufer des Niederrheins, der Geruch der alten Schule in Niendorf, das mit Flüchtlingen bewohnte Elternhaus der frühen Nachkriegszeit, Kindheit und Jugend am Ochsenzoll, eine spektakuläre Klassenreise ins frühlingsduftende antike Olympia. Die Autoren dieses Bandes haben einen bunten Reigen von lebendigen Orten und biographisch prägenden Menschen erstellt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 236
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Immer am Ball
Erziehung: Freiheit und Grenzen
1953 - Einschulung in die Volksschule Norderschule, Langenhorn Wie soll ein Mädchen sein
„Ein liebes Wort am frühen Morgen erfreut das Herz den ganzen Tag“
Eiderstedt - mit leichtem Gepäck
Jenseits von Eden ist diesseits von Getsemane. Und Getsemane ist überall - mit offenem Ausgang.
Ernst August: Nicht für die Schule, sondern für das Leben...
Dazugehören
Wie Gott mich führt, so will ich gehen
Wohin geht die Reise - Kinderspiele in den 50ern auf dem Dorf
Jugendwiderstand in der sowjetischen Besatzungszone und frühen DDR - ein Bericht
Ein Ohne ziemlich Kontrabass normales gelang Leben es – auch
Karin
Der Junge aus Uruguay
Dr. von Lindheim, mein Klassenlehrer von Klassse 11-13
...
und Herr Dabelstein wohnte im Badezimmer
Liebe Leserin, lieber Leser,
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern“ heißt es in einem Choral.
Auf unserem Lebensweg entscheiden wir vieles selbst. Ideen, Vorsätze und Wünsche treiben uns voran. Und doch: Schicksalhaftes wie eine Flucht oder eine berufliche Veränderung geben dem Weg eine ungeplante Wendung. Wie werden wir zu dem, was wir sind?
„Orte, die leben - Menschen, die prägen“ hat unsere Biographiegruppe ihr zweites Buch genannt: Das Tuten der Frachtschiffe am Niederrhein lässt die unbeschwerten Kinderspiele im Gedächtnis wach werden. Das thüringische Altenburg erinnert an den Widerstand von jungen Lehrern und Schülern gegen das kommunistische Unrecht der frühen Nachkriegszeit. Die Akropolis in Athen hält mir eine außergewöhnliche Klassenreise mit einem freundschaftlich-verehrten Lateinlehrer vor Augen. Der Langenhorner Bornbach murmelt von der Vorkriegs-Kinderzeit, in der man aus diesem Bach noch trinken konnte.
Ob es nun Kriegserlebnisse zwischen Preussisch-Holland (heute Pasłęk) und Sewastopol sind, oder das Aufwachsen in der vermeintlich „guten alten Zeit“, wo es aus heutiger Sicht doch an so viel Materiellem mangelte: Jedes Ereignis hinterlässt in uns Spuren und stellt Weichen, verändert uns. Mancher Wegbegleiter bleibt uns ein Leben lang ein Vorbild und in guter Erinnerung, mit anderen Begegnungen wiederum hadern wir.
Wir Mitglieder der Biographiewerkstatt sind in den vergangenen Monaten in vielen Gespräche — und nicht ohne viel Kuchen und Tee — der Frage nachgegangen, was uns eigentlich prägt. Wir sind dankbar, dass uns erneut so viele Menschen Einblick in ihre Lebensstationen und Weggabelungen gewährt haben. Auf teilweise sehr persönliche Fragen gaben sie bereitwillig Antwort. Auch autobiographische Texte aus unserer Gruppe haben wir hinzugefügt.
Auch diesen zweiten Band möchte die Gruppe ihren mutigen Interviewpartnern widmen.
Sie, liebe Leserin und lieber Leser, können mit diesem Buch in Gedanken einige Etappen mitgehen. Vielleicht erinnern Sie sich auch an lebendige Orte und prägende Wegbegleiter Ihres Lebens, an ein Leben, das unverwechselbar ist. Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre.
Wolfgang Peper
Von Kurt Rohde im Frühjahr 2015
Welche erste Erinnerung haben Sie aus ihrem Leben?
F. hat diese Frage erwartet, kann sie aber nicht beantworten. „Eigentlich kann ich mich nur schlecht an meine Kinderzeit erinnern“, sagt er mir.
Im Laufe des Gesprächs ändert sich das. Immer mehr Ereignisse fallen ihm ein und F. freut sich, dass es ihm gelingt, von einer Erinnerung zur nächsten zu springen, obwohl es dadurch kein chronologischer Ablauf seines Lebens wird.
Geboren wird er 1933 in Barmbek und groß wird er im Fuhlsbüttler Rugewisch, an der Grenze zu Langenhorn. Dass es noch Fuhlsbüttel war, ist für Kinder wichtig, schließlich gab es im nördlich liegenden Langenhorn die „Irrenanstalt“. F. hat noch zwei Schwestern, sieben Jahre älter die erste, sieben Jahre jünger die zweite, er wächst also eher als Einzelkind auf. Wenn er im Viertel Fußball spielt, taucht seine ältere Schwester auf und stellt ihn vor seinen Freunden bloß: Komm nach Hause, abtrocknen!
F. war beliebt in seinem Viertel, hatte viele Freunde. Wenn er beim Spielen hinfiel und weinen musste, so öffneten sich sofort Türen und jemand tröstete ihn. Er kannte sich in seinem Viertel aus. Mit allen Nachbarn grüßte er sich und konnte – obwohl noch so jung – einen „Schnack“ abhalten.
1939 wurde er Schüler der Süderschule. An seinen Schulleiter kann F. sich noch erinnern. Nazi war er und konnte seinen Schülern mit einem über den Köpfen kreisenden Stock, der bei dem Schüler niedersauste, der die nächste Frage beantworten sollte, Angst einjagen.
Fuhlsbüttel und Langenhorn blieben während des Krieges weitgehend von Fliegerangriffen verschont. Im Keller der Süderschule und im Keller des elterlichen Hauses im Rugewisch wurde ausgeharrt, wenn es denn doch einmal Fliegeralarm gegeben hat. Im Elternhaus ist es die Mutter, die sich um die drei Kinder kümmert.
Der Vater, wie auch schon der Großvater, war „Sozi“. Vater arbeitete im Hafen als Tallymann. Das Hafenarbeitermilieu war vorwiegend „rot“ und Gegner der NS-Ideologie. Dennoch meldete sich der Vater nach Kriegsbeginn freiwillig – er konnte sich dadurch die Waffengattung aussuchen – und wurde zur Marine nach Swinemünde eingezogen. Dort wusste man bald von seinen Fähigkeiten als Tallymann und er wurde Oberlagermeister im Hafen von Swinemünde. F. verbrachte die sechswöchigen Schulferien bei seinem Vater. Er erinnert sich: „Ich war vorwiegend auf mich allein gestellt. Herumstromern am Hafen und Strand, Essen fassen in der Hafenkantine, mit Erwachsenen Kindergespräche führen – so waren meine Ferien ausgefüllt. Ich kannte mich in Swinemünde gut aus und man kannte mich, den Sohn vom Oberlagermeister. Bei der Abreise freute ich mich schon auf das kommende Jahr“.
Noch nicht 10 Jahre alt, war das Leben für F. frei von Sorgen um Leben und Gesundheit, der Krieg fand für ihn nicht statt und er wurde nicht davon belastet. Er sah aber, dass sich seine Mutter in diesen Zeiten für das Haus und ihre drei Kinder unglaublich einsetzen musste. Diese Erinnerung an die „starke“ Mutter hat er sein Leben lang behalten.
Zu Hause wurde häufig bei entsprechenden Anlässen nicht geflaggt, mit Freundinnen wurde im Haus der britische Sender gehört, der Abstand zum NS-Regime war deutlich, Es gab sogar Streit mit dem Blockwart; diesen Streit durfte man nicht eskalieren lassen, denn es hieß: „Ich kann euch wegbringen lassen“. Im Keller stand vom Vater eine 12-hunderter Harley Davidson mit Beiwagen. Dieses Motorrad sollte natürlich requiriert werden, aber die Mutter werkelte an dem Gefährt herum, so dass es nicht mehr fahrtüchtig war. Dennoch kommt F. zum Jungvolk und erinnert die Drangsalierung durch die jugendlichen Leiter. Nach dem Krieg senken sie die Köpfe, wenn man ihnen in Fuhlsbüttel begegnet.
Der Krieg war vorbei und der Vater kam aus kurzer britischer Gefangenschaft in Neustadt/Ostsee mit einem Fahrrad zurück. Er war rechtzeitig aus Swinemünde per Schiff über die Ostsee geflohen. Noch war F. Schüler der Süderschule. In der Nähe vom Rugewisch stand in der Langenhorner Chaussee 91 der Gasthof „Zum Deutschen Eck“ (heute Airport Hotel). Dort wurden Engländer einquartiert. Im Gasthof gab es auch eine Kegelbahn, die von den Engländern gerne genutzt wurde. F. stellte dort die Kegel auf und verdiente so ein wenig Taschengeld. Außerdem, das belastet ihn bis heute schwer, sammelte er Kippen der Engländer für seinen Vater. Ob er deshalb wohl nie zum Raucher wurde?
Ebenfalls um die Ecke vom Rugewisch gab es das Pferdefuhrwerk August Kahl. F. durfte auf dem Kutschbock sitzen, half im Stall und durfte die tollen Pferde zur nächstgelegenen Weide reiten – natürlich ohne Sattel. Weitere Anlaufpunkte für den 14jährigen F. in der Fuhlsbütteler und Langenhorner Umgebung waren die Ländereien von Bauer Bunte und der Gasthof von Claus Remstedt „Zum ländlichen Verkehr“. Man kannte F. in Langenhorn, er war weiterhin beliebt und er ging auf jeden freundlich zu.
Nach Beendigung der Schule gab es das berühmte Gespräch mit dem Vater: „Der Jung muss was lernen!“, und F. stellte sich als Lehrling bei der Spedition Koch & Reimers vor. Vater hatte ihm den Vorstellungstermin verschafft. Koch & Reimers waren in der Nähe der Gemüsehallen beheimatet. F. sagt heute: „Das erste Lehrjahr war eine Katastrophe.“ Er machte so viele Fehler, dass nur die schützende Hand des Chefs ihn vor dem Hinauswurf bewahrte. F. spricht von ihm als herzensguten Menschen, belesen, gebildet, Meister vom Stuhl an der Loge und immer bemüht, F. doch noch zu einem guten Speditionskaufmann auszubilden. Und F. enttäuschte ihn nicht. Im zweiten Lehrjahr erfolgte die Wende zum Guten. F. liebt seinen Beruf, er macht ihm inzwischen Spaß und er wird immer selbstständiger — auch weil er in viele Bereiche eingebunden wird. Er kennt inzwischen viele Mitbewerber am Markt, kann mit ihnen freundlich umgehen und erfährt überall Hilfe. So gelingt es ihm häufig, doch noch Frachtraum für Sendungen zu erhalten, mit dem keiner mehr gerechnet hat. Im Bahnhof Klosterstern steigt zufällig Uwe Seeler in die U-Bahn in der auch F. sitzt, auch Uwe wird zum Speditionskaufmann ausgebildet. Die beiden kommen ins Gespräch und sehen sich nun regelmäßig in der U-Bahn. Vater Erwin Seeler taucht im Kontor von Koch & Reimers auf, weil es geschäftliche Verbindungen gibt. Seeler sichert F. zu, ihm bei Problemen zu helfen. F. kommt natürlich zugute, dass er Platt verstehen und auch sprechen kann, der Jargon im Hafen bereitet ihm keine Schwierigkeiten. F. baut an seinem Netzwerk, ohne zu wissen, wie er es nutzen will. Er erinnert sich aber auch an zwei Begebenheiten, in denen er zu weit geht, aber wieder Glück hat:
Fast alle Gänge werden zu Fuß mit der Schottschen Karre oder mit dem Fahrrad plus Anhänger gemacht. F. kennt sich im Hafengebiet und den angrenzenden Stadtteilen aus. Am Mönckebergbrunnen tritt ein Vogelstimmenimitator auf und F. ist so fasziniert, dass er die Zeit vergisst. Die Tochter vom Chef stellt ihn ob seiner Verspätung zur Rede. F.: „Haben die Weiber hier auch was zu sagen?“ Geistesgegenwärtig entschuldigt er sich bei ihr, sein Chef trifft keine weiteren Sanktionen.
Den Sohn vom Chef, mit Vornamen Hans, tituliert er als „Hans Wurst“, auch dies bleibt ohne Folgen für ihn. Stattdessen wird seine Ausbildungsbeihilfe verdoppelt und sein Verantwortungsbereich erweitert. F. kümmert sich um die Liebesgabenpakete aus Brasilien – vergleichbar mit den Care-Paketen aus den USA. Seine Firma ist seine Heimat, die Mitarbeiter werden zu einer zweiten Familie. Deshalb trifft es ihn, als sein Vater sagt: „Ich brauche dich bei mir!“ F. sagt: „Ich geh nicht zu meinem Chef, um meine Kündigung einzuleiten“. Vater muss das Gespräch führen, F. ist traurig, seinen Arbeitsplatz bei Koch & Reimers verlassen zu müssen. Parallel zur Ausbildung beginnt sein Engagement im Sport. Als Jugendlicher hat er Handball gespielt. Vorbild war auch „Atom-Otto“ Maychrzak, der in Langenhorn wohnte. Handball war zur damaligen Zeit vorwiegend Feldhandball. F. war schnell und konditionsstark, er konnte das Feld von Torkreis zu Torkreis zügig überwinden. 1949 konnte er den RSV Mülheim bewundern, der mit 7:6 nach einer Verlängerung Deutscher Feldhandballmeister in Hamburg gegen den SV Polizei vor 25.000 Zuschauern auf dem Sportplatz Rotherbaum wurde.
Dann spielt F. erfolgreich Fußball. Nachdem er aber nicht mehr für die Ligamannschaft berücksichtigt wird – F. sagt „unberechtigt“ – gründet er beim LTSV die 3. Herrenmannschaft. Er kümmert sich um alles. Es gibt Ausfahrten mit Übernachtungen, Anreize zum Gewinnen (Kartoffelsalat mit Würstchen), Feiern auf einer Barkasse – F. organisiert, gibt eigenes Geld hinzu und besorgt Zuschüsse. Die Firma Gerd Buss spendiert ihm eine Barkasse für die Fahrt elbaufwärts, nur den Schipper muss man bezahlen. Solche Aktionen werden in Hamburg bekannt. Horst Frese berichtet im Hamburger Abendblatt über die „Kleinen“ im Fußballsport, F. und seine Fußballer werden auch erwähnt. F. spielt inzwischen nicht mehr selbst, er „lässt spielen“ und sorgt dafür, dass alle zu einer eingeschworenen Fußballtruppe werden.
Beruflich geht es im Hafen weiter. In der kleinen Firma seines Vaters, die Ladungen kontrolliert, wird F. Teilhaber. Seine Arbeit macht ihm viel Freude. Doch der Hafen ist im Umbruch. Die Liegezeiten der Frachter müssen verringert werden, die Reedereien bauen Druck auf, die Stauereien kontrollieren sich ab sofort selbst und für die Firma seines Vaters gibt es nur noch wenige Aufträge. Das Aus der Firma steht bevor. Man findet eine Anschlussarbeit, doch nur für einen von beiden. F. lässt seinem Vater den Vortritt, denn F. setzt auf sein Netzwerk. Bei „Wilhelmsburg 09“ kennt er den Vorsitzenden, der stellt F. in die Firma Hansamatix ein. Hansamatix vertreibt Mineralöle und betankt vorwiegend Schiffe im Hafen. F. fährt nun jeden Morgen nach Wilhelmsburg, wo er kurz vor sieben Uhr zu erscheinen hat. Er ist zuständig für Bunkerschiffe, die Frachter betanken. Ein spannender Job, hat er doch auch viel mit Mathematik zu tun. Schiffsdiesel musste angemischt werden, die Tanks sollten maximal gefüllt werden und deshalb musste die Ausdehnung des Treibstoffgemisches bei verschiedenen Temperaturen berücksichtigt werden. Es ist eine anspruchsvolle Tätigkeit, die F. aber nur knapp zwei Jahre durchhält.
Die Firma Hansamatix baut immer stärker auf Familie und Freunde des Chefs. Qualität und Verträglichkeit der Mitarbeiter lassen nach. F. kann nur noch bedingt selbstständig arbeiten — ein Umstand, der ihn besonders belastet. Er will also weg von Hansamatix. Wohin?
Inzwischen ist F. verheiratet, bis heute übrigens immer noch mit derselben Frau. Mehr als 50 Jahre Ehe haben sie mittlerweile gemeinsam bestritten. Zurück zur beruflichen Situation: Der Schwiegervater hat einen Handel mit Tauwerk und Drahtseilen. F. steigt in die Firma ein. Sein Netzwerk im Hafen wirkt sich positiv für den Handel mit Tauwerk und Seilen aus. Er verkauft Baggerseile an Gerd Buss. Bei Verhandlungen gilt es, durch den richtigen Preis den Zuschlag zu erhalten. Dies bedeutet, dass die Rabatte der Konkurrenzunternehmen zu überbieten sind. F. hört, 38% Rabatt müssten es schon sein, er liest über Kopf in den Protokollen des Verhandlungspartners von Buss aber 32%, man einigt sich auf 34%. Weitere Verbindungen werden für die Firma genutzt: Die Hansa Linie braucht Laschdraht – F. liefert. F. „kann“ mit allen und jedem, man kann ihm selten etwas abschlagen. Er ist wohl auch ein gewiefter Taktiker im Gespräch. Sein Schwiegervater kann mit diesen Eigenschaften nicht aufwarten, F. übernimmt das Geschäft. Und nun geht es erst richtig los. Das Geschäftsfeld wird erweitert. Beiersdorf braucht 5000 Pullover als Preise bei einer Werbeaktion. Irgendjemand erinnert sich bei Beiersdorf an F. „Kannst du liefern?“ F. kann.
Alle diese Geschäfte wickelt F. ab, ohne in erster Linie am Gewinn orientiert zu sein, sondern weil er helfen kann und sich interessante Gesprächspartner ergeben. Mit Menschen verbandelt zu sein ist ihm immer wichtiger als Reichtum anzuhäufen.
Der Verband deutscher Sportgeschäfte verhindert mit seiner Machtstellung in der Folge die Abwicklung solcher Geschäfte. Nun gründet F. neben seinem Unternehmen für Industriebedarf ein Sport-Fachgeschäft. Dort muss auch jemand hinter dem Ladentresen stehen. Dazu hat F. aber keine Lust, er möchte seine Freiheit nicht aufgeben. Also wird ein guter Mitarbeiter gesucht und gefunden, seine Frau kümmerte sich um die Buchhaltung. F. hat weiterhin Zeit, Aufträge zu akquirieren, Kontakte zu pflegen und in Hamburg rumzukutschieren. Was macht seinen Erfolg aus? F. hat nirgendwo Schwellenangst, er kann mit jedem ein Gespräch beginnen. Er ist auch bereit, ab und zu einmal zurückzustecken, nicht das zu erreichen, was ihm eigentlich vorschwebte.
„Sein“ Sportverein wird erfolgreich geführt. Frühzeitig schart er um sich ein Team, mit dem Entwicklung möglich ist. Der Verein wächst, die ehrenamtlich zu führende Arbeit nimmt einen großen Raum im Leben von F. ein. Nur gut, dass er seine Unternehmen durch verlässliche Mitarbeiter — eben auch seine Frau — abgesichert hatte.
Wer mit F. spricht, kann eine Geschichte nach der anderen über den Vereinssport in Hamburg hören. F. hat die Idee zum Airport-Cup, einem großen Jugendfußballturnier mit Vereinen, die rund um den Flughafen ansässig sind. Die Geschäftsführung des Flughafens ist begeistert. Diese Begeisterung läßt F. sich durch Unterstützung für die Jugendarbeit des Sportvereins vergelten. Wenn er in die Schaltzentrale des Flughafens kommt, um einen Termin zu bekommen, kann er sicher sein, dass er dort erkannt wird und das Gespräch sofort geführt werden kann. F. eine Bitte abschlagen — das ist schwer im Stadtteil oder auch in der Bezirksverwaltung. Da ist es schon besser, man nutzt einen „Hinterausgang“, bevor man seine Ablehnung begründen muss. So jemand wie F. ist der geborene Vereinsvorsitzende. Er hatte aber immer auch die Gesamtentwicklung des Hamburger Sports im Blick. Mit Beharrlichkeit und gegen alle Widerstände im Verein gelingt ihm die in Hamburg bis dahin größte Vereinsfusion. Auch dies ist ein Meilenstein in seiner Lebensgeschichte und daneben nicht von Streben nach Einflussnahme bestimmt. Dass der neue Verein auf F. nicht verzichten will, war vor der vollzogenen Fusion nicht abzusehen.
Heute fährt F. mit dem Fahrrad durch Langenhorn. Er macht eine Rundtour zu den Hausmeistern, in deren Turnhallen Vereinssport stattfindet. Er bügelt und glättet Verwerfungen, die durch schlechtes Benehmen von Übungsleitern und Teilnehmern der Sportstunden entstanden sind. Wenn er mit seinem Rad den Schulhof verlässt, ist der Ärger beim Hausmeister verflogen. Man möchte dabei sein und lernen – wie macht F. das wohl? Der Sportverein kann sich glücklich schätzen, dass F. immer noch so gut zu Fuß bzw. per Rad ist. Wer sollte sonst diese Arbeit machen?
Von Hertha B. im September 2015
Ich, geboren 1927, wuchs in einem preußisch gestimmten Elternhaus auf. Das bedeutete: Aufrichtigkeit, Pflichtbewusstsein, Tragen von Verantwortung, Pünktlichkeit und Bescheidenheit, aber auch die Freiheit für eigene Entscheidungen. Auch der Satz: “Stell dich nicht so an!“ gehörte dazu. Das wurde uns nicht eingetrichtert, sondern es wurde uns von den Eltern stets vorgelebt.
Ich will ein Erlebnis erzählen als Beispiel für diese unausgesprochene Erziehung: Meine Mutter hatte uns „Gute Nacht“ gesagt und die Tür geschlossen. Ich kletterte aus meinem Gitterbett wieder heraus, ging zum daneben stehenden Spielzeugschrank und warf wahllos alles, was ich fassen konnte, in mein Bett. Ich fragte meinen Bruder, ob er auch etwas haben wolle. Ja, sagte er, aber nur ein Stück. Er war ein kluger Bruder. Nun aber, oh Schreck, konnte ich kaum noch stehen im Bett – an Sitzen oder Liegen war gar nicht zu denken. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Meine Mutter hatte wohl Lärm gehört und kam herein. Sie übersah die Lage sofort, räumte, und zwar ohne Ermahnungen an mich, alles zurück in den Schrank, sagte: „Nun schlaft mal schön“ und schloss die Tür. Sie dachte wohl: das war Lehre genug für Herta. So war es auch, vom „Zuviel“ war ich für mein Leben geheilt. Streitereien mit meinem Bruder hatten wir selbst zu klären, da mischten sich die Eltern nicht ein.
Als ich heranwuchs, hatte ich alle Freiheiten und konnte meine Kindheit genießen. Mit Freundinnen war ich viel unterwegs. Hauptsache, ich kam zum Essen pünktlich nach Hause. Als ich in die Schule ging, mussten zuerst die Schularbeiten erledigt werden, dann hatte ich sofort „frei“. Meine Eltern gewährten mir volles Vertrauen, das ich nicht missbrauchte. Dieser gewisse Rahmen meines Lebens, den ich mir aufgrund des Vorlebens meiner Eltern selbst setzte, tat mir gut und hat mir im Leben oft geholfen.
Dann kamen die Umzüge (mein Vater war beim Militär und wurde häufig versetzt) und da ich nie eine feste Freundin hatte, fiel mir der Abschied leicht und ich freute mich auf das Neue. Das prägte mich natürlich auch: Das andere Umfeld, die fremde Schule – ich musste mich umstellen und anpassen. Die Zensuren waren nicht immer die besten, aber die Eltern erwarteten nur von mir, dass ich mich bemühte und mitkam.
An den Wochenenden hatten sie immer Zeit für uns und wir machten die schönsten Ausflüge z. B. in das Brandenburger Land. Wir sammelten alles, was wir so fanden: Kienäpfel zum Ofen anzünden, Beeren zum Einmachen und Pilze, die am begehrtesten waren. All das habe ich später auch mit meiner Familie gemacht. Dieses Miteinander und für Andere-da-Sein war wie eine feste Burg und ich fühlte mich immer geborgen. Natürlich gab es mal einen Verweis oder eine Ermahnung. Tischmanieren waren wichtig.
Jeden Sommer machten wir einen kleinen Urlaub in der Nähe unseres jeweiligen Wohnorts. Dadurch lernte ich in meiner Jugend schon viele Gegenden der späteren DDR kennen. Hierzu möchte ich noch eine Begebenheit erzählen, zum Beweis meiner freiheitlichen Erziehung. 1930 wohnten wir im Urlaub in Ferch (südwestlich von Berlin) in einem kleinen Ferienhaus von Bekannten. Ich stand morgens vor der Tür, fertig angezogen mit Hilfe unseres Dienstmädchens, und wartete auf den Milchkutscher. Er half mir auf den hohen Bock, ich saß neben ihm und wir fuhren zum nächsten Dorf, ohne dass ich meinen Eltern Bescheid gesagt hatte. Die Zügel durfte ich auch mal halten. Im nächsten Dorf stieg ich ab, lief zurück und kam gerade rechtzeitig zum Frühstück, ohne dass jemand große Notiz von mir nahm. Es war eine herrliche Kindheit.
Der größte Umzug war für mich der Umzug ins ferne Graz in der Steiermark. Ich war Ostern eingeschult worden, die österreichischen Kinder erst im Herbst. Natürlich meldete mich mein Vater in der höheren Klasse an. Nach dem ersten Schultag kam ich heulend nach Haus: „In diese Klasse gehe ich nicht, das sind alles Damen, die kommen in Seidenstrümpfen und mit Handtaschen in die Schule“. Mein Vater gab nach und ich kam in die tiefere Klasse mit Kindern wie mir. Der Lehrstoff war schwer, für mich oft ein „böhmisches Dorf“, aber ich bemühte mich. Als einmal meine Versetzung gefährdet war, hieß es: Wenn Du sitzen bleibst, musst Du die Schule verlassen.
Zu den Jungmädchen wollte ich unbedingt und so hatten meine Eltern keinen Einwand. Beim BDM (Bund Deutscher Mädel) sollte ich, um befördert zu werden, aus der Kirche austreten. Ich fühlte ich mich für so eine Entscheidung viel zu jung und sagte nein. Meinen Eltern habe ich davon nicht erzählt.
Dann kamen die Flegeljahre, wie es damals hieß. Ich war ziemlich aufsässig, bis meiner Mutter das zu dumm wurde. Ich bekam einen Monat lang Hausarrest und durfte eine Woche nicht zur Schule gehen. Meine Mutter ging zur Klassenlehrerin, das war recht peinlich für mich. Ich tröstete mich mit Büchern.
Ende 1944 wurden ich und die Mitschülerinnen zum RAD (Reichsarbeitsdienst) eingezogen. Die Schule wurde mit einer kurzen Reifeprüfung abgeschlossen und man bekam das „Notabitur“. Entlassen vom RAD wurde ich am 1. Mai 1945 und kehrte ins leere Haus in Graz zurück. Mein Vater machte woanders Dienst. Meine Mutter war mit Großmutter und einer Tante zwangsevakuiert worden in ein abgelegenes steirisches Bergdorf. Ich fand eine andere Unterkunft und flüchtete am 8. Mai aus Graz. Die Russen waren im Anmarsch und besetzten die Steiermark. Als ich in das Bergdorf kam, um meine Eltern zu treffen, eröffnete mir meine Tante, dass meine Eltern nicht mehr lebten. Ich war nun auf mich allein gestellt und endgültig erwachsen. Ich fühlte mich mit meinen 18 Jahren verantwortlich für meine alte Großmutter und die Tante, die in den primitivsten Zuständen lebten, und versorgte sie so gut es ging. Diese Erlebnisse und die mir zugefallene Verantwortung und Selbständigkeit haben mich sicherlich auch geprägt.
Die Eltern einer Freundin boten mir später eine Bleibe an bei sich in einem kleinen Bauernhof oberhalb von Graz. Mir gefiel es dort gut und ich packte gleich mit an. Am liebsten beim Groben: Stall ausmisten, Futter holen mit der Schubkarre von den steilen Wiesen. Ich lernte zu melken und wenn es zu beschwerlich oder ungewohnt wurde, hatte ich meinen Leitsatz im Stillen: „Stell dich nicht so an“. Mein „Chef“, der Vater meiner Freundin, hätte mich am liebsten behalten und ich sollte für die österreichische Staatsbürgerschaft optieren. Er hat für mich sehr viel getan, vor allem dafür gesorgt, dass ich vorzeitig für „volljährig“ erklärt wurde. Ich entschied mich dann aber doch für eine Rückkehr nach Deutschland — im Viehwaggon. Ich fand eine Haustochterstelle in einem Gutshaushalt in Hittfeld, südlich von Hamburg. Das war nun eigentlich nicht meine Sache. Zu Hause hatte ich nie Haushaltsarbeiten machen müssen. Und so blamierte ich mich öfter, fand mich dann aber doch zurecht.
Mir kam der Gedanke: Wenn Du für fremde Leute arbeitest, kannst Du das lieber für eine eigene Familie tun. Ich habe 1947 geheiratet, natürlich zu früh, aber ich sah so gar keine andere Perspektive. Es gab ja noch keine normalen Zustände in Deutschland. Nur mit meinem Bruder hatte ich Kontakt, der in englischer Gefangenschaft war. Die Post dorthin funktionierte, wurde aber zensiert. Für mich ging es vor allem darum, ein Dach über dem Kopf und Essen zu haben.
Ich habe es meinen Eltern zu verdanken, dass ich die schweren Zeiten bewältigt habe, sie haben mir durch ihre kluge Erziehung ein Fundament gegeben. Besonders wichtig ist es mir immer gewesen, die Familie zusammen zu halten, wie ich es erlebt habe. Und ich freue mich, dass meine Kinder und Enkelkinder es auch so machen.
Wie soll ein Mädchen sein?
Von Birgit Görrissen im Herbst 2016
Die Norderschule in Langenhorn war gegenüber der heutigen Grundschule Neuberger Weg, an der Langenhorner Chaussee. Das alte Gebäude steht heute nicht mehr. Um eingeschult zu werden musste man damals einen persönlichen Text beim Schulleiter machen. Herr Zelt war nett und freundlich und fragte ganz viel. Ich erinnere mich nur, dass ich meinen Namen schreiben und ein Haus zeichnen sollte—ich war schultauglich. Meine Mutter strahlte, und ich wunderte mich, denn es gab doch wohl keine Zweifel, dass ich endlich in die Schule durfte. Schließlich war ich doch gerade 6 Jahre alt geworden.
Bis zur Einschulung im April musste ich noch warten.
Endlich war es soweit. Erwartungsvoll standen wir mit unseren Eltern in dem engen, dunklen Flur. Es roch muffig. Den Geruch nach abgestandenem Essen und Kakao habe ich noch heute in der Nase. Stolz trug ich den alten, aufpolierten Ränzel meines Vaters auf dem Rücken. Dann durften wir Schüler in den Klassenraum. Auch der war dunkel und muffig. Aufführungen oder Musik gab es nicht.
Ein alter Mann am Krückstock wies uns unsere Plätze zu. Wie sich herausstellte, war das unser Klassenlehrer, Herr D. „Vorne die Jungs, nach hinten die Mädchen!“ Wir schoben uns zwischen die alten, tintenverschmierten Pulte mit Einbuchtungen zum Stehen. Mit ernstem Gesicht erklärte uns Herr D. die Regeln für die Schule—freute der sich gar nicht auf uns?
In meiner Schultüte waren zu wenig Bonbons, ein Bleistift, Buntstifte und Papier zum Zeichnen. Welche Freude! Papier zum Malen! Kein Ärger mehr, wenn ich freie Deckblätter in Büchern meiner Eltern bemalte.
Am zweiten Tag bin ich alleine die zwei Kilometer zur Schule gegangen, und ich habe auch nur zwei Steine, vielleicht waren es drei, mit den neuen Schuhen weggekickt. Irgendwie freute ich mich nicht mehr so doll auf die Schule. Wir sollten Schichtunterricht haben, das heißt die eine Woche vormittags -, die andere nachmittags Unterricht. Im Winter war es schon dunkel auf dem Heimweg. In den Pausen gab es Kakao, Milch und Suppe, für die wir Gefäße mitbringen mussten. Ich hatte es probiert, aber bei dem Geruch mochte ich nicht essen oder trinken.
Auf dem Schulhof standen auch noch Baracken. Dort waren auch unsere Toiletten. Die waren eklig und beschmiert. Ein Wort konnte ich buchstabieren und war ganz erschrocken. Das war ein Wort, das man nicht einmal laut aussprechen durfte!
Unser Klassenlehrer schaute immer streng, gelacht wurde nie bei Herrn D. Bei ihm hatten wir Deutsch. Schreiben lernten wir mit Bleistift. Uns wurde auch die deutsche Schrift gelehrt. Leider ist davon nicht viel hängengeblieben. Sozusagen kein „nachhaltiger Unterricht“.
Wir besprachen nie etwas themenbezogenes oder Probleme. Es gab keine Diskussionen, und eine eigene Meinung war nicht erlaubt. Viel zu spät verstand ich, nur das zu sagen, was der Lehrer hören wollte. Frust statt Freude am Lernen.
Wir mussten unsere Diktate immer unterschreiben lassen. Ich hatte es vergessen und mir schwante Ärger. Da bemerkte ich, dass die Mutter meiner Tischnachbarin mit Bleistift unterschrieben hatte. Geübt hatte ich den Namen meiner Mutter ja schon oft. Also doch eine einfache Lösung…? Ärger gab es! Großen!
Wer die Anweisungen von Herrn D. nicht befolgte, wurde bestraft. Er hatte zwei Lieblingsstrafen: In der Ecke stehen mussten meistens die Jungen. Ich fürchtete meistens den Rohrstock. Wenn unsere Hände nicht ruhig auf dem Pult lagen, gab es Schläge auf die Finger. Zu Hause wagte ich nicht davon zu erzählen. Auch erzählte ich nicht, dass die feixenden Jungen in der ersten Reihe sich fast alles erlauben konnten. Mich hatte Herr D. besonders auf dem Kieker. Ständig wurde ich ermahnt, gemaßregelt oder bestraft. Und ich wusste nicht, warum, denn ich verhielt mich nicht mal so ungezogen wie die Jungs. Überhaupt die Jungs, sie waren die Lieblinge unseres Klassenlehrers. Wenn die in der ersten Reihe demonstrativ grinsend ihre Brote aßen, wurde das ignoriert. Zum Stundenbeginn nach der Pause mussten wir uns in Zweierreihe aufstellen. Ich wollte auch mal als erste gehen und stand brav mit Elisabeth schon Mitte der Pause am Platz. Es klingelte und—schwupps—drängelten sich Gerd und Wolf vor uns und stürmten in die Klasse. So eine Gemeinheit!
Das war wieder nicht gerecht. Mit Bravheit kam ich auch nicht weiter.— Als Gerd mich mal wieder verpetzt hatte, habe ich mich nach der Schule bei ihm beschwert.
