Orte, Unorte und ein Sechstausender -  - E-Book

Orte, Unorte und ein Sechstausender E-Book

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Beschreibung

Wer die Vergangenheit ehrt, segnet die Zukunft. (lettisches Sprichwort) Gibt es für uns Lieblingsorte oder "Unorte"? Die Mitglieder der Biographiegruppe von St. Jürgen-Zachäus haben zum dritten Mal Texte verfasst und dabei nicht nur die für Hamburg so prägende Elbe oder Alster einbezogen. Ein weiterer Schwerpunkt bildet die Beschäftigung mit Schicksalen zur Zeit des zweiten Weltkrieges. Eine Vielzahl unterschiedlicher Geschichten lädt zum Lesen ein.

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Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2018

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In memoriam

Herta B.

Inhalt

Vorwort

Amrum—mein Zufluchtsort

Flutlicht auf das Elend

Kneipenbummel

Euthanasie in der Heil- und Pflegeanstalt Hamburg Langenhorn

Marathonlaufen – Nachlese

…und läuft und läuft

Davongekommen

Wo die Liebe manchmal hinfällt

Von den Nationalsozialisten verfolgt - aus Langenhorn deportiert - das Ehepaar Bertha und Dr. Paul Oppens

Missundestraße: Ein Bleibe-Ort

Juni - 7 Uhr 15 morgens

Mein Grindel

Der Verrat

Haute Couture am Alsterufer

Kilimandscharo

Apokalypse in Hamburg 1943

Elbspaziergang und mehr

Quellen

Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,

„Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen…“

dichtet Hermann Hesse in seinem Gedicht„Stufen“.

Und doch - Orte, Plätze und Wege prägen unser Leben: Kennen wir nicht alle Lieblingsorte, mit denen wir schöne Erinnerungen verbinden und zu denen wir oft und gern wiederkehren? Oder Orte, die uns durch dort Erlebtes abschrecken und die wir meiden möchten?

Die Mitglieder der Biographiegruppe haben hierzu Texte verfasst und dabei nicht nur die für Hamburg so prägende Elbe oder Alster einbezogen. So ist eine Vielzahl an Geschichten zusammengekommen. Eine Autorin unserer Gruppe hat zum Beispiel durch Ihre Arbeit die Geschichte des Grindelviertels kennengelernt. Wie nimmt ein Marathonläufer seine Umgebung wahr in der Mischung aus Selbstzweifeln und Glückshormonen, und was sagt die Partnerin dazu? Warum ist Altonas Missundestraße von Bedeutung? Was ist sie im Vergleich zu einer Kilimandscharo-Besteigung auf beinahe 6000 Metern Höhe mit Tiergeräuschen, Sauerstoffmangel und gleißendem Gletscherlicht?

Andere Autoren beschreiben schlimme persönliche Erfahrungen oder blicken auf dunkle Zeiten der deutschen Geschichte. Was die Kirchengemeinden in Langenhorn vom Euthanasie-Programm an Kindern in der NS-Zeit wissen konnten, untersuchten zwei für Ihre Arbeit ausgezeichnete Schüler der Fritz-Schuhmacher-Schule. Und Margot Löhr, die sich mit vielen Stolperstein-Biographien beschäftigt hat, skizziert die Lebensgeschichte des jüdischen Ehepaares Oppens, das aus unserem Stadtteil in jener Zeit deportiert wurde: Zur Erinnerung wurden auch für sie Stolpersteine am Ochsenzoll gesetzt. Diesen drei Gästen danken wir besonders für die Erlaubnis, ihre Arbeiten zu veröffentlichen.

Einzelne Beiträge beruhen auf Interviews von Zeitzeugen; wir danken mit diesem Band den erzählbereiten Interviewpartnern herzlich.

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünschen wir eine spannende Lektüre!

Wolfgang Peper

Amrum—mein Zufluchtsort

von Renate Blobel im Herbst 2017

Hinauf, hinauf auf die hohe Düne, barfuß den Sand greifend, mich abfedernd aus den Fußspuren von Vorgängern, kühl der Sand im Schatten rechts und links und endlich—mit klopfendem Herzen die Höhe erreichend – ach, wie gut, „mein Platz“ ist frei und unberührt, niemand wird mich stören. Ich setze mich an den Rand des Strandhafers, schaue hinab auf den tief gelegenen, unendlich breiten Strand, den fernen Wassersaum, an dem wenige Menschen wie winzige Wesen entlang gehen. Es ist früher Abend, die Sonne hängt tief und glühend über dem Meer. Ich wische mit der Hand über den Dünensand, verschaffe mir so eine glatte Fläche, die ich als „Schreibtafel“ benutzen kann. Ich schreibe mit dem Finger meine Initialen und die meines verstorbenen Mannes in den Sand, zeichne ein großes Herz drum herum. Der Wind weht sanft darüber hin, die Konturen werden schwächer. Ich breche mir einen Halm vom Strandhafer und zeichne die Konturen nach und der Wind weht sanft darüber hin.

Amrum—mein Zufluchtsort? Ja, seit 5 Jahren mein Zufluchtsort. Hier sind mein Mann und ich nie gewesen, hier gibt es für mich kein „Ach-weißt-Dunoch?“ und kein „Wie-herrlich-war-das-immer!“ und auch kein „Wie-traurig-ist-alles-jetzt“ - hier fühle ich mich stark an Körper und Seele, liebe den Sturm, das Geräusch des Meeres, die Ruhe in den Orten und Wäldern.

Ich breche mir einen Halm vom Strandhafer und zeichne eine großes Herz in den Sand und der Wind weht sanft darüber hin...

Flutlicht auf das Elend

von Kurt Rohde im Frühjahr 2017

Es ist Mittwoch, der 26. April 1961. Ich bin gerade 12 Jahre alt geworden und auf dem Weg zum Volksparkstadion. Erreichte ich das Stadion mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder gab es durch den Vater eines Freundes eine Mitfahrgelegenheit? Ich weiß es heute nicht mehr. Aber ich weiß noch ganz genau, was ungefähr drei Stunden nach dem Eintreffen im Volksparkstadion zehn Meter von mir entfernt auf dem Rasen des Fußballfeldes passierte. Aber der Reihe nach.

Ich war auf dem Weg ins Stadion, weil die 4. D-Jugend des HSV die Balljungen stellte. Die Balljungen zum Europapokalspiel des HSV gegen den FC Barcelona. Kein gewöhnliches Spiel – der HSV spielte normalerweise noch am Rothenbaum. Aber zu Spielen mit großer Zuschauerbeteiligung zog man um in den Volkspark. Und Zuschauermassen wurden erwartet und strömten dann auch an diesem Mittwochnachmittag ins Stadion. 75.000 Fußballfans, so viele wie bisher noch nie gekommen waren und danach auch nie wieder kamen. Im Hamburger Hafen wurde die Arbeit schon am frühen Nachmittag beendet – eine Woche vorher beim Spiel in Barcelona, das der HSV nur 0:1 verloren hatte, hatten die Werftarbeiter der Kieler Howaldtswerft es vorgemacht. Die Spannung in Hamburg in der Woche vor dem Spiel stieg, denn die Hamburger träumten vom größten Erfolg in der Geschichte des HSV. Es war das zweite Halbfinalspiel im Europapokal der Landesmeister. Der HSV war als Deutscher Meister sensationell bis in dieses Halbfinale vorgedrungen und stand nur noch ein Spiel vor dem Finaleinzug.

In einer der Umkleidekabinen unter der Tribüne bekamen wir Balljungen die letzten Instruktionen. Falls der Spielball ins Aus geriet, gab es am Spielfeldrand keine weiteren Spielbälle, wie heute üblich, der einzige Spielball musste geholt und einem einwurfbereiten Spieler zugeworfen oder –gerollt werden. Schnelligkeit für uns Balljungen war wichtig, damit die Spielunterbrechungen kurz blieben. Wir wurden für den Spielfeldrand eingeteilt. Ca. alle 20 Meter stand ein Balljunge. Eine halbe Stunde vor Spielbeginn zog unser Trupp los. Einmal um das Spielfeld herum. Alle 20 Meter blieb einer von uns zurück. Ich wurde in der Ostkurve hinter dem Tor platziert.

Vor mir nahmen die Spanier Aufstellung. Ich kannte vor allem die Stürmer von Barcelona: Evaristo, Suarez, Kubala und der Exilungar Sandor Kocsis. Der Anpfiff kam und das Mitfiebern und Zittern begann. Selten waren die HSV-er vor meinem Tor. Meist spielte sich das Geschehen auf der anderen Seite vor dem HSV-Tor ab. Aber das 0:0 hielt und je länger die erste Halbzeit lief, desto besser kamen Jürgen Werner, Jochen Meinke, Klaus Stürmer, Charly Dörfel und Uwe Seeler ins Spiel. Kein Tor vor der Pause. Wir Balljungen trafen uns vor der Tribüne und waren begeistert. Noch immer hatte der HSV die Chance, als Gewinner vom Platz zu gehen. Die Millionärstruppe aus Barcelona war nicht besser als unsere Hamburger Halbamateure, die im Vorfeld als Freizeitfußballer tituliert wurden. Die Massen auf der Tribüne und auf den Stehplatztraversen feuerten den HSV so enthusiastisch an, dass die Stimmen der wenigen spanischen Fans nicht mehr durchdringen konnten. Nach 15 Minuten Halbzeitpause nahmen wir unsere Plätze am Spielfeldrand wieder ein. Vor mir stand jetzt Horst Schnoor im Tor und die Verteidiger Krug und Kubjuhn. Die Spielszenen vor dem gegenüberliegenden Tor der Spanier, 100 Meter entfernt, waren für mich nur zu erahnen. Aber der Lärm der Zuschauer zeigte es an. Der HSV war inzwischen überlegen. Und dann kam die 58. Minute in der Peter Wulf zum 1:0 trifft. Grenzenloser Jubel füllte das Volksparkstadion. Sollte die Sensation gelingen? Knapp 10 Minuten später trifft Uwe Seeler aus unmöglichem Winkel das Tor zum 2:0. Der HSV war im Finale des Europapokals. Die Sensation war perfekt. Mit den Balljungen links und rechts von mir konnte ich jubeln. Die Zuschauer auf der Tribüne standen auf, die Stehplatzbesucher hüpften. Das Stadion glich einem Tollhaus. Aber: noch waren fast 25 Minuten zu spielen – noch war leider nichts entschieden. Es begann das Zittern. Jeder Angriff der Spanier könnte den greifbaren Erfolg zunichtemachen. Immer, wenn Barcelona sich dem Hamburger Strafraum näherte, stieg die Spannung und Aufregung. Schlagt den Ball weg – immer wieder forderten die Zuschauer dieses Eingreifen der Abwehr. Je weiter entfernt vom HSV-Tor der Ball im Aus landete, desto besser. Und wir Balljungen hatten plötzlich jede Menge Zeit, bis wir den Ball zum Einwurf den Spaniern übergaben. Die Spielzeit rann endlos dahin. Endlich die 90. Minute – alle waren auf den Schlussjubel eingestimmt – da kam Barcelona noch einmal gefährlich vors Tor. Die Flanke von der Tribühnenseite segelte zehn Meter von mir entfernt in den Strafraum des HSV. Diese zehn Meter hätte ich locker in Windeseile mit einem Sprint überbrücken können, um dann für Verwirrung auf dem Spielfeld zu sorgen, damit die Spanier aus diesem Ball kein Kapital mehr schlagen könnten. Hätte – ich tat es nicht. Stattdessen landete der Ball auf dem Kopf von Goldköpfchen Kocsis und von dort flog er direkt vor mir ins Tor. 2:1 und es war vorbei mit dem Einzug ins Finale. Schnoor holte den Ball aus dem Tornetz. Hatte er Tränen in den Augen? – ich konnte es nicht erkennen, aber mir erging es so. Und mit mir hatten 75.000 Zuschauer Tränen in den Augen. Der Ball gelangte von Schnoor zum Mittelanstoß, Schiedsrichter Versyp aus Belgien pfiff an und gleich wieder ab. Das Spiel war aus. Der HSV hatte gewonnen, war aber nicht der Sieger, Barcelona hatte verloren, fühlte sich aber in letzter Sekunde siegreich. Das bei Torgleichheit aus zwei Spielen notwendige Entscheidungsspiel in Brüssel gewannen die Spanier mit 1:0 und gelangten ins Endspiel.

Die HSV-er wurden dann doch noch mit viel Beifall von den Zuschauerrängen verabschiedet. Aber Uwe Seeler und Co standen enttäuscht und tieftraurig in der Spielfeldmitte. Und dann wurde das neuerbaute Flutlicht im Hamburger Volksparkstadion das erste Mal angeschaltet. Was einen Jubel hätte auslösen können, beleuchtete jetzt den bittersten Sieg einer HSV-Mannschaft. Das war zu viel der Emotionen für alle Balljungen. Was ein Fest hätte werden können, wurde nun über Jahre ein Alptraum. „Weißt du noch, am 26. April das Spiel gegen Barcelona…“ Und ich hätte das Gegentor der Spanier verhindern können. Zehn Meter bis zum Ball – 3 Sekunden Sprint und dann Verwirrung im Strafraum verursachen – Hamburg wäre noch immer stolz auf mich!

Kneipenbummel

von Birgit Wiedenmann-Naujoks im Herbst 2017

Es ist ein sonniger Spätnachmittag. Aus der Küche duftet bereits das Abendessen, als es an der Tür klingelt. Ein junger, adrett angezogener Mann steht vor mir und fragt in gehobenem Englisch nach der Dame des Hauses. Die erhebt sich mühsam aus ihrem Stammsessel und geht sehr vorsichtig zur Tür, leidet sie doch an "Luftangst". Der junge Mann beeindruckt sie aber, so dass sie ihre fällige Panikattacke für einen Moment vergisst.

Der positive Eindruck soll aber schnell einer tiefen Enttäuschung weichen, der junge Mann kommt nämlich als Gesandter seines Freundes. In dessen Auftrag soll er die Dame des Hauses um Erlaubnis fragen, ob der Freund am Wochenende "das deutsche Mädchen" ausführen dürfe. Dabei sitzt die eigene Tochter, schüchtern, verklemmt, aber schon Anfang zwanzig, noch immer als Mauerblümchen im Wohnzimmer. Warum nur galt die Anfrage nicht ihr?

Ein wenig verwirrt, aber geschmeichelt, stehe ich also am Sonnabend zur verabredeten Zeit im Flur. Pünktlich klingelt es und der "Sekundant" und sein Freund holen mich ab, nicht ohne sich bei der Dame des Hauses noch einmal vorzustellen. Wir gehen in einen recht vornehmen Club, wo weitere Freunde warten, darunter auch andere Mädchen, die ich aus dem College kenne. Unser Grüppchen wächst auf acht Leute. Wir planen den weiteren Abend - Billard, etwas tanzen, ein Bier trinken?

Wir lachen viel über stümperhafte Handhabung des Queues, knapp verpasste Chancen, die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich. Wir ziehen weiter, in einer etwas entfernten Straße soll man wunderbar tanzen können. Als wir um eine Straßenecke biegen, verstummt aber jäh unser Lachen, wir haben das Gefühl, zu träumen. Die Straße ist nur noch spärlichst beleuchtet, weil die Laternen fast alle zerstört sind. Straße und Gehsteige sind bis auf uns menschenleer, dafür aber mit nicht definierbarem Etwas und unzähligen Pflastersteinen übersät. Am Ende der Straße steht, gespenstisch und furchteinflößend, das Gerippe eines ehemals roten Doppeldeckerbusses. Über der ganzen Szenerie liegt eine erdrückende Stille, so dass wir unseren Atem und unsere pochenden Herzen hören können. Endlich entdecken wir einen Bobby. Er erklärt uns, dass Fußballfans versehentlich falsch durch die Stadt gelenkt worden und dann eben entgegen allen Plänen doch aufeinandergeprallt seien. Das hier sei das Ergebnis des Zusammenstoßes zweier rivalisierender Fangruppen.

Wir erkundigen uns ganz genau, in welche Richtung wir weitergehen können, um sicher zu sein. Zielstrebig versuchen wir, die apokalyptische Situation zu verlassen. Und tatsächlich, nur wenige Straßen weiter ist Ruhe und Frieden, Autos fahren, Menschen schlendern lachend durch die Nacht. Wir finden eine kleine Kellerbar, in der man sogar tanzen kann, sehr schick, sehr modern. Wir versuchen, den Alptraum, den wir gerade gesehen haben, zu verdrängen, zu vergessen.

Die Bar ist wunderschön, das Bier kühl und lecker, die Gäste allesamt sehr gut gekleidet, unsere Nerven beruhigen sich. Während ich die anmutigen Bewegungen einer jungen Frau auf der Tanzfläche bewundere, sehe ich irgendetwas aus dem Augenwinkel, was die Situation schlagartig verändert. Ab jetzt schleicht das Leben in stark verminderter Zeitlupe an mir vorbei. Die Frau hinter der Bar, die mir wenige Minuten zuvor das frisch gezapfte Bier hingestellt hat, sieht aus wie der berühmte "Schrei" von Munch. Sie duckt sich, warum nur? Da fliegt doch etwas.... Ein großer Barhocker zertrümmert erst das gläserne Regal samt allen darauf stehenden Trinkgefäßen, dann den dahinter hängenden riesigen Spiegel. Ganz, ganz langsam zerplatzt der Spiegel, die Scherben schweben zu Boden, dahinter wird die nüchtern-hässliche Mauer sichtbar. Zeitgleich dringen wie durch eine gigantische Wattewolke Geräusche an mein Ohr. Schreie... Laute menschliche Schreie! Die Welt um mich herum scheint zu explodieren! Während ich in slow motion meinen Kopf wende, agiert ohne mein Zutun mein Körper. Ich gleite vom Barhocker, ducke mich vor weiteren Geschossen, mein Mund schreit. Dann stürme ich im Zeitlupentempo unendlich langsam durch den nun stockdunklen Raum mit Hunderten anderen dem Ausgang entgegen. Durch diesen Ausgang drängen schreiende Männer mit ungezügelten barbarischen Kräften in den Raum, alle werfen oder schlagen und treten, zerstören. Auch das alles unendlich langsam. Eigentlich ist es beinahe zum Lachen. Dazu diese verzerrte akustische Wahrnehmung.

Dennoch bin ich irgendwann draußen, habe irgendwie die Treppe nach oben gemeistert, und stehe jetzt in einem Alptraum. Ich stehe ... mitten im Krieg. Straßenlaternen sind wohl nicht mehr existent, es ist dunkel, die einzigen Lichtquellen sind brennende Gegenstände. Es stinkt nach Feuer, nach Angst, nach Gewalt. Und es gibt nur noch mich und den Rest der Welt. Alle Arten von Geschossen fliegen durch die Luft, Flaschen, Steine, Knüppel - in mir erwachen Urinstinkte! Ich erahne Flugbahnen, suche Deckung, weiche Hieben, Menschen und fliegenden Feuerbällen aus, mein Sportlehrer wäre begeistert gewesen! Die Straße ist voll mit Menschen, die prügeln, Menschen, die schreiend zu fliehen versuchen. Und ich sehe Blut, so viel Blut, tropfend, spritzend, kleckernd, auf Gesichtern, an Händen, auf der Straße. Plötzlich taucht ein schlagstockschwingender Polizist mit Hund auf - schreit dem Hund etwas zu, der hechtet quer durch die quirlende Menge und...springt einem Mann auf den Rücken, beißt in seinen Nacken und bringt ihn zu Fall. Mein System reagiert blitzschnell und ändert die Taktik - Polizisten ist auch auszuweichen. Ab und zu reißt die Wattewolke auf und ich höre in Echtzeit kreischende Frauen, die dem Chaos in wilder Panik, auf Stöckelschuhen und in Abendkleidung, zu entkommen versuchen. Männer sind auch dabei, ihre Schreie vermischen sich aber besser mit dem anderen Getöse.

Nach Ewigkeiten, in denen ich kriechend, hockend, schleichend, rennend, nichts wahrnehme außer meinem eigenen Schutz, stehe ich atemlos und adrenalindurchtränkt mit allen anderen Freunden neben einem komplett zerstörten Auto. Wir empfinden das als kleines Wunder und fliehen ab jetzt als Gruppe durch die Nacht.

Während meine Gastmutter daheim wach liegt und mich innerlich verflucht - "...der junge Mann hatte doch so nett ausgesehen und das deutsche Mädchen hatte bislang auch ganz anständig gewirkt, was wäre da bloß der eigenen geliebten Tochter widerfahren, wenn die mit diesem Wüstling...es ist schon weit nach Mitternacht und sie sind noch immer nicht zurück, sowas hätte ich von dem Mädchen nicht gedacht..." - sitzen wir zitternd und erschöpft um den Küchentisch eines jungen Mannes aus unserer Gruppe, versuchen, uns gegenseitig zu trösten und das Erlebte irgendwie zu verarbeiten. Erst als die Sonne aufgeht und wir mit eigenen Augen sehen können, dass die Welt da draußen tatsächlich heil ist, trauen wir uns vollkommen übermüdet und tief verunsichert nach Hause, jeder für sich.

Noch heute sind für mich Räumen mit nur einem Eingang eine latente Bedrohung, in denen ich mich extrem unwohl fühle.

Euthanasie in der Heil- und Pflegeanstalt Hamburg Langenhorn

Gastbeitrag von Moritz und Florian Lüdemann, Klasse zehn*

Als wir das Thema des diesjährigen Geschichtswettbewerbes des Bundespräsidenten lasen, erinnerten wir uns an einen wenige Wochen zurückliegenden Besuch des Langenhorner Wasserturms auf dem ehemaligen Gelände des Klinikums Ochsenzoll im Rahmen des Tages des offenen Denkmals. Dort hatten wir erfahren, dass in einigen der kürzlich zu Wohnhäusern umgestalteten ehemaligen Klinikgebäuden zur Zeit der Naziherrschaft Versuche an Menschen und Tötungsprogramme vollzogen worden waren. Zu den wenigen Bewohnern des Hamburger Stadtteils Langenhorn, in dem das Klinikum liegt, die etwas über die Vorkommnisse der Jahre 1933-45 zu wissen schienen, gehörte laut Aussage der Denkmalbetreuer der Pastor unserer Kirchengemeinde.

Durch diese Brücke kamen wir auf das Thema unserer Arbeit. Welche Programme der Nationalsozialisten liefen in Ochsenzoll? Wie stand die Kirche als Institution des christlichen Glaubens zu diesen weltlichen Verbrechen? Was wissen unsere Mitbürger heute darüber?

Die Geschichte des Christentums ist seit dem Zeitpunkt, da es im antiken Rom zur Staatsreligion ernannt wurde, nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische mit vielen weltlichen Anteilen. Wegen des Ziels der Verbreitung und Ausweitung des christlichen Glaubens sind im Namen Gottes in den letzten 1700 Jahren viele Verbrechen begangen oder gutgeheißen worden. Den absoluten Tiefpunkt dürften aber die Jahre 1933-45 darstellen, in denen sich große Teile der katholischen und noch größere der evangelischen Kirche mit den nationalsozialistischen Herrschern arrangierten oder sie sogar unterstützen und so den Mord an Millionen Menschen mit zu verantworten haben. Ein Teil dieser ideologisch motivierten Verbrechen war das Euthanasieprogramm, das auch in der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn, dem späteren Klinikum Ochsenzoll durchgeführt wurde.

* (Tutorin: Dr. Silke Urbanski), entstanden im Rahmen des

„Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2017“

mit dem Thema „Gott und die Welt. Religion macht Geschichte“

Wie konnte die Bewegung der Nationalsozialisten die deutsche Bevölkerung und die Kirchen dazu bringen, ihrer Ideologie „unwerten Lebens“ und dessen „Ausmerzung“ zu folgen? Wo liegen die Wurzeln dieser Ideologie? Waren auch Kinder und Jugendliche betroffen? Wer in der Kirche hat sich dagegen aufgelehnt?

Das hat uns in dieser Arbeit beschäftigt.

Euthanasie – Was ist das? Herkunft des Wortes/der Idee

Das Wort Euthanasie kommt aus dem Griechischen von dem Wort ,,Euthanasia“, welches ursprünglich „der gute Tod“ oder „der schöne Tod“ bedeutet.

Im antiken Griechenland wurde der Tod als gut oder schön angesehen, wenn es keinen langen Leidensweg des Verstorbenen gegeben hatte oder wenn der Tod relativ schnell eingetreten war. Es wurden zwei Arten des Todes unterschieden: der Tod, der an der Zeit ist, im Wesentlichen also, wenn der Tote schon sehr alt war, und der Tod, der jemanden frühzeitig aus dem Leben riss. Letzterer wurde mit dem Wort „Euthanasia“ benannt.

Aus dem antiken Griechenland stammt der sogenannte ,,Hippokratische Eid“, der es den Ärzten verbot, den Patienten tödliche Mittel zu verabreichen, um deren Leiden zu beenden. Auf Frauen, Kinder, Sklaven und Ausländer traf dieses Verbot jedoch höchstwahrscheinlich nicht zu, da diese nicht als Vollbürger zählten. Darüber wird aber immer noch unter Wissenschaftlern und Historikern gestritten1.

Zum ersten Mal seit Beginn der Neuzeit war es 1605 Francis Bacon (1561-1626), der das Thema Euthanasie wieder aufgriff. In seinem Werk Euthanasia medica differenziert er, noch unter dem Einfluss der antiken Bedeutung, dass der Tod schmerzfrei und leicht sein soll, den Begriff Euthanasie in die "euthanasia interior", worunter er die Seelsorge im Hinblick auf den Tod versteht, und die "euthanasia exterior", für Bacon die Hilfe für einen kranken Menschen zu einem schmerzfreien Tod. Bacon nimmt damit offensichtlich auch eine Verkürzung des Lebens in Kauf.

Unter Karl Friedrich Heinrich Marx (1796-1877), einem Mediziner und Hochschullehrer in Göttingen, wurde die Euthanasie, die von Marx als ärztlicher Beistand für den Sterbenden und als, wenn nötig, medikamentöse Schmerzlinderung und somit als die moralische Pflicht des Arztes interpretiert wurde, erstmals in den ärztlichen Pflichtenkanon aufgenommen.

Mit Ende des 19. Jahrhunderts kam es dann zu einem grundlegenden Wandel des Begriffes "Euthanasie". Euthanasie wurde nun als eine Art Werkzeug gesehen, mit dem man versuchen wollte, eine "reine Rasse" zu "züchten", in dem man Kranke und Behinderte tötet. Als Anlass zu diesem Bedeutungswandel muss man die im Jahre 1859 erschienene Schrift "On the origin of species by means of natural selection or the preservation of favoured races in the struggle of life" des englischen Verhaltensforschers Charles Darwin sehen. In dieser beschreibt er, dass nur die Individuen, die am stärksten sind und sich am besten ihrer Umwelt anpassen können, im "Kampf ums Dasein", den er aufgrund seiner Beobachtungen als unvermeidlich ansah, bestehen und sich fortpflanzen könnten. Diese Theorie wurde dann von diversen Forschern auf den Menschen angewandt, sodass ohne aktives Zutun Darwins der sogenannte Sozialdarwinismus entstand. Einer dieser Forscher war der deutsche Zoologe Ernst Haeckel (1834-1919). Er war der Auffassung, dass es neben der von Darwin beschriebenen natürlichen Auslese auch eine künstliche Auslese geben sollte und verwendete in diesem Zusammenhang zum ersten Mal den Begriff der Züchtung. Anhänger Haeckels und seiner "Einheitstheorie", dem Monismus, gründeten 1906 sogar den sogenannte "Monistenbund", in dem sie sich für die Legalisierung der Tötung auf Verlangen einsetzten.

Nach Haeckel folgte einer der wohl radikalsten Sozialdarwinisten, Alexander Tille. Seiner Meinung nach sollte man sogenannten "Schwachen" nur begrenzte Fortpflanzung ermöglichen und die "natürliche Auslese" durch die von ihm erstmals formulierte "Sozial-Euthanasie" forcieren, nach der man sozial "Schwache" auf die unterste soziale Stufe absinken lassen sollte, wodurch sie aufgrund der hohen Sterblichkeitsrate in dieser gesellschaftlichen Schicht eine geringere Lebenserwartung hätten.

Ab 1895 prägte dann der deutsche Arzt Alfred Ploetz (1860-1940) die Diskussion um die Euthanasie. Sein Ziel war es, durch "Züchtung", "Auslese" und "Ausmerze" eine "vollkommene Rasse" zu erschaffen. Aus diesem Grund gründete er 1905 die "Gesellschaft für Rassenhygiene", in der in ausschließlich zu diesem Zweck betriebenen Anstalten "Reinrassige" gezüchtet werden sollten.

Um 1920 gipfelte die Diskussion um die Euthanasie in der Veröffentlichung des Werkes „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und Ihre Form“ von dem Juristen Karl Binding und dem Mediziner Alfred Hoche. In dieser Schrift schilderten Binding und Hoche, was sie von unter arteriosklerotischen Veränderungen im Gehirn oder unter sogenannten „Hirnerweichungen“ leidenden Menschen, von „verblödenden“ Jugendlichen, von damals als „Vollidioten“ bezeichneten Menschen und Kriegsversehrten hielten. Diese sollten der Meinung Bindings und Hoches nach „vernichtet“ werden, da sie eine zu große Belastung für den Staat und die Bürger darstellen würden2. Motiviert wurden der Arzt und der Anwalt durch die Geschehnisse nach dem Ersten Weltkrieg. Für Binding und Hoche war die Tötung die Problemlösung für die Kriegsversehrten und Kranken, deren Leiden man aus ihrer Sicht beenden sollte, und für die "Lebensunwerten", bei denen sonst eine "unnötige Lebensverlängerung" stattfände. Außerdem argumentierten sie, dass durch die Tötung Kranker und Versehrter viele Kosten, die für deren Pflege anfallen würden, eingespart werden könnten, Geld, das das wirtschaftlich am Boden liegende Land dringend anderweitig gebrauchen könnte. Das Verständnis, das Binding und Hoche von der Euthanasie hatten und was sich über die Jahre zuvor aufgebaut hatte, widersprach somit dem griechischen Verständnis der Euthanasie, da für Binding und Hoche auch ein schmerzvoller Tod in Frage kam, der keine Erlösung im Sinne des Kranken darstellte, sondern Tötung aus wirtschaftlichen oder ideologischen Gründen.

Gerade diese veränderte Bedeutung des Begriffes "Euthanasie" , die Schrift "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form.", sowie die Bezeichnung "Rassenhygiene" fand Einzug in die Ideologie der Nationalsozialisten und wurde später von ihnen zitiert, um die Handlungen im Rahmen ihrer Euthanasie-Programme zu legitimieren.

Verwendung für die nationalsozialistische Ideologie und Entstehung

Warum war die Euthanasie ein so wichtiger Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie und warum stellt sie so ein großes Projekt dar?

In der Ideologie der Nationalsozialisten war fest verankert, dass die verschiedenen Rassen, die es auf der Welt gibt, ums Überleben kämpfen müssten und dass es am Ende nur eine Rasse geben könnte, die die Welt beherrscht. Adolf Hitler formulierte diese Idee, von der er bis zum Ende des Krieges und somit seines Lebens fest überzeugt war, bereits 1924 in seiner Propagandaschrift "Mein Kampf". Seiner Meinung nach habe der "Schöpfer des Universums", womit er einen Bezug zu Gott herstellte, der nationalsozialistischen "Bewegung" die "Mission" erteilt, einen "germanischen Staat" zu schaffen. Zur Errichtung dieses "germanischen Staates" sollte ein neues "Menschentum" durch die deutsche Bevölkerung geschaffen werden. Dieses "Menschentum" stellte in Hitlers Augen die arisch-deutsche Rasse dar. Da Hitler der Auffassung war, dass in Zukunft nur eine Rasse, die "höchste Rasse", bestehen und als "Herrenrasse" über die Welt und ihre verschiedenen Völker herrschen könne, war es sein Ziel, die Deutschen zu einer "reinen Rasse" zu züchten und so zu jener "Herrenrasse" zu machen3.

Aus der Idee, dass Deutschland, bzw. das deutsche Volk dazu bestimmt seien, die Welt zu regieren, resultierte laut der Germanistin Anja Lobenstein-Reichmann der nationale Chauvinismus und das Überlegenheitsgefühl der Nationalsozialisten4.

Zudem war es Adolf Hitlers Ziel, das deutsche Volk nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wieder zu alter Stärke und altem Stolz zurückzuführen, nachdem die "Novemberverbrecher", mit denen die Sozialdemokraten gemeint waren, die deutschen Soldaten im Feld "erdolcht", dem "Schandvertrag von Versailles" zugestimmt und danach 13 Jahre lang regiert hätten. Die Niederlage im Ersten Weltkrieg war für Hitler wie einen großen Teil der Bevölkerung Ergebnis eines Verrats, wieder begangen von den Sozialdemokraten, die den Waffenstillstand von Compiègne unterzeichneten hatten. Der auf die Kriegsniederlage folgende Versailler Friedensvertrag wurde als weitere große Niederlage und als Schande empfunden, denn in diesem war festgelegt, dass die Alleinschuld des Ersten