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Die Sonnenelfe Lucia fühlt sich verloren. Elwyn und Drystan sind fort, auf der Suche nach den Mördern von Drystans Großeltern. Ausgerechnet Turin, ein fremder Elf aus dem Volk der Taru’Kupani, wird zu ihrer Stütze in dieser schweren Zeit. Er bleibt – nicht nur wegen eines Versprechens, sondern aus Gründen, die Lucia erst allmählich begreift. Sie begegnet Valerian Stoat, Drystans jüngerem Bruder. Mit ihm verändert sich ihr Blick auf die Vergangenheit – und auf den Mann, den sie zu kennen glaubte. Auch Elwyns Rückkehr bringt keine Erlösung: Die Wahrheit über Drystan ist dunkler, als Lucia je geahnt hätte.
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Seitenzahl: 521
Veröffentlichungsjahr: 2025
Ortus Solis 2
Schattenschwur
Der zweite Band der Initium Novum-Trilogie.
Idee, Text, Cover: Kathleen Tulping
© 2025 Kathleen Tulping
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH
Heinz-Beusen-Stieg 5
22926 Ahrensburg
Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter:
tredition GmbH
Abteilung »Impressumservice«
Heinz-Beusen-Stieg 5
22926 Ahrensburg
Deutschland
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Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 – Einsamkeit 3
Kapitel 2 – Weihnacht 11
Kapitel 3 – Turin 22
Kapitel 4 – Valerian 29
Kapitel 5 – Taru’Kupani 40
Kapitel 6 – Fremde 50
Kapitel 7 – Lebensversprechen 60
Kapitel 8 – Zeichen 72
Kapitel 9 – Graues Haar 81
Kapitel 10 – Erinnerungen 88
Kapitel 11 – Wiedereingewöhnung 100
Kapitel 12 – Elwyn 111
Kapitel 13 – Zirkulation 120
Kapitel 14 – Verhandlung 130
Kapitel 15 – Matriarchin 139
Kapitel 16 – Schatten und Sterne 148
Kapitel 17 – Gebräuche 156
Kapitel 18 – Nachfolge 165
Kapitel 19 – Ähnlichkeit 174
Kapitel 20 – Ahnen 185
Kapitel 21 – Vidaar 194
Kapitel 22 – Feuer 204
Kapitel 23 – Sommer 214
Kapitel 24 – Faerodeen 223
Kapitel 25 – Sonnenaufgang 230
Kapitel 26 – Gulstrand 238
Kapitel 27 – Urlaubsstimmung 248
Kapitel 28 – Grünes Blut 259
Kapitel 29 – Verzaubert 267
Kapitel 30 – Entwicklung 277
Kapitel 31 – Der blasse Elf 286
Kapitel 32 – Abmachungen 295
Kapitel 33 – Dunkles Herz 304
Kapitel 34 – Feiern 312
Kapitel 35 – Glückselig 319
Kapitel 36 – Kälte 327
Kapitel 37 – Gefangenschaft 335
Kapitel 38 – Retter 342
Kapitel 39 – Leere 351
Vorwort
Nicht jeder, der zurückkehrt, bringt Frieden. Und nicht alles, was man verliert, ist wirklich verloren.
Was im ersten Band begann, findet hier seine Fortsetzung.
Lucia lernt neue Facetten von Liebe und Freundschaft kennen. Ihre kleine, selbst gewählte Familie wächst und festigt sich weiter.
In diesem Band wird deutlich, dass Verbindungen, Gefühle und auch Freunde nicht zwangsläufig für immer bleiben.
Doch wo sich eine Tür schließt, öffnet sich eine Neue.
Auch dieses Buch enthält explizite Inhalte und richtet sich ausschließlich an erwachsene Leserinnen und Leser.
Eine Übersicht möglicher Trigger findest Du am Ende des Buches.
Ich danke Dir, dass Du zurückgekehrt bist.
Aber sei Dir bewusst:
Es gibt Taten, die lassen sich nicht ungeschehen machen.
Und manches Ende beginnt ganz leise – mitten in einem Kuss.
»Drystan, wo bist du? Elwyn, hast du ihn schon gefunden? Kommt doch endlich nach Hause. Bitte. Ich brauche euch. Kommt zurück zu mir! Lasst mich nicht allein!«, schrie ich in die pechschwarze Nacht.
Einen Moment später wurde ich schweißgetränkt wach und schaute in ein Paar dunkelgrüne Augen, die mich besorgt beobachteten.
»Selber Traum wie immer«, sagte ich und drehte meinen Körper zu der Person, die auf dem Boden unter mir lag.
»Kann ich nichts machen? Dir irgendwie helfen?«
»Komm ins Bett. Ich fühl mich schlecht, wenn du auf dem kalten Boden liegst«, sagte ich und nahm die Hand, die auf meiner weichen Matratze lag.
»Ich bin so weiche Betten nicht gewohnt. Hab die letzten 25 Jahre auf einem Hirschfell geschlafen. Nach mehr als zwei Stunden auf so nachgiebigen Polstern, krieg ich fürchterliche Rückenschmerzen.«
»Du musst ja auch nicht die ganze Nacht oben bleiben. Wenigstens so lang bis ich einschlafe«, sagte ich, als mich Turins Finger an der Nase traf.
Sein sanftes Lächeln erhellte meine Stimmung, »Nur wenn du morgen wieder in die Schule gehst. Du darfst dich nicht aufgeben, Lucia. Sobald die beiden zurückkommen, werden sie enttäuscht sein, wenn du dich so hängen lässt.«
Ich senkte den Blick, »Turin... ich schaff das nicht.«
»Du hast trotzdem Freunde, die für dich da sind. Wie war der Name von deiner Zimmerkameradin? Finja? Sie wartet auf dich. Sie vermisst dich. Und Vaiva auch. Denkst du, sie fragt jeden Tag nach dir, weil du ihr egal bist?«
»Aber dann bist du allein hier«, murmelte ich.
Doch Turin lächelte liebevoll, »Ich kann vor der Schule warten, und dann können wir jede Pause miteinander verbringen.«
»Quatsch, dann erfrierst du. Es ist wirklich kalt geworden«, widersprach ich und schüttelte den Kopf.
»Unsinn, int Elysora. Ich nehme mir ein Buch mit und setz mich nach draußen. Denkst du in Tarushu’ura oder in den Sümpfen ist es im Winter warm? Zur Grundausbildung eines jeden Toquni gehört es, zwölf Stunden am Tag den ganzen Winter draußen still zu stehen. Wer sich bewegt, wird bestraft. Wenn dir ein Zeh abfriert, warst du zu schwach. So einfach ist mein Volk«, lachte Turin und stand auf, »Ich geh eben für große Grünhäuter, und dann komm ich zu dir«, sagte er und verließ das Zimmer.
Turin hatte sich in diesen tristen Tagen zu meinem Anker entwickelt.
Der Mord an den Stoat-Großeltern war sechs Wochen her und es gab keine Information, ob Elwyn und Drystan noch am Leben waren. Dementsprechend schlecht ging es mir.
Aber Turin wich nicht von meiner Seite. Ich war mir inzwischen nicht mehr sicher, ob er nur wegen Elwyns Anweisung an mir klebte oder ob er die Zeit mit mir genoss.
»Jemand muss ihn zurückholen. Turin, pass auf Lulu auf. Weiche nich’ von ihrer Seite!«, schallte die Erinnerung an Elwyns Aussage durch meinen Kopf.
Turin tat, was El ihm auftrug, deshalb nutzte er die Chance, um sich ein Leben außerhalb seiner heimischen Sümpfe aufzubauen. Er war ein ausgezeichneter Lerner. Innerhalb von einer Woche verinnerlichte er, unsere Sprache zu lesen, und seitdem arbeitete er sich durch Drystans alte Schulbücher.
Seit Camilla und Farlan beerdigt wurden, hielten wir das Haus der Stoats in Schuss. Wir wohnten hier und warteten jeden Tag auf die Rückkehr von Drystan und Elwyn.
Ich war nicht sonderlich erpicht darauf, oft Besuch zu bekommen, auch wenn Vaiva, Miron und sogar Finja regelmäßig vorbeikamen.
Die einzige Anwesenheit, die ich genoss, war Turins. Er zeigte mir seine heimischen Rezepte und gewöhnte sich inzwischen an die Gerichte, die ich ihm servierte, solang sie nicht zu scharf waren.
Er kam zurück in Drystans altes Kinderzimmer, warf zwei Holzscheite in den Ofen, zog das Shirt aus, was ursprünglich Drystan gehörte, und lächelte mich an. Sein blasser, grünhäutiger Oberkörper glänzte im Kaminlicht und weckte in mir Gefühle, welche ich in den letzten Wochen völlig vergessen hatte.
Er legte sich an mich und gab mir einen sachten Kuss auf mein Haar.
»Immerhin beginnen am Ende dieser Woche die Weihnachtsferien«, sagte ich und kuschelte mich an Turins Brust.
»Was ist das eigentlich?«, fragte er neugierig.
Ein kleines Schmunzeln huschte über mein Gesicht, Turins Unwissen war wirklich sehr erfrischend, »Schulfrei. Und Weihnachten ist ein Fest. Deswegen habe ich ja meinen Dad eingeladen. Er kann leider nur vom 24.-25. Dezember hier schlafen, doch ich freue mich, ihn wieder zu sehen. Außerdem kommen noch Vai und Miron zu uns.« Turin schien zu zögern, eh er fragte, »Willst du deinen Bruder wirklich nicht sehen?«
»Nein und er will mich ja auch nicht sehen, also ist mir das Recht.«
»Darf ich ihm eine Kopfnuss geben, wenn ich ihn sehe?«, fragte er leise. Und wieder brachte er mich zum Grinsen, »Du weißt nicht einmal, wie er aussieht.«
»Das stimmt, aber ich kann ihn bestimmt riechen. Immerhin kenne ich deinen Geruch sehr gut«, lachte Turin und begann in meinen Haaren herumzuschnüffeln.
Ich konnte mir ein mädchenhaftes Kichern nicht verkneifen und hob den Kopf. Unsere Blicke trafen sich, bevor er anfing, meine Stirn abzuküssen.
»Und jetzt schlaf weiter, meine kleine, starke Sonnenelfe. Morgen musst du ausgeruht sein«, flüsterte er und drückte mich an sich. Es dauerte nicht lang, bis ich in seinen Armen friedlich einschlief.
»Guten Morgen, Lucia. Ich habe Frühstück gemacht. Und ich schlage in der Mittagspause ein gemeinsames Essen vor«, sagte Turin und präsentierte mir sein breites Lächeln. Seine dunkelgrünen Augen leuchteten, als er mich sanft auf meine Füße zog.
Wir zogen uns an und liefen gemeinsam nach Lairandra. Turin begleitete mich zum Wohnheim, wo Finja mir um den Hals sprang.
»Luuuuuuu, kommst du endlich wieder zur Schule?«, fragte sie mich überrascht.
»Ja, mein Wachhund hat mich erfolgreich bestochen.«
»Hast du... Neuigkeiten?« Ich konnte nur mit dem Kopf schütteln, »Nein. Beide sind unauffindbar. Ich hab auch Kontakt zur Vermisstensuche in Pinaud, aber keine Neuigkeiten.«
»Das tut mir leid«, murmelte Finja kaum vernehmbar und sah mich mitleidig an, »Turin, darfst du überhaupt mitkommen?«
»Nicht in den Unterricht, aber niemand kann mir verbieten, mich auf dem Gelände aufzuhalten. Ich warte draußen auf Lucia und bring sie von Haus zu Haus.«
»Du bist ein Guter«, sagte Finja und strich über Turins linken Arm.
Zu dritt schlenderten wir weiter, wo ich mich in Turins Arm einhakte. Ich hatte das Gefühl, jeden Moment in Tränen auszubrechen. Trotz, dass beide schon eine Weile weg waren, ließ der Schmerz kein bisschen nach. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wie es ihnen ging und ob sie überhaupt noch am Leben waren. Jeden Tag schwankte ich zwischen dem Erwarten ihrer Todesmeldung und ihrer Rückkehr. Es war alles so zermürbend.
Doch in diesem Moment lief ich Arm in Arm mit Turin zu Haus 3, wo er mich aus seinem Griff entließ, »Ich warte auf dich. Bitte komm zu mir, wenn du es nicht erträgst, aber versuch es wenigstens. Für Drystan und Elwyn«, versuchte er mich zu motivieren und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
Ich lief zum Unterricht und setzte mich. Teilnahmslos versuchte ich zuzuhören und mir den gesamten Schulstoff ordentlich zu notieren, damit Drystan alles nachholen konnte. So zogen die ersten beiden Unterrichtseinheiten an mir vorbei.
Zum Beginn meiner Mittagspause verließ ich das Unterrichtsgebäude, vor dem Turin mich lächelnd in Empfang nahm.
»Du machst das toll. Ich bin stolz auf dich. Die beiden anderen werden sich freuen, wenn sie wieder da sind«, lobte er mich und hielt mir seinen angewinkelten Arm entgegen.
»Danke, du bist ein richtiger Schatz«, sagte ich und lächelte Turin an, der daraufhin errötete, oder in seinem Fall, aufgrund seines grünlichen Blutes, eher ergrünte.
»Ich will halt, dass du dich wohlfühlst, trotz all dem, was gerade passiert.«
Gemeinsam setzten wir uns auf eine Bank in einem kleinen Park, auf die Turin bereits eine Decke gelegt hatte.
Zusammen aßen wir Wildschwein-Kartoffel-Ragout und dann war es wieder Zeit, zurück zum Unterricht zu gehen.
Irgendwie überstand ich diesen Tag. Und auch den Nächsten. Und ebenfalls den Darauffolgenden. Ich schleppte mich durch die Woche und wurde mit den Weihnachtsferien belohnt.
»Und was ist Weihnachten eigentlich genau? Mein Vater hat nie etwas davon erzählt«, fragte Turin mich, als wir am Freitagnachmittag des 23. Dezembers 455 zurück nach Wayrith liefen.
»Das Fest kommt aus der menschlichen Welt, und da hat es irgendwas mit ihrem Gott zu tun. Die Menschen haben es mit nach Unionis gebracht, und heutzutage feiern wir die Wintersonnenwende und das Jahresende. Man trifft sich, genießt die Zeit miteinander, isst zusammen und schenkt sich eine Kleinigkeit.« Turin hob die Augenbrauen und nickte leicht, »Ah, deswegen wolltest du neulich nach Worrothol? Ich verstehe.«
»Genau. Nenn mich naiv, aber vielleicht kommen ja Drystan und Elwyn wieder. Deswegen habe ich Geschenke gekauft«, sagte ich und schaute auf den nassen Boden.
»Ich nenne dich nicht naiv, Lucia, denn du bist vorausschauend und hoffnungsvoll. Das mag ich«, antwortete Turin und lächelte mich an, »Wann kommt eigentlich dein Besuch?«
»Mein Vater wollte am späten Nachmittag ankommen. Er bringt mir ein Rezeptbuch meiner Mutter mit, und dann dachte ich, kochen wir drei gemeinsam. Vaiva und Miron wollten morgen zum Festessen vorbeikommen.«
»Und dein Vater kommt heute Abend?« Ich nickte, »Ja. Dann kannst du auch mal tun, was du möchtest.«
»Das kann ich sonst auch. Denkst du, dass ich nur bei dir bin, nur weil El es mir gesagt hat oder weil du einsam bist? Nein, junges Fräulein, ich verbringe meine Zeit wirklich gern mit dir«, sagte Turin deutlich.
»Ja, aber dann musst du dich heute nicht nach mir richten, und einfach tun, worauf du Lust hast.«
»Alles?«, hakte er nach.
»Klar.«
»Sehr gut«, sagte Turin und gab mir einen festen Kuss auf die Wange.
Mein Gesicht errötete mehr, als es das aufgrund der beißenden Kälte eh schon tat. Turins Art war erfrischend und fürsorglich genug, um die Bruchstücke meines Herzens zusammenzuhalten. Doch hin und wieder brachte er mich mit seinem fast schon schamlosen Verhalten durcheinander.
Natürlich war er, als Düsterelf, mit einer anderen Kultur aufgewachsen, aber ich ahnte, dass er genau wusste, was er tat. Je mehr Zeit wir miteinander verbrachten, desto sicherer war ich mir, dass er es genoss, mir die Schamesröte ins Gesicht zu treiben.
Er grinste mich breit an, »Dann werde ich heute selbst einmal Worrothol besuchen. Ich möchte ein neues Buch. Vielleicht fällt mir ja eins über die Herkunft von Weihnachten in die Hände. Brauchst du dann auch noch was?«
»Nein, danke«, antwortete ich und gemeinsam spazierten wir den restlichen Weg zum Haus der Stoats.
Wie jeden Tag öffnete ich hoffnungsvoll die Tür und schaute mich um, ob einer der beiden Vermissten irgendwo saß. Doch wie an jedem anderen Tag war dort niemand.
Gemeinsam warteten wir auf die Ankunft meines Vaters, bis es endlich an der Tür klopfte. Turin eilte nach vorn und verneigte sich ein wenig.
»Hallo, Herr Lumley, ich bin Turin Kratush.«
»Hallo Turin, ich bin Tjorven. Schön, den Wächter meiner Tochter kennenzulernen. Danke, dass du dich um sie kümmerst«, hörte ich meinen Vater sagen.
Er betrat das Wohnzimmer in dem ich saß und lächelte breit. Papa sah so aus wie vor dem Fluch, nur deutlich ergrauter.
»Hallo Luli. Ich freue mich so, dich zu sehen. Wieder als ganz ich selbst«, sagte er und schaute für einen Moment etwas beschämt, bevor er zu mir eilte und mich umarmte.
Es gab ein herzliches Wiedersehen, und ich war ausgesprochen froh, dass wir ihn befreien konnten. Endlich war mein fürsorglicher und fröhlicher Vater zurück, und nicht mehr dieses eiskalte, stumme Monstrum, das mich ein Jahrzehnt lang quälte. Wir verharrten in unserer Umarmung, bis er sich löste und mich mit in die Küche der Stoats zog.
»Mir ist klar, dass du aktuell viel Angst hast, aber ich hoffe, dass ich dich ein wenig ablenken kann«, sagte er lächelnd und begann, seinen Beutel auszupacken, in dem allerlei Kochzutaten steckten.
»Gut, dann werde ich jetzt mal meine Freizeit nutzen, und nach Worrothol laufen«, sagte Turin fröhlich und rieb seine Hände aneinander.
»Da bist du aber eine Weile unterwegs«, murmelte ich und warf ihm einen skeptischen Blick zu.
Doch er schüttelte den Kopf, »Nein. Aq’na’Aaq bin ich sehr flott.«
»Aq’na’Aaq?«
»Von Baum zu Baum, von Ast zu Ast springen. Du weißt, wie moorig der Boden im Sumpf war. Da war das eine schnellere Fortbewegungsart, und ich möchte es ja auch nicht verlernen«, sagte Turin lächelnd.
»Nimm etwas Geld mit«, bot ich ihm an, als er mich in den Arm nahm.
»Das brauche ich nicht. Aber danke, Lucia«, antwortete er und verließ das Haus, noch bevor ich intervenieren konnte.
Es war seltsam, wieder mit meinem Vater allein zu sein. Mir war flau im Magen, obwohl ich wusste, dass keine Gefahr drohte. Aus diesem Grund ignorierte ich dieses Gefühl.
»Ich habe alle Rezepte deine Mutter kopiert, und sie alle zusammen in ein Buch binden lassen. Es ist noch nicht der Weihnachtsmorgen, aber ich möchte, dass deine erste gute Erinnerung mit diesem Buch, mit mir zusammen entsteht. Das mag egoistisch sein, doch es ist mir wichtig. Ich kann das Geschehene nicht wieder gut machen, deswegen möchte ich wenigstens neue, schöne Erinnerungen schaffen«, sagte er und überreichte mir das Buch. Es war in blauem Leder eingeschlagen.
»Ich danke dir sehr«, staunte ich und warf meinem Vater ein ehrliches Lächeln zu. Dieses Geschenk bedeutete mir wirklich viel.
Gemeinsam bereiteten wir das Gemüse vor und setzten die Füllung für die Gans auf. Während alles vor sich hinköchelte, nahmen mein Vater und ich zusammen am Esstisch Platz und tranken Würzapfelsaft.
»Wie geht es dir? Also wirklich?«, fragte er nach einer Weile und sah mich mit einem durchdringenden Blick an.
»Beschissen«, schnaufte ich, als sich meine Sicht spontan verschlechterte, weil mir Tränen in die Augen schossen.
»Ich wünschte, ich könnte dir helfen«, sagte mein Vater und legte seine Hand auf meine. Bei dieser beiläufigen, liebevollen Geste zuckte ich zusammen. Fast schon schuldbewusst, sah ich zu Papa, der nun tieftraurig wirkte.
Ich nahm seine Hand und lächelte ihn leicht an, »Es tut mir leid, daran muss ich mich wieder gewöhnen.«
Obwohl mir klar war, dass mein Vater der sanfte Elf von früher war, schien mein Gehirn mehr Zeit zu brauchen, um das zu verarbeiten.
Nach einer Weile des Herzausschüttens stand mein Vater auf und holte aus seinem Rucksack ein Kartenspiel, welches ich sofort erkannte. Es waren die Lieblingskarten meiner Mutter.
Während eines entspannten Spiels berichtete mein Vater mir, dass er angefangen hatte, nach seinen Eltern zu suchen, aber nichts herausfinden konnte. Sie waren umgezogen, doch wohin, war nicht bekannt.
Es wurde recht spät, und ich war unzählige Male nervös in der Wohnung umhergelaufen, als Turin endlich zurückkam.
Breit grinsend zog er mich in eine Umarmung und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
»Wann darf man das Geschenk genau überreichen?«, fragte er mich, und holte eine verpackte Schachtel aus seiner Tasche.
»Ach Turin, du musst mir nichts kaufen«, sagte ich und warf ihm einen besorgten Blick zu, bis mir auffiel, dass er ohne Geld das Haus verlassen hatte, »Warte. Hast du wieder geklaut?«
»Quatsch«, lachte Turin, und wuschelte durch mein Haar, »Ich hab schon verstanden, dass man nicht einfach Dinge mitnehmen darf. Nachdem ich im Gemüseladen mit einem Besen geschlagen wurde, habe ich das Prinzip schnell... verinnerlicht.«
»Aber wie – ?«, wollte ich hinterfragen, als Turin mir einen Finger auf die Lippen legte, und einen Moment später die Augen aufriss und seine Hand zurückzog,
»Wann überreicht man das Geschenk?«, fragte er ein weiteres Mal, während mein Vater sich zu uns gesellte.
»Am 25. Dezember. Eigentlich. Aber da ich bereits morgen Abend wieder abreisen muss, weil am 26. Dezember die Arbeit ruft, machen wir das morgen. Eure anderen Freunde werden wohl deswegen auch morgen bereits hierher kommen, wenn ich Luli richtig verstanden habe.«
»Gut. Bis dahin musst du dich gedulden«, verkündete Turin fröhlich und grinste mich ein weiteres Mal breit an, eh er im Schlafzimmer verschwand.
»Es freut mich, dass du mit Turin einen guten Partner gefunden hast«, sagte mein Vater und legte mir eine Hand auf die Schulter.
»Er ist nicht mein Partner, Paps. Turin ist anders, als Drys und El. Er hat, so glaube ich jedenfalls, kein Interesse an mir. Er behandelt mich nur so, um mich aufzumuntern.«
»Wenn du das sagst«, meinte mein Vater und ging lachend zu seinem Rucksack.
»Wie meinst du das?«, hakte ich nach und stellte mich zu ihm.
»Euer Umgang miteinander wirkt alles andere als platonisch.«
»Ich gehöre Drystan«, widersprach ich leise und spürte einen kleinen Krampf in der Magengegend.
Was wäre, wenn Drystan nicht wiederkommen würde? Wie lange würde ich mein Gelübde aufrechterhalten? Würde ich niemals eine andere Verbindung eingehen?
Etwas schwerfällig schüttelte ich den Gedanken ab und erschrak mich, als Turin zurück in die Küche kam.
Wieder grinste er und legte einen Arm um meine Taille. Wir waren wirklich vertraut miteinander und hatten wenig Scham vor unschuldigem Körperkontakt.
Trotz, dass ich Turin genau beobachtete, hatte ich nie das Gefühl, dass er auf mehr aus war als auf ein paar freundlich gemeinte, vielleicht tröstende Berührungen.
Die verwirrende Aussage meines Vaters beschäftigte mich, bis es an der Zeit war, ins Bett zu gehen. Paps machte es sich auf dem Sofa gemütlich, während Turin und ich uns in Drystans Schlafzimmer zurückzogen.
»Kannst du direkt hochkommen?«, fragte ich im Flüsterton, woraufhin Turin sein Shirt auszog. Er hielt kurz inne, eh er sich wieder grinsend zu mir warf.
»Kuscheln?«, fragte er und sah mir tief in die Augen. Ich nickte und legte mich an seine Brust. Turins Duft nach Moos und Tanne stieg mir in die Nase und verschaffte mir ein, inzwischen seltenes Gefühl von Sicherheit und Ruhe.
Ich dachte ein wenig nach und versuchte mir die Zukunft vorzustellen. Sollten Drystan und Elwyn wohlbehalten wiederkehren, würde Turin sicherlich auch als guter Freund an meiner Seite bleiben. Doch sollten sie nicht zurückkommen, wie würde es weitergehen? Wie lang würde Turin bei mir bleiben?
»Turin?«, fragte ich leise und hob meinen Kopf, um ihn ansehen zu können.
Sein weiches, blassgrünes Gesicht schaute mich mit seinen liebevollen, dunkelgrünen Augen direkt an, »Hm?«
»Wenn Drys und El nicht wiederkommen, wie geht es dann weiter?« Turin zog die Augenbrauen zusammen und lächelte sanft, »So wie jetzt, int Elysora.«
»Wirst du bei mir bleiben?«
»Wenn du es willst, für immer«, antwortete er eine weitere Spur liebevoller als zuvor. Aber die Frage, vor deren Antwort ich Angst hatte, stand noch bevor. Jedoch quälte es mich, dass ich Turins Reaktion darauf nicht kannte, also musste ich sie stellen. Um Gewissheit zu haben, »Weil du es musst?«
Sein Blick in meine Augen war direkt, »Nein, weil ich es will. Ich will dir nah sein«, hauchte er.
Ohne darüber nachzudenken, legte ich meine Lippen auf Turins. Er erwiderte meinen Kuss etwas holprig und zog mich fest an sich.
Meine Hand, die auf seiner Brust lag, ließ mich spüren, wie sehr sein Herz raste, doch mein eigenes stand seinem in nichts nach.
Wortlos ließen wir den Kuss ausklingen. Ich legte meinen Kopf wieder auf Turins Brust und dachte nach.
Was zur Hölle ist nur los mit mir?
Ich begehrte nicht nur Drystan und Elwyn, sondern auch... Turin.
Wieder hob ich meinen Kopf und sah ihn an. Der Mann, der bei unserem ersten Zusammentreffen recht jung aussah, schien ein wenig zu altern. Vielleicht bildete ich es mir ein, aber seine weichen Gesichtszüge hatten sich in den letzten Wochen etwas verhärtet. Sein Jochbein schien viel präsenter zu sein, und auch sein Kiefer wirkte breiter. Er war zwar älter als Drystan und Elwyn, und trotzdem sah er weiterhin so aus, als wäre er allerhöchstens in meinem Alter. Und ich hatte das Gefühl, er wurde immer attraktiver.
»Du bist wunderschön«, flüsterte er und küsste mich erneut. Immer wieder küssten wir uns, und mit jedem Kuss fühlte ich mich besser.
Irgendwann legte ich meinen Kopf zurück auf seine Brust. Ich musste nachdenken.
Turin fing mich auf und hielt mich fest, seit dem Moment, an dem Drystan und Elwyn verschwanden. Er wich nie von meiner Seite und kümmerte sich um mich, egal wie abweisend ich mancher Tage war.
Für das, was er getan hatte, konnte ich mich nie erkenntlich zeigen.
Natürlich wusste ich, dass Turin ebenso von unserer engen Verbindung profitierte, indem er durch mich die Sprache und die Kultur von Unionis besser kennenlernte.
Während ich ohne nennenswertes Ergebnis vor mich hingrübelte, fand ich meinen Schlaf. Am nächsten Morgen, lag Turin weder neben mir, noch auf seinem Schlafpelz vor dem Bett.
Als ich an die letzte Nacht dachte, durchfuhr mich ein Schauer. Und eine Menge Sorge.
Schnell sprang ich auf, zog mich an und stürzte in die Küche, wo mein Vater mich fröhlich begrüßte.
»Hast du Turin gesehen?«, fragte ich ihn fast schon panisch.
»Bin hier. Du hast mich wohl vermisst«, flüsterte er in mein Ohr und legte seine Hände von hinten auf meine Hüfte. Ich lief knallrot an. Schmunzelnd wandte sich mein Vater ab und widmete sich wieder dem Zubereiten des Frühstücks.
Wortlos half ich ihm, während Turin das Haus säuberte. Wir gaben uns alle so viel Mühe, das Fest so schön wie möglich vorzubereiten. Die Zeit verging, und der Abend rückte näher. Das Haus war durchzogen vom Geruch der Gans im Ofen und dem Würzapfelsaft auf dem Herd.
Während die Stunden ins Land zogen, tauschten Turin und ich immer wieder tiefe Blicke aus.
Ich war verwirrt, doch die Anziehung zwischen ihm und mir schien minütlich zu steigen – und damit auch mein schlechtes Gewissen.
Später am Abend klopfte es. Wie immer rannte ich zur Tür, in der Hoffnung Drystan und Elwyn würden zurück sein, und ich konnte, auch wenn es mir furchtbar leidtat, meine Enttäuschung nicht verbergen, als Miron und Vaiva mich anlächelten.
Sie kannten diesen Blick aus den letzten Wochen schon zu Genüge, und so nahmen sie es mir beide nicht übel, dass ich sie etwas deprimiert dreinblickend ins Haus ließ.
Die anderen begrüßten sich fröhlich, während es so wirkte, als wäre ich die Einzige, die wirklich unter der Situation litt. Es machte mich wütend, dass niemand außer mir Drystan und Elwyn zu vermissen schien.
Immer wenn ihre Namen fielen – oder überhaupt nur jemand an sie dachte – traf mich dieser Blick. Dieses wohlmeinende Mitleid, das alles nur schlimmer machte.
Aber ich brauchte das nicht. Kein vorsichtiges Nicken. Auch diese geheuchelte Anteilnahme half mir nicht. Es brachte mir keine Antworten. Keine Gewissheit.
Es war zwecklos, mich mit Mitleid zu überhäufen. Genauso zwecklos, wie sich hier hinzusetzen, und zu feiern, als wäre die Welt in bester Ordnung.
In mir brodelte es. Mein Blut kochte. Mit jeder Minute wurde ich wütender. Auf sie. Auf mich. Auf alles.
»Lu, was ist los?«, fragte Vaiva erschrocken, als mit einem Schlag meine Wut aus mir herausbrach.
»Wie könnt ihr alle hier sitzen als wäre nichts?!
Vermutlich sind Drys und El sind tot und wir sitzen hier am Tisch, feiern und spielen Karten. Die beiden sind vielleicht elendig verreckt. Warum interessiert das hier niemanden?!
Ich kann doch nicht die Einzige sein, die das so fertig macht? Was stimmt nicht mit euch?«
Mein Blick schweifte und ich sah, wie mich alle anwesenden Augenpaare mitleidig ansahen. Das war zu viel.
»UND HÖRT VERDAMMT NOCHMAL AUF, MICH SO ANZUSEHEN! SPART EUCH EUER MITLEID!
Ich brauch das nicht. Davon kommen Drys und El auch nicht wieder nach Hause, also lasst das sein.
Und hört – bei den Göttern nochmal – auf, mich wie ein rohes Ei zu behandeln!«
Gerade als die Tränen aus mir herausbrachen, nahm Turin mich in seine Arme, und streichelte mir über den Kopf. Mein Wutausbruch kostete Kraft, doch es war befreiend.
»Sie werden wieder kommen, Lu«, sagte Vaiva leise, »Wieso sollten wir so tun, als wären sie tot? Es gibt keinen Grund, zu trauern, solang wir nicht wissen, wo sie stecken. Wieso sollten wir nicht das beste aus der Zeit machen? Denkst du, die beiden würden sich freuen, wenn sie dich gerade sehen könnten? Nein, absolut nicht. Sie wären wütend. Auf uns alle, aber nur, weil wir es nicht schaffen, dich glücklich zu machen. Sie lieben dich. Sie wollen nicht, dass du traurig bist. Sie wollten immer nur, dass du unbesorgt bist.«
»Geht’s dir jetzt besser?«, fragte Miron und reichte mir sanft lächelnd ein Taschentuch, »Das musste endlich raus, hm? Hast du ja eine Menge in dir angestaut... Aber glaub mir, keiner der beiden lässt sich schnell fangen. El kann sie als Tier einfach zerreißen. Das hast du in den Sümpfen gesehen. Deswegen mach ich mir nicht so viele Sorgen. Die beiden sind stark.«
Turin hielt mich weiterhin fest, als würde ich ohne ihn umkippen, doch so fühlte ich mich auch.
Nach einigen Minuten in seinem schützendem Griff konnte ich mich wieder auf den heutigen Tag fokussieren. Meine schlechte Laune verzog sich im Nu. Die Sorge blieb natürlich, doch Vaiva und Miron hatten recht. Drys und El waren stark.
Wir vertrieben uns die Zeit mit Kartenspielen, bis mein Vater die Gans aus dem Ofen holte und sie in die Küche stellte. Turin und Miron übernahmen sofort und füllten unsere Teller.
Das Essen war köstlich und der Abend wurde nach meinem Wutausbruch angenehm kurzweilig.
Turin spielte uns ein wenig Musik auf seinem Zenakh’al, einem Instrument der Düsterelfen.
Er hatte es nach seiner Abreise vom Stamm selbst gebaut, so wie er es in seiner Heimat öfter schon gemacht hatte. Das fremdartige Instrument erinnerte an eine Gitarre mit zwei Griffbrettern, die sich über dem Korpus überkreuzten und so eine doppelte Bespielung möglich machten.
Am späten Abend verabschiedeten sich Vaiva, Miron und mein Vater, daher saßen Turin und ich am Ende des Tages allein im Wohnzimmer, und sahen uns einen Film an.
Turin haderte anfangs mit dem Verständnis, dass ein Fernseher keine echten Personen beherbergte, doch nachdem er es verstand, genoss er es, durch Filme zu lernen. Ich lag mit meinem Kopf auf seinen Oberschenkeln, während er gespannt zum Bildschirm sah.
»Turin... was denkst du?«, fragte ich, woraufhin er sofort seinen Blick auf mich richtete.
»Ich finde es spannend, wie Louise so lang überleben konnte.«
»Nicht wegen des Films... wegen letzter Nacht«
Turin grinste mich an, »Meinst du wegen des Kusses?«
»Ja«, wisperte ich.
»War mein erster«, sagte Turin und lachte etwas.
Das überraschte mich, »Wirklich?«
Nun kratzte er sich verlegen am Kopf, »Ja... in Tarushu’ura läuft sowas anders.«
»Was meinst du?«
»Na ja, ein Kuss auf den Mund ist das Intimste, was du machen kannst. Ich weiß, dass es so nicht von dir gemeint war, aber bei mir zu Hause, ist das der Beginn eines Lebensversprechens, also so etwas wie einer Ehe. Man verspricht sich einander, geht gemeinsam zur Raq’Kupan, vereint die Sippen und erst dann folgt ein Kuss«, sagte Turin und spielte mit einer meiner Haarsträhnen.
Ich schien zu verstehen, wie es bei den Düsterelfen lief, »Also seid ihr bis dahin komplett enthaltsam?«
»Was heißt das?«, fragte Turin und runzelte die Stirn.
»Man hat keinen Sex«, flüsterte ich.
Nun rutschte ihm ein kurzes, kehliges Lachen heraus, »Ahh, ich verstehe, aber – doch. Lust hat nichts mit Liebe zu tun.«
»Du hattest also schon...?«, fragte ich. Er verwirrte mich.
»Oh ja«, seufzte Turin und warf den Kopf nach hinten, »Hin und wieder, wenn jemand plant, ein Lebensversprechen zu geben, wird eine riesige Feier geplant, und da geht es zu, wie in einem Hasenkäfig. Jeder treibt es mit jedem, egal ob Mann oder Frau. Man sieht sich, hat Lust, und treibt es.«
»Das ist seltsam«, lachte ich und richtete mich auf.
»Wieso? Ich sehe in dieser Vorgehensweise einige Vorteile. Viele wissen so von Anfang an, was sie wollen. Kein Lebensversprechen der Taru’Kupani wurde jemals aufgelöst, weil man keinen Spaß miteinander hatte.«
Ich nickte, »Das ergibt Sinn.«
»Und ich finde es viel intimer, mit jemanden die Luft zu teilen oder den Atem des anderen im eigenen Gesicht zu spüren, als einfach nur Lust herauszulassen.«
»Fehlt es dir?«
»Ja, schon. Aber ich kenne meine Priorität. Dein Wohlbefinden ist das Wichtigste für mich. Ich habe mich die letzten zehn Jahre frei ausgelebt, und mich durch das Volk gevögelt, sodass es mal wirklich an der Zeit war, etwas erwachsener zu werden.«
Was?, fragte ich mich selbst, »Zehn Jahre?«
»Ja, bei den Taru’Kupani wirst du bereits mit 15 volljährig. Meist findet man bereits innerhalb der ersten fünf Jahre seinen Lebenspartner, und einigt sich, sich irgendwann das Lebensversprechen zu geben. Das wollte ich nicht.
Bevor ich den Sumpf verlassen hatte, war mir das Gefühl von romantischer Liebe völlig fremd. Das war auch ein Grund, weshalb ich nie versucht habe, einen Namen zu bekommen. Ich war nie besonders stark oder mutig. Eher im Gegenteil. Das kam mir gelegen. Es erschien mir falsch, eine Frau zu nehmen, die ich einfach nicht liebte. Und so war Sex die einzige Möglichkeit für mich, Nähe zu erfahren.«
»Das klingt so, als hättest du eine Angebetete gehabt«
Turin nickte, »Hatte ich. Die Raq’Kupan wollte, dass ich ihre älteste Ur-Enkelin nehme... meine Großnichte. Sie wurde im Jahr vor mir geboren und war ganz vernarrt in mich, das beruhte aber nicht auf Gegenseitigkeit. Und ohne Namen gibt es kein Lebensversprechen. Dazu kam, dass ich immer glaubhaft vermitteln konnte, nur auf Männer zu stehen. Ich konnte ihr nicht ehrlich sagen, dass ich sie nicht wollte.«
»Du hast dich für schwul ausgegeben?«, fragte ich ungläubig.
»Bin nicht stolz darauf«, sagte er und fuhr sich durch sein dunkles Haar.
»Ist es denn eine Lüge?«, hakte ich nach und warf Turin einen neugierigen Blick zu.
Plötzlich stand er auf und beugte sich über mich. Sein Blick war stechend, als er meinen Kopf drehte und mir, »Ich würde es dir gern hier und jetzt beweisen. Das Einzige, was mich davon abhält, dich zu erobern, ist, dass du ein schlechtes Gewissen bekommst« ins Ohr flüsterte, bevor er den Raum verließ.
Mein Herz setzte für einen Moment aus, und ich sah verdattert Turin hinterher.
Kurze Zeit später, hörte ich das Wasser in der Dusche. Ein Kichern entwich mir. Zwischen Turin und mir knisterte es gewaltig, das konnte ich nicht leugnen, aber ich hatte Angst. Der Gedanke, Drystan und irgendwie auch Elwyn hinter mir zu lassen, widerstrebte mir.
Dennoch lief ich in Richtung des Badezimmers. Gerade als ich die Tür öffnen wollte, hörte ich ihn leise keuchen. Kaum hatte ich die Tür einen Spalt breit geöffnet, sah ich Turin, der sich mit einer Hand an der Wand abstützte, und sich mit der anderen Hand selbst befriedigte.
Ich dachte an all das, was er für mich tat, und was er mir erzählt hatte. Lust hat nichts mit Liebe zu tun. Und ich war mir sicher, dass wir uns beide gleichermaßen nach sexueller Intimität sehnten.
Mein Fuß stieß die Tür auf, ohne dass mein restlicher Körper intervenieren konnte. Turin bemerkte mich und riss die Augen auf. Er erstarrte und sah mich erschrocken an. Sein Körper war breiter und muskulöser, als sein Gesicht vermuten ließ, was jedoch sicherlich an seiner Ausbildung im Sumpf lag.
Langsam ging ich in das Bad hinein, genau in Richtung der Dusche.
Turin richtete sich auf, auch wenn er seine Hand nicht von sich wegbewegte. Sein Blick war wieder durchdringend und suchte meinen, bevor er etwas lächelte. Ich zog meine Hausschuhe aus und stieg bekleidet in die Dusche.
Ohne etwas zu sagen, legte ich ihm meine Hand auf die Brust und ließ sie langsam nach unten gleiten.
Sein Glied war ein wenig nach oben gebogen und schien bis zum Zerbersten mit Blut gefüllt zu sein. Ich hatte mich an Turins ungewöhnliche Hautfarbe gewöhnt, und so störte ich mich nicht, an dem dunkleren, und dennoch blassen Grünton seines Intimbereichs.
Meine Hand legte sich um seine und begann, ihn zu befriedigen. Turin zog seine unter meiner hervor, legte sie an mein Kinn und drückte mein Gesicht nach oben. Sein Blick beobachtete meinen, während er meine Berührung zu genießen schien.
Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen, doch plötzlich presste er mich mit einer gewaltigen Kraft gegen die Wand. Er legte seinen Kopf auf meinen und flüsterte irgendwelche Worte in der Sprache der Taru’Kupani, die ich nicht verstand. Sein Keuchen nahm wieder zu und seine Hände lagen auf meinen Schultern. Ich machte weiter, bis es sich so anfühlte, als ob meine Armmuskulatur nachgeben würde.
Erst in diesem Moment spürte ich, dass Turin seinen Samenerguss hatte. Ich wollte ihn küssen, hielt mich jedoch, aus Respekt vor seiner Kultur, zurück.
Aber kaum war er fertig, hob er den Kopf und presste seine Lippen leidenschaftlich auf meine. Wir hielten inne und verharrten in diesem Kuss. Ohne ein Wort zu wechseln, spülte ich danach meine Hand ab und ging wieder aus der Dusche heraus, um meine nasse Kleidung auszuziehen. Es sollte nicht noch weitergehen, als es schon jetzt tat. Auch wenn ein Teil von mir durchaus das Bedürfnis hatte, Turins Fähigkeiten zu testen.
Kurze Zeit später, kam er ebenfalls wieder nach draußen. Sein Gesicht war grüner als sonst, und er sah mich etwas reumütig an.
»Es tut mir leid. Ich hätte das nicht zulassen sollen. Du sollst kein schlechtes Gewissen haben«, sagte er leise und warf mir einen besorgten Blick zu.
»Du hast Bedürfnisse, Turin. Wenn ich dir so etwas Befriedigung verschaffen kann, dann ist es gut. Du hilfst mir auch. Wenn ich dich um so etwas bitten würde, würdest du bestimmt auch nicht zögern.«
»Nicht eine Sekunde«, sagte er und musste etwas lachen.
»Du tust alles für mich. Da ist das nur angebracht«, sagte ich leise, »Wenn die beiden zurückkommen, werde ich es ihnen sagen, und ich bin mir sicher, dass sie es verstehen.«
Turin und ich legten uns ins Bett, wo er mir noch mehr von seiner heimischen Kultur erzählte.
Die meisten Bräuche und Umgangsformen waren wirklich ungewöhnlich, doch es interessierte mich aufrichtig, wie Turin gelebt hat, bis er zu uns kam.
Das Volk der Taru’Kupani deutlich offener und viel weniger vorverurteilend im Vergleich zu den meisten Völkern in Unionis.
Er lud mich ein, zum dritten Vollmond des neuen Jahres mit ihm zusammen in die Sümpfe zu reisen. Zu dieser Zeit würde wohl das größte Fest seines Stammes gefeiert werden und er würde es schönfinden, dieses Fest mit mir gemeinsam zu erleben.
Irgendwann schlief ich eng an Turin gekuschelt ein.
Als ich wieder wach wurde, war bereits der nächste Morgen angebrochen. Ich lag weiterhin in Turins Arm, der in der anderen Hand ein Buch hielt.
»Guten Morgen«, sagte er mit einer fröhlichen Stimme und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
Wir standen auf, zogen uns an, und gingen in die Küche. Gemeinsam kochten wir Frühstück, als Turin plötzlich mit einem kleinen, in glitzerndem Papier verpackten, Geschenk hinter mir stand.
»Frohe Weihnachten«, sagte er leise und überreichte mir das Päckchen.
Vorsichtig versuchte ich, das Geschenk auszupacken. Darunter kam eine schwarze Schachtel zum Vorschein.
Ich öffnete das kleine Kästchen und sah einen wunderschönen Ring mit einem noch schöneren Stein. Das Metall war geflochten und endete an dem Stein, der in einem rot-orange funkelte.
»Er passt zu deiner Kette«, sagte Turin und nahm einen kräftigeren Farbton im Gesicht an.
»Dieser Ring ist überwältigend. Ich danke dir, Turin. Aber du hast ihn wirklich nicht geklaut?«
»Nein, int Elysora. Vaiva hat mir geholfen. Sie hat das Geschenk bezahlt.«
»Das war nicht notwendig«, murmelte ich.
»Ich wollte es aber und Vaiva hatte mir angeboten, es zu bezahlen«, antwortete er und zog mich zu einer Umarmung heran.
Mir war bewusst, wie groß sein Interesse an der Kultur und Sprache unseres Landes war, deswegen hatte ich fünf Bücher gekauft, die genau dies beinhalteten, und mit denen er im Buchladen bereits geliebäugelt hatte.
Zwar hatte ich keinen Zweifel daran, dass Turin sich sehr freuen würde, allerdings wirkte es nun, im Vergleich zu diesem märchenhaften Ring, fast ein wenig schäbig.
Doch auch wenn ich mein Geschenk für ihn inzwischen als etwas armselig empfand, machte Turin einen kleinen fröhlichen Quietscher, als er sich die Bücher ansah. Er grinste mich breit an, eh er sie zur Seite legte, und mich dicht an sich zog.
»Vielen Dank, Lucia. Du hast gut aufgepasst«, sagte er und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
Ich hob den Kopf und sah in sein Gesicht. Seine Augen waren direkt auf meine gerichtet und sein Mund war zu einem kleinen Lächeln geformt.
In diesem Moment überkam mich wieder mein schlechtes Gewissen. Keiner wusste, ob nicht Drystan und Elwyn vielleicht heute wiederkommen würden. Ich liebte sie beide, doch Turin wurde mir immer wichtiger. Dann wiederum, wollte ich ihn auch nicht in Verlegenheit bringen. Denn wenn Drystan und Elwyn zurückkämen, würde Drystan das sofort unterbinden. Oder vielleicht nicht?
»Wenn du willst, dass ich Abstand von dir halte, dann musst du es sagen, int Elysora«, sagte Turin leise, und zog die Augenbrauen ein wenig zusammen. Doch ich wollte mich nicht länger von Turin fernhalten... Ich konnte es nicht.
Ich legte meine Hand auf Turins Wange und sah ihn weiter an. Er schloss seine Augen für einen Moment, eh er sie wieder auf mich richtete.
»Es tut mir leid, dass ich deine Kultur nicht respektieren kann«, flüsterte ich.
Doch Turin lächelte, »Scheiß auf Kultur«, hauchte er und legte seine Hände sanft um meinen Hals, bevor er mich küsste.
Mein Herz raste, während ich Turins moosigen Geruch einatmete. Der Kuss schien eine Ewigkeit anzuhalten, und ich hatte kein Interesse daran, ihn zu beenden. Im Gegenteil.
Ich ließ meine Hand unter Turins geliehenen Pulli gleiten, und zog ihn nach oben.
»Sicher?«, fragte Turin mich, und bewegte kurz seinen Kopf nach hinten. Ich nickte und zog ihn an seinem Kragen wieder zu mir, um ihn zu küssen. Wir standen beide in der Küche, doch er hob mich mit Leichtigkeit an und trug mich in das Wohnzimmer. Er setzte sich auf das Sofa und ich landete genau auf seinem Schoß.
Wieder küssten wir uns. Turin hatte nach den ersten Versuchen den Dreh schnell heraus, und ich fing an, jeglichen Zweifel an seinen Erfahrungen zu verlieren.
Er führte mich ein wenig, und ich hatte auch nicht das Gefühl, dass er unsicher war. Seine Zurückhaltung nahm ich jedoch deutlich wahr – er zögerte, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, und das wiederum, störte mich. Denn nun war ich bereit, mich ihm hinzugeben, also wollte ich ihn wirklich kennenlernen. In jeder erdenklichen Weise.
Mit einer atemraubenden Mischung aus Hektik und Leidenschaft küsste er meinen Hals entlang und begann, mich auszuziehen. Ganz liebevoll streifte er meine Kleidung von meinem Körper, bis er bei meinem BH angekommen war.
»Wie kriegt man das auf? Ich kenne das von zu Hause nicht«, sagte er und lachte verlegen, als ich meine Hände von seinen Schultern nahm, um meinen BH selbst zu öffnen. Ich öffnete ihn, ließ ihn allerdings an Ort und Stelle, damit Turin ihn mir abstreifen konnte. Dies tat er auch, ohne zu zögern, eh er sich mit seinem Mund auf meine Brust stürzte.
Während er mich mit seinem linken Arm fest an ihn zog, und seine rechte Hand sich um meine Brust legte, stimulierte er immer wieder sanft meinen Nippel.
Turin brauchte nicht lang um mich richtig in Fahrt zu bekommen. Ich hatte das Gefühl, all die Erregung, die ich in den letzten Wochen nicht ausleben konnte, hatte sich gesammelt und nur auf diesen Moment gewartet.
Er hob mich von sich und warf mich auf das Sofa. Mit gierigem Blick zog er sich selbst aus und anschließend mich.
Ich wollte mich beteiligen, und Turin befriedigen, doch er schob mich sanft nach hinten, und beugte sich über mich, »Oh nein, int Elysora. Int lekh o’oleth.«
»Was heißt das?«, fragte ich leise.
»Ich gebe dir. Genieß es«, sagte er und bewegte sich nach unten.
Turin drückte meine Beine auseinander, und ließ seine Zunge über meinen Bauch fahren. Ein sanftes Ziehen durchzog meinen Körper, als Turin behutsam an meinen Venushügel knabberte. Er hob den Kopf, lächelte mich an und begann, mich zu lecken.
Jeglicher Zweifel, ob Turin bereits Erfahrungen hatte, verflüchtigte sich endgültig. Er wusste genau, was er mit mir tun musste.
»Lekh zuq int sho’oqa«, murmelte er, als er seinen Kopf hob und mich angrinste, »Du sollst für mich stöhnen, Lucia. So laut, dass es in ganz Wayrith zu hören ist. Lass alles raus.«
Das ließ sich aufgrund von Turins zielstrebigen Bewegungen kaum vermeiden.
Hin und wieder umkreiste er meine Klitoris mit seiner Zunge und bewegte seine Finger im gleichen Rhythmus. Sein Blick war unaufhörlich auf mein Gesicht gerichtet, während er unentwegt zu lächeln schien.
Er brachte mich immer wieder kurz vor meinen Höhepunkt und hörte jedes Mal auf.
»Warum stoppst du?«, keuchte ich, als er sich aufrichtete und sein bestes Stück in voller Härte sichtbar wurde.
»Weil ich nicht will, dass du keine Lust mehr hast. Es macht mir viel Spaß, dich so... voller Feuer zu sehen. Und außerdem warte ich darauf, dass du mir endlich sagst, dass ich dich ficken soll.«
Trotz, dass ich nackt und mit gespreizten Beinen vor einem Mann lag, dessen Kinn durch meinen Saft glänzte, erstarrte ich für einen Moment vor Scham.
»Soll ich aufhören?«, fragte er und spuckte in seine Hand. Ich schüttelte hastig den Kopf, »Warte, ich komme nicht beim Sex. Lass mich erst...«
Turin grinste nur, rieb seine Spucke über den dicken Schaft und drückte ihn nach unten, »Du wirst kommen, vertrau mir«, sagte er und schob sich langsam in mich. Wir stöhnten gleichzeitig auf und sahen uns an, bis Turin die Augen schloss und ein kehliges Stöhnen ausstieß.
»Lekh oy lukun«, brummte er, eh er sich nach vorn fallen ließ und mich animalisch angrinste.
»Hör auf, in Taru’quan zu reden«, lachte ich leise, bevor mir ein besonders lautes Stöhnen entwich.
»Ich sagte, dass du eng bist«, hauchte er und küsste mich.
Seine Zunge drang fordernd in meinen Mund, sein Daumen öffnete meine Lippen, während er härter stieß. Jeder Stoß ließ mich beben.
Nun wollte ich die Führung übernehmen. Ich zog ihn zu mir, warf ihn neben mich und setzte mich schnell auf ihn.
Als ich ihn ritt, konnte ich gut sehen, dass er es genauso genoss wie ich. Ich lehnte mich nach hinten, da packte er mich an meinem Po und bewegte mich noch fester, »Lucia peri’xaw maleth... tu mit mir, was du willst, aber hör bloß nicht auf«, stöhnte er laut.
Doch ich wollte sowieso nicht aufhören. Ganz im Gegenteil, das Gefühl, dass sich ein Orgasmus näherte, wuchs immer weiter, bis Turin wieder zu keuchen begann, »Int ako’naq. Int... ako’naq«, stöhnte er und schloss die Augen.
Er presste mich fest auf seinen Schwanz und gab mir damit das letzte fehlende Stück zu meinem Höhepunkt. Mein Körper verkrampfte, ich schrie auf und verlor jede Kontrolle, bis ich zitternd auf seiner Brust zusammensackte.
»Bei den... Göttern«, röchelte ich und spürte, wie Turin mir mit der Hand über meinen Kopf fuhr.
»Du musst nicht übertreiben. Ich bin doch kein Gott. Nur ein junger Mann, mit einem harten Schwanz.«
»Und wie du das bist«, seufzte ich zufrieden und hob den Kopf, wo mich bereits ein grünes, grinsendes Gesicht beobachtete.
»Ich hab nicht zu viel versprochen«, lachte Turin.
»Da hast du allerdings recht. Nicht, dass Drystan oder Elwyn mich nicht befriedigt hätten, aber so was habe ich noch nie erlebt«, sagte ich und ließ mich neben ihn fallen.
»Das war aber wirklich dringend notwendig. Ich wollte dich schon die ganze Zeit.«
»Wieso?«, fragte ich irritiert.
»Du bist verdammt heiß und ich wollte dir etwas Gutes tun. Aber ich hab schnell verstanden, dass es hier anders läuft als in Tarushu’ura. Hier läuft vieles anders«, schnaufte er.
Nun fühlte ich mich schlecht, »Vermisst du dein Zuhause?«
»Oft, ja. Allerdings würde ich auch nicht mehr ohne dich sein wollen. Du bist wundervoll. Hättest du dein Herz nicht bereits verschenkt, hätte ich dir schon längst das Lebensversprechen gegeben.«
»Wirklich?«, fragte ich und riss die Augen auf.
»Ja. Ohne jeden Zweifel. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemand Besseren für mich gibt.«
»Was wirst du tun, wenn die beiden zurückkommen?«
Turin zuckte mit den Schultern, »Je nachdem, was passiert ist, und wie Drystan reagiert, würde ich entweder auf Knien darum betteln, an deiner Seite bleiben zu dürfen, oder ich würde um dich kämpfen. Es kommt darauf an, weshalb sie so lang weg sind. Wenn Drystan abgehauen ist, um zu trauern, und dich deswegen so lang allein lässt, hätte er kein Recht, sich über unsere Beziehung zueinander zu beschweren. Dann würde ich dich nicht kampflos aufgeben. Ich weiß, dass du mich auch nicht verlieren willst.«
Ich spürte, wie meine Wangen warm wurden, »Woher?«
Er lächelte mich liebevoll an, »Weil ich es spüre, Lucia. Du versuchst nicht einmal, deine Gefühle für mich zu verbergen. Und das ist gut. Ich will für dich da sein. Nicht deine Nummer 1 zu sein, würde ich akzeptieren, aber nicht, wenn Drystan uns unseren Umgang miteinander verbieten wollen würde. Int lekh elysoth, Lucia.«
Turin musste das Gesagte nicht übersetzen. Er hatte mir seine Gefühle gestanden.
»Ich erwarte nicht, dass du genauso stark empfindest, aber es ist mir wichtig, dass du es weißt. Pas’sore lekh int kora’soq. Du hast mein Herz. Tu damit, was du willst«, sagte Turin und stand auf.
Einen weiteren Moment blieb ich liegen und dachte nach. Mir war bewusst, dass ich für Turin Gefühle hegte, aber bisher hatte ich mich gewehrt, diese vor meinem eigenen Gewissen zuzugeben. Vielleicht war es nicht verkehrt, den Gefühlen ganz in Ruhe nachgehen zu können.
Im Bezug auf Drystan und Elwyn konnte ich sowieso nichts ausrichten. Warum sollte ich die Zeit nicht auch einfach genießen?
Mein schlechtes Gewissen blieb entgegen meiner eigenen Erwartung aus. Zum ersten Mal in den letzten Wochen fühlte ich mich wieder richtig gut. Das lag sicherlich nicht nur an dem wirklich fantastischen Sex, den ich mit Turin hatte, sondern auch an dem Wissen, dass es sein eigener Wille war, bei mir zu bleiben.
Er half mir dabei, meine Sonnenkräfte wieder zu verwenden. Auch das fiel mir in den letzten Wochen deutlich schwerer. Doch nun saßen wir auf dem Sofa und mir kam eine Frage in den Kopf, die ich zwischenzeitlich vergessen hatte.
»Turin, wieso hast du eigentlich geweint, als wir uns im Sumpf getroffen hatten?«
»Ich hatte verdammt große Angst zu sterben. Elwyn hatte einen Moment zuvor einen meiner längsten Freunde zerrissen. Deswegen ging ich davon aus, dass du und die anderen uns abschlachtet.
Meine größte Angst war es, allein zu sterben. Ungeliebt. Ohne einen Namen. Deswegen wollte ich hinaus in die Welt... Etwas erleben, und daran wachsen. Doch allein kommt man nicht weit. Ein alter Freund hat den Stamm verlassen, um in die Welt hinauszugehen. Er kam nach drei Tagen zurück und starb noch auf dem Weg zurück nach Hause, weil er angegriffen wurde. Bei meinem Volk geht man zwar anders mit dem Tod um, aber ich glaube nicht daran, dass wir nach unserem Tod in die Sterne reisen. Ich glaube, wenn man stirbt, dann stirbt man. Dann ist alles vorbei. Wie sieht man das bei euch?«, fragte Turin.
Ich verstand ihn vollkommen, »Wenn man stirbt, dann sieht man seine Liebsten wieder. So heißt es jedenfalls. Ich weiß nicht, ob ich das glaube.«
»Ein wenig Skepsis bei so was ist wohl immer angebracht. Die Einzigen, die die Wahrheit kennen, sind die Toten«, sagte Turin und warf mir ein sanftes Lächeln zu.
»Also bist du auch kein Fan von euren lebendigen Opfern?«, hakte ich nach, als Turin kurz nachzudenken schien.
»Na ja, wenn es freiwillige Opfer sind, finde ich es okay. Aber es ist falsch, Fremde zu opfern. Niemand, der nicht geopfert werden will, sollte es müssen.«
»Findest du es nicht seltsam, einen Erwachsenen zu töten, um ein Kind zu stärken?«
»Vergiss nicht, dass wir in verschiedenen Welten aufgewachsen sind. Für mich ist es normal, ein Baby zu sehen, was in einem sterbenden Torso liegt. Ob das gut oder schlecht ist – keine Ahnung. Das sind Dinge, die ich vor meiner Abreise nie hinterfragt habe. Natürlich fehlt mein Vater mir, aber ich weiß ja, dass er freiwillig gestorben ist. Das ist mir lieber, als dass er ermordet wurde.«
»Das kann ich gut verstehen«, sagte ich und legte meinen Kopf auf Turins Oberschenkel.
Wir verbrachten diesen Abend und auch den nächsten Tag in Ruhe. Wir hatten keinen Sex, sondern genossen einfach unsere Zeit miteinander. Wir sahen Filme, kochten, und kuschelten, bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Und dann war das Weihnachtsfest auch schon vorüber.
Am ersten Morgen nach den Feiertagen, standen wir gemeinsam auf, bis Turin beschloss, einkaufen und jagen zu gehen. Dies war einer der wenigen Momente, wo er mich mal unbeaufsichtigt ließ, und meist nutzte ich die Zeit, um aufzuräumen oder zu baden.
Die letzten Tage machten mir trotzdem ziemlich zu schaffen. Turin war für mich mehr, als er sollte. Das war mir nun endgültig bewusst, und besonders nachdem er mir auf der Sprache der Taru’Kupani eine Liebeserklärung gegeben hatte, schien der weitere Verlauf klar zu sein. Ich musste nach vorn sehen.
Natürlich hoffte ich weiterhin inständig, dass Drystan und Elwyn zurückkehren würden, aber die Chance sank von Tag zu Tag. Ich hatte beschlossen, die Recherchen der beiden zu den schwarzen Engeln aufrechtzuerhalten und weiterzuführen, doch auf den ersten Blick zeigte sich keine Spur.
Wenn ich mal allein war, sprach ich zu meinem persönlichen Schatten Lunael, der mir jedoch nicht mehr antwortete. War die Verbindung aufgrund des Erwachsens meiner Sonnenfähigkeiten nicht mehr möglich? Ich war neugierig, welcher Elf hinter Lunael steckte. Immerhin schuldete ich ihm mehr als einen Dank. Ich vertraute seinen Worten, und diese besagten, dass wir uns irgendwann in der Zukunft kennenlernen würden, und genug Zeit haben würden, um alles zu besprechen. Er hatte in unsere Zukunft gesehen, und so vertraute ich darauf, dass es so kommen würde, wie er es mir sagte.
Ich hatte Turin von Lunaels Schattenkräften erzählt, doch ihm war solche Magie nicht bekannt. In Tarushu’ura verwendete man meist nicht einmal bewusst die Quellen, sondern konzentrierte sich eher auf die Umgebungsenergie.
Nachdenklich begann ich, den Ofen zu schrubben, als plötzlich ein Räuspern hinter mir ertönte.
Als ich mich umdrehte, sah ich in ein vertrautes Gesicht. Ich sprang auf und wollte meinen geliebten Drystan umarmen, bis mir eine rote Locke auffiel, die aus einer schwarzen Wollmütze hervorlugte.
»Wer bist du?«, fragten wir uns gleichzeitig.
»Was machst’n du hier?«, fragte der rothaarige Drystan und richtete mit einem abgeklärten Blick eines der Küchenmesser auf mich. Kaum konnte ich antworten, war der Besucher nun selbst der Bedrohte. Turin stand hinter ihm und hielt ihm zähnefletschend eine Klinge aus Stein an die Kehle. »TURIN, STOPP! Er ist keine Gefahr. Das ist... warte... bist du Valerian? Drystans Bruder?«, fragte ich leise und ging zu den beiden, um Turins Klinge wegzuschieben.
Valerians Gesichtsausdruck blieb kühl, als er sich mit den sommersprossigen Händen über den Hals fuhr, um sicherzustellen, dass Turin ihn nicht verletzt hatte.
»Ich bin Lucia Lumley. Drystans Freundin«, sagte ich leise und schaute in dieses vertraute, aber dennoch fremde Gesicht.
Er sah Drystan wirklich unheimlich ähnlich. Ihre Züge waren fast gleich und unterschieden sich nur durch die Menge an Sommersprossen und das Fehlen einer Brille.
Drystans Gesicht zierten etwa ein Dutzend Sprossen, das Gesicht von Valerian hingegen war mit Sommersprossen übersät. Er war etwas größer als Turin aber nicht so groß wie sein Bruder.
In Valerians Gesicht zu blicken, schmerzte mich, und doch schenkte es mir für einen kurzen Moment meinen inneren Frieden. Sein Gesicht blieb unverändert kühl, während wir uns gegenseitig musterten.
»Verstehe«, sagte er, eh er sich an mir vorbei, weiter in den Raum bewegte, »Ihr wisst also auch nicht, wo er steckt?«, fragte Valerian und ging zielstrebig in Drystans Schlafzimmer, »Wieso ist er gegangen?«, fragte er weiter und sah sich um.
Wir erzählten ihm, dass wir seine Großeltern gefunden haben und Drystan mich anschließend betäubt hatte.
»Und wieso hängt ihr hier in meinem Haus herum?«
»Deinem Haus?«
»Ja. Weder Bran noch Linnea wollen die Hütte haben. Also ist Drystan der Erbe. Und wenn Drys nicht wieder auftaucht, ist es mein Haus.«
Ich senkte den Blick, »Wir warten hier.«
»Auf Drystan?«
»Natürlich«, antwortete ich leise.
»Das wird vergebene Liebesmüh sein. Ich denke, dass mein Bruder tot ist«, sagte er trocken und nahm sich den eingetopften Baum, der bei Drystans Zimmerfenster stand.
»Wieso sagst du so etwas?«, fragte ich und spürte, wie ich zu Weinen begann.
»Was bringt es denn, Hoffnung zu haben? Dieser Zweig der Stoat-Familie ist ganz offensichtlich nicht sonderlich langlebig. Meine Großeltern, meine Eltern, Drys. Ich werd sicherlich auch nicht alt. Bis dahin will ich mich aber wenigstens um Dad kümmern, wenn diese Schweine schon meine Oma verkohlt haben.«
»Deinen Dad?«
»Ja? Dads Seelenbaum? Drys hat dir nichts gesagt?«
Ich hob den Kopf und runzelte die Stirn, »Was denn?«
»Wenn Dryaden sterben, hinterlassen sie einen Seelensamen. Omas wurde zu Asche verbrannt. Aber Dads haben wir damals gefunden. Merk dir, wie der Baum aussieht. Wenn du Drys irgendwann findest, wird wohl eine ähnliche Pflanze herausgekommen sein.«
»Hör auf, zu sagen, dass Drystan tot ist«, sagte ich, als Turin bereits seinen Arm um mich legte.
Valerian zog seine Mütze ab, schüttelte die Haare aus, und öffnete seine Jacke, eh er sich setzte.
»Wer ist der Ork da eigentlich?«, fragte Valerian, und warf Turin einen abfälligen Blick zu.
»Ich bin kein Ork, du arrogantes Prokh’xak. Ich bin ein Düsterelf«, zischte Turin und entlockte Valerian ein glückliches Glucksen und ein belustigtes Lächeln.
»Okay, du bist unerwartet sympathisch. Aber wer bist du? Bist du ein Kumpel meines Bruders?«
Turin nickte, »Ja. Bin ich.«
»Bist du nur hier, um deinen Dad abzuholen?«, fragte ich und reichte Valerian einen Tee. Er wirkte zwar wirklich, wie ein ziemliches Arschloch, doch es tat mir gut, ihn anzusehen.
»Jaa, und ich wollte schauen, ob ich irgendeine Info zu Drystans Verbleib finde. Dieser Vollidiot kann nicht einfach verrecken, ohne sich bei mir zu entschuldigen.«
Ich zog die Augenbrauen zusammen, und setzte mich zu ihm, »Ihr habt euch zerstritten?«
»Offensichtlich hat dieser Penner dir nicht viel erzählt, hm?«
»Er meinte nur, dass ihr nie gut miteinander auskamt.«
Valerian schnaufte verächtlich, »Das beschreibt es nicht einmal in den Grundzügen, aber ich bin mir nicht sicher, ob das für heute die richtige Geschichte ist. Du scheinst ihn ja echt zu mögen... da will ich dich nicht gegen ihn aufstacheln.«
»Ich liebe ihn«, sagte ich, als sich Valerians Gesichtsausdruck von unnahbar zu einer Mischung aus Belustigung und Mitleid verschwamm.
»Ihn zu lieben, dürfte nicht immer leicht sein, hm? Ich weiß, wie mein Bruder ist. Aber ich bin froh, wenn er jemanden hat, der ihn liebt. Meine brüderliche Liebe wollte er nie. Im Gegenteil. Er hat mich gehasst.«
Ich erwiderte seinen mitleidigen Blick, »Wieso?«
»Weil er neidisch war.«
»Worauf?«
»Weil ich von Natur aus talentierter bin als er. Für Drys war alles schwerer. Im Gegensatz zu mir musste er viel lernen und üben, während mir alles in den Schoß fiel. Trotz, dass ich ein Jahr jünger bin, war ich ihm immer voraus.
Und dann hab ich die Einladung für die Begabtenschule Plumedor bekommen, welche Drys sich immer gewünscht hatte.«
Ich runzelte die Stirn, »Zu mir meinte er, dass er es freiwillig abgelehnt hat?«
»Dann hat er gelogen. Das kann ich dir sogar beweisen. Hab noch Drystans Brief, von damals. Er hat mir geschrieben, dass er hofft, dass ich sterbe. Und er hat sogar mal meine Freundin gefickt, nur damit sie mich für ihn verlässt«, sagte Valerian und spielte nervös an dem Saum seiner Mütze herum.
»Meinst du Marika?«
»Wie kommst du denn auf die Alte? Nein, Beatrice. Das war vor zwei Jahren. Bea und ich waren da schon vier Jahre zusammen. Er hat sie gefickt und ihr Hoffnung gemacht. Dann hat sie sich von mir getrennt und er hat sie weggeworfen«, sagte Valerian und zeigte mir auf seinem Telefon einen Nachrichtenaustausch mit Drystan.
In diesem Chatverlauf war gut sichtbar, wie zerstört Valerian war, und wie Drystan noch auswertete, wie gehorsam diese Beatrice wohl war, und wie sehr er es genossen hat, jedes ihrer bereitwillig zur Verfügung gestellten Löcher zu ficken. Er lachte darüber, während sein kleiner Bruder aufrichtig unter der Situation litt. Diese Nachrichten machten mich sprachlos. So sehr konnte ich mich in Drystan nicht geirrt haben.
Valerian griff in seine Jacke und nahm eine Zigarettenschachtel hervor, »Und dann erfahre ich gestern – nach über zwei Monaten, dass meine Großeltern ermordet wurden, und mein Bruder verschwunden ist. Ich liebe diesen Vollidioten, auch wenn er mich hasst.«
Ich warf Valerian einen traurigen Blick zu. Egal, was zwischen ihm und Drystan passiert ist, so etwas hatte niemand verdient, »Aber wieso ist er so zu dir?«
»Ich war ein echt beschissenes Kind.«, murmelte er und zog an seiner glimmenden Zigarette, »Vorlaut, frech, arrogant. Drys war ruhig. Er war lieb und auf der Suche nach Anerkennung. Ohne es zu merken, hab ich ihm diese Anerkennung wohl gestohlen.
Ich weiß, dass er mich für unsere Kindheit hasst. Besonders weil ich es war, der darauf gepocht hat, Mum und Dad zu verabschieden. Weißt du denn, was mit den beiden passiert ist, oder muss ich diese Story noch auspacken?«
Ich nickte, »Ja.«
»Gut. Dann spare ich mir die Details. Nachdem wir es gesehen haben, hat Drystan sich verändert. Ich auch, aber bei ihm viel auffälliger. Er hörte auf, der ruhige und liebe Junge zu sein. Er wurde aggressiv. Jedenfalls mir gegenüber. Aber ich war doch auch noch ein Kind«, sagte Valerian und seufzte. Er hatte, während er sprach, den Blick stets auf seine Hände gerichtet und fummelte, an seinen Fingernägeln herum.
Nun trafen mich seine haselnussfarbenen Augen, die mich so sehr an die von Drystan erinnerten, was in mir ein riesiges Verlangen wachsen ließ, aufs Jämmerlichste zu heulen.
Valerian standen, wenn auch aus anderen Gründen, ebenfalls Tränen in den Augen. Schließlich richtete er sich auf und ging wieder in Drystans Zimmer.
Kaum hatte er die Küche verlassen, nahm Turin meine Hand und sah mir tief in die Augen.
»Manchmal haben beide recht. Lass dich nicht verunsichern. Drystan und auch sein Bruder haben nur ihre eigene Sichtweise. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit. Ich denke nicht, dass Drystan dich absichtlich belogen hat. Vielleicht war er noch nicht so weit, über alles zu reden. Ihr hattet gar nicht so viel Zeit zusammen, als dass man über alles hätte sprechen können«, sagte er und lächelte mich an.
