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Erinnern und Vergessen Die AutorInnen entwickeln aus zeitgeschichtlicher, soziologischer und psychoanalytischer Perspektive einen kritischen Blick auf den Umgang mit der NS-Vergangenheit in Österreich. Sie stützen sich auf Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Wie haben Männer und Frauen das Erlebte verarbeitet, und welchen Sinn geben sie ihren lebensgeschichtlichen Erfahrungen aus dieser Zeit? Diese Fragen sind nicht unabhängig von kulturell etablierten Geschichtsbildern zu beantworten. Das individuelle Gedächtnis stützt sich stets auf gesellschaftlich vorherrschende Rekonstruktionen von Vergangenheit. Kritische Erinnerungsarbeit Das Buch ist erstmals 1993 und dann 1997 in einer zweiten Auflage erschienen. Die vorliegende Neuausgabe ist eine Überarbeitung der Studie von 1993 und enthält zwei neue Beiträge: Ruth Wodak führt in den zeitgeschichtlichen Kontext der Debatten um den damaligen Bundespräsident Kurt Waldheim ein. In einem Nachwort diskutieren Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler Aspekte, die die Studie auch für gegenwärtige Fragen einer kritischen Erinnerungsarbeit bedeutsam machen können. "Differenziert, normativ aber nicht moralisierend werden die vielen Grautöne in der österreichischen Vergangenheitspolitik der letzten Jahrzehnte klar vor Augen geführt. Nicht nur offizielle Stimmen sondern auch jedermann und jede Frau werden in den sensiblen und doch direkt geführten Interviews hörbar. Damit leistet dieses Buch einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis der komplexen Verflechtungen von Gefühlen, Meinungen, Ideologien und Interessen wie auch Fakten und Tatsachen in der österreichischen Nachkriegsgeschichte." (Ruth Wodak)
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Seitenzahl: 527
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Meinrad Ziegler
Waltraud Kannonier-Finster
Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit
HerausgeberInnen:
Waltraud Kannonier-Finster, Horst Schreiber, Meinrad Ziegler
Die Buchreihe transblick veröffentlicht Arbeiten, die der sozialwissenschaftlichen Aufklärung verpflichtet sind.
Ein Blick richtet sich auf Phänomene und Verhältnisse, die wenig beachtet oder im Dunkeln gehalten werden.
Ein anderer Blick bietet Beschreibungen und Analysen, die eine unkonventionelle Sichtweise auf das soziale Leben eröffnen.
transblick thematisiert gesellschaftliche Widerspruchserfahrungen und Dominanzverhältnisse und fragt, was wir als vernünftig, gerecht und der menschlichen Würde angemessen erachten.
transblick will Denkprozesse fördern und auf Handlungsperspektiven verweisen. Die Bücher sollen in Inhalt und Form aufregen und einem Transfer sozialwissenschaftlicher Sichtweisen in interessierte Öffentlichkeiten dienen.
transblick benutzt eine Sprache, die auch jenen Personen und Gruppen das Mitdenken und Mitreden ermöglicht, die außerhalb des akademischen Diskurses leben und handeln.
transblick soll Frauen und Männer ansprechen, die sowohl dem „Darüberhinaus“-Schauen als auch dem „Hindurch“- oder „Quer-durch“-Denken etwas abgewinnen können.
Meinrad ZieglerWaltraud Kannonier-Finster
unter Mitarbeit vonMarlene Weiterschan
Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit
Helmut Konrad
Vorwort zur Neuausgabe
Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler
Editorische Notiz
Ruth Wodak
Österreichische Identitäten und österreichische Gedächtnisse
Mario Erdheim
„I hab manchmal furchtbare Träume …Man vergißts Gott sei Dank immer glei …“ (Herr Karl)
Einleitung und Ausgangspunkte 1993
Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler
I. Gedächtnis und Geschichte
Meinrad Ziegler
NS-Vergangenheit und österreichisches Geschichtsbild
Kollektives Gedächtnis: ein Blick auf die öffentlichen Formen der Erinnerung
Individuelle Erinnerung und kollektives Gedächtnis
II. Gespräche über die NS-Vergangenheit
Waltraud Kannonier-Finster, Marlene Weiterschan und Meinrad Ziegler
Von Enttäuschungen, die nicht Ent-Täuschung sind
Der „überflüssige“ Krieg und die Lebendigkeit der militärischen Realität
Erinnern und Vergessen in der Nachbarschaft des Konzentrationslagers
Ein Prozess der Loslösung: Scham und Abwehr von Scham
Eine abgesperrte Vergangenheit, die fremd bleibt
III. Ein stillschweigendes Übereinkommen
Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler
IV. Methodische Konzeption: Interviews, Geschichten, szenisches Verstehen
Meinrad Ziegler
Literatur
Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler
Postskriptum 2016
Autorinnen und Autoren
Das Buch „Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit“, das 1993 als Band 25 in Böhlaus Zeitgeschichtlicher Bibliothek erschienen war, wurde von der Öffentlichkeit mit großem Interesse wahrgenommen. Schon 1997 wurde eine zweite Auflage hergestellt, damals in unveränderter Form.
Das Buch war 1993 als Weiterführung und Kontrapunkt zu Heidemarie Uhls großem Werk „Zwischen Versöhnung und Verstörung. Eine Kontroverse um Österreichs historische Identität fünfzig Jahre nach dem ‚Anschluss‘“, das als Band 17 in der Zeitgeschichtlichen Bibliothek erschienen war, gedacht. Heidemarie Uhl hatte die Medienlandschaft von 1988, also im „Gedenkjahr“, zwei Jahre nach der Waldheim-Affäre und nach Jörg Haiders Übernahme und Umpositionierung der FPÖ, untersucht und diskursanalytisch die Bruchlinie deutlich gemacht. Meinrad Ziegler und Waltraud Kannonier-Finster wählten einen anderen Zugang. Ihnen ging es um das individuelle und kommunikative Gedächtnis an den Nationalsozialismus bei jenen Menschen, die in den Jahren vor 1945 in Österreich, genauer gesagt in Oberösterreich, gelebt hatten. Deren Erinnerung, überformt durch Geschichtsbilder und Mythen, eingebettet in persönliche Biographieglättung und kollektive „Opfertheorie“, dokumentiert den Aneignungs- und Verarbeitungsstand jenseits des publizierten Diskurses.
Ein Vierteljahrhundert ist seit diesen Interviews nunmehr vergangen. Wenige Menschen können heute noch als Zeitzeugen des „Anschlusses“ gelten und selbst das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft liegt über sieben Jahrzehnte zurück. Dennoch, auch die dritte und vierte Generation nach dem Krieg lebt noch mit familientradierten Versatzstücken jener Zeit, die oftmals dem inzwischen politisch breit akzeptierten Bild, das vom damaligen Bundeskanzler Franz Vranitzky 1991 formuliert wurde, widersprechen. Und neue Bedrohungsszenarien in der Gegenwart führen zum Aufleben alter Stereotype, obwohl die heute stigmatisierte Gruppe eine andere ist.
Das Buch hat also nichts an Aktualität eingebüßt. Es ist daher sehr erfreulich, dass es, erweitert um einen Beitrag von Ruth Wodak und ein Postskriptum des Autor-Innenduos, in Neuauflage erscheinen kann.
Helmut Konrad
Februar 2016
Die Studie „Österreichisches Gedächtnis“ ist Ergebnis eines Projektes des FWF – Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (P 7442 – SOZ). Sie erschien erstmals 1993 bei Böhlau; die zweite Auflage 1997.
Bei der Arbeit am Text von 1993 waren innere und äußere Widerstände zu überwinden. Viele haben dabei geholfen. Ausdrücklich möchten wir an dieser Stelle Regina Becker-Schmidt, Mario Erdheim, Edith Frank-Rieser und die 2011 verstorbene Edith Saurer nennen. Sie haben uns stets ermuntert, uns auf das interdisziplinäre Wagnis einzulassen, und Hinweise gegeben, wie und wo die Übergänge zu schaffen wären. In der von Helmut Konrad herausgegebenen Reihe Böhlaus Zeitgeschichtliche Bibliothek ist die Erstausgabe erschienen.
Die vorliegende Neuausgabe ist eine Überarbeitung des Textes von 1993 und enthält zwei neue Beiträge:
Ruth Wodaks Beitrag versetzt Leserinnen und Leser zurück in die Zeit der Waldheim-Affäre. Die Jahre um 1986 stellen einen für diese Studie über das Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit wesentlichen zeithistorischen Kontext dar.
Das Nachwort von Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler diskutiert Aspekte, die die Studie auch für gegenwärtige Fragen einer kritischen Erinnerungsarbeit bedeutsam machen können.
Alle Texte sind auf die neue Rechtschreibung umgestellt.
Dass die Arbeit nach nunmehr knapp 25 Jahren eine Neuausgabe erfährt, geht vor allem auf Diskussionen mit Horst Schreiber zurück. Mit dem Historiker aus Innsbruck sind wir seit mehr als zehn Jahren durch einen intensiven und stets anregenden intellektuellen Austausch verbunden. Schreiber ist Leiter des Netzwerkes Tirol von _erinnern.at_ und Herausgeber der Reihe Nationalsozialismus in den österreichischen Bundesländern. Die Reihe richtet sich an junge Leserinnen und Leser und interessierte Erwachsene. Wir teilen mit Horst Schreiber das Anliegen, mit kritischer wissenschaftlicher Arbeit nicht nur Angehörige der akademischen community, sondern auch breite Öffentlichkeiten anzusprechen. Dies stellt auch einen der Grundsätze des gemeinsamen Projekts der sozialwissenschaftlichen Buchreihe transblick dar. Horst Schreiber hat unsere Arbeit an dieser Neuausgabe kontinuierlich begleitet. Er hat unter anderem an der Universität Innsbruck einen Zirkel von Historikerinnen und Historikern organisiert, die sich kritisch und reflexiv mit unserer Studie auseinandergesetzt haben. Wichtige Anregungen für das Postskriptum 2016 haben wir aus diesem Kreis erhalten. Wir danken an dieser Stelle ausdrücklich Irmgard Bibermann, Werner Dreier, Dirk Rupnow.
Rat und Unterstützung für diese Neuausgabe kamen von Gerhard Botz, Walter Schuster und Heidemarie Uhl.
Mit der Salzburger Historikerin Ingrid Bauer pflegen wir in regelmäßigen Zusammenkünften freundschaftlichen, intellektuellen, kritischen Dialog über gesellschaftliche und politische Fragen. Ob und wie eine Neuausgabe in der aktuellen Debatte um das Erinnern der NS-Vergangenheit von Relevanz sein könnte, war Thema eines solchen Treffens.
Der Soziologe Johann Bacher war derjenige, der unser Wandern zwischen den Disziplinen der Soziologie, der Geschichtswissenschaft und der Psychoanalyse immer wieder als produktives Moment in der empirischen Sozialforschung wahrgenommen und geschätzt hat; so auch im Kontext dieser Neuausgabe.
Zu danken ist an dieser Stelle Carina Altreiter, Ingo Leindecker und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eines Seminars am Institut für Soziologie der Universität Linz im Wintersemester 2015 für die Diskussion und Auseinandersetzung mit unserem Buch aus der Perspektive der jüngeren Generationen. Kritik und Gedanken aus diesen Debatten sind in das Postskriptum 2016 eingeflossen. Darüber hinaus waren bei der Ausarbeitung des Textes Diskussionen mit Marlene Weiterschan, die schon 1993 der Forschungsgruppe angehörte, hilfreich. Hedwig Presch und Walter Kissling danken wir für kritisches Gegenlesen.
Mit Sorgfalt übernahm Doris Daberto die technische Erstellung des Manuskripts für die Neuausgabe. Dafür danken wir besonders. Mit gewohnter, aber dennoch nicht selbstverständlicher Umsicht kümmerte sich Wilfried Winkler um Satz, Layout und grafische Gestaltung des Buches.
In der langjährigen Kooperation mit dem Studienverlag durften wir immer wieder die Erfahrung machen, dass es nach wie vor Verleger mit Engagement gibt, mit denen es eine Freude ist zusammenzuarbeiten. Für dieses Buch haben sich besonders Markus Hatzer und Elfriede Sponring eingesetzt.
Danke an Ruth Wodak und Oliver Dorfer dafür, dass sie diese Neuausgabe mit ihren Beiträgen bereichern.
Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler
Februar 2016
Der schwierige und ambivalente Umgang mit traumatischen Vergangenheiten wie der NS-Zeit ist kein österreichisches Spezifikum; in jedem Land gibt es vergangene Ereignisse, über die ungern gesprochen oder geschrieben wird, solche, die manchmal sogar tabuisiert werden. Dies aus durchaus verständlichen, wenn auch nicht zu befürwortenden, Gründen – denn ein Durcharbeiten, Reflektieren und Verarbeiten traumatischer Vergangenheiten kosten viel Kraft und Energie, wecken „viele Geister, die man nicht mehr loswird“. Daher kommt es oft zu einer bewussten und auch manchmal unbewussten Politik des Schweigens und der Leugnung (Judt 2007; Schröter 2013; Wodak 2015).
Zur Konstruktion und Stabilisierung nationaler Identitäten gehören sowohl Erinnern wie Vergessen: Erinnern positiver und heroischer Momente, und Vergessen unangenehmer und bedrohlicher Erlebnisse und Tatsachen. Jede Nation schreibt ihre offizielle Geschichte immer wieder neu und den jeweiligen soziopolitischen Kontexten und Interessen angepasst; in diesem Zusammenhang entstehen Gründungsmythen, die durch Schule und Sozialisation, durch Medien und kollektive Erinnerung immer wieder verbreitet und reproduziert werden (De Cillia & Wodak 2009). Solche Gründungsmythen dienen der besseren Identifikation mit dem Vergangenen, sie dienen auch der Herstellung von Einigkeit und Zugehörigkeit, denn sie müssen über Parteigrenzen hinaus konsensfähig sein. Störungen solcher scheinbaren Gewissheiten verursachen daher in Konsequenz Krisen – wahrnehmbar in Skandalen und kontroversiellen, ja sogar oft polemischen, emotionalen und aufgeheizten Debatten über die „richtige, hegemoniale“ Interpretation von Vergangenheit (Engel & Wodak 2013).
Der Begriff der „Krise“ ist durchwegs negativ besetzt; Krisen verursachen – oft angefeuert durch die Medien – Angst und Panik. Obwohl es durchaus positive Momente gibt, die einer Krise innewohnen und die der britische Ethnologe Victor Turner in den 1950er Jahren mit Liminalität bezeichnet hat, als einen Zustand „betwixt and between“, das heißt „sich dazwischen befindend“ (Turner 1987). In Krisen ist man nämlich gezwungen, Automatisiertes zu hinterfragen; dadurch werden Veränderungsmöglichkeiten sichtbar, Grenzüberschreitungen möglich, man bewegt sich zwischen den alten, schon aufgebrochenen, und den neuen, noch nicht verfestigten, Strukturen.
Krisen sind also keineswegs nur bedrohlich. Krisen eröffnen den Raum zu neuen Interpretationen und Einsichten, denn in Krisenzeiten wird viel Vergessenes wiedererinnert und neu reflektiert. Krisen erlauben daher eine Neu- und Umorientierung, ein neues „Durcharbeiten“ abseits der gewohnten Rituale und Routinen von Gedenkund Gedankenarbeit (Wodak & De Cillia 2007). Der britische Politikwissenschaftler Colin Hay beschreibt dies treffend wie folgt:
„[c]rises are representations and hence ‚constructions‘ of failure. A given constellation of contradictions and failures within the institutions of the state can sustain a multiplicity of conflicting narratives of crisis. Such narratives compete in terms of their ability to find resonance with individuals’ and groups’ direct, lived experiences, and not in terms of their ‚scientific‘ adequacy as explanations for the condition they diagnose“ (Hay 1996, S. 255).
Hay betont sowohl Repräsentation wie Konstruktion von Krisen, auch daraus entstehende unterschiedliche Narrative, die erklären sollen, wie und warum es zu der jeweiligen Krise gekommen ist. Dabei gehe es nicht um eine wissenschaftliche Wahrheitsfindung, sondern um einen „Gestaltswitch“, um eine Neuanpassung alter Traditionen und Erfahrungen an neue, durch die Krise erworbene Einsichten. Dies entspricht durchaus auch der Definition des deutschen Geschichtstheoretikers Reinhart Koselleck, der das komplexe Konzept von Krise wie folgt auf den Punkt bringt:
„Es liegt im Wesen einer Krise, dass eine Entscheidung fällig ist, aber noch nicht gefallen. Die allgemeine Unsicherheit in einer kritischen Situation ist also durchzogen von der Gewissheit, dass – unbestimmt wann, aber doch bestimmt, unsicher wie, aber doch sicher – ein Ende des kritischen Zustandes bevorsteht. […] Die Krise beschwört die Frage an die geschichtliche Zukunft“ (Koselleck 1973, S. 105).
Lässt man also Vergangenheiten nicht ruhen, wird lange Zeit hindurch Geglaubtes plötzlich in Frage gestellt, so ruft dies eine Krise hervor und damit Unsicherheit wie auch Angst. Denn, wie Koselleck einleuchtend formuliert, der Zustand am Ende der Krise bleibt immer unsicher, auch wenn man sicher sein kann, dass die Krise ein Ende finden wird. Krisen wirken also bedrohlich, vor allem dann, wenn positive Narrative gefährdet sind, wenn also Normen- und Regelbruch offensichtlich werden, die bisher erfolgreich unter den Teppich gekehrt worden waren. Konkreter gefasst und auf die österreichische Nachkriegszeit nach 1945 bezogen: wenn plötzlich argumentative Fixpunkte des gängigen österreichischen Opferdiskurses wie „Pflichterfüllung“ (im Sinne erhaltener Befehle als Mitglied der Deutschen Wehrmacht) und „Nichtwissen“ (in Bezug auf Judendeportation und -vernichtung) hinterfragt werden.
1986 ist rückblickend als ein Wendepunkt im Verständnis der österreichischen Geschichte des 20. Jahrhunderts nach Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 zu begreifen. Und zwar zumindest in zweierlei Hinsicht. Die Kandidatur des ehemaligen UNO Generalsekretärs Kurt Waldheim für das österreichische Präsidentenamt löste eine gewaltige innenpolitische wie auch außenpolitische Krise aus; als nämlich bekannt wurde, dass dieser Teile seiner Vergangenheit in seiner Autobiographie „Im Glaspalast der Weltpolitik“ (1985) verschwiegen hatte. Es wurden ja nicht nur nebensächliche Details „vergessen“; Waldheim verschwieg – wahrscheinlich aus politischstrategischem Kalkül – seine Tätigkeit im Dienste der Deutschen Wehrmacht am Balkan 1942–1944, wo er als Übersetzer des dortigen Befehlshabers General Löhr in Saloniki tätig gewesen war; dies gerade zu jener Zeit, als Wehrmachtsoldaten auf Befehl von Löhr Züge mit hunderttausenden Juden und Jüdinnen aus Saloniki in Richtung Auschwitz beluden. Übrigens: Das Aufdecken des großen Anteils und der Mitschuld vieler Wehrmachtsoldaten wie auch der gesamten Institution „Wehrmacht“ an Nazi-Kriegsverbrechen, dem nationalsozialistischen Vernichtungskrieg und der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ durch die beiden Wehrmachtsausstellungen 1999 und 2002 führte zu einer weiteren großen Krise im österreichischen (und deutschen) Selbstverständnis der eigenen Vergangenheit. Der Mythos „der unschuldigen Wehrmacht“ wurde ein für alle Mal durch diese Ausstellungen zerstört (vgl. Heer et al. 2003, 2008; Pollak 2002).
Das zweite Ereignis, das 1986 große Wellen schlagen sollte, war der sogenannte „Haider-Coup“: Am Innsbrucker Parteitag 13./14. September 1986 wurde der bisherige eher liberale Obmann der FPÖ, Norbert Steger, gestürzt und Jörg Haider unter großem Beifall und vielen „Heil Hitler“-Rufen in den Obmann-Sessel gehievt (vgl. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13520932.html, heruntergeladen 19. August 2015).
Durch diese beiden Ereignisse änderten sich Selbst- und Fremdwahrnehmung von Österreich und der österreichischen Beteiligung an Nazi-Verbrechen, im Inland und im Ausland, schlagartig. Das mühsam nach 1945 aufgebaute Geschichtsbild des ersten Opfers von Nazi-Deutschland wurde hinterfragt, das österreichische Klischee von Mozartkugeln und Lipizzanern musste in vielen Reportagen der internationalen Medien Berichten über einen neuen Chauvinismus und Antisemitismus, über eine misslungene Entnazifizierung und freigesprochene Kriegsverbrecher weichen (Wodak et al. 1994, 2009; Judt 2007).
Die offizielle Externalisierung von Schuld an Kriegsverbrechen konnte nicht mehr aufrechterhalten werden. Es ist richtig, wie Ziegler und Kannonier-Finster in ihren Interview-Interpretationen im vorliegenden Buch zeigen, dass eine solche Externalisierung nicht von allen ÖsterreicherInnen mitgetragen wurde. Die Externalisierung von Schuld an Nazi-Kriegsverbrechen und damit zusammenhängend, der dominante Rechtfertigungsdiskurs, war jedoch in Schulbüchern, in vielen Bildungsinstitutionen wie auch in der Politik lange Zeit hindurch omnipräsent (Loitfellner 2008). Dieser Rechtfertigungsdiskurs wurde auch zunächst in der Krise um die sogenannte Waldheim-Affäre von fast allen Medien in aggressiver Weise mitgetragen. Eine Opfer-Täter-Umkehr fand statt: „Wir“, das unschuldige erste Opfer von Hitler-Deutschland wurden von „innen“ (von der linken Opposition) und vom sogenannten „Ausland“ (gemeint war die ausländische Medienberichterstattung, die systematisch als jüdische Weltverschwörung konstruiert wurde) angegriffen. Oder, wie ich dies schon 1989 in einem Artikel beschrieb, als ‚Judeus ex machina“-Strategie (Wodak 1989, 2015). Diese impliziert, dass immer dann, wenn ein Sündenbock gesucht wird, Juden und Jüdinnen eine traditionell „gut“ funktionierende Projektionsfläche zu bieten scheinen. So auch diesmal: Obwohl die Waldheim-Affäre am 3. März 1986 faktisch durch einen Artikel des Profil-Redakteurs Hubertus Czernin losgetreten wurde, der die Wehrstammkarte Waldheims veröffentlichte und die Auslassungen in der schon oben erwähnten Autobiographie anprangerte, wurden – stellvertretend für Juden und Jüdinnen – das „Ausland“, die „Ostküste“, „ehrlose Gesellen“, „gewisse Kreise“ und viele weitere bekannte antisemitische Anspielungen bewusst und durchaus wahlstrategisch in der österreichischen Öffentlichkeit in Umlauf gesetzt.
Eine Polarisierung der österreichischen Öffentlichkeit war die Folge (vgl. auch Tóth & Czernin 2006). Ich selbst erinnere mich heute noch an viele Diskussionen in Vorlesungen und Seminaren an der Universität Wien im Sommersemester 1986; an Studierende, die die Wehrstammkarte ihrer Väter mit Tränen in den Augen in Seminare mitbrachten und meinten, dass diese doch alle „nur ihre Pflicht erfüllt“ hätten; gleichzeitig versuchten diese Studierenden, dabei ihre neuen Zweifel mühsam zu verbergen. Ich erinnere mich an zahllose Interviews und Talkshows in Radio und Fernsehen, und vor allem an das berühmt gewordene hölzerne Pferd, das der Künstler Alfred Hrdlicka gemeinsam mit dem Schriftsteller Peter Turrini und dem Karikaturisten Manfred Deix dem Republikanischen Klub (RC) für etwaige Veranstaltungen und Demonstrationen gegen die Kandidatur Waldheims zu Verfügung stellte; quasi als manifestes Gegensymbol zu den auffallenden gelben Plakaten, auf denen in gotischer Schrift „Wir wählen, wen wir wollen“ bzw. „jetzt erst recht“ zu lesen war. Hrdlicka griff damit einen Ausspruch des damaligen Bundeskanzlers Fred Sinowatz (SPÖ) auf, der Waldheims Rechtfertigungsversuche mit der Bemerkung quittiert hatte: „Nehmen wir also zur Kenntnis, dass nicht Waldheim bei der SA war, sondern nur sein Pferd.“
Kurt Bergmann, damals Bundesgeschäftsführer der ÖVP und Nationalratsabgeordneter, erzählte bei einer Podiumsdiskussion am 4. November 2014, dass sogleich nach der Veröffentlichung des Profil-Artikels am 3. März 1986 im ÖVP-Präsidium die Entscheidung fiel, für die ÖVP-Wahlplakate (zur Unterstützung der Wahl Kurt Waldheims zum Amt des Bundespräsidenten) die Farbe Gelb auszuwählen. Offensichtlich war man sich also möglicher Assoziationen mit der gewählten Farbe bewusst. (Notabene: Juden und Jüdinnen mussten in der NS-Zeit ab 1. September 1941 gelbe Judensterne an ihre Kleidung sichtbar geheftet tragen.)
Ich erinnere mich auch gut daran, dass ich während dieses Wahlkampfes plötzlich am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien einen Anruf des damaligen Wiener Vizebürgermeisters Erhard Busek (ÖVP) erhielt. Dieser wollte mir als Projektleiterin eine Studie über den neu hervorgerufenen und sichtbaren Antisemitismus und antisemitischen Diskurs während des Wahlkampfes 1986 in Auftrag geben. Mit einem interdisziplinären Team ging ich diese Studie nach Einreichen und Bewilligung eines diesbezüglichen Projektes 1987 (gefördert von der österreichischen Nationalbank) an; die Ergebnisse wurden in einem Band bei Suhrkamp 1990 veröffentlicht: „‚Wir sind alle unschuldige Täter‘. Diskurshistorische Studien zum Nachkriegsantisemitismus in Österreich“, der international weit rezipiert, in Österreich jedoch nicht ein einziges Mal rezensiert wurde. Die Studie und das Buch wurden zunächst weitgehend – außer in wohlwollenden Öffentlichkeiten – verschwiegen.
Doch viele Wissenschafter – HistorikerInnen, PolitikwissenschafterInnen, SoziologInnen, ErziehungswissenschafterInnen – gaben nicht auf; die „Waldheim-Affäre“ war der Auslöser für eine, für die Krise im Umgang des offiziellen Österreich mit der NS-Vergangenheit, aber auch für eine Neuorientierung bzw. Abschaffung des hegemonialen österreichischen Opfermythos. Waldheim wurde zum Symbol, zur Metonymie einer vergangenen, revisionistischen Geschichtsschreibung, einer Geschichte des Schweigens und einer Politik der Leugnung. Die Krise zeitigte einen Aufbruch, letztlich ein explizites und offizielles Eingestehen von Schuld, Mitschuld und Mitwisserschaft vieler ÖsterreicherInnen an den schrecklichen Nazi-Verbrechen – offiziell durch den damaligen Bundeskanzler Franz Vranitzky im österreichischen Parlament am 8. Juli 1991 ein für alle Mal festgeschrieben. Vranitzky kündigte auch sofort nach Wahlgewinn am 23. November 1986 die Koalition mit der Haider-FPÖ auf und errichtete einen klaren cordon sanitaire zur FPÖ; das heißt, die SPÖ sollte keine Koalition mit der Haider-FPÖ eingehen.
Dies führt uns zur zweiten oben erwähnten Krise: zum sogenannten Coup, der Jörg Haider 1986 zum neuen Obmann der FPÖ machte, und zu dessen Folgen. Durch Haider besann sich die FPÖ ihrer traditionellen deutsch-nationalen Ideologie, ihres Geschichtsrevisionismus, und nach 1989, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, der expliziten Fremdenfeindlichkeit. Damit im Zusammenhang durchaus auch eines mehr oder weniger latenten Antisemitismus (Wodak & Pelinka 2002; Pelinka & Wodak 2002). Damit wurde nun jenen aus dem Herzen gesprochen, denen die Neuorientierung weg vom Opfermythos zu einem klaren Bekenntnis der Mittäterschaft während des Nationalsozialismus absolut nicht passte.
Abgesehen vom rechtspopulistischen, ausländerfeindlichen und gegen die Eliten gerichteten Programm kam also ein mit dem neuen hegemonialen Geschichtsbild konkurrierendes Vergangenheitsnarrativ hinzu, das den alten Kern der VdU-WählerInnen (VdU: „Verband der Unabhängigen“, Vorgängerpartei der FPÖ) ansprechen sollte, sei es durch die jährlichen ‚Feiern‘ am Kärntner Ulrichsberg, sei es durch die sogenannten Haider’schen ‚Sager‘, die keinesfalls unbewusst ‚passierten‘, sondern durchaus bewusst mit den diskursiven Strategien der Provokation und der kalkulierten Ambivalenz spielten (Engel & Wodak 2009, 2013; Reisigl & Wodak 2000, 2001). Nicht zuletzt wurde eine solche gleichzeitige Mehrfachadressierung verschiedener miteinander konkurrierender Öffentlichkeiten an den ‚Haider’schen Entschuldigungen“ deutlich, die gleichzeitig eine Entschuldigung wie auch die Relativierung eben dieser Entschuldigung enthielten („eigentlich muss ich mich entschuldigen“; Wodak 2015).
Im sogenannten ‚Gedankenjahr‘ 2005 und während der schwarz-blauen Koalition wurden sowohl das neue Geschichtsnarrativ wie auch der Opfermythos während der Gedenkfeiern rund um den 27. April (den Republikfeiern) deutlich sichtbar. Aufgrund des nur wenige Wochen vorher losgetretenen Skandals rund um die überraschenden Äußerungen des Bundesratspräsidenten Siegfried Kampl zu ‚Deserteuren als Kameradenverrätern‘ und der Holocaust-Leugnung durch John Gudenus waren alle prominenten Politiker buchstäblich gezwungen, zu den NS-Kriegsverbrechen und österreichischer Mittäterschaft Stellung zu beziehen (De Cillia & Wodak 2009; Engel & Wodak 2009, 2013). Der damalige Bundeskanzler Wolfgang Schüssel griff in seiner Rede auf ganz traditionelle Metaphorik zurück und reproduzierte damit wiederum das alte Opfernarrativ:
„[…] Das Drama dieses sechsjährigen Krieges und das Trauma des nationalsozialistischen Terrorregimes werfen aber düstere Schatten auf die Wiege dieser rotweißroten Wiedergeburt, aber das Kind lebt. Inmitten von Ruinen, Not, Hunger und Verzweiflung lebt dieses kleine, neue Österreich, weil an diesem Tag alle nach vorne schauen.“ (Bundeskanzler Schüssel, Rede am 27.4.2005)
Das metaphorische Bild eines kleinen unschuldigen Kindes schwenkt zu einer Geburtsmetapher über (vgl. de Cillia & Wodak 2009, S. 38ff.). Ein neugeborenes Kind hat ja noch keine Vergangenheit, es wird als „rein“ und schutzbedürftig erlebt. Diese Eigenschaften projiziert der Redner auf das personifizierte „kleine, neue Österreich“, das in seiner Wiege liegend noch keine eigene Geschichte haben kann. Die unmittelbare Vergangenheit des nationalsozialistischen Regimes ist daher nur implizit vorhanden, angesprochen durch die äußeren Umstände, als Ursache („Ruinen, Not, Hunger und Verzweiflung“) und als naturalisierte und enthistorisierte Referenzen („Drama“, „Trauma“, „Schatten“ und „Alptraum“). In der Verwendung der Trauma-Metaphorik wird die Unschuld noch verstärkt, indem Österreich als vom „nationalsozialistischen Terrorregime“ traumatisiert konstruiert wird; dies impliziert im Weiteren, dass das NS-Regime Österreichs Trauma ausgelöst hat und somit „Österreich“ (oder Teile davon) nicht selbst Teil dieses Regimes gewesen sein konnte(n). Die Wirkung dieses Traumas wird als „düstere Schatten“ auf der „Wiege des Kindes“ gezeichnet.
An anderer Stelle in der Rede vom 27. April 2005 muss der damalige Bundeskanzler Schüssel jedoch auf die Täter zu sprechen kommen, als Reaktion auf die Aussprüche von Siegfried Kampl und John Gudenus:
„Und daher ist für mich und hoffentlich für uns alle klar, dass, wer die Gräuel des Regimes verharmlost und die Existenz von Lagern, von Gaskammern relativiert, nicht in unsere Institutionslandschaft passt. Wann, wenn nicht jetzt, muss man zur Besinnung kommen, gerade in einem Land, das sich ja länger als jedes andere gegen Hitler und gegen den Nationalsozialismus gestemmt hat, in dem aber auch viele, allzu viele, schuldig geworden sind?“
Hier fragt man sich – mit etwas Verwunderung –, welches Land denn gemeint ist, das sich angeblich „länger als jedes andere gegen Hitler und gegen den Nationalsozialismus gestemmt“ habe? Es scheint eher unwahrscheinlich, dass damit der Widerstand in den sozialistischen und kommunistischen Lagern angesprochen wird, die ja beide gegen den Ständestaat aktiv waren. Dieser Nebensatz scheint eher den AnhängerInnen der ÖVP zu gelten; mit „Land“ ist wahrscheinlich der Ständestaat gemeint.
Ein Kontrast zu der Schüssel’schen Vagheit kommt in den Reden des grünen Bundessprechers Van der Bellen deutlich zum Vorschein, beispielsweise am 14. Jänner 2005 (vgl. De Cillia & Wodak 2009, S. 184):
„Vor fast 60 Jahren war das Ende der Nazi-Herrschaft in Österreich gekommen, einer Herrschaft, an der leider auch Österreicher beteiligt waren, von Hitler abwärts bis zum letzten kleinen Blockwart, der seinen Nachbarn verraten und denunziert hat. – So ambivalent ist die Geschichte jedes Volkes, auch des österreichischen.“
Van der Bellen gibt hier den Tätern ein konkretes Gesicht. Er weist unter anderem auf Hitlers österreichische Herkunft hin und zieht den Bogen durch die nationalsozialistische Hierarchie bis zum „letzten kleinen Blockwart“, dessen aktive Handlungen er auch explizit benennt.
Ich wende mich nun zum Gedenkjahr 2015 zu. In vielen Ausstellungen, in einem speziell den Ereignissen und Kontinuitäten rund um Kriegsende und Befreiung gewidmeten ORF-Schwerpunktprogramm und mit vielen Symposien und anderen Veranstaltungen wurde des Kriegsendes 1945, der Befreiung vom Nazi-Regime gedacht. Anders als 2005 wurden weniger Veranstaltungen rund um den 27. April und 15. Mai 2015 geplant; auch gab es rund um diese Jahrestage keine Skandale wie etwa 2005, die in den Reden der Politikprominenz einer unmittelbaren Reaktion bedurft hätten. Revisionistische Geschichtsnarrative wurden eher in den sozialen Medien und virtuellen Öffentlichkeiten propagiert (vgl. unten).
In der offiziellen Öffentlichkeit dominierte eindeutig ein von Opfern und Tätern charakterisiertes Geschichtsbild; Österreich mutierte diesmal nicht zum „unschuldigen“ Kind, die NS-Zeit auch nicht zu einem potentiell fiktiven „Albtraum“. Vielmehr sprachen sowohl Bundespräsident Fischer, Kanzler Faymann, Vizekanzler Mitterlehner wie auch Nationalratspräsidentin Bures Kontinuitäten zwischen der NS-Zeit und der Nachkriegszeit an, verurteilten Geschichtsleugnung sowie -fälschung, und benannten die vielen österreichischen Täter, Mittäter und Mitwisser; so meinte Mitterlehner in seiner Rede zum Staatsvertrag:
Der „Opfermythos“ habe dadurch viel zu lange überdauert. Mittlerweile habe das Land in vielen Bereichen Verantwortung übernommen (derstandard.at/2000015862614/Staatsvertrag-fuer-Faymann-Neuanfang-in-Respekt-und-Toleranz).
Viele Verknüpfungen wurden auch zur Flüchtlingssituation 2015 gezogen und die Notwendigkeit eines solidarischen und geeinten Europas, das die Menschenrechte achtet, betont:
„Österreich hatte das Glück, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht allein gelassen wurde. Die Siegermächte waren bereit, am Wiederaufbau des zerstörten Europas mitzuhelfen“, sagte der Bundeskanzler. Auch heute stelle sich in der EU die Frage, ob man bereit ist, zusammenzustehen und jenen zu helfen, „die unsere Hilfe und Solidarität benötigen.“ Das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen und die Tatsache, dass Konflikte miteinander ausdiskutiert werden, dieser Ansatz habe die Zweite Republik bestimmt. „Wenn heute der Jahrestag des Staatsvertrages gefeiert wird, erinnern wir uns daran, welchen Wert ein geeintes Europa hat“ (Faymann 15.5.2015; derstandard.at/2000015862614/Staatsvertrag-fuer-Faymann-Neuanfang-in-Respekt-und-Toleranz).
In einem Punkt unterschieden sich jedoch die RednerInnen von SPÖ und ÖVP – nämlich in der Nennung wie auch Beurteilung des Austrofaschismus 1934–1938. Unterdrückung und Diktatur begannen für die VertreterInnen der SPÖ 1934, für jene der ÖVP erst 1938. Dieser Kontrast scheint besonders veränderungsresistent zu sein (vgl. Wodak et al. 1994).
Nicht bei offiziellen Anlässen, aber in informellen Öffentlichkeiten konkurrieren heute die zwei oben beschriebenen Narrative, vor allem auf Facebook, in Online-Postings und Twitter. Immer wieder entzündet sich ein Konflikt zwischen den beiden Geschichtsbildern an symbolträchtigen Jahrestagen oder an gewissen lieux de mémoire (wie beispielsweise an der „Rückgewinnung bzw. Befreiung des Heldenplatzes“ seit dem 8. Mai 2013, wo bis dahin von rechtsextremen Burschenschaften der „Niederlage (sic!) 1945“ gedacht worden war).
Die vielen Kontroversen und Auseinandersetzungen rund um den sogenannten „Akademikerball“ (der FPÖ), der jährlich entweder genau oder rund um den 27.Jänner, dem weltweiten Gedenktag an die Befreiung des KZ Auschwitz durch sowjetische Truppen, stattfindet, dürfen hier nicht unerwähnt bleiben. Die paradoxe Instrumentalisierung der NS-Vergangenheit fand hier einen traurigen Höhepunkt, nämlich als der jetzige Parteiobmann der FPÖ, Heinz-Christian Strache, sich und seine Gefolgschaft bei dem Ball am 28. Jänner 2012 als „die neuen Juden“ bezeichnete, da sie von Gegnern des Balls auf dem Weg zur Hofburg beschimpft worden waren (vgl. http://derstandard.at/1326504047903/STANDARD-Bericht-Strache-auf-WKR- Ball-Wir-sind-die-neuen-Juden). Wiederum eine diskursive Strategie der Opfer-Täter-Umkehr, die aus dem oben erwähnten Rechtfertigungsdiskurs nur allzu gut bekannt ist.
Viele Postings im Internet weisen gerade im Jahre 2015 darauf hin, dass Vergangenheiten weiterhin völlig unreflektiert bei vielen Menschen präsent sind. Liest man solche Kommentare zur Berichterstattung über Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, aus Afghanistan oder Somalia nämlich im Internet nach, so taucht die NS-Rhetorik explizit auf, gerichtet gegen alle Fremden, die scheinbar „uns ÖsterreicherInnen“ bedrohen und daher ausgegrenzt werden sollten.
Aus der Geschichte nichts gelernt? Diese Frage stellte sich sicher nicht nur mir zum Jahreswechsel 2015/16. Aufgrund der anhaltenden Debatten und des Bedarfs an sachlicher Aufklärung ist die Neuauflage des vorliegenden Buches „Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit“ so wichtig. Differenziert, normativ, aber nicht moralisierend werden die vielen Grautöne in der österreichischen Vergangenheitspolitik der letzten Jahrzehnte klar vor Augen geführt. Nicht nur offizielle Stimmen, sondern auch jedermann und jede Frau werden in den sensiblen und doch direkt geführten Interviews hörbar. Damit leistet dieses Buch einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis der komplexen Verflechtungen von Gefühlen, Meinungen, Ideologien und Interessen wie auch Fakten und Tatsachen in der österreichischen Nachkriegsgeschichte.
De Cillia, Rudolf, und Ruth Wodak (Hrsg.). 2009. Gedenken im „Gedankenjahr“: Zur diskursiven Konstruktion österreichischer Identitäten im Jubiläumsjahr 2005. Innsbruck: Studienverlag.
Engel, Jakob, und Ruth Wodak. 2009. Kalkulierte Ambivalenz, „Störungen“ und das „Gedankenjahr“: Die Causen Siegfried Kampl und John Gudenus. In: Gedenken im „Gedankenjahr“: zur diskursiven Konstruktion österreichischer Identitäten im Jubiläumsjahr 2005, hrsg. Rudolf De Cillia und RuthWodak, 79–100. Innsbruck: Studienverlag.
Engel, Jakob, und Ruth Wodak. 2013. ‚Calculated ambivalence‘ and Holocaust denial in Austria. In: Analysing Fascist Discourse. European Fascism in Text and Talk, ed. Ruth Wodak and John Richardson, 73–96. London: Routledge.
Hay, Colin. 1996. Narrating crisis: The discursive construction of the ‚Winter of Discontent‘. In: Sociology 30: 253–277.
Heer, Hannes, Walter Manoschek, Alexander Pollak und Ruth Wodak (Hrsg.). 2003. Wie Geschichte gemacht wird: Zur Konstruktion von Erinnerungen an Wehrmacht und Zweiten Weltkrieg. Wien: Czernin.
Heer, Hannes, Walter Manoschek, Alexander Pollak und Ruth Wodak (eds.). 2008. The discursive construction of history: remembering the Wehrmacht’s war of annihilation. Basingstoke: Palgrave.
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Das österreichische Gedächtnis zu erforschen, ist eine vielfältige und unendliche Aufgabe. Faszinierend ist es, die österreichische Literatur oder die bildende Kunst nach den Spuren, die die Geschichte in ihr hinterlassen hat, zu durchsuchen und Verborgenes sichtbar zu machen. Es bedarf großer Geduld, Liebe zum Detail und Spürsinn, um aus der Vergangenheit das zur Sprache zu bringen, was die Individuen einst zu verdrängen versuchten. Und schließlich braucht es Mut, jenen Problemen nachzugehen, die der Gegenwart Mühe bereiten und deren Wurzeln in der unmittelbaren Vergangenheit aufzudecken wären. Faszination, Geduld und Mut sind notwendig, um über Gespräche ins Labyrinth des Gedächtnisses unserer Gegenwart einzusteigen. Dieses Gedächtnis ist nicht zufällig labyrinthisch aufgebaut – der Minotaurus, der in ihm lauert, heißt Auschwitz.
Wenn wir heute über Erinnern und Vergessen arbeiten und nachdenken, kreisen wir immer um das in Auschwitz Geschehene. Es wird zunehmend deutlich, dass „Auschwitz“, wie einst Christi Geburt oder Mohammeds Hidschra, eine Art Nullpunkt der Geschichte darstellt, von dem aus ein „Davor“ und ein „Danach“ gemessen werden kann. Tatsächlich wirft Auschwitz auf alle möglichen Ereignisse davor ein bestimmtes Licht: Ob es um die Kreuzzüge gegen den Islam oder um die Ausrottung der Indianer, um die Reformation, das Christentum oder die Hegel’sche Philosophie geht – man kann sie auf Auschwitz beziehen und ein neues Verständnis dafür gewinnen. Gleiches gilt auch für das „Danach“ und die Zukunft der Kultur: Sie wird daran gemessen werden, ob es uns gelingt, neue Formen von Auschwitz zu verhindern oder nicht. Dabei spielt der Zusammenhang zwischen Kultur und Erinnerung eine wesentliche Rolle.
Dieser Zusammenhang scheint bekannt und einfach zu sein: Kultur ist das, was nicht biologisch verankert ist, sondern tradiert und erinnert werden kann. Eine Kultur verlöscht dann, wenn sie nicht mehr erinnert wird, und aus diesem Grund wurden stets erbitterte Kämpfe um die Erinnerung geführt – die ethnischen Kämpfe um die Sprache, um Sitten und Gebräuche waren immer auch Kämpfe um das, was aus der Vergangenheit erinnert werden durfte, um in der Gegenwart eine Identität zu stiften, an der man sich orientieren konnte.
Wer aber über den Zusammenhang zwischen Kultur und Erinnerung in Bezug auf den Faschismus nachdenkt, muss auf komplexere Modelle zurückgreifen. Kann man hier nämlich tatsächlich sagen, dass eine Kultur erlischt, wenn sie nicht mehr erinnert wird? – Dann wäre es doch das Beste, den Faschismus zu vergessen, denn das hieße, man könnte ihn so zum Verschwinden bringen. Weshalb sollten jedoch gerade die Faschisten dafür plädieren, die Sache endlich auf sich beruhen zu lassen, die Vergangenheit zu vergessen oder zumindest nicht immer wieder davon zu sprechen, und weshalb sind es die – zum Teil potentiellen – Opfer, jene also, die jedes Interesse daran hätten, den Faschismus zum Verschwinden zu bringen, die auf der Erinnerung beharren? Offenbar sind die Beziehungen zwischen Kultur und Erinnerung also komplizierter als angenommen: Kulturelle Züge können verschwinden, wenn sie erinnert werden, und fortbestehen, wenn sie der Vergessenheit anheimfallen.
Freud hat mit der Psychoanalyse diese Probleme in ein neues Licht getaucht und dem Zusammenhang zwischen Kultur und Erinnerung eine neue Dimension gegeben: Erinnern ist laut Freud nämlich eine Voraussetzung, um den Zwängen der Geschichte ein Ende zu bereiten. Marxens bekannter Satz „Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden“ (Marx 1852) ist eine Art Vorläufer von Freuds „Der Tote wird stärker sein als der Lebende“ (Freud 1912/1913) und bekommt erst durch die Psychoanalyse seinen vollen Sinn: Wie unter Zwang muss der Mensch das wiederholen, was seine Vorfahren ihm unverarbeitet und unbewältigt weitergegeben haben. Der Wiederholungszwang setzt sich mittels der Unbewusstheit durch, in welcher das geschichtliche Handeln stattfindet. Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht, muss daher über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen und Vergessen der Vergangenheit beruht.
Grundsätzlich wäre einmal zu unterscheiden zwischen einer Kultur, die auf das Erinnern zielt, einer Erinnerungskultur, und einer Kultur des Vergessens, die das Verdrängen und Isolieren bevorzugt. Was ich meine, lässt sich ganz gut am Phänomen der Denkmäler aufzeigen. Ein Denkmal ist ganz gewiss ein kulturelles Produkt, und zwar eines, das das Erinnern bewusst intendiert. Der österreichische Schriftsteller Robert Musil hielt zwar nicht sehr viel von der Psychoanalyse, aber er hatte ein gutes Gespür für das Unbewusste, und an den Denkmälern erkannte er, dass sie zwar bewusst an etwas erinnern, unbewusst aber das zu Erinnernde der Vergessenheit preisgeben sollten. 1936 schrieb er in seinem „Nachlaß zu Lebzeiten“: „Das auffallendste an Denkmälern ist nämlich, daß man sie nicht bemerkt. (…) Sie wurden doch zweifellos aufgestellt, um gesehen zu werden, (…) aber gleichzeitig sind sie durch irgend etwas gegen Aufmerksamkeit imprägniert. … der Beruf der meisten Denkmale ist es wohl, ein Gedenken erst zu erzeugen (…) und diesen ihren Hauptberuf verfehlen Denkmäler immer. Sie verscheuchen geradezu das, was sie anziehen sollten. Man kann nicht sagen, wir bemerkten sie nicht; man müßte sagen, sie entmerken uns, sie entziehen sich unseren Sinnen.“ Und zum Schluss fragt Musil, „… weshalb dann, wenn die Dinge so liegen, gerade großen Männern Denkmale gesetzt werden? Es scheint eine ganz ausgesuchte Bosheit zu sein. Da man ihnen im Leben nicht mehr schaden kann, stürzt man sie gleichsam, mit einem Gedenkstein um den Hals, ins Meer des Vergessens“ (Musil 1936, S. 480–483).
Musil beschrieb hier ironisch Grundzüge einer Kultur des Vergessens, die sich als eine des Gedenkens tarnt. In „Totem und Tabu“ (1912/13) entwarf Freud eine umfassendere Theorie einer auf Vergessen bzw. auf Unbewusstheit beruhenden Kultur. Seine These lautete, dass die Religion aus dem Gedenken an den getöteten Urvater heraus entstanden sei. Die Söhne, die den Vater umgebracht hatten, bereuten die Tat und versuchten sie wieder gutzumachen. Der ermordete Vater wurde zum Totem entstellt und erschien als solcher mächtiger als einst der lebende Vater: „Der Tote wurde nun stärker als der Lebende gewesen war. … Was er früher durch seine Existenz verhindert hatte, das verboten sie (das heißt: die mörderischen Kinder; M. E.) sich selbst in der psychischen Situation des uns aus den Psychoanalysen so wohl bekannten ‚nachträglichen Gehorsams‘. Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die Tötung des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt erklärten, und verzichteten auf deren Früchte, indem sie sich die frei gewordenen Frauen versagten“ (Freud 1912/13, S. 173).
Der lebende, der wirkliche Vater wurde dabei ebenso „vergessen“ wie die mörderische Tat der Söhne. Die totemistische Phantasmagorie, deren man von nun an gedachte, verbarg das, was einst geschehen war, in einem kulturellen Komplex, von dem aus die wesentlichen Impulse zum weiteren Verdrängen ausgingen.
Zum Totem gehört das Tabu. Indem etwas tabuisiert wird, wird es auf eine spezifische Art und Weise fixiert und im Unbewussten konserviert. Im Kapitel über „Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühle“ kommt Freud auf die verschiedenen Tabus zu sprechen, die sich auf Namen, Feinde und Tote beziehen. Entexotisieren wir seine bunten Beispiele aus fremden Kulturen, so erkennen wir, dass in unserer eigenen Kultur dieselben Tabus auf wirksame Art und Weise das Verständnis unserer Geschichte strukturieren. Die Lektüre von Zieglers und Kannonier-Finsters Buch zeigt eindrückliche Beispiele dafür, dass die Tabus, die unseren Umgang mit dem Nationalsozialismus betreffen, keiner expliziten Verbote bedürfen und auch nichts Spektakuläres an sich haben, sondern dass sie im Alltag eingebettet sind, etwa in den Geschichten, die man über die Kriegszeit erzählt bzw. nicht erzählt, in den Häusern, die man abreißt, und den Spuren, die man dadurch tilgt. Dass es sich um Tabus handelt, wird lediglich bei bestimmten Anlässen deutlich, wie zum Beispiel bei der Errichtung von Denkmälern oder beim Nennen der Verstrickungen von einzelnen mit dem Faschismus, wenn plötzlich unerwartet starke Affekte ausbrechen.
Weshalb aber muss die Vergangenheit tabuisiert werden? Welchen Versuchungen muss man widerstehen, wenn man sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen will? „Was kann das für eine gefährliche Eigenschaft sein, die immer die nämliche bleibt unter den verschiedensten Bedingungen? Nur die eine: die Eignung, die Ambivalenz des Menschen anzufachen und ihn in Versuchung zu führen, das Verbot zu übertreten“ (Freud, 1912/13, S. 43).
Die Erinnerung an die Vergangenheit muss tabuisiert werden, weil die Gefahr besteht, dass die Beschäftigung mit ihr den Faschismus in seiner ganzen Faszination wieder wecken könnte. Die psychosozialen Dispositionen, die den Nationalsozialismus ermöglicht haben, wie „Staatsgläubigkeit, Gehorsamshypertrophie, Härte gegenüber Kindern, Feigheit als einzelner und Militarismus als Tradition, politische Unselbständigkeit im Denken und Quietismus im Handeln“ (Beland 1986, S. 433), sind uns nämlich nicht bewusst geworden. Geändert haben sich lediglich die gesellschaftlichen Bedingungen. Das Faschistische ging gleichsam in die Latenz und die Erinnerung an die Vergangenheit ebenso wie beispielsweise die nationalsozialistische Kunst mussten tabuisiert werden, um das gegenwärtige faschistische Potential unbewusst zu halten, nicht zu wecken. In diesem Zusammenhang steht auch die Tabuisierung von Namen: „Die Scheu, einen Namen auszusprechen, der einem Verstorbenen angehört, dehnt sich aber auch in der Richtung hin aus, daß man alles zu erwähnen vermeidet, wobei dieser Verstorbene eine Rolle spielte, und als bedeutsame Folge dieses Unterdrückungsprozesses ergibt sich, daß diese Völker keine Tradition, keine historischen Reminiszenzen haben und einer Erforschung ihrer Vorgeschichte die größten Schwierigkeiten in den Weg legen“ (Freud 1912/13, S. 71).
Was Freud hier über die „wilden“ Völker schrieb, trifft ebenso auf die Geschichtslosigkeit der Institutionen unserer Gesellschaft zu, die ihre Verwicklungen mit den Institutionen der Macht zu verdrängen versuchen. Auch innerhalb der deutschen und der österreichischen Psychoanalyse muss ein mühsamer Kampf um die Erinnerung ausgefochten werden, um die Illusion der politischen Unschuld zu zerstören. Von ihrer Tendenz her, Unbewusstes bewusst zu machen, gehörte die Psychoanalyse zwar eher zur Kultur der Erinnerung. Mehr noch: ihre Theorien bergen das Geheimnis, wie eine Kultur sein müsste, die nicht mehr aufs Vergessen und Verdrängen angewiesen wäre. Aber die institutionalisierte Psychoanalyse geriet ebenfalls ins Kraftfeld der auf Verdrängung beruhenden Kultur. Es stellt sich hier die Frage, wie diese Anpassung der Psychoanalyse an die Kultur der Vergesslichkeit möglich war, und das bedeutet, dass wir Freuds Analyse des Totemismus als eine Grundstruktur des Vergessens in Form des Gedenkens wieder aufnehmen und auf die psychoanalytische Institution anwenden müssen.
Obwohl die Psychoanalytiker im vergangenen Jahrzehnt ihre Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wesentlich vorangetrieben haben und man heute kaum sagen kann, es handle sich weiter um Tabuverletzungen, wenn Krieg, Faschismus und Antisemitismus oder Stalinismus und Verfolgungen Gegenstand des analytischen Denkens werden, so tauchen trotzdem bei der Behandlung dieser Themen beträchtliche Schwierigkeiten auf. In einem Aufsatz über „Antisemitismus in Psychoanalysen. Zur Identität österreichischer Psychoanalytiker heute“ schreiben Brainin, Ligeti und Teicher: „Vorträge und Diskussionen, die gesamte Atmosphäre dieser beiden Tagungen (Bamberg 1980 und Murten 1982 behandelten Rolle und Haltung der Psychoanalytiker während des Nationalsozialismus; M.E.) waren voll von Emotionen. Sehr rasch kam es zu Polarisierungen: ‚Nestbeschmutzer‘ standen denen gegenüber, die sich keine ‚kollektive Schuld‘ zuweisen ließen, persönliche ‚Betroffenheit‘ stand gegen Verleugnung. Schließlich ging es darum, wer ‚Opfer‘ und wer ‚Täter‘ war“ (Brainin, Ligeti und Teicher 1989, S. 1).
Was also immer wieder thematisiert wird, ist die Frage der Schuld sowie der Vorwurf, dass die ältere Generation es versäumt habe, sich diesen Problemen zu stellen, so dass nun die jüngere die Verdrängung weitergeben müsse, was sich unter anderem als Störung der Identität des Psychoanalytikers äußere, sowie in den Schwierigkeiten bei der Behandlung von Angehörigen der sogenannten zweiten Generation, das heißt, der Kinder von Verfolgern und Verfolgten.
Das Auftauchen der Schuldproblematik, des Generationskonflikts und der Identitätsstörung legt es nahe, die Kategorien von „Totem und Tabu“ wieder aufzunehmen, aber nicht, um sie auf exotische Völker oder auf urzeitliches Geschehen, sondern um sie auf die Psychoanalyse selbst zu beziehen. Es wird dann klar, weshalb die Psychoanalyse in ihren Bemühungen, den Nationalsozialismus und den Rassismus zu verstehen, die Reduktion auf die Familie sowie auf die frühkindlichen Erfahrungen vollziehen und so auch das „Nazi-Phänomen“ (wie es auf dem Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft in Hamburg 1984 bezeichnet wurde) verfehlen muss. Solche psychoanalytischen Theorien sind selbst totemistisch und können den Nationalsozialismus ebenso wenig begreifen wie die Magie radioaktive Prozesse. Der Totemismus überstülpt das Familiensystem auf gesellschaftliche Institutionen, er produziert die Illusion, alle ihre Angehörigen seien Brüder und Schwestern, benützt also die im Bereich der Gesellschaft oder Kultur anachrone Form der Familie, um eine Identität zu vermitteln, die immer einen Kern von Infantilität beinhalten wird. Dabei taucht eine ganz bestimmte Art des Gedenkens bzw. Erinnerns auf.
Das Spezifische am totemistischen Erinnern ist die Entstellung, die Freud mit dem Satz umschrieb: „Der Tote wird nun stärker als der Lebende war.“ Und dann lastet die „Tradition aller toten Geschlechter wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden“, wie Marx (1852) sagte. Diese Entstellung der Vergangenheit ist eine im Dienste der Institution geleistete, denn sie soll die Verbote und Einschränkungen der Gegenwart legitimieren und gleichzeitig auch die entscheidende Differenz zu den anderen Institutionen setzen. Die befreiende Tat, der Mord am Vater, verliert ihre Wirkung und schlägt ins Gegenteil, nämlich in Gehorsam um: „Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die Tötung des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt erklärten, und verzichteten auf deren Früchte.“ Freuds Überlegungen werfen ein neues Licht auf den Sieg über den Nationalsozialismus: Die Befreiung wurde totemistisch neutralisiert, sodass das Nazi-Erbe weiterwirken konnte.
Das totemistische Erinnern hat etwas Zentripetales: es dient der Abgrenzung und schließt die Fremden aus. Die kannibalistische Kommunion stiftet eine Familienbeziehung, und die Gesellschaft wird danach geordnet, wer zur Verwandtschaft gehört und wer nicht. Kein Wunder also, dass sich die Psychoanalytiker Kultur schließlich nur noch als Familie und das Gesetz nur als Vaterspruch vorstellen können. Demgegenüber wäre an Freuds Thesen zu erinnern, wonach Kultur ein Prozess im Dienste des Eros sei. In „Das Unbehagen in der Kultur“ schrieb Freud dem kulturellen Prozess die erotische Fähigkeit zu, Familien zu sprengen und Stämme zu schaffen, diese wiederum zu Völkern und schließlich zur Menschheit zu verbinden. Erinnern erhält hier eine ganz andere Bedeutung als im Totemismus: Es geht darum, „im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzufachen“, wie Walter Benjamin in den „Geschichtsphilosophischen Thesen“ sagte. Erinnern wird zu einer Befreiung der unterdrückten Vergangenheit. Der Lebende ist mächtiger als der Tote, weil nur der Lebende diesen erlösen kann. Oder mit den Worten von Benjamin: „Die Vergangenheit führt einen zeitlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird. Es besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Wir sind auf der Erde erwartet worden. Uns ist wie jedem Geschlecht, das vor uns war, eine schwache messianische Kraft mitgegeben, an welche die Vergangenheit Anspruch hat“ (Benjamin 1940, S. 142).
Kulturen, deren Gedächtnis all das abstoßen muss, was ihrem herrschenden Selbstverständnis zuwiderläuft, haben auch eine eigenartige, misstrauische Vorstellung von dem, was Bewusstsein und Denken sind, und werden infolgedessen den Intellektuellen nur mit größten Vorbehalten begegnen. Bewusstsein und Intellektualität werden mit Aggressivität, Querulantentum und zersetzender Kritik gleichgesetzt, wohingegen Unbewusstheit als eine Art Bequemlichkeit und harmlose Freundlichkeit erscheint. In Wien hieß es: „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist“, und diese so beliebte Einstellung macht Freuds Leistung in jener Stadt so offensichtlich. Freud ging nicht von der Voraussetzung aus, dass der Mensch das vergessliche Tier sei, sondern davon, dass er ein erinnerndes Wesen ist, das zum Vergessen gebracht wird. Er betonte daher auch den aktiven Aspekt: Das Vergessen ist nicht ein allmähliches Verlöschen, es muss vielmehr etwas beiseitegeschoben, verdrängt werden, und damit es verdrängt bleibt, muss eine Gegenbesetzung aufgerichtet werden. Das Vergessen versteht sich also nicht mehr von selbst, sondern erscheint als ein mühsamer, energieraubender Prozess. Aus dieser Sicht macht das Vergessen auch nicht glücklich, sondern kränklich.
In „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ beschrieb Freud noch eine andere, oft übersehene Art, die Erinnerung zu neutralisieren: „Man hat es zwar immer schon gewußt – heißt es dann, wenn man auf Vergangenes angesprochen wird – aber man habe nicht daran gedacht“ (Freud 1914, S. 127f.). Das heißt, Wissen und Denken werden zweierlei – man kann durchaus etwas wissen, ohne es denkend verarbeiten zu müssen. Freud bezeichnete diese Umgangsweise mit früher gemachten Erfahrungen als Absperrung. Indem man das Gewusste nicht denkt, sperrt man es vom Fluss des Lebens ab. Wer auf das Denken verzichtet, kann sich somit auch das Vergessen ersparen und trifft gleichsam zwei Fliegen auf einen Schlag: nämlich sowohl die Mühsal des Denkens zu vermeiden als auch den psychischen Aufwand des Vergessens bzw. Verdrängens.
Diese Absperrung hat ihren „sozialen Ort“ (Bernfeld), denn nur wer auf der Seite der Herrschaft steht und zu den Tätern gehört, kann sich diese Abwehr gegen das Erinnern leisten. Das Opfer hingegen drängt es immer wieder dazu, die traumatische Situation zu reproduzieren und das Denken quälend um seine Niederlage kreisen zu lassen. Es wird sich immer wieder fragen: Wie war es möglich? Hätte ich mich anders verhalten sollen? Wäre jenes passiert – hätte ich jenes Zeichen beachtet und nicht übersehen, es wäre anders gekommen. William Niederland spricht von der „tiefen Überlebensschuld, die sich um die Frage zentriert: Warum habe ich das Unheil überlebt, während die anderen – die Eltern, Kinder, Geschwister, Freunde – daran zugrunde gingen? In dieser unbeantwortbaren Frage liegt wahrscheinlich die stärkste psychische Belastung des Überlebenden und zugleich die makabere Ironie, daß weniger die Täter und Vollstrecker der nazistischen Verbrechen als vielmehr deren Opfer an einer Überlebensschuld zu leiden scheinen“ (Niederland 1980, S. 232).
Dem Opfer können nur die Mechanismen der Abspaltung, Verschiebung, Verleugnung und Verdrängung helfen, die traumatische Erfahrung zu neutralisieren, um sie so vor dem Denken zu schützen. Anders verhält es sich mit dem Täter: Wo die Tat die Identität des Täters weder in Frage stellt noch bedroht, kann das Denken leicht von der Erinnerung an die Tat ferngehalten werden. Genauer gesagt: Das Denken muss nur in dem Maße in den Umkreis der Erinnerung zugelassen werden, als die Tat verheimlicht werden soll.
Bevor ich auf die kulturellen Auswirkungen der Absperrung als eines der Grundmuster der kollektiven Verarbeitung der Vergangenheit eingehe, möchte ich auf einige spezifische Züge der Verarbeitung auf Seiten der Opfer und deren Nachkommen hinweisen. In ihrem Aufsatz über die „Nachkommen der Holocaust-Generation in der Psychoanalyse“ schreibt Ilse Grubrich-Simitis: „Es hat sich gezeigt, daß die Opfer nicht selten das während der Verfolgung Erlebte auf Dauer verleugnen müssen. In den Familien kam es zum ‚pact of silence‘, der es den Eltern erleichterte, wider besseres Wissen eine Illusion aufrechtzuerhalten, die sich vielleicht so umschreiben läßt: All das kann nicht wahr gewesen sein; vielleicht ist es doch nur ein Alptraum, aus dem ich eines Tages noch erwachen werde (was für die Betroffenen nicht zuletzt hieße: Entlastung von Überlebensschuld und von dem Schmerz, die ermordeten Liebesobjekte endgültig verloren geben zu müssen). Indem die Spuren, die das Trauma im Gedächtnis der Verfolgten hinterlassen hat, auf diese Weise ständig entwirklicht werden, vermögen sie nicht Erinnerungscharakter und damit Vergangenheitsqualität zu gewinnen“ (Grubrich-Simitis 1984, S. 18–19).
Wo die Erinnerung gelöscht wird, kommt es zu einer Verleugnung dessen, was geschehen ist. Es kann ja nichts passiert sein, denn ich erinnere mich nicht. Mit der Entwirklichung der Vergangenheit gehen aber auch die damals gemachten Erfahrungen sowie die Schlüsse, die man daraus ziehen könnte, verloren.
Ein anderer Mechanismus, die Schrecken der Vergangenheit zu bannen, stellt die Identifikation mit dem Verfolger dar. Anna Freud prägte 1936 den Begriff der Identifikation mit dem Aggressor, der auch unerlässlich ist, um das Phänomen der Erinnerung zu fassen, und zwar den Standpunkt, von dem aus das Ereignis er-innert, das heißt, ins Subjekt hineingenommen wird. Anna Freud erläutert diesen psychischen Mechanismus am Beispiel eines Schülers, der in der Schule dadurch auffällt, dass er immer, wenn er vom Lehrer ermahnt oder gescholten wird, Grimassen schneidet, über welche die ganze Klasse lachen muss. Kein Wunder, dass der Lehrer die Reaktion des Schülers als weitere Unbotmäßigkeit und Lernunwilligkeit interpretiert. „Die aufmerksame Beobachtung der beiden zeigt, dass die Grimassen des Jungen nichts anderes sind als ein verzerrtes Abbild der Gesichtszüge des ärgerlichen Lehrers. Der Junge, der dem Tadel des Lehrers standhalten soll, bewältigt seine Angst durch unwillkürliche Nachahmung des Zornigen. Er übernimmt selber seinen Zorn und folgt den Worten des Lehrers mit dessen eigenen, nicht wiedererkannten Ausdrucksbewegungen. Das Grimassieren dient hier also der Angleichung oder Identifizierung mit dem gefürchteten Objekt der Außenwelt“ (Freud 1984, S. 294). Anna Freud beschrieb auch den zugrunde liegenden psychischen Mechanismus: „Das Kind introjiziert etwas von der Person des Angstobjektes und verarbeitet auf diese Weise ein eben vorgefallenes Angsterlebnis. (…) Mit der Darstellung des Angreifers, der Übernahme seiner Attribute oder seiner Aggression verwandelt das Kind sich gleichzeitig aus dem Bedrohten in den Bedroher“ (Freud 1984, S. 296).
Die Identifikation mit dem·Aggressor hat oft lebensrettende Funktionen. Sie wirkt angstmindernd und ermöglicht nicht zuletzt auch eine „Einfühlung“ in den Verfolger, die diesen berechenbar, vorstellbar macht und das Opfer seine neuen Angriffe zumindest in der Vorstellung vorwegnehmen lässt. Immer wieder kann jedoch festgestellt werden, dass in der Erinnerung der Verfolgten der Standpunkt und damit auch die Verachtung der Täter verinnerlicht worden sind. Die Selbstverachtung, die oft bei verfolgten Minderheiten beobachtet werden kann, ist ein Produkt ihrer unbewussten Identifikation mit der verfolgenden Mehrheit.
Wenn, Freud zufolge, das Erinnern sich von selbst versteht – welchen Sinn sollte dann die Erinnerungsarbeit haben? Erinnerungsarbeit richtet sich einerseits gegen den von der herrschenden Kultur ausgehenden Verdrängungsdruck und andererseits gegen die Absperrungen, die Wissen und Denken voneinander isolieren sollen. Um das zu erreichen, muss man zunächst in den Institutionen, in denen man tätig ist, die Identifikation mit dem Stärkeren, Mächtigeren, kurz: mit dem Aggressor verweigern. Diese Verweigerung schafft erst den Raum, in dem sich eine andere Art Kultur als die auf das Vergessen und Verdrängen bezogene entfalten kann. Jede hierarchisch gegliederte Institution macht aber solche ldentifikationsangebote: Vom Soldaten heißt es, er trage den Marschallstab im Tornister. Vollzogene Identifikationen mit den oberen Instanzen bilden eine Art Kitt der Institutionen, sind eine Voraussetzung für einen unbewusst akzeptierten Konsens. Diese Identifikationen beschrieb Freud in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ und zeigte auf, wie es in den Institutionen, die in Kirche und Militär ihre Prototypen haben, zum Zerfall des Individuums kommt, das seine Vernunft zugunsten der Logik der Institution opfern muss (vgl. Erdheim 1982, S. 189f.).
Gegen diesen Identifikationsdruck aufzukommen, ist keine leichte Sache. Man macht dann plötzlich die Erfahrung, dass der Sinn des Ganzen zu schwinden anfängt und alles wie trüb und leer aussieht. Maya Nadig hat für diese Art Sinnverlust den Ausdruck des sozialen Sterbens geprägt. Die in uns allen wirksamen Größen- und Allmachtsphantasien treiben uns zur Identifikation mit dem Mächtigen, und in dem Augenblick, da diese narzisstischen Anteile nicht mehr an solche Identifikationen gebunden sind, fallen sie auf uns selbst zurück, und nun müssen wir sehen, was wir damit machen. Erinnern wir uns daran, dass Freud selbst, als er seine akademischen Identifikationen nicht mehr aufrechterhalten konnte und als junger Arzt Misserfolg um Misserfolg erleben musste, eine Art sozialen Todes auf sich nehmen musste, und es war diese erzwungene Aufgabe von Rollen voller Prestige, die ihn letztlich befähigte, jene Erinnerungsarbeit zu leisten, die er Psychoanalyse nannte.
Die Erinnerungsarbeit muss sich aber nicht nur dem Verdrängungsdruck entgegenstemmen, sondern auch die Absperrungen auflösen, die Wissen und Denken voneinander trennen und so das Erinnern verunmöglichen. Hier stößt die Erinnerungsarbeit auf außerordentlich große, gesellschaftlich gut abgestützte Widerstände. Die hohe Berufsspezialisierung zum Beispiel besteht darin, dass verschiedene Bereiche der Realität voneinander getrennt werden, um sie rationeller be- und verarbeiten zu können. Diese Spezialisierung erstarrt allmählich zu einer Absperrung, die es sehr erschwert, von einem Gebiet auf das andere überzugehen. Historische Prozesse, in denen bekanntlich ein Bereich aus dem anderen hervorgeht, können dann nicht mehr erfasst werden. Es wurde zum Beispiel bekannt, dass die Menschenversuche, die in den deutschen Konzentrationslagern durchgeführt wurden, nicht einfach Produkt eines irrationalen Sadismus waren, sondern im Dienste wohlüberlegter Experimente standen, deren Ergebnisse unter anderem in die Entwicklung der amerikanischen und wohl auch der russischen Weltraumfahrt eingingen. „Man hat es zwar schon immer gewusst, aber man hat nicht daran gedacht“ – die Weltraumfahrt, auf die die Menschheit so stolz zu sein vorgab und die zu einer Art Maßstab des Fortschrittes geworden ist, hat ihre Wurzeln auch in der unsäglichen Menschenquälerei der Konzentrationslager. Wären uns diese Zusammenhänge bewusst, würden wir nicht das eine in den Bereich des Bösen und Teuflischen versetzen und das andere zum Inbegriff des Guten und Modernen machen, und wären vielleicht auch befähigt, eine vernünftigere Einstellung zu Wissenschaft, Technik und Fortschritt zu entwickeln.
Günther Anders schrieb 1966, nach einem Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz: „Da unsere Wahrnehmung für die Auffassung der heutigen Welt nicht ausreicht, da sie für die enormen, richtiger: monströsen Ausmaße dessen, was wir selbst anrichten können, zu kurzsichtig bleibt, … wird sie … zu einem Spektakel der Phantasie. Wer glaubt, die Welt sei so, wie er sie wahrnehme, der phantasiert, weil er untertreibt. Denn nicht nur der Übertreibende phantasiert, sondern auch der Untertreibende. Vielmehr haben wir, da die Wahrheit unserer monströsen Verhältnisse nicht ohne weiteres … wahrnehmbar ist, die Phantasie einzusetzen. (…) Phantasie hat … als eine Methode der Empirie zu funktionieren, als Wahrnehmungsorgan für das tatsächlich Enorme. (…) So wenig das Teleskop unsere Sehfähigkeit überflüssig macht, sowenig macht die Phantasie unsere Wahrnehmung überflüssig, vielmehr erst möglich und effizient“ (Anders 1985, S. 39).
Phantasie und Erinnerung sind voneinander abhängig. Was vergessen oder verdrängt werden muss, kann nicht mit Hilfe der Phantasie ersetzt werden; vielmehr ist es so, dass der Aufwand, der notwendig ist, um sich die Vergangenheit vom Leibe zu halten, die Phantasie aufzehrt und damit auch die Kreativität erstickt. Die Kreativität, die wir brauchen, um die Probleme unserer Kultur zu lösen, ist auf das Erinnern der Geschichte angewiesen. Solche Arbeiten, wie die von Kannonier-Finster und
Ziegler, sind deshalb wichtig, weil sie diejenige Arbeit an der Erinnerung leisten, die es braucht, um den nötigen Raum für die Phantasie zu gewinnen. Wenn wir Auschwitz als ein Symbol dessen ansehen, was der Mensch dem Menschen antun kann, so wird unsere Phantasie, wenn sie die Zukunft entwirft, immer wieder nach Auschwitz zurückkehren müssen und das Konzentrationslager umkreisen, um zu verhindern, dass unsere Kreativität erneut in den Dienst der Vernichtung gestellt werden kann.
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Im Jahr 1987 stellte Meinrad Ziegler als Leiter eines soziologischen Proseminars an der Universität Linz den Studierenden die Aufgabe, lebensgeschichtliche Interviews mit Personen durchzuführen, die den 12. März 1938, den „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland, erlebt hatten. Die Studierenden dieses Seminars waren mehrheitlich zwischen 1960 und 1968 geboren, der Seminarleiter um 1950, die Männer und Frauen, mit denen solche Interviews durchgeführt wurden, kamen aus den Jahrgängen 1910 bis 1925. Diese Interviews standen am Beginn dieser Arbeit. Sie wurden damals von den Studierenden sorgfältig und mit Engagement an der Sache gemacht. Es stellte sich das Problem, die Geschichten, die in den Gesprächen erzählt wurden, auch wirklich zu verstehen. Auf der einen Seite gab es eine Version von Vergangenheit, die in der Öffentlichkeit, in Schulbüchern vermittelt wird. Auf der anderen Seite die Versionen, die in den erzählten Lebensgeschichten angeboten wurden. Die letzteren stellten die erstere oftmals in Frage und ließen sich nicht bruchlos mit diesen vermitteln. Die Problematik dieses Verstehens trifft ein allgemeines Problem der Verständigung zwischen drei Generationen von Österreichern und Österreicherinnen zu einer Frage, die zwar Geschichte ist, die aber noch heute, oder gerade heute, viele Menschen in Bewegung bringt. Wie wurde die nationalsozialistische Vergangenheit in diesem Land verarbeitet? Was in diesem Seminar begonnen wurde, führte in den Jahren 1990 bis 1992 ein Projekt weiter. Es war von der Annahme getragen, dass jede Kultur einen für sie charakteristischen Typus von Erzählungen hervorbringt. An diesen wird sichtbar, welche Bedeutung bestimmten historischen Ereignissen zugeschrieben wird und wie sie in das soziale Denken integriert werden. An diesen zeigt sich auch, welche Teile der Vergangenheit bedeutungslos und damit aus der kollektiven Erfahrungsbildung weitgehend ausgeschlossen sind. Geschichten zu verstehen, heißt, sich zum Verständnis der Kultur, die sie hervorbringt, hinführen zu lassen.
