23,99 €
Die Ötztaler Gletscher bilden eine der größten zusammenhängenden Eisflächen der Ostalpen. Seit über 400 Jahren werden sie von den Menschen beobachtet, gefürchtet, gezeichnet und interpretiert. Ein Aquarell des Vernagtferners von 1601 ist die älteste Darstellung eines Gletschers überhaupt. Der Blick auf die imposanten alpinen Eisriesen wirkt durch die Zeiten wie ein Spiegelbild unserer Gesellschaft: Wurde einst das krachende, bedrohliche Vorstoßen der Gletscher von der bäuerlichen Bevölkerung in Form von Frevelsagen verarbeitet, so zogen Eisbrüche und Gletscherseen ab dem 19. Jahrhundert Forschende, Bergbegeisterte und Reisende in Scharen ins Hochgebirge. In den vergangenen Jahrzehnten wurden Gletscher zum Symbol für die rasante Klimaerwärmung schlechthin – und sie finden als solches einmal mehr Eingang in das zeitgenössische Kunstschaffen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2023
Ötztaler Gletscher
Edith Hessenberger/Veronika Raich (Hg.)
Wir danken den Unterstützern: Amt der Tiroler Landesregierung – Abteilung Kultur, Gemeinden Längenfeld, Oetz, Sautens, Sölden, Umhausen, Tourismusverband Ötztal, Bundesministerium Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport, Alpenverein Österreich, Raiffeisenbanken Ötztal
© 2023 by Studienverlag Ges.m.b.H., Erlerstraße 10, A-6020 Innsbruck
E-Mail: [email protected]
Internet: www.studienverlag.at
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
ISBN 978-3-7065-6334-5
Herausgeber der Ötztaler Museen Schriften: Ötztaler Museen, MMag. Dr. Edith Hessenberger, Lehn 23b, 6444 Längenfeld
Herausgeberteam des Bandes: MMag. Dr. Edith Hessenberger, Mag. Veronika Raich
Umschlaggestaltung: Maria Strobl, www.gestro.at
Umschlagabbildung: „Wildspitze“, Ölgemälde von Josef Preyer, 1880-1900, Sammlungen Alpenverein-Museum ∙ Archiv des Österreichischen Alpenvereins.
Bildrechte Innenteil: Siehe Bildverzeichnis
Grafik und Satz: Maria Strobl · www.gestro.at
Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.studienverlag.at
Vorwort
Edith Hessenberger, Veronika Raich
Wie der forschende Blick auf die Gletscher unsere Sicht auf die Welt änderte
Andrea Fischer
Gletscherbilder aus dem Ötztal
Gernot und Ilse Patzelt
Der Blick, der Gletscher und das Bild: Kunstwissenschaftliche Notizen
Sybille Moser-Ernst
Der Vernagtferner – der Dämon des ÖtztalesKatastrophenbewältigung in den Ötztaler Alpen
Franz Jäger
Ein Wettlauf mit dem Wasser
Franz Josef Gstrein
Wissensdurst schafft BergeslustWie das Naturphänomen Gletscher die Neugier der Städter nach den Bergen weckte
Veronika Raich
Entdecken – Sehnen – VerlierenEine bewegte Geschichte der Wahrnehmung von Gletschern in der Moderne
Edith Hessenberger
Abbildungsnachweise
Literaturverzeichnis
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
Satellitenaufnahme der Ötztaler Alpen
„Taschachferner“ von Konrad Henker, 2019
Die Ötztaler Gletscher. Sie bilden eine der größten zusammenhängenden Eisflächen der Ostalpen, sie prägen eine einzigartige Landschaft, sie wurden über die Jahrzehnte zur Marke und sind seit über 150 Jahren Fixpunkt im Tiroler Tourismusmarketing.
Die Dimensionen des Themas Gletscher sind ausufernd, gerade auch vor dem Hintergrund der Klimaerwärmung, die für einen alljährlichen Abgesang unserer Alpengletscher in den Medien, in der Fachwelt und in Bergsteigerkreisen sorgt. Es gibt viele Möglichkeiten, sich diesem Naturphänomen anzunähern. Die Ötztaler Museen und das Alpenverein-Museum haben eine interdisziplinäre, aber in den Bezugspunkten (kunst-) historische Annäherung gewählt, aus mehrfachen Gründen.
Aus der Perspektive des Alpenvereins stellen die Ötztaler Alpen eine Wiege der alpinen Vereine auf dem Kontinent sowie des organisierten und ausgebildeten Bergführwesens dar. Aus alpinhistorischer Sicht entwickelte sich die Ötztaler Gletscherwelt schon sehr früh zu einem Zentrum der Begegnungen: Auf der einen Seite stand die urbane, aufgeklärte, wissenschaftlich-forschende Neugier, auf der anderen Seite eine in Hinblick auf Naturgefahren und Minimalismus erprobte Lebensweise der einheimischen Bevölkerung. Die grandiose Landschaft und Natur waren das Kapital der Einheimischen, ihr Wissen um die Herausforderungen des Lebens mit Gletschern, Steilhängen und Naturgefahren bildete die Basis für eine Rollenumkehrung: die Bergmenschen als Führende, in deren Verantwortung und Obhut sich die weit Angereisten willig übergaben.
Tourenbeschreibungen, Skizzen- und Kartenzeichnungen, panoramatische Aufnahmen, kunstvolle Bilder, alles diente der euphorischen Verbreitung des Erlebten und Gesehenen und zog Menschen aus nah und fern an.
In Ermangelung eigener Museumsräumlichkeiten bietet dieses Projekt der Ötztaler Museen mit einem derart spannenden Thema natürlich eine willkommene Gelegenheit für das Alpenverein-Museum, besondere Teile der umfangreichen Sammlung des Österreichischen Alpenvereins direkt am Ort der historischen Ereignisse und Entwicklungen zu präsentieren. Die Sammlungen sowohl des Alpenverein-Museums als auch des Turmmuseums in Oetz, das auf das Lebenswerk des Oetzer Sammlers Hans Jäger zurückgeht, verfügen über eine Fülle historischer künstlerischer Arbeiten zum Thema. Einige der schönsten von ihnen vor dem Hintergrund eines rasanten Verschwindens dieser einzigartigen landschaftsprägenden Eiswelt zu zeigen, aber auch an ihrem Beispiel vor Augen zu führen, wie sich der menschliche Blick auf die Gletschergebiete im Laufe der Jahrhunderte verändert hat, das war eine weitere wesentliche Intention sowohl dieses Buches als auch der gleichnamigen Ausstellung, die 2023 bis 2024 im Turmmuseum Oetz zu sehen ist. Die Leidenschaft für die Ötztaler Gletscher muss vielleicht gar nicht erklärt werden – man kann sich der Faszination für diese kalten Giganten, die sich selbst und ihre Umgebung ständig verändern, kaum entziehen. Die historischen Gemälde und frühen Fotografien beeindrucken und schockieren gleichermaßen. Doch wie sich diesem Phänomen annähern? Erfreulicherweise konnten wir einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit besonders großer Leidenschaft für die Gletscher, aber auch mit herausragenden Fachkenntnissen zur Mitarbeit an dieser Schriftenreihe gewinnen.
Den Anfang macht Andrea Fischer, die als Glaziologin über eine naturwissenschaftliche Expertise, aber darüber hinaus über einen sehr umfassenden Blick auf das Phänomen Gletscher verfügt. In ihrem einführenden Beitrag „Wie der forschende Blick auf die Gletscher unsere Sicht auf die Welt änderte“ stellt sie den Wesenskern der Ötztaler Gletscher, ihre Besonderheiten und ihre Entwicklung über die Zeit dar und macht abschließend klar, warum diese Kenntnisse für uns als Gesellschaft relevant sind.
Gernot Patzelt ist als Geograph und Hochgebirgsforscher dem Ötztal seit Jahrzehnten verbunden und kennt auch die Ötztaler Gletscher durch seine Forschungstätigkeiten sowie aufgrund der langjährigen Vermessungsarbeiten wie seine Westentasche. Für den vorliegenden Band hat der Autor, gemeinsam mit seiner Gattin Ilse Patzelt, ihres Zeichens Kunsthistorikerin, allerdings einen anderen Zugang gewählt: Im Rahmen ihres Beitrags „Gletscherbilder aus dem Ötztal“ geben Ilse und Gernot Patzelt einen kurzen Überblick über die wichtigsten und schönsten künstlerischen Darstellungen der Ötztaler Gletscher, verweisen mitunter darauf, inwiefern diese Arbeiten mit naturwissenschaftlichen Kenntnissen in Einklang gebracht werden können, und machen damit deutlich, wie wichtig und befruchtend ein interdisziplinärer Zugang (nicht nur) in der Hochgebirgsforschung sein kann.
Diesen Zugang vertieft die Kunsthistorikerin Sybille Moser-Ernst, die sich ausgehend von einem ihrer Spezialgebiete, nämlich der Landschaftsmalerei in Tirol, in ihrem Beitrag „Der Blick, der Gletscher und das Bild: Kunstwissenschaftliche Notizen“ der bürgerlichen Rezeption von Landschaft widmet, dem Ideal des „Erhabenen“ und nicht zuletzt der Frage, inwiefern die Täler des Tiroler Oberlandes insbesondere im Zeitraum 1860 bis 1900 Schauplatz des Kulturkampfes waren, für den Religion und die Höhen der Eisberge die Kulissen bildeten.
Franz Jäger greift in seinem Beitrag „Der Vernagtferner – der Dämon des Ötztales“ ein für die Talgeschichte zentrales und nachhaltig spürbares Thema auf: die Auswirkungen der sogenannten „Kleinen Eiszeit“ auf das menschliche Leben und Wirtschaften und nicht zuletzt auf die Spiritualität. Als Jurist und Kulturwissenschaftler mit dem Schwerpunkt der Volksfrömmigkeit wählt Jäger einen sehr vielschichtigen Zugang zu den Fernerseeausbrüchen und „Gletscherprozessionen“, die dem Ötztal mehrfach zu trauriger Berühmtheit verholfen haben.
Der nächste Beitrag ist eine Einladung ins Archiv: Franz Josef Gstrein (1885–1943) aus Oetz verfasste 1929 die Kurzgeschichte „Wettlauf mit dem Wasser“, in der die Auswirkungen des Vernagtfernersee-Ausbruches 1845 auf die Bevölkerung in Sölden aus der Perspektive eines jungen Paares dargestellt werden. Dieser historische Text steht unkommentiert für sich.
Veronika Raich greift in ihrem Beitrag „Wissensdurst schafft Bergeslust. Wie das Naturphänomen Gletscher die Neugier der Städter nach den Bergen weckte“ ein für das Ötztal zentrales Thema auf: die Anfänge des Alpinismus und des frühen Tourismus im Tal, die unter anderem in Vent ihren Ursprung fanden. Anhand der einzigartigen Quelle des ersten Fremdenbuches von Vent gibt sie Einblick in die Lebenswelten, Ideale und Konflikte jener Menschen, die sich aus einer Mischung von romantischer Sehnsucht und sportlichem Ehrgeiz ins Hochgebirge wagten.
Den Abschluss macht die Kulturwissenschaftlerin Edith Hessenberger mit dem Beitrag „Entdecken – Sehnen – Verlieren. Eine bewegte Geschichte der Wahrnehmung von Gletschern in der Moderne“. Sie schlägt den Bogen von der Entdeckung der erhabenen Landschaft Anfang des 19. Jahrhunderts bis hin zur zeitgenössischen Auseinandersetzung mit den Themen Klimakrise und Mensch und Umwelt, indem sie abschließend aktuelle künstlerische Arbeiten zur Thematik vorstellt.
Die weltweit allererste Darstellung eines Gletschers wurde im Ötztal angefertigt, es handelt sich um ein Aquarell nach Skizzen von Abraham Jäger, der 1601 den Vernagtferner beim Aufstauen des Rofenbaches darstellte. Und bis heute stellen die Gletscher das Herz, den Wasserspeicher und nicht zuletzt ein mehrere Jahrtausende zurückreichendes Eisgedächtnis der Region dar.
Das Alpenverein-Museum und die Ötztaler Museen laden nun zu einer Zeitreise durch vier Jahrhunderte Ötztaler Gletscher ein, eine Reise die auch bequem von zuhause aus unternommen werden kann.
Edith Hessenberger und Veronika Raich
Messung der Längenänderung am Kesselwandferner im Sommer 2022
Andrea Fischer
Wenn wir heute Gletscherbilder sehen, so schwingt oft die Ahnung des nahen Endes mit: Dunkle Blankeisflächen (Abb. 1), Schmelzwasserbäche und Schutt auf der Gletscheroberfläche zeugen von den extremen Schmelzereignissen, die auch das Ötztal in den letzten 20 Jahren vermehrt betroffen haben. Die leuchtenden Firnfelder und blauen Eisflächen, die auf den Gletscherbildern des letzten Jahrtausends zu sehen sind, scheinen der Vergangenheit anzugehören. Werden wir uns an die grauen Eisflächen gewöhnen müssen – oder sind selbst sie nur ein Wimpernschlag der Erdgeschichte? Unser Bild der Gletscher und ihrer Rolle in der Welt hat sich in den letzten 150 Jahren stark geändert,1 und dieser Weg des Erkennens und der wissenschaftlichen Erkenntnis wird in den nächsten Jahrzehnten ebenso spannend weitergehen, wie er mit der ersten Gletscherdarstellung vor mehr als 400 Jahren begonnen hat. Damals stellte Abraham Jäger die Situation vor Ausbruch des Rofner Eisstausees dar,2 und es waren die Gletscherkatastrophen, die das Bild der Gletscher prägten. Die Erforschung der Ursachen dieser Ausbrüche war die Geburtsstunde der Gletscherforschung. Seit der ersten Darstellung eines Gletschers auf einer Karte, des „Großferners“ in den Ötztaler Alpen,3 gibt es mittlerweile ein weltweites Gletscherinventar, und die Veränderung der Eisflächen wird laufend beobachtet,4 ebenso die Auswirkung der Schmelze auf den Meeresspiegel, den Wasserhaushalt und die Vegetation. Heute spielen die Gletscher vor allem als Zeugen und Archive des Klimawandels eine Rolle,5 und die Sorge hinsichtlich einer Klimakrise treibt einen Gutteil der Forschungen an.
Beginnend mit dem heißem Sommer 2003, in dem das erste Mal auch die höchsten Gipfel von der Schmelze betroffen waren, wurde der Sommerschnee immer weniger. Nicht nur das verringerte die Strahlkraft unserer Gletscher. Auch die zunehmende Schuttbedeckung und die Schmelze selbst verdunkeln die Eisflächen. Das ändert nicht nur das Landschaftsbild, sondern beschleunigt auch den Gletscherrückgang. Die dunklen Oberflächen reflektieren weniger Sonnenlicht als die hellen Schnee- und Firnflächen. So dringt mehr Energie ins Eis ein und steht dort für die Schmelze zur Verfügung. Im Jahr 2022 schmolz etwa drei Mal so viel Eis wie in einem durchschnittlichen Jahr, und die Schmelzsaison dauerte auch an den höchstgelegenen Eisflächen mehrere Wochen.
Abb. 1: Das dunkle Ende der Gletscherzunge des Kesselwandferners bei den Längenmessungen im Jahr 2022.
Die Einordnung des Jahres 2022 in eine lange Zeitreihe zeigt uns, wie außergewöhnlich dieser Gletschersommer war. In den Ötztaler Alpen ist der Vergleich am eindrücklichsten, befinden sich doch hier die am längsten wissenschaftlich beobachteten Gletscher der Ostalpen.6 Vernagtferner, Hintereisferner und Kesselwandferner werden oft auch als die Wiege der ostalpinen Gletscherforschung bezeichnet. Hier wurden Erkenntnisse erarbeitet, die ihren Weg in die Welt fanden, und insbesondere der Hintereisferner wurde so zu einem Lehrbuchgletscher, dessen Bilder sich in allen Werken zur Gletscherkunde fanden (Abb. 2).
Abb. 2: Der forschende Blick auf den Hintereisferner ließ das wissenschaftliche Bild des Gletschers entstehen. Die Ergebnisse mehrerer Jahrzehnte Forschung waren fast ein Jahrhundert lang in allen Lehrbüchern abgebildet.7
Auch bei der Entdeckung des Klimawandels spielten die Gletscher zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Schlüsselrolle. Friedrich Simony, der erste Professor für das damals neue Fach der Physischen Geographie in Österreich, konnte nachweisen, dass die Gletscher die Landschaft auf charakteristische Weise formen. Er benutzte erst Aquarelle und später die Photographie, um die Prozesse und Phänomene des Hochgebirges darzustellen.8 Die damals neuartige Verwendung von Bilddokumenten in der wissenschaftlichen Diskussion war überzeugend. Seither haben ‚Darstellungen nach der Natur‘ in verschiedenen Formen einen wichtigen Platz in den Geowissenschaften. Methoden wie die photogrammetrische Erfassung von Veränderungen, Satellitenbilder oder hochpräzise Höhenmodelle sind aus der Forschung nicht mehr wegzudenken und liefern ein präzises Bild, aber auch Zahlen zu den Änderungen.
Die frühen Bilder des Erhabenen, gleißender weißer Eisriesen, erscheinen uns wie eine Botschaft aus vergangenen Zeiten, aus der guten alten Welt ohne Klimawandel und Globalisierung. Früher war alles besser, sogar die Zukunft, scheinen uns die Bilder zu erzählen. Ein Blick auf die Forschungsgeschichte erzählt uns aber vom Eiszeitlichen Maximum vor etwa 18.000 Jahren, in dem die Gletscher die gesamten Alpen bedeckten und von den Vorstößen und Katastrophen der Kleinen Eiszeit. Sie erzählen von der nur wenige Jahrzehnte zurückliegenden Angst vor einer neuen Eiszeit beim Gletschervorstoß der 1980er, bei dem etwa der Kesselwandferner fast einen halben Kilometer vorgestoßen ist. Der vom Menschen verursachte Klimawandel, dessen Folgen für die Gletscher der Welt in den IPCC-Berichten zusammengefasst werden, wird oft von Vergleichsbildern illustriert, die die Änderung der Gletscher in den letzten 150 Jahren zeigen und den Klimawandel greifbar machen. Auch in diesen Berichten haben die Ötztaler Gletscher und ihre Messungen noch einen prominenten Platz. Da die Ostalpengletscher unter den am schnellsten verschwindenden Gebirgsgletschern der Welt sind, werden die Ötztaler Gletscher wohl ihren prominenten Platz in der Erzählung der Geschichte des Eises behalten, bis zum bitteren Ende. Je nach dem Erfolg oder Misserfolg der Maßnahmen zur Reduktion der CO2-Emissionen dürften die Gletscher bis zum Ende des Jahrhunderts Geschichte sein9 – das macht die Bilddokumente für zukünftige Generationen besonders wertvoll. Nur bei Einhaltung des 1°-Celsius-Ziels zeigen die Berechnungen der Zukunftsszenarien eine Abkühlung, die das Wiedererstarken der Gletscher ab 2100 ermöglicht. Mit den Gletschern verschwinden auch die Eisarchive der Gipfeleiskappen (Abb. 3), die für die letzten 6.000 Jahre nicht nur Informationen zum Klima, sondern auch über Umweltereignisse wie Waldbrände oder menschliche Aktivitäten enthalten. In diesen Eisarchiven wird mit dem Schnee alles abgelagert, was sich in der Luft befindet. Das betrifft sowohl Quellen in der unmittelbaren Umgebung des Gletschers als auch weit entfernte Quellen, vom Saharastaub zu Pflanzenpollen, vom Tritium aus den Atombombentests bis zu Asche aus Rodungen im Tal. Es sind die Eisbohrkerne wie etwa vom Gipfel der Weißseespitze, die zeigen, dass die Gletscher zum natürlich bedingten Holozänen Klimaoptimum vor etwa 6.000 Jahren schon einmal abgeschmolzen waren.10 Es ist also nicht auszuschließen, dass die goldenen Löffelchen von Onanä und Tanneneh durch den vom Menschen verursachten Klimawandel zu Tage befördert werden. In diesem Beitrag verfolgen wir den Wandel unseres Gletscherbildes seit den Hochständen der Kleinen Eiszeit und damit des Platzes, der den Eisriesen in unserer Sicht der Welt zugewiesen wird.
Abb. 3: Eisbohrungen auf der Weißseespitze im Jahr 2018 mit Blick zur Wildspitze. Das Eis ist bis zu 6.000 Jahre alt.
Die Wissenschaften kämpften zur Kleinen Eiszeit um ihren Platz in der Welt, vorerst war es noch die Religion, die die Tatsachen bestimmte. Die Abkühlung der Temperaturen und das Anwachsen der Gletscher wurden also als Strafe Gottes gedeutet, denen auch mit religiösen Mitteln wie Gebet und Prozession beizukommen sei. Den heute als Folge der großen eiszeitlichen Gletscherstände eingeordneten Landschaftsformen wie etwa Moränen oder Findlinge wurde eine Entstehung durch die biblische Sintflut zugeschrieben. Vor diesem Hintergrund sind die ersten Skizzen der Ötztaler Gletscher und die Darstellung der Ausbrüche der Ötztaler Gletscherseen als Beschreibung von Ursache und Wirkung als revolutionär anzusehen.
Joseph Walchers Werk ‚Von den Eisbergen in Tyrol‘11 ist hier als eine der ersten umfassenden naturwissenschaftlichen Abhandlungen anzusehen, wobei Joseph Walcher selbst als Jesuit einerseits und Professor für Mechanik und Hydraulik andererseits etwas zwischen den Stühlen saß. Er löste das Problem, dass die Erschaffung der Welt damals allgemein anerkannt nach sieben Tagen abgeschlossen war, sich aber die Gletscher weiter änderten, sehr elegant, indem er die Gletscher als ‚Pflugschar Gottes‘ bezeichnete. Dieses Bild ermöglichte die Koexistenz einer von Gott in sieben Tagen erschaffenen Welt mit unserer modernen Vorstellung von Gletschern, die sich mit dem Klima ändern und dabei die Landschaft formen.
Das Formen der Landschaft durch die Gletscher wurde von Friedrich Simony am Hohen Dachstein nachgewiesen. Simony erforschte dort über mehrere Jahrzehnte die Änderungen der Gletscher und protokollierte die Prozesse akribisch in Bilddokumenten. Mithilfe dieser Bilddokumente konnte er nachweisen, dass vorstoßende Gletscher den Untergrund formten, Blöcke transportierten und Steinwälle, sogenannte Moränen, aufschoben, die nach dem Zurückweichen des Eises einen Gletscherhochstand anzeigten. Er verwendete als Methode erst Aquarelle, in denen er die Landschaft naturgetreu darstellte. Die Hochgebirgsphotographie steckte zu Simonys Zeiten noch in den Kinderschuhen, und die Herstellung von Gletscherphotos war immens aufwendig, mussten doch alle notwendigen Utensilien vor Ort gebracht werden. Simony war auch in den Ötztaler Alpen unterwegs und hat Stand und Zustand ausgewählter Gletscher sehr detailgenau dokumentiert (Abb. 4).
Abb. 4: Die Skizzen Friedrich Simonys hatten den Anspruch, naturgetreu die Landschaftsformen wiederzugeben und so als Grundlage für wissenschaftliche Diskussionen zu dienen.
Die grundlegenden Arbeiten des ausgehenden 19. Jahrhunderts hatten das Ziel, die Änderung der Gletscher und ihre Ursachen zu erforschen. Vermutet wurde eine Regelmäßigkeit des Vorstoßens und anschließenden Rückgangs, und aufgrund der historischen Dokumente wurde versucht eine Periodenlänge festzulegen. Dazu war die Messung der Längenänderungen wichtig, die seit 1891 auf systematische Weise nach einem Aufruf des Gletscherforschers Eduard Richters (1847–1905) durch Bergführer vor Ort, aber auch städtische Forscher durchgeführt wurde. Diese regelmäßigen Untersuchungen führten zu einer Reihe von Bilddokumenten, die die Änderungen der Gletscher hauptsächlich des Rofentals zeigten.
Das Aufkommen der Kartographie und das Bemühen der alpinen Vereine, ihren Mitgliedern das Bereisen der Alpen auch durch gute Unterlagen zu erleichtern, führte zum Entstehen detailgenauer Kartenwerke, die den Zustand der Gletscher als wichtige Information für die Bergsteiger mit berücksichtigten.
Vor Erstellung dieser Karten verursachten die vorrückenden Gletscher so manche Probleme, etwa musste der Weg zwischen Schnals und Vent öfter aufgrund des Vorrückens des Hochjochferners verlegt werden, und die Wegbeschreibung war den Reisenden wenig hilfreich, wenn sie sich plötzlich vor der senkrecht aufragenden Eiswand der Gletscherzunge befanden, die aufgrund des raschen Fließens stark zerklüftet und kaum passierbar war.
Auch erste Messungen der Fließgeschwindigkeit an der Gletscheroberfläche wurden im Zuge dieser Messprogramme durchgeführt, da klar war, dass das Vorrücken der Gletscherzungen mit einem Anwachsen der Fließgeschwindigkeiten zusammenhängt. In Ermangelung von Messdaten gab es viele verschiedene Theorien sowohl über die Art des Gletscherfließens12 als auch die Dicke des Eises. Diese Frage konnte erst durch ein Forschungsprojekt entschieden werden, das mehrere Jahrzehnte Zeit in Anspruch nahm: die Durchbohrung des Hintereisferners.
Zwischen 1893 und 1922 wurde der Hintereisferner an 12 Stellen bis zum Untergrund durchbohrt (Abb. 5), um die Eisdicke, die Fließgeschwindigkeit und die Schmelze zu messen.13 Der Transport des dazu nötigen Geräts stellte einen riesigen Aufwand dar, mussten doch Mensch und Material mithilfe von Tragtieren und Trägern zum Lager auf den Gletscher transportiert werden, wo für mehrere Wochen gebohrt wurde. Allein der Transport des 2,5 Tonnen schweren Gepäcks von Oetz nach Sölden benötigte mehrere Tage, da alle Tragtiere durch Touristen belegt waren und das Material von Trägern befördert werden musste.
Abb. 5: Die Tiefenbohrungen am Hintereisferner 1893 bis 1922 bedeuteten einen extremen Aufwand, aber auch den Durchbruch beim Verständnis des Gletscherfließens.14
Abb. 6: Postkarte von den Tiefenbohrungen am Hintereisferner 1903, produziert im Verlag des Venter Kuraten Johann Georg Thöni.
Die Durchbohrung des Hintereisferners stellte den Durchbruch in der Frage der Gletscherbewegung dar. Sebastian Finsterwalder gründete seine Theorie des Gletscherfließens auf der Verbiegung der Bohrstangen im Eis und auf der Messung von Schmelze und Fließgeschwindigkeit an der Stangenposition. Damit gab es auch Bilder der Transportwege innerhalb des Gletschers, die das Verschwinden und Wiederauftauchen am Gletscher verlorener Gegenstände beschreiben. Die ersten Modelle des Gletscheruntergrundes von Hintereisferner und Kesselwandferner15 zeigen uns ein Bild des nackten Untergrunds, der Landschaft ohne Eis, wenn auch noch ohne Textur. In der Folge wurden an den Ötztaler Gletschern die auch heute noch üblichen Methoden der Radioecholotung16 und der seismischen17 Erfassung des Gletscheruntergrunds verwendet, um die ersten Zukunftsszenarien zu berechnen (Abb. 7). Aus damaliger Sicht war mit dem Verschwinden des Eises 2254 zu rechnen, wobei das Modell vier Szenarien mit 100 Jahren Abstand wiedergab.
