Our Moment of Choice -  - E-Book

Our Moment of Choice E-Book

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Beschreibung

Die Menschheit ist derzeit mit einer beispiellosen Reihe von Krisen konfrontiert, die unser Überleben bedrohen, vom Klimawandel und weltweiten Pandemien bis hin zu globaler wirtschaftlicher Ungleichheit und zunehmenden sozialen Spannungen. Gleichzeitig sind viele Menschen nicht bereit, unsere Welt und die Zukunft der nächsten Generationen aufzugeben – denn es vollzieht sich gerade ein globaler Bewusstseinswandel, der unsere kollektive Kraft nutzt, um sich bewusst für eine lebensbejahende Zukunft zu entscheiden. In diesem Buch haben sich 43 der bekanntesten Vordenker*innen zusammengetan, um mit ihren Beiträgen kreative, umsetzbare Lösungen für die globalen Herausforderungen zu bieten. Sie machen Mut und appellieren an jede/n von uns, etwas im eigenen Leben zu verändern und so Mitschöpfer/in einer gerechten, geeinten und friedlichen Welt zu sein. Ein wichtiger Aufruf zum Handeln, denn von unserer Entscheidung, wie wir weiterleben wollen, hängt unser aller Zukunft ab.

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Our Momentof Choice

Visionen und Hoffnung für die Zukunft

Herausgegeben von Robert Atkinson, Kurt Johnson und Deborah Moldow

Aus dem amerikanischen Englisch von Matthias D. Borgmann

Titel der amerikanischen Originalausgabe: Our Moment of Choice – Evolutionary Visions and Hope for the Future. Die Übersetzungsrechte wurden durch den Originalherausgeber Atria Books/Beyond Words, ein Imprint von Simon & Schuster, Inc., New York, vermittelt.

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

1. eBook-Ausgabe 2021

© 2021 Europa Verlag in der Europa Verlage GmbH München

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Redaktion: Franz Leipold

Layout & Satz: Buchhaus Robert Gigler, München

Gesetzt aus der Minion Pro und der Bauer Bodoni

Konvertierung: Bookwire

ISBN 978-3-95890-400-2

eISBN 978-3-95803-358-0

Alle Rechte vorbehalten.

www.europa-verlag.com

In tiefer Dankbarkeit für all jene, die an vorderster Front der Evolution des menschlichen Bewusstseins stehen, und in liebender Wertschätzung für alle Lebewesen auf dem Planeten Erde

Inhalt

VORWORT: Evolutionäre Visionen am Beginn eines neuen Zeitalters von Deborah Moldow und Diane Marie Williams

EINFÜHRUNG: Die Geschichte des neuen Menschen – die Kraft, in unserer Zeit der Extreme zu neuen Ufern aufzubrechen von Gregg Braden

ERSTER KREIS: BRÜCKEN BAUEN

1. Die große Karte des Friedens von James O’Dea

2. Spiritualität im 21. Jahrhundert: Eine leise Revolution von Deborah Moldow

3. Eine evolutionäre Vision von der Zukunft mit »harter« Wissenschaft in Einklang bringen von David Sloan Wilson und Kurt Johnson

4. »Jammen«: Das Kultivieren von Verbundenheit, Gemeinschaft, Zusammenarbeit und Befreiung des Selbst in der Gruppe von Shilpa Jain

5. Ist der Weltfrieden möglich? von Michael Bernard Beckwith

ZWEITER KREIS: DIE WIEDERHERSTELLUNG DES ÖKOLOGISCHEN GLEICHGEWICHTS

6. Evolutionäre Weisheiten für eine Welt in großer Veränderung von Duane Elgin

7. Die Erneuerung der Erde und ihrer Bewohner von Daniel Christian Wahl

8. »Ein guter Mensch …« von Constance Buffalo

9. Prophezeiungen, dynamische Veränderungen und eine neue globale Zivilisation von Phil Lane jr.

10. Grund zum Optimismus: Der Übergang zu einer Ökonomie des Lebendigen von John Perkins

DRITTER KREIS: BEWUSSTES UNTERNEHMERTUM UND SOZIALER WANDEL

11. Der Beginn einer bewussten Unternehmensbewegung von Steve Farrell

12. Von jungen Menschen geführte soziale Unternehmensprojekte von Gino Pastori-Ng

13. Ein neues »Geld-Bewusstsein« von Sarah McCrum

14. Die Grundprinzipien eines »Business-Mönchskriegers« von Rinaldo S. Brutoco

15. Die Neuerfindung unseres Planeten: Eine »Bottom-up«-Gesamtstrategie von David Gershon

VIERTER KREIS: UNS SELBST UND DEN PLANETEN HEILEN

16. Überleben, Bewusstsein und der Eine Geist von Larry und Barbara Dossey

17. Uns selbst, unsere Kinder und unseren Planeten heilen von Lori Leyden

18. Die erhabene Zukunft: Unsere vollkommene Menschwerdung von Gordon Dveirin und Joan Borysenko

19. Unsere spirituelle Natur leben: Der Weg zur Heilung der Menschheit von Sylvia Sumter

20. Bewusste Evolution: Eine Theorie, mit der wir aufblühen können von Bruce H. Lipton

21. Ist Ganzheit überhaupt eine Wahlmöglichkeit? von Deepak Chopra

FÜNFTER KREIS: WISSENSCHAFT UND SPIRITUALITÄT MITEINANDER VERFLECHTEN

22. Die Kraft der Acht von Lynne McTaggart

23. Die gegenwärtige Wissenschaft des Erwachens von Loch Kelly

24. Zum grenzenlosen Geist erwachen von J.J. Hurtak und Desiree Hurtak

25. »Authentische Bildung«, um Bewusstheit zu erwecken, zu erhöhen und zu entwickeln von Nina Meyerhof

26. Eine Eine-Welt-Sicht, um die Evolution des Bewusstseins zu leiten von Jude Currivan

27. Unsere Geschichte verändern heißt unsere Welt verändern von Gregg Braden

SECHSTER KREIS: NEUE GRENZEN JENSEITS VON RAUM UND ZEIT

28. Unser menschliches Potenzial freisetzen von Eben Alexander III und Karen Newell

29. Schwingungsintelligenz: Die Sprache des Universums erschließen von Eve Konstantine

30. Der Anbruch des Neuen Tages von Christian Sorensen

31. Unsere roten Umhänge anlegen und unsere Superkräfte aktivieren von Diane Marie Williams

32. Ein Wandel im Herzen der Menschheit von Claudia Welss

SIEBTER KREIS: DAS GROSSE GANZE

33. Unsere Kultur weiterentwickeln: Vom Zusammenbruch zum Durchbruch von Justin Faerman

34. Der Weg der Sozialkünstler*innen von Jean Houston

35. Eine ganzheitliche Vorstellung von Evolution and Bewusstsein von Robert Atkinson

36. Unseren Weg zum Einssein erkennen und erleben von Ervin Laszlo

37. Ein synergetischer Zusammenschluss des Ganzen von Barbara Marx Hubbard

NACHWORT: Brief an die Zukunft von Elisabet Sahtouris

EPILOG: Die Fäden des Rufs nach kollektivem Handeln verbinden von Robert Atkinson und Kurt Johnson

Danksagungen

Die Evolutionary Leaders (evolutionären Führer*innen)

Anmerkungen

Über die Autoren

Über die Herausgeber

VORWORT

Evolutionäre Visionen am Beginn eines neuen Zeitalters

von Deborah Moldow und Diane Marie Williams

Unser Moment der Entscheidung ist gekommen. Noch nie gab es für die Menschheit einen so zwingenden Grund wie heute, sich zusammenzuschließen und sich auf die vor ihr liegende Aufgabe vorzubereiten, indem sie eine neue Art von »evolutionärer Führungsrolle« (vgl. die Evolutionary Leaders) übernimmt, die auf dem Prinzip der Synergie beruht.

Dieses Buch handelt von Hoffnung, von Taten, von Innovation – es geht um die synergetische Annäherung des weltweiten Netzwerks einer miteinander verbundenen Menschheit, welche die nächste Stufe menschlichen Bewusstseins einleitet.

Die Zukunft nähert sich uns mit großen Schritten. Doch trotz der Bilder von rapide schmelzenden Gletschern und verheerenden Naturkatastrophen auf unseren Bildschirmen und einer Politik der Spaltung, die an unserer kollektiven Seele zerrt, befinden wir uns inmitten des größten evolutionären Bewusstseinssprunges in der Menschheitsgeschichte.

Die Source of Synergy Foundation unterstützt die Freisetzung synergetischer Energien, die sich exponentiell ausbreiten und weltweite Wellenbewegungen planetarischen Bewusstseins erzeugen. Wenn einzelne Personen, Organisationen, Gemeinschaften und Nationen sich in einem gemeinsamen Gefühl der Verantwortung für das Allgemeinwohl zusammenschließen, haben ihre kollektiven Bemühungen eine wesentlich größere Wirkung auf das Ganze. Aus einer solchen synergetischen Dynamik ist der Evolutionary Leaders Circle entstanden.

Die Source of Synergy Foundation hat sich 2006 mit Deepak Chopra™ und der Chopra Foundation zusammengetan, um visionäre Autor*innen, Pädagog*innen und Aktivist*innen zu vereinen, die eine Bewegung der bewussten Evolution für eine globale Transformation aufbauen. Im Jahr 2008 trafen sich die Source of Synergy Foundation und die Chopra Foundation mit der Vereinigung für Global New Thought in Kalifornien, um 35 Evolutionary Leaders zu versammeln, die einen »Aufruf zu einer bewussten Evolution« vorbrachten unter der Fragestellung: Was können wir gemeinsam tun, um die Bewusstseinsveränderung zu beschleunigen? Dieser Aufruf, der bis heute von rund 50 000 Mitgliedern der evolutionären Community unterstützt wird, vereint nach wie vor all jene, die einer bewussten Entwicklung der Menschheit inspirierend, unterstützend und helfend zur Seite stehen. (Fühlen auch Sie sich herzlich eingeladen, den Aufruf zu unterschreiben unter evolutionaryleaders.net/acallto-consciousevolution.)

Heute umfasst der Evolutionary Leaders Circle 186 Personen, welche die gemeinsame Verpflichtung eint, ihr kollektives Spektrum an Potenzialen strategisch einzubringen und mit der evolutionären Community rund um den Erdball synergetisch zusammenzuarbeiten, um den aktuellen Kurs, auf dem wir uns befinden, umzukehren und eine Veränderung hin zu unserer nächsten Stufe kollektiver Entwicklung zu unterstützen. Alle Mitwirkenden dieses Buches sind Mitglieder des Evolutionary Leaders Circle, sie haben ihre jeweiligen Kapitel gestiftet, um ein synergetisches Ganzes mitzugestalten, das größer ist als die Summe seiner Teile.

Unsere Absicht ist es, mit diesem ungewöhnlichen Buch Our Moment of Choice – Visionen und Hoffnung für die Zukunft Werkzeuge, Einsichten und Inspiration an die Hand zu geben, die uns behilflich sein können, während jede/-r von uns auf seine eigene Art und Weise auf die gewaltigen Erfordernisse unserer Zeit reagiert. Wir glauben, dass sich die Evolution des Bewusstseins in dem Moment ereignet, wo wir uns verpflichten, ein bewusstes Leben zu führen, und mit Vorsatz unser größtes Potenzial freisetzen. Es sind Moment-für-Moment-Entscheidungen, die wir treffen, um die Evolution zum Wohle des Ganzen voranzutreiben.

In den sieben Bereichen des Buches gehen wir der Frage nach, in welche Richtung wir uns bewegen, während wir uns zu einer Gesellschaft entwickeln, die sich für das Wohl aller engagiert. Jeder Abschnitt zeigt die Kraft der Synergie als den Schlüssel zur Erschaffung einer geschlossenen Einheit und zur Beschleunigung des evolutionären Bewusstseinssprunges.

Sie lesen dieses Buch, weil Sie Teil dieser evolutionären Community sind, die die Bewegung der bewussten Evolution für eine globale Transformation anführt. Sie sind ein integraler Bestandteil des kollektiven Feldes der Liebe und Heilung, das eine herzzentrierte Zukunft hervorbringen wird, die auf »Co-Kreation«, Fürsorge, Mitgefühl, Wertschätzung und Kooperation basiert.

Wir hoffen, dass dieses Buch dem evolutionären Prozess dienen wird, indem es Wellen der Dynamik in Gang setzt, die unser ganzes evolutionäres Potenzial beflügeln, um die heutigen Herausforderungen zu transformieren – und uns dabei helfen, vollständig in einer komplett neuen handelnden Frequenz zu leben, die uns den Weg vorwärts weist, damit es uns auf unserer großartigen Erde weiterhin gut geht.

Tauchen wir also ein in das neue Paradigma, indem wir die großartigste Vision dessen in uns aktivieren, wer wir werden und was wir gemeinsam erreichen können. Die Entscheidung liegt in unserer Hand.

Für weitere Informationen besuchen Sie bitte sourceofsynergyfoundation.org, evolutionaryleaders.net und ourmomentofchoice.com oder kontaktieren Sie [email protected].

EINFÜHRUNG

Die Geschichte des neuen Menschen – die Kraft, in unserer Zeit der Extreme zu neuen Ufern aufzubrechen

von Gregg Braden

Eine einzige, unausgesprochende Frage lauert im innersten Kern unserer Existenz: Sie liegt jeder Wahl, die wir jemals im Leben treffen, zugrunde, wohnt jeder Herausforderung inne, die uns auf die Probe stellen wird, und ist die Grundlage für jede Entscheidung, mit der wir konfrontiert sein werden. Diese Frage aller Fragen – unzählige Male von unzähligen Personen während unserer geschätzten 200 000 Jahre oder länger auf der Erde gestellt – lautet schlicht und ergreifend: Wer sind wir?

Unsere Geschichte ist von Bedeutung

Während die Frage an sich einfach und kurz ist, hat die Geschichte, die wir uns über uns selbst erzählen, Konsequenzen, denen wir uns einfach nicht entziehen können. Sie zielt schonungslos auf das Herzstück jedes Augenblicks unseres Lebens ab. Unsere Geschichte – das, woran wir im Hinblick auf unsere Vergangenheit, unsere Abstammung, unser Schicksal und unsere Möglichkeiten glauben – bestimmt die Art und Weise, wie wir uns selbst und andere Menschen sehen und welche Entscheidungen wir treffen. Sie legt fest, wen wir als Freunde, Liebespartner oder Lebensgefährten in unser Leben lassen, welchen Beruf wir wählen und auf welche Art wir unseren Körper heilen. Die Konsequenzen unserer Geschichte sind eng mit den Strukturen unserer Gesellschaft verflochten. Sie spiegeln sich in allem wider: von der Entscheidung, wie wir unsere Körper ernähren, bis zu der Art und Weise, wie wir für uns selbst, unsere Kinder und unsere alternden Eltern sorgen.

Die Konsequenzen unserer Geschichte reichen jedoch noch weiter. Sie prägen selbst das Denken bezüglich der Grundlagen unserer Zivilisation. Unsere Geschichte hat Einfluss darauf, wie wir unsere lebenswichtigen Ressourcen wie Essen, Wasser und Medikamente und die Grundbedürfnisse unseres Lebens miteinander teilen. Sie definiert sowohl, warum, wann und wie wir Kriege führen, als auch, in welchem Moment wir uns für Frieden entscheiden. Was wir uns über uns selbst erzählen, rechtfertigt sogar unsere Ansichten darüber, wann wir bereit sind, menschliches Leben zu retten – oder es zu beenden.

Was womöglich die größte Ironie unserer Existenz darstellt – zu Beginn des 21. Jahrhunderts und nach über 5000 Jahren Geschichtsschreibung –, ist, dass wir die so elementare Frage, wer wir sind, noch immer nicht klar beantwortet haben. Auch wenn es sich prinzipiell immer lohnt, die notwendigen Energien und Mittel aufzubringen, um die Wahrheit unserer eigenen Existenz zu entdecken, ist es jetzt gerade – angesichts der größten Lebens- und Überlebenskrise in der Geschichte unserer Spezies – von entscheidender Bedeutung.

Den Weg durch unsere Zeit der Extreme finden

Wir leben in einer Zeit der Extreme – extreme Veränderungen in der Welt und extreme Wandlungen in unser aller Leben. Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Extreme, von denen ich hier spreche, sind nicht alle schlecht – die drastischen Veränderungen in der Technologie und im Internet beispielsweise bieten uns heutzutage den höchsten Grad an zwischenmenschlichen Kontaktmöglichkeiten und Informationsaustausch seit Beginn der Geschichtsschreibung. Es sind die Extreme eines nicht nachhaltigen Denkens und Lebens, die sich als problematisch erweisen. Die klügsten Köpfe unserer Zeit bestätigen, dass unser derzeitiger Kurs nicht nachhaltigen Verhaltens im Hinblick auf Faktoren wie Klima, Energie, Armut und Umwelt – sofern wir nichts dagegen unternehmen – uns auf mehrfachen Kollisionskurs bringen wird, der eine Bedrohung für die lokalen Kommunen, die globale Gesellschaft und letztlich unsere Zivilisation als Ganzes darstellt.

In Our Moment of Choice untersuchen wir die Gründe für diese Extreme und wie wir auf eine gesunde Art und Weise mit ihnen umgehen können. Das Auftauchen dieser Extreme bietet uns eine einmalige Gelegenheit, diese Chance zu ergreifen – unseren Moment der Entscheidung! Entscheiden wir uns dafür, die heutigen kaputten und gescheiterten Systeme durch nachhaltige Technologien und Praktiken der Heilung, des Friedens und der Kooperation zu ersetzen, wie sie uns längst zur Verfügung stehen? Oder werden wir dieses Zeitfenster ignorieren? Entscheiden wir uns dafür, uns an altbekannte Gewohnheiten wie Ego, Geld, Macht und Konkurrenzkampf zu klammern, die uns in dem Chaos gefangen halten, das unsere Welt heute polarisiert? Unser Erfolg hängt von uns ab und davon, wie wir mit zwei Schlüsselfaktoren umgehen – unserer Bereitschaft, (1) die Extreme anzuerkennen und (2) neue Wege des Denkens und Lebens zu akzeptieren, die die Einzigartigkeit unserer Zeit widerspiegeln.

Obgleich wir in unserem Moment der Entscheidung mit vielen unbekannten Faktoren konfrontiert sind, wissen wir eines ganz sicher: Unser Leben verändert sich in einer Weise, auf die uns niemand vorbereitet hat, und es geschieht mit einer Geschwindigkeit, wie wir sie bislang nicht kannten.

Die Erschaffung der Welt, von der wir wissen, dass sie möglich ist

Wir sind gefordert, neue Erkenntnisse zu akzeptieren, die uns zeigen, wer wir sind – die Geschichte des neuen Menschen – und mithilfe dieser neuen Geschichte unser überkommenes Denken in Bezug auf uns selbst und unsere Beziehung zur Welt radikal und sehr bald zu verändern.

Ich bin von Natur aus Optimist. Und ich sehe in unserem Leben wahren Anlass zu Optimismus. Gleichzeitig bin ich aber auch Realist. Ich mache mir hinsichtlich der Anstrengung – der Arbeit –, die für eine solche Veränderung erforderlich ist, nichts vor. In seinem Klassiker Der Prophet von 1923 beschrieb der Philosoph und Schriftsteller Khalil Gibran »Arbeit als sichtbar gewordene Liebe«. Diese Betrachtungsweise erinnert uns daran, dass der enorme Einsatz, den wir leisten müssen, um unsere Zeit der Extreme zur Blüte zu bringen und zu transzendieren, ein sichtbarer Ausdruck unserer Liebe für uns selbst, füreinander und für die Welt ist. Die Welt, die wir unseren Kindern und Kindeskindern hinterlassen, wird das Vermächtnis unserer sichtbar gewordenen Liebe sein.

Zu unserem Glück verfügen wir bereits über die Lösungen für die großen Probleme der Welt – zumindest die physikalischen. Die wissenschaftlichen Prinzipien sind längst verstanden, die Technologien längst verfügbar. Sie liegen direkt vor uns, in diesem Moment – wir könnten sie sofort um- und einsetzen. Das, was uns und die Welt, von der wir wissen, sie ist möglich, trennt – eine Welt, in der jedes Mitglied unserer globalen Familie auf saubere, ausreichend vorhandene und nachhaltige Energie zugreifen kann; in der vitales und gesundes Essen und sauberes Trinkwasser im Übermaß vorhanden und für jeden Mund auf diesem Planeten zugänglich sind; wo jeder Mensch in der Lage ist, die Grundbedürfnisse seines Lebens zu befriedigen, und darin unterstützt wird, ein gesundes und bedeutungsvolles Leben zu führen –, ist etwas, das sich nicht herstellen, anfassen oder messen lässt. Das nicht vorhandene Bindeglied, das in der Gleichung bislang fehlt, die diese Welt zum Leben erweckt, ist ein Denken, welches in unserer äußeren Welt Raum schafft für das, was in unserem Geist längst vorhanden ist.

Sind wir bereit, eine Vision willkommen zu heißen, die solche Möglichkeiten zur Priorität erklärt? Erlauben wir es, die Erkenntnisse, welche die tiefsten Wahrheiten unserer Beziehungen zu uns selbst, zueinander und zur Erde enthüllen, zum Reisepass in die neu entstehende Welt werden zu lassen? Akzeptieren wir die Arbeit, die erforderlich ist, um unser Denken zu erweitern – unsere sichtbar gewordene Liebe für uns selbst und unseren Planeten? Genau hier kommt Our Moment of Choice – Visionen und Hoffnung für die Zukunft ins Spiel.

Obwohl es gewiss keinen Mangel an Büchern gibt, die sich mit den außergewöhnlichen Bedingungen der Veränderung beschäftigen, der wir uns heute gegenübersehen, greifen sie typischerweise zu kurz in Bezug auf den Kern der Frage, wie wir mit diesen Bedingungen umgehen sollten. Woher sollen wir denn wissen, welche Technologie wir wählen, welche Regelungen wir erlassen, welche Gesetze wir beschließen sollen – oder wie wir eine nachhaltige Wirtschaft erschaffen, lebensrettende Technologien mit anderen teilen und Brücken bauen zwischen den Problemen, die die Strukturen unserer Beziehungen und unserer Gesellschaft niederreißen –, solange wir nicht jene grundlegendste Frage unserer Existenz beantwortet haben: Wer sind wir? In unserer Eigenschaft als Individuen, Familienmitglieder, Staatsbürger und als Zivilisation als Ganzes wird diese ganz elementare Erkenntnis zum Grundstein für die Prioritäten unserer Entscheidungen und Regelungen.

Ohne die Beantwortung dieser Frage ist das Fällen lebensverändernder Entscheidungen in etwa so, als versuchten wir, ein Haus zu betreten, ohne zu wissen, wo die Tür ist. Natürlich können wir durch ein Fenster einbrechen oder eine Wand einschlagen, aber dabei würden wir auch das Haus beschädigen. Vielleicht ist das eine perfekte Metapher für das Dilemma, in dem wir stecken. Denn unsere Menschheitsfamilie – die sich in etwas über einem Jahrhundert mehr als vervierfacht hat, von 1,6 Milliarden im Jahr 1900 auf etwa 7,7 Milliarden im Jahr 2019 – kann den Schlüssel der Erkenntnis, wer wir sind, benutzen, um durch die Tür der erfolgreichen Lösungen einzutreten. Wir können aber auch weiterhin auf Krisen mit reflexartigen Reaktionen und falschen Annahmen reagieren – basierend auf lückenhafter und veralteter Wissenschaft –, bis wir unser Zuhause, die Erde wie uns selbst, kaputt gemacht haben.

Dieses Buch bestimmt sieben Erkenntnisbereiche, welche in radikaler Weise die Art verändern werden, wie wir bisher über unsere Welt und uns selbst nachzudenken angehalten waren, indem wir neue Horizonte der Hoffnung und Möglichkeiten erschließen. Auf den Seiten, die nun folgen, entdecken Sie Schlüssel für:

»die Erschaffung einer globalen Gemeinschaft als Kultur des Friedens,

»die Neubetrachtung des Universums als einer lebendigen, bewussten und intelligenten Entität,

»die Erneuerung einer Ethik tiefer Ganzheitlichkeit in Form einer bewussten Geschäftswelt, bewusster Medien und bewussten Unternehmertums,

»die Heilung des Körpers in seiner Ganzheit als Lebensform statt lediglich als Reaktion auf Krankheit,

»die Erweckung der Kraft spirituell basierter Wissenschaft,

»das Verständnis neuer wissenschaftlicher Entdeckungen, die den Kosmos als tief verbundenes und vollständig holistisches System enthüllen, und

»die Kenntnis nachhaltigen Lebens und Wohlstands als Grundlage einer globalen Transformation.

Wir begeben uns auf unsere eigene Reise

Das Buch Our Moment of Choice – Visionen und Hoffnung für die Zukunft wurde mit einer Absicht im Hinterkopf geschrieben: Es will uns zu einem ehrlichen, wahrhaftigen und den Tatsachen entsprechenden Verständnis unserer Beziehung mit der Erde, miteinander – und, vielleicht am allerwichtigsten – mit uns selbst ermächtigen. Während dieses Prozesses entwickeln wir neue Einsichten und entdecken neue Antworten auf die uralte und zeitlose Frage: Wer sind wir?

Der Schlüssel für unseren Moment der Entscheidung ist schlicht dieser: Je besser unsere Antworten auf diese Frage sind, desto besser kennen wir uns selbst und umso weniger Angst haben wir vor Veränderungen in der Welt. Und ohne Angst sind wir besser gerüstet, bewusste und sachkundige Entscheidungen zu treffen.

Ich lade Sie ein, die Erkenntnisse auf diesen Seiten aufzunehmen und zu erkunden, was diese für Sie bedeuten. Sprechen Sie mit den Menschen in Ihrem Leben darüber; entdecken Sie, ob und wie diese Erkenntnisse Ihre Geschichte und die gemeinsame Geschichte Ihrer Familie verändern. Neue Erkenntnisse bezüglich unserer Herkunft, unserer Vergangenheit und der am tiefsten verwurzelten Vorstellungen über unsere Existenz sind ein guter Anlass, die traditionellen Überzeugungen, die unser Leben definieren, neu zu überdenken. Tun wir dies, werden die Lösungen für die Herausforderungen unseres Lebens deutlich und unsere Wahlmöglichkeiten offensichtlich. Dieses Buch macht es sich zur Aufgabe, die Erkenntnisse aufzuzeigen, die bislang noch keinen Eingang in unsere Schulbücher und Klassenzimmer gefunden haben; sie enthalten den Schlüssel dafür, unsere Geschichte vom neuen Menschen zum Leben zu erwecken.

ERSTER KREIS

Brücken bauen

Gemeinsam können wir eine globale Gemeinschaft erschaffen und eine Kultur des Friedens kreieren.

1

Die große Karte des Friedens

von James O’Dea

Frieden mag in einer Welt voll entsetzlicher Gewalt, brutaler Konflikte und Ausbeutung als ein trügerisches Konzept erscheinen; allerdings gab es noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit eine so umfassende Karte des Friedens, wie sie sich in diesem Moment einzelnen Menschen, Gemeinschaften, Aktivisten, spirituell Praktizierenden, Pädagogen, Angestellten des Gesundheitswesens, Forschern und Akademikern gleichermaßen zeigt.

Was wir als Kultur des Friedens bezeichnen, stammt aus einer ganzheitlichen Anschauung, die alle Dinge als miteinander verbunden und sich gegenseitig beeinflussend begreift. Wir können komplette gesellschaftliche Veränderungen und die Transformation von alten Kreisläufen aus gewaltsamer Trennung und Konflikten hin zu nachgewiesenen Strategien der Konfliktlösung, gesellschaftlicher Heilung und Aussöhnung kartografieren. In wachsendem Maße sind wir uns unserer Verbundenheit und wechselseitigen Abhängigkeit bewusst und verhalten uns auch dementsprechend. Wir können als »bewusste Evolutionisten« einen visionären Aktivismus verkörpern, indem wir einst getrennte Wissensgebiete miteinander verknüpfen.

Rechenschaftspflicht und Gesetzgebung

Ein grundlegender Baustein für die Schaffung einer globalen Kultur des Friedens ist der Beitrag des Rechtsstaatsprinzips und dessen Schutzvorkehrungen. Als sich die Welt im Jahr 1945 von einem verheerenden Krieg zu erholen begann, entwarfen die Nürnberger Prozesse ein wichtiges neues Rahmenkonzept, das Verbrechen gegen die Menschlichkeit genau bestimmte: Es waren dies offenkundige Verstöße gegen elementare Menschenrechte durch völkermordende, ethnozentrische und totalitäre Regime. Im Jahr 1948 schlugen die frisch gegründeten Vereinten Nationen eine umfassende Vision für die Etablierung und den Schutz jedes Menschen auf dem Planeten Erde vor, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, eine maßgebliche rechtliche Vereinbarung, die alle Regierungen der Welt unterzeichnen sollten. Viele glaubten und glauben auch heute noch, dass die Menschenrechtserklärung die Forderung nach einer neuen globalen Geschichte der Menschheit einläutete.

Tatsächlich wurde die Vereinbarung in dieser Form niemals verabschiedet, sondern spaltete sich aufgrund von ideologischen Differenzen in zwei Versionen auf. Die eine, der Internationale Pakt über Bürgerliche und Politische Rechte, wurde von den westlichen Regierungen unterzeichnet, wohingegen die andere – der Internationale Pakt über Wirtschaftliche, Soziale und Kulturelle Rechte – von der Sowjetunion, anderen sozialistischen Staaten und den Regierungen des globalen Südens unterzeichnet wurde. Diese Differenzen verhinderten, dass die meisten Regierungen die Visionen, die in beiden Vereinbarungen enthalten waren, erfüllten.1

Trotz dieses bedauernswerten Bruchs erlebten die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts – mit ihren Gesetzgebungen, internationalen Abkommen und einem neuen Grad von Konsens bezüglich der Rechte von Flüchtlingen, Minderheiten, Frauen und Kindern – einen tief greifenden Beitrag zu einer globalen Kultur des Friedens. Ebenso waren Bürger- und politische Rechte – die einen organisierten und offen ausgetragenen politischen Dissens ermöglichen –, Arbeitnehmerrechte, humanes Verhalten in Krisengebieten, Freiheit von Folter sowie Pressefreiheit Teil dieser Entwicklung internationalen Rechts. Dabei können wir einen evolutionären Trend zu immer mehr Inklusivität erkennen, der inzwischen auch Unterstützung im Bereich der sexuellen Orientierung, Gesundheit und Umweltschutz mit einschließt.

Wir sehen aber auch, dass Gesetze als Beschleuniger evolutionären Fortschritts und kultureller Transformation an ihre eigenen Grenzen stoßen. Bei den Nürnberger Prozessen etwa hatten wir es mit dem Problem einer selektiven Anwendung der Gesetzgebung zu tun – eine für die Siegermächte und eine andere für die Besiegten. (Gehören die Bombenangriffe der Alliierten auf Dresden, Hiroshima und Nagasaki nicht ebenfalls in die Kategorie »Kriegsverbrechen«?) Es lassen sich viele weitere Beispiele von Regierungen finden, die Menschenrechts- und Friedensabkommen selektiv anwenden, die sie zwar ratifiziert haben, zu deren Vollzug sie sich aber nicht vollständig verpflichten. Als Reaktion darauf machen Menschenrechtsbewegungen auf der ganzen Welt weiterhin mobil und drängen auf Rechenschaftspflicht und Transparenz bei entsprechenden Rechtsverletzungen.

»Restorative Justice« – eine auf Ausgleich bedachte Justiz

Das juristische Leitbild ist aber auch bedingt durch die Weltanschauung der sie begleitenden Bestrafung. Eine Rechtsverletzung erfordert, dass derjenige, der das Recht verletzt, seine gerechte Strafe erhält – im Falle von Regimen bedeutet das, dass sie sanktioniert werden. Die auf Strafen setzende Weltanschauung beinhaltet oft lange währenden Freiheitsentzug mit nur geringen Bemühungen, die Häftlinge zu resozialisieren, was wiederum zu einer hohen Rückfälligkeitsrate führt. Diese Weltsicht kümmert sich nicht um die zugrunde liegenden Narrative von Trauma und Verletzung, die sich oftmals in zyklischen Verhaltensmustern aus Gewalt und Vergeltung entladen, sodass sie nie durchbrochen werden und sich selbst erhalten. Doch glücklicherweise steht uns nicht nur diese strafende Weltsicht zur Verfügung.

Durch ein wirkmächtiges Zusammenkommen verschiedener Elemente konnten Weltanschauungen erschlossen werden, die eher transformierenden und heilenden Charakter haben. Eines dieser Elemente war der Wandel in der Psychologie – von der Ausrichtung auf Krankheitsbilder hin zu positiven Strategien, die Veränderung bewirken. Als die Positive Psychologie Ende des 20. Jahrhunderts weltweit an Boden gewann, begannen die Menschen sich auch für demokratische Veränderungen zu engagieren. Mitbestimmung wurde zu einem zentralen Thema, und die Volksbewegungen blühten auf. Es kam zum Fall der Berliner Mauer, die Apartheid fand ein Ende, und viele Diktaturen wurden überwunden, als das Prinzip der Positiven Psychologie – also jene Veränderung zu kreieren, die wir in unserem eigenen Leben sehen wollen – zugleich auf der politischen Bühne ausgedrückt wurde: und zwar in Form der Idee, dass wir nicht nur das Recht, sondern auch die Verantwortung haben, die Kultur zu schaffen, in der wir gerne leben möchten.

Der bürgerliche Aktivismus erlebte eine Blütezeit in Bezug auf die Stärkung der Bürgerrechte, des Kampfes gegen Rassismus, die Entlarvung genderbasierter Vorurteile, die Förderung des fairen Handels und die Etablierung des Umweltschutzes. Eine richtungsweisende Vision für den Aufruf, Verantwortung für eine tief greifende kulturelle Transformation zu übernehmen, fand für viele NGOs (Nichtregierungsorganisationen) in der Deklaration der Erd-Charta ihren Ausdruck, welche in den späten 1990er-Jahren in einer weltweiten offenen Diskussion erarbeitet wurde.

Während Menschen auch weiterhin eingesperrt oder gefoltert werden und ihr Leben für soziale Gerechtigkeit opfern, hat in den 50 Jahren von den Nürnberger Prozessen bis zur Truth and Reconciliation Commission (TRC) – der Wahrheits- und Versöhnungskommission Südafrikas aus dem Jahr 1995 – ein grundlegender Wandel stattgefunden. Das Bedeutendste an dieser Veränderung war, dass die Apartheid nicht nur für illegal erklärt wurde und jene bestraft wurden, die für die Aufrechterhaltung ihres systemischen Missbrauchs verantwortlich zeichneten, sondern dass darüber hinaus große Anstrengungen gemacht wurden, eine Justiz der Wiedergutmachung zu etablieren. Das Ziel der TRC war es, gleichermaßen Verantwortlichkeiten zu thematisieren und die Ursachen des tief gehenden Traumas der Nation zu untersuchen und so die Rahmenbedingungen zu schaffen, um deren Wunden zu heilen. Der auf Ausgleich bedachte Ansatz der TRC bei der Rechtsprechung in Post-Konflikt-Umgebungen ging über eine vergeltende bzw. rein bestrafende Justiz hinaus. Sie setzte außerdem Maßstäbe, indem sie die Wahrheit anerkannte – nicht nur so, wie sie sich in den faktischen Schilderungen widerspiegelte, sondern auch in den traumatischen Erfahrungen der Menschen. Während der Verfahren der TRC waren Tränen stets willkommen, und subjektive Erfahrungen standen bei dieser auf Versöhnung bedachten Methode an allererster Stelle.

Obwohl die auf Ausgleich bedachte Restorative Justice auf der globalen politischen Bühne Interesse und ernsthafte Aufmerksamkeit gewonnen hat, handelt es sich keineswegs um einen neuen Ansatz. Restorative Justice, die auf der Interaktion zwischen Opfer und Täter und Verantwortlichkeit aufbaut, ist in einer Vielzahl indigener Praktiken tief verwurzelt. Wir können sie beispielsweise in der beduinischen und polynesischen Kultur, bei den Ureinwohnern Nordamerikas sowie in einigen afrikanischen Gesellschaften finden. Ich hatte das persönliche Privileg, dass ich die Erlaubnis erhielt, dem Prozess eines Gacaca-Gerichts in Ruanda beizuwohnen, das sich mit den Folgen des dortigen Völkermords auseinandersetzte. Ich war sehr beeindruckt vom Ausmaß der aktiven und tatkräftigen Beteiligung so vieler Dorfbewohner, die mit dem Fall in Verbindung standen, und ihrem inspirierenden Engagement, die ganze Wahrheit ans Tageslicht zu bringen und – sofern ehrliche Reue zum Ausdruck gebracht wurde – auch zu vergeben.

Vergebung und ihre Rolle in der persönlichen sowie der Heilung der Gesellschaft hat in den vergangenen Jahren wachsendes Interesse erfahren. Vergebung befreit das Opfer aus seinem Trauma seelischer Verletzung und der Falle des An-der-Verletzung-festhalten-Wollens. Ohne Vergebung bleiben die Opfer häufig mit unbewältigtem Groll oder sogar dem Gefühl des Hasses zurück. Vergebung muss nicht bedingungslos sein. Der Prozess der Restorative Justice betont die Vorteile von Wiedergutmachung und Sühne, die im Täter das Gefühl echter Reue verstärken. Vergebung bietet dem Täter einen Weg der Wiedergutmachung und dem Opfer einen Weg zur Heilung. Vergebungsarbeit ist ein Beitrag zur Karte des Friedens – der Verbindung zwischen innerer Heilung und der äußeren Wiederherstellung von Beziehungen auf der Ebene des Einzelnen sowie der Gemeinschaft. Dieses Konzept ganzheitlicher Kartografie des Innen und Außen ist ein entscheidender Antrieb entstehender Friedensmodelle.

Frieden praktizieren

Der beschleunigende Beitrag zweier vormals voneinander getrennter Bereiche – Neurowissenschaft und Achtsamkeitspraktiken (Mindfulness) – hat den ganzheitlichen Ansatz zur Herausbildung einer globalen Kultur des Friedens noch verstärkt. Die Neurowissenschaft hat mittels Konzepten wie beispielsweise der Neuroplastizität zeigen können, dass wir darauf angelegt sind, uns anzupassen und zu stets neuen Einsichten zu gelangen. Selbst seit Langem eingefahrene Nervenbahnen, die für die Übermittlung von Reaktivität und Vorurteilen verantwortlich sind, können »neu verdrahtet« werden, um offener zu werden im Hinblick auf Empathie, Verbundenheit und Verpflichtung gegenüber anderen. Das schafft neue Möglichkeiten, die uns helfen, neue Sinngehalte zu integrieren, indem es die Auslöser von Kampf-Flucht-Erstarrungs-Reaktionen abschwächt und uns erlaubt, mit anderen Menschen tiefere Beziehungen einzugehen.

Forschungen zu Meditation und Mindfulness deuten darauf hin, dass eine regelmäßige Meditationspraxis, einschließlich der Metta-bzw. »Liebende-Güte-Meditation«, entscheidend zur Verminderung von Angst, Stress und emotionaler Reaktivität beiträgt. Zusätzlich helfen eine Reihe von Atem- und herzzentrierten Techniken, eine gewaltfreie Kommunikation, friedvolle Herzresonanz und mitfühlendes Zuhören zu unterstützen.

Neue, bewusstere und gewaltfreie Kommunikationsansätze, die noch stärker auf Diplomatie und Konfliktlösung setzen, treiben die Entwicklung einer Kultur des Friedens ebenfalls voran. Eine wirksame herzzentrierte Kommunikation erzeugt eine Umgebung, in der Menschen intensiv zuhören und sich gesehen und gehört fühlen, während sie ihre Version der Wahrheit zum Ausdruck bringen. Ein Dialog dieser Art kann ausgesprochen heilsam sein, wenn er es uns ermöglicht, ein starkes Gefühl von Einheit in der Verschiedenheit zu erfahren. Solche Kompetenzen werden besonders kulturübergreifend benötigt – in unserem Zuhause, in der Schule, am Arbeitsplatz, in unseren Gemeinden und im politischen Diskurs –, da sie Felder erzeugen, in welchen die Menschen sich ungeachtet ihrer Unterschiedlichkeit genährt, ja sogar geliebt fühlen.

Eine solche Kommunikation, bei der das Herz im Mittelpunkt steht, führt uns an die Pforte zum spirituellen Wachstum, wo wir das Terrain des inneren Friedens erkunden können. Während wir uns in der äußeren Welt entwickeln, erklimmen wir gleichzeitig einen inneren Pfad zu bedingungslosem und dauerhaftem Frieden. Meditation und Mindfulness sind eine Facette, inneren Frieden zu generieren, doch während wir auf unserem Pfad vorangehen, entwickelt sich zudem ein selbstreflexives Bewusstsein, das uns hilft, unsere Schwachpunkte und Konditionierungen ans Tageslicht zu bringen. Diese spirituelle Arbeit hat eine transformierende Wirkung darauf, wie wir Friedensarbeit sehen und leben. Inzwischen erkennen immer mehr Menschen, vor allem Aktivisten, wie unser Ego, unsere persönlichen Interessen und die Projektion unserer ungelösten Probleme Polaritäten am Leben erhalten und ein Gefühl von Überlegenheit und Selbstgerechtigkeit erzeugen. Wir erkennen, dass wir selbst die Veränderung sein müssen, die wir für die Welt anstreben. Uns wird klar, dass wir unsere eigene unerlöste Feindseligkeit, unsere Wut und Frustration nicht länger im Namen des Friedens kanalisieren können. Wir wissen, dass gegen etwas zu sein nicht das Gleiche ist wie die Kultivierung einer Offenheit für Zusammenarbeit.

In den letzten zehn Jahren begann diese ganzheitliche Form des Aktivismus, wie sie die großen Friedensstifter Mahatma Gandhi und Martin Luther King jr. verkörperten, als heiliger Aktivismus, mystischer Aktivismus, bewusster Aktivismus, evolutionärer Aktivismus und visionärer Aktivismus Bekanntheit zu erlangen. Dieser Typ des Aktivismus ruft zu einer Kultivierung von Weisheit auf und zur Leidenschaft, sich auf die ganze Person und die ganze Wahrheit einzulassen. Er orientiert sich stark am Dialog und ist von der Integration moderner Wissenschaft und Spiritualität geprägt. Zudem drückt er ein tiefes ökologisches und umweltpolitisches Bewusstsein aus, das durch neue Formen bewusster Organisation mobilisiert wird. Seine Vision ist die Geburt einer neuen Menschheit.

Unsere Vision einer Kultur des Friedens beinhaltet folgende Eckpunkte:

»Schulklassen, in denen Lehrer*innen wissen, wie sie ein Feld der Herzkohärenz erzeugen können, sodass sich emotionale Intelligenz entfalten kann und optimales Lernen unterstützt wird

»ganzheitlich orientierte Bildungssysteme, die sich verpflichten, gewaltfreie Kommunikation zu lehren und zu praktizieren

»Gemeinschaften, in denen Restorative Justice – eine auf Ausgleich bedachte Justiz – an Bedeutung gewinnt

»mehr Regierungen, die eine politische Linie entwickeln, welche multikulturelle Werte würdigt und anerkennt, dass sowohl Ökologie als auch Ökonomie so gestaltet werden können, dass sie die Verbundenheit und wechselseitige Abhängigkeit allen Lebens erhalten

»spirituelle Bewegungen, die Menschen jenseits von Dogmen und miteinander konkurrierenden religiösen Ansprüchen zu einer Bejahung universeller Einheit und unbegrenzter Vielfalt führen

»Gesellschaften, die die zahlreichen Traumata der Vergangenheit heilen und der Weitergabe von Verletzungen von einer Generation an die nächste ein Ende setzen

»eine neue Generation achtsamer, mitfühlender und ethisch hoch entwickelter Führungspersönlichkeiten in Politik und Gesellschaft, die ganzheitliche Visionäre sind

»das Erwachen einer kollektiven Verantwortung, die massiven destruktiven Materialismus in einen Dienst am Planeten transformiert, der die Erde als Ganzes in den Blick nimmt

»die Entstehung einer Kosmologie des Bewusstseins, die sich zu einem nachhaltigen und dauerhaften Frieden entwickelt und gedeiht.

Und? Welcher ist Ihr persönlicher Beitrag zur Erschaffung dieser evolutionären Kultur des Friedens?

AUF DEN PUNKT GEBRACHT

Um das Narrativ der Ganzheitlichkeit und des Friedens in die Tat umzusetzen, sind wir gefordert, Brücken zu bauen, wo es noch keine gibt, und die bereits vorhandenen zu festigen. James O’Dea stellt fest, dass wir uns unserer Verbundenheit und wechselseitigen Abhängigkeit in zunehmendem Maße bewusst werden und – wenn wir entsprechend handeln – der Frieden die Krönung dieses langen und konvulsiven Evolutionsprozesses sein wird. Unsere inneren und äußeren Transformationen – einschließlich vieler sozialer, wissenschaftlicher und spiritueller Fortschritte wie die globalen Bemühungen um eine ausgleichende Justiz (Restorative Justice), persönliche und gesellschaftliche Heilung durch Mitgefühl, Verantwortung und Vergebung, eine herzzentrierte Kommunikation sowie Meditation und Mindfulness – sind alle zusammen Teil jenes Pfades, an dessen Ende wir in dem Verständnis leben, dass wir selbst die Veränderung sein müssen, die wir in der Welt anstreben.

Aktiv werden: Das können Sie tun …

Nehmen Sie sich jeden Morgen fünf Minuten Zeit, um über den evolutionären Prozess zu meditieren, der die Menschheit in Richtung einer Kultur des Friedens führt. Unternehmen Sie im Laufe des Tages einmal die bewusste Anstrengung, Ihren eigenen inneren Frieden nach außen zu tragen, indem Sie jedem Menschen, der Ihnen begegnet, Liebenswürdigkeit entgegenbringen.

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Spiritualität im 21. Jahrhundert: Eine leise Revolution

von Deborah Moldow

Wir leben in außergewöhnlichen Zeiten. Nahezu im gleichen Moment, in dem uns bewusst wurde, dass wir jederzeit genügend zu essen haben, in relativem Frieden leben und innerhalb von Minuten kinderleicht mit der ganzen Welt kommunizieren können, sind wir aufgewacht hinsichtlich der großen Zerstörung, welche die Industrialisierung ebenjener Erde zugefügt hat, die uns am Leben erhält. Bislang tendieren wir dazu, uns dieser existenziellen Krise ausschließlich aus der engstirnigen Perspektive unserer jeweiligen Länder und Kulturen zu nähern statt aus Sicht der globalen Familie, die wir in Wahrheit sind. Und doch liefern uns die Turbulenzen und chaotischen Zustände dieser Krise den Nährboden, in den wir den Traum von einer neuen menschlichen Zivilisation pflanzen können, welcher in einer weltweiten Kultur des Friedens erblüht. Und das Licht, das hilft, diesen Samen zur Reife zu bringen, steckt in jedem Einzelnen von uns.

Es zeichnet sich etwas Neues ab: ein neues Bewusstsein für unsere große Hoffnung, dass unser Planet – Mutter Erde – ihre Einladung an uns erneuert, die einzige Heimat zu bewohnen, die wir kennen. Auf dieser Bewusstseinsebene sehen wir uns – zum ersten Mal in der Geschichte – als Mitglieder einer einzigen planetaren Familie, die sich ein gemeinsames Zuhause teilt. Gleichzeitig haben Jahrzehnte interreligiösen Engagements unser Verständnis dafür wachsen lassen, dass alle Religionen auf eine Wahrheit hindeuten, die jenseits unseres Begriffsvermögens liegt. Sie alle bringen in Form von verschiedenen Sprachen, Kulturen und Epochen zum Ausdruck, wie wichtig es für uns ist, liebenswürdig zueinander zu sein und unseren natürlichen Instinkt, für unser eigenes Wohl zu sorgen, zugunsten des Gemeinwohls zu zähmen.

Diese Erkenntnis schafft zurzeit ein Gefühl von Gemeinschaft, das auf gemeinsamen Werten beruht, die über unsere unterschiedlichen Herkünfte und Glaubensrichtungen hinausgehen. Die führenden Persönlichkeiten dieser Entwicklung wirken in einer bislang noch unerkannten Bewegung mit, die dem Leben der Menschen in zunehmendem Maße Bedeutung verleiht und eine wachsende Wertschätzung der Heiligkeit jedes Menschen und jedes Aspekts der Welt um uns herum fördert.

Diese tief gehende spirituelle Entwicklung besitzt die Kraft, uns endlich als eine große Menschheitsfamilie zu vereinen. Die Gründung der Vereinten Nationen war ein bedeutender Versuch, Frieden zwischen den Nationalstaaten herzustellen, aber mit all den – oftmals miteinander in Konflikt stehenden – Interessen war es in der Praxis nur selten möglich, im gemeinsamen Interesse aller Akteure zu handeln. Wenn wir uns dagegen auf der Ebene des Herzens verbinden und unsere Interessen als Angehörige von Stämmen, Nationen und Religionen zugunsten des Wohls der Allgemeinheit zurückstellen, werden wir in der Lage sein, selbst die größten Herausforderungen, denen wir uns heute gegenübersehen und die unsere Zukunft bedrohen, zu meistern.

Diese leise Revolution ist eine offene Einladung an alle Menschen, ihre individuellen Begabungen zu entfalten und ihre Bestimmung in freudigem Dienst für etwas zu verwirklichen, das größer ist als wir alle. Wir sind aufgerufen, in die nächste Ebene unserer kollektiven Entwicklung einzutreten und gemeinsam eine Zukunft zu kreieren, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegt, wobei der Frieden auf Erden lediglich der Anfang ist.

Es gibt drei primäre Faktoren, die diese entstehende globale Kultur vorantreiben:

Globalisierung

Dieser große Begriff umfasst viele Bereiche der Technologie, des Reisens und der Kommunikation. Doch spätestens seit dem Tag, als die ersten Kameras in die bis dahin unberührten Gefilde indigener Urvölker vordrangen, war klar, dass wir irgendwann den Punkt erreichen würden, wo der gesamte Globus genauestens kartiert und alle seine Bewohner bekannt wären. Dieser Prozess hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts mit dem Aufkommen von Düsenflugzeugen, dem Fernsehen, den Vereinten Nationen und zuletzt dem Internet noch beschleunigt. Zur selben Zeit hat die technologische Entwicklung in der Landwirtschaft und dem Handel überall zu einer Vereinheitlichung der Produktion geführt, die die reichhaltige Biodiversität unserer Ökosysteme ernsthaft in Gefahr gebracht hat, und eine Kultur der stetigen Verfügbarkeit geschaffen, die unseren Heimatplaneten mit unnötigem Abfall zumüllt, anstatt dem Lebenszyklus zu folgen, den die Natur vorsieht.

Obwohl große Veränderungen erforderlich sind, um das riesige Ausmaß an Umweltverschmutzung zu beseitigen und gesündere Formen für ein harmonisches Zusammenleben mit der Erde zu finden, werden unsere Gemeinsamkeiten auf der ganzen Welt in Zeiten von Naturkatastrophen und politischen Unruhen durch das Mitgefühl gestärkt, das uns, ungeachtet des jüngsten Anstiegs nationalistischer Gegenbewegungen, miteinander vereint. Unser Gefühl, dass wir ein und denselben Planeten miteinander teilen, lässt sich einfach nicht wegdiskutieren.

Klimakrise

Die Krisen, die durch schmelzende Gletscher und steigende Ozeane ausgelöst wurden, werden bereits auf der ganzen Welt als extreme Wetterphänomene erlebt und wahrgenommen. Unsere Küstenlandschaften verändern sich angesichts immer heftigerer Hurrikans, Taifune, Wirbelstürme, Brände und Überschwemmungen. Und obwohl Regierungen immer wieder daran gescheitert sind, sich auf Maßnahmen zu einigen, die effizient genug wären, die Folgen abzumildern, ist klar, dass keine Nation allein sich dem, was da auf uns zukommt, erfolgreich stellen kann.

Diejenigen von uns, die das Glück haben, in den reichsten Ländern der Erde geboren zu sein, sind aufgefordert, sich die Kosten unseres Privilegs anzuschauen und ihre Beziehung zu dem wunderbaren Planeten, der uns das Leben schenkt, auf den Prüfstand zu stellen.

Spiritualität

Vor hundert Jahren praktizierte der Großteil der Menschen die Religion, in die er hineingeboren worden war – und viele tun dies auch heute noch, vor allem in den weniger entwickelten Regionen der Welt. Doch heutzutage, da gebildete Bevölkerungsschichten überall Zugang zu allen möglichen Arten religiöser und indigener Traditionen haben, wächst immer mehr die Anerkennung des Werts sämtlicher spiritueller Lehren und der Tatsache, dass alle Glaubenssysteme zu universellen Werten wie Mitgefühl, Großzügigkeit und Liebenswürdigkeit führen.

Der Säkularismus, der sich in der westlichen Welt entwickelte, als diese den eindrucksvollen Vormarsch der Wissenschaft seit der Renaissance erlebte, hat sich als unzureichend erwiesen, um eine Antwort auf das tiefe menschliche Bedürfnis nach Sinn angesichts der unermesslichen Weite des Universums oder dem Leiden des Einzelnen zu geben. Eine neue Art von Spiritualität, die nicht an bestimmte Dogmen gebunden ist, bahnt sich ihren Weg in unseren Alltag. Menschen in westlichen Ländern suchen Heilung und Stärkung in Praktiken mit östlichen spirituellen Wurzeln wie Yoga und Tai-Chi. Sie versuchen mithilfe von Meditation ihren Stress abzubauen, und Transzendentale Meditation wird inzwischen sogar in Schulen gelehrt. Menschen aller möglichen Glaubensrichtungen und solche, die keinem bestimmten Glauben anhängen, sprechen einen Segen über ihre Nahrung aus, nehmen an traditionellen Zeremonien der Angehörigen nordamerikanischer First Nations teil oder verweilen in einer gemeinsamen Schweigeminute für den Weltfrieden.

Diese Entwicklung baut auf der interreligiösen Bewegung des späten 20. Jahrhunderts auf, die den Dialog zwischen den Oberhäuptern unterschiedlicher Religionen deutlich gestärkt und die Tür zu einem größeren gegenseitigen Verständnis geöffnet hat. Interreligiöse Gottesdienste – vormals ein seltenes Ereignis – sind inzwischen als gemeinsame Reaktion auf Hassverbrechen oder Naturkatastrophen weit verbreitet.

In einer Zeit der enormen Selbstermächtigung hungern wir nach Gemeinschaft, die nicht allein durch das Hinzufügen neuer Kontakte auf Facebook gestillt werden kann. Wir sehnen uns nach einer tieferen Verbindung mit der Natur, da viele von uns zu dem Wissen wiedererwachen, welches die indigenen Völker überall auf der Erde seit Langem besitzen: dass wir selbst – als einzigartiger Ausdruck eines Lebensnetzwerkes – ein Teil der natürlichen Welt sind, zu der wir den Kontakt verloren haben, während wir damit beschäftigt waren, uns sicher und bequem einzurichten.

In der Vergangenheit verspürten gläubige Menschen überwiegend den Wunsch, innerhalb ihrer eigenen Gemeinden gute Werke zu vollbringen. Heute möchten spirituell Suchende der ganzen Menschheit dienen. Dies mag ein wenig einschüchternd klingen, doch es ist der Weg der Zukunft, und er gewinnt an Dynamik, je mehr auf dem Spiel steht. Der Wille, Gutes zu tun – der Kern aller Religionen und spirituellen Traditionen –, durchbricht die Grenzen des reinen Stammesdenkens der Vergangenheit hin zu einem planetaren Impuls des Dienens, der das Gefühl von Bedeutung und Bestimmung im Leben der Menschen verstärkt.

Diese spirituelle Revolution, in Verbindung mit und verstärkt durch die massiven Zuwanderungswellen aufgrund von Globalisierung und Klimakrise, führt zu einer Auflösung der einst starren Grenzen zwischen Nationalitäten, Sprachen, Kulturen und Traditionen – ja, selbst der Trennung der Rassen, jener großen Herausforderung für das Einssein der Menschheit. Obwohl wir aktuell eine ernst zu nehmende Gegenreaktion angesichts dieser ansteigenden Welle in Form von extremem Nationalismus erleben und kein Ende des derzeitigen Militarismus in Sicht ist, geht der sanfte, doch gleichzeitig kraftvolle Bewusstseinswandel tatsächlich recht schnell vonstatten. Die Frage ist: Wird dieses neue Bewusstsein rechtzeitig einen Kipp-Punkt erreichen, der es der Menschheit ermöglicht, zum Wohle kommender Generationen zu gedeihen?

Wir haben es in der Hand.

AUF DEN PUNKT GEBRACHT

Der Prozess des Praktizierens inneren Friedens bei gleichzeitigem Streben nach spirituellem Wachstum, so zeigt Deborah Moldow, führt uns in Richtung eines neuen Bewusstseins, welches uns ermöglicht, uns selbst – zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit – als Angehörige einer einzigen planetarischen Familie zu sehen, die sich ein gemeinsames Zuhause teilt. Dies wiederum führt uns – nach Jahrzehnten interreligiöser Arbeit – zu dem Verständnis, dass alle Religionen auf universelle Wahrheiten hindeuten. Dadurch können wir ein Gefühl der Gemeinschaft entwickeln, das auf gemeinsamen Werten basiert, und vormalige Barrieren und Trennungen, die der Einheit im Wege standen, dahinschmelzen lässt.

Aktiv werden: Das können Sie tun …

Alle Weisheitstraditionen teilen universelle Werte, wenn auch in Form unterschiedlicher Anschauungen. Nehmen Sie sich die Zeit, sich über eine religiöse oder spirituelle Weltsicht zu informieren, die sich von Ihrer momentanen unterscheidet. Machen Sie es zu Ihrer Berufung, das Licht des Göttlichen in jedem Menschen zu sehen.

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Eine evolutionäre Vision der Zukunft mit »harter« Wissenschaft in Einklang bringen

von David Sloan Wilson und Kurt Johnson

Im Frühjahr 2019 lud das Mind and Life Institute einen der beiden Autoren dieses Kapitels – David Sloan Wilson – zu einem persönlichen Gespräch mit Seiner Heiligkeit, dem Dalai-Lama, in dessen Residenz nach Dharamsala/Indien ein.1 Davids Forschungsarbeiten haben zu einem maßgeblichen Wandel in der Evolutionsbiologie beigetragen, in der durch eine Verfeinerung des wissenschaftlichen Verständnisses der natürlichen Selektion (namentlich Gruppen- und Multilevel-Selektion) der Ort und die Rolle von Kooperation und Altruismus innerhalb der Evolution inzwischen klar nachvollzogen werden kann.2

David durfte einen Gastredner mitbringen und lud umgehend den zweiten Autor dieses Beitrags – Kurt Johnson – ein, der David wiederum mit den Evolutionary Leaders bekannt gemacht hat. Wir haben beide im Fachbereich Evolutionsbiologie promoviert und sind ausgebildete Wissenschaftler der sogenannten harten bzw. exakten Wissenschaften. Zudem teilen wir ein großes Interesse für die bewusste Evolution, die von vielen unserer Kolleg*innen aus der Evolutionsbiologie als wissenschaftliches »Randgebiet« betrachtet wird.3

David erzählte Seiner Heiligkeit, als er in den 1970er-Jahren in das Fachgebiet der Evolutionsbiologie eintrat, sei dieses gänzlich auf die Erforschung der genetischen Evolution beschränkt gewesen; die Erforschung kultureller und persönlicher Evolution habe man anderen Disziplinen überlassen. Alle Gene wurden als »egoistisch« abgestempelt, und die Herausbildung altruistischer Verhaltensweisen wurde als etwas zutiefst Unwahrscheinliches betrachtet. Evolution galt als etwas Zweckfreies, aus sich zufällig ereignenden Mutationen Entstehendes, und die Folgen der natürlichen Selektion waren darauf beschränkt, wie sich Organismen an ihre unmittelbare Umgebung anpassten.

Unterm Strich habe diese westliche Sichtweise der Evolution kaum etwas gemeinsam mit dem Buddhismus, der Glaubenstradition Seiner Heiligkeit, und dessen Aufgabe des Selbst mit dem Ziel, alles Leiden zu überwinden! Doch, so fuhr David fort, man habe die sogenannte harte Evolutionswissenschaft erweitert, um zusätzlich zu genetischen auch epigenetische, persönliche und kulturelle Veränderungen zu erfassen. Außer den egoistischen könne die Wissenschaft nun auch die Herausbildung altruistischer Verhaltensweisen erklären. Und es sei längst kein Irrglaube mehr, wenn man behauptet, dass Evolution über eine gerichtete Komponente verfügt – insbesondere im Fall der kulturellen Evolution des Menschen. Diese Entwicklungen im evolutionären Denken seien transformierend für unsere Forschungen im Hinblick auf einen gemeinsamen Nenner mit der 2500 Jahre alten Tradition des Buddhismus ebenso wie mit allen anderen religiösen und spirituellen Traditionen der Welt.

Davids Botschaft an Seine Heiligkeit ist ebenfalls relevant für jene Gruppe von Menschen, die sich die Evolutionary Leaders nennen, deren Vision von der Evolution weit über die genetische hinausgeht und persönliche, kulturelle, ja sogar kosmische Evolution mit einschließt. Für sie besitzt Evolution eine bewusste Dimension und bewegt sich sogar in Richtung eines globalen Bewusstseins, das der französische Paläontologe und Jesuit, Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955), als Omegapunkt bezeichnete.4 Ihre Vorstellung von Ökologie tendiert zu einer holistischen Sichtweise und behandelt die ganze Erde als einen singulären Organismus, der es verdient, verehrt zu werden – in Gestalt der metaphorischen Göttin Gaia.

In mancherlei Hinsicht zieht die »harte« Evolutionswissenschaft mit den Vorstellungen der Evolutionary Leaders gleich. Und sie kann noch mehr: Die Evolution kann zu einem bewussten Prozess und die gesamte Erde zu etwas wie einem einzigen Organismus werden, aber die besonderen Bedingungen dafür werden sich nicht selbst organisieren. Bestimmte Voraussetzungen sind erforderlich, und diese müssen von der Gesellschaft geschaffen werden. Wenn dies geschieht, wird die kulturelle Evolution zu einem vollständig bewussten Prozess geworden sein. In der Zwischenzeit hier ein paar Ideen, wie die »harte« Evolutionswissenschaft die Vision der Evolutionary Leaders bestärken und zu dieser beitragen kann.

Jenseits der genetischen Evolution

Charles Darwin hatte keine Ahnung von Genen. Er definierte natürliche Selektion im Hinblick auf Variation, Selektion und Reproduktion/Vererbung – bzw. der Tendenz von Nachkommen, äußerliche Ähnlichkeit mit ihren Eltern aufzuweisen. Darwin war zudem der Überzeugung, dass seine Theorie nicht bloß die Natur, sondern die gesamte Menschheit in ihrer Variationsbreite erklären könne.

Mit dem Aufkommen der Genetik im frühen 20. Jahrhundert wurde das Studium der Evolution jedoch rasch auf die genetische Evolution begrenzt; als wäre die einzige Möglichkeit, warum Nachkommen ihren Eltern ähneln, dass sie Gene mit ihnen teilten. Disziplinen wie die Anthropologie, die Soziologie, die Geschichtswissenschaft und die Psychologie erforschten kulturelle und persönliche Veränderung größtenteils abgetrennt von der Evolutionslehre – und manchmal in gefühltem Widerspruch dazu. Außerdem entwickelten sich die wissenschaftlichen Disziplinen weitgehend isoliert voneinander, was zu einem »Archipel des Wissens« führte – zahlreiche Inseln des Denkens, die untereinander kaum kommunizierten.

In jüngerer Zeit kehren Evolutionsbiologen zu den Grundlagen zurück und definieren Evolution als jeglichen Prozess, der die drei Bestandteile Variation, Selektion und Reproduktion miteinander kombiniert. Zusätzlich zur genetischen Reproduktion beinhalten andere Reproduktionsmechanismen aber auch die Epigenetik (Veränderungen in der Genexpression statt in der Genhäufigkeit), Formen sozialen Lernens, die bei zahlreichen Arten gefunden wurden, sowie Formen speziell menschlichen symbolischen Denkens.5 Evolutionsprozesse spielen sich jedoch nicht nur von einer Generation zur nächsten Generation ab, sondern ereignen sich auch während der Lebenszeit eines einzelnen Organismus: Dazu gehörten etwa die individuelle erworbene Immunabwehr oder die durch B. F. Skinner populär gewordene Art des Lernens mittels »Versuch und Irrtum« (trial-and-error learning) oder die rasche Evolution symbolischer Bedeutungssysteme. Kurzum, eine Theorie, die sich auf dem Gebiet der Biologie bewährt hat, kann nun ausgeweitet werden, um all die rasanten Veränderungen, die sich sowohl in unserem äußeren Umfeld (kulturelle Evolution) als auch unserem Inneren abspielen (persönliche Evolution), zu erfassen.

Diese sogenannte Erweiterte Synthese der Evolutionstheorie 6ersetzt nicht aktuelles disziplinäres Wissen, sondern verspricht es zu integrieren, so wie sie alle Fachgebiete der Biologie im Laufe des 20. Jahrhunderts integriert hat.

Evolution ist gleichzeitig das Problem und die Lösung

Evolution macht nicht alles gut und schön. Sie resultiert häufig in Adaptationen, die bestimmte Lebewesen oder Gruppen auf Kosten anderer oder kurzfristiges auf Kosten von längerfristigem Wohlergehen begünstigen. Dies gilt für die menschliche kulturelle und persönliche Evolution in gleichem Maße wie für die genetische Evolution. Tatsächlich sind die meisten sozialen Pathologien (das, woran unsere Gesellschaften »kranken«) in Wirklichkeit »adaptiv« im evolutionären Sinne des Wortes. Selbsterhaltung ist eine gute Sache – solange sie nicht zu Selbstbereicherung führt. Verwandten zu helfen ist positiv – solange keine Vetternwirtschaft daraus wird. Freunde zu unterstützen ist fein – solange das Ganze nicht in Klüngelei ausartet. Und das Wirtschaftswachstum von Staaten ist ebenfalls gut – solange daraus kein globales Wettrennen entsteht, das eine nicht nachhaltige Ausbeutung von Ressourcen und damit eine zunehmende Erderwärmung zur Folge hat.

Andere Pathologien – auf individueller wie auf gesellschaftlicher Ebene – sind das »maladaptive« Ergebnis evolutionärer Fehlanpassungen.7 Zu einer evolutionären Fehlanpassung kommt es, wenn Adaptationen an frühere Umgebungen im aktuellen Umfeld fehlschlagen. So hat die genetische Evolution seit Äonen junge Meeresschildkröten daran angepasst, nach dem nächtlichen Schlüpfen am Strand rasch ihren Weg ins Meer zu finden. Das Signal, das ihnen die richtige Richtung weist und auf das sie sich im Laufe ihrer Evolution verlassen konnten, war das Licht, weil das Meer auf zuverlässige Weise mehr Licht reflektierte und damit heller erschien als das Festland – bis der Mensch mit seinen Strandbungalows und Straßenlaternen ankam. Da sie nach wie vor an die früheren Bedingungen angepasst sind, kriechen die Babyschildkröten heute tragischerweise Richtung Festland und damit ihrem sicheren Tod entgegen. Nur eine rasche nachträgliche genetische Evolution oder eine Intervention durch den Menschen kann ihr Aussterben noch verhindern.8

Fehlanpassungen sind eine unvermeidliche Folge der Evolution in sich verändernden Umgebungen, und zwar für alle evolutionären Prozesse – die kulturellen und persönlichen wie die genetischen. Wenn wir uns Adaptationen ansehen, die im evolutionären Sinne soziale Pathologien darstellen, gemeinsam mit den »maladaptiven« evolutionären Fehlanpassungen, dann wird recht schnell klar: Wir müssen etwas tun, um die evolutionären Prozesse an unsere normativen Zielvorgaben anzupassen. Ansonsten wird Evolution eher zum Problem als zur Lösung. Glücklicherweise macht die bewusste Evolution eine solche Anpassung möglich.

Bewusste Evolution

Die Vorstellung, dass Evolution zweckfrei sei, Mutationen sich zufällig ereignen und Organismen sich lediglich an ihre unmittelbare Umgebung anpassen, war die Hauptlehre der sogenannten Synthetischen Evolutionstheorie, die in den 1940er-Jahren entstand. Diese Behauptungen haben sich in vielerlei Hinsicht als zu einfach erwiesen, selbst in Bezug auf die genetische Evolution. Nehmen wir das Beispiel der künstlichen Selektion, mit deren Hilfe der Mensch bei seinen Kulturpflanzen und Zuchttieren bewusst bestimmte Merkmale auswählt: Dies ist eine Form von genetischer Evolution mit einer bewussten Komponente, die der Mensch beisteuert. Doch auch Tiere wählen untereinander beständig Merkmale aus, und das Thema der »Selbstdomestikation« ist in der Erforschung der menschlichen Evolution zu einem heißen Eisen geworden.9 Wenn man Organismen als bewusst bezeichnen kann und ihre Entscheidungen die genetische Evolution beeinflussen, dann erhält die genetische Evolution eine bewusste Komponente. Diese Art von gelenkter Evolution wurde schon im frühen 20. Jahrhundert vorgeschlagen, doch sie erfährt erst jetzt die Aufmerksamkeit, die sie verdient.10

Die kulturelle Evolution des Menschen besitzt eindeutig eine bewusste Komponente. Die überholten Lehrbegriffe und Dogmen können eine Erklärung dafür sein, warum es so lange gedauert hat, bis diese Erkenntnis in der Wissenschaft auftauchte, obgleich sie den spirituell orientierten Gemeinschaften dieser Welt immer offenkundig erschien. Allerdings ist es wichtig zu verstehen, dass die kulturelle Evolution des Menschen auch eine große ungerichtete Komponente besitzt, basierend auf den Kollisionen und unvorhergesehenen Folgen unserer Intentionen. In mancherlei Hinsicht besteht unser Leben aus vielen ungewollten gesellschaftlichen Experimenten – einige wenige überdauern, während viele wieder zerfallen. Das, was funktioniert, entwickelt sich größtenteils, ohne dass irgendjemand wüsste, wie oder weshalb dem so ist. Und wie gesagt: Was im Kleinen funktioniert – etwa ein landwirtschaftliches Verfahren oder eine neue Militärtechnik –, kann in einem größeren Rahmen zum Teil des Problems werden. In der Zukunft muss die kulturelle Evolution des Menschen noch bewusster und zielgerichteter in Bezug auf das globale Wohlergehen verlaufen, als dies je zuvor der Fall war.

Wir steuern auf den Omegapunkt zu

Die »harte« Evolutionsforschung unterstützt heute die Vision der Evolutionary Leaders