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Der Ostseeurlaub eines Paares geht nicht ohne erotische Verwicklungen. Wir sind doch nur typische Kleinbürger mit scheinbar fortschrittlichen Ansichten, die wir lauthals in die Welt posaunen, um allen zu zeigen: seht her, wie frei und progressiv wir sind. Die Kreise, in denen wir uns bewegen sind nichts anderes als die sumpfig modrige Brutstätte des Spießertums.
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Seitenzahl: 107
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Gerhard Schumacher
Paarungen
Novelle
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Marlene und Kaspar, ein Paar
Lisa und David, ein Paar
Impressum neobooks
1
Es ist die Zeit. Die Zeit der Magier, der Täuscher, des Verlangens und des Ekels. Die Zeit der Enttäuschten und der Einsamen. Die Zeit der Wiederkehr, des Erkennens und Vertuschens. Die Zeit der Gläubigen, der Spötter und Narren. Die Zeit der Revolution und des Stillstands. Die Zeit der Träumer. Sie kehrt aber und abermals wieder. Seit Jahrhunderten und länger, wiederholt sie sich beständig und immer. Niemand vermag ihr zu entfliehen. Niemand vermag sie abzustellen, verschwinden zu lassen. Niemand kann sie vergessen machen. Genauso wenig wie die Jahreszeiten oder das Alter. Es ist diese verdammte Zeit.
Die angenehme Lethargie war dem warmen Sommerwetter geschuldet und erreichte beinahe schon südländische Wesensart. Marlene schlug vor, einige Tage an die Ostsee zu fahren. Sie wollte in diesem Jahr noch einmal im Meer schwimmen. Kaspar stimmte zu. Die Entscheidung war eine spontane und fiel, wie man so sagt, aus dem Bauch heraus.
Schwieriger schon war es, kurzfristig ein geeignetes Quartier zu finden. Hotels und Gasthöfe erwiesen sich als durchweg belegt. Ferienwohnungen desgleichen. Letztendlich buchte Kaspar für eine Woche ein Haus in Strandnähe, viel zu groß für sie, fast schon luxuriös und dementsprechend kostspielig. Allerdings boten sich ihnen keine Alternativen. Es war der Preis, den die Spontaneität forderte. Last minute auf höchstem pekuniären Niveau. Selbst Marlene musste lächeln, als Kaspar den Gedanken wie nebenbei aussprach.
Am Morgen des Sonntags fuhren sie los.
Marlene döste mit geschlossenen Augen auf dem Beifahrersitz. Kaspar bewunderte sie für diese Fähigkeit. Er selbst konnte weder schlafen noch vor sich hin dämmern oder überhaupt die Augen schließen, wenn ein anderer als er selbst am Lenkrad saß. Da er dieses Verhalten auch in Bussen mit professionellen Fahrern nicht abzulegen in der Lage war, wurden längere Fahrten zu einer Qual für ihn, während Marlene frisch und ausgeruht aus dem Auto stieg. Kaspar führte seine Eigenart weniger auf fehlendes Vertrauen in die Befähigung des jeweiligen Chauffeurs zurück, denn auf die Unart der eigenen Fantasie, sich jede erdenkliche Unfallmöglichkeit in überaus blutigen Bildfolgen auszumalen. Sobald er die Augen schloss, hörte er bereits die Sirenen der Rettungsfahrzeuge. Das war natürlich nicht normal, aber für einen Besuch beim Psychiater maß Kaspar seiner Absonderlichkeit keine ausreichende Bedeutung zu. Ähnlich verhielt es sich mit seiner Höhenangst, die er nach und nach entwickelt hatte und die mit zunehmendem Alter geradezu groteske Formen annahm. Kaspar konnte ohne Schweißausbrüche weder über Talbrücken fahren (vom Laufen ganz zu schweigen), noch im Fernsehen von der Couch oder im Kino vom Sperrsitz aus in Abgründe, Schluchten oder tiefe Täler schauen. Seine größte Angst war es, von Bekannten zum Geburtstag eine Ballonfahrt geschenkt zu bekommen. Es war Schick derzeit, -in- und verströmte einen Hauch von dekadentem Snobismus. Gerade in den letzten Jahren hielten das viele Leute für eine ganz besondere Geschenkidee. Kaspar wäre eher gestorben, als sich auch nur in die Nähe eines Korbs zu begeben, der von einem gasgefüllten Ballon in unbestimmte Höhen gehoben werden konnte. Ihm zitterten alle Glieder, wenn er daran dachte, in einem offenen Geflecht den Elementen ausgeliefert zu sein und jederzeit im freien Fall auf die Erde rasen zu können, so er über die Reling fiel. Und über die Reling, das war für ihn völlig klar, würde er mit absoluter Sicherheit fallen.
Komischerweise machte ihm das Fliegen nichts aus. Ganz im Gegenteil schaute er beim Start des Flugzeugs gerne aus dem Fenster, sah, wie die Maschine vom Boden abhob, an Höhe gewann und die Landschaft darunter sich immer weiter entfernte. In dieser Röhre mit starren Flügeln rechts und links, wie sie kein Vogel hatte, (es war ihm nie so richtig verständlich geworden, wie sich ein derartiger Koloss in die Luft erheben und in aller Regel auch oben halten konnte) fühlte er sich erstaunlicherweise sicher. Er verdrängte die Lösung seiner beiden Probleme, die er anderen gegenüber gerne als Schrullen oder Macken verniedlichte.
Den grünen Kasten hatte Kaspar erst bemerkt, als orangefarbenes Blitzlicht ihn aus seinen allgemeinen Betrachtungen schreckte und daran erinnerte, dass er ein Auto fuhr. Und das offensichtlich zu schnell. Er lenkte den Wagen an den Straßenrand, hielt an und stellte den Motor ab. Marlene, aufgrund der fehlenden Motorgeräusche und dem Stillstand der Bewegung aus ihrem Halbschlaf aufgeschreckt, wollte wissen, was los ist, warum er anhielt und ob sie vielleicht schon vor Ort, will heißen, am Ziel, seien.
Nein, sagte Kaspar, sie seien noch nicht vor Ort, aber wenn einer am Ziel sei, wäre er selbst das. Ausschließlich er, und fügte die Worte Scheiße, gottverdammte Scheiße, an. Was ist los, fragte Marlene, du fluchst doch sonst nicht so.
Es sei wegen des orangefarbigen Lichts soeben, antwortete Kaspar ihr, er sei geblitzt worden und habe sein endgültiges Ziel damit erreicht. Die Endstation sozusagen. Marlene ließ das Fenster herab. Warme Luft strömte ins Wageninnere.
Du wirst doch nicht zum ersten Mal geblitzt, sagte sie, seit wann dies ein Grund zur Aufregung für ihn sei.
Doch, eben genau das sei der Grund, dass er nicht zum ersten Mal geblitzt wurde. Sein Punktekonto sei so voll, wie er sich seine Geldbörse immer gewünscht habe. Eine weitere Möglichkeit, geblitzt zu werden, wird es wohl vorerst nicht geben. Seiner Schätzung nach, fügte Kaspar hinzu.
Allmählich verstünde sie das Problem, meinte Marlene, er werde für eine gewisse Zeit seinen Führerschein los, was in der Konsequenz bedeutete, sie, Marlene, dürfe ihn, Kaspar, durch die Gegend kutschieren, wenn er dringend zu einem Termin müsste. Das aber, jetzt lächelte sie Kaspar an, könne er sich getrost aus dem Kopf schlagen, weil es ganz sicher nicht passieren würde. Schließlich gebe es einen öffentlichen Personenverkehr, sprich Busse und Bahnen, wenn sie ihn daran erinnern dürfe.
Busse und Bahnen, ja, nickte Kaspar, die gibt es wohl und ihn schauderte bei dem Gedanken an seine mobile Zukunft. Dann startete er, lenkte den Wagen wieder in den Verkehr der Landstraße und fuhr die letzte Strecke ihrem gemeinsamen Ziel entgegen.
Bei der Schlüsselübergabe in der Agentur erhielten sie eine kurze Wegbeschreibung, derer es nicht bedurfte, weil das angemietete Haus in dem überschaubaren Ort auch ohne diesen Hinweis leicht zu finden war.
Von der Hauptstraße bogen sie linker Hand in einen unbefestigten Weg ein, der an einer Reihe villenähnlicher Häuser entlang führte, hinter denen Marlene und Kaspar das Meer wussten. Das vorletzte Haus der Zeile war ihr Domizil für die Zeit des Urlaubs.
Während das Gebäude rechts von dem ihren einen unbewohnten Eindruck machte, schien das linke belegt zu sein. Marlene sah einen silbergrauen Wagen vor der Garage parken, konnte indes nicht erkennen, um welche Marke es sich handelte. Es interessierte sie auch nicht, denn sie hatte ein eher distanziertes Verhältnis zu Automobilen, insbesondere zu solchen der Oberklasse.
Bevor Kaspar noch Koffer und Taschen aus dem Wagen holen konnte, hatte Marlene bereits die Terrassentür geöffnet und sie traten beide ins Freie. Vor ihnen erstreckte sich ein Sandstreifen von einigen zehn Metern Tiefe, an den die Ostsee verhalten ihre Wellen spülte. Wind war nicht zu spüren. Ein Mann stand auf der Terrasse des Nachbarhauses. Er winkte freundlich zu ihnen hinüber.
Ein großartiger Ausblick, immer wieder, sagte er, ich werde seit fünfzehn Jahren nicht müde, das Meer zu sehen. Morgen für Morgen bin ich immer wieder begeistert. Im Winter ist es fast noch schöner als jetzt, weil die Stille das Gefühl der Einsamkeit verstärkt. Er machte eine Pause, ehe er weitersprach. Wenn ich nicht irre, sind Sie das Ehepaar Feldner, hab ich recht? Wieder eine Pause. Entschuldigen Sie bitte meine Unhöflichkeit. Es ist durchaus nicht meine Art, mir unbekannte Menschen anzusprechen. Darf ich mich vorstellen: ich heiße David Kronach, meine Frau Lisa und ich wohnen hier. Dauerhaft, nicht nur zur Urlaubszeit.
Kaspar hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen, doch Marlene kam ihm zuvor. Woher er, David Kronach, ihren Namen kenne, sie wüsste nicht, einander schon einmal begegnet zu sein. David Kronach lächelte sie, strahlend jetzt, an.
Das Geheimnis ist leicht aufzuklären. Meiner Frau und mir gehören einige Häuser im Ort, die wir an Urlaubsgäste vermieten. Das Ihre gehört auch dazu. Und im letzten Haus hier am Strand wohnen wir selbst das Jahr über. Sehen Sie, Frau Feldner, ich weiß gerne, an wen die Agentur meine Häuser vermietet. Der Verwalter hat mir Ihren Namen genannt. Wir legen nämlich großen Wert auf eine, wenn Sie so wollen, eher familiäre Atmosphäre, die über das gewöhnlich profane Verhältnis zwischen Vermieter und Mieter hinausgeht. Natürlich ohne jede Verpflichtung. In diesem Sinne, ein herzliches Willkommen.
Kaspar ging das ständige Lächeln auf die Nerven und der gönnerhafte Ton erst recht. Als wären sie schon im was-weiß-er-denn wievielten Jahr hintereinander hier in Kronachs Haus zu Gast. In seinem Haus betonte er in Gedanken. In seinem Eigentum. Was er, Kronach, sich schließlich auch mit einem Schweinegeld an Miete bezahlen ließ.
Kaspar fand seine Sprache wieder. Danke für Ihre nette Begrüßung. Sie haben recht, es ist sehr schön hier bei Ihnen. Schon der erste Blick war ausgesprochen überzeugend. Er stockte, war nicht bereit, sich durch vorgetäuschte Freundlichkeiten noch weiter zu korrumpieren.
David Kronach nickte, winkte nochmals mit der Hand, drehte sich langsam um und ging dann ins Haus. Kaspar schaute ihm nach, Marlene zog ihn am Ärmel von der Terrasse ins Zimmer zurück.
Was er denn da für einen Mist erzähle, sie benutzte das Wort Bullshit, schon der erste Blick war ausgesprochen überzeugend. Ob er sie noch alle hätte? Der Kronach müsse sie ja für komplette Idioten halten. Der Einstand war ein Volltreffer, aber ehrlich. Marlene war verstimmt. Sie konnte leicht sauer werden, wenn etwas gegen ihre Vorstellungen lief.
Na wenn schon, antwortete Kaspar, das ist doch alles nur unverfängliches Geplänkel, keiner erwartet etwas Verbindliches. Man will freundlich und höflich sein. Mehr nicht. Und das war ich. Jedenfalls so gut ich es Kronach gegenüber sein konnte. Außerdem habe ich nicht einmal gelogen, mich hat der erste Blick auf die Ostsee durchaus überzeugt. Dich etwa nicht?
Ich weiß nicht, sagte Marlene, es klang für mich wirklich ehrlich, wie der Kronach uns begrüßt hat. Im Gegensatz zu dem, was du erwidert hast. Und er war ..., sie stockte, suchte nach dem richtigen Wort, ja, er war durchaus charmant, fand ich, charmant und auf gewisse Weise auch anziehend. Was meinst du, wie alt er ist?
Es ärgerte Kaspar die Frage Marlenes. Ich denke mal so um Mitte vierzig, ein, zwei Jahre Luft nach oben oder unten, sagte er.
Angenommen, seine Frau ist in etwa gleichaltrig, dann wären die beiden ähnliche Jahrgänge wie wir, überlegte Marlene laut. Interessant.
Was ist daran interessant, Kaspar schüttelte den Kopf, es gibt auf dieser Erde Millionen Paare, die so alt sind wie wir. Das ist doch nun wirklich nichts besonders Ausgefallenes.
Schon wahr. Aber keines dieser Millionen Paare wohnt im Urlaub direkt neben uns. Und überdies müssen die Kronachs ausgesprochen gut situiert sein, wenn ihnen die sechs Villen in dieser Lage hier gehören. Das finde ich interessant.
Nenn' sie doch nicht 'die Kronachs', sagte Kaspar, wir kennen sie doch überhaupt nicht und der Urlaub dauert lediglich eine Woche. Inklusive An- und Abreise.
Wie soll ich sie denn sonst nennen, antwortete Marlene, ist dir Lisa und David lieber?
Kaspar ging wortlos zum Auto und holte ihre Sachen.
Am Nachmittag tranken Sie eine Flasche Sekt, die von der Agentur zusammen mit einem Obstkorb als Willkommensgruß auf den Tisch der Küche gestellt worden war. Das beigelegte Kärtchen begrüßte sie mit etwa den gleichen Worten, die auch David Kronach gebraucht hatte. Marlene vermutete deshalb, Sekt und Obst seien auch auf seine, Kronachs, Initiative hin für sie bereitgestellt worden. Besonders für sie. Marlene verweigerte sich der Vorstellung, es könnte sich um ein Arrangement handeln, das jedem Mieter standardmäßig zuteilwurde. Die Vermutung belästigte Kaspar, überdies war es ihm schwummrig im Kopf, Sekt am Nachmittag entsprach nicht seinem gewohnten Tagesablauf.
Abends gingen sie den Weg zurück in den Ort und schlenderten durch die Hauptstraße. Es reihten sich Hotels an Pensionen, Ferienwohnungen an Gästehäuser. Marlene glaubte kaum, dass auch nur ein einziger Einwohner des Ortes außerhalb der Tourismusbranche sein Auskommen fand. Von der Müllabfuhr einmal abgesehen. Aber die könnte ohne die Feriengäste auch stark eingeschränkt werden. Nach einiger Zeit hatten sie genug vom Anblick der wechselnden, und doch immer gleichen Herbergen und suchten sich ein, wie sie hofften, nettes Restaurant, auf dessen Terrasse sie Fisch aßen und Weißwein tranken.
Wo kann man besser frischen Fisch essen als an der Ostsee, schwärmte Marlene.
Am Mittelmeer, die ganze europäische Küste entlang von Italien über Frankreich und Spanien bis nach Portugal und gegenüber am afrikanischen Ufer auch, beantwortete Kaspar ihre Frage und beide lachten sie. Aber hier schmeckt der Fisch auch nicht so ganz schlecht, fügte er versöhnlich an. Jedenfalls den momentanen Möglichkeiten nach.
