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Die Beerdigung eines ihrer Mitstreiter führt fünf ehemalige '68er zusammen, die vierzig Jahre zuvor gemeinsam in einer Kommune lebten und die Welt revolutionär verändern wollten. Ein jeder von ihnen hat danach eine bürgerliche Karriere gemacht und fragt sich jetzt, am absehbaren Ende des Lebens, wie es kommen konnte, dass nicht sie das System veränderten, sondern Teil desselben wurden. Im Mittelpunkt der Diskussionen steht die Frage, ob der bewaffnete Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse in unserer Gesellschaft ein adäquates Mittel des Widerstands sein kann. Dokumente der Zeit und Aussagen führender Protagonisten ergänzen das szenische Geschehen des Roman.
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Seitenzahl: 429
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Gerhard Schumacher
Vermintes Gelände
oder vom Charme des Scheiterns
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Präludium
1 Monologisierende Zwiesprache
2 Auf die Füße gefallen
Erstes Kapitel: Freitag
3 Ansatz eins: Kolb
4 Freitag: Ankunft
5 Ansatz zwei: Lenz
6 Freitag: Vorspeise
7 Schnittstelle A: aus Hornungs Notizen 1969
8 Freitag: Hauptgang und Dessert
9 Schnittstelle B: Tagebuch Monika Bergmann,
10 Freitag: nach dem Essen
11 Ansatz drei: Strecker
12 Freitag: Gasthof "Zur Linde"
13 Schnittstelle C: Andrea Lenz, Versuch eines Essays 1977 (unveröffentlicht)
14 post scriptum: Andrea Lenz, gesonderter Zettel undatiert
Zweites Kapitel: Sonnabend
15 Schnittstelle D: Ralf Böhme, Briefentwurf aus dem Nachlass, 2011
16 Sonnabend: Frühstück
17 Schnittstelle E: Holger Meins Brief an Manfred Grashof, 31. Oktober 1974
18 Ansatz vier: Hornung
19 Sonnabend: vormittags
20 Schnittstelle F: Hanns-Martin Schleyer, Brief an Helmut Kohl vom 12. September 1977
21 Ansatz fünf: Bergmann
22 Sonnabend: nachmittags
23 Schnittstelle G: Ulrike Meinhof, Transkript eines Tonbands für die Journalistin Michèle Ray, 1970 (Michèle Ray, französische Journalistin)
24 Sonnabend: Abendessen
25 Ansatz sechs: Leuchtner
Drittes Kapitel: Sonntag
26 Schnittstelle H: Rudi Dutschke, Fernsehinterview 1967
27 Sonntag: Vormittag
28 Schnittstelle I: Das Projekt Bassa, Notizen von Ulrike Meinhof
29 Ansatz sieben: Als wir träumten, Randspuren, Andreas Hornung
30 Sonntag: Mittagessen
31 Schnittstelle J: Eine kleine radikale Minderheit. Wir sind die, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben
32 Samstag: 12. August 1967 Ein Happening auf dem Ku'damm
33 Ansatz acht: Es war einmal in Westberlin. Das ist unser Haus
34 Schnittstelle K: Gründungsaufruf des Republikanischen Clubs, Westberlin 1967
35 Sonntag: Aller Tage Abend
36 Schnittstelle L: Der lange Marsch durch die Institutionen, Rudi Dutschke 1967
37 Sonntag: Gasthof "Zur Linde", Abendessen
38 Schnittstelle M: schwarz/weiß – grau und/oder - gleich
39 Ansatz neun: Stairway to Heaven, Sieben Monate später
Impressum neobooks
Nichts ist schwieriger und nichts
erfordert mehr Charakter, als sich
im offenen Gegensatz zu seiner
Zeit zu befinden und laut zu sagen:
Nein!
Kurt Tucholsky
Was denkst du?
Ich denke an das, was war.
Und an das, was ist, denkst du nicht?
Es ist nichts, woran es zu denken lohnt.
Denk an die Gegenwart.
Es gibt keine Gegenwart, es gibt nur Vergangenheit.
Und Zukunft, es gibt doch Zukunft.
Zukunft ist unbestimmt, wir kennen sie nicht.
Politiker reden ständig von Zukunft.
Politiker reden nicht, sie schwätzen.
Sie kennen die Zukunft genauso wenig wie wir.
Aber die Vergangenheit, die müssen sie doch kennen.
Nur die Vergangenheit, die ihnen zu pass kommt.
Sie verklären vorgestanzte Schablonen.
Politik fälscht die Geschichte nach der jeweiligen Gesinnungslage.
Nicht die Politik fälscht. Das ist zu unpersönlich.
Es sind Personen, die Geschichte fälschen. Politiker.
Jeder Einzelne muss namhaft gemacht werden.
Sind sie grundsätzlich böse?
Sie sind grundsätzlich eitel.
Und arrogant.
Und überheblich.
Sie spreizen sich und schlagen Räder wie Pfauen es tun.
Eitelkeit, Arroganz und Überheblichkeit sind Geschwister der Dummheit.
Sie heulen mit den Wölfen und sprechen mit gespaltenen Zungen.
Wohl wahr.
Warum denkst du an das, was war?
Aus der Vergangenheit muss ich lernen.
Warum musst du lernen?
Um es besser zu machen.
In der Zukunft.
Zukunft ist unbestimmt, wir kennen sie nicht.
Aber wir können uns um sie sorgen.
Bemühen wir uns.
Es gibt keine absolute Wahrheit.
Die einzige Ausnahme, die diese Regel bestätigt, ist die Regel selbst: denn es ist absolut wahr, dass es keine absolute Wahrheit gibt.
Wer auch immer das Gegenteil behauptet, muss sich Scharlatan schimpfen lassen. Wird als Betrüger gebrandmarkt, der diejenigen, die ihm folgen, hinters Licht führt. Dorthin, wo es dunkel ist und die Anfangslüge unzählige weitere nach sich zieht, um die erste, die grundsätzliche, zu bestätigen.
Gleiches gilt für Heilsversprecher jeglicher Art. Es gibt das Heil ebenso wenig, wie es das Perpetuum Mobile, noch gar das ewige Leben gibt. Selbst in der Flucht sucht man das Heil vergebens, stattdessen finden sich nur Angst und Elend.
Erleuchtung ist eine Illusion.
Die Propheten, die Glück, Zufriedenheit, Reichtum und goldene Früchte vom Baum der Erkenntnis, selten im Diesseits, desto öfter aber im Jenseits predigen und versprechen, sind Bauernfänger und vom gleichen Schlag wie die Scharlatane. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie selbst an ihre Worte glauben, oder aber diese wider besseren Wissens verbreiten. Entscheidend ist nur das Lügengespinst, das sie um die Köpfe der Unwissenden zu weben versuchen.
Traut den Gauklern nicht, sie lassen nicht vom Täuschen, traut nicht ihren Worten, den gesprochenen ebenso wenig wie den gedruckten. Es sind Verderber und Verbrecher allesamt. Kreaturen ohne Gewissen, Politiker eben und deren willfährige Helfer in Uniformen und Richterroben.
Macht sie dingfest, setzt ihnen hohe, spitze Papierhüte auf die Köpfe und kettet sie an die Pranger auf den Marktplätzen, vor den Rathäusern, dort wo immer auch sich viele Menschen versammeln und bewerft sie mit verdorbenem Obst und fauligem Unrat.
Vertraut nicht auf die, die herrschen. Sie wollen uns die Gehirne verkleistern und reichen mit der Linken das Zuckerbrot während sie mit der Rechten die Peitsche schwingen. Schenkt ihren wohlfeilen Worten und vollmundigen Versprechungen keinen Glauben. Sie haben Kreide gefressen und sich den Schafspelz übergeworfen. Sie kennen weder ein Gewissen, noch haben sie Skrupel jedweder Art.
Denkt immer daran: bei allem geht es nur um eins: um das Kapital und seine Vermehrung.
Weder die Scharlatane, die Heilsversprecher noch die Gaukler, schon gar nicht die Herrschenden interessieren sich für die Menschen, sondern lediglich für den Profit, den sie aus ihnen herauspressen können.
Das Kapital aber geht über Leichen. Es braucht Kriege, um zu überleben. Das ist der einzige Grund, warum Soldaten in deutschen Uniformen in aller Herren Länder Leben vernichten wie in alten Zeiten.
Das ist der Grund, warum deutsche Waffen und Kriegstechnik Tod und Verderben in der Welt verbreiten.
Das ist der Grund, warum Deutschland weltweit zum drittgrößten Waffenexporteur aufgestiegen ist.
Das ist der Grund, warum dem Kapital das Elend der Menschen gleichgültig ist.
Das ist der Grund, warum der Regierung, jedwelcher Couleur, das Schicksal der Menschen gleichgültig ist.
Das ist der Grund, warum Kapitalismus und Regierung abgeschafft gehören und mit ihnen das System, aus dem sie gekrochen sind, das System, das ihnen ihre Mörderarbeit ermöglicht.
Schafft Reinheit in euren Köpfen und ordnet die Gedanken. Seht die tatsächlichen Gegebenheiten offenen Auges und empört euch gegen sie. Es ist nicht die Zeit der Furcht, sondern die Zeit des Kampfes.
Und glaubt nicht, unser Kampf sei hoffnungslos. Entscheidend ist unser Bemühen darum. Schritt für Schritt: so können wir obsiegen, wenn wir es denn wirklich wollen.
Eins aber ist sicher: es rettet uns kein höheres Wesen!
(Text eines Flugblatts, von der Balustrade des Theaters während der Aufführung von Berthold Brechts Mutter Courage ins Parkett geworfen. Die beiden Täter, eine junge Frau und ihr gleichaltriger Freund konnten vom Sicherheitsdienst festgenommen und der Polizei übergeben werden. Beide sitzen in Untersuchungshaft wegen Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und erwarten ihren Prozess, günstigstenfalls lediglich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.
Sogenannte christliche, sozialdemokratische, liberale und grüne Politiker fordern ein hartes Durchgreifen und noch härtere Strafen, die Staatsanwaltschaft kündigt selbiges an.
Die Berichterstattung in den Medien ist so einschlägig wie die Medien selbst es sind. Das Gericht erklärt sich in eben diesen Medien für unabhängig, keineswegs beeinflussbar oder gar befangen und avisiert einen fairen Prozess.
Die beiden Angeklagten werden mit Handfesseln in den Gerichtssaal geführt. Der Saal wird auf Veranlassung des Richters geräumt, nachdem bei der Verlesung der Anklage Pfiffe, Buhrufe und vereinzelte Parolen zu hören waren, die den Prozess ins-gesamt als Farce denunzierten.
Die Gerichtsverhandlung dauert an. Die Öffentlichkeit bleibt ausgeschlossen.)
Mein Name ist Lorenz Kolb. Von Beruf bin ich Arzt für Allgemeinmedizin, besser gesagt: ich war es in einem früheren Leben.
Ich bin jetzt sechsundsechzig Jahre alt, vor drei Jahren habe ich meine Hausarztpraxis an einen jüngeren Kollegen verkauft und mich in das anstrengende Leben eines Privatiers zurückgezogen, obwohl ich noch fünf Jahre Zeit zum Praktizieren gehabt hätte. Doch es hat sich so gefügt, die Alternative hätte weder mich noch meine Patienten weitergebracht.
Wie auch immer, seitdem habe ich noch weniger Zeit als vordem, mein Tag ist bestens ausgefüllt. Ich beschäftige mich vornehmlich mit kulturellen Dingen, schreibe viel, lese noch mehr und versäume kaum eine namhafte Ausstellung, die in der Stadt gezeigt wird. Darüber hinaus gibt es noch eine erfreulich hohe Anzahl guter Theater und Schauspielhäuser, deren Vorstellungen die Abende kurzweilig gestalten.
Seit sich meine Frau vor etwa zehn Jahren von mir getrennt hat (sie trug keine Schuld daran, dass wir es auf Dauer nicht miteinander ausgehalten haben, es lag wohl eher an mir und einer gewissen Eigenwilligkeit in der Betrachtungsweise bestimmter Dinge), lebe ich alleine in einer viel zu großen Wohnung, die mit Büchern und Bildern überfrachtet ist.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten habe ich das Dasein als Einzelner alleine zu schätzen gelernt und kann heute ohne Übertreibung von mir behaupten, zufrieden zu sein.
Nein, ich kokettiere nicht um Zustimmung, es verhält sich wirklich so. Zumal ich neben den üblichen altersbedingten Gebrechen bislang noch keine ernsthaften Krankheiten an meinem Körper feststellen wollte. Aber was ich heute noch nicht will, kann sich morgen ganz plötzlich anders darstellen. Außerdem lege ich, zugegeben, bei der Diagnose der eigenen Symptome nicht die gleiche Sorgfalt an den Tag, wie ich sie bei meinen früheren Patienten walten ließ. Bestimmte Dinge will ich eben nicht wissen und wache vielleicht erst auf, wenn es bereits zu spät ist. Eine der Eigenschaften übrigens, die meine Frau wenig schätzte und die ihr die Trennung von mir erleichterten. Aber das sind Geschehnisse, die hinter mir liegen und über kurz oder lang der Vergessenheit anheim fallen.
Der Brief lag am greinenden Donnerstag vor Ostern in meinem Postkasten. Es dauerte einen Moment bis die Erinnerung das Vergangene aus dem Gedächtnis gekramt hatte und ich den Absender zuzuordnen in der Lage war.
Zu sechst wohnten wir während der hitzigen Zeiten in einer geräumigen Altbauwohnung im Westberliner Stadtteil Neukölln und nannten uns Kommune. Das kam uns damals einigermaßen verwegen vor. Andreas Hornung, der auf dem Kuvert als Absender fungierte, war einer unserer Mitbewohner.
Der Brief enthielt ein nüchtern gehaltenes Schreiben, in dem auf die beiliegende Todesanzeige und den Termin für die Trauerfeier verwiesen wurde, an dem wir uns wiedersehen würden. Es waren diese knappen Worte charakteristisch für Hornungs Denkweise. Es kam ihm erst gar nicht in den Sinn, einer von uns könnte verhindert sein, weil er es als eine Selbstverständlichkeit ansah, was er als angemessen und richtig empfand.
Die Zeitungskopie zeigte schwarz umrandet den Tod von Ralf Böhme an, ebenfalls ein Bewohner unserer vormaligen Gemeinschaftswohnung und gab noch Ort und Zeitpunkt der Trauerfeier bekannt. In stillem Gedenken trauerte Magda Böhme, offensichtlich die Witwe des Verstorbenen. Ich kannte sie nicht, wusste nichts von einer Heirat. Wir hatten schon sehr lange keinen Kontakt mehr untereinander.
Neben dem verstorbenen Böhme, dem Briefschreiber Hornung und mir selbst lebten noch Andrea Lenz, Paul Strecker und Monika Bergmann in der Wohnung an der Hermannstraße. Ich weiß nicht mehr, ob es sieben oder acht Räume waren, die wir großzügig unter uns aufteilten. Lediglich ein sogenanntes Berliner Zimmer ist mir erinnerlich, weil ich, aus dem eigenen kommend, über den Flur dort hindurch musste, um auf die Toilette zu gelangen. Was nicht immer angenehm war, da ich nachts öfter irgendwelche Besucher störte, die davon ebenso peinlich berührt waren wie ich selbst und dennoch unverkrampfte Freizügigkeit vorschützen mussten, um nicht in die falsche, gehemmte Ecke des Spießertums gezwungen zu werden. Die Theorie spielte im Schwanz sicher eine größere Rolle, denn im Kopf.
Wir wollten damals den Muff dieser Republik, die wir nicht mochten, abschütteln, ihre Intoleranz und verstaubte Enge sprengen, ja, wir wollten eine neue Gesellschaft, gerechter und direkter als die Replik der Naziordnung.
Das System, das Ulrike Meinhof wenig später als eins der Schweine bezeichnete, musste weg, darüber waren wir uns im Klaren. Nur wussten wir lediglich verschwommen, welches neue an die Stelle des alten treten sollte.
Das Wort Sozialismus spukte in unseren Köpfen, rot war die Farbe der Zukunft, der dicke Chinese mit der Warze am Kinn schaute plakativ auf das Chaos in den Küchen und Arbeitszimmern.
Doch schnell stellte sich heraus, dass das große Wort unterschiedlich interpretiert werden, die Farbe Rot durchaus nuanciert daherkommen und statt des dicken Chinesen auch andere Götter auf die Berge schmutzigen Geschirrs im Abwaschbecken herabblicken konnten.
Letztendlich war das Plenum im Audimax jederzeit wichtiger als die dreckigen Teller im Spülstein. In diesem Punkt waren wir uns einig, aber auch darüber, dass der Küchenplan eingehalten werden musste. Ein schönes Beispiel gesellschaftlicher Widersprüche, das wir über Stunden diskutierten, während das Geschirr still vor sich hin zu schimmeln drohte.
Aber so waren eben die Zeiten, die uns heute im Blick zurück oft schwer verständlich scheinen. Der ursprünglich wahrscheinlich ironisch gemeinte Spruch, wer zweimal mit der- oder demselben pennt, gehöre schon zum Establishment, hatte durchaus einen ernsten Hintergrund. Was war noch revolutionär (wie auch immer ein jeder für sich diesen Begriff definierte), was war schon etabliert? Auch oder gerade, wenn die Frage uns, den in die Jahre gekommenen vermeintlichen Revolutionären von damals, heute ein müdes, eher verzeihendes Lächeln abringt. Der lange Marsch durch die Institutionen hat uns verschlissen. Endlich sind wir dort angekommen, wo wir nie hinwollten. Das heutige System, nicht weniger schweinisch (ich tue dem Tier Unrecht an), als das damalige, hat uns eingelullt und kokonartig umsponnen. Die Unterschiede zu früher sind marginal und eher dem Goldenen Kalb geschuldet, das wir technischen Fortschritt nennen, denn einer revolutionären Veränderung.
Verzweifelt schaut der Warzendicke nicht nur auf hiesige blitzblank gewienerte Designerküchen, (wenn er denn überhaupt noch zwischen den Gewürzregalen hängen darf), sondern ebenso auf chromglänzende Kochstellen in China. Irgendetwas scheint da aus dem Ruder gelaufen zu sein.
Was hat der Hornung mir für einen Brief, was für eine Anzeige des Todes geschickt, dass ich in zentnerschweres Gedankengut verfalle, Trümmer vertaner Gelegenheiten aus dem Schutt grabe, die ich seit Jahrzehnten erfolgreich verdrängt hatte? War es die Macht des Wortes oder die der Erinnerung, die mich zu derartigen Überlegungen zwang?
Das Krematorium ist ein unförmiges Getüm aus grauem Sichtbeton bar jeden Anflugs irgendeiner Farbe, außer der allseits grauen Grausamkeit, die sich in unnatürlich hohen Räumen gegen den Himmel streckt, die Augen beleidigt und den Geist verletzt. Diese Verbrennungsstätte ist bedrückend und utopisch unwirklich. Unwirtlich ist sie sowieso, man mag nicht länger verbleiben als unbedingt nötig. Kein Bau, der den Hinterbliebenen Trost zu spenden in der Lage wäre, keine Höhle für's Gemüt. Wie schräg muss diese Gesellschaft beschaffen sein, kommt es mir in den Sinn, vorbei am Leben, ein derartiges Monstrum planen und errichten zu lassen? Wie sie mit den Toten umgeht, so behandelt sie die Lebenden. Soylent Green (die überleben wollen. Amerikanischer Film, 1973, Regie: Richard Fleischer) schimmert durch Beton und Farblosigkeit aufdringlich aus dem Hintergrund, an alle die, die überleben wollen, mit besten Wünschen an die Zukunft. Es fröstelt mich.
Vom Parkplatz ging ich durch den alten Eingangsbogen den Kiesweg entlang, der geradewegs auf den Feuerquader zuführt. Etwa nach der Hälfte des Wegs erkannte ich die Gruppe meiner ehemaligen Mitbewohner, die rechts vom Eingang Aufstellung genommen hatten. Ich war, wie so oft, der Letzte; alte Gewohnheiten lassen sich eben nur schwer ablegen.
Unangemessen herzlich für Ort und Anlass fiel unsere Begrüßung aus, wir lachten, verhalten zwar, aber nicht verhalten genug, klopften uns gegenseitig auf die Schultern, schwatzten lauter als geboten, Monika schrillte kurz und heftig auf, auch eine alte Gewohnheit, die sie bis an das Ende ihrer Tage begleiten wird. Andere Trauergäste schauten zu uns hinüber, schwiegen, missbilligten, einige schüttelten die Köpfe oder zogen die Lefzen hoch, so kam es mir jedenfalls vor. Es war kein Verständnis der einen für die anderen, wie sollte es auch?
Wir verabredeten nach dem Totengedenken einen Umtrunk in einer nahen Kneipe.
Die Türen schoben sich beiseite und öffneten den Weg ins ebenfalls graue Innere. Dann standen wir in einem Saal mit hoher Decke, von dort ging es weiter in den Raum der Andacht, in dem die Trauerfeier stattfinden sollte.
Die wir nach fast vierzig Jahren wieder, wenn auch rudimentär, zueinander gefunden hatten, setzten uns in die letzte Reihe, ich an den Mittelgang, der die Bankreihen in einen rechten und einen linken Flügel teilte. An der Stirnseite des Raums der Sarg mit Blumen geschmückt, schräg davor eine Staffelei mit dem Portrait Böhmes. Ernst, annähernd würdevoll, als erahnte er schon beim Fotografen den Bestimmungszweck der Aufnahme, blickte er in die Kamera. Das war nicht der Ralf Böhme, den ich gekannt hatte. Den Mienen meiner ehemaligen Mitbewohner entnahm ich gleichartiges Fühlen.
Als alle saßen, beschallte Klaviermusik vom Band Raum und Insassen, dauerte an und verstummte endlich nach langen Minuten. Allerdings nur, um nach kurzer Pause erneut zu beginnen. Aber irgendwann nach einer gefühlten Ewigkeit kam auch das zweite Stück zu einem Ende. Was war das für eine Musik?
Hinter mir machte sich die Angestellte des Bestattungsinstituts geräuschvoll an der Tür zu schaffen, um verspäteten Trauergästen den Einlass zu verwehren. Vor mir stand ein berufsmäßig trauernder Redner am Pult und erzählte Sequenzen aus dem Leben des Verstorbenen, mit denen er präpariert worden war. Die anderen, wichtigen, konnte er nicht erzählen, denn der Redner und der Beredete kannten einander nicht von Angesicht. Böhme konnte sich nicht einmal mehr wehren gegen die Vergewaltigung seiner selbst. Es war von Beginn der ersten Klänge vom Band an bis zum Auszug im wahrsten Sinne des Wortes ein Trauerspiel, das da vor unseren Augen und Ohren seinen schlecht inszenierten Verlauf nahm.
Mir schauderte und ich war froh, als mich die letzten Töne des Klavierstücks endlich aus der Pflicht entließen und ich dem Aussegnungsraum entfliehen konnte.
In der Kneipe, in der wir zusammenfanden, herrschte eine bedrückende Stimmung unter uns fünf Verbliebenen. Dies war weniger dem Tod Böhmes geschuldet als vielmehr dem Possenspiel, das man aus dem Gedenken an ihn gemacht hatte. Die lockere Fröhlichkeit, mit der wir vor dem Krematorium noch aufgefallen waren, wollte sich nicht mehr einstellen. Auch Bier und Schnaps waren nicht in der Lage, uns die Einsilbigkeit auszutreiben.
Die Lenz traf nach einer knappen Stunde als erste vorsichtige Anstalten zum Aufbruch. Strecker bot seine Begleitung an und auch ich selbst wäre jetzt lieber für mich alleine gewesen.
Hornung hatte die Situation sofort erfasst. Bevor sich unsere Runde, kurz nach dem unerwarteten Wiedersehen, erneut für lange Jahre aufzulösen drohte, ergriff er die Initiative. Seine Fähigkeit, den Stand von Augenblicken zu erfassen, noch bevor sie tatsächlich eingetreten waren und daraus die folgerichtigen Schlüsse zu ziehen, hatte ich schon zu den alten Zeiten an ihm bewundert.
Er sprach aus, was wir anderen lediglich dachten und lud uns zu einem gemeinsamen Wochenende in sein Haus, eine verpflichtende Terminierung wollte er hier und jetzt festlegen, Ausreden verbat er sich (es sollte wohl scherzhaft klingen), holte einen Kalender aus der Tasche, den er auf den Tisch legte.
Anreise Freitagabend, Abreise Sonntag nach dem Frühstück. Wer es wollte, könnte gerne früher kommen oder später abreisen, er selbst sei wohltuend wenigen zeitlichen Zwängen unterlegen und sein Haus groß genug, sich einander, wenn es denn notwendig sein sollte, aus dem Weg zu gehen. Hornung verwies auf die kochtechnischen Fähigkeiten, die er sich im Lauf der Jahre angeeignet hatte und vergaß auch nicht den Hinweis auf einen gut sortierten Weinkeller. Mithin wären die besten Voraussetzungen gegeben, beendete er seine kurze Rede, es gelte also nur noch, sich auf einen Termin zu verständigen.
Was in unseren jungen Jahren quälend langwierige Diskussionen hervorgerufen hätte, gestaltete sich in der Abgeklärtheit des Alters erstaunlich einfach und zügig. Schon nach knappen zehn Minuten einigten wir uns auf ein Treffen in drei Wochen, tranken darauf noch einen Schnaps und schieden dann in der Erwartung des Kommenden.
Während die anderen gingen, blieb ich für mich alleine im Lokal sitzen und überdachte diesen merkwürdigen Tag, wie er sich in Trennen und Vereinigen teilte. Dass wir fünf nach vielen Jahren wieder zueinander gefunden haben, war dem Tod des sechsten geschuldet. Doch abgesehen von dem negativen Anlass waren es eben dessen positive Auswirkungen, die mich, jetzt, als die anderen gegangen waren, ins Grübeln brachten.
Was sollte sie bewirken, die Zusammenkunft in kaum drei Wochen, der auch ich so eilfertig zugestimmt hatte? Ich war davon überzeugt, dass Hornung schon mit dem festen Vorsatz zur Trauerfeier gekommen ist, diese Begegnung zu arrangieren. Auch wenn wir mehrere Jahrzehnte keinen Kontakt mehr miteinander hatten, traute ich ihm in Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit ein solches Verhalten durchaus zu. Was wollte er damit erreichen?
Es stellte sich mir die Frage nach Sinn und Zweck einer derartigen Gedenkveranstaltung, denn auf eine solche würde das Treffen hinauslaufen, da meinte ich, sicher zu sein. Würden wir angesichts unserer Entwicklung von der Fröhlichkeit der verklärten Erinnerung in die Depression der ernüchternden Gegenwart fallen? Angesichts des Anspruchs, den wir damals mit starken Worten aggressiv und in abgeschauten Ritualen vor uns hertrugen, war die gelebte Wirklichkeit eine Umkehrung ohnegleichen, die allen ursprünglichen Vorsätzen Hohn lachte. Wir hatten es nicht einmal geschafft, in uns selbst den neuen Menschen zu schaffen, den wir so radikal wie unverständlich von anderen forderten. Das musste zu Spannungen führen, Streit geben, wir würden uns in den drei Tagen bei Hornung zerfleischen. So viel war mir klar.
Aber vielleicht hatte ich auch nur zu viel Schnaps und Bier getrunken. Natürlich wusste ich so gut wie nichts von den Werdegängen meiner ehemaligen Genossen. Dennoch ging ich davon aus, dass sich die ihren in den wesentlichen Punkten nicht allzu sehr von meinem unterschieden.
Na dann also wären wir wieder beim Zerfleischen angelangt. Das eigene Scheitern einzugestehen ist bekanntlich ein schwieriges Unterfangen. Für das Ego ist es unverdächtiger, die Schuld auf andere abzuwälzen, auf das System zum Beispiel, die Gesellschaft oder, noch einfacher und kaum zu widerlegen, auf die allgegenwärtigen Sachzwänge, die für Gott und die Welt herhalten müssen, um eigenes Versagen zu entschuldigen.
Kurze Zeit überlegte ich, das geplante Treffen abzusagen und mich in mein Schneckenhaus zurückzuziehen, verwarf den Gedanken dann alsbald aber wieder. Um mich der Gegenwart zu stellen, die mich Tag für Tag immer mehr verunsicherte und bedrückte, musste ich mich mit der Vergangenheit beschäftigen. Und gerade auch mit dem Weg von gestern bis heute, den ich beschritten hatte. Das mochte schmerzhaft sein, im Streit Zerwürfnisse provozieren, alte Freundschaften zerstören oder gar mehr. Jedoch war mir klar, dass ich den Rest meines Lebens kaum mit erhobenem Kopf durchschreiten konnte, wenn ich mich nicht der Verantwortung vor mir selbst stellte. Jedenfalls jetzt nicht mehr, da mich die Begegnung mit den ehemaligen Mitbewohnern entsprechend sensibilisiert hatte. Es war der berühmte Tisch, der von angesammeltem Schrott überbordete und rein gemacht werden wollte.
In diesem Sinne hatte Hornung recht getan mit seiner Initiative, die keiner von uns ablehnen konnte, einmal unterstellt, er hegte ähnliche Motive, wie sie mir vor dem inneren Auge abliefen. Vielleicht auch war sogar das, was meinen ehemaligen Genossen jetzt durch die Köpfe ging von gleicher Art. Damit wäre dem Geist der Zusammenkunft schon einigermaßen geholfen und mochte dazu beitragen, die Messer weniger scharf und ausdauernd über den Wetzstein zu ziehen.
Kaum war davon auszugehen, es wäre Ralf Böhme noch vergönnt gewesen, entsprechende Überlegungen, so er sie denn gehabt hat, zu einem für ihn halbwegs zufriedenstellenden Ende zu führen ehe es ihn dahinraffte.
Genug der Vermutungen, den Spekulationen ein Ende.
Ich bin bereit, die Zeche zu zahlen, sagte ich laut vor mich hin, was wiederum den Wirt mit seinem Zettelblock herbeirief, obwohl ich ihn in diesem Moment gar nicht gemeint hatte. Als er mir die Rechnung aufmachte, musste ich laut lachen. Keiner meiner vormaligen Mitbewohner hatte sein flüssiges Labsal bezahlt, bevor er die Kneipe verließ. Es erinnerte mich an früher und ich war mir nun endgültig sicher, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Außerdem war ein Zurück nicht mehr möglich, schließlich musste ich die Schulden bei den anderen wieder eintreiben. Das Prellen der Zeche, so unterschiedlich sie auch ausfallen konnte, gehört nicht zum moralischen Sinnbild einer neuen Gesellschaftsordnung. Wie immer diese auch beschaffen sein mochte. Zechprellerei ist keine revolutionäre Tat.
Als er klingelte schlug der Hund an. Strecker hörte Hornungs Stimme im Haus.
Halts Maul Müller und das Gebell ging in verärgertes Knurren über.
Strecker hatte ein etwas sehr differenziertes Verhältnis zu vierbeinigen Tieren. Von der Existenz eines Hundes hatte Hornung nichts gesagt als er sie in sein Haus einlud. Strecker bekam sofort eine Gänsehaut auf den Armen. Die Tür wurde geöffnet.
Strecker, schön Dich zu sehen. Du bist der Erste des Ensembles, willkommen in meiner Hütte alter Kampfgefährte, tritt ein.
Hornung zeigte auf einen mittelgroßen Mischling mit grauem Fell, das ist Müller, wenig Hund, viel Mensch, große Klappe, nichts dahinter. Er lachte.
Dann nahm er seinem Gast die Reisetasche ab, führte ihn die Treppe hoch durch einen langen Korridor, von dem links und rechts verschiedene Zimmer abgingen. Das Haus wirkte von innen betrachtet wesentlich größer als man es von außen vermuten würde.
Hornung zeigte Strecker sein Zimmer für die Tage seines Aufenthalts. Das Bad befände sich hinter der roten Tür an der Stirnseite des Flurs. Strecker sollte sich ohne Zeitdruck frisch machen und anschließend auf ein erstes Glas nach unten in die Bibliothek kommen. Mit einer flüchtigen Geste der linken Hand winkte er Strecker zu und stieg daraufhin die Treppe wieder hinab.
Sie saßen in ledernen Clubsesseln inmitten von Regalen, die bis an die Decke reichten und alle vier Wände einnahmen, lediglich die Tür und das große Fenster waren ausgespart. Es mussten einige tausend Bücher sein, die in den Gestellen standen oder übereinander lagen und einen Eindruck chaotischer Ordnung hervorriefen.
Wieviel sind es, fragte Strecker.
Hier im Raum, vier- oder fünftausend vielleicht, ich habe sie nie gezählt, nur überschlagen. In meinem Arbeitszimmer gibt's noch mehr, im Schlafzimmer auch und einige musste ich in den Keller auslagern. Gott sei Dank ist der trocken. Ab und zu tausche ich sie ein wenig aus, hundert gehen runter, dafür kommen hundert wieder rauf. Der Versuch, so etwas wie einen Kreislauf zu simulieren. Es kommen ja auch ständig Bücher dazu, antiquarisch und neu, je nachdem. Der Markt ist sehr produktiv. Gut, das meiste davon ist Schrott, aber es bleibt noch genügend Qualität übrig, die mir aus platztechnischen Gründen das Leben schwer macht. Aber was soll's, das ist mein Schicksal, da muss ich durch. Hornung macht wieder diese flüchtige Geste mit der linken Hand.
Wie bist du eigentlich an unsere Adressen gekommen, wollte Strecker wissen. Ich meine, wir hatten fast vierzig Jahre keinen Kontakt mehr miteinander.
Das war nicht weiter schwierig, antwortete Hornung. Zunächst ist da das Internet. Wer dort einmal drinsteht, der bekommt den Eintrag nie wieder raus. Man muss nur die richtigen Fragen stellen. Aber das brauchte ich gar nicht. Im Netz habe ich Andrea gefunden. Sie ist Anwältin, es war eine Kleinigkeit für ihre Kanzlei, eure Adressen herauszubekommen. So einfach ist das. Und wenn ich nicht gleich auf Andrea gestoßen wäre, ich bin Autor, vergiss das bitte nicht, Recherche ist mein tägliches Brot.
Ja, das tägliche Brot, sagte Strecker.
Hornung goss Wein nach. Sie schwiegen einen Moment. Müller lag vor ihnen und blinzelte sie abwechselnd an, als wollte er den Zusammenhang zwischen seinem Herrn und dem Besucher ergründen.
In ihr Schweigen hinein klingelte es und Müllers erneutes Bellen erstarb jäh, als ihn Hornungs "Halts Maul" Kommando traf. Der Köter gehorcht auf's Wort, dachte Strecker, das muss man ihm lassen.
Hornung führte Andrea Lenz in den Raum, ging dann aber nach der flüchtigen Begrüßung sogleich mit ihr ein Stockwerk höher, Zimmer und Bad zeigen.
Kurz darauf kamen auch Monika Bergmann und Lorenz Kolb an, die Prozedur des Einweisens wiederholte sich. Es dauerte beinahe eine Stunde, bis alle endlich in der Bibliothek zusammensaßen und den Begrüßungsschluck Rotwein tranken.
Monika wollte lieber Bier statt Wein (alte Gewohnheit, wenn's möglich ist Hornung, nur wenn's möglich ist, bloß keine Umstände meinetwegen). Es war möglich. Während Hornung Wein und Bier eingoss schaute Strecker aus dem Fenster auf den Fuhrpark, der sich vor dem Haus versammelt hatte.
Den Karossen nach zu urteilen geht es uns blendend, sagte er.
Bombig sozusagen, bemerkte Kolb und hob sein Glas gegen das Licht.
Seid alle willkommen am Tisch unterm Pflaumenbaum, (Franz Josef Degenhardt) würde Väterchen Franz jetzt singen. Aber der ist, wie unser Genosse Böhme, nicht mehr von dieser Welt. Hornung hob sein Glas, wir haben uns eine sehr lange Zeit nicht gesehen noch gesprochen. Ich freue mich, dass ihr meiner Einladung gefolgt seid. Also nochmals: Willkommen in meiner Hütte, möge sie die Eure sein, solange ihr es wünscht.
Sie tranken.
Hütte ist gut, kicherte die Bergmann, erinnert ihr euch noch an den Spruch: Friede den Hütten, Krieg den Palästen? (Georg Büchner) Also dein bescheidenes Heim, Hornung, hat für mich wenig Ähnlichkeit mit einer Hütte.
Aber auch nicht mit einem Palast, unterbrach Kolb sie, es liegt eher so dazwischen.
Da hast du recht, Andrea Lenz nickte ihm zu, Hütte ist nicht, Palast aber auch nicht. Einigen wir uns auf gehobenes Eigenheim. Kein Reihenhaus aber auch noch keine Villa. Verdient man als Autor eigentlich gut?
Nicht so gut wie als Anwältin, antwortete Hornung, aber ich will nicht klagen.
Leute, Leute, mischte sich Strecker ein, jetzt sind wir nach etlichen Jahrzehnten gerade mal eine halbe Stunde zusammen und schon schwirren wieder Hader und Händel durch die Atemluft. Wenn das auf diesem Niveau weiter geht, sehen wir ausgesprochen heiteren Tagen entgegen. Ich hoffe, du hast genug Wein im Keller Hornung. Hast du, nun sag schon, hast du?
Hornung nickte lachend, für die nächsten fünf Jahre müsste es reichen.
Fünf Jahre?, wiederholte Strecker, eine gute Zeit. Danach müssen wir eben auffüllen, was soll's.
Kolb stand auf und lehnte sich mit dem Rücken an ein Bücherregal. Ich habe ein kleines Problem, ich kann unser Treffen hier nicht so recht einordnen. Wie soll ich die Einladung verstehen? Als Veteranentreffen mit launigen Erinnerungen an unserer glorreiche Vergangenheit, als besseres Klassentreffen mit entsprechendem Bewusstsein und dessen Erweiterung im Laufe der Zeit? Oder haben wir etwas aufzuarbeiten, die letzten vierzig Jahre vielleicht, unter besonderer Berücksichtigung der allerletzten fünfundzwanzig Jahre, als Selbsthilfegruppe oder so ähnlich? Oder hast du, Hornung, endlich den todsicheren Weg in den Sozialismus gefunden und willst mit uns die erste Zelle der neuen Gesellschaft gründen? Ich bin bei allem dabei, ihr müsst mir nur sagen, um welche der Varianten es sich handelt. Das würde ich schon gerne wissen, bevor es losgeht.
Bleib geschmeidig Kolb, lachte Hornung, nichts von dem, was du befürchtest trifft zu. Oder besser gesagt, es trifft von allem ein bisschen zu, das erfasst es besser.
Die Sache ist im Grunde genommen ganz einfach. Als ich vom Tod Böhmes las, kam mir die Idee, unsere alte Truppe wieder einmal zusammenzurufen, ehe einer nach dem anderen von uns in die Grube fährt und der Rest bekommt es nicht mit. Immerhin haben wir damals eine gute Weile zusammen gelebt, zusammen gearbeitet, zusammen demonstriert und...
Zusammen gevögelt, unterbrach ihn die Lenz, das sollten wir mal nicht vergessen, oder habt ihr aus eurem Gedächtnis gestrichen, wie wir gevögelt haben, untereinander, übereinander, miteinander und mit anderen, es war doch alles in allem ein schönes freies wildes Leben damals. Manchmal denke ich mit einer gewissen Wehmut daran, manchmal sehne ich sie auch zurück, diese Zeit. Wenn ich so an meinem Schreibtisch sitze und bedenke, was aus mir geworden ist...
Eine Schreibtischtäterin ist aus dir geworden Andrea, eine Schreibtischtäterin, aber lass mal gut sein, uns geht es ja nicht wirklich anders, oder? Hornung blickte fragend in die Runde, als sei er auf Ausgleich bedacht. Nein, ich dachte einfach, es wäre doch schön, nach all den Jahren wieder einmal für ein Wochenende zusammen zu sein. Was wissen wir denn über uns, ich meine nach der Zeit, an die Andrea mit Wehmut denkt. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich würde gerne wissen, was aus den Genossen geworden ist, mit denen ich vormals die Welt aus den Angeln heben wollte. Interessiert euch das etwa nicht?
Vielleicht ist das gar nicht so gut, wenn wir voneinander wissen, was aus uns geworden ist, sagte Strecker. Eins steht doch wohl fest, die Welt haben wir nicht aus den Angeln gehoben, vielmehr haben wir sie noch fester in den Angeln verankert. Will jeder von euch wirklich wissen, wie er versagt hat?
Moment mal, fuhr die Bergmann dazwischen, du hast vielleicht versagt Strecker, du vielleicht, kann ich nicht beurteilen. Aber du kannst dein Verhalten nicht verallgemeinern. Ich jedenfalls fühle mich keineswegs als Versagerin. Ganz sicher nicht.
Ist ja gut, Mutti, beruhige dich, entgegnete Strecker.
Du nennst mich nicht Mutti, du Machoarsch, du nicht...
Wirklich Paul, das musste ja jetzt wohl nicht sein, sagte die Lenz.
Na ja, wo er recht hat, hat er recht, meinte Kolb, wir können unsere Entwicklung ja nun nicht im Nachhinein verbiegen. Doch tröstet euch, rückwärts nimmer, vorwärts immer, wie ein gewisser Staatenlenker saarländischen Ursprungs vor langer Zeit von sich gab. Unsere Zeit ist sowieso abgelaufen, es ist in die Hose gegangen, unser Experiment, das sollten wir uns eingestehen, wir haben versagt, auf der ganzen Linie, Mutti hin, Machoarsch her. Und auf einer Stufe mit unserem Versagen steht das unserer Enkel, denn es sieht nun wirklich nicht danach aus, als würden die es besser ausfechten.
Ich mach euch mal einen Vorschlag, meinte Hornung...
Schon wieder einen?
Ja, schon wieder einen. Also, bevor wir uns hier auseinandernehmen ehe das Wochenende überhaupt begonnen hat, sorge ich erst einmal für ein Abendessen, das sich hoffentlich sehen lassen kann. Ich habe da etwas vorbereitet. Dazu der passende Wein und die Welt schaut schon viel freundlicher aus der Wäsche. Was haltet ihr davon?
Ja Papa, sagte die Lenz, und in fünfzig Jahren ist alles vorbei.
Hornung hob die Schultern, machte diese flüchtige Geste mit der Hand und zog sich dann zurück, man konnte ihn bald darauf in der Küche hantieren hören. Die Bergmann meinte, ihm helfen zu müssen und verließ ebenfalls den Raum. Strecker und Kolb nahmen Bücher aus den Regalen, blätterten darinnen unaufmerksam flüchtig herum, stellten sie zurück, nahmen sich neue und so fort.
Die Lenz goss sich Rotwein nach, trank in langen Zügen, kramte in ihrer Handtasche und brachte ein Päckchen Schwarzer Krauser sowie Papier zutage. Sie drehte sich eine Zigarette mit der Hand, ohne Maschine und suchte dann nach Streichhölzern oder einem Feuerzeug.
Hat einer von euch Feuer, ich finde nichts in meiner Tasche.
Kolb sagte, er sei Nichtraucher, schon immer, es täte ihm leid, ihr nicht helfen zu können. Strecker hatte ebenfalls kein Feuer und meinte, auch er habe noch nie in seinem Leben geraucht.
Also bei Kolb kann ich mich nicht erinnern, sagte die Lenz, aber du hast doch früher gequalmt wie ein Hochofen, tu doch jetzt nicht so.
Du irrst dich, Andrea. Einmal abgesehen davon, dass ein Hochofen nicht qualmt, ich habe nie geraucht, nimm das bitte zur Kenntnis.
Mir kommen die Tränen Strecker, So schnell konnte ich gar nicht drehen, wie du mir die Luschen weggeraucht hast. Da hast du wohl mächtig was verdrängt.
Habe ich nicht nötig meine Liebe, ich habe in der Tat nie geraucht. Was weiß ich, wer dir deine, wie sagst du?, Luschen weggequalmt hat, ich war es jedenfalls nicht.
Und die Joints, an die Joints die du dir reingezogen hast, an die kannst du dich wohl auch nicht mehr erinnern, was? Und die Zigarette danach, die du immer lauthals eingefordert hast, nachdem wir gevögelt haben? Alles nicht wahr? Mensch Strecker, erzähl mir doch nichts vom Pferd.
Strecker schwieg, Kolb steckte seine Nase tief in einen großformatigen Bildband über Nepal und drehte ihnen den Rücken zu.
Spießer, elende Spießer, sagte die Lenz, was ist bloß aus euch geworden? Ihr seid ja verkommener als ich selbst und das will was heißen, ich muss es schließlich wissen. Sie schüttelte den Kopf und verließ das Zimmer, um in der Küche Feuer aufzutreiben.
Hast du wirklich nie geraucht, fragte Kolb, ich kann mich gar nicht mehr erinnern.
Na ja, richtig geraucht habe ich nicht, vielleicht ab und zu eine Kippe, mehr war nicht, antwortete Strecker.
Warum gibst du das denn nicht zu, da ist doch nichts bei.
Weil die Lenz wieder so verdammt rechthaberisch daher kommt, deswegen. Ganz wie früher. Das hat mich schon immer zur Weißglut gebracht. Strecker stellte den Bildband wieder zurück an seinen Platz im Regal. Dich hat ihr Verhalten doch auch immer geärgert. Wir haben uns oft genug deswegen mit ihr gestritten, dass die Fetzen flogen. Das kannst du doch nicht vergessen haben. Selbst beim Vögeln wollte sie immer oben liegen. Die Missionarsstellung war ihr nicht feministisch genug. Daran musst selbst du dich noch erinnern, oder hast du nie mit ihr gevögelt?
Kolb lachte. Mensch Paul, das ist vierzig Jahre her, mehr als eine Generation. Inzwischen ist sehr viel Wasser den Yangtse hinunter gelaufen. Willst du wegen der alten Geschichten hier und heute einen Aufriss machen? Lohnt sich nicht, glaube mir. Wenn wir nun schon mal hier sind, sollten wir uns an den Gegebenheiten orientieren. Das Treffen kann auch eine Chance sein. Geh doch die Sache mal von dieser Seite an. Auf jeden Fall denke ich, du solltest das Ding hier nicht wegen alter Geschichten und dummer Kleinigkeiten sprengen noch bevor es überhaupt begonnen hat, ok?
Die Lenz kam mit brennender Zigarette aus der Küche, ging quer durch den Raum und blieb vor Strecker stehen. Wie isses, Paul, willste mal ziehen? Auch wenn man nie in seinem Leben geraucht hat, man kann noch im hohen Alter damit anfangen. Gesundheitlich hast du jedenfalls nichts mehr zu befürchten. Ehe der Krebs weiß, was er tun muss, bist du längst in der Grube. Sie nahm einen tiefen Zug und blies Strecker den Rauch ins Gesicht.
Du bist noch dasselbe Arschloch wie früher, Andrea, sagte er und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.
Die Lenz lachte, du auch Paul, du auch.
Keine Ahnung, warum gerade ich Jura studiert habe und Anwältin geworden bin. Es hätte jede andere treffen können und ich wäre, jetzt und heute, rückwärts betrachtet, froh darüber. Aber nein, obwohl keiner mich gefragt hat, habe ich trotzdem die Hand gehoben und war, zwei Staatsexamen lagen vor, 'plötzlich' Rechtsanwältin.
Anwältin eines Rechts, das ich zeitlebens verachtet habe und bis heute verachte. Eines Rechts der Stärkeren, und Stärke hat immer einen politischen und/oder einen materiellen Hintergrund. Selten einen moralischen, Gandhi einmal außen vor.
Warum also gerade ich? Ich bin jetzt fünfundsechzig Jahre alt, gehe stramm auf die siebzig zu. Es ist die Zeit, darüber nachzudenken. Noch bin ich bei klarem Verstand, das mögen andere anders sehen, aber ich weiß, wie ich mich einzuschätzen habe. Jedenfalls im Moment noch.
Wenn nicht jetzt, wann dann, soviel Zeit bleibt nicht mehr. Wer weiß, ob ich die angepeilten siebzig überhaupt erlebe. Wenn nicht, ok. Und wenn doch, was dann? Im hohen Alter geht's entweder weiter vorwärts bis zur unverständlichen Weisheit, die zu deinen Lebzeiten sowieso niemand werten wird, oder zurück in die Kindheit. Wobei ich nicht gesagt haben will, dass es immer so sein muss. Dennoch, die Gefahr, oder sanfter ausgedrückt: die Wahrscheinlichkeit, besteht.
Aber hallo, ich weiß, wovon ich rede, meine Klientel bewegt sich hauptsächlich in den skizzierten Altersbereichen. Von Leben kann da oft nicht mehr die Rede sein, eher von Funktionieren.
Vielleicht hatte die Berufswahl auch etwas mit meiner Sozialisation zu tun. Meine Erzeuger waren vollständig in die tausend Jahre des vormaligen Reiches integriert. Nicht als Mitglieder irgendwelcher Naziorganisationen, dazu waren sie wiederum zu schlau. Aber der Grundtenor, der war ihnen eigen. In diesem Sinne haben sie mich zu erziehen versucht, nach den Prinzipien, die sie für anständige, preußische Tugenden hielten. Das mit der Erziehung ist schiefgegangen, aber so ein Bodensatz dieser Anständigkeit, die man dem Menschenschinder Friedrich andichtet, den man fälschlicherweise als groß betitelt, muss sich mir erhalten haben. Nein ich habe nicht Otto Gebühr (Schauspieler, 1877-1954, berühmt geworden in der Rolle des "Alten Fritz") gemeint.
Aber deshalb Jura? Erklärt das alles die Wahl des Studienfachs?
Vielleicht aber war es einfach nur Faulheit. Ich bin meist den einfachsten Weg gegangen, und, zugegeben, immer nur den, der mir am erfolgversprechendsten erschien. Ja, mehr oder weniger opportunistisch, schon recht.
Damals studierte Gott und die Welt Jura. Die politische Arbeit war mir sowieso wichtiger als das Studium. Jedenfalls das, was ich damals unter politischer Arbeit verstand. Ich sah meine Zukunft eher als Volkskommissarin in einer Räterepublik, denn als Mitglied in dieser Gesellschaft, in der, nein: gegen die ich lebte. Deshalb wahrscheinlich war es mir egal, was ich studierte. Rückblickend vermag ich es nicht mehr zu rekonstruieren, aber es wird wohl so gewesen sein.
Ich sehe das heute eher so: wahrscheinlich hat ein Genosse während eines Plenums im Audimax zu mir gesagt, komm zu uns, in die juristische Fakultät, die Revolution braucht emanzipierte Frauen wie dich. Es muss aber kein Plenum, schon gar kein Audimax, es kann ebenso gut ein Bett gewesen sein. Es hat mich doch schon interessiert, ob unter allen Talaren tatsächlich nur der Muff von tausend Jahren oder vereinzelt auch anderes zu finden war.
Es hätten genauso gut die Philosophen sein können oder die Historiker. Vielleicht ist es gut so, wie es gekommen ist. Als Philosophin oder Historikerin würde ich heute entweder im Wissenschaftsbetrieb irgendeiner Kleinstadtuniversität verbittern oder geschwätzige Touristen mit dem Taxi durch die Gegend kutschieren.
Und als wir dann erwacht sind aus unseren Träumen (nicht alle, einige schlummern immer noch mittendrin), da haben die Tugenden meiner Eltern dafür gesorgt, dass ich mein Studium abschloss. Summa cum laude. Ich bin nicht stolz darauf, vielmehr erschrocken, so zu funktionieren wie ich es getan habe und nach wie vor tue.
Seitdem vertrete ich Hinz und Kunz bei Verkehrsdelikten, Scheidungsgeschichten inbegriffen. Meine eigene Scheidung habe ich allerdings einer Kollegin anvertraut, ich kam mir letztendlich doch zu befangen vor. Aber das ist alles schon geraume Zeit her. Einer von unzähligen Abschnitten in meinem Leben, inzwischen ohne jede Bedeutung. Aber ich möchte die kurze Phase des Ehestands nicht missen.
Ein Kind von Traurigkeit war ich nie, bin es heute erst recht nicht. Ich lebe nach wie vor nach der Devise 'only the good die young' (Billy Joel), lediglich die Definition von 'young' hat sich im Lauf der Jahre relativiert.
Wieviel bleibt denn noch an Lebenszeit? Wenn es gut geht vielleicht zehn, fünfzehn Jahre. Da heißt es, alles mitnehmen, was lohnenswert erscheint solange man dazu überhaupt noch in der Lage ist. Plötzlich macht es 'bang' und es wird furchtbar dunkel, aus die Maus, unwiderruflich. Positiv dabei ist lediglich der Umstand, dass man versäumten Gelegenheiten nicht mehr nachtrauern kann, jammern und lamentieren mangels Möglichkeit dazu zwecklos ist, das hätte man sich früher, zu Lebzeiten, überlegen müssen. Wenn es dunkel geworden ist, ist alles zu spät.
Wir haben es ja gerade mit Böhme erlebt. Er war in den heißen Zeiten der jüngste von uns, unser Benjamin sozusagen. Natürlich weiß ich nicht, ob er vielleicht krank war oder durch einen Unfall ums Leben kam. Aber das ist auch nicht so wichtig. Allein die Tatsache als solche zählt, nichts anderes sonst.
Wie auch immer, eine derart beschissene Trauerfeier wie die, der wir beizuwohnen die zweifelhafte Ehre genossen, hat Böhme nicht verdient. Niemand hätte eine solche Veranstaltung verdient. Was ist das für eine Frau, die so etwas in Szene setzt? Noch dazu in aller Öffentlichkeit.
Es hat mich, aller Überraschung zum Trotz, gefreut, als Hornung mich in der Kanzlei anrief. Im ersten Moment war ich mir gar nicht bewusst, wer da durch die Leitung sprach, Kunststück, nach fast vierzig Jahren ohne jeden Kontakt. Leider war der Anlass seines Anrufs ein trauriger, ich hätte mir gewünscht, einer von uns wäre schon früher auf die Idee gekommen, die anderen zu kontaktieren. Aber es verbietet sich, diesen Vorwurf, so man ihn überhaupt erheben kann, allein auf andere abzuwälzen, er trifft mich mindestens zu gleichen Teilen.
Hornung sprach schon bei diesem ersten Telefonat von seiner Idee, uns 'Ehemalige' für ein Wochenende in sein Haus einzuladen. So ein Treffen nach all den Jahren könnte doch interessant sein, bestenfalls auch amüsant, fügte er in einem Nebensatz hinzu. Dieser Nebensatz fiel mir erst sehr viel später auf, als ich über die geplante Zusammenkunft nachdachte.
Ohne Übertreibung kann ich sagen, ich freute mich auf das Wiedersehen mit meinen vormaligen Mitstreitern und Genossen. Es wäre doch spannend, von jedem Einzelnen zu erfahren, wie sein Lebensweg von damals bis heute verlaufen ist.
Als die Wohn- und Lebensgemeinschaft auseinanderfiel (warum eigentlich ist mir nicht mehr in der Erinnerung), steckten wir alle noch mitten im Studium, an die Examina war noch nicht zu denken, an den Beruf, den wir mit dem studierten Lehrstoff ausfüllen wollten, schon rein gar nicht. Wir trennten uns sozusagen mitten im Leben, oder, wenn man es so sehen will, bevor das Leben noch so richtig begonnen hatte.
Die Adressen der anderen herauszufinden war kein Problem, ich gab sie an Hornung weiter, der dann Böhmes Todesanzeige verschickte und zur Trauerfeier bat.
Erst abends, beim Rotwein (wie auch anders), kam mir der Nebensatz wieder in den Sinn. Was meinte er mit dem Wörtchen 'amüsant'? Es konnte soviel wie 'gesellig' bedeuten. Aber ebenso steht es für burlesk, drollig oder gar närrisch und possenhaft. Welches der Synonyme mochte in Hornungs Kopf herumspuken?
In meiner täglichen Arbeit als Anwältin habe ich gelernt, auch unscheinbar wirkenden Nuancen Beachtung zu schenken. Sie sagen, oft unbewusst daher geplappert, zumeist mehr über die wahren Intentionen aus als ein offizielles Schriftstück.
Ein weiteres Übel meiner Profession ist es, dem Gegenüber zunächst immer eine schlechte Absicht zu unterstellen. Das geht einem nach so vielen Berufsjahren, wie ich sie hinter mich gebracht habe, in Fleisch und Blut über und beschränkt sich keineswegs auf das tägliche Arbeitsfeld. Es geht schließlich niemals darum, eine einvernehmliche Lösung zu finden, sondern es geht darum, zu gewinnen. Das ist eherner Grundsatz rechtsanwaltlichen Schaffens. Im Namen und zu Kosten des Mandanten.
Hornung gegenüber wollte ich aber auch nicht so ungerecht sein, ihm nur wegen einer launigen Bemerkung unlautere Absichten zu unterstellten. Also verdrängte ich das juristische Bauchgefühl und beschloss, mich auf das Wochenende zu freuen. Nach dem zweiten Glas Wein allerdings kroch das Misstrauen wieder in mir hoch. Hornung neigte schon früher zu Überraschungen, die er als spaßhaft verstand, die aber keineswegs jedermanns Sache waren und oftmals zu Irritationen derer führte, die über seine Einfälle nicht lachen konnten.
Ich erinnerte mich, wie er in unsere gemeinsame Wohnung einmal Mormonen zu einem Gespräch einlud, die an der Haustür missionieren wollten. Zum gleichen Termin bestellte er zwei Vertreter der Zeugen Jehovas, die natürlich nichts von den Mormonen wussten und umgekehrt. So kam es, dass sich die einen mit den anderen fast zwei Stunden lang um die existentielle Frage stritten, ob der, den sie verehrten nun an einen Stamm oder an ein Kreuz genagelt wurde. Derweil saßen wir im Berliner Zimmer um die von ihrem jeweiligen Glauben Besessenen, soffen Bier und amüsierten uns. Always look on the bright side of life (Monty Pyton: Das Leben des Brian). Erst Tage später ging mir auf, welch miserable Aufführung Hornung da inszeniert hatte, an der wir anderen indes bedenkenlos und mit wenig Verstand teilnahmen.
Sollte das vereinbarte Treffen die Neuauflage einer ähnlichen Vorstellung werden, mit dem kleinen aber entscheidenden Unterschied, dass wir diesmal nicht das Publikum sondern die Protagonisten darstellten?
Beim dritten Glas Wein traute ich Hornung eine derartige Inszenierung durchaus zu. Er war Schriftsteller, das wusste ich nach dem gemeinsamen Telefonat, und ein Autor greift bekanntlich immer nach einem guten Stoff, den er in seinen Geschichten verarbeiten kann. Dazu wollte ich mich nicht hergeben (ich eigne mich nicht als Romanfigur) und als Konsequenz fasste ich den Entschluss, meine Teilnahme an dieser Veranstaltung abzusagen.
Einmal unterstellt, ich irrte, dann konnte es sich bestenfalls um ein nostalgisches Stiftungsfest altgedienter und in Ehren ergrauter Veteranen handeln, die als 68er durch die genervten Köpfe der nachfolgenden Generationen geisterten. Dazu verspürte ich erst recht keine Lust und bekräftigte meine geplante Absage mit dem Rest aus der Weinflasche.
Am ernüchternden Morgen danach aber relativierte ich den Vorsatz wiederum und schalt mich eine sentimentale Zicke (in der Tat konnte ich sehr zickig werden), weil ich mir eingestehen musste, die anderen doch gerne wiedersehen zu wollen. Egal, ob es sich nun um eine Schmierenkomödie Hornungscher Inszenierung oder ein Stiftungsfest handelte, ich würde hingehen, musste nur vorsichtig und auf beide Varianten eingestellt sein. Aber auf schlüpfrig glattem Parkett kannte ich mich bestens aus. Außerdem bestand immerhin noch die Möglichkeit, dass ich mich wirklich irrte. Obwohl ich das nur ungern zugeben wollte.
Also, keine Absage, Jeanne d'Arc, gestorben wird später, Rüstung angelegt, Schwert gegürtet und in die Schlacht gezogen. Die gerechte natürlich, diesen Zusatz war ich meiner Gesinnung schuldig, das Herz schlug schließlich ursprünglich links bis es sich im Verlauf der Jahre unmerklich immer mehr zur Mitte verlagerte. Was immer das auch für ein Gebilde sein mag, diese Mitte, die oft und gerne von allen möglichen Seiten in Beschlag genommen und über Gebühr strapaziert wird.
Weiteres Nachdenken über diese Entscheidung untersagte ich mir, um nicht Gefahr zu laufen meinen Vorsatz erneut zu kippen. Ich gehe hin, basta!
Schließlich bin ich immer hingegangen, wenn mir Hingehen sinnvoll und wichtig erschien. Ohne Rücksicht auf Verluste sozusagen. Vietnam-Kongress, Schah-Besuch mit Dachlattenpersern, Dutschke Attentat, Springer Hochhaus, Tegeler Weg, gepflastert, klar und was nicht noch alles, 1. Mai und Ostermärsche sowieso. Auch wenn ich es heute als seriöse Anwältin (bin ich wirklich so ein Arschloch geworden?) nicht mehr zugeben dürfte, ich war natürlich auch bei der Trauerfeier für Paul Lobe vor dem Schöneberger Rathaus dabei, als Kunzelmann aus einem Sarg heraus Flugblätter übers Volk warf. Wo die Musik spielte, damals in den heißen Zeiten, da befand ich mich mittendrin.
Eine Ironie des Schicksals wollte es, dass ich vor einigen Jahren einem Mandanten die Trennung von seiner Frau juristisch ebnete. Wie es dazu kam, kann ich nicht mehr sagen, aber während eines seiner Besuche in meiner Kanzlei stellte sich heraus, dass wir beide an diversen Demonstrationen und Aktionen gemeinsam beteiligt waren, ohne uns allerdings dabei näher gekommen zu sein. Das war nicht weiter verwunderlich, denn mein Mandant stand auf der anderen Seite der Barrikade, er war Polizist. Nach dem Scheidungstermin saßen wir bei Kaffee und Cognac zusammen und er schenkte mir einen Gummiknüppel, auf dem etliche Gebrauchsspuren deutlich erkennbar waren. Nicht sehr wahrscheinlich, aber rein theoretisch konnten die Kerben und Riefen auch auf mich zurückzuführen sein. Jedenfalls hatte mein Mandant Humor bewiesen, auch wenn wir uns über die Rolle, die sein Berufsstand in allen Epochen und Systemen seit Urgedenken zu spielen hat, nicht einig wurden, was ich aber auch nicht ernsthaft erwartet hatte.
Meine beiden Söhne sind jetzt etwa in dem Alter, in dem ich während meiner heißesten Demonstrationsphase war. Sie lächeln nur müde, wenn das Thema zufällig auf meine revolutionäre Vergangenheit kommt.
Ihnen ist nichts von dem wichtig, was mir damals lebensnotwendig und richtig erschien. Waren wir grundsätzlich erst einmal gegen alles, was nach Establishment nur im Entferntesten roch, sind sie und die Mehrzahl ihrer Generation prinzipiell dafür. Selbst wenn sie Unbehagen fühlen regt sich kaum Protest. Es ist diese bedrohliche Stille, die mich meiner Ruhe beraubt. Keine Kritik, kein Protest, kein Aufbäumen, schon gar keine Rebellion. Die Verhältnisse sind so wie sie sind, meine Söhne denken nicht daran, sie zu verändern, im Gegenteil, sie richten sich darin ein und fühlen sich offensichtlich wohl dabei. Sie empfinden nicht die Beklommenheit, die uns damals einschnürte. Oder sie verdrängen ihre Gefühle zugunsten von Karriere und Konsum, jenen so zweifelhaften wie trügerischen Werten (denen auch ich einst erlag) und betrügen sich selbst nach Strich und Faden.
Doch was jammere ich hier herum? Im Grunde genommen bin ich doch selbst schuld an der Entwicklung meiner Söhne. Da kann die Wissenschaft hundertmal auf ihre neuesten Erkenntnisse, die biologischen Faktoren des Menschen, also auch die, seine Gene seien vorbestimmt, herumreiten. Faktum ist: als es nötig und gegeben gewesen wäre, habe ich geschwiegen und mich aus der Verantwortung freigekauft. Als ich dann endlich die Sprache wiedergefunden hatte, wurde ich zwar nicht gerade ausgelacht, aber mehr oder weniger mitleidsvoll belächelt. Das schafft Frust auf beiden Seiten.
