Wollschlägers - Gerhard Schumacher - E-Book

Wollschlägers E-Book

Gerhard Schumacher

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Beschreibung

Nicht jeder kann aus Lübeck stammen und nicht jede oder jeder hat einen Konsul oder Senator zum Vater. Auch die Tochter eines Gastwirtes oder ein Posamentenhändler geraten trotzdem in den Strudel des täglich praktizierten Irrsinns. Und wenn sich das Ganze in der hessischen Provinz und in den Wirren der Nachwendezeit am Ende des letzten Jahrhunderts abspielt, so steht auch dem würdevollen Untergang von Familiendynastien nichts mehr im Wege. Es ist das unzweifelhafte Verdienst des vorliegenden Werkes, diesen Verfall mit Humor und Nachsicht in eine Familiensaga gefasst und so der Mit- und Nachwelt erhalten zu haben. Mit genügendem Optimismus, ausreichendem Lebensmut und einem gelegentlichen "Äbbelwoi" zur rechten Zeit überlebt frau/man so (fast) unbeschadet alle Irrungen und Wirrungen, die einem das Leben aufbürdet.

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Seitenzahl: 409

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Gerhard Schumacher

Wollschlägers

Verfall einer Familie

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Zum Geleit

Erstens: WETZLAR

Zweitens: KILIANSTÄDTEN

Drittens: STORNFELS

Viertens: NIEDERURFF

Fünftens: ERZHAUSEN

Sechstens: NIEDENSTEIN

Impressum neobooks

Kapitel 1

Für Roli, die unendliche Geduld mit mir hat.

Für Tilman, der in Hessen das Licht der Welt erblickte.

Für Jule und Alex, die erfrischenden Nachwuchs produzieren.

Für Philipp und Felix, die prächtigen Enkel.

Und natürlich für Fritz und seine unkonventionelle Art der

Konversation

Es ist traurig, an einem Ort zu leben, wo unsere ganze

Wirksamkeit in sich selbst summen muß.

Frankfurt bleibt das Nest … wohl um Vögel auszubrüteln,

sonst auch figürlich spelunca, ein leidig Loch,

Gott helf aus diesem Elend. Amen.

Zum Geleit

Nein, der Chronist hat das nachfolgend Aufgezeichnete nicht wasserdicht verschlossen nach vielen Jahren in einer Flaschenpost erhalten, noch in einer vergessenen Mülltonne gefunden oder durch dunkle Mittelsmänner zugespielt bekommen. Ein Pendant zur Handschrift von Saragossa, die Abschrift von Wetzlar etwa, gibt es nicht, hat es nie gegeben. Alles nicht wahr. Es hat sich einfach so ereignet, wie das Leben sich ereignet, ob man nun will oder ob man nun nicht will.

Woher er das dann alles weiß, der Chronist? Er weiß es eben, das muss genügen. Ein Inkognito ist nicht zu lüften, weil es schlicht keines gibt, noch weniger ein Schlüsselerlebnis oder Ähnliches. So, wie beschrieben, hat sich die Geschichte zugetragen und nicht anders. Wer es nicht glaubt, lässt es halt bleiben, wer es glaubt, auch.

Die Schauplätze und Orte sind Originale, wie sich der misstrauische Leser durch einen Blick auf die hessische Landkarte mühelos überzeugen kann. Noch besser ist es, einmal hinzufahren und sich in persona an der Tatsächlichkeit der Realität zu erfreuen. Alles ist vorhanden, wenn auch im Laufe der Jahre in einigen Details verändert. Teilweise hat auch die Abrissbirne ihr zweifelhaftes Handwerk getan. Alle Personen existierten nicht nur zur beschriebenen Zeit, sondern tun dies auch heute noch in Freude und bei bester Gesundheit, wenn auch weit verstreut außerhalb der Grenzen des beschriebenen Terroirs.

Allein der Posamentenhändler Harms soll, so wurde dem Chronisten unlängst aus zuverlässiger Quelle kundgetan, weiterhin durch die hessischen Kneipen, Gasthöfe und Restaurants toben, sein Werk zu vollenden. Mit zweifelhaftem Erfolg, wie gemunkelt wird. Wovon man ausgehen kann.

Weiters wurde dem Chronisten aus allerdings eher zweifelhafter Quelle zugetragen, die hessische Landesregierung plane, den kompletten Ort Butzbach wegen nachhaltiger Renitenz nach Sachsen-Anhalt auszulagern. Verhandlungen mit den dortigen Behörden stünden kurz vor dem Abschluss, lediglich über die Ablösesumme sei man sich noch nicht einig. Das muss aber nicht stimmen. Außerdem kommt Butzbach in der Geschichte gar nicht vor, somit ist diese Mitteilung von eher peripherer Bedeutung.

Ebenso wird berichtet, die Edertalsperre, insgesamt noch in einem leidlichen Zustand befindlich, wird für 107 Jahre an China ausgeliehen, weil die Chinesen sie bei der Begradigung des Jangtse gut gebrauchen können. Im Gegenzug schickt die Volksrepublik eine Million verdiente Arbeiter, die um Hessen eine originalgetreue Nachbildung der chinesischen Mauer errichten werden. Neben der Schutz- und Abwehrfunktion des gigantischen Vorhabens soll das Gemäuer auch noch den Fremdenverkehr ankurbeln und zu einer wesentlichen Einnahmequelle machen.

So kommt zusammen, was zusammen gehört und Hesse lacht zur Fasenacht.

Mehr gibt es von Land und Leuten derzeit nicht zu berichten, außer, wie bereits angekündigt, die folgende Geschichte.

Erstens: WETZLAR

Worin eine Wirtstochter insgeheim über ihr Leben sinniert, infolgedessen überraschend das Weite sucht, eine nette Bekanntschaft macht, ein durchgedrehter Posamentenhändler ehrenwerte Honoratioren und deren Heimat verunglimpft und ein um seine wirtschaftliche und geschlechtliche Zukunft bangender Referendar einen verwegenen Plan in Angriff nimmt.

1

Die Dinge, von den zu berichten ich mich schlussendlich doch entschlossen habe, begannen in hessischen Landen, genauer gesagt, in einer verholzten Kleinstadt namens Wetzlar. An der Lahn einigermaßen idyllisch gelegen, mit Dom, Buderus- und Leitzwerken versehen, flächendeckend langweilig, trotz oder gerade wegen der Nachbarschaft zum verbrezelten Gießen, aber stellenweise hügelig und in Teilen durchaus hübsch anzusehen. Immerhin Johann Wolfgang von, der Geheime Rat, war hier, aber wo war er nicht, unser Gede, bis nach Italien hat es ihn bekanntlich verschlagen, zweimal sogar, da liegt Wetzlar, von Frankfurt aus gesehen, gleich nebenan. Allerdings hat es ihn auch nicht lange gehalten, von Mai bis September 1772, dann war Schluss mit dem Praktikum beim Reichskammergericht und bei Fräulein Buff, die folglich aus lauter Verzweiflung ihren Verlobten ehelichte. Geblieben sind das Lotte-Haus und die Leiden des jungen Werther, dann war er weg, der saubere Herr Dichter und hat sich wohl nicht mehr blicken lassen.

Mit den Leitz- und den Buderuswerken ist es übrigens auch nicht mehr weit her.

Es fing alles an zu Beginn der Neunziger, in den Jubeljahren des großen nationalen Koitus zwischen westlichem Freier und östlicher Hure, der Zeit des Aufbruchs, der blühenden Landschaften und des ungewohnten Zungenschlags. Im Gasthof Wollschläger, nahe dem Dom in der Altstadt gelegen, schenkte des Wirtes Töchterlein seit Jahr und Tag Bier und Äbbelwoi und Äbbelwoi und Bier an immer die gleichen Gäste aus, verteilte Würste, Rippchen und Jägerschnitzel auf den Tischen und lauschte verträumt den ungewohnten Tönen, die an ihr Ohr drangen, wenn sich einmal ein Fremder in die rauchgeschwängerte Gaststube verirrt hatte. Fräulein Wollschläger war bei den meist älteren Gästen, nicht zuletzt wegen ihres ansehnlichen Äußeren und ihrer umgänglichen, so gar nicht ortsüblichen Art, überaus wohl gelitten und trug mit ihrer Erscheinung zu nicht unwesentlichen Teilen zum durchaus bemerkenswerten Wohlstand der Familie bei.

Wer je diesen eigenartigen Landstrich Hessen bereist hat, ist mit der landestypischen Sitte vertraut, Menschen weiblichen Geschlechts als Neutrum zu benennen und es verwundert ihn wenig, Fräulein Wollschläger im Jargon der stammgästigen Daddels durchweg als "das Erika" bezeichnet, gerufen und tituliert zu hören, wie es in dem Gasthof allgemeine Übung, aber weiter nicht beachtenswert war.

Das Erika hatte nun die dreißig auch schon überschritten und war sich dessen durchaus bewusst. Ein junger Referendar vom Amtsgericht, ach Gede, machte ihr putziglich den Hof, in der Öffentlichkeit sehr verschämt, insgeheim um so heftiger, und mit, durch oder auf und unter ihm, hatte sie auch abwechselnde sexuelle Erfahrungen, aus ihrer Sicht nicht einmal die Schlechtesten, die sie erkennen ließen, mehr als ein Neutrum zu sein.

Aber, pardon Herr Referendar, er hieß übrigens Wolfgang, nein, nicht der Johann Wolfgang von, auch nicht Mozart, sondern Wildgruber, und kam aus dem bayerischen Aschaffenburg, die Erfüllung stellte sie sich doch irgendwie anders vor, intensiver, globaler halt, ganz wie im Fernseh.

Deshalb beschloss Fräulein Wollschläger, gegen den heftigsten Widerstand der Eltern, ihr spätes Glück in der außerhessischen Fremde nicht nur zu suchen, sondern erst recht zu finden, denn was ist lockender als der Ruf des Unbekannten, Geheimnisvollen? Es musste doch mehr geben als Äbbelwoi und Rippchen und den manchmal etwas tollpatschigen Grapschereien des samenkollernden Referendars.

Also klaubte sie eines ihr passend erscheinenden Tages die nicht unbeträchtlichen Ersparnisse zusammen, packte das Notwendigste in einen just zu diesem Zwecke erworbenen, mit Rollen versehenen Schalenkoffer und querte nach tränenreichem Abschied vom Elternhaus, begleitet von mannigfaltigen Ermahnungen und Ratschlägen, den Fluss Lahn ins jenseitige Hessenland mit der unabänderlichen Absicht, darüber hinaus in unbekannte Landschaften vorzustoßen.

Fräulein Wollschläger erstand am Fahrkartenschalter des Wetzlarer Bahnhofs nach langer Überlegung ein Billet, das sie zu einer einfachen Eisenbahnfahrt nach Hanau berechtigte und bestieg nach nur kurzer Wartezeit den Zug ins herbeigesehnte Ungewisse.

Dies empfand sie um so aufregender, da sie doch ihre Heimatstadt Wetzlar bislang nur ein einziges Mal, als gerade der Pubertät entsprungene Schönheit, in Begleitung ihrer Eltern zu einem, kärglich um den Montag verlängerten, Wochenende an die Edertalsperre verlassen hatte, was ihr allerdings in wärmster Erinnerung verblieben war, gab es da doch den nur unwesentlich älteren Sohn des Talsperreninspektors, der sie fachkundig in die geheimnisvolle Welt der Stauregulierung eingewiesen hatte und mit dem sie noch lange danach eine anhaltende Brieffreundschaft pflegte. Dabei hatte sie des Öfteren die merkwürdigsten Anwandlungen, von den Gedanken ganz zu schweigen.

Im Coupé verstaute Fräulein Wollschläger ihr rollendes Hab und Gut in der dafür vorgesehenen Ablage, wobei ihr ein sonoriger Herr, offensichtlich ein Kavalier alter Schule, galant zur Hand ging, der ihr auch geschwinde einen Fensterplatz, gleich gegenüber dem Seinen, erbötig machte, den sie dankbar annahm. Schon ließ der Kondukteur das Abfahrtssignal ertönen und der Zug setzte sich schwerfällig in Bewegung, langsam erst, fast behäbig, dann schneller und schneller werdend, bis die Reisegeschwindigkeit sich als erreicht erwies und die Landschaften nur so am Fenster des Abteils vorbeiflogen, dass es eine Freude war.

Das Reisen, befand Fräulein Wollschläger, war ein vergnügliches Unterfangen, bei dem es viel Neues zu entdecken galt, zumal, wenn man einen so angenehmen Gefährten zur Seite hatte, wie er durch den im Coupé anwesenden Herrn in trefflicher Weise verkörpert wurde. Dieser verwickelte sie auch sogleich in ein kurzweiliges Gespräch über Dies und Das, meist jedoch über Dies, das Wohin und Woher, auch das Warum und Wieso, jedenfalls in keinerlei Art ihre Tugend oder Anständigkeit berührend. Das war sehr angenehm und das warme Gefühl, das sie seit Betreten des Coupés in so netter Gesellschaft empfand, steigerte sich mit jeder Meile, die sie der Zug von ihrer Heimatstadt Wetzlar weg in die Fremde trug.

So verging die Zeit im sprichwörtlichen Fluge, das Zwiegespräch entwickelte sich und die Gedanken zogen dahin, nur dann und wann von willkommenen Abwechslungen unterbrochen, wie sie der Schaffner mit seinen lustigen Knipsereien an den Fahrkarten oder der Versorgungswagen mit seinem reichhaltigen Angebot an Würstchen, belegten Brötchen und warmen oder kalten Getränken sich darzustellen nicht nehmen ließen.

Es erreichten die Reisegefährten schon alsbaldigst die Stadt Hanau, die sich das Erika zum ersten Zielort bestimmt hatte. Und wie es sich traf, musste auch der nette Herr von Traubenau, denn als solcher hatte er sich dem Fräulein Wollschläger korrekterweise vorgestellt, hier den Eisenbahnzug verlassen, da dringende Geschäfte seine Anwesenheit in dieser Örtlichkeit verlangten.

Als sie mit all ihrem Gepäck auf dem Perron standen, stellte sich schnell heraus, dass Fräulein Wollschläger, mag es nun der jugendlichen Leichtigkeit oder schlicht dem Überschwang des Wegfahrens geschuldet sein, keinerlei Vorsorge getroffen hatte, ein Quartier für die mit Sicherheit herein brechende Nacht fest zu machen. Da traf sich der glückliche Umstand ihres zufälligen Zusammentreffens, denn der Herr von Traubenau wusste sofort einen Rat und erbot sich in selbstloser Art, ihr für die kommende und, wenn sie es wolle, auch die weiteren Nächte, eine Unterkunft in seinem, wie er sich ausdrückte, bescheidenen, aber durchaus ansehnlichen Zweitdomizil in Schöneck, einem unweit von Hanau gelegenen Flecken, anzubieten.

Dort könne sie, ganz nach Gusto und Gefallen, den weiteren Weg ihres jungen Lebens überdenken und eventuelle Schritte dazu einleiten. Nicht nur mangels eigener Möglichkeiten, sondern auch, weil der Herr von Traubenau so wohltuend seriös von den Gästen des elterlichen Gasthofes sich abhob, stimmte sie nach gebührend kurzzeitigem Zögern dankbar zu und beide begaben sich auf den Bahnhofsvorplatz, bestiegen dort einen eilig herbeigerufenen Mietwagen und begaben sich samt Gepäck in aufgeräumter Stimmung auf den Weg ins nahe Kilianstädten, das ein Teil des besagten Schönecks war, wo der Kavalier eine Wohngelegenheit sein Eigen nannte.

2

Indes, die Eltern im fernen Wetzlar machten sich nicht wenig Sorgen um ihre Tochter, von der sie nicht wussten, wo sie sich gerade aufhielt und wie es ihr in der Fremde so erging. Sie hatten sich die Zukunft anders vorgestellt, insgeheim hoffend, der nette Referendar, der dem Erika den Hof machte, würde sich eines nicht allzu fernen Tages erklären, Hochzeit würde gefeiert und nach angemessener Zeit könnten sie sich beruhigt aufs Altenteil zurückziehen und den Gasthof guten Gewissens in Erikas und ihres Mannes kundige Hände geben. Auch machte sich das Fehlen ihrer Tochter in der Wirtschaft schnell bemerkbar, sie wurde an allen Ecken und erst recht den Enden vermisst, und es galt, sich aus vielerlei Fragerei der Gäste nach ihrem Verbleib herauszureden und vorbeizuflunkern. Der Vater musste nun einen Großteil der Aufgaben übernehmen, die das Erika bislang so eigenständig und bestimmt erledigt hatte.

Er besaß, wen wunderts, natürlich nicht die jugendlich frische Ausstrahlung seiner Tochter und wirkte, ob seiner großen Sorgen, mürrisch und gedrückt.

Das blieb nun den Gästen nicht lange verborgen, die ihrerseits zunehmend einsilbiger wurden, was ganz drastisch in ihrem Ess- und Trinkverhalten seinen Ausdruck fand. Der Umsatz an Rippchen und Kraut halbierte sich binnen Kurzem, beim Jägerschnitzel, dem ganzen Stolz der Wollschlägerschen Küche, sah es noch dramatischer aus.

Die Mutter, die liebevoll am Herd für die Qualität der Speisen verantwortlich zeichnete, war der Verzweiflung nahe und brach immer öfter unversehens in bittere Tränen aus. Verwendete sie nicht das beste Fleisch vom Metzger Schabbes? Rührte sie die braune Soße nicht so, wie sie es seit Jahren, und immer zur Zufriedenheit ihrer Gäste getan hatte? Bis von Braunfels her waren sie samstags gekommen, ihr legendäres Jägerschnitzel zu verkosten. Gigantisch, überlappend in einer reichlich bemessenen Tunke, und sie verwendete keine Champignonschnipsel aus Formosa, sondern nur erste Ware aus holländischen Büchsen, lag es auf den extragroßen Tellern, umrahmt von handgeschnetzelten Pommes und Salatbeilage und lachte den Genießer an.

Nichts da, das Erika fehlte, sie musste es leidvoll eingestehen, an allen besagten Ecken und natürlich auch den Enden.

Nun war guter Rat teuer.

Der Referendar Wildgruber kam zwar, wie üblich, jeden Abend nach Amtsschluss in den Gasthof und nahm sein Nachtessen ein, blieb aber ansonsten einsilbig vor seinem Glas Äbbelwoi sitzen und grübelte daher und dahin.

Zu den besseren Zeiten, als das Erika noch den Bembel schwang, hatte er gut und gerne vier bis fünf Gespritzte am Abend getrunken, manchmal noch ein bis zwei Biere und, an den Wochenenden, schon mal den ein oder anderen Apfelkorn zwischendurch. Doch diese Zeiten waren, im Moment wenigstens, vorbei und der Referendar haderte mit seinem Schicksal und dem seiner großen Liebe, von der er genauso wenig wie die Eltern wusste, wo sie abgeblieben war.

Er fragte sich natürlich, inwieweit ihn selbst ein Teil der Schuld betraf, die zu Erikas Exodus führte. War er gar zu stürmisch, fordernd, besitzergreifend, oder, im Gegenteil, war es zu wenig gewesen? Sollten alle im Überschwang der Wollust gestammelten Schwüre und Beteuerungen, Aufforderungen, mehr und immer schneller mehr zu geben, nichts als Lippenbekenntnisse in der feuchten Schwüle zwischen Frotteelaken und Federbett gewesen sein?

Gleich den Eltern Wollschläger hatte sich auch der Referendar Wildgruber eine andere Zukunft erträumt als die, die jetzt als unabänderliche vor seinem geistigen Auge herumgaukelte. Wenn das Referendarwesen auch sein Beruf, niemals aber seine Profession war, strebte er doch nicht zu Höherem, sondern viel eher noch zu beschaulicherem Tun.

Die Hochzeit mit dem Erika, in naher Weile schon in seinem Kopf geplant, schien ihm wünschenswert, dem staubigen Alltag im Amtsgericht wollte er entsagen und sich stattdessen gänzlich der Pflege hessischer Gastfreundschaft widmen, ein, zwei Kinder zeugen, auf das seine Nachfolge gesichert sei, dem Schwiegervater das Altenteil, das verdiente, verschönern und ganz in seiner Rolle als Wirt des Gasthofs Wollschläger, als Ehemann, als Vater, aufgehen.

Ein jeder an seinem Platz.

Dieserart trübsinniger Gedanken nachgrübelnd nahm der Referendar sein Glas mit Äbbelwoi in die Hand, trat an das Fenster der Wirtshausstube und blickte versonnen auf die Gasse davor, in der ein reger Verkehr von herumschlendernden Fußgängern herrschte, die das schöne Wetter zu einem Bummel durch die Altstadt nutzten.

Da kam auf dem schmalen Trottoir ein kleinwüchsiges, äußerst dünnes Männchen des Wegs, das trotz der angenehmen Temperaturen einen dicken Wintermantel wollähnlicher Machart von unbestimmter Farbe, am ehesten ließ sich noch ein bräunlicher Ton vermuten, und auf dem Kopf eine im Volksmund abwertend als Batschkapp deklarierte Bedeckung trug. Die Denkwürdigkeit der Erscheinung wurde durch eine rechtsseitig getragene Aktenmappe gerundet, deren rissiges braunes Leder auf ein weit zurückliegendes Produktionsdatum deutete, zumal das Modell als solches heutzutage nur noch in gut sortierten Antiquitätengeschäften mit entsprechender Spezialisierung anzutreffen, selbst für den kenntnisreichen Fachmann als glücklicher Zufall eingestuft werden dürfte.

Diese Erscheinung nun sprang, immer wenn ein vermeintlicher Bekannter ihr entgegenkam mit beiden spindeldürren Beinchen derart in die Luft, wie es Balletttänzer zu tun pflegen, wenn sie eine Pirouette zu drehen sich anschicken und riss gleichzeitig mit der freien Linken seine Kappe vom Haupt, dass das schüttere Kopfhaar unvorteilhaft, und in seinen wenigen Strähnen zerzaust, sichtbar wurde. Dabei weitete er seine Lippen von der einen zur anderen Ohrenseite zu einem Lachen der offensten Art, das zwei Reihen blitzblanker, vielleicht der Kunst eines versierten Prothesenherstellers zu verdankender Zähne sichtbar wurden, die an Rein- und Freundlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen.

Durch die spirrligen Drehungen der Beinchen und des Kopfes vollführte das Männlein in der Luft eine Viertelrotunde, die ihn quer zur Laufrichtung mit einem Fuß auf dem Kopfsteinpflaster des, freilich nicht von Kraftfahrzeugen genutzten, Fahrdammes auf den Erdenboden beorderte, was er aber durch geschicktes Beugen der Kniegelenke auszugleichen verstand. Das Ganze hinterließ einen durchaus unterhaltsamen, ja komischen Eindruck und wiederholte sich in kurzen Abständen.

Der Wirt war hinter den Referendar getreten, zu schauen, was es denn Interessantes auf der Gasse zu sehen gab, bemerkte das Männlein und verzog sein grämliches Gesicht zu einer Grimasse, die trotz seines Kummers wohl ein Lächeln ausdrücken sollte.

"Ach de Zeisisch Willi, schau an", ließ er vernehmen und begab sich zurück hinter den verwaisten Tresen, mit einem Lappen die Zapfhähne zu polieren, wie er es schon seit geraumer Zeit tat. Auch der Referendar Wildgruber setzte sich wieder auf seinen Platz am Stammtisch, den ein blankes Messingschild an dem von zwei geschmiedeten Halterungen hängenden Kettchen, über einem großen runden Aschenbecher aus Glas befestigt, als solchen auswies.

Es fehlte ihm die rechte Freude an den Darbietungen vom Zeisig Willi, der bei seinem verhinderten Schwiegervater offensichtlich wohl bekannt und gelitten war.

Ein Geräusch von der Gaststubentür und das Blähen des ledernen Windfangs kündigten die Ankunft eines neuen Gastes an und tatsächlich betrat ein groß gewachsener Mann, wohl Mitte der Fünfziger, den Schankraum, querte ihn bis etwa zur Mitte, blieb stehen, drehte dann einmal langsam um die eigene Achse, einen Überblick von Einrichtung und Anwesenheit sich zu verschaffen und schritt schweren Tritts auf die hohen Lehnhocker am Tresen zu, wo er schließlich auf einem derselben Platz nahm.

Auch er trug, gleich dem Zeisig Willi, ungeachtet der sommerlichen Außentemperatur einen langen, vorne offenen, Wintermantel, der aus schwerem, dunkelgrünen Leder gearbeitet war, durch einen breiten, taillenseitig angebrachten Gürtel aus eben demselben Material verziert wurde und gerade so weit an ihm herunterreichte, dass er nicht den Boden berührte. Mit einer einzigen geschickten Bewegung des rechten Arms schwang er den Rockschoß des Mantels über die Hockerlehne, erkundigte sich bei dem Wirt Wollschläger mit lauter Stimme, was denn in diesem Landstrich am meisten getrunken würde und bestellte dann, ohne eine Antwort abzuwarten, ein großes Bier, "aber vom hiesigen, bitte".

Der Wirt beeilte sich, dem Wunsche nachzukommen und kaum, dass der Fremde das einheimische Bier in Empfang genommen hatte, leerte er das Glas mit einem anhaltenden Schluck zu gut zwei Dritteln und stellte es behutsam auf dem Tresen ab. Dann wischte er sich mit dem Handrücken den Bierschaum aus dem voluminösen Schnurrbart, der von dem gleichen Schwarz war wie sein überaus volles, nach allen Seiten abstehendes Kopfhaar und schnaubte behaglich vor sich hin. Kurz darauf leerte er auch den im Glas verbliebenen Rest, schnaubte wiederum, diesmal anerkennend, und begehrte vom Wirt zu wissen, was denn das für ein Bier sei.

"Des is Euler, se könne abä aach Waldschmidt habbe, allerdings nur in de Flasch", antwortete Wollschläger und schenkte das Glas, nachdem der Fremde auf frisch gezapften Gerstensaft bestanden hatte, erneut ein.

So ging das eine gute Weile und der Referendar fing an, sich zu wundern, welche Biermengen der Fremde schon am frühen Abend zu verinnerlichen in der Lage sich zeigte.

Im Verlaufe der Zeit drehte sich dieser auf seinem Lehnenhocker zu Wildgruber um, der zum besagten Zeitpunkt neben dem Fremden der einzige Gast in der Wirtsstube war und verkündete ihm und dem Wirt selbst mit dröhnender Stimme, dass er Harms hieße, aus dem Lauenburgischen nicht nur stamme, sondern daselbst auch ansässig sei, genauer gesagt in einem unscheinbaren Ort namens Berkenthin, und geschäftlich im Dienste des Posamentiergewerbes im Hessischen unterwegs sei. Es handele sich dabei um eine sehr alte Kunst, die ihren Ursprung im erzgebirgischen Annaberg habe und zu Unrecht fast der Vergessenheit anheimgefallen sei. Er, Harms, jedoch habe es sich zur Aufgabe gemacht, eben diesen Posamenten wieder jenen Platz zukommen zu lassen, der ihnen gebühre, dem industriellen Machwerk zum Trotz. So habe es ihn nach Wetzlar verschlagen, hier mit seinem guten Werk zu beginnen, dann Hessen insgesamt und später die übrigen deutschen Landstriche zu beglücken.

Der Wirt Wollschläger und der Referendar Wildgruber sahen sich einigermaßen verwundert in die Augen, nahmen aber die Ausführungen des Gastes Harms ohne jeglichen Kommentar zur Kenntnis, zumal just in besagtem Augenblick eine Anzahl wohlbekannter Stammgäste das Gasthaus betrat.

Es waren die Mitglieder des Gemeindekirchenrats, fast vollständig im Beisein des Pfarrers, der im nahen Dom routinemäßig getagt hatte und nun, wie üblich, einen Schlummertrunk zu sich nehmen wollte, was in Folge auch geschah. Man versammelte sich um den Stammtisch, schob einen zweiten noch dazu und war alsbald in eifriges aber dennoch fröhliches Gespräch vertieft, bei dem selbst der Geistliche ein gutmütiges Lachen ab und an sich erlaubte.

Auch der Referendar vergaß kurzzeitig seinen Kummer und trug mit mancher Erzählung aus dem Amt zur allgemeinen Heiterkeit so gut er konnte bei. Es mochte eine gute Stunde vergangen sein, als plötzlich der Fremde von seinem Lehnhocker sprang, sich visavis der humorvollen Runde positionierte, die Arme weit spannte, dass sich sein Mantel wie Drachenflügel ausnahm, in den Knien leicht einknickte und mit hochrotem Antlitz, als sei er der Gottseibuns in pontificalibus, die verblüfften Honoratioren anschrie:

"Aufgepasst, ihr Löcher vom Orden des Arsches, ich verkünde euch hier und jetzt die Wahrheit, und zwar nur einmal, ihr Kuttenbonzen ihr, ein einziges Mal, dann ist Schluss, ein für alle Mal, also hört zu:

Ich, Harms aus Berkenthin, vertrete hier die Posamenten, das Posamentiergewerbe, und sage euch, es handelt sich um ein altes Gewerbe, um ein uraltes, ururaltes, sehr ururaltes Gewerbe sozusagen, und daran wird sich auch nichts ändern, nie! Und deshalb rate ich euch, spottet nicht den Posamenten, noch dem Gewerbe, schon gar nicht mir, ihr Batschkappenträger, vermaledeite, die ihr seid."

An dieser Stelle unterbrach ihn der Pfarrer und wollte wissen, wer oder was ihm das Recht gäbe, sie hier in einer derart unflätigen Art zu beschimpfen.

"Das Recht?", schrie Harms nun umso lauter, "Das Recht gibt mir die Landkriegsordnung von 1688, du Sappel, von 1688 und immerfort, die Landkriegsordnung, jawohl. Denn merkt euch: Die Posamenten sind die Fundamente der Grundlage und nicht andersrum, ihr Rechtsverdreher. Ich bin weit gereist, bis in diese verschnarchte Stadt Wetzlar, euch die Posamenten zu bringen, ihr Volldeppen und Äbbelwoipflücker, ihr bauernlümmeligen Bratärsche, hessische. Wetzlarer Pfurzer nenn ich euch, Lahnpinkler und Pfahlkacker, Hundefresser, Nägelbeißer, arschige. Presskopfgesindel und Kochwurstkotzer, störrische Katzenwurstler, ihr dämlichen Kahn … Kahn…" Allmählich gingen ihm die Argumente aus.

"Ihr dämlichen Kanuten, jawohl, Kanuten."

Harms schnaubte noch einmal in die andächtige Stille der Lauschenden, drehte sich schwungvoll und verschwand hinter dem Windfang durch die Wirtshaustür. Dann hörte man noch kurze Zeit seine Schritte auf dem Katzenkopfpflaster der Gasse und endlich trat vollkommene Ruhe ein.

Die so Getitelten schauten in Ermangelung anderer Autoritäten auf den Wirt hinter seinem Tresen, dem sich, ob des Geschreis des trunkenen Posamentenhändlers, seine Frau aus der Küche zugesellt hatte. Wollschläger hob, entschuldigend fast, die Schultern und sagte mit Blick auf seine ihm Angetraute:

" Ei, bezahlt hadder, gell Mama?"

Den um den Stammtisch versammelten Mitgliedern des Gemeinderats aber war die unschuldige Fröhlichkeit vergangen. Was Wunder auch, wer lässt sich schon gerne als Pfahlkacker, Lahnpinkler und, das traf sie am Schlimmsten, als Kochwurstkotzer bezeichnen, wo doch die Kochwurst, neben der Gelbwurst freilich, als ein von allen geschätztes und hoch geachtetes Lebensmittel galt, das man genoss und nicht kotzte. Ein jeder nuckelte an seinem Glas herum, bis der Pfarrer die Initiative ergriff, seinen Krug leerte und in Richtung Tresen sagte:

"Mach emal die Rechnung uff, Schorsch. Isch glaab, meine Herre, mir sollde die Gedränge heut mal aus de allgemene Kass begleische, nach dem, was ma uns von dem dusselische Daddel, dem Lumbesäckel, dem, da habbe anheere misse. De is ja woll völlisch verrickt inne Kopp, de Dammbatzer, de. Oder is do jemand anderster Aasischt?"

Wie die menschliche Natur es will, war keiner anderer Ansicht, wem auch stand es schon zu, den Worten Hochwürdens zu widersprechen? Also machte der Wirt Wollschläger die Rechnung und man begab sich kopfschüttelnd und unter mancherlei Gebrumme auf den Heimweg.

Nur der Referendar Wildgruber blieb stumm an seinem Platz hocken und zählte die Striche auf seinem Deckel. Die Tirade des Berkenthiners hatte ihn zurück in die Trübsinnigkeit seines Daseins geradezu katapultiert und er meinte, der Verzweiflung näher zu sein als je zuvor.

3

Wollschläger schloss die Wirtsstube ab, löschte das Außenlicht, füllte am Tresen drei Gläser seines besten Äbbelwois und setzte sich zu Wildgruber an den Tisch.

Dann rief er in Richtung der offenen Küchentür:

"Mama, geh halt emal her und setz disch zu uns, des mir emal mit dem Wolfi schwätze, so geht des net weider, jetz mache mer Näschel mit Köpp, gell Wolfi, des muss jetz emal geklärt werde, des mit dem Erika. Isch habb langsam de Schnauz voll, abbä rischtisch. Des aanzische, was isch waaß is, des isch nix mehr waaß un aach nix mehr verschteh."

Und Frau Wollschläger kam aus ihrer Küche, trocknete sich ein paar Tränen an ihrer, natürlich, blendend weißen Kittelschürze ab und setzte sich zu den beiden Männern.

Es wurde eine lange Nacht, in der die drei Leidgeprüften die Situation, in die sie, unverschuldet davon gingen sie reinsten Herzen aus, geraten waren, nach bestem Wissen und Gewissen besprachen, von der einen, aber auch der anderen Seite zu beleuchten trachteten, Schlüsse zogen und wieder verwarfen, Lösungen erwogen und Pläne schmiedeten, das Erika zur Rückkehr zu bewegen. Anfänglich war der Referendar einsilbig noch, ohne Zutrauen und Energie. Allmählich aber wurde er mitgerissen vom Optimismus des alten Wollschläger, zog sich hoch an der kummervollen Gestalt der Wirtsgattin, die allerweil an ihrer Kittelschürze zupfte und in regelmäßigen Abständen seufzte:

"Ach, Schorsch, nee, wo soll des alles enne? Was, Wolfi, saach doch aach emal ebbes."

Und der Referendar Wildgruber sagte und sagte, nach guter und reiflicher Überlegung freilich, und sagte nochmals, mit Nachdruck diesmal, und entwickelte einen Plan, den er sponn, wieder kürzte, erneut erweiterte, vervollständigte, ergänzte und strich, mit Anmerkungen versah, andere wegnahm und als undurchführbar zu erkennen meinte, bis er endlich fertig war und die beiden rührigen Alten zustimmend nickten, als die Tauben vom nahen Dom mit ihrem Gurren schon vom Morgengrauen Kunde brachten.

Das war dann der Zeitpunkt, an dem der alte Wollschläger mit der rechten Hand platt auf den Tisch schlug und verkündete:

"So mache mer des, un kaa bissi anderster, un wenn isch bis Frankford dääd laafe misse!"

Der Plan des Referendars gestaltete sich folgendermaßen: Er wollte heute noch, der neue Tag war in sommerlicher Fülle angebrochen, im Amt einen sofortigen Urlaub unbestimmter Dauer erwirken und zwar wegen einer dringlichen Familienangelegenheit begründet, wie sich die Sache mit dem Erika ja nicht nur in seiner Vorstellung, sondern in realiter darstellte. Infolge der Bewilligung, wovon er angesichts einer Unzahl von bisher nicht eingelöster Stunden an Mehrarbeit in den Gerichtskabinetten ausging, gedachte er, wenn möglich am heutigen Abend noch, spätestens aber in der Frühe des morgigen Tages sein Automobil zu besteigen und seiner vor der Trauung temporär Verflossenen nachzureisen. Dies gestaltete sich insofern nicht schwierig, da das Erika schon einen Tag nach ihrer Abreise eine Karte an ihre Eltern der Post anheimstellte, in der sie unter Angabe des Aufenthaltorts ihre glückliche Ankunft daselbst mitteilte, um Verständnis für den kurzfristigen Aufbruch warb und darum bat, sie, die Eltern Wollschläger, mögen ihr doch ein gutes Gelingen für ihre Zukunft wünschen.

In Hanau, respektive Kilianstädten, angekommen, wollte Wildgruber sie dann kraft der Erscheinung in persona und seiner ehrlichen, aufrichtigen, fügte er ergänzend ein, Gefühle zur Abkehr von ihren bisherigen Plänen bewegen, um dann mittels eines kleinen Umwegs über Limburg im dortigen Hotel "Zum Bären", das für seine gute Küche landesweit bekannt war, die Feier ihrer Vermählung zu planen.

Und zwar bis ins kleinste Detail. Die für dieses Unterfangen notwendigen pekuniären Mittel stellte der Wirt Wollschläger in geradezu großzügiger Bemessenheit zur Verfügung.

In Wetzlar selbst wieder angekommen, versprach Wollschläger, ohne Verzögerung die Hochzeitsfeier auszurichten und Wirtshaus und Hof dem jungen Paar zu übereignen, für sich und seine Frau lediglich das Altenteil in Anspruch zu nehmen und stellte jedwede Mitarbeit in Küche und Keller in Aussicht, zumindest in der ersten, oft schwierigen Anfangszeit, natürlich nur, wenn derer gewollt und Bedarf war, was ihm der Referendar umgehend versicherte.

Das war der Plan und es dünkte den Verschworenen, allen voran natürlich dem Referendar, es wäre ein guter, der gelingen müsse, eben weil es ein guter war.

So begab man sich zu kurzem Schlaf, um frisch die kommenden Aktivitäten anzugehen.

Der Referendar hatte dann auch keine Schwierigkeiten, seinen kurzfristigen Urlaub zu erwirken, erledigte nach der Rückkehr aus dem Amt noch einige Besorgungen, unter anderem, auf Rat der erfahrenen Mutter Wollschläger, tätigte er den Kauf eines güldenen Rings, steinbesetzt, von dem er sicher war, trefflich der Hand seiner Verlobten zur Zierde zu gereichen und begab sich erneut in das Wirtshaus, letzte Dinge in vertrautem Gespräch abzuklären.

Dort angekommen nahm er sogleich von der Mutter Wollschläger ein Vesperpaket für die Fahrt nach Hanau mit Kochwurst, Presskopf und kaltem Schnitzel in Empfang, damit er sich die Ausgaben für die teure und dazu noch schlechte Verköstigung auf einer Raststätte sparen konnte.

Wollschläger selbst steckte ihm verstohlen und nicht frei von Verlegenheit einen geradezu prall gefüllten Umschlag mit gültiger Währung zu, wie es abgemacht war. Sodann setzten sich die Drei an den Tisch, den sie schon tags zuvor besetzt hatten und gingen, en gros und en détail, den Plan Punkt für Punkt nochmals durch, um etwaig übersehene Schwierigkeiten zu erkennen und auszuräumen.

"Also abgemacht, Wolfi", der Wirt Wollschläger fasste alles noch einmal zusammen, "du rauschst nach Hanau, abbä fahr vorsischtig, mer braache disch noch, gell Mama, mer braache den Wolfi noch, und schteischst beim Eulerwirt in Büdesheim ab. Isch hab da scho aageruffe, des mit demm Zimmersche geht klar. Denn machste disch frisch un brummst no Kilianschtädde un suchst nach des Erika. Wenn de es denn gefunne hass, gehst halt schee mit imm esse und schprischst imm, was mer hier alles beschproche habbe. Denn holt ihr de Koffer ab un fahrt in Eulerwirt, isch habb e Dobbelzimmersche bschtellt, isch bin ja aach net bleed. Am Morsche frihstickter dann un ab geht's nach Limbursch, zeigst dem Erika halt a bissi die Schtadt. Denn abens widder esse, bschtell was Gudes Wolfi, lass disch net lumbe, verzählst von de Hochzeit un denn ab in de Heia un nächste Tach seider widder hier. Isch häng denn scho emal de Girlande uff." Und fügte nach kurzer Pause hinzu: "So mache mer des."

Dem war nichts hinzuzufügen und der Referendar Wildgruber verabschiedete sich von den beiden rührigen Alten, bestieg seinen roten Opel Kadett und suchte aus dem Gassengewirr der Wetzlarer Altstadt den Weg auf die Autobahn 45, die ihn nach Hanau, respektive Kilianstädten, zuerst aber zum Eulerwirt nach Büdesheim führen sollte.

Im Rückspiegel sah er noch kurz, wie die Mutter Wollschläger ein paar Tränen in ihre Kittelschürze drückte und auch der stämmige Wirt schnäuzte verschämt in sein Sacktuch. Da begriff er die Verantwortung, die nun allein auf seinen schmächtigen Schultern ruhte und schwor sich, ihr gerecht zu werden und die besorgten Eltern nicht zu enttäuschen, keinesfalls, nie.

4

Nach zügiger störungsfreier Fahrt auf der Autobahn erreichte der Referendar in etwa fünfundvierzig Minuten die Abfahrt Altenstadt und fuhr dort über Heldenbergen und Windecken bis nach Büdesheim, der ersten Station seiner Reise. Ohne Verzögerung fand er den linksseitig gelegenen Gasthof Eulerwirt, der eigentlich Goy hieß und fuhr durch die schmale Hofeinfahrt auf den rückwärtig gelegenen Gästeparkplatz, wobei ihm die überschaubaren Außenmaße seines Automobils zustatten kamen, denn Wildgruber war, trotz manngifacher anderer Qualitäten nicht das, was man einen begnadeten Autofahrer zu nennen pflegt. Durch die Hintertür in die Gaststube tretend fühlte er sich sofort heimisch, denn die Einrichtung glich aufs Erstaunlichste der des wollschlägerschen Wirtshauses und strahlte, ebenso wie dieses, eine wohltuende Ruhe und Geborgenheit aus, wie sie in dieser Art nur hessischen Wirtshäusern zu eigen ist, so sie von liebevoller Hand privatim geführt werden.

Am Tresen, der gleichzeitig mit einer Ecke als Rezeption fungierte, nannte er seinen Namen und bat um den Schlüssel für das zu seiner Verfügung reservierte Zimmer.

Der Wirt Goy, der offensichtlich dort höchst selbst die Geschäfte führte, schaute in einem dicken, blau eingebundenen Kalendarium nach und veränderte seinen Gesichtsausdruck, als er dann die Eintragung gefunden hatte, von einem geschäftsmäßig reservierten in einen freundlichen, fast strahlenden:

"Ei, sie sin der Schwieschersohn vom Wetzlarer Schorsch, des is nett, dass sie uns besuche, hier in de Wedderau", und ließ es sich nicht nehmen, den Gast persönlich die schmale Stiege hinauf in sein Zimmer zu begleiten. Dort angekommen, übergab er den Zimmerschlüssel, der an einem enteneigroßen hölzernen Anhänger befestigt war, wünschte einen angenehmen Aufenthalt und begab sich dann eilends zurück in die verwaiste Gaststube.

Das Zimmer selbst war großzügig bemessen und hatte ein eher bäuerliches Interieur, dessen Blickfang zweifelsohne der bunt bemalte Kleiderschrank darstellte. Am Fenster stand ein hölzernes Tischchen, das von zwei großen, üppig gepolsterten Sesseln des gleichen Materials gerahmt war.

Das ausladende Doppelbett war mit voluminösen Federbetten versehen, deren rotweiß karierten Bezüge so freundlich zur Benutzung einluden, dass Wildgruber an sich reißen musste, nicht sofort den fehlenden Schlaf der vergangenen Nacht nachzuholen. Alles hatte seine Richtigkeit.

Zweitens: KILIANSTÄDTEN

Worin Fräulein Wollschläger einen ihr bis dahin unbekannten Lebensstil kennenlernt, in einer viel zu großen Badewanne vor sich hin schäumt, ein sündhaft teures Abendessen in angenehmer Begleitung und einem pausenlos plappernden Padrone zu sich nimmt und ansonsten die Vorzüge des süßen und sorgenfreien Nichtstuns genießt. Weiters nimmt der Referendar Wildgruber konsequent die Verfolgung seiner Geliebten auf, kommt an eine Straßengabelung und betritt ein griechisch-hessisches Gasthaus, wird von einem Eingeborenen vor dem Erstickungstod gerettet und erfährt eine unerwartete Einladung durch eine wunderschöne Fee namens Frau Czerny, die ihn zwischenzeitlich in arge Verlegenheit bringt und ihn nach anfänglicher Verwirrung zu einer grundsätzlichen Neuorientierung seines Lebens bewegt.

1

Nachdem Erika mit dem freundlichen Herrn von Traubenau im Mietwagen vom Hanauer Hauptbahnhof kommend, nach kurzer Fahrt das nahe Kilianstädten erreichte, staunte sie nicht schlecht über die von jenem als Wohngelegenheit bezeichnete Unterkunft, die sich ihr in drei Etagen als Villa durchaus luxuriöser Häuslichkeit eröffnete, wie sie selbst es bislang nur in einschlägigen Magazinen, niemals aber in natura kennengelernt hatte. Die drei Etagen waren, für ihre Begriffe sensationell geschmackvoll, unterschiedlich eingerichtet, die Ebene in Biedermeier, die mittlere in Chippendale und das Dachgeschoss, der Umgebung entsprechend, bäuerlich naiv.

Jedes Geschoss war neben Wohn- und Esszimmer mit mindestens einem Schlafzimmer sowie Bad und Küche versehen und Herr von Traubenau stellte es der Wirtstochter ihrer Wahl anheim, die Chippendale oder die bäuerliche Ebene zu bewohnen, die unterste, Biedermeier eingerichtete hingegen erklärte er entschuldigend als sein ureigenstes Refugium, in dem sich auch sein Arbeitszimmer befand, das er, leider allzu oft, auch abends und nachts nutzen musste.

Erika entschied sich spontan für das bäuerliche Dachgeschoss mit seinen schrägen Wänden und der anheimelnden Holzverkleidung, wohl, weil dieses sie doch sehr an ihre häusliche Umgebung im heimischen Wetzlar erinnerte.

Der nette Herr von Traubenau erneuerte sein Angebot, die unbegrenzte Dauer ihres Aufenthalts betreffend, so sie es denn wolle und überreichte ihr ein Duplikat des Hausschlüssels, damit sie nicht auf seine Anwesenheit angewiesen sei und völlig unabhängig ihr Kommen und Gehen selbst bestimmen könne. Bei der Übergabe des öffnenden Instruments errötete die Wirtstochter und bedankte sich, unbewusst wohl, mit einem mädchenhaften Knicks, den der Herr von Traubenau seinerseits mit einem väterlichen Lächeln zur Kenntnis nahm.

Darauf zeigte er ihr den gut bestückten Wäscheschrank, dem sie Bettwäsche und die für die hygienischen Obliegenheiten notwendigen Textilien wie Hand und Gesichtstücher zu entnehmen er ihr antrug. Die benutzten Utensilien aber sollte sie in ein dafür vorgesehenes Behältnis ablegen, aus dem sie, je nach Bedarf, von einer extra dafür bestellten Aufwärterin entsorgt und der Reinigung zugeführt würden. Selbige sorge sich auch um die Reinhaltung der Räumlichkeiten und wenn sie, Erika, diesbezügliche Wünsche oder Probleme habe, solle sie sich getrost an die Aufwärterin, eine zuverlässigen Frau aus dem Ort, wenden oder gar, in dringenden Fällen, an ihn selbst, dass sofortige Abhilfe geschaffen werde.

Mit einem Blick auf seine Armbanduhr schlug der nette Herr von Traubenau vor, in etwa einer Stunde ein kleines Abendessen, zu dem er sie anlässlich ihrer neuen Bekanntschaft einzuladen sich eine Freude machen würde, zu zelebrieren. Die genannte Zeitspanne ließe ihr ausreichend Muße, ihre Dinge zu ordnen und sich auf einen hoffentlich gemütlichen Abend vorzubereiten. Dann deutete er eine dezente Verbeugung an und begab sich gemessenen Schrittes in seine Privatgemächer im untersten Stockwerk.

Fräulein Wollschläger inspizierte zunächst, einem drängenden Bedürfnis folgend, das Badezimmer und war begeistert von der großen runden Wanne, die in den Boden eingelassen war und mehr als drei Leuten gleichzeitig Platz für reinigende Tätigkeiten bot. Mittels eines zu drehenden Reglers konnte sie das Licht stufenlos von strahlender Helle über gedämpftes Leuchten bis zur zwielichtigen Schummrigkeit einstellen.

Sodann bezog sie das große Bett und verstaute ihre wenigen Habseligkeiten im geräumigen Kleiderschrank. Für den Abend wählte sie ein rotes Sommerkleid, von dem sie annahm, dass es ihre Erscheinung vorteilhaft darstellte. Bis zur avisierten Abfahrt war noch einige Zeit und so schob Erika einen Sessel zum Fenster, setzte sich hinein und schaute über die wenig befahrene Uferstraße auf den Fluss Nidda, der sich hier noch als überschaubares Rinnsal präsentierte, von dem große Schwärme von Schnaken aufstiegen.

Verträumt ließ sie ihren Blick über die ruhige Flusslandschaft gleiten, bis das Läuten des Fernsprechapparats sie aus ihrer Betrachtung riss. Vom anderen Ende der Leitung fragte sie der Herr von Traubenau, ob ihr der Aufbruch jetzt genehm wäre, denn die Zeit sei gekommen, er erwarte sie in wenigen Minuten vor dem Haus, aus dessen Garage er mittlerweile das Automobil chauffieren wollte.

Erika eilte behende die Treppen hinab, verschloss sorgfältig die Eingangstür des Hauses und stieg zu Herrn von Traubenau in ein wunderschönes Mercedes Cabriolet, in dessen gelber Lackierung die Abendsonne sich traulich spiegelte. Herr von Traubenau bog schwungvoll auf den Weg nach Hanau ein, denn er habe, so teilte er Fräulein Wollschläger während der Fahrt mit, im auf etwa halber Strecke gelegenen Wilhelmsbad im Restaurant des Golfclubs einen Tisch reserviert. Die Küche dort hob sich nach seiner Auskunft, obwohl oder gerade weil durch einen italienischen Padrone geführt, wohltuend von dem ansonsten in dieser Gegend gepflegten Standard ab, sowie sich die Auswahl der angebotenen Weine bei erstaunlicher Qualität preislich in einem durchaus angemessenen Rahmen hielt.

Im Restaurant angekommen, wurden sie schon an der Eingangstür von dem sofort herbeigeeilten Padrone per Handschlag überschwänglich begrüßt. "Ah Signora i Signore von Traubenau, iche freue miche, sie wieder in mein bescheidene Ristorante zu begrußen. Iche hab besten Tisch für sie reserviert, direkte an Fenster zur Reithalle, bene."

Dann eilte er geschäftig voraus, wedelte mit einem blütenweißen Handtuch ein zwei Mal über die makellose Tischdecke und rückte die Stühle zum bequemen Sitzen bereit. Der Padrone hob den Arm, knipste mit Daumen und Mittelfinger und sogleich wieselte ein Kellner dienstbeflissen herbei, sie nach ihren Wünschen bezüglich eines Aperitifs zu befragen. Fräulein Wollschläger war sehr angetan von der ganzen Zeremonie und nahm sich vor, sollte sie je wieder in der Gastronomie arbeiten, sich dieser Gepflogenheiten zu erinnern.

Sie überließ die Auswahl der Speisen und Getränke gerne dem versierten Herrn von Traubenau, dem sie, schon ob der Einrichtung seines Hauses, einen außergewöhnlichen Geschmack attestierte. Dies erfreute ihren Begleiter sichtlich und er schlug vor, freilich ohne ernsthaften Widerspruch zu erwarten, zunächst mit einem Gläschen Champagner den Abend zu eröffnen. Infolge dessen als Vorspeise von den hausgemachten Bandnudeln zu probieren, die von einer dezenten Sahnesauce mit ausgelösten Stückchen der Languste begleitet wurden und ganz hervorragend mit einem Glas trockenen Lugana vom Gardasee korrespondierten, einen Wein, den er wärmstens, haha, ein Scherz, der immer gut ankommt, empfahl. Nach angemessener Pause entschied er sich für in bestem Rotwein gedünstete Kalbsleber auf handverlesenen Salaten der Saison in einer unaufdringlichen Vinaigrette, deren wesentlicher Bestandteil ein weißer Balsamico di Modena traditionale, darstellte, das Beste, was es im gehobenen Essigwesen gäbe, wie der Padrone glaubwürdig versicherte. Dazu bestellte er ein Glas Vino Nobile di Montepulciano, jenen Wein, in dem auch die Kalbsleber ihrer Bestimmung entgegen simmerte.

Für den Hauptgang aber wählte der kenntnisreiche Herr von Traubenau einen Rücken vom Milchlamm, "um Gottes willen, Luigi, natürlich nicht in der Kräuterkruste, die nimmt das Aroma und überdies verschrecken die Semmelbrösel, aber ja doch, sondern nur kurz von beiden Seiten, nicht länger als jeweils sieben Minuten, das müssen sie mir versichern, Luigi, im heißen Ofen, jawohl, höchste Stufe, angebraten. Er muss innen noch rosa, fast roh, sein,

Sie wissen, wie ich es liebe, Sie machen das schon. Dazu ein feines Sößchen, en nature, nur der Fond mit enthäuteten und entkernten Tomatenteilen, Thymian und ein wenig Knoblauch, so ist es recht. Gerundet aber von einem Gratin Dauphinois, bitte nicht zu viel Muskat, er darf auf keinen Fall vorschmecken und, nein keine Bohnen im Speckmantel, das ist gewöhnlich, nein, in Butter geschwenkte Broccoliröschen, aber noch knackig im Ansatz und lassen Sie die Stiele großzügig wegschneiden, ich bitte Sie."

Der Padrone Luigi zog bei der letzten Bemerkung, das Gemüse betreffend, unmerklich die linke Augenbraue nach oben und empfahl zu besagter Bestellung einen Brunello di Montalcino, was Herr von Traubenau großzügig akzeptierte.

Dann ließ der Padrone sich zu einem breiten Lächeln herab und verkündete der Signora, dass der Signore von Traubenau weit besser kochen könne als er selbst und er, Luigi, seine Küchentür jederzeit weit für ihn geöffnet lasse, sollte es den Signore einmal gelüsten, seinen Fähigkeiten tatkräftigen Ausdruck am Herd zu verleihen.

Unabhängig davon kam er auf die Frage des Desserts zu sprechen und wollte gerade einen fulminanten Dialog verschiedener Früchte in Aussicht stellen, als Erika bat, sich einen lange gehegten Wunsch, nämlich Tiramisu, erfüllen zu dürfen. Diesmal zogen sowohl Luigi als auch der nette Herr von Traubenau ihre Augenbrauen um Weniges nach oben an, quittierten die Bestellung aber wohlwollend und ohne Widerspruch.

Fräulein Wollschläger wurde zusehends verwirrter in ihrem Kopf, was nur zu kleinen Teilen an dem herrlich perlenden Champagner liegen mochte. Vielmehr war sie einerseits sichtlich beeindruckt von der Sach- und Fachkenntnis, sowie der souveränen Art des in ihren Augen immer netter werdenden Herrn von Traubenau, andererseits hingegen fühlte sie sich zunehmend deplaziert in dieser Welt der Vino Nobile, Brunello, Lammrücken und Gratin Dauphinois, vom Muskat ganz zu schweigen, und ahnte, dass es nicht die ihre war, noch jemals werden würde. Zu groß erschien ihr der Graben, der sich ihr zwischen heimischem Presskopf und hiesigen Langustenstückchen auftat, als dass sie ihn zu überwinden sich zutraute. Diese Erkenntnis wiederum stimmte sie traurig, jedoch beschloss sie, das Essen, den Wein, den Abend insgesamt in vollen Zügen zu genießen, fürderhin aber als einen einmaligen in schöner Erinnerung und nur da, zu behalten, denn sie blieb sich der Mahnung ihrer lieben Mutter durchaus gewärtig, nur nach den Früchten sich zu strecken, die ihr auch erreichbar waren. Was überdies ja auch ein schönes Beispiel für die Nachhaltigkeit einer bodenständigen Erziehung, die auf dem Teppich zu bleiben wusste, darstellte.

So genoss Erika die feinen Speisen, noch um einiges mehr die exzellenten Weine, die sich ihr immer stärker erst im Blut, dann im Kopf festsetzten und plauderte sich mit dem netten Herrn von Traubenau durch die Stunden. Überließ sie anfangs noch ihrem Begleiter und dem geschwätzigen Padrone, der alle Nase lang an ihren Tisch trat und sich nach ihrem Wohlbefinden erkundigte, den Hauptteil der Konversation, so übernahm sie mit der steigenden Anzahl getrunkenen Rebensaftes zunehmend selbst die Gesprächsführung, nannte den Padrone kichernd Luigi und ihren Kavalier Traugott, denn so hieß er.

Endlich war, weit nach der Mitte der Nacht, der Zeitpunkt des Aufbruchs gekommen, der letzte Tropfen Wein seiner Bestimmung zugeführt, hatte der letzte Teller seinen Weg in die Spülmaschine gefunden, als sie wohlige Müdigkeit umflorte. Nur undeutlich nahm sie noch wahr, wie Traugott von Traubenau die Rechnung beglich, deren Höhe sie nicht vollständig verstand, aber als eine sündhafte einordnete, dann schwebte sie am Arm ihres Begleiters, von wortreichen Komplimenten des Padrone begleitet, dem Ausgang des Ristorante zu.

Auf dem Weg dorthin bemerkte sie noch zwei Kellner, die verzweifelt einen hochgewachsenen Mann in langem Mantel und wirrem Haar abzuwehren sich bemühten, der mit lautem Organ über Posamenten sich ausließ, die er hier und jetzt dem Ort zum Heil bringen wollte. Sie wusste nicht, was das war, Posamenten, hatte das Wort noch nie gehört und gleich darauf, als sie in die laue Nachtluft trat, auch wieder vergessen. Mit Sicherheit.

Herr von Traubenau chauffierte die pausenlos plappernde Erika tadellos zu ihrem gemeinsamen Heim, half ihr noch die Treppen hoch, bedankte sich vor der Tür des Dachgeschosses für den wunderbaren Abend, den er mit ihr zu verbringen den Vorzug hatte, wünschte eine angenehme Nachtruhe und entschwand sogleich in seine Privatgemächer.

Erika selbst war zwar ein wenig enttäuscht über seine aufdringliche Unaufdringlichkeit, denn sie war in Stimmung, freute sich aber bei intensiverem Nachdenken darüber, dass die Seriosität ihres Gastgebers keine vorgetäuschte, sondern eine tatsächliche war.

Sie entkleidete sich, verschob die Abendwäsche auf den Morgen, kuschelte sich in das ausladende Doppelbett und fiel alsbald in tiefen Schlaf.

Die nächsten Tage plätscherten dahin wie die Erzählung des Chronisten, Erika fühlte sich wohl in ihrem Dachgeschoss, saß den lieben langen Tag in dem Sessel am Fenster, schaute auf die Mückenschwärme über der träge fließenden Nidda, schlenderte durch die schmalen Gassen von Kilianstädten und verbrachte den Rest des Tages von weißem Schaum umhüllt in der ausladenden Badewanne, die so reichlichen Platz bot.

Abends, wenn der nette Herr von Traubenau, von seiner Tätigkeit kommend, sein Heim betrat, nahmen sie zusammen das Nachtmahl ein, wobei ihr Gastgeber darauf bestand, es höchst selbst zuzubereiten, obwohl Erika sich mehrmals anbot, ihm hierbei zur Hand zu gehen, tranken die eine oder andere Flasche Wein dazu, bis Herr von Traubenau, unaufschiebbare Arbeit vorgebend, sich in sein häusliches Kontor begab, während sie vor dem Fernseher all die bunten Programme staunend sich besah, die sie aufgrund ihrer Äbbelwoi verteilenden Abendbeschäftigung im elterlichen Wirtshaus bislang nie zu Gesicht bekommen hatte. So vergingen die jeweils vierundzwanzig Stunden der Tage und die Nidda zog dahin.

2

Am fünften oder sechsten Tag ihres Daseins indes begab sich der wackere Referendar Wildgruber in sein Automobil und rauschte von Büdesheim nach Kilianstädten, das Erika zu finden und traf am Ende der Uferstraße, wo es rechts nach Niederdorfelden, links aber nach Hanau ging, auf eine recht windige Holzbude, die er nach kurzem Hinsehen als Imbiss wahrnahm.

Der Referendar lenkte seinen Kadett nach links den Berg hoch und fuhr dann auf den kleinen Parkplatz der in Fahrtrichtung gelegenen Gaststätte Hahn. Er wollte sich erfrischen und hoffte insgeheim, von der örtlichen Bevölkerung einige Auskunft über das Haus zu bekommen, in dem seine Erika seit Tagen Tisch und Bett gefunden hatte.

Als er die Gaststätte Hahn betrat, schlug ihm ein neobäuerliches, mit starken griechischen Elementen versehenes Interieur wuchtig entgegen. An den Wänden hingen farbenfrohe Naivitäten größerer Formate, hellenische Alltagsszenen mit Meer, Sonne und unzähligen, Netze verteilenden Fischerbooten, darstellend. Es roch nach zwiebligem Schnetzelfleisch, das die Türken Kebab, die Griechen hingegen Gyros nennen.

An der Theke hockten zwei ältere Gesellen eindeutig hessischer Herkunft, ansonsten war die gastliche Taverna bar jeden weiteren Besuchs. Wildgruber wollte schon den Rückzug antreten, als sein Blick auf eine adrette Weibsperson mittleren Alters fiel, die hinter der Theke mit frisch gespülten Gläsern hantierte, besann sich unbewusst eines Besseren, nahm an einem der in Nischen eingebauten Tische Platz und vertiefte sich scheinbar interessiert in die dort ausliegende kunstlederne Speisenkarte.

Nach kurzer Weile erschien das äußerst feminine Geschöpf und fragte höflich nach seinem Begehr. Der Referendar hob seine Nase aus der Plastikkarte und schaute der Bedienung ins liebliche Gesicht, nahm verschwommen zwei rehbraune Augen wahr und einen rot umrandeten Kussmund. Er fühlte plötzlich eine nicht unbedeutende Wärme in sich aufsteigen. Nach Sekunden verlegenen Schweigens klappte er die Karte zu und sagte in wenig flüssiger Sprechweise:

"Mein Name ist Wildgruber und ich hätte gerne einen Äbbelwoi, nein, warten Sie, doch lieber ein Bier, ja, bitte ein Bier, bitte."

Die Bedienung aber legte ein anziehendes Lächeln auf ihr Antlitz und hauchte:

"Sehr gerne, Herr Wildgruber, ein Henninger, ich bin die Frau Czerny und der Herr dort vorne rechts", sie deutete auf die beiden am Tresen sitzenden Gesellen, "ist der Röser Heinz und daneben sitzt der Linder Karl."

Beide Herren sahen sich zu ihm um, nickten freundlich und Herr Röser antwortete:

"E Gude, Herr Wildgruber."

Wenngleich sich der Chronist zu Beginn der Niederschrift geschworen hatte, den Fluss der Erzählung nicht durch eigene, meist nur ablenkende Kommentare zu stören, scheint es ihm an dieser Stelle dennoch angebracht, die selbst auferlegte absentia zu brechen, gilt es doch zwei Punkte zu klären:

Zum einen sei angemerkt, dass es auch im Hessenlande durchaus nicht üblich ist, sich beim Betreten einer Restauration mit dem Namen vorzustellen und dann, auch bei mäßigem Besuch der Gastwirtschaft, die anwesenden Gäste ihrerseits mit dem Namen benannt zu bekommen, noch seltener indes den Nachnamen der Bedienung und dann noch von ihr selbst.