Pagans - Ein Killer. Zwei Cops. Hunderte Götter - James Alistair Henry - E-Book
SONDERANGEBOT

Pagans - Ein Killer. Zwei Cops. Hunderte Götter E-Book

James Alistair Henry

0,0
14,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 14,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Saturday-Times-Bestseller

Eine fremde Welt. Und doch vertraut. Und sehr, sehr tödlich

England, heute: Ein modernes Land, doch die industrielle Revolution hat hier nie stattgefunden. Stattdessen stammen alle technischen Errungenschaften von der weitaus fortschrittlicheren Südhalbkugel. Auf den britischen Inseln leben Kelten, Sachsen und Pikten in einem brüchigen Frieden zusammen. Regelmäßig gibt es Versuche, die Insel zu einem »United Kingdom« zu vereinen. Ausgerechnet zu solch einem Zeitpunkt wird die Leiche eines keltischen Diplomaten aufgefunden, brutal angenagelt an einen uralten Baum. Die sächsische Ermittlerin Aedith und der keltische Inspektor Drustan werden trotz aller Gegensätze und Konflikte gemeinsam auf den Fall angesetzt. Können sie den Täter fassen, bevor er die Friedensbemühungen zunichte macht und das Land ins Chaos stürzt?

»Eines der besten Debüts seit Langem. Henrys Mischung aus Alternativwelt-Elementen und klassischem Krimi ist innovativ, unterhaltsam, bissig und sehr oft sehr lustig.« The Financial Times

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 535

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Cover

Inhalt

Über das Buch

Über den Autor

Karte der Lande

Die Stadt London

Titel

Impressum

Widmung

Auszug aus: Länderprofile …

Auszug aus: Ökonom von Lagos …

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Siebenundvierzig

Achtundvierzig

Neunundvierzig

Fünfzig

Einundfünfzig

Zweiundfünfzig

Dreiundfünfzig

Vierundfünfzig

Fünfundfünfzig

Sechsundfünfzig

Siebenundfünfzig

Achtundfünfzig

Neunundfünfzig

Sechzig

Einundsechzig

Zweiundsechzig

Dreiundsechzig

Vierundsechzig

Fünfundsechzig

Sechsundsechzig

Siebenundsechzig

Achtundsechzig

Neunundsechzig

Siebzig

Einundsiebzig

Zweiundsiebzig

Verzeichnis der Hauptpersonen

Glossar

Danksagungen

Bibliografie

Zur weiteren Lektüre empfohlen

Cover

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Inhaltsbeginn

Impressum

Über das Buch

Saturday-Times-Bestseller

Eine fremde Welt. Und doch vertraut. Und sehr, sehr tödlich

England, heute: Ein modernes Land, doch die industrielle Revolution hat hier nie stattgefunden. Stattdessen stammen alle technischen Errungenschaften von der weitaus fortschrittlicheren Südhalbkugel. Auf den britischen Inseln leben Kelten, Sachsen und Pikten in einem brüchigen Frieden zusammen. Regelmäßig gibt es Versuche, die Insel zu einem »United Kingdom« zu vereinen. Ausgerechnet zu solch einem Zeitpunkt wird die Leiche eines keltischen Diplomaten aufgefunden, brutal angenagelt an einen uralten Baum. Die sächsische Ermittlerin Aedith und der keltische Inspektor Drustan werden trotz aller Gegensätze und Konflikte gemeinsam auf den Fall angesetzt. Können sie den Täter fassen, bevor er die Friedensbemühungen zunichte macht und das Land ins Chaos stürzt?

»Eines der besten Debüts seit Langem. Henrys Mischung aus Alternativwelt-Elementen und klassischem Krimi ist innovativ, unterhaltsam, bissig und sehr oft sehr lustig.« The Financial Times

Über den Autor

James Alistair Henry arbeitete als Buchhändler und ist ein bekannter und vielfach ausgezeichneter Drehbuchautor und Redakteur, u.a. für die Kult-Serien SMACK THE PONY, GREEN WING, CAMPUS sowie für die erfolgreichen Kinderserien BOB DER BAUMEISTER, HEY DUGGEE und SHAUN, DAS SCHAF. Seine Sketchshow WOSSON CORNWALL wurde zur BBC RADIO COMEDY OF THE WEEK gewählt. James lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Cornwall.

JAMES ALISTAIR HENRY

PAGANS

EIN KILLER. ZWEI COPS. HUNDERTE GÖTTER

THRILLER

Übersetzung aus dem Englischen von Dietmar Schmidt

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Titel der englischen Originalausgabe:»Pagans« – published by Moonflower Publishing Ltd.

Für die Originalausgabe:Copyright © 2025 by James Alistair HenryThis translation of PAGANS is published by arrangement with James Alistair Henry

Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2025 byBastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6–20, 51063 Köln, Deutschland

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten. Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.

Textredaktion: Dr. Frank Weinreich, BochumUmschlaggestaltung: Guter Punkt, München | www.guter-punkt.deKartenillustrationen: Markus Weber, Guter Punkt, München | www.guter-punkt.deUmschlagmotiv: © Adobe Stock: jes2uphoto | Fouadbz & © Getty Images plus: Maxger© Adobe Stock: jes2uphoto | Fouadbz & © GettyImages plus: Maxger© Adobe Stock: jes2uphoto | Fouadbz & © Getty Images plus: Maxger© Adobe Stock: jes2uphoto | Fouadbz & © Getty Images plus: MaxgereBook-Erstellung: two-up, Düsseldorf

ISBN 978-3-7517-8402-3

luebbe.delesejury.de

Für Richard und Julia.Und für meine Familie, weil sie geduldig ist.

Auszug aus

Länderprofile der Kollektiven panafrikanischen Nachrichtendienste, Informationsblatt Britannien

Dieses Entwicklungsland gleich vor der Küste des Islamischen Kalifats von Südeuropa bevölkert eine widerwillige Allianz dreier Nationalstaaten, die von Religion, Kultur und Sprache getrennt werden: die Kelten der Stammesgebiete der Westlande und Cymru, die englischen Angelsachsen des Ostens und die Norsen der Demokratischen Republik Schottland im Norden hinter einer in hohem Maß militarisierten Grenze, die als der Wall bekannt ist.

Von den drei Nationen sind die Norsen am wohlhabendsten, mit Eidenhaugr als Finanzzentrum der Nordischen Wirtschaftsunion, während das angelsächsische England sich müht, Schritt zu halten und die Stammesgebiete im Westen unter jahrelanger Unterdrückung und Ausbeutung ihrer nationalen Bodenschätze durch ihre Nachbarn leiden.

Auszug aus

Ökonom von Lagos: Globaler Jahresindex, aktuelle Ausgabe

Wie in den zurückliegenden beiden Jahrhunderten bleiben die Vereinigten Staaten von Panafrika die dominante Weltmacht, dichtauf gefolgt vom Mogulreich von Indien und dem Islamischen Kalifat von Südeuropa.

Unterdessen zieht es die Nordische Wirtschaftsunion (bestehend aus der Demokratischen Republik Schottland, Islenska, den Danelanden, dem Sápmi-Nynorsk-Suomi-Protektorat und dem Königreich von Sverland) vor, sich auf Finanzangelegenheiten zu konzentrieren, während sie als Bollwerk fungiert, sollten die verschiedenen zerstrittenen Nationen, die das Zaristische Konglomerat bilden, sich jemals zusammenraufen und versuchen, nach Westen zu expandieren.

Weiter östlich behalten die Han die Oberhand über die mit ihnen rivalisierenden Dynastien, schmieden aber still und leise Verbindungen mit einer Anzahl schwacher nordeuropäischer Länder, um außerhalb ihrer traditionellen Grenzen Fuß zu fassen. Ihr Wunsch nach Kontrolle über eine Anzahl von Häfen in kalten Gewässern ist Panafrika nicht entgangen.

Diverse Weltmächte haben wirtschaftliches Interesse an den gewaltigen Naturschätzen der Prärien und den Erzvorkommen von Nordamerika, aber eine Reihe von Verträgen mit den indigenen Völkern der dortigen Ersten Nation hält ein zerbrechliches Gleichgewicht aufrecht, das es keiner Partei ermöglicht, die alleinige Kontrolle an sich zu bringen.

Eins

Oladele hatte lange davon geträumt, die großen englischen Wälder im Herbst zu sehen. Tayo, ihr Verlobter – nein, Ehemann, daran musste sie sich noch gewöhnen –, war von der Idee allerdings weniger angetan gewesen. In den Tagen, bevor sie ihre Flitterwochen buchten, hatte er ihr immer wieder Fotos sonnenverwöhnter Strände und Palmen, sogar von Segelurlauben gezeigt. Ihr Entschluss war jedoch unerschütterlich geblieben, und nun wanderten sie eine halbe Welt von zu Hause entfernt unter grauem Himmel durch den urtümlichen Wald. Der Sommer hatte in diesem Jahr länger angehalten, als er willkommen gewesen war, und obwohl der Herbst begonnen hatte, fielen kaum Blätter, und schon gar nicht zeigten sich die strahlenden Rot- und Orangetöne, die man ihnen versprochen hatte.

Tayo hatte Oladele angefleht, wenigstens einen ortskundigen Führer zu engagieren. Zwei seiner Kollegen waren vor ein paar Jahren mit einem Billigflug auf eine Bumstour nach Britannien gegangen. Der Einheimische, an den sie geraten waren, hatte sie offenbar mit der lokalen Braukunst bekannt gemacht, zu einer druidischen Visionssuche mitgenommen und ihnen sogar einen Ersatzleihwagen beschafft, nachdem ihr Allradfahrzeug mit Achsbruch auf einem Feldweg liegen geblieben war. Aber Oladele hatte seinen Vorschlag abgelehnt.

»Wir erkunden das Land allein«, erklärte sie. »Ich will keinen Einheimischen in einem schicken Kostüm, der uns tagsüber die Touristenfallen zeigt und am Abend in seinem Wohnwagen drahtlos ins Netz geht. Lass uns einfach losgehen und ein Abenteuer erleben. Wir fahren nicht nach Lagos. Wir reisen in die Wildnis!«

Also hatten sie sich eine Hütte tief im Wald gemietet, mit einem Bediensteten, der abends für sie kochte und den Kühlschrank mit einheimischem Essen gefüllt hielt. Jede Speise wurde abends ersetzt, ob sie sie nun aßen oder nicht – aber zum Glück hatte es die gedünsteten Lauchstangen vom ersten Tag kein zweites Mal gegeben.

»Ich kann nicht fassen, dass London nur zehn Meilen weit weg ist«, staunte Oladele, während sie eine weitere Waldlichtung durchquerten. Tayo murmelte eine Antwort, schien aber mehr damit beschäftigt zu sein, nervöse Blicke auf die Bäume zu werfen. Oladele seufzte. Er hatte Angst vor Wölfen. Sie hatte ihm versichert, dass es in Britannien keine Wölfe mehr gebe, doch Tayo hatte erwidert, es sei schließlich geplant, welche auszuwildern. Aber war es dabei nicht um Bären gegangen?

»Ich hätte eine dickere Jacke anziehen sollen«, klagte er. Oladele rollte mit den Augen. Ihr war unangenehm bewusst, dass sie während ihrer Flitterwochen schon oft mit den Augen gerollt hatte, stieß aber frauhaft durchs Dorngestrüpp (zu genau diesem Zweck trug sie dicke Handschuhe) auf die nächste Lichtung vor: eine weite, untertassenförmige Mulde im Wald mit einer einzelnen mächtigen Eiche in der Mitte. Oder nannte man so etwas eine Niederung?

Jemand war vor ihnen hierhergelangt. Ein Mann mit herunterhängendem Schnauzbart, ein Weißer – und er war richtig weiß, eindeutig blutarm – lehnte am breiten Stamm des Baumes. Er trug nur eine zerlumpte Hose. Seine Brust bedeckten Tätowierungen, meist schwarz, aber mit einem eingeflochtenen Motiv in Weinrot. Die Arme hatte er in Schulterhöhe ausgestreckt, der Kopf war zur Seite geneigt, die Füße waren aneinandergesetzt. Eine merkwürdige Haltung war das. Wie zahlreiche Einheimische trug der Mann einen Reif aus Metall um den Hals, der aus kunstvoll verdrilltem Draht bestand. Viel hatten die Leute hier nicht zustande gebracht, aber sie waren großartige Handwerker.

»Ich glaube, das ist etwas Religiöses.« Tayo beschirmte vorsichtig die Augen mit der Hand. »Wir sollten ihn nicht stören.«

Aber Oladele schritt bereits auf den Mann zu, das Mobiltelefon vorgestreckt. Sie wollte ihn natürlich um Erlaubnis bitten, bevor sie ein Foto aufnahm; Respekt gegenüber fremden Kulturen war wichtig. Falls er Nein sagte, würde sie das Mobifon sofort wieder einstecken, aber vielleicht war es ja möglich, ein wenig miteinander zu reden. Im Moment konnte sie etwas alte Weisheit gut brauchen, und der Einheimische sah danach aus, als wüsste er das eine oder andere.

»Hallo?«, sprach sie ihn an, aber der Mann hob nicht den Kopf. Als sie näher trat, bemerkte sie, dass das silbrige Funkeln an seinen Handgelenken und Fußknöcheln nicht von Schmuck kam, wie sie geglaubt hatte, sondern von Nägeln, die durch Fleisch und Knochen in den Baum getrieben worden waren. Und ihm war die Kehle durchgeschnitten worden. Was Oladele für weinrote Tätowierungen gehalten hatte, waren in Wirklichkeit Rinnsale geronnenen Blutes.

Oladele senkte ihr Telefon, als Tayo sie einholte. »Oh«, sagte er, nachdem er lange geschwiegen hatte. »Meinst du, sie erstatten uns dafür einen Teil des Reisepreises zurück?«

Oladele machte sich auf die Suche nach einer Stelle, von der aus sie eine Verbindung bekam und die Polizei anrufen konnte. Dabei versuchte sie, den wachsenden Verdacht zu ignorieren, dass ihre Ehe nicht lange halten würde.

Zwei

Die schwarze Limousine musste scharf bremsen, weil ein Krankenwagen mit heulenden Sirenen vorbeiraste. Eine Sekunde später war er verschwunden, ein grün-weißer Schemen. Das vertraute Zeichen des Apfels verlor sich im Londoner Straßenverkehr und gestattete die Weiterfahrt. Der Elektromotor lief mit minimalem Jaulen wieder an.

Aedith hasste die Limousine, aber ihr Vater hatte darauf bestanden, dass sie die benutzte. Aus kleinlichem Trotz hatte sie dem Chauffeur den Abend freigegeben und saß nun selbst am Steuer. Coram hätte die Fingerrunen für »nicht beeindruckt« gezeigt, hätte er davon gewusst, aber sie hatte ihn unter Hildes Aufsicht zu Hause gelassen, damit er seine Mathearbeit korrigierte. Im Augenblick beneidete sie ihn ein bisschen.

Auf den Straßen war viel los, und die Schwelle, die Gehsteig und Fahrbahn trennte und selbst im besten Fall kaum wahrnehmbar war, bestand nur noch theoretisch. Normalerweise hätte Aedith Blaulicht und Sirene eingeschaltet und wäre dem längst verschwundenen Krankenwagen auf den Fersen gefolgt, als gäbe sie ihm Begleitschutz, aber die Limousine verfügte unverständlicherweise nicht über eine Sirene. Dafür waren die Fensterscheiben kugelsicher, was es jedoch mit sich brachte, dass man sie nicht hinunterkurbeln konnte, um die Fußgänger anzubrüllen. Oder um auf sie zu schießen.

Sie hielt an einer Ampel. Wie aufs Stichwort knallte ein Mann seine Hand auf die Seitenscheibe. Die Hand war schmutzig, die zusammengewürfelte Kleidung ihres Eigentümers ebenso. Eine tätowierte Fratze blickte Aedith in trunkener Erbostheit an. Über das Gesicht des Mannes lief ein abstraktes Wieland-Muster aus verketteten Leiterplatten bis zum Haaransatz hoch. Wieland der Schmied war vor einem guten Jahrzehnt der angesagte Schutzgeist der meisten IT-Abteilungen gewesen, aber längst aus der Mode gekommen. Vermutlich hatte der Mann vor ein paar Jahren seinen Job verloren, als die einheimische Telekommunikationsindustrie zum allergrößten Teil vom Mogulreich aufgekauft worden war.

Seinerseits musste der Mann verblüfft sein, dass er nicht wie erwartet einen ausländischen Würdenträger oder einen Promi aus den Graswurzelmedien erblickte. Vielmehr hatte er eine Angelsächsin Mitte dreißig vor sich, die ihre blonden Haare zu zwei Zöpfen geflochten hatte, Silberreife an beiden Armen trug und in einer teuren zeitgenössischen Variante des klassischen Hemdkleids steckte. Er fasste sich rasch und schrie Obszönitäten, bis Aedith ins Handschuhfach griff, Lungenlocher herausholte und mit dem Lauf gegen die Scheibe klopfte. Beim Anblick der großen Pistole wich der Mann rasch in die Menge seiner Altersgenossen zurück.

Die Ampel wurde grün. Aedith lenkte die Limousine um einen keltischen Ältesten mit Schnauzbart in traditionellem Gewand, der seinen Ochsen über die Straße führte, schlug den Weg nach Westend ein und trat das Gaspedal durch. Je früher sie dort war, desto eher konnte sie wieder gehen. Aedith hasste Feste.

Das Au galt weithin als bestes Hotel der Hauptstadt und lag nur einen Steinwurf von der Londoner Brücke entfernt. Ein kurzer Fußmarsch, und man war am Königspalast. Seit Aediths Kindertagen hatten so gut wie alle Familienfeiern im Au stattgefunden. Und genau deswegen verabscheute sie das Haus. Auf jeden Fall missachtete sie jeglichen Instinkt, als sie Lungenlocher ins Handschuhfach zurücklegte, bevor sie die Limousine einem Diener übergab. Mit dem Gedanken, dass sie gleich in den Kampf ziehen würde, beruhigte sie ihren knurrenden Tiergeist. Ihr Therapeut hatte in Betracht gezogen, er sei ein Falke, aber Aedith war ziemlich sicher gewesen, dass er ihr schmeichelte, um auf diesem Weg ihren Vater als Klienten zu gewinnen, und hatte ihn kurz darauf gefeuert. Der bevorstehende Kampf würde sich freilich mehr im gesellschaftlichen als im physischen Reich abspielen und erforderte ganz andere Werkzeuge als eine Selbstladepistole. Ihr Tiergeist grollte noch missmutig vor sich hin, als sie sich am Eingang auswies, tief durchatmete und den Festsaal betrat.

»Wer hat dir denn die Frisur ruiniert?«, fragte Deedra Kesair. »Den solltest du ermorden lassen.«

Deedra trug ein elegantes schwarzes Kleid, möglicherweise lombardischer Herkunft – die Merkmale teurer Mode zu kennen, stand auf Aediths Prioritätenliste nicht gerade weit oben. Das kastanienbraune Haar trug sie hochgesteckt, der Torques um ihren Hals war so fein gesponnen, dass es sich mehr um eine geisterhafte Andeutung von Identität handelte als ein Objekt aus eigenem Recht. Die gesamte linke Hälfte ihres Gesichts war von geschwungenen schwarzen Tätowierungen geprägt, die sich den Hals hinunterzogen und eine ihre Brüste umliefen, soweit man sehen konnte, was recht weit war – elegant bedeutete nicht praktisch.

»Du hast zugenommen!« Aedith umarmte sie mit allen Zeichen des Entzückens. »Das steht dir gut. Mir gefällst du etwas dicker.«

Deedra schob sie lächelnd von sich. Die gekrümmten Eckzähne, an die sich Aedith aus Schulzeiten erinnerte, waren längst durch maurische Zahnarztkunst begradigt worden, aber irgendwie sah sie dadurch nicht zahmer aus, sondern noch wilder.

»Sei mal ganz ehrlich.« Ihre Augen funkelten. »Wenn du in diesem Saal drei Leute verhaften müsstest, wen würdest du nehmen?«

»Da fällt mir ein«, sagte Aedith, »lächle, als würde ich dich fotografieren. Was ich natürlich nicht tun werde, weil deine irren Indij-Tätos mir bestimmt Schadprogramme aufs Mobifon spielen würden, aber ich brauche den Vorwand.«

Aedith zog das Mobiltelefon aus der versteckten Tasche ihres Kleids und richtete es auf, wenn auch nicht ganz genau auf Deedra, die hämisch eine Vielzahl an Promigesichtern zog, während Aedith so unauffällig, wie es ihr möglich war, die Anwesenden abtastete.

»Dein Vater steht mit etwas Schottischem in der Ecke.« Deedra zog ein Ich-habe-gerade-jemanden-entdeckt-den-ich-kenne-Gesicht, und vermutlich stimmte das sogar. »Getränk und Delegierte.«

Aediths Telefon legte sich ins Zeug, erntete Gesichter und ließ Namen und Beschäftigungen schneller aufblitzen, als sie es verarbeiten konnte. Aber egal, es war einfach vernünftig, so viele Identitäten einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit zuzuordnen wie möglich, wann immer man Gelegenheit dazu hatte. Klar, nur die, die keine Absicht hegten, ein Verbrechen zu begehen, oder so mächtig waren, dass sie ungestraft damit davonkamen, ließen überhaupt zu, dass ihre Mobifone ihre Identität jedermann verkündeten. Man wusste aber nie, wann solche Daten einmal wertvoll werden mochten.

Das Au war dafür bekannt, norsischen Chic mit einer bodenständigen englischen Deutung des Jenseits zu verschmelzen: Fußböden aus hellem Stein unter Holzpfeilern mit kunstvollen Schnitzereien, dazu so viel von Feenlampen durchsetztes Grün, wie man unter einer Decke nur anbringen konnte, und ununterbrochen Harfenmusik. Die Zimmer des Hotels waren ähnlich dekoriert, außerdem mit echten Graburnen ausgestattet, die wagemutig in jedem Nordostalkoven platziert wurden. Als Aedith jung gewesen war, hatte sie fest daran geglaubt, dass die Urnen mit der Asche toter Menschen gefüllt seien. Edric hatte einmal eine davon ausgekippt, ohne auf die Entsetzensschreie seiner jüngeren Schwester zu achten, weil er sehen wollte, was wirklich drin war. Gefunden hatte er ein leeres Zigarettenpäckchen, eine zerknüllte Quittung des Zimmerservice (Jollof-Reis mit Hühnchen) und eine tote Motte.

Aedith hatte es Edric nie gestanden, aber sie schrieb seinem Tun an diesem Abend zwei wesentliche Änderungen ihres Glaubenssystems zu: dass Religion fast mit Sicherheit Blödsinn war und dass sie nichts anderes tun wollte, als aus den Überbleibseln, die die Menschen hinter sich zurückließen, zu schlussfolgern, was für ein Leben sie führten. Der Polizei war sie erst zwölf Jahre später beigetreten, aber geistig war sie damals auf der Stelle zu den Anwerbern gelaufen.

Kur-Earl Lod (Mercia) schrieb Aediths Telefon über den bärtigen Kopf eines Mannes mit breiter Brust Mitte fünfzig, der sich in einen schwarzen Anzug gezwängt hatte. Er übergab sein leeres Glas an einen vorbeigehenden Kelnler und wandte sich Aedith zu, bevor sie so tun konnte, als hätte sie nicht soeben die Gäste einer gesellschaftlichen Zusammenkunft katalogisiert, die vor allem seinetwegen stattfand.

»Das war passabel, Liebste.« Deedra hauchte ihr einen Kuss zu und entfernte sich geradezu mit Hüpfschritten ans andere Ende des Saals.

»Du kannst nicht nur mit deinen Schulfreundinnen reden«, brummte Lod und küsste Aedith mit seiner stets überraschenden Behutsamkeit auf die Wange. »Als Bad in der Menge zählt das noch nicht. Du musst neue Leute kennenlernen.«

Vom Anzug abgesehen hätte Lod jedweder Patriarch der Familie Mercia aus den letzten beiden Jahrtausenden sein können. Aedith hatte all die Schnitzarbeiten gesehen: finster blickende Augen unter einer breiten Stirn, wirrer Bart, wallendes Haar, Tätowierungen, die den Hals hinaufkletterten, die Finger mit Silberringen besetzt. Die Frauen wurden traditionell in Gobelins gestickt, doch Aedith hatte bereits äußerst deutlich gemacht, wie wenig sie davon hielt. Wenn Lods Zeit kam, würde sie dafür sorgen, dass der Kunstschnitzer, der mit dem Auftrag geehrt wurde, ein Mobiltelefon und eine Datentafel voller Kalkulationstabellen einfügte: zwei Waffen, die Lod benutzte, um die Mercier in der angelsächsischen Hackordnung ganz oder zumindest weit oben zu halten, lange nachdem Speere und Streitäxte aus der Mode geraten waren.

»Ich lerne ständig neue Leute kennen, Vater. Normalerweise stehen sie neben einer Leiche und streiten alles ab, aber es zählt trotzdem.«

Lod grinste. Die Hälfte seiner Zähne bestand aus Silber, das ebenso aus dem Familienschatz stammte wie seine Ringe. Wenn er starb, falls er je starb, müsste man sie ihm ziehen, einschmelzen und wieder mit dem übrigen Hort vereinen. »Wie geht es dem Jungen?«

»Falls er je sein Zimmer verlassen sollte, werde ich dich sofort verständigen.«

»Pffff.« Lod sah sie verschlagen an. »Halbwüchsige.«

Aedith öffnete den Mund und schloss ihn wieder. »Gut. Führ mich herum und zeig den Leuten, dass deine Tochter einer echten Arbeit nachgeht. Ich weiß, wie viel dir das bedeutet.«

»Unsinn, ich möchte dich nur ein paar Leuten vorstellen. Versuch, niemanden mit mehr als drei Leibwächtern zu verhaften. Es könnte blutig werden.«

»Ich werde nicht …«, setzte Aedith an, aber Lod führte sie bereits einer Panafrikanerin Mitte fünfzig zu, die in eine Robe gekleidet war und an einem Trank nippte; der ebenso distinguierte Mann neben ihr hatte einen Arm um ihre Taille gelegt.

»Senatorin Legat von der kongolesischen Delegation«, stellte Lod vor. Legat nickte und empfing Aedith mit einem Lächeln, das aufrichtig und herzlich wirken musste. »Und ihr Ehemann Fabrice. Meine Tochter Aedith.«

»Ich glaube, wir kennen uns bereits«, sagte Aedith. »Ihr Mann und ich.« Sie lächelte strahlend. Fabrice zeigte keine Regung.

»Mein Mann besucht Ihr schönes Land jedes Jahr mehrmals«, sagte Legat. »Um an diversen Wohltätigkeitsveranstaltungen teilzunehmen.«

Fabrices Gesicht blieb ausdruckslos.

»Gewiss«, sagte Aedith.

»Und was macht Ihre Tochter?«, fragte Legat.

»Sie arbeitet im öffentlichen Dienst«, antwortete Lod rasch, neigte den Kopf vor ihr und führte Aedith weiter.

»Hab ihn vergangenes Jahr aus dem Bordell am Tümmlerplatz gezerrt«, sagte Aedith leise, als sie sich einem Tisch näherten, der geistreiche Anklänge an die kulinarischen Traditionen des Gastgeberlandes präsentierte: gewürzte Gerstenkuchen, gebratene Apfelscheiben und mit wer weiß was bestreute Honigwaben. Das meiste war unberührt. »Im Nachbarzimmer war irgendein armes Kind totgeprügelt worden. Ich glaube nicht, dass Herr Legat etwas davon wusste, aber die Staatspolizei hat ihn weggezaubert, bevor ich Gelegenheit erhielt, ihm auch nur eine heikle Frage zu stellen.«

»Interessant«, stellte Lod fest. »Stand er auf Jungen oder Mädchen?«

Aedith nahm sich einen Gerstenkuchen. »Soweit ich mich erinnere, war er nicht wählerisch. Wolltest du deshalb, dass ich komme? Du wirst doch bestimmt die schmutzige Wäsche der allermeisten Gäste genauestens kennen.«

»Die Panafrikaner schätzen die offene Zurschaustellung familiärer Verbindungen«, antwortete Lod. »Ich konnte ja schlecht Edric mitbringen, nicht wahr?«

»Natürlich nicht. Dazu müsstest du ihn auf freien Fuß setzen lassen.«

Lod zuckte mit den Schultern. »Er muss büßen, das ist dir klar. Zu gegebener Zeit wird er freikommen. Aber ja, gut, ich hatte ein anderes Motiv. Du musst eine Lesung für mich vornehmen.«

Seine Handbewegung schloss die ganze Menschenmenge ein. Im Saal mussten wenigstens hundertfünfzig Personen sein, Kellner und Harfner eingeschlossen.

»Eine Lesung?«, fragte Aedith. »Mit einer Drohne wärst du besser dran.«

»Über Technik verfüge ich selbst. Ich weiß deine Intuition zu schätzen.«

»Würg. Schmeichelei.« Trotzdem betrachtete Aedith die Versammelten.

Lod biss in einen Gerstenkuchen. »Die sind wirklich sehr gut«, sagte er zu einer Kellnerin, die errötete und rückwärts wich, den Blick zu Boden gesenkt. Er grinste. »Ich hab’s noch drauf.«

»Halt den Mund, Vater.«

Gehorsam schluckte Lod den Rest des Kuchens herunter und wartete.

»Also«, sagte sie. »Zwei vom Servicepersonal arbeiten für die Moguln. Der Kerl da drüben sieht wie ein Angelsachse aus, hat aber ein Mikro am Handgelenk und ist tatsächlich ein sehr, sehr, sehr hellhäutiger Mischling. Daher ziehe ich eine rassistische Schlussfolgerung und nehme an, dass er für die Panafrikaner tätig ist. Der Rest arbeitet vermutlich für dich. Die Norsen haben es nicht so mit der Aufklärung durch menschliche Quellen, weshalb ich vermute, dass an den Pfeilern Mikrofone versteckt sind. Vielleicht haben sie im Gebäude gegenüber sogar jemanden mit einem von diesen schicken Fernabhörgeräten postiert, mit denen man die Schwingungen der Fensterscheiben aufzeichnen und in Gesprochenes übersetzen kann. Die Kelten, würde ich sagen, führen weder Aufklärung durch menschliche Quellen noch mithilfe von Technik durch und sind wegen irgendetwas befremdet. Sie halten sich jedoch von Deedra fern, was ansatzweise interessant ist. Worum geht es bei diesem Empfang eigentlich?«

Lod zupfte sich am Bart, ein Zeichen dafür, wie Aedith vor Jahren begriffen hatte, dass er zumindest milde amüsiert war. »Eine Theorie besagt, dass wir endlich etwas aus uns machen könnten, falls England, die verschiedenen Stammesgebiete des Westens und unser norsischer Nachbar jenseits des Walls sich zusammentäten und zu einer Nation würden. Vermutlich hast du mich schon das eine oder andere Mal davon sprechen gehört. Wie dem auch sei, der neue Einigungsgipfel beginnt in drei Tagen.«

»Oh«, sagte Aedith. »Das! Ich wusste doch, es muss einen Grund geben, wenn mein Dezernat von den Mordfällen abgezogen wird, damit wir Barackensiedlungen räumen können, während gleichzeitig die Nutten ihre Preise anheben.«

Ungefähr alle fünf Jahre fand ein neuer Einigungsgipfel statt, oder vielleicht war es auch immer das gleiche Gipfeltreffen, das mehr oder weniger permanent inoffiziell weitertagte und nur ab und zu den Kopf aus dem Wasser streckte. Einigungsbestrebungen hatte es schon gegeben, bevor Aedith geboren wurde, und sie erwartete, dass die Gipfeltreffen noch weitergingen, wenn sie längst tot war. Sie hatten sich zu einer eigenen Industrie entwickelt, deren Geschäfte, wie Aedith bezeugen könnte, nicht ausnahmslos legaler Natur waren.

»Du fühlst dich der Zukunft deines Landes nicht verpflichtet?«, fragte Lod.

Aedith rollte mit den Augen und war sich nur zu deutlich bewusst, dass jede Begegnung mit ihrem Vater sie wieder zu einer Heranwachsenden machte. Diese Phase ihres Lebens fasste sie gern unter der Überschrift Damals, als ich noch keine Schusswaffe besaß zusammen.

»Vater, wir sind drei Königreiche, die zufällig auf derselben Insel liegen. Das ist wie einer von diesen Witzen, die anfangen mit: ›Kommen ein Kelte, ein Angelsachse und ein Norse in die Kneipe …‹ Sobald eine Seite entscheidet, dass sich durch die Vereinigung mit einer zweiten etwas gewinnen lässt, schießt die dritte aus Prinzip quer. Die Stämme haben Land, aber kein Geld. Die Norsen haben Geld, aber nicht so viel Land, wie sie gern hätten. Wir haben von beidem gerade so viel, dass wir nicht riskieren, auch nur ein bisschen davon zu verlieren. Ganz zu schweigen von der Insel hinter dem Meer.«

Die irischen Stämme waren auf das erste Gipfeltreffen vor etwa dreißig Jahren eingeladen gewesen. Es war übel gelaufen, und seitdem schienen sie sich mit einer der größeren chinesischen Dynastien zusammengetan zu haben, was bedeutete, dass sie viele neue Straßen und Flughäfen bekamen, solange sie sich nur von ihren zerstrittenen Nachbarn im Osten fernhielten; was ihnen auch gut zu passen schien.

Aediths Mobifon trällerte.

»Die Arbeit ruft. Es war schön, dich wiederzusehen. Ich sage Coram, dass du nach ihm gefragt hast. Richte Mutter liebe Grüße aus.«

Lod grunzte, hob zum Abschiedsgruß einen zweiten Gerstenkuchen, aber Aedith war bereits stehen geblieben, das Telefon am Ohr.

»Augenblick. Vater, weißt du, was die Stammesleute da drüben so sehr beschäftigt?«

Mit einer Bewegung ihres Kopfes zeigte sie auf eine kleine Schar von Delegierten, die mit den Rücken zum Saal in der Ecke offensichtlich besorgt die Köpfe zusammengesteckt hatten. Sie waren größtenteils gut gekleidet, und ihre Torques glänzten stumpf in dem Licht der Mobifonbildschirme, auf die alle starrten. Die älteren Männer hatten lange Schnauzbärte, was bei den Jüngeren aus der Mode war; sie zogen den panafrikanischen Stil des glatt rasierten Gesichts vor und hörten wahrscheinlich Stakkatobass in unratsam hoher Lautstärke. Die Frauen hatten sich bei ihrer Garderobe von Deedra inspirieren lassen und trugen die Haare hochgesteckt, damit besser zu erkennen war, welche Hälfte ihrer Gesichter tätowiert war. Hatte die Wahl der Seite irgendeine Bedeutung? Vermutlich verriet es die Mondphase, in der man geboren worden war oder so etwas. Sie sollte es vielleicht irgendwann einmal nachschlagen.

»Wenn ich Geheimdienstinformationen über unsere geschätzten Nachbarn und Verbündeten aus den keltischen Nationen hätte« – Lod enthielt sich erstaunlicherweise jeder dick aufgetragenen Ironie –, »würde ich annehmen, dass sie sich sorgen, weil ihr ranghöchster Unterhändler noch nicht eingetroffen ist und sie durch seine Abwesenheit mit erheblich weniger Würfeln spielen müssen, als angebracht wäre.«

»Und weißt du etwas über diesen vermissten Unterhändler?«

»Nichts weiß ich.« Lod zupfte sich nicht mehr am Bart. »Warum fragst du?«

»Weil er gerade aufgefunden wurde. Tot. Im Wald von Epping an einen Baum genagelt.«

Drei

Drustan hatte schon geglaubt, er wäre den angelsächsischen Kontrollen ausgewichen, indem er London von Osten her betrat. Der große blonde Vogt mit der Maschinenpistole und dem Langmesser an der Hüfte hatte den Bus gleich durchgewinkt. Am Kontrollpunkt wurden bereits drei andere Fahrzeuge durchsucht. Reihenweise standen Stammesbrüder und -schwestern in Sportanzügen am Straßenrand, während Spürhunde ihre mageren Habseligkeiten beschnüffelten. Drustan starrte vor sich hin, als das uralte Fahrzeug die Schlange umfuhr, hochschaltete und sich wieder in den Autoverkehr auf der Schnellstraße einfädelte. Der Bus stieß schwarze Abgaswolken aus, während die in Panafrika gebauten Elektrowagen ihn mit unbekümmerter Mühelosigkeit überholten.

Problemlos hatten sie die Busstation erreicht, doch nun standen sie schon über eine halbe Stunde am Bussteig, ohne dass die Türen geöffnet worden wären. Wenn Drustan von den Stammesgebieten oberhalb des Bristolkanals aufgebrochen wäre und versucht hätte, sich als einer aus dem Hügelvolk auszugeben, wäre es auch nicht anders abgelaufen. Unter dem neuesten Hochkönig war die Grenze durchlässiger als früher, aber die Angelsachsen hatten emotional und konzernmäßig zu viel in das Sicherheitstheater investiert, als dass sie es einfach aufgeben konnten. Vorerst jedenfalls.

Die alte Angelsächsin, die neben Drustan saß, hielt ein Huhn auf dem Schoß. Er tauschte einen gleichmütigen Blick mit dem Tier; beide wussten, dass ihr Schicksal in fremden Händen lag. Die anderen Achselsachsen im Bus schwatzten fröhlich miteinander. Nun, da sie über die Grenze waren, hatten sie natürlich auch wenig zu befürchten.

»Swa þonne se ealda cyning cwilþ.«

»Gehyrest ðu þæt unwyrþan sweg hie forþiað on þæm drylican soncræfte-boxe?«

»Heo suþe gesoden bleat leac agen.«

Drustan schloss die Augen und berührte seinen Torques mit einer Fingerspitze. Das half ihm, zu denken und seinen Verstand auf neuen Kurs zu bringen, indem er auf Angelsächsisch dachte oder der Variante jener Sprache, die ihn in der Stadt am Leben halten würde:

»Der alte König stirbt also.«

»Du hörst dir den Müll an, den sie heutzutage im Radio spielen?«

»Sie hat wieder nur scheiß gedünstete Lauchstangen gekocht.«

»Wollen Sie mein Huhn kaufen?«

Die Angelsächsin hielt ihm den Vogel hin. Das Tier gackerte ohne jede Hoffnung.

»Nein, danke«, sagte Drustan.

»Beschissener keltischer Geizhals.« Die Frau sah ihn finster an, doch nun stiegen zwei Polizisten in den Bus, einer breitschultrig, der andere groß und schlaksig. Sie waren in Zivil – billige graue Anzüge –, streckten aber Dienstmarken an Silberketten vor.

»Wir möchten die Gelegenheit nutzen, Sie in London willkommen zu heißen, der Hauptstadt des Ostens und dem Sitz des Hochkönigs«, sagte der Lange.

»Aber wir lassen nicht einfach jeden rein«, fügte der Vierschrötige hinzu. »Also halten Sie Ihre Papiere bereit.«

Die Frau neben Drustan kramte in ihrer Handtasche. »Sie nicht, meine Liebe«, sagte der Schlaks. »Ihnen glauben wir.«

Die Frau nickte und trug ihr Huhn aus dem Bus, gefolgt von einem Angelsachsen nach dem anderen. Keiner der Kelten rührte sich.

Der Stämmige musterte die verbliebenen Fahrgäste mit einem Unheil verkündenden Blick. »Was für ein erbärmlicher Haufen.«

Am Ende waren jedermanns Papiere geprüft und bespöttelt, flüchtige Leibesvisitationen vorgenommen und eine Reihe völlig unnötiger Funksprüche an die Zentrale übermittelt worden, und die anderen Kelten durften den Bus ebenfalls verlassen. Drustan wusste genau, was los war. Die Polizei hatte ihre Tagesquote erfüllt, und es war unwahrscheinlich, dass ein Einreisesystem, das aus allen Nähten platzte, mit noch mehr unerwünschten Besuchern zurechtkam. Der bürokratische Filter war ein Schauspiel, eine Demonstration der Macht, damit die Gäste aus dem Westen nur nicht vergaßen, auf wessen Territorium sie sich befanden. Drustan hatte es schon oft über sich ergehen lassen und wusste, wie man am besten damit umging; deshalb hielt er sich zurück und ließ die anderen zuerst aussteigen. Sollte es einen Zwischenfall geben, wäre es gut, wenn er sich nicht vor Zeugen ereignete.

»Endlich, der Bodensatz.« Der hoch aufgeschossene Polizist nahm Drustans Existenz zum ersten Mal zur Kenntnis. »Deine Papiere, wenn du so freundlich wärst.«

Drustan nahm seinen Mantel und den abgewetzten Seesack von der Gepäckablage und begab sich zur Tür. Die Polizisten warteten auf ihn. Drustan hielt seine Reisepapiere in der Hand, aber der spillerige Beamte ignorierte sie und musterte lieber Drustans Anzug.

»Gut gekleidet für einen Indij, meinst du nicht auch, Flad?«

Flad, der Vierschrötige, beugte sich vor und bürstete Drustan eine imaginäre Staubflocke von der Schulter.

»Sehr hübsch, Eadwulf.«

Gewiss, es war ein guter Anzug, der einzige, den Drustan besaß. Er bestand aus schwarzem, dicht gewebtem Tuch und war ein bisschen zerdrückt, aber strapazierfähig und leicht sauber zu halten. Ein Schneider im Westen hatte ihn einmal damit belohnt. Die Tochter des Mannes war verschwunden, und Drustan hatte sie zurückgebracht – nachdem er sich vergewissert hatte, dass sie nach Hause zurückkehren wollte. Geld durfte Drustan von dem Mann nicht annehmen, aber im Laufe der Ereignisse war sein Anzug zerrissen worden, und als der Schneider anbot, ihn durch etwas Gleichwertiges zu ersetzen, war Drustan kein Grund eingefallen, aus dem er das Angebot hätte ablehnen müssen. Er trug den Anzug über einem weißen Hemd mit offenem Kragen, in dem der Torques gerade zu erkennen war. Kein Kelte trug jemals eine Krawatte.

Drustan sah geradeaus, während Eadwulf seine Papiere durchging. »Du verlässt das Reservat zum ersten Mal?«

Drustan konnte sich nicht erinnern, was in seiner Reisehistorie stand. Es war vermutlich sowieso unzutreffend und er war müde von der Fahrt.

»Schauen Sie einfach in die götterverdammten Papiere«, sagte er.

Die Polizisten tauschten einen Blick, der damit endete, dass Eadwulf die Spitze seines Sax’ Drustan an die Kehle drückte. Drustan war beeindruckt. Er hatte nicht einmal bemerkt, wie der schlaksige Polizist nach dem Langmesser griff. Vielleicht eine Schnellzugscheide auf dem Rücken. Angelsachsen liebten ihr Technikspielzeug.

»Ein bisschen mehr Respekt, mein Freund.« Eadwulf sprach leise und gelassen. Er hätte genauso gut eine Wegbeschreibung erteilen können. Flad gähnte ausgiebig.

»Ich glaube, ich brauche weitere Identifikation«, sagte Eadwulf. »Ich bin mir nicht sicher, ob diese Papiere ganz in Ordnung sind.«

»Aber natürlich.« Demonstrativ langsam griff Drustan in die Innentasche, zog ein Plastikmäppchen hervor, hielt es dem Polizisten aufgeklappt hin und lächelte höflich. Eadwulf sah es nicht an, sondern behielt seine Augen auf Drustans Gesicht.

»Ich hoffe, du machst dich jetzt nicht über mich lustig.«

»Eadwulf«, warnte ihn der andere Polizist, kam aber nicht damit durch.

»Weil«, fuhr Eadwulf fort, »wir im Osten zwar zu Recht für unseren Sinn für Humor bekannt sind, er uns hin und wieder aber auch verlassen kann.«

»Kollege«, hustete Flad.

Drustan hielt das Mäppchen für den größeren Mann schräg, damit es keine Missverständnisse gab. Über einem glänzenden Siegel aus Silber stand das Wort Kriminal-, darunter inspektor.

»Oh, Scheiße.« Eadwulf steckte das Messer eilig weg. »Bitte entschuldigen Sie, Inspektor. Im Moment sind viele Unruhestifter unterwegs. Kelten und Angelsachsen.«

Drustan stieg an ihm vorbei aus dem Bus und wuchtete sich den Seesack auf die Schulter. Er drehte sich zu ihnen um und betrachtete sie, worauf sie sich wieder anspannten.

»Wie komme ich zum Wald von Epping?«

Vier

Mitternacht war vorüber, als Sergeant Agapos sie bis ans Ende des Trampelpfads in den Wald gefahren hatte. Er parkte neben den anderen Einsatzfahrzeugen. Ein gelangweilter angelsächsischer Sanitäter saß im grellen Schein der Bogenlampen auf einem Baumstumpf und paffte eine elektronische Zigarette. Kirscharoma dampfte in den Wald und wurde eins mit dem in der kalten Nachtluft kondensierenden Nebel.

Leuchtbänke rings um die einzelne Eiche der Lichtung waren auf den Leichnam gerichtet, der dadurch weiß zu glühen schien; als würde er das Licht spenden, statt davon bestrahlt zu werden. Der Spurensicherungstrupp in weißen Überzügen steckte nummerierte Stäbchen in den Boden, konferierte mit leiser Stimme und nahm mit grellem Blitzlicht Fotos auf: Geisterwesen, aus dem Wald gerufen, die ihre seltsamen Riten vollführten.

Aedith zog sich die Gummistiefel über. Agapos reichte ihr einen schweren Übermantel, den er zusammengerollt im Kofferraum aufbewahrte.

»Mir gefällt Ihr Kleid«, sagte er. Vermutlich meinte er es aufrichtig. Wie ein volles Viertel der Hauptstadtpolizei war Agapos dunkelhäutig und hatte ein breites Gesicht. Er war einer von vielen Nachfahren afrikanischer Seeleute, die vor ein paar Hundert Jahren an den Ufern der Themse gestrandet waren. Ein lokaler Kriegsherr hatte Agapos’ Ahnen willkommen geheißen und zuerst als Söldner beschäftigt, dann, als die Idee ziviler Friedenshüter aus dem Ausland über den Ärmelkanal gelangte, als Schutzleute. Heute waren sie angelsächsischer als die Angelsachsen. Aedith hatte die gesegnete Münze erspäht, die Agapos an einer Kette unter seiner Stichschutzweste trug. Sie war das Verlobungsgeschenk seines Ehemanns, eines Zollbeamten, der genauso groß und so kräftig gebaut war wie Agapos, aber am anderen Ende der Hautfarbenskala stand, weil er ein Norse war, den die Aussicht auf wärmere Winter nach Süden gelockt hatte. Das Gesicht auf der einen Seite der Münze hatte nur ein Auge, und die Nase war breiter als in den üblichen Darstellungen, aber auf der anderen Seite war der Name Wotan eingraviert.

»Gorsedd Angwin«, sagte Agapos. »Kelte, ledig, Ende dreißig, nach allen Aussagen beliebt oder zumindest respektiert. Zuletzt gesehen gestern Abend, als er mit anderen Delegierten einen trinken war, aber nicht exzessiv. Gegen zehn erhielt er einen Anruf und verließ das Lokal. Das war das letzte Mal, dass ihn jemand gesehen hat, bis ihn das Touristenpärchen heute Nachmittag entdeckte. In ihren Flitterwochen. Ich habe ihre Aussagen aufgenommen. Die Frau war sehr hilfsbereit. Der Mann kam mir wie ein Schlappschwanz vor.«

»Sind sie noch hier?«

Agapos schüttelte den Kopf. »Haben ihre Reise abgebrochen und sind schon auf dem Heimweg. Ich hätte sie ja hierbehalten, aber … Panafrikaner.«

Aedith sagte nichts dazu. Das englische Gesetz benannte beinahe keine Umstände, unter denen ausländische Besucher gezwungen wären, bei einer Ermittlung mitzuwirken. Und selbst wenn dem so gewesen wäre, hätte ein angemessenes Bestechungsgeld an höherer Stelle dafür gesorgt, dass sie bei Beginn der nächsten Schicht trotzdem wieder unterwegs wären.

»Wir sollten das Dezernat bis zum Wochenende weitgehend wiederhaben«, sagte Agapos, »aber diese Obdachlosenlager räumen sich nicht von allein.«

Aedith beschwerte sich nicht. Man musste mit dem arbeiten, was man hatte. Und was sie hier hatte, war ein Opfer, das seit mindestens vier Stunden tot war, vermutlich sogar länger. Fast mit Sicherheit war Angwin vor Ort getötet worden: Die Baumrinde war schwarz vom Blut, die Erde unter seinen übereinandergelegten Füßen damit befleckt. Einen Monat lang hatte es nicht geregnet; der Boden war rissig und dürstete. Fußspuren gab es vermutlich keine. Aedith ging in die Hocke und musterte die Metallstifte in den Fußgelenken des Toten.

»Zimmermannsnägel«, sagte Agapos. »In den Handgelenken auch. Bekommt man in jedem Baumarkt. Vermutlich mit einer Nagelpistole eingeschossen. So was kann man sich übers Wochenende ausleihen. Vergangenen Sommer habe ich damit die Terrasse gebaut.«

Aedith nickte und wischte bespritzte Blätter zu Füßen des Mannes beiseite. Man wusste nie, ob man nicht eine verlorene Bahnfahrkarte entdeckte, eine zerknüllte Quittung oder sogar einen Ausweis. Gefunden hatte sie dergleichen noch nie, aber sie suchte immer danach. Natürlich fand sie nichts. Sie stand auf und trat zurück.

»Sie sind ein kräftiger Mann, ertüchtigen Ihren Körper regelmäßig. Bekämen Sie so etwas allein hin?«

Agapos kratzte sich nachdenklich am Kinn. »Vielleicht? Wenn ich ihn vorher betäube.« Er sah in den Wald und überlegte. »Ihn in den Wald tragen, an den Baum lehnen, erst ein Handgelenk festnageln, dann das andere, danach die Fußgelenke, zum Schluss die Kehle durchschneiden. Ja, wäre machbar.«

»Oho.« Aedith war beeindruckt. »Erinnern Sie mich daran, dass ich bloß nicht Ihre Pensionsunterlagen verbummle. Was die Betäubungsmittel angeht, warten wir die Toxikologie ab. Warum so öffentlich?«

»Hat man ihn zur Strafe zusammengeschlagen, und jemand verlor die Beherrschung? Vielleicht Schulden?« Agapos musterte die Tätowierungen des Toten. »Ich kenne ein paar Stammeszeichen und sehe nichts von den Tätos großer Banden. Sie sagten, er sei Diplomat?«

»Ein hochgestellter sogar, wie es scheint. Die Schnauzbärte in den höheren Etagen haben nicht viele große Talente, aber vermutlich käme man nicht durchs Vorstellungsgespräch, wenn man als Schnauz mit Tätos der Söhne Lughs bedeckt ist oder so was. Mir ist aufgefallen, dass Sie religiöse Gründe ausgeschlossen haben.«

»Religion?« Agapos klang verwirrt. »So etwas wie ein Verbrechen aus Hass?«

Aedith nickte. »Erinnern Sie sich an diese Irren vor ein paar Jahren, die sich Wotans Erben nannten? Sie hängten ihre Opfer mit Stacheldraht an Mobilfunkmasten auf, filmten alles und hofften, dass die Weisheit der Götter sich zeigt.«

Die Aufnahmen waren als Belastungsmaterial sehr gelegen gekommen. Die Klatschblätter hatten die Mordserie geliebt und, weil die meisten Opfer rauschgiftsüchtig oder kriminell gewesen waren, einen Hauch von »göttlicher Gerechtigkeit« anklingen lassen und die Taten nicht rundheraus verdammt.

Agapos runzelte die Stirn. »Die waren aber an den Fersen aufgehängt.«

Aedith konnte nie mit Sicherheit sagen, wie gläubig ihr Sergeant war. Er gehörte nicht zu denjenigen, die nur darauf warteten, dass man an einem Tiefpunkt anlangte, damit sie einen in ihren Tempel einladen konnten, oder sich aufregten, wenn jemand das Julfest beging, ohne dass ein echter Bärenkopf über dem Kamin hing. Aber man wusste ja nie.

»Wenigstens kannten Wotans Erben die Grundbegriffe. Technisch gesehen hängt dieser Kerl falsch herum.«

Aedith nickte geistesabwesend. Aus irgendeinem Grund irritierten sie die ausgebreiteten Arme.

»Sollte er in T-Form gebracht sein? Hängt es irgendwie mit den Schnauzen zusammen?« Aedith konnte sich keinen Stammesmann vorstellen, der groß genug war, um einen anderen Mann ohne Hilfe in den Wald zu schleppen und an einen Baum zu nageln. Kelten waren in der Regel eher mager, selbst ohne dass Armut oder Mangelernährung ihr Werk getan hatte, aber andererseits musste es auch große Kelten geben.

»Ähm«, machte Agapos. Er klang unschlüssig, was für ihn ungewöhnlich war. »Vielleicht fragen Sie den da?«

Ein schlanker bärtiger Kelte in dunklem Anzug und Übermantel trat zwischen den Bäumen hindurch auf sie zu.

Zwei Uniformierte rannten auf ihn zu, und er hob einen Dienstausweis. Sie wichen zurück. Die Tatortermittler tauschten einen verwirrten Blick, als er näher trat, aber der Kelte wusste augenscheinlich, worauf es ankam, denn er bog vor dem Absperrband ab, das zwischen den Bäumen gespannt war, und umging es Richtung Aedith und Agapos.

Dabei hielt er eine Hand in die Höhe, um das Licht abzuschirmen, das ihm genau ins Gesicht strahlte. Sein Bart war kurz gestutzt, das Haar lang, zum Teil geflochten und über den Kragen des Mantels drapiert. Sein Torques war von einem dunklen Stahlgrau.

»Kriminalinspektor Drustan«, sagte er. »Mir wurde gesagt, Kriminalhauptmann Mercia untersucht diesen Fall?«

Agapos starrte ihn offenen Mundes an. »Wo, bei den Höllen, kommen Sie denn her?«

»Sind Sie Hauptmann Mercia?«

Aedith wackelte mit den erhobenen Fingern.

»Aha«, sagte der Mann. »Verzeihen Sie.«

Sie schüttelten einander kurz die Hand. Agapos glotzte noch immer.

»Mein Sergeant glaubt, Sie hätten vielleicht die Runen geworfen oder wären auf den Leylinien gewandelt, so etwas«, sagte Aedith.

»Ich habe die GPS-Koordinaten erhalten.« Inspektor Drustan hielt sein Mobifon hoch. »Mit dem Taxi bin ich dem Feldweg gefolgt, so weit es möglich war, und zu Fuß weitergegangen, bis ich das Licht durch die Bäume scheinen sah. Könnten wir uns unterhalten?«

»Wollen Sie den Fall?«, fragte Aedith zehn Minuten später und reichte Drustan einen Kaffee. »Greifen Sie zu. Ich hätte nichts gegen Entlastung einzuwenden.«

Drustan grinste sie an. »Ich möchte mich dafür entschuldigen, Ihnen Hoffnungen gemacht zu haben. Ich bin nur in beratender Funktion hier.« Er nahm einen Schluck aus dem Pappbecher und zog eine Augenbraue hoch. »Der ist gut. Maurisch?«

»Für die Tatortermittler ist das Brennstoff. Meine Familie hat Verbindungen nach Iberien, also habe ich eine der besseren Maschinen importiert, um sie bei Laune zu halten.«

»Wo ich herkomme, nehmen wir noch zermahlene Eicheln. Ihre Familie, das wäre Earl Lod?« Drustan sah sie nicht einmal an.

»Und Sie tun so, als wüssten Sie nicht, wer von uns Kriminalhauptmann Mercia ist«, schalt Aedith ihn sanft. »Nein, die iberischen Verbindungen kommen von der Seite meiner Mutter.«

Drustans Blick zuckte wieder zu Aedith. Ein schiefes angedeutetes Lächeln, teils Zerknirschung, teils etwas anderes. Seine Augen waren sehr dunkel. Vielleicht hatte er wie so viele männliche Kelten ein wenig Kajal aufgelegt. »Die Stammesältesten sorgen sich, dass sein Tod politisch motiviert sein könnte.«

»Sein Tod? Ein höfliches Wort dafür. Wir gehen von einem Mord aus. Ich weiß nicht viel über die Kultur der Stämme, aber dies sieht mir nicht nach einem sexuellen Abenteuer aus, das aus dem Ruder gelaufen ist. Es sei denn, es lief schon richtig lange schief, bevor es in den Wald ging.«

»Ich stimme Ihnen zu«, sagte Drustan milde.

Aedith trank ihren Kaffee aus. »Ihre Ältesten glauben, dass der Tod dieses Diplomaten meinem Vater in irgendeiner unerfindlichen Weise nutzt und ich mit dem Fall betraut wurde, um es zu vertuschen. Sie haben ein paar Strippen gezogen, um Sie so schnell wie möglich nach London zu holen, sodass Sie mir auf die Finger sehen und dafür sorgen, dass ich damit nicht durchkomme.«

»Die berühmte unverblümte Art der Angelsachsen.« Drustan nahm glücklich einen Schluck aus seinem Becher. »Sie müssen mich entschuldigen. Mein Volk liebt die Mehrdeutigkeit, die Grautöne. Ich brauche immer ein wenig Zeit, um mich anzupassen. Tatsächlich deutet nichts darauf hin, dass Ihr Vater in den Fall verwickelt wäre. Ich bin jedoch gebeten worden, die Sache von Anfang an mit zu untersuchen und die Ermittlungen durch mein Wissen und meine Kontakte innerhalb der keltischen Gemeinde zu unterstützen. Und ja, vielleicht auch, damit niemand den Eindruck erhält, das Vorgehen könnte in irgendeiner Weise kompromittiert sein. Ihr Revierkommandant war überraschend hilfsbereit. Bis zum Abschluss des Falles hat er mir eine Unterkunft und die Unterstützung der angelsächsischen Polizei angeboten.«

»Großartig«, sagte Aedith. »Möchten Sie sich die Leiche ansehen, bevor wir sie vom Baum nehmen?«

»Dafür wäre ich sehr dankbar«, sagte Drustan, und er klang so, als meinte er es ernst.

»Kennen Sie den Mann?«, fragte Aedith.

Drustan hatte die Leiche eine lange Weile betrachtet. Er schüttelte den Kopf.

»Was ist mit den Tätowierungen? Wir kennen die Sigillen der großen Schnauze-Verbrecherclans …« Aedith hatte das Schimpfwort ausgesprochen, bevor sie es begriff, und verzog gequält das Gesicht. »Tut mir leid. Aber wir erkennen keine einzige davon.«

Drustan ging wortlos darüber hinweg. »Meist religiöser und akademischer Natur, ein paar sportlich. Der Mann muss das Iomáint geliebt haben. Das Spiel ist besonders beliebt bei Arbeiterklasse bis Mittelstand. Allerdings kann ich nicht erkennen, was …«

Er deutete auf eine Tätowierung an der linken Brustseite, die über dem Herzen begann und unter geronnenem Blut verschwand. Aedith sah genauer hin. Waren das Finger? Die Tatortermittler packten schon zusammen, nahmen die Atemmasken ab, stiegen aus den Überanzügen, wurden wieder zu Erdenmenschen. Irgendwie empfand sie den Anblick jedes Mal als enttäuschend.

»Könnten wir etwas bekommen, um hier sauber zu machen?«

Einer von ihnen reichte Aedith ein Tuch und eine Flasche mit einer blassvioletten Flüssigkeit. Sie tränkte das Tuch, führte es zur Brust des Mannes und hielt inne, als sie hörte, wie Drustan Luft holte.

»Gibt es etwas Religiöses zu berücksichtigen?«

Er verzog das Gesicht. »Am besten wäre, wenn die erste Person, die den Leichnam berührt, demselben Stamm angehört. Oder diesem nahesteht.«

Aedith zuckte mit den Schultern, reichte ihm das Tuch und sah zu, wie Drustan mit langsamen, bedachten Bewegungen das geronnene Blut von der Brustmitte des Toten wischte. Er murmelte dabei etwas, aber sie bekam die Worte nicht mit. Verstanden hätte Aedith sie ohnehin nicht.

Die Tätowierung, die Drustan freigelegt hatte, besaß die Form einer Hand. Sie war schlicht ausgeführt, fast so, als hätte jemand versucht, das Opfer wegzustoßen, und einen schwarzen Abdruck hinterlassen.

»Das habe ich schon mal gesehen«, sagte Aedith.

Der Kelte zog das Tuch weg, als wäre es kontaminiert worden. Aedith hatte schon einmal solch einen Ausdruck im Gesicht eines Mannes gesehen. Bei einem ihrer ersten Einsätze war sie an den Schauplatz eines religiös motivierten Hassverbrechens gekommen: eine heilige Eibe in Ceapan. Sie hatte den örtlichen Priester auf dem Pflaster inmitten der Asche vorgefunden; mit leeren Augen hatte er sich vor und zurück gewiegt und eine Halskette aus Kaurimuschelschalen befingert, während das Mobifon in seiner Tasche immerfort klingelte, ohne dass er ranging. Er hatte den Ausdruck eines Mannes gezeigt, der einer Blasphemie von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand.

»Er war bei den Fomóir«, erklärte Drustan leise.

»Na, Scheiße«, sagte Aedith.

Fünf

Agapos fuhr Aedith nach Hause. Am Morgen könne sie die Limousine dann am Revier abholen. Spät am Morgen. Kaum denkbar, dass jemand damit wegfahren würde; jeder wusste, was diplomatische Nummernschilder bedeuteten.

»Also Terrorismus, Frau Hauptmann?«, fragte Agapos. So förmlich sprach er sie nur an, wenn er besorgt war. »Bedeutet das Politik?«

»Die Fomóir sind seit zwanzig Jahren nicht mehr aktiv gewesen.« Ungebeten kam Aedith eine Erinnerung an die Anführer von Stammesgruppen in den Nachrichten in den Sinn, deren Stimmen durch die von Schauspielern ersetzt worden waren, und an die Leibwächter ihres Vaters, die jeden Morgen die Unterseite des Wagens untersuchten, bevor die Kinder zur Schule gefahren wurden. Und dann, eines Tages, hatten die Stammesleute ihre Stimmen zurückbekommen, und die Überprüfungen hatten aufgehört. »Trotzdem, auch wenn der Fall bisher nicht politisch war, jetzt ist er es. Was mich ärgert. Was halten Sie von Inspektor Drustan?«

Ein Uniformierter hatte ihn zu der Polizeiakademie gebracht, an der ihm von Revierkommandant Hengist eine vorübergehende Unterkunft angeboten worden war. Wenn ein paar Hundert Polizeikadetten am Morgen aufwachten, würden sie einen Kriminalinspektor der Stammespolizei mitten unter sich vorfinden. Diversität am eigenen Leib zu erfahren, würde ihnen guttun.

Agapos zuckte mit den Schultern. »Schwer zu durchschauen, diese Kelten. Er ist stiller als die meisten, denen ich begegnet bin, was mir gefällt. Sie wissen ja, was man so sagt: Man soll sich nicht den Mund mit Mehl füllen und dann in die Feuerstelle blasen.«

»Stimmt«, sagte Aedith, während sie darüber rätselte. »Na gut. Wir sehen uns im Büro.«

Sie machte sich den Spaß, die Tür des Streifenwagens so laut zuzuknallen wie möglich. Selbst um zwei Uhr morgens konnte man die Empörung der Nachbarn spüren. Sie schienen zu glauben, dass der Wert ihrer Immobilien jedes Mal sank, wenn ein Polizeiwagen die Straße entlangfuhr, und vielleicht hatten sie damit sogar recht. Mittlerweile gab es Apps, die einen in Echtzeit über solche Dinge informierten.

Aedith brauchte vier weitere Minuten, um die Sicherheitskontrollen an der Haustür zu durchlaufen, und musste am Ende in den Tiefen ihrer Manteltaschen nach dem zerknüllten Zettel mit dem Code suchen. Im vergangenen Frühjahr hatte ihr Vater darauf bestanden, das neue System einbauen zu lassen, ohne Aediths Einwände zur Kenntnis zu nehmen. Tief in ihrem Innern war ihr klar gewesen, dass er recht hatte, aber nachgegeben hatte sie erst, als ihre Mutter in die Appelle einstimmte.

»Es geht nicht nur um dich«, hatte sie gesagt. Es war einer von Sweteruns besseren Tagen gewesen, an denen sie aus ihrem Sessel aufstehen, in den Garten gehen und unter den Apfelbäumen sitzen konnte. Die Blüten waren noch nicht gefallen. »Es ist auch für den Jungen. Er kann sich noch nicht selbst verteidigen.«

»Er ist dreizehn«, fügte Lod hinzu. Er setzte sich nur selten zu ihnen in den Garten, sondern zog es vor, mit dem Rücken zu ihnen zu stehen, um so viel beobachten zu können wie möglich – ob die Komposthaufen sich mit den Feuerholzstapeln verschworen hatten und einen Zangenangriff auf die Laubtonne planten. »Fast schon ein Mann. Bald muss er selbst für sich sorgen.«

»Glaubst du das wirklich?«, fragte Aedith und nippte vorsichtig an ihrem Minztee. »Oder glaubst du nur, das sagen zu müssen?«

Sweterun schürzte missbilligend die Lippen, doch Lod wandte sich um und grinste sie an. »Eine andere Generation«, hatte er gesagt, fast, aber nicht ganz in bedauerndem Ton. »Du ziehst ihn so auf, wie du es für am besten hältst. Wir mischen uns nicht ein. Außer in Fragen der Sicherheit selbstverständlich.«

Als Aedith hereinkam, erledigte Hilde Schreibarbeiten am Küchentisch. Ihre Pflichten als Kinderfrau, Haushälterin und Leibwächterin schlossen in letzter Zeit auch die einer Buchhalterin ein. Sie verdiente mit Sicherheit eine Gehaltserhöhung. Aedith nickte ihr zu, und Hilde räumte zusammen und zog sich wortlos in ihr Zimmer zurück. In letzter Zeit brauchten sie kaum noch miteinander zu reden. Wenn es etwas Wichtiges zu sagen gab, würde eine von ihnen es ansprechen.

Coram schlief, als Aedith nach ihm sah, halb zugedeckt. Der Bildschirm seiner Datentafel war voller mathematischer Diagramme. Sie nahm das Gerät, hängte es ans Kabel, damit es am nächsten Tag für die Schule aufgeladen war, und zog ihm die Decke über die Schultern. Einen Moment lang empfand sie einen fast überwältigenden Drang, ihn auf die Stirn zu küssen, kehrte aber zur Tür zurück und betrachtete ihn mit einer Hand am Lichtschalter. Wenn er schlief und die schwarze Haarschwinge über einem Auge lag, statt zurückgestrichen zu sein, ähnelte er seinem Vater weniger. Einmal hatte sie vorgeschlagen, dass er es kurz schneiden sollte, doch Coram hatte sie wütend angefunkelt, und sie hatte nie wieder davon gesprochen.

Er rührte sich ein wenig im Schlaf. Sein Gesicht zuckte.

»Ist es nicht«, murmelte er. »Ist es nicht.«

Aedith schaltete das Licht aus und schloss die Tür.

Drustans Zimmer war klein und spärlich mit allem möbliert, was ein Kadett der Polizei des Hochkönigs brauchte: Einzelbett, Waschbecken, abgewetzter Stuhl, Einbauschrank, billiger Schreibtisch. Jemand hatte in die Wand gekratzt: Osmund ist ein Wichser.

Er hängte seinen Mantel in den Schrank, zog die Schuhe aus und legte seine Socken in eine Tragetasche, die er für die schmutzige Wäsche mitgebracht hatte. Er nahm die aus Jett geschnitzte Statue der Morrigun aus seinem Seesack und stellte sie auf den Schreibtisch. Der Weihrauch, den er normalerweise verbrannte, wenn er einen Reiseschrein errichtete, musste warten; es hatte keinen Sinn, den Rauchmelder auszulösen und sämtliche Polizeischüler gegen sich aufzubringen, weil irgend so ein Indij sie mit seinem Hokuspokus zu nachtschlafender Zeit weckte. Eine heimtückische Stimme raunte ihm zu, dass das auch keine Rolle spiele, aber er achtete nicht auf sie und entzündete eine Kerze, legte die Krähenfeder davor und nahm die Fünfte Haltung des Ruhenden Bären ein: auf die Fersen gehockt, die Augen geschlossen, die Arme ausgestreckt, mit den Handflächen nach oben.

Die Göttin kam nicht zu ihm, natürlich nicht. Dass sie es getan hatte, lag so lange zurück, dass Drustan schon fast vergessen hatte, wie es sich anfühlte: plötzlich ein metallischer Geschmack im Mund, das Gefühl, jemand streiche an ihm vorbei, so dicht, dass er manchmal ihre Haare an seinem Gesicht spürte, ihren Atem auf der Wange. Dann sprach sie mit ihm, in den geborgten Stimmen von Frauen, die er gekannt hatte: Verwandte, Geliebte, einmal über eine knisternde Festnetzleitung die ferne Stimme einer Bankangestellten aus dem Mogulreich, die so freundlich gewesen war, einen einsamen jungen Mann bei seinem ersten Versuch zu unterstützen, aus einem fremden Land Geld nach Hause zu schicken.

In dieser Nacht sprach sie nicht zu ihm, oder vielleicht war er auch geistig zu erschöpft und durcheinander, um sie zu empfangen; eine Möglichkeit, an die er sich klammerte wie ein kleines Kind, das musste er zugeben. Am Ende hängte Drustan seinen Anzug auf, blies die Kerze aus und schlief, so gut er konnte.

Sechs

Das Polizeirevier Wotanskreuz lag in einer Gegend von London, die hauptsächlich aus grauen Bürogebäuden und noch graueren Hotels bestand. Die Bauten scharten sich um eine aufgelassene Bahnstation, die als Drehkreuz in den Osten gedient hatte, bis vor zwanzig Jahren eine Bombe jedes Fenster in einer Meile Umkreis zerschmettert hatte. Die Bürogebäude waren saniert worden, aber der Bahnhof blieb geschlossen. Niemand hatte je herausgefunden, wofür die Terroristen eingetreten waren, doch eine Anzahl junger Londoner Kelten war festgenommen worden, ohne dass man sie jemals wiedergesehen hätte.

Die junge Beamtin am Tor ließ Drustan mit einem nachlässigen Winken ein, kaum dass er seinen Dienstausweis an den in die Wand eingelassenen Abtaster gehalten hatte. Sie trug eine der neuen Automatikpistolen aus Karbonfaser an der Hüfte. Diese Waffen würden innerhalb Jahresfrist auch in den Stammeslanden auftauchen – es stand zu hoffen, dass die Stammespolizei mehr davon bekam als die Wolfsköpfe oder die Metschmuggler.

Aedith erwartete Drustan im Zentralfoyer mit einem Kaffee in der Hand. Ihr Hemdkleid war verschwunden und durch ein graues Filzhemd, eine schwarze Hose und einen militärisch geschnittenen Wintermantel ersetzt. Die Erfassungszone war voller barbrüstiger Angelsachsen, deren Gesichter mit billiger Kriegsbemalung aus dem Supermarkt beschmiert und deren Arme mit Handschellen auf den Rücken gefesselt waren. Eine kleine Gruppe Prostituierter – männlich, weiblich und Freunde der Elfen – wartete auf Kaution und bekundete ihr Entzücken über die Schau, die ihnen geboten wurde, indem sie wahrhaft beeindruckend anerkennend johlten und pfiffen. Irgendwann drohten die Beamten, die sie festgenommen hatten, damit, weitere Anklagepunkte hinzuzufügen, aber das verschlimmerte den Lärm nur. Der Umstand, dass volle zwei Drittel der anwesenden Polizisten Afrosachsen waren, blieb von den Festgenommenen ebenfalls nicht unkommentiert.

»Die Gipfelproteste gehen diesmal früh los.« Aedith nippte an ihrem Kaffee. »›England soll angelsächsisch bleiben‹ und all so was. In den Graswurzelmedien schaukeln sie sich schön gegenseitig hoch, aber in Wirklichkeit ist es bloß ein Vorwand, sich volllaufen zu lassen, sich zusammenzurotten und ein paar Scheiben einzuwerfen. Ziehen Sie sich einen Kaffee aus der Maschine, wenn Sie möchten. Wir verfolgen das Mobifon des Opfers.«

Drustan kam in den Bereitschaftsraum, als die Gespenster der vorherigen Ermittlung gerade abgenommen wurden. Unter den Augen eines älteren Beamten in einem teuren, aber schlecht sitzenden Anzug wurden farbübersättigte Fotos gut gekleideter Leichen ohne Köpfe von einer Vielzahl ziviler Mitarbeiter in Pappkartons geräumt.

»Die Klatschpresse nannte ihn den Fengyr. Angelsächsisches Schreckgespenst, grob übersetzt ›der Jäger‹.« Aedith hielt eine primitive, ans Fieberhafte grenzende Skizze einer Gestalt hoch, die auch aus den panafrikanischen Comicheften stammen konnte, wie Drustan sie als Junge verschlungen hatte. Sie zeigte einen Mann mit breiten Schultern in schwarzer Militärhose und Stiefeln, dessen nackte Brust von blutigen Runen bedeckt war und der eine ausdruckslose Begräbnismaske aus kaltgeschmiedetem Eisen trug. In der rechten Hand hielt er einen großen Sax, von dem unrealistische Mengen Blut tropften. Mit der linken Hand hatte er einen abgetrennten Kopf fest bei den Haaren gepackt.

»Angelsachse gegen Angelsachse, glauben wir – für Sie wohl ein Sieg auf ganzer Linie. Falls man annehmen will, dass er überhaupt menschlich ist. Keine Überwachungskamera hat ihn je gefilmt, und er hat nie einen Fingerabdruck hinterlassen. Was zu der These führte, es handle sich bei ihm um den echte Fengyr aus der Legende, einen Aspekt von Wotan persönlich. Wie dem auch sei, Hauptmann Ceolbert hat ihn nie gefasst, aber die Ermittlung hat ihm eine begehrte Beförderung zur Grenztruppe eingebracht. Da gibt es kistenweise fränkischen Branntwein und so viele Leibesvisitationen, wie man sich wünschen kann, was, Ceolbert?«

Der ältere Beamte sah Aedith wütend an, riss ihr die Skizze aus der Hand und stopfte sie in einen anderen Karton voller Fotos. Sie zeigten alle Köpfe.

»Nächstes Mal mehr Glück.« Aedith schnalzte Ceolbert mitfühlend zu, und er stapfte hinaus, seinen letzten Mitarbeiter im Schlepptau.

»Sie haben ihn nie gefunden?«, fragte Drustan interessiert. »Den Fengyr?«

Aedith schüttelte den Kopf. »Nach allem, was ich gehört habe, hat Ceolbert keine Spur von ihm entdeckt. Die einzige Gemeinsamkeit der Opfer besteht darin, dass sie gute Beziehungen besaßen und jeder in einem gewissen Umfang in die Schatztruhe gegriffen hatte. Oder Verbindungen zur Kinderpornoszene unterhielten, was bei unserem Freund mit der Maske auch nicht besonders gut ankam. Die Mordserie endete plötzlich, und die hohen Tiere schienen keine Lust zu haben, irgendwelchen weiteren Druck auszuüben. Keine einzige der betroffenen Familien hat Krawall geschlagen. Alles wurde aus der Presse herausgehalten, und die meisten Todesfälle wurden offiziell zu Selbstmorden erklärt, auch wenn das unwahrscheinlich erscheint, da jeder durch Enthauptung gestorben ist.«

»Und Ceolbert wurde befördert, sagen Sie?«

»Das Schicksal nimmt merkwürdige Wege, Inspektor. Ich bin mir sicher, das ist Ihnen bewusst, egal, welche Marke Sie tragen. Helfen Sie mir, die Tische zusammenzuschieben?«

Drustan war beeindruckt, als er erfuhr, dass das Morddezernat von Wotanskreuz einen eigenen Technikheini hatte. Wobei »Heini« es nicht ganz traf. Vor der Reihe aus Monitoren, die einer nach dem anderen zum Leben erwachten, konnte Drustan unter einer grünen Kapuze, besetzt mit dem Eichenlaubmuster, das bei den Fans einer bestimmten Spielart dumnonischen Turbo-Folcs beliebt war, in einem Wirrwarr aus Zöpfen, Filzlocken und tätowierten Jochbeinen so gerade eben eine junge Frau ausmachen. Sie trank aus einem Becher aus wiederverwertetem Bambus, den sie in der einen Hand hielt, während sie mit der anderen durch die Codezeilen blätterte.

»Banba ist unsere Technikerin«, sagte Aedith. »Wir bekamen sie vor ein paar Jahren als Berufspraktikantin, und sie hat unsere gesamte Datenbank neu programmiert. Wir haben uns in das Unvermeidliche gefügt und ihr schon vor einer Weile die Schlüssel übergeben. Banba, ich möchte Ihnen Kriminalinspektor Drustan vorstellen.«

Banba nickte, aber ihre Aufmerksamkeit galt ganz etwas auf dem Bildschirm vor ihr; ein pulsierender blauer Punkt, der sich langsam durch die Londoner Straßen bewegte.

Drustan beugte sich vor. »Ist das sein Telefon?«

»Hat sich seit gestern Abend bewegt«, antwortete sie. »Bleibt kaum je für länger als ein paar Minuten stehen.«

Ihr Akzent traf Drustan wie eine kalte Meereswelle. Er starrte sie an. »Sie sind Piktin?«

»Mutter ist Piktin, Vater war ein Londoner Vogt. Wurde vor ein paar Jahren in den Norden versetzt, wir haben ihn nie wiedergesehen.«

»Mischrassig«, sagte Aedith. »Diversitätsquote. Sie sollten sehen, was wir an Zuschüssen für die Kantine bekommen.«

Banba starrte auf den Bildschirm und ignorierte sie. »Es ist stehen geblieben«, sagte sie. »Nein, halt, es bewegt sich schon wieder.«

Der blaue Punkt hatte die Richtung geändert.

»Wir warten nur auf die Freigabe zum Zugriff, bevor der Akku leer ist. Schon echtes Glück, dass die Standortsuche aktiv war«, sagte Aedith. »Außer, es war gar kein Glück.«

»Jemand macht uns was vor«, sagte Banba. »Wie auch immer, es ist ein Haakonarson. Die Akkulaufzeit der Dinger ist wirklich nicht toll.«

»Warum glauben Sie, dass Ihnen jemand etwas vormacht?«, fragte Drustan.

Banba zuckte mit den Schultern. »Die Standortsuche wurde um elf eingeschaltet, eine Stunde, nachdem das Opfer zum letzten Mal gesehen wurde. Wenn ich die Bullen ablenken wollte, würde ich aus dem Mobifon eine Leuchtbake machen und sie in der ganzen Stadt umherschicken.«

»Oder das Opfer wollte, dass Sie wissen, wohin sein Mörder sich begibt.«