Palimpsest - Alexander Kaltenkind - E-Book

Palimpsest E-Book

Alexander Kaltenkind

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5,99 €

Beschreibung

Pa|lim|p|sest, der oder das; lat. (antikes oder mittelalterliches Schriftstück, von dem der ursprüngliche Text abgeschabt oder abgewaschen und das danach neu beschriftet wurde) Dieses Buch ist wie der Ort, von dem es berichtet. Ständig in Bewegung, in Veränderung, rücksichtslos gegen jeden, der versucht, hinterherzukommen, der einen vorzeitigen Blick hinter den Vorhang wagen will. Es verändert sich. Es verändert Dich. Packt Dich mit seinen knochigen Fingern, lässt Dich los, immer dann, wenn Du es nicht brauchst. Dieses Buch ist wie Lone Pine. Der Ort, von dem es berichtet. Bewegt. Verändert. Rücksichtslos. Bist Du dort, hat es nichts mehr mit Deinem Lone Pine zu tun. Es ist unser aller Ort. Betrittst Du ihn, bleibt Dir nichts anderes übrig, oder um genauer zu sein: bleibt von Dir nichts mehr übrig. Nur eine Frage der Zeit.

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Seitenzahl: 327

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Für Klaus

Dieses Buch ist schrecklich. Es ist wie der Ort, von dem es berichtet. Ständig in Bewegung, in Veränderung, rücksichtslos gegen jeden, der versucht, hinterherzukommen, der einen vorzeitigen Blick hinter den Vorhang wagen will.

Es verändert sich.

Es verändert Dich.

Packt Dich mit seinen knochigen Fingern, lässt Dich los, immer dann, wenn Du es nicht brauchst.

Sage ich, Du braucht Geduld und einen langen Atem, wird es Dir die Kehle zuschnüren.

Sage ich, kämpfe dagegen an, dann wird es Dir keine Angriffsfläche bieten.

Deshalb sage ich: Lass es. Spare Dir den Atem, den Kampf. Dieses Buch ist wie Lone Pine. Der Ort, von dem es berichtet.

Bewegt. Verändert. Rücksichtslos.

Bist Du dort, hat es nichts mehr mit Deinem Lone Pine zu tun. Es ist unser aller Ort. Betrittst Du ihn, bleibt Dir nichts anderes übrig, oder um genauer zu sein: bleibt von Dir nichts mehr übrig. Nur eine Frage der Zeit.

Alexander Kaltenkind ist ein Pseudonym. Nach den beiden Science-Fiction-Krimis um den Privatermittler Jax Halen folgt mit «Palimpsest» der bewusstseinsflirrende Science-Fiction-Roman für das anstehende digitale Zeitalter des Transhumanismus: schnörkellos, gnadenlos und atemberaubend verwirrend.

Von Alexander Kaltenkind ist bei BoD außerdem erschienen:Die verdammt hübsche Lis Das Gerippe bleibt

Pa|lim|p|sest, der oder das; lat. (antikes oder mittelalterliches Schriftstück, von dem der ursprüngliche Text abgeschabt oder abgewaschen und das danach neu beschriftet wurde)

Wenn unsere Persönlichkeit überlebt, dann ist es nur logisch und wissenschaftlich anzunehmen, dass Gedächtnis und Intellekt sowie andere Fähigkeiten und Kenntnisse, die wir zu Lebzeiten erwerben, erhalten bleiben.

Existiert also die Persönlichkeit nach dem, was wir Tod nennen, weiter, so liegt der Schluss nahe, dass diejenigen, die die Erde verlassen, mit denen, die sie hier zurücklassen, in Verbindung treten möchten. Ich neige zu der Annahme, dass unsere Persönlichkeit vom Jenseits aus Materie beeinflussen kann.

Sollte dieser Gedankengang richtig sein, dann müsste es möglich sein, mit einem Instrument etwas aufzuzeichnen, sofern dieses Instrument empfindlich genug wäre, um von unserer weiter existierenden Persönlichkeit beeinflusst oder bewegt oder manipuliert werden zu können.

(Thomas A. Edison, 1920)

Detective Josie Jackson ruft William (Willy) Sydnor, Professor für Forensische Psychiatrie an der CLMU (Chicago Lake Michigan University), zu einem seltsamen Tatort. In der an der E 58th St in unmittelbarer Nähe der University of Chicago gelegenen L.I.M.B.U.S. Forschungsstation liegt Forschungsleiter Arthur Bradley von einem tödlichen Genickschuss aus einer Bolzenschuss-Anlage getroffen vor einer Computeranlage, an der ein Headset hängt. Der Metallstift hat das Genick durchschlagen und liegt in der Nähe des linken Ohrs. Bevor ein Mitarbeiter der Spurensicherung ihn in eine Plastikfolie legt, wirft Willy einen Blick darauf und stockt vor Erstaunen: In den Stift ist eingraviert: Thomas Alva Edison 1847 – 1931.

Willy ist elektrisiert. Fieberhaft sucht er den fensterlosen Raum nach weiteren Hinweisen ab, ohne jedoch etwas zu finden.

Für Staatsanwalt Charles L. Faulk ist die Sache sonnenklar: Arthur Bradley hat Selbstmord begangen. Ein Täter kann ausgeschlossen werden, weil Bradley die Tür von innen verschlossen hatte. Der Raum ist fensterlos, es gibt noch nicht mal Oberlicht. Nur Neonlicht an der Decke. Eine Sache ist ihm allerdings weniger klar: «Was machen Sie hier, Willy? Der ist doch tot.»

«Tja, Charles, meine Expertise lässt sich nicht durch den Tod begrenzen und geht darüber hinaus.» Unbeeindruckt sucht er dabei weiter den Raum mit einem verschmitzten Lächeln ab. «So wie vielleicht die ganze Sache hier.»

Charles und Willy können sich auf den Tod – um beim Thema zu bleiben – nicht ausstehen. Aber: Die gute Sache verbindet.

Beide werfen einen flüchtigen Blick auf Josie.

«Wusstet Ihr eigentlich», beginnt Willy mit nachdenklichem Blick auf die unruhig zuckende Neonröhre über sich, «Edison hatte zwar die Glühbirne auf der Basis von Gleichstrom erfunden, doch letzten Endes gewann die Glühbirne auf der Wechselstrom-Basis von Tesla das weltweite Rennen. Aber die Neonlampen waren wieder eine ganz andere Veranstaltung.» Willy widmet sich den umliegenden Computeranlagen. «Nun, Edison war der Vater der Glühbirne und Tesla der siegreiche globale Feldherr. Die größte Revolution ging jedoch vom Computer aus.» Aber keinen der Anwesenden scheint das so richtig zu interessieren.

Die Rechnertürme in dem Selbstvollstreckungs-Raum der Forschungsstation L.I.M.B.U.S. mit ihren ausfahrbaren Tastaturen erwecken unwillkürlich die Assoziation von babylonischen Türmen im Digitalzeitalter. Allerdings trägt der graue Resopal-Tisch mit der spartanischen Bestuhlung zu einer umgehenden Ernüchterung bei, die sich ebenso mit der Betrachtung des von einem Bolzenschuss selbst gerichteten Toten einstellt.

Charles ist jedenfalls der Meinung, eigentlich könne man die Akte zuklappen, bevor sie angelegt wird. Das war dem smarten Staatsanwalt am liebsten, denn so kann er sich wieder unter einem fadenscheinigen Grund ungehindert auf die Charming-Offensive gegenüber Josie, seiner Ex, in seinem Büro konzentrieren und ihr zum hundertsten Mal versichern, wie sehr er es bedauere, dass er damals mit ihrer besten Freundin in die Kiste gestiegen war. Nur einmal! Aber er würde sie, Josie, immer wieder lieben!

Willy schüttelt den Kopf.

«Charles, natürlich war es Selbstmord, aber die Sache ist von größerer Bedeutung!»

Willy wirft einen rückversichernden Seitenblick auf Josie und ihr dunkelhaarig umrahmtes Porzellanpuppengesicht. Der leuchtend rote Erdbeermund hält ihn für einen kurzen Moment gefangen.

Josie nickt unmerklich. Kryptische Frauenkommunikation für gewiefte Decodierungs-Experten.

Klar, seine frühere Studentin stimmt ihm zu, sie weiß nur noch nicht, wofür. Blindes Vertrauen nennt man das. Und das hat sie zu Willy.

«Und wieso, wenn ich fragen darf», will Charles wissen.

«Ich, ich, weiß es noch nicht. Aber Sie werden es bald erfahren.»

Charles grinst.

«Eine solch präzise Aussage habe ich mir immer schon gewünscht.»

Arschloch. Schon mal was von Intuition gehört?

«Sie haben exakt bis morgen Abend Zeit», verlautbart Charles, als wollte er sagen: SOO GEHT VERBALE PRÄZISION!, und wirft Josie einen Zustimmung erheischenden Blick zu, doch Josies Gesichtsausdruck könnte nicht weiter davon entfernt liegen. Schon aus Prinzip.

«Wollen Sie uns denn nicht wenigstens ansatzweise an Ihren Ahnungen teilhaben lassen?», legt Charles nach.

Willy durchwühlt sein dunkles dicht gelocktes Haar.

«Das, das ist eine Inszenierung», erwidert Willy aufgeregt. «Das ganze Setting, der finale Bolzenschuss vor dem Computerturm, das, das deutet eindeutig auf eine bestimmte Botschaft. Wir müssen die ganze Rechner-Anlage auf weitergehende Botschaften hin untersuchen. Mit Sicherheit finden wir etwas.»

«Dieses Etwas hat ihn aber nicht ermordet, sondern die Bolzenanlage. Und damit hat er sich selbst umgebracht. Es ist augenscheinlich Selbstmord. Hier konnte keiner rein und keiner raus. Botschaften sind ja schön, aber mehr als die persönlichen Probleme eines verirrten Laborleiters werden wohl nicht ans Neonlicht kommen.»

«Hier geht es um was Höheres, Charles», antwortet Willy und heftet eindringlich seine braunen Augen auf Charles. Zum Töten nicht eindringlich genug, aber für einen gedanklichen Schlag auf den Hinterkopf durchaus geeignet. Wer ist hier der Experte, he?

«Etwas, das in unseren Zuständigkeitsbereich fällt?», fragt Charles misstrauisch.

«Vielleicht sogar etwas von globalem Belang.»

«He, niedriger wollen Sie’s wohl nicht hängen, wie?»

Charles sieht Willy mitleidig an.

«Wie auch immer, ich bleibe dabei: bis morgen Abend», sagt er und verlässt den Raum.

Endlich!

Josie geht ans Telefon.

«Hamlet? Hey, wir haben hier einen spektakulären Selbstmord in einem Rechnerraum einer Forschungsstation namens L.I.M.B.U.S., E 58ste. Die Spurensicherung ist schon vor Ort. Sämtliche Festplatten müssen auf relevante Informationen untersucht werden, wobei die verschlüsselten Bereiche, falls vorhanden, Vorrang haben.»

«Bin schon unterwegs, Josie.»

«Besorg Dir vorher ‘ne große Pizza: könnte spät werden.»

«Keine Sorge, ich baue sämtliche Festplatten aus und bring sie zu uns, und da werden sie mit der Vorsicht wie auf der Baby-Intensivstation untersucht.»

«Gut so, Hamlet, du behandelst die Festplatten wie einen zarten Kinderpopo.»

«Ich weiß, was du sagen willst, Josie, aber mich interessiert nicht der Kinderpopo, sondern die neuronale Verschaltung.»

Willy durchwühlt unruhig seine festen dunklen Haare.

«Wo ist Bradleys Büro?»

Der Security-Officer rührt sich. Eigentlich ist es sein Kinn, das sich rührt, insofern es sich aktionswillig hob.

«Folgen Sie mir, Sir.»

Er sieht Willy an, als wollte er ihm die Augen ausstechen. Josie würdigte er keines Blickes.

In Bradleys Büro finden sie Monica Leigh, Bradleys Sekretärin (und Geliebte) in fassungsloser Auflösung. Sie steht und tigert wie ein angeschossenes Wild im Büro hin und her.

Josie fasst ihr sanft an die Schulter.

«Setzen Sie sich und beruhigen Sie sich erst mal.»

Monica Leigh gehorcht ihr wie ferngesteuert. Josie reicht ihr ein Taschentuch, weil sie tränenüberströmt ist.

«Danke. Mein Gott, wie konnte das passieren?!»

«Wir vermuten, dass es Selbstmord ist, Miss …»

«Leigh. Monica Leigh.»

Josie reicht ihr ein neues Taschentuch, weil sie sich schnäuzen muss.

«Aber warum denn?», schluchzt sie. «Das macht doch keinen Sinn!»

«Das werden wir herausfinden. Darum kümmern wir uns jetzt», sagt Josie.

Inzwischen hat Willy damit begonnen, Bradleys Schreibtisch zu untersuchen. Aus der untersten rechten Schreibtischschublade zieht er ein Manuskript hervor.

PALIMPSEST

Roman von

Gilbert Krahe

Aufgeregt setzt sich Willy auf den cognacfarbenen Ledersessel der Besucher-Sitzgruppe und studiert die ersten Seiten.

«Was ist denn das?», fragt Josie nach einer kurzen Weile.

«Ein … Romanmanuskript, so sieht es zumindest aus. Rat mal, was für einen Titel es hat.»

«Ich bin Detective und kein Ratemäuschen einer Gameshow.»

«Oh, entschuldige, wie konnte ich das vergessen! – Palimpsest heißt es. Und weil du dich gerade so gut machst: Rate, um wen es wohl geht! Richtig, um einen gewissen Arthur Bradley, hier aber wohl noch ohne einen Bolzen im Hinterkopf.»

«Nicht schlecht. Insiderbericht?»

«Dank Charles werde ich das in der Nachtlektüre herausfinden.» Willy grient. «So wie es hier auf den ersten Seiten aussieht, hat dieser Arthur Bradley zwei Söhne …», er blättert hektisch im Manuskript. «Rick und … Tim, wenn ich mich nicht täusche. Wie sieht’s mit unserem aus? Hat der Kinder?»

«Erinnere mich nicht, Bilder gesehen zu haben. Wir prüfen das.» Josie notiert es in ihrem Notizblock.

«Na, dann mal sehen, wie viel Wahrheit in diesem Manuskript steckt, was dieser Bradley hier so zu bieten hat, was?» Willy legt seine flache Hand auf das Deckblatt.

«Mir reicht im Anschluss die Zusammenfassung! Wie viele Seiten sind denn das?»

Willy schlägt die letzte Seite auf.

«362.»

«Wie gesagt, Zusammenfassung reicht.»

«Glücklicherweise lesen sich Romane im Allgemeinen flüssiger als Fachliteratur.»

«Aber die liebst du doch.»

«Ja. Aber das ist ja eigentlich auch Fachliteratur. Ermittlungsliteratur.»

«Bist du sicher?», fragt Josie.

«Ganz sicher.»

… oder noch nie von Intuition gehört?

Inhaltsverzeichnis

PALIMPSEST

Aus Dr. Arthur Bradleys privaten Aufzeichnungen

LONE PINE

Sechsfach-Mörder tarnte sich als Familienvater?

I. Das Experiment

II. Harold und David

III. Weder Tod noch Teufel

Mysteriöse Entführung in Fresno: Señor Intercambio?

IV. Frische Kontakte

V. Bangjīng

VI. Dilemma

VII. Hosen

VIII. This is a permanent error.

IX. Was geschah vor 19:06 Uhr?

NEWJĪNG

Science-Fiction gehört der Vergangenheit an

X. Klick-Klack

XI. Schlamm kauen

XII. Viel zu schnell

XIII. Leer gefegt

XIV. Aufwachen

PALIMPSEST

Roman von

Gilbert Krahe

Aus Dr. Arthur Bradleys privaten Aufzeichnungen

(Fragmente)

Videotagebuch – Signatur: abradley; Freitag, 14. April

[…] Nun ist es bald soweit. Und irgendwie ist es auch gut so. Die Angst, die mir im Nacken steht, ist dabei allerdings die Zeit. Weniger das Resultat. Ich habe förmlich das Gefühl, als würde ich die dahinrinnende Zeit mit jedem Tag etwas mehr spüren. Ich weiß, dass das Unsinn ist, aber … nun ja, so ist es halt. Die bisherigen Testergebnisse lassen keinen Zweifel, leider … und ja, ich bin sie alle noch mal durchgegangen, die ganzen letzten sieben Jahre. Es gibt sie, die obere Altersgrenze, und damit auch kein Zurück. Bei keinem der Probanden gelang das Experiment, wenn sie das vierzigste Lebensjahr erreicht hatten. Und auch die Altersgruppe siebenunddreißig bis neununddreißig weist signifikante Werte auf. Wenn, dann muss ich mich jetzt langsam beeilen. Fünfunddreißig erscheint mir richtig. Auch nur so ein Gefühl, und ja, auch dies habe ich nachgeprüft. Meine Gruppe zeigt keine Auffälligkeiten, zumindest keine signifikanten […]

Videotagebuch – Signatur: abradley; Montag, 5. Juni

[…] Letzte Ungereimtheiten wurden heute beseitigt. Ich hasse diese schlampige Ausdrucksweise. Was bitte sind Ungereimtheiten? Die Station macht heute Überstunden. Wir müssen fertig werden. Der separate Speicherkern läuft endlich, aber die Verschlüsselung ist noch durchaus verbesserungswürdig – und verbesserungswürdig ist auch nur das richtige Wort, weil die Kamera läuft! Aber die Nacht ist ja noch jung. O’Donnell und Smith müssen es reißen […]

Videotagebuch – Signatur: abradley; Donnerstag, 8. Juni

[…] So, heute gilt es, der Zukunft Platz zu machen. Also, jetzt oder nie, und wer will schon der Unendlichkeit im Wege stehen, was? Wenn ich mir das hektische Hin und Her in der L.I.M.B.U.S. so anschaue, dann scheint mir Cooper kräftig einzuheizen. Gut so, geht ja auch um meinen Arsch. … Und es geht mir gut. Ich hätte tatsächlich nicht geglaubt, dass es mir derart gut gehen wird. Nun, ich sehe es einfach mal als ein schicksalsträchtiges Zeichen. In diesem Sinne … Es ist wohl davon auszugehen, dass ich mich … melden werde […]

LONE PINE

(Einwohner: 2035)

Sechsfach-Mörder tarnte sich als Familienvater?

Von Ceferino Rojas Pineda

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Donnerstag, 15. Oktober | Full story: Pine’s Village Voice

Ein Familienvater tötet scheinbar wahllos – mit einem Küchenmesser sticht er auf seine Opfer ein, mit einer Plastiktüte erstickt er sie. Zum erbarmungslosen Schluss hat jedes seiner Opfer eine Kugel im Schädel. Aber nicht genug damit! Gleich dreimal in einer Nacht vergangener Woche werden kinderlose Ehepaare mittleren Alters Opfer dieser brutalen Mordserie, die mehr zu sein scheint als ein bloßer Raubmord. Aus ermittlungstaktischen Gründen kommen erst jetzt die grausamen Details einer unvorstellbaren Bluttat ans Tageslicht: Ein grausames Verbrechen im idyllischen Lone Pine, das sich mit jedem weiteren Ermittlungsschritt in den schmerzlichen Fußabdruck eines perversen, mordlustigen Monsters verwandelt. Es wurde aktuell von den Behörden eingeräumt, wenn auch ohne inhaltliche Details, dass die ermordeten weiblichen Opfer starke Hinweise auf einen sexuell orientierten Hintergrund der Tat zuließen.

Die Polizei des Bezirks Inyo County hat infolge des brutalen Sechsfach-Mordes eine Großfahndung nach dem 40-jährigen David Hawker – Ehemann und Vater von Zwillingen – herausgegeben, der laut Aussage der Polizei dringend tatverdächtig ist. Mittlerweile bestätigten die Behörden, dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der mutmaßliche Serienmörder Hawker auch tatsächlich für diese brutale Mordserie verantwortlich ist. Beweise ließen diesen Schluss ausnahmslos zu. Seither fehlt von Hawker und seiner Familie jede Spur. Es kann derzeit nicht ausgeschlossen werden, dass auch seine Frau und die Zwillinge zu seinen Opfern gezählt werden müssen.

Im County wird unterdessen mit Hochdruck nach dem Mann und seiner Familie gesucht. Die Polizei bittet die Bevölkerung weiterhin um Mithilfe. Wer sachdienliche Hinweise zum Aufenthaltsort geben kann, der melde sich bitte umgehend bei der Polizei. Aber die Behörden warnen vor dem Mann: Er sei vielleicht bewaffnet, und vor dem Hintergrund der Vorgehensweise bei den Mordfällen halten die Ermittler ein erhöhtes Aggressionspotenzial für sehr wahrscheinlich. Bürger sollten sich daher dem Mann nicht nähern, wenn sie ihn sähen, sondern sofort den Notruf wählen.

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I. Das Experiment

Der Gedanke an den grausamen kalten Ort vor 20 Jahren und die versteinerte Miene seines Bruders damals schoss ihm heute noch das Adrenalin ins Blut. Im Gegensatz zu ihm hatte Rick völlig emotionslos das Schauspiel verfolgt.

Wie sehr hatte er sich gewünscht, in diesem schrecklichen Moment zu seinem großen Bruder aufschauen zu können!

Er hätte heulen können. Schon als ihn die Assistentin seines Vaters zwei Stunden früher als sonst aus den Federn holte, spürte er eine lauernde Gefahr. Patricia hatte ihm lieblos die Klamotten aufs Bett geworfen und Rick an ihm vorbeigeschoben, denn er war morgens immer etwas langsamer. Mum hatte es liebevoll «orientierungslos» genannt. Für Dad bedeutete dies schlichtweg: Die Festplatte war noch nicht hochgefahren.

«Los, Jungs, beeilt euch!»

Patricia warf einen Kontrollblick durch das Kinderzimmer. Alles lag bereit, nur die Jungs hingen noch «lahmarschig» rum.

«Wegen euch krieg ich noch einen Anschiss von eurem Dad. Wollt ihr das?»

«Nö», sagte Tim und kämpfte weiter mit seinem T-Shirt.

«Na, dann zack, zack! Und vergesst nicht: Kriege ich Anschiss, kriegt ihr Anschiss!», rief sie und verließ gespielt zähnefletschend wie ein grausamer Feldherr die gewonnene Schlacht.

Rick schlug sich bockig mit der Zahnbürste gegen die Zähne.

Tim hatte seinen Vater schon früher mal auf der Arbeit besucht, aber jetzt in den Morgenstunden war alles anders. Es wimmelte nur so von Menschen im Laboratorium, die alle einen schwer beschäftigten Eindruck machten. Überall wurde verschwörerisch geflüstert, emsig wurden Apparaturen durch den Raum getragen oder gerollt, und ein Raunen legte sich klebrig über das Geschehen. Vielleicht war es dieser Druck, der Tim das Gefühl gab, dass hier irgendetwas nicht stimmte und Patricia ihn zu einem schrecklichen Ort führen würde.

Aus der Erinnerung wusste er, wie weitläufig das Labor war. Wie ein langer Schlauch durchzog es das Erdgeschoss. Die Luft roch in gleicher Weise nach Luft wie die Heere von Neonröhren Tageslicht imitierten. Ohne Fenster. Ein künstlicher Ort.

Irgendwann würde er Fragen stellen, dachte er damals. Mein Gott, im Grunde hatte er heute immer noch keine Antwort.

Der Schichtwechsel interessierte Arthur Bradley nicht. Nicht in seiner Position. Bereits tief in der Nacht hatte er den Eingang des Verwaltungsgebäudes passiert, um die L.I.M.B.U.S. zu erreichen. Sie war seine Forschungsstation. Es waren seine langen, heiligen und geheimnisvollen Korridore, die sich wie ein Reptil durch das Erdgeschoss schlängelten. Die vielen Menschen, dieser besondere Tag, all dies versorgte sein Baby in dieser gottverdammten Frühe mit Energie. Und das brauchte es auch an einem Ort, der hauptsächlich vom Tourismus lebte.

Routiniert durchschritt er den verglasten Durchgang, der ihn direkt in den weißen Korridor entließ, der das über einen Kilometer lange Firmengebäude durchlief und zu allen Räumen der Sicherheitszone führte und letztlich in einen engen Durchgang mündete – dann rechts, dann noch ein paar Meter – und schließlich nach dem Passieren verschiedenster Kontrollpunkte die L.I.M.B.U.S. erreichen ließ.

Der Vorhof … zu was auch immer! Aber dafür sind wir ja hier, um genau das herauszufinden, dachte er.

Er beobachtete angespannt das Treiben und trieb alle an, sobald es ausblieb. Zeit hatte für ihn hier keine Bedeutung, genau wie der Schichtwechsel vor einer halben Stunde. Dabei war der heutige Tag etwas ganz Besonderes. Er würde Geschichte schreiben.

«Die Vorbereitungen laufen?»

«Dr. Bradley, guten Morgen! Ja, selbstverständlich! Es läuft», versicherte Cooper.

Bradley war Chefingenieur und Leiter des kurz bevorstehenden epochalen Versuchs. Alles hatte er sich allein erarbeitet. Er war früh von Zuhause mit dem verbeulten Chevy seines Alten ausgerissen – mit gerade mal sechzehn –, aus einem Drecks-Wüsten-Loch. Lone Pine war mit Sicherheit keinen Deut besser, aber dafür war er jetzt Chefingenieur und Leiter der Forschungsstation L.I.M.B.U.S. Seither war ihm seine Strenge immer nachgesehen worden. Er war keineswegs beliebt, trotzdem nahmen es ihm seine Mitarbeiter nicht übel, wenn er auf äußerst infame Weise ihre fehlende Fachkompetenz, ihren mangelnden Durchblick oder aber das zögerliche Vertrauen in seine fachliche Versiertheit öffentlich (im Kontrollraum) anprangerte. Was wissen die schon? Den besten Zeitpunkt für eine solche Zurschaustellung gottähnlicher Macht sah Bradley mitten im Schichtwechsel. Da bekamen doppelt so viele das jämmerliche Fehlverhalten eines Einzelnen mit.

Jeder versuchte zumindest, es nicht persönlich zu nehmen. Jeder schob es auf sein Übermaß an Eitelkeit oder Selbstzufriedenheit, auf jeden Fall ging es schon über einen gesunden Narzissmus hinaus. Doch wer wollte Bradley dies auch verübeln? Schließlich kam seine Arbeit in der L.I.M.B.U.S. dem göttlichen Werken und Wirken noch am nächsten.

«Sie sollen mich nicht analysieren! Sie sind doch kein Psychiater! Oder? Bitte, Himmel Herrgott noch mal, nicht! Sie sollen einfach nur Anweisungen ausführen! Sind Sie in der Lage, dies zu bewerkstelligen, oder soll ich lieber einen Ihrer Kollegen fragen? Haben Sie denn während Ihres Studiums nichts gelernt? Sie sind doch Physiker? … Vergessen Sie Ihr überbewertetes Studium. Habe ich Ihnen denn gar nichts beibringen können?»

Seine keifenden Monologe ließen keinen Spielraum für Zwischenbemerkungen. Auch das Einbeziehen der nebenstehenden Kollegen war ein häufig genutztes Mittel der Demütigung.

Bradley war – das ließ sich nur schwer anders empfinden, wenn man in seinem Umfeld arbeitete – ein Arschloch, wie man es sich als Chef nicht besser wünschen konnte. Das wusste jeder. Daran hatte man sich mittlerweile gewöhnt. Das galt sicher für viele Männer in seiner Position, aber er besaß zudem noch eine überragende fachliche Kompetenz. Das, was man eben brauchte, wenn man Unvorstellbares schaffen wollte.

Und Arthur Bradley wollte das Unvorstellbare schaffen – koste es, was es wolle.

Das Experiment erforderte es, nur wenige wirklich einzuweisen. Die meisten Menschen an diesem künstlichen Ort waren Befehlsempfänger. Sie hätten es nicht verstanden. Weder das zu bringende Opfer noch das, was es für die Welt bedeuten würde.

Mit sechzehn war Bradley von Zuhause ausgerissen und hatte es trotzdem geschafft, vielleicht auch gerade deswegen. Diese alte Welt erlaubte es ausschließlich harten Hunden, zu überleben und sich durchzubeißen.

Unnachgiebig beäugte er seinen Ältesten, Richard. Er hätte nicht sagen können, ob der in drei Jahren zu Ähnlichem bereit sein würde. Seine Mutter hatte ihn verhätschelt. Das konnte selbst Patricia nicht mehr ausbaden. Und dabei wusste er, wie ruppig sie mit seinen Jungs umgehen konnte.

Er beugte sich zu Timothy runter, der die Hand der Assistentin fest drückte.

«Timothy, heute ist ein wichtiger Tag, was hast du?»

«Er ist schon den ganzen Morgen etwas … muffelig», sagte Patricia.

«Ist schon okay», antwortete sein Vater mit ungewohnt sanfter Stimme.

«Aber denkt dran, du auch, Richard, die Kamera wird euch nachher filmen. Ihr seid gewissermaßen im Fernsehen. Und ich würde es sehr schade finden, Tim, wenn die Menschen dein verweintes Gesicht sehen müssten. Okay?»

Bradley schaute Patricia prüfend an.

«Vielleicht werden sie es irgendwann verstehen», flüsterte er.

«Was denn, Dr. Bradley?»

«Das … das Wunderbare, Patricia, das entzauberte Wunderbare.»

Ein siegessicheres Lächeln huschte über sein Gesicht.

«Ihr könnt in der Kantine warten. Holen Sie den Jungs ein paar Donuts. Ich lass euch nachher holen.»

Wenn die Show startet!

Cooper trat an Bradley heran und flüsterte ihm ins Ohr:

«Die Leistung sinkt.»

Jason Cooper ließ die Computeranzeige nicht eine Sekunde aus den Augen. Die Zahl sank kontinuierlich weiter.

Bradley strich Tim über das blonde Haar und streichelte Ricks Wange. Dann durchschritt er gebieterisch seinen Kontrollraum, hing jedem seiner Wissenschaftler mit wachen Blicken im Nacken, die Hände tief in den weiten Hosentaschen seiner weißen Arbeitskluft vergraben. Cooper folgte unauffällig wie ein Schatten.

«Was ist mit dem Steuersystem?», fragte Bradley.

«Ist das für Sie in Ordnung, dass ich das lokale Steuersystem jetzt ausschalte, Dr. Bradley?»

Cooper stellte diese Frage lediglich höflichkeitshalber. Es war alles genau geplant und dokumentiert. Es war ohnehin an der Zeit, das lokale Steuersystem auszuschalten.

Trotz seiner sechsundzwanzig Jahre und der Unerfahrenheit mit der L.I.M.B.U.S. vertraute er dem Chefingenieur. Cooper gehörte zu dem Kreis der Eingeweihten. Er wusste, was hier heute Epochales geschehen sollte.

«Ist der Präsentationsraum vorbereitet?», erkundigte sich Bradley, denn das war für ihn das eigentlich Wichtige; der sollte seine Bühne werden, die Bretter, die die Welt bedeuten …

Jason Cooper kannte den Stellenwert dieses besonderen Raumes. Ein Raum, der, egal wie dieses Experiment ausgehen sollte, als Sensation oder Desaster, unabänderlich das Leben der Menschen hier (und vielleicht darüber hinaus) verändern würde.

«Ja, es ist alles vorbereitet. O’Donnell wartet dort auf Sie, wenn … wenn Sie so weit sind, Dr. Bradley.»

«Die Dokumentation ist sichergestellt?»

«Ja, Dr. Bradley.»

«Lückenlos?»

«Ja, lückenlos. O’Donnell und sein Team stellen sicher, dass alles dokumentiert werden kann», versicherte Cooper.

Läuft, dachte Cooper, aber er wusste, wie sehr sein Chef diese Floskel hasste.

«Wenn ich drinnen bin, sorgen Sie dafür, dass meine Söhne im Kontrollraum sind. Sie können ihr Essen aus der Kantine mitnehmen, … aber achten Sie darauf, dass sie nicht –»

«Sir, die Monitore sind nur für das Leitungspersonal und das Kontrollgremium einsehbar. Ich achte darauf!»

«Cooper, die Dokumentation ist das Wichtigste. Denken Sie daran. Und sagen Sie denen, die sollen mir nach der Präsentation, Himmel Herrgott noch mal, genügend Zeit lassen! Wenn’s sein muss, bremsen Sie sie.»

Die Ungeduld der Kontrollgremien machte Arthur Bradley am meisten Angst. Gerade die Kontrolleure, die er extern organisiert hatte. Aber eine transparente und lückenlose Dokumentation waren heute das A und O dieses Unterfangens.

«Versprochen, Sir», sagte Cooper mit einem aufmunternden Lächeln.

«Versprechen Sie’s nicht – tun Sie’s, wenn’s drauf ankommt!»

«Dr. O’Donnell und Dr. Smith werden alles im Griff haben. Die Anlage läuft bereits warm.»

«Dann, Jason, wünschen Sie der Menschheit Glück.»

Bradley lächelte aufmunternd.

«Denn es könnte Ihr Unvermögen und das Ihrer völlig inkompetenten Mannschaft sein, das dabei der Menschheit im Wege steht.»

O’Donnell war wie Smith einst Mitarbeiter der Metascience Foundation gewesen. Aber – und das zeichnete beide aus – sie waren keine Spinner oder anderweitig abgedrehte Wissenschaftler. Sie waren hoch professionell, selbstkritisch, und auch ein halb so alter Dr. Arthur Bradley war (ein bisschen) stolz, diese beiden Profis zu seinem engeren Bekanntenkreis zählen zu dürfen.

Sie spielten aber nicht nur fachlich in Bradleys Liga. Sie waren von dem Projekt überzeugt, und heute wollten sie zu Überzeugungstätern werden.

O’Donnell hatte bereits Ende der siebziger Jahre ein transkommunikatives Gerät mit Namen SEMP Tec 1 gebaut. Da die Zeiten damals als Wissenschaftler in diesem Bereich etwas schwieriger waren als heute, musste man sich schon einiges einfallen lassen, um auf sich aufmerksam zu machen und Geldgeber zu gewinnen. O’Donnell hatte sich selbst vor Jahren in einem Interview mit einer verzweifelten Prostituierten verglichen. Dabei hatte er dafür die Grenze zum Spinnertum das eine oder andere Mal (leider) überschreiten müssen, aber es war für einen guten Zweck. Und für die Wissenschaft war ihm jedes Mittel recht.

Die genauen technischen Anweisungen und den Bauplan für SEMP Tec 1 erhielt O’Donnell angeblich aus dem Jenseits von einem 1967 verstorbenen NASA-Mitarbeiter. Zumindest war die Geschichte gut genug, um auf einer Titelseite zu unterhalten und damit den einen oder anderen Dollar locker zu machen.

Die seltsame Anlage von damals bestand aus einem Generator für hohe Frequenzen, dazu kamen jeweils eine zwei Meter lange Sende- und Empfangsantenne, dann noch ein Mikrofon und ein Rekorder für die beabsichtigte Kommunikation sowie unzählige andere technische Bauelemente. Die Anlage, in der er heute stand, war im Grunde nicht viel anders. Sie war größer, leistungsstärker und beschränkte sich nicht mehr nur auf Kommunikation. Sie war Dr. Bradleys Version einer neuen Welt und das Herzstück der L.I.M.B.U.S. Forschungsstation. Sein Vermächtnis.

O’Donnell schloss Bradley an das Überwachungssystem an. Unzählige Kabel wurden mit seinem Körper verbunden; keine Lebensfunktion blieb unentdeckt. Jeder im Kontrollraum konnte nun beobachten, ob er die Arschbacken zusammenkniff oder sich vor Angst entleerte. Er merkte, wie sein Puls mit jeder Sekunde an Schlagkraft gewann.

Der Präsentationsraum erinnerte an eine Gaskammer, etwas größer zwar, aber keinen Deut wohnlicher. Dieser Raum verdeutlichte, was es hieß, abgeschottet zu sein. Bradleys Blick fiel auf die schwere Stahltür, durch die O’Donnell in wenigen Minuten verschwinden würde.

«Arthur, Sie wissen, Sie müssen das nicht machen», flüsterte O’Donnell in das am Jackenaufschlag befestigte Mikrofon.

Bradley lag auf der Bahre. Nur mit Boxershorts bekleidet. Harte Zeiten!, durchzuckte es ihn, als er die Instrumente auf der beigestellten Ablage neben sich beäugte. O’Donnell hatte die zentimeterdicke Stahltür vor Minuten verriegelt, aber die Schließmechanismen hallten noch immer in seinen Ohren.

Nun blieb ihm nur noch eines, bevor es tatsächlich ernst werden sollte. Er verlas eine Freiwilligenerklärung. Vor den Kameras. Vor den Mikrofonen. Vor allen Instrumenten, die in diesem Moment in der kleinen Kammer auf ihn gerichtet waren. Die ihn wie die NSA gnadenlos durchleuchteten.

Allerspätestens jetzt wurde jedem klar, worauf dieses Experiment hinauslief. Allen Beteiligten – ob sie nun Mitwisser, Befehlsempfänger oder Kontrolleure waren – wurde schlagartig klar, was dieser keimfreie Ort aus ihnen machen würde: Mittäter. Er hoffte, dass seine Erklärung zumindest für die nächsten Stunden beruhigte. Aber sie würden es erst verstehen, wenn das Experiment vollständig vorbei sein würde.

… Himmel Herrgott noch mal, genügend Zeit lassen!

Dr. Arthur Bradley nahm das Bolzenschussgerät selbstständig und bei vollem Bewusstsein von der Ablage und führte es mit wenigen Handgriffen in die Apparatur ein, die seinen Schädel schmückte. Kinderleicht, denn alles andere wäre ihm in seiner angespannten Lage nicht mehr gelungen. Mit einer Fernbedienung positionierte er das Gerät unter leisem Summen an seinem Hinterkopf, sodass der Bolzen direkt über seinem Genick endgültig einrastete.

Er fragte sich, ob ihn die ganzen technischen Anlagen als jemanden aufzeichneten, der die Arschbacken zusammenkniff, als einen harten Mann für harte Zeiten. Oder konnten sie sehen, dass selbst seine kontrollierte Atmung nicht mehr half, den Puls zu bremsen? Zumindest konnten die Kameras sehen, wie sein Daumen über dem elektrischen Auslöser der Fernbedienung schwebte.

So ungemein kompliziert und mysteriös die tatsächliche Mechanik der im Gehirn ablaufenden Prozesse auch sein mag, im Prinzip ist es simpel: Wenn man den Stecker zieht, geht der Fernseher aus.

Bradley wollte keine x-te Nahtoderfahrung produzieren. Er wollte nicht aufwachen und von einer Welt aus reinem, hellem, weiß-goldenem Licht schwafeln. Er selbst hatte anderen zur Genüge zugehört, die von einer Welt quatschten, die von Licht und Liebe derart überfüllt war, dass einem nur schlecht werden konnte. Als Wissenschaftler hörte er (mehr oder weniger) verständnisvoll zu und war sich indes sicher: Es handelte sich um eine von Kummer induzierte Fantasie. Ein Drogencocktail des Gehirns.

Wenn man den Stecker zieht, geht der Fernseher aus.

Aber das Programm läuft irgendwo weiter!

Arthur Bradley entschied sich, den Stecker zu ziehen, um zu schauen, wo sein Programm weiterlief.

Exakt fünfzig Millisekunden nachdem er den roten Knopf an der Fernbedienung gedrückt hatte, rammte sich der Bolzen in sein Genick.

Die Monitore waren nur für das Leitungspersonal und das Kontrollgremium einsehbar. Darauf hatte Cooper im Kontrollraum geachtet. Was er allerdings vergaß: Das Klacken des Bolzens über die Lautsprecher, die schlagartige Atemlosigkeit sämtlicher Anwesenden und die ungläubigen Blicke auf die Monitore, die Tim und Rick nicht einsehen konnten, das alles reichte, um ein Versprechen zu brechen.

Ich würde es sehr schade finden, Tim, wenn die Menschen dein verweintes Gesicht sehen müssten.

Nur Rick hatte ungerührt auf Patricias Gesicht gestarrt, die es einfach nicht geschafft hatte, die Hand von ihrem Mund zu lösen.

Sein Ziel war, dem weiteren Experiment ausschließlich mit seinem toten Körper beizuwohnen. Richtig tot. Nicht: Ich bin mal kurz tot, schau mich im Land von Liebe und Licht um, komm dann wieder rein und erzähle herzzerreißende Geschichten über eine Welt aus reinem, hellem, weiß-goldenem Licht! Richtig tot – mit Bolzen im Genick und einem Mediziner an der Seite, der unter Zeugen bestätigt:

«Ein Bolzen im Genick ist nicht mit dem Leben zu vereinbaren.» Oder so ähnlich.

Doch Bradley konnte die Ärzte nicht hören, die nach der Feststellung seines unwiderruflich letalen Zustandes jegliche Verantwortung an seinem Suizid von sich wiesen und rechtliche Schritte androhten. Auch die Kontrolleure distanzierten sich in ähnlicher Weise deutlich von dem Experiment.

«Sie werden es nicht verstehen, zuerst. Weder das zu bringende Opfer noch das, was es für die Welt bedeuten wird», hatte Bradley bereits vor Monaten Cooper beruhigt. «Lass sie, am Ende des Tages werden sie ihr Maul vor Staunen nicht mehr zubekommen.»

«Phasenkompensation abgeschlossen. Synchronizer etwas rauf … danke, passt. Testbild steht. Wechsel vorbereiten und … ich würde sagen, wir haben unseren Teil erfüllt. Jetzt heißt es, warten.»

Bradley hatte mit mehreren Stunden gerechnet. Das hatte seine vorhergegangene Forschung gezeigt. Diese Zeit sollte ihm genügen, um sich zu orientieren, oder was auch immer man dort drüben macht! Bradley bezeichnete seine Forschung als aktive Forschung. Er wollte nicht (mehr) an einem Radio sitzen und warten, dass im Rauschen eine Unebenheit auftauchte. Ein Wort. Ein Satz. Ein Name. Darüber war seine Forschung schon seit Jahren hinaus.

Körper und Geist hingen ganz eindeutig zusammen. Sie entstanden gemeinsam. Reiften über Jahrzehnte gemeinsam. Dann trennte sie der Tod. Man brauchte den (lebenden) Körper, um die individuelle Frequenz bestimmen zu können. Eine persönliche Kennung, die mithilfe seiner Anlage einen direkten Kontakt zu diesem einen Geist ermöglichen konnte. Man musste sich nicht mehr durch ein rauschendes Radio wühlen, um zwischen Abermillionen Geistern genau den einen herauszufiltern. Bradley hatte in gewisser Weise das Telefonbuch ins Jenseits entdeckt. Und nun hatte er seine eigene Nummer zurückgelassen.

«Ruf mich an!», waren seine letzten Worte an O’Donnell.

Diese besondere Kennung war im Zeitpunkt des Todes ablesbar. Ausschließlich zum Zeitpunkt des Todes. Nicht davor, nicht danach. Nicht im Nahtod. Da war der alte Geselle sehr genau.

Auch Bradley war sehr genau: Er hatte Zeugen. Er hatte dokumentierte Ergebnisse. (Wenn Coopers Unvermögen und das seiner völlig inkompetenten Mannschaft es nicht versaut hatten.) Er war am Leben gewesen und starb dann – nicht schön, okay, aber jetzt brauchte er nur noch Zeit.

Und letztlich war er sogar ein wenig cleverer als Gevatter Tod, denn Jahre später gelang ihm und der Forschungsstation L.I.M.B.U.S. sogar, rückwirkend Nummern zu sammeln.

(Zugegeben: Die Erläuterung anhand einer Telefonnummer war zwar eingängig, die tatsächliche Nähe zur Thematik jedoch eher augenscheinlicher Natur. Die Realität war deutlich komplexer – durch Arthur Bradley aber seit diesem Tage um ein Ungeahntes größer.)

«Quod erat demonstrandum!», brüllte es über die Lautsprecher des Kontrollraumes. Cooper hatte die Lautstärke kurz vor dem Endanschlag gehabt, nur um sicherzugehen. Dann hatte Bradley gelacht. Herzhaft gelacht. Schon beinahe so, als wäre er außer Atem.

«Dr. Bradley! Können Sie mich hören?»

Cooper hielt sich das Mikrofon dicht an den Mund.

«Wenn Sie das Mikrofon aus Ihrem Mund nehmen, wahrscheinlich besser. Das Gerät brauchen Sie nicht, ich hör Sie auch so! Sie alle! Sie können wieder atmen, oder wollen Sie mir hier Gesellschaft leisten?»

«Sie hören uns ohne … Mikrofon?», erkundigte sich Cooper zögerlich; er wusste zwar, was hier passieren würde, aber jetzt mit einem Lautsprecher zu reden, war doch irgendwie ….

«Ja, da hab ich mich getäuscht! Jason! Aber, und das ist das Wichtigste, ich höre Sie … und …»

«Und was, Doktor?», drängelte Cooper, der noch immer ins Mikrofon sprach.

«Und ich sehe Sie … Sie alle. … Laufen sie schon? Wälzen sie den Stein beiseite?», fragte Bradley.

«Wer?»

«Die Ungläubigen! Sind sie schon auf dem Weg zu meinem Kadaver?»

Jason Cooper blickte sich im Kontrollraum um. Der ein oder andere Stuhl war nicht mehr besetzt. Er warf einen Blick auf den Monitor, der mit dem Präsentationsraum verbunden war. Und da standen sie. Die Ungläubigen. Hatten den «Stein» weggerollt. Doch sie konnten nur Bradleys toten Körper inspizieren. Der Bolzen steckte noch. Blut sammelte sich in einem Gefäß unterhalb seines Schädels.

Dann wurde es still. Für exakt dreiundzwanzig Minuten.

«Frag mich mal nach Gott», forderte Bradley plötzlich.

Der Kontrollraum erschrak. Bradleys Stimme klang verzerrt.

Die Frage nach Gott war nicht unbegründet, denn vor Jahren hatte es auf diese Frage hin (während eines Kontakts, mit dem Bradley nichts zu tun hatte, was er auch immer scharf betonte) eine sonderbare Aufzeichnung gegeben. Die Stimme aus dem Jenseits hatte sich damals verändert und von Rauschen untermalt verlautbart:

«Stellen Sie diese Frage an mich … Wir sind die, die wir sind. Es ist schwierig, Ihnen das zu erklären, aber ich bin ein … Energiewesen, kein Lichtwesen. Ich war kein Mensch, kein Tier, niemals inkarniert … Ich war und bin ein übermenschliches Wesen und zuständig für den Planeten Erde … Ich bin … nicht Gott. Der Mensch begeht den Irrtum, sich Gott als Einzelperson vorzustellen. Sie kennen das Bild, wo die beiden Kinder über eine Brücke gehen. Hinter ihnen geht ein Wesen, das sie beschützt. So sehe ich für Sie aus, aber denken Sie sich die Flügel weg. Wenn Sie mir unbedingt einen Namen geben wollen, nennen Sie mich … Techniker. Sie hatten mich bereits am Anfang der Kontakte mit einem menschlichen Techniker verwechselt. Ich bin in der Tat ein Techniker …»

Was für ein Bullshit!

Nichtsdestotrotz: Bradley wollte das Energiewesen sehen, das es wagen würde, ihm jetzt und hier die Show zu stehlen. Er hatte sich nicht getäuscht. Nichts und niemand hatte sich in diesem unglaublichen Moment getraut, dazwischen zu quatschen.

Deswegen fuhr er gemäß Protokoll fort. Für Neil Armstrong war die Sache ja auch nicht nach seinem kleinen Schritt erledigt. Bradley sah sich nicht nur in einer Reihe mit Neil, er hatte soeben die Führung übernommen. Auf dem Mond zu spazieren, bot zumindest noch die Option, in die Raumfähre einzusteigen und zurück nach Hause zu fliegen. Abgesehen davon himmelten Neil damals 500 bis 600 Millionen Menschen weltweit zu. Vor diesem Hintergrund traut man sich viel. Bradley versperrte der Bolzen im Genick den Rückflug. Und die einzigen, die seinen gewaltigen Schritt für die Menschheit anhimmelten, waren die L.I.M.B.U.S.-Belegschaft, die Kontrolleure sowie Hunderte von Kameras, Mikrofonen und unzähligen Elektroden. (Die mittlerweile in seinem erkaltenden Körper steckten.)

Eine Stunde lang beantwortete er den vorgefertigten Fragenkatalog, der unwiderlegbar beweisen sollte, dass er außerhalb seines toten Körpers existierte. Dass es keine Aufzeichnung war, kein billiger Taschenspielertrick. Dass er sein irdisches Leben gegen ein anderes eingetauscht hatte und nun alle daran teilhaben lassen wollte. Erst dann erhielt er die Gelegenheit, erste Eindrücke von was auch immer durch den Lautsprecher zu posaunen.

«Es ist schwierig, eine körperliche Frage zu beantworten. Ist es kalt hier? Ist es warm, nass, trocken? Wonach riecht es? Nicht dass mir die Bedeutung beim Übergang entfallen ist, aber das … Das gibt es hier schlichtweg nicht. Und ob ihr es glaubt oder nicht, mir liegt die Antwort auf der … Also, zumindest liegt eine Antwort vor, die ich aber nicht mit euch … kommunizieren kann. Erinnert ihr euch noch, was Maggie nach ihrem Übergang gesagt hatte? Jetzt versteh ich’s. Aber für euch bleibt es wirres Gerede. Die menschliche Sprache ist derart körperbetont, sie eignet sich absolut nicht, um hier irgendetwas auch nur im Ansatz zu beschreiben.»

«Gibt es Gott?», rief einer der Mediziner.

«Ich kann diese Frage nicht beantworten», sagte Bradley. «Die Frage ergibt hier absolut keinen Sinn. Es ist wie eine dieser körperlichen Fragen. Ich … ich überlege.»

Stille.

«Es ist, als würde ich euch nach Rdctzvghjklmk fragen.»

Erst viele Wochen später meldete sich Dr. Bradley wieder über den Lautsprecher im Kontrollraum. Der Großteil der Arbeit lag noch vor der L.I.M.B.U.S.-Crew.

Die externen Kontrolleure und Ärzte, die rechtliche Schritte angedroht hatten, verzichteten am Ende darauf. Keiner von ihnen verließ je wieder das kleine Örtchen Lone Pine am Fuße des Mount Whitney. Und das lag bestimmt nicht an der malerischen Lage unter der Ostflanke der Sierra Nevada.

– Zwanzig Jahre später –

II. Harold und David

Für David Hawker war Harold, sein Chef, einfach nur ein arroganter alter Fettsack.

Ihr erstes Aufeinandertreffen musste eine Ewigkeit her gewesen sein, aber David bescherte es den peinlichsten Moment seines Lebens.

Damals war er Ende Zwanzig und motiviert. Er hatte die Abteilung mit einem freundlichen Lächeln betreten und wurde auf der Suche nach seinem neuen Chef von einem künftigen Kollegen, den er später unter «Penner» abspeicherte, auf einen alten Herrn in der Ecke neben dem Wasserspender verwiesen. Vorgebeugt. Mit dem Rücken zur Abteilung.

«Hey, ich bin’s, David, der Neue, und gehöre jetzt ganz Ihnen!»

Im Kopf klang es gut. Frisch. Freundlich. Aufgeschlossen. Der Jungbrunnen für Alte. Aber selbst sein blödes Grinsen verhalf jetzt nicht, vom Griff ins Klo der Begrüßungen abzulenken. Nein, es war nicht die Akustik des Büros. Ausgesprochen klang es schlichtweg wie der Anfang vom Ende.

David Hawker hatte es gut gemeint.

Dann drehte sich sein neuer Chef gemächlich um, begutachtete David von oben bis unten und nahm dabei einen Schluck aus dem Papphütchen.

Der Blick verriet, dass Davids Gefühl ihn nicht täuschte.

«Hallo, David. Sie können mich Mr. Greene nennen. Oder hatten wir je das Vergnügen?»

David war verunsichert, denn Stimme und Mimik passten auf seltsame Weise nicht zueinander.

«Also, beim Vorstellungsgespräch», er grinste verlegen, zwecklos, spürte Kacke an seinen Fingern, «Sie erinnern sich, vielleicht, Mr. Greene?»

«Beim Vorstellungsgespräch?», fragte Mr. Greene beschwingt.