Pan - Knut Hamsun - E-Book

Pan E-Book

Knut Hamsun

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Beschreibung

Mit "Pan" hat Hamsun seine "Mysterien" noch weit übertroffen –– es ist eines jener Bücher, mit denen man nie fertig wird. Man kann es in die Hand nehmen, wann und wie oft man will, und es wird einem immer wieder etwas Neues zu sagen haben. Es ist ein Dichterwerk, das in der nordischen Literatur einzig dasteht, sowohl an Fülle des Poetischen als auch an Größe, Reinheit und Tiefe. Der Held der Erzählung ist der Leutnant Glahn, der sich als Jäger in einer einsamen Hütte des nordischen Waldes niedergelassen hat und hier mit der Natur in innigster Verbundenheit lebt. Für ihn gibt es in ihr nichts Seelenloses; er spricht mit Stein, Pflanze und Tier, sie sind Teile seines Wesens, er fühlt das Leben, das aus ihnen in seine Seele überströmt, und unbewusst legt er seine eigene Seele, sein eigenes Leben in die Natur hinein. Natur und Ich verschmelzen zu einem untrennbaren Ganzen, sie träumt seine wundersamen, einsamen Träume, und in Iselin, der duftigen Sagengestalt, tritt ihm ihre Zeugungskraft, ihr Liebeswerben vor die Sinne. Iselin, die Schwester des großen Pan! Er hört ihre Stimme im Säuseln der Blätter, er fühlt ihr Schmiegen und Schmeicheln in dem Dufthauch des knospenden Frühlings; und so groß ist seine Verwandtschaft mit der Natur, dass seine Liebe selbst mit ihr blüht und welkt.

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Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Pan

 

Aus Leutnant Glahns Papieren

 

KNUT HAMSUN

 

 

 

 

 

 

Pan, Knut Hamsun

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

 

ISBN:9783988682918

 

Quelle: https://www.google.de/books/edition/Pan_Aus_Lieutnant_Thomas_Glahn_Papieren/i-Lbs8iqCfkC?hl=de&gbpv=0

 

Übersetzerin: Marie von Borch

 

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

 

 

INHALT

 

I.1

II.2

III.4

IV.5

V.7

VI.10

VII.11

VIII.14

IX.16

X.18

XI.21

XII.22

XIII.23

XIV.25

XV.27

XVI.31

XVII.33

XVIII.40

XIX.43

XX.45

XXI.49

XXII.52

XXIII.55

XXIV.58

XXV.60

XXVI.62

XXVII.66

XXVIII.68

XXIX.71

XXX.72

XXXI.73

XXXII.75

XXXIII.76

XXXIV.77

XXXV.79

XXXVI.79

XXXVII.82

XXXVIII.83

Glahns Tod.85

I.

Während der letzten Tage habe ich immer und immer wieder an des Nordlandsommers ewigen Tag gedacht. Ich sitze hier und denke an ihn, und an eine Hütte, in der ich wohnte, und an den Wald. hinter der Hütte, und nun mache ich mich daran und schreibe etwas nieder zu meinem eigenen Vergnügen, und um mir die Zeit zu verkürzen. Die Zeit wird mir sehr lang, und sie vergeht nicht so schnell, wie ich wohl möchte, obgleich ich keinen Kummer habe, obgleich ich das lustigste Leben führe. Ich bin mit allem zufrieden, und meine dreißig Jahre sind noch kein Alter; vor ein paar Tagen bekam ich von weit her ein paar Vogelfedern zugeschickt, von jemandem, der sie mir nicht schuldig war, zwei grüne Federn in einem Briefbogen mit einer Krone drauf und mit einer Oblate versiegelt. Es amüsierte mich auch, zwei so verteufelt grüne Vogelfedern zu sehen. Und sonst habe ich keine andere Plage, als dann und wann ein bisschen Gicht in meinem linken Fuß; die rührt von einer alten Schusswunde her, die jetzt längst geheilt ist.

Ich weiß noch, dass die Zeit vor zwei Jahren sehr schnell verging, ohne Vergleich viel schneller als jetzt; ein Sommer war zu Ende, ehe ich mich's versah. Es war vor zwei Jahren, 1855; ich will zu meinem Vergnügen darüber schreiben; damals passierte mir etwas, oder es hat mir geträumt. Jetzt habe ich vieles vergessen, was zu diesen Erlebnissen gehörte, denn seitdem habe ich beinahe gar nicht mehr daran gedacht; aber ich weiß noch, dass die Nächte sehr hell waren. Manche Dinge kamen mir auch so verdreht vor, das Jahr hatte zwölf Monate, aber die Nacht wurde zum Tage, und nie waren Sterne am Himmel zu sehen. Und die Leute, mit denen ich zusammenkam, waren eigentümlich und von ganz anderer Natur als die Leute, die ich von früher her kannte; dann und wann genügte eine Nacht, um sie reif und erwachsen sich in all ihrer Herrlichkeit entfalten zu lassen. Dabei war keine Hexerei, aber ich hatte es nie zuvor erlebt. Nein.

In einem großen, weißgetünchten Hause unten an der See traf ich eine Person, die für kurze Zeit meine Gedanken beschäftigte. Ich denke nicht mehr beständig an sie, jetzt nicht mehr, nein, ich habe sie ganz vergessen; hingegen denke ich an all das andere, an das Geschrei der Seevögel, an meine Jagd in den Wäldern, an meine Nächte, an alle warmen Stunden des Sommers; übrigens lernte ich sie sogar durch einen reinen Zufall kennen, und ohne diesen Zufall hätte sie mir nicht einen einzigen Tag im Sinne gelegen.

Von meiner Hütte aus konnte ich ein Wirrwarr von Inseln und Holmen und Schären, ein wenig von der See, ein paar blauende Felsgipfel sehen, und hinter der Hütte lag der Wald, ein ungeheurer Wald. Freude und Dank erfüllten mich bei dem Duft von Wurzeln und Laub, vom fetten Qualm der Fichten, der an Markgeruch erinnert; erst im Walde kam alles in meinem Innern zur Ruhe, meine Seele wurde ausgeglichen und voll Macht. Tag für Tag ging ich auf die Höhen, obgleich die Hälfte des Erdbodens noch mit Eis und weichem Schnee bedeckt war. Mein einziger Kamerad war Äsop; jetzt habe ich Cora, aber damals hatte ich Äsop, meinen Hund, den ich später totschoss.

Oft am Abend, wenn ich nach der Jagd wieder heimkehrte in meine Hütte, durchrieselte mein warmes Daheimgefühl mich von Kopf bis zu Füßen, ja es durchbebte mein Inneres, und dann plauderte ich mit Äsop darüber, dass wir es doch so gut hatten. Sooo, –– nun machen wir Feuer und braten uns hier am Herd einen Vogel, sagte ich, was meinst du dazu? Und wenn alles gemacht war, und wir beide gegessen hatten, kroch Äsop an seinen Platz hinterm Herd, während ich mir die Pfeife anzündete, mich eine Weile auf die Pritsche legte und auf das dumpfe Sausen im Walde lauschte. Es ging ein schwacher Luftzug. Der Wind stand gerade auf die Hütte, und ich hörte deutlich das Knappen des Auerhahns weit her von den Höhen. Sonst war alles still.

Und manches Mal schlief ich so ein, vollständig angezogen, wie ich ging und stand, und wachte nicht eher wieder auf, als bis die Seevögel anfingen zu schreien.

Wenn ich dann zum Fenster hinaus blickte, sah ich in der Ferne die großen, weißen Gebäude des Handelsplatzes, Sirilunds Speicher, den Krämerladen, wo ich mein Brot kaufte, und ich blieb noch eine Weile liegen und wunderte mich, dass ich mich hier in einer Hütte in Nordland, am Rande eines Waldes befand.

Dann schüttelte Äsop dort hinten am Herd seinen langen, schmalen Körper, sein Halsband klirrte, er gähnte und schwänzelte, und ich sprang nach diesem drei-, vierstündigen Schlafe auf und war ausgeruht und voll Freude über alles, alles.

So verging manche Nacht.

II.

Es kann regnen und stürmen –– darauf kommt es gar nicht an; oft bemächtigt sich an einem Regentag eine kleine Freude des Menschen und macht, dass er mit seinem Glück still beiseite geht. Dann stellt man sich auf und blickt gerade aus, hie und da lacht man leise und sieht sich um. An was denkt man? Eine klare Scheibe in einem Fenster, ein Sonnenstrahl auf der Scheibe, die Aussicht auf einen kleinen Bach und vielleicht ein blauer Spalt am Himmel. Es braucht gar nicht mehr zu sein.

Zu anderen Zeiten vermögen selbst ungewöhnliche Erlebnisse einen oft nicht aus einer gleichmäßig armseligen Stimmung zu reißen; mitten im Ballsaal kann man ruhig, gleichgültig und unempfindlich da sitzen. Denn unser eigenes Innere, das ist die Quelle von Kummer oder Freude.

Ich erinnere mich eines bestimmten Tages. Ich war an die Küste hinuntergekommen, der Regen überraschte mich, und ich ging in einen offenen Bootsschuppen und setzte mich dort inzwischen. Ich trällerte vor mich hin, aber ohne Lust und ohne Freude, nur um mir die Zeit zu vertreiben. Äsop war bei mir, er setzte sich und horchte, ich höre auf zu trällern und lausche ebenfalls, draußen werden Stimmen vernehmbar, es kommen Leute. Ein Zufall, ein ganz natürlicher Zufall! Eine Gesellschaft von zwei Herren und einem Mädchen kamen Hals über Kopf zu mir herein. Lachend riefen sie einander zu:

„Schnell, hier finden wir so lange Obdach!"

Ich stand auf.

Einer von den Herren hatte ein weißes, ungestärktes Vorhemd an, das nun obendrein noch vom Regen aufgeweicht war und wie ein Beutel herabhing; in diesem nassen Vorhemd steckte eine Diamantspange. An den Füßen hatte er lange, spitze Schuhe, die ziemlich geckenhaft aussahen. Ich begrüßte den Mann; es war Herr Mack, der Kaufmann; ich kannte ihn von dem Laden her, wo ich Brot gekauft hatte. Er hatte mich sogar einmal in seine Familie geladen, ohne dass ich bis jetzt da gewesen war.

„Ah, gute Bekannte!" sagte er, als er meiner ansichtig wurde. „Wir waren auf dem Wege nach der Mühle hinaus; da mussten wir umkehren. Solch ein Wetter, was? Aber wie kommen Sie denn nach Sirilund, Herr Leutnant?" Er stellte mir den kleinen, schwarzbärtigen Herrn vor, der bei ihm war, ein Doktor, der bei der Annexkirche wohnte.

Das Mädchen schob den Schleier bis auf die Nase hinauf und fing an, halblaut mit Äsop zu plaudern. Ich bemerkte ihre Jacke, am Futter und an den Knopflöchern konnte ich sehen, dass sie gefärbt war. Herr Mack stellte sie ebenfalls vor, sie war seine Tochter und hieß Edvarda.

Edvarda warf mir einen Blick durch den Schleier zu, dann flüsterte sie weiter mit dem Hund und las, was auf seinem Halsband stand.

„Ach so, du heißt Äsop, was? Doktor, wer war Äsop? Das Einzige, was ich von ihm weiß, ist, dass er Fabeln schrieb. War er nicht ein Phrygier? Nein, ich weiß nicht."

Ein Kind, ein Schulmädchen. Ich sah sie an, sie war lang, aber ohne Formen, ungefähr fünfzehn, sechzehn Jahre alt, mit langen, braunen Händen ohne Handschuhe. Vielleicht hatte sie „Äsop" heute Nachmittag im Konversationslexikon nachgeschlagen.

Herr Mack fragte mich nach meiner Jagd aus. Was ich am meisten schösse? Eins seiner Boote stehe mir jederzeit zur Verfügung, ich brauche es nur zu sagen. Der Doktor sagte kein Wort. Als die Gesellschaft ging, bemerkte ich, dass der Doktor ein wenig hinkte und am Stock ging.

In derselben leeren Stimmung wie zuvor wanderte ich heim und trällerte gleichgültig vor mich hin. Diese Begegnung im Bootsschuppen machte nach keiner Richtung hin einen Eindruck auf meinen Sinn; was mir von der Sache am meisten im Gedächtnis haftete, war Herrn Macks durchnässtes Vorhemd, in dem eine Diamantspange saß, ebenfalls nass und ohne Glanz.

III.

Vor meiner Hütte stand ein Stein, ein hoher, grauer Stein. Er hatte einen Ausdruck des Wohlwollens für mich; es war, als ob er mich sah und erkannte, wenn ich des Weges kam. Ich nahm meinen Weg gern an diesem Stein vorüber, wenn ich am Morgen ausging, und mir war, als ob ich dort einen guten Freund zurückließe, der auf mich warten würde, bis ich wiederkäme.

Und oben im Walde begann die Jagd. Vielleicht schoss ich etwas, vielleicht auch nicht.

Draußen vor den Inseln lag das Meer in schwermütiger Ruhe. Ich stand oft oben auf den Hügeln und blickte hinunter, wenn ich sehr hoch oben war; an stillen Tagen kamen die Schiffe beinahe gar nicht vorwärts; dann konnte ich dasselbe Segel wohl drei Tage lang sehen, klein und weiß wie eine Möwe auf dem Wasser. Aber vielleicht, wenn der Wind umsprang, dann verschwanden die Berge in der Ferne beinahe; es kam ein Unwetter, Südweststurm, ein Schauspiel, bei dem ich Zuschauer war. Dann stand alles im Dampf, Erde und Himmel flossen in einander, das Meer taumelte wie in verzerrten Lufttänzen, bildete Männer, Pferde und zerfetzte Fahnen. Ich stand geschützt unter einem Felsen und dachte mir allerhand, meine Seele war gespannt. Gott mag wissen, dachte ich, wovon ich heute Zeuge bin, und weshalb das Meer sich vor meinen Augen auftut? Vielleicht erschaue ich in diesem Augenblick das Innere des Hirns der Erde, wie dort gearbeitet wird, wie es dort siedet!

Äsop war unruhig, dann und wann hob er die Schnauze und schnupperte, wetterkrank, und zitterte empfindlich an den Beinen; da ich nicht zu ihm sprach, legte er sich zwischen meine Füße und starrte gleich mir ins Meer. Und kein Ruf und keines Menschen Wort war irgendwo vernehmbar, nur das dumpfe Sausen um meinen Kopf. Weit hinaus lag eine Schäreninsel, sie lag allein; wenn das Meer an dieser Insel in die Höhe brauste, bäumte es sich wie eine wahnsinnige Schraube, nein, wie ein Meergott, der sich triefend emporrichtete und über die Welt fortsah und schnaubte, so dass Haar und Bart wie ein Rad um seinen Kopf standen. Dann tauchte er wieder in die Brandung.

Und mitten im Sturm arbeitete sich ein kleines, kohlrabenschwarzes Dampfschiff vom Meer herein.

Als ich am Nachmittag nach der Landungsbrücke herunterging, war das kleine, kohlrabenschwarze Dampfschiff in den Hafen gekommen; es war der Postdampfer. Viele Menschen waren auf dem Quai versammelt, um den seltenen Gast zu sehen; ich bemerkte, dass alle ohne Ausnahme blaue Augen hatten, wie verschieden sie sonst auch sein mochten. In einiger Entfernung stand ein junges Mädchen mit einem weißen Wolltuch um den Kopf; sie hatte sehr dunkles Haar, und das weiße Tuch stach so eigen von dem Haar ab. Sie sah mich neugierig an, meinen Lederanzug, mein Gewehr; als ich zu ihr sprach, wurde sie verlegen und wandte das Gesicht ab. „Du solltest das weiße Tuch immer tragen," sagte ich, „es kleidet dich gut." Im selben Augenblick schloss sich ihr ein breitschulteriger Mann in einem Islandshemd an, er nannte sie Eva. Offenbar war sie seine Tochter. Ich kannte den breitschulterigen Mann, es war der Schmied, der Schmied des Orts. Vor ein paar Tagen hatte er in eines meiner Gewehre einen neuen Zündstift einschrauben müssen.

Und Regen und Wind taten ihre Arbeit und schmolzen allen Schnee. Während einiger Tage zog eine unfriedliche und kalte Stimmung über die Erde, verfaulte Zweige brachen, und die Krähen sammelten sich in Scharen und krächzten. Es dauerte nicht lange, die Sonne war nah, und eines Morgens ging sie hinter dem Walde auf. Wie ein zarter Streifen durchfährt es mich von Kopf bis zu Fuß, als die Sonne aufgeht; in stillem Jubel werfe ich mir die Flinte über die Schulter.

IV.

In dieser Zeit fehlte es mir nicht an Wild; ich schoss, was ich mochte, einen Hasen, ein Birkhuhn, ein Schneehuhn, und wenn ich zufällig unten an der Küste war, und irgendein Seevogel kam in Schussweite, schoss ich auch den. Das waren gute Zeiten; die Tage wurden länger und die Luft klarer; ich rüstete mich auf zwei Tage aus und ging in die Berge, auf die Berggipfel; ich traf Berglappen und bekam Käse von ihnen, kleine, fette Käse von kräuterähnlichem Geschmack. Ich war mehr als einmal dort gewesen. Wenn ich wieder heimging, schoss ich immer irgendeinen Vogel und steckte ihn in die Jagdtasche. Ich setzte mich hin und band Äsop an die Leine. Eine Meile unter mir lag das Meer; die Bergwände waren schwarz und feucht von dem Wasser, das an ihnen entlang rieselte, tropfte und rieselte, immer mit derselben kleinen Melodie. Diese kleinen Melodien weit drinnen in den Bergen verkürzten mir manchen Augenblick, wenn ich saß und umherblickte. Nun rieselt dieser kleine, endlose Ton hier in seiner Einsamkeit, dachte ich, und niemand hört ihn, und niemand denkt an ihn, und doch rieselt er hier ganz allein immerfort, immerfort!

Und ich fand nicht mehr, dass der Berg so ganz öde sei, wenn ich dies Rieseln vernahm. Dann und wann geschah etwas: ein Donner erschütterte die Erde, ein Felsblock löste sich und stürzte hinunter ins Meer, hinter sich ließ er einen Weg von Steinrauch zurück; im selben Augenblick hob Äsop die Schnauze und schnupperte verwundert nach dem brandigen Geruch, den er nicht begriff. Wenn das Schneewasser Spalten in den Felsen gebrochen hatte, genügte ein Schuss oder auch nur ein scharfer Ruf, um einen großen Block loszulösen, der dann hinunter rollte...

Eine Stunde konnte so vergehen, vielleicht mehr, die Zeit verging so schnell. Ich koppelte Äsop wieder los, hing die Jagdtasche über die andere Schulter und begab mich auf den Heimweg. Der Tag ging zu Ende. Unten im Walde kam ich unausbleiblich auf meinen alten, bekannten Pfad, ein schmales Band von einem Steg mit den seltsamsten Windungen. Ich folgte jeder Windung und ließ mir Zeit; es hatte keine Eile, zu Hause wartete niemand auf mich! Frei wie ein Herrscher ging ich umher und schlenderte durch einen friedlichen Wald, gerade so langsam, wie es mir gefiel. Alle Vögel schwiegen, nur der Auerhahn stimmte seinen Balzgesang an, den singt er immer.

Ich trat aus dem Walde und sah zwei Menschen vor mir, zwei wandernde Menschen, ich holte sie ein; einer davon war Jungfer Edvarda, ich kannte sie und grüßte; der Doktor begleitete sie. Ich musste ihnen meine Büchse zeigen, sie besahen, meinen Kompass, meine Jagdtasche; ich lud sie in meine Hütte, und sie versprachen einmal zu kommen.

Jetzt war es Abend geworden. Ich ging nach Hause und machte Feuer, briet einen Vogel und hielt meine Mahlzeit. Morgen war wieder ein Tag ....

Still und ruhig überall. Ich liege den ganzen Abend und sehe zum Fenster hinaus; ein Feenglanz ruhte um diese Zeit auf Wald und Feld. Die Sonne war untergegangen und färbte den Horizont mit einem fetten, roten Licht, das still lag wie Öl. Überall war der Himmel offen und rein. Ich starrte hinein in dieses klare Meer, und es war, als läge ich von Angesicht zu Angesicht dem Grunde der Welt gegenüber, als klopfte mein Herz so innig diesem reinen Grunde entgegen, als sei es dort daheim. Gott mag wissen, so dachte ich bei mir, weshalb der Horizont sich heute Abend in Lila und Gold kleidet, ob nicht oben in der Welt ein Fest ist, ein Fest in großem Stil, mit Musik von den Sternen und Bootfahrten die Ströme hinunter. Es sieht so aus! Und ich schloss die Augen und war mit bei diesen Bootfahrten, und Gedanken auf Gedanken segelten durch mein Hirn...

So verging mehr als ein Tag.

Ich streifte umher und beobachtete, wie der Schnee zu Wasser wurde, und wie das Eis sich löste. Manchen Tag schoss ich nicht einmal meine Büchse ab, wenn ich schon Vorrat genug in meiner Hütte hatte; ich schlenderte nur umher in meiner Freiheit und ließ die Zeit hingehen. Wohin ich mich wandte, überall war gleich viel zu sehen und zu hören, alles veränderte sich Tag für Tag ein klein wenig, sogar die Weidenbüsche und der Wachholder warteten auf den Frühling. Ich ging zum Beispiel hinunter nach der Mühle; sie lag noch eingeeist; aber der Boden rund umher war seit Menschengedenken niedergetreten und gab Zeugnis davon, dass Menschen mit Säcken voll Korn daher gekommen waren und es hatten mahlen lassen. Ich ging dort umher wie unter Menschen; in die Mauern waren auch viele Buchstaben und Jahreszahlen eingeschnitten. Wohlan!

V.

Soll ich noch mehr schreiben? Nein, nein. Nur ein bisschen zu meinem Vergnügen, und weil es mir die Zeit verkürzt, wenn ich erzähle, wie der Frühling vor zwei Jahren kam, und wie der Erdboden aussah. Die Erde und das Meer begannen zu riechen, von dem welken Laub, das im Walde verfaulte, roch es süßlich nach Schwefelwasserstoff, und die Elstern flogen mit Zweiglein im Schnabel und bauten ihr Nest. Noch ein paar Tage und die Bäche schwollen an und schäumten, hie und da sah man einen Kohlweißling, und die Fischer kamen heim von ihren Ruderplätzen. Die beiden Yachten des Kaufmanns kamen vollbeladen mit Fisch und ankerten vor ihren Trockenplätzen; plötzlich kam da draußen Leben und Bewegung auf die größte von den Inseln, wo der Fisch getrocknet wurde. Ich sah alles von meinem Fenster aus.

Aber bis an die Hütte drang kein Lärm, ich war und blieb allein. Dann und wann kam jemand vorüber; ich sah Eva, die Schmiedstochter; sie hatte ein paar Sommersprossen auf der Nase.

„Wo willst du hin?" fragte ich.

„In den Wald und Holz holen," antwortete sie ruhig. Sie hatte einen Strick in der Hand, um das Holz damit zu tragen, und um den Kopf hatte sie das weiße Wolltuch. Ich sah ihr nach, aber sie kehrte sich nicht um.

Dann vergingen viele Tage, bevor ich wieder einen Menschen sah.

Der Frühling drang vor, und der Wald leuchtete; Es war ein großes Vergnügen, die Drosseln zu beobachten, wie sie hoch oben in den Baumwipfeln saßen und in die Sonne starrten und schrien; zuweilen war ich schon um zwei Uhr morgens auf, um teil zu haben an dieser freudvollen Stimmung, die von Vögeln und Tieren ausströmte, wenn die Sonne aufging.

Der Frühling war wohl auch zu mir gekommen, und in meinem Blut pochte es zuweilen, wie von Schritten. Ich saß in der Hütte und gedachte meine Angelruten und meine Leinen in Ordnung zu bringen, aber ich rührte nicht einen Finger, um etwas zu tun; eine glückliche, dunkle Unruhe zog in meinem Herzen aus und ein. Da sprang Äsop plötzlich auf, blieb auf steifen Beinen stehen und bellte kurz. Es kamen Leute an die Hütte, schnell nahm ich meine Mütze vom Kopf und vernahm bereits Jungfer Edvardas Stimme in der Tür. Freundlich und anspruchslos kamen sie und der Doktor, um mich zu besuchen, wie sie versprochen hatten.

„Ja, er ist zu Hause," hörte ich sie sagen. Und dann trat sie ein und gab mir nach kleiner Mädchen Art die Hand. „Gestern waren wir auch hier, aber Sie waren nicht zu Hause," erklärte sie.

Sie setzte sich auf die Decke auf meiner Pritsche und sah sich in der Hütte um; der Doktor setzte sich neben mich auf die lange Bank. Wir sprachen zusammen, wir plauderten frisch von der Leber weg; ich erzählte ihnen unter anderem, welche Tiere im Walde seien, und welches Wild ich jetzt nicht mehr schießen dürfe, weil Schonzeit sei. Zur Zeit dürfe der Auerhahn nicht abgeschossen werden.

Der Doktor sagte auch jetzt nicht viel; als er aber zufällig mein Pulverhorn erblickte, auf dem eine Panfigur stand, begann er die Mythe des Pan zu erklären.

„Aber wovon leben Sie denn, wenn schließlich Schonzeit für alles Wild ist?" fragte Edvarda plötzlich.

„Von Fisch," antwortete ich. „Meistens von Fisch. Es ist immer etwas zu essen da."

„Aber Sie können doch zu uns kommen und essen," sagte sie. „Im vorigen Jahre hatte ein Engländer Ihre Hütte; der ist sehr oft zum Speisen zu uns gekommen."

Edvarda sah mich an, und ich sah sie an. Ich fühlte in diesem Augenblick etwas an meinem Herzen rühren, wie ein flüchtig, freundlich Grüßen. Das kam vom Frühling und dem lichten Tage; seitdem habe ich darüber nachgedacht. Außerdem bewunderte ich ihre geschwungenen Augenbrauen.

Sie sagte ein paar Worte über meine Wohnung. Ich hatte die Wände mit verschiedenen Fellen und Vogelflügeln behängt; die Hütte sah inwendig aus wie eine zottige Bärenhöhle. Das fand ihren Beifall. „Ja, das ist eine Bärenhöhle," sagte sie.

Ich hatte meinen Gästen nichts zu bieten, was annehmbar gewesen wäre, ich sann nach und meinte, ich wolle ihnen zum Scherz einen Vogel braten; sie sollten es auf Jägerweise vorgesetzt bekommen, mit den Fingern essen. Das war doch ein kleiner Zeitvertreib.

So briet ich den Vogel.

Edvarda erzählte von dem Engländer. Das war ein alter, eigener Mann gewesen, der immer laut mit sich selbst sprach. Er war Katholik, und wo er ging und stand, hatte er ein kleines Gebetbuch mit schwarzen und roten Buchstaben in der Tasche gehabt.

„Dann war er wohl Irländer?" fragte der Doktor.

„So? Irländer?"

„Ja, nicht wahr, wenn er Katholik war?" Edvarda errötete, sie wandte den Blick ab und stotterte:

„Nun ja, vielleicht war er auch Irländer?" Von diesem Augenblick an verlor sie ihre Munterkeit. Sie tat mir leid, und ich wollte es gern wieder gut machen; darum sagte ich:

„Nein, Sie haben natürlich recht; Irländer kommen nicht nach Norwegen."

Wir verabredeten, an einem der nächsten Tage hinaus zu rudern und den Trockenplatz anzusehen...

Nachdem ich meine Gäste ein Stück Wegs begleitet hatte, ging ich wieder nach Hause und beschäftigte mich von neuem mit meinen Angelgerätschaften. Mein Kescher hatte auf einem Nagel an der Tür gehangen, und mehrere Maschen hatten durch Rost Schaden gelitten; ich wetzte einige Angelhaken, knotete sie fest, sah die Angelschnüre nach. Wie schwer wurde es mir heute, irgendetwas zu tun! Gedanken, die gar nicht hierher gehörten, gingen mir durch den Kopf; es kam mir vor, als hätte ich einen Fehler begangen, als ich Jungfer Edvarda die ganze Zeit auf der Pritsche sitzen ließ, anstatt ihr einen Platz auf der Bank anzubieten. Ich sah plötzlich ihr braunes Gesicht und den braunen Hals vor mir; die Schürze hatte sie vorn ein wenig herunter gezogen, um eine lange Taille zu bekommen, wie es Mode war; der keusche Mädchenausdruck ihres Daumens wirkte zärtlich auf mich, förmlich zärtlich auf mich, und die paar Falten auf dem Gelenk waren voll Freundlichkeit. Sie hatte einen großen Mund, der glühte.

Ich stand auf, öffnete die Tür und horchte hinaus. Ich hörte nichts und hatte auch gar nichts zu lauschen. Ich schloss die Tür wieder; Äsop stand von seinem Lager auf und sah meine Unruhe.

Mir fiel ein, dass ich Jungfer Edvarda nachlaufen und sie um ein paar Seidenfäden bitten könne, um meinen Kescher wieder in Ordnung zu bringen; das war kein Vorwand, ich konnte ihr ja den Kescher vorlegen und die verrosteten Maschen zeigen. Ich war schon vor der Tür, als mir einfiel, dass ich selbst Seide hatte, in meinem Fliegenbuch, mehr sogar, als ich brauchte. Und leise und mutlos ging ich wieder hinein, weil ich selbst Seide hatte.