Pangäa - Marco Lutz - E-Book

Pangäa E-Book

Marco Lutz

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Beschreibung

Wir schreiben das Jahr 2453. Die Erde hat durch die Abwehr eines Kometeneinschlages 7 Minimonde hinzugewonnen. In den beiden Weltteilen, Pangäa und Laurasien, existieren zwei völlig unterschiedliche Gesellschaftssysteme. Das eine zukunftsfähig und blühend, das andere marode und gefährlich. Der alte Heni befindet sich auf der Flucht. Er versucht, seinen fieberkranken Enkelsohn aus der Gefahrenzone zu bringen. Unterwegs erzählt er ihm, wie märchenhaft das Leben in der anderen Welt ist. Daneben gibt es den emotional gestörten Sohn einer einflussreichen, laurasischen Familie, der irgendwann über Internet in Kontakt mit einer Clique von Jugendlichen aus Pangäa tritt. Während dort ein Künstler mit einer leichten Identitätskrise und kleineren Eheproblemen hadert, bringen hier ProPang Rebellen das politische System ins Wanken. Die Armee der Alten, die Talpa-Organisation, übernimmt kriegswichtige Aufgaben im Feindesland. Verpackt in eine spannende Geschichte, wird der Leser mit den utopischen Lebenswirklichkeiten von Jugendlichen, Erwachsenen und Alten diesseits und jenseits der Grenze konfrontiert. Berührendes steht neben Erschreckendem, Aufbauendes neben Desillusionierendem. Eine anregungsreiche und unterhaltsame Zukunftsvision. Ungewöhnlich, aber nicht weniger lesenswert, ist der umfangreiche Materialteil am Ende. Die Lektüre lässt einen auch nach dem Weglegen des Buches nicht ruhen, da grundlegende Themen angesprochen werden und die Frage hängen bleibt: Wie würden wir denn eigentlich in Zukunft gerne leben und welchen Preis wären wir bereit dafür zu zahlen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 476

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Pangäa

TitelseiteDie Geschichte beginntKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Textanalyse 1Mittel-Hinter-Vor-NachwortImpressum

Pangäa

Impressum

© Copyright by Marco Lutz, Dachsenhausen 2018

All Rights Reserved

Kontakt:

Umschagbild: Talpa / The mole

ISBN: 9783746095660

Herstellung und Verlag: BoD - Books on Demand, Norderstedt

Titel

MARCO LUTZ

PANGÄA

EINE UTOPIE

ZUM LEUCHTEN UFFGESTELLT

Gedankenspiel

Stellen Sie sich folgende Aufgabe vor:

Unsere Welt bewegt sich in mancher Hinsicht ungebremst auf einen Abhang zu. Entwerfen Sie die Utopie einer besseren Welt. Beziehen sie Aspekte der Gestaltung des Arbeitslebens und des Freizeitverhaltens sowie die Zukunftsfelder Umwelt, Technologie, Produktion, Verkehr, Wohnen, Alter mit in Ihre Überlegungen ein. Achten Sie darauf, nicht nur die prägnante Beschreibung des angestrebten Zustandes zu erreichen, sondern binden Sie Ihre Ideen in eine unterhaltsame, gerne auch spannende Romanhandlung ein. Denken Sie bei Ihren Ausführungen stets daran, verständlich zu schreiben und vermeiden Sie langweilige und zu langatmige Passagen.

Vergessen Sie nicht, dass man ernst gemeinten utopischen Konzepten gerne grundsätzlich – vor allem ungelesen und im Voraus – eine bodenlose Naivität des Autors bescheinigt. Überzeugen Sie den Leser vom Gegenteil. Diejenigen, die nicht als Träumer daher kommen wollen, müssen einen realistischen Preis anbieten, zu dem die Utopie zu haben ist. Werden Sie deshalb aber nicht gleich zu einem neuen Robespierre. Die Guillotine ist schon erfunden. Seien Sie sich auch bewusst, dass gutmeinende Datenschützer und falsche Freiheitsapostel auf Fehltritte lauern und nur darauf warten, Sie in die Totalitarismusfalle zu locken, um sie anschließend in einem Aufschrei der Entrüstung als einen verkappten Faschisten zu entlarven.

Das Eckige muss ins Runde! Nun: Viel Spaß! Wagen Sie das Wagnis, aber werden Sie nicht ungewollt komisch dabei!

Vorwort

Universal peace and justice are the goals of men, and the prophets have faith that in spite of all errors and sins, eventually this „end of days“ will arrive.

(Erich Fromm)

Düstere Entwürfe von beängstigenden künftigen Gesellschaftsformen, von geknechteten Menschen, die in barbarischen Systemen unterjocht werden und sich fügen, bis der heldenhafte Rebell auftritt, gibt es zu Hauf. Auch an der Begegnung mit fremden und phantastischen, äußerlich hellen aber immer fern bleibenden, futuristischen Zivilisationen in SciFi-Filmen ist kein Mangel. Die alttestamentarischen Propheten schufen die Vorstellung eines messianischen Reiches. Der Islam generierte konkrete Vorstellungen vom Paradies und in Märchen ersann man ein Schlaraffenland. Während Idealisten auf die heilende Kraft der Schönheit vertrauten, Humanisten für Bildung plädierten, Aufklärer die Freiheit befeuerten, Anarchisten jede Herrschaftsform ablehnten, kämpften Sozialisten für den Aufbau des Kommunismus.

Heute erscheint einiges lau und antriebslos. Man vertraut dem Konsum, den Mächten des Marktes, der Betäubung, den Verdrängungsmechanismen des Geistes, dem unwahrscheinlichen Lottogewinn, der pragmatischen Mutti. Visionen sind aus der Mode gekommen. Bis auf die Islamisten, die noch für den Gottesstaat brennen oder die Flüchtlinge die nach Europa, Australien oder Nordamerika drängen, hat man sich arrangiert, ausgeträumt…

Das ist natürlich ungerecht. Viele engagieren sich ganz konkret für eine bessere Welt, ob sozial, politisch oder im Umweltschutz.

Was also soll jetzt mein Beitrag sein? Auf die Gefahr hin, einen naiven Wünsch zu äußern, scheue ich nicht die Peinlichkeit, eine für mich vorstellbare, vielleicht sogar wünschenswerte Utopie zu umreißen, die weder parodistisch gemeint noch jenseitig ist. Ob ich dies allerdings durhalten kann, zeigt sich erst am Ende des Tunnels. (Heute schreiben wir den 01.03.17. Bis zum Schlusspunkt wird noch viel Wasser den Braubach runter fließen…) Ich werde mich bemühen dem eigenen Anspruch gerecht zu werden und versuchen nicht allzu offensichtlich in die Selbstironie abzugleiten.

Da überdies das alles nicht in einem unleserlich anstrengenden Ideenroman enden soll, braucht es Handlungsträger, eine Geschichte, Antihelden...

Wiki-write

Warum aber eine Vision alleine entwickeln?

Besser als einen fertigen Gesellschaftsentwurf in allen Einzelheiten zur Diskussion zu stellen, wäre wohl eine offene Internetplattform zu Verfügung zu stellen, die Beiträge sammeln würde. Viele Autoren (wohl erst einmal vor allem Autodidakten, Rentner und Studenten, später dann vielleicht professionelle Schreiber eines Verlagshauses) könnten, ausgehend von der Grundidee, eigene Episoden schreiben, aufeinander Bezug nehmen oder neue Baustellen eröffnen.

Am Ende könnte aus dem Konglomerat ein Fortsetzungsroman werden und schließlich ein Seriendrehbuch entstehen. Dem Medium Film traue ich immer noch zu, gute Ideen einer breiten Masse an Nichtlesern prägnant zu vermitteln.

Als weiteren Nebenjob, kann ich mir diese Arbeit natürlich nicht auch noch antun. Also bleibt es vorläufig erst einmal bei meinen Ergüssen…

Die Geschichte beginnt

Flucht

Spreewald, Laurasien. Es ist tropisch heiß. Anfang August. Wir schreiben das Jahr 2457. Ein grauhaariger Alter bewegt sich mit schweren Schritten durch dichtes Grün. In seinen Armen trägt er den kraftlos baumelnden Körper eines kleinen Jungen. Moskitos hängen in der Luft. Der Mann ist mager, abgekämpft, seine Kleidung zerlumpt, barfuß. Auf der verschwitzten Stirn des blassen Sechsjährigen kleben schwarze Locken. Seine Augen sind geschlossen, der Mund leicht geöffnet. „Nicht mehr lange Lonzo, halte durch! Wir sind gleich da …“, stößt Heni keuchend hervor. Er blickt sich um, stolpert weiter. Sie treten auf eine winzige Lichtung an deren anderen Ende eine liederlich zusammengezimmerte Hütte steht. Ein fensterloser Verschlag.

Mit dem Fuß schiebt er die Tür beiseite. Innen ist es düster und stickig. „Hier bleiben wir die Nacht. Ruh dich aus. Hier wird uns keiner finden.“ Während er mit einer Hand den Kleinen auf dem Knie balanciert, richtet er mit der freien ein Lager auf einer Gummimatte her, indem er eine Plastikfolie zur Seite zieht. Dort bettet er den Jungen, der bislang nicht einen Laut von sich gegeben und noch keine Regung gezeigt hat.

Die Perspektive verändert sich. Der Blickwinkel zoomt langsam vom Unterschlupf weg, hinaus über die Lichtung, auf die umstehenden Bäume, höher, dass der umgebende Urwald und der mäandernde Fluss sichtbar werden. Viele Kilometer weiter nördlich beginnt eine riesige, grau zersiedelte Fläche: der Slumgürtel von Berlin. Eine harte Grenze trennt Grünland – Privatbesitz – von dem baumlosen Häusermeer. Dort hängen gelbe Warnschilder an meterhohen, Stacheldraht bewehrte Zäunen. Offensichtlich können diese durch Umlegung eines Hebels unter Strom gesetzt werden. Paramilitärisch ausgestattetes Sicherheitspersonal patrouilliert. Beide Zonen sind hermetisch voneinander abgeriegelt.

Lautsprecher verkünden die Ausweitung der Ausgangssperre auf den Sektor Schönau, erklären pro Forma uneinhaltbare Hygienemaßnahmen, kündigen Impfungen und die Einrichtung von medizinischen Notfallzentren und Quarantänestationen an. Bewaffnete Flugdrohnen überwachen unbestechlich die Friedhofsruhe.

Betonkeller

Jean-Lucas, 12 Jahre, steckt in einem maßgeschneiderten Kampfanzug gespickt mit modernster Informationstechnologie, Nachtsichtgerät, high-tech-Waffen. Geschmeidig bewegt er sich durch ein Kellerlabyrinth aus Betonwänden, Treppen, Winkeln, Räumen, Plattformen, den Finger am Abzug seiner rückschlagfreien Schnellfeuer-Präzisionswaffe. Er hält inne, lauscht, checkt das Display auf dem Schirm seiner Brille. Drei Meter vor ihm tritt - quasi aus dem Nichts - ein bewaffneter Mann in sein Gesichtsfeld und reißt sein Sturmgewehr hoch. Der Junge schießt zuerst. Sein Gegenüber wird von der Wucht der lautlos auftreffenden Schüsse durchsiebt und zeitgleich auf groteske Weise nach hinten geschleudert. Dumpf ist das Aufschlagen des leblosen Körpers und hell das Scheppern der Metallwaffe auf dem harten Untergrund zu hören. Jean-Lucas hat sich abgewöhnt in die überraschten Gesichter der Getöteten zu blicken. Mit einem langen Schritt steigt er behände über die Leiche. Die Blutlachen meidet er gewissenhaft, um nicht wie ein Stümper durch sichtbare Fußabdrücke unmissverständliche Fährten zu legen. Noch ca. 30 Minuten Häuserkampf und er wird das erste Pausenlevel der real-fight Computeranimation erreicht haben. Ein lebensechtes Simulationsenvironment, welches als neues Trainingssetting aktuell für Elite-Truppen und militärische Sonderkommandos erprobt wird. Sein Kinderspielzeug! Sparta, sein Vater, ist ein hohes Tier bei den laurasischen Streitkräften und Apollo, sein Großvater, Geschäftsführer von Games Unlimited SA, dem größten Hardware-Entwickler im 25. Jahrhundert. Seine Mutter hatte, als sie noch lebte, alles versucht, um ihn von der Welt des Vaters und des Großvaters fern zu halten. Doch das war ihr nie wirklich gelungen. Keine Chance mehr, seit er sechs war. Das grenzenlose Machterlebnis war einfach zu verlockend. Sein eingetragener Name ist Ares, nach dem griechischen Kriegsgott. Seine Mutter konnte sich schon bei der Namensgebung nicht durchsetze. Dennoch blieb sie zeitlebens dabei ihn Jean-Lucas zu rufen. Als er in der Phase der Trauerbewältigung nicht mehr auf den Namen Ares reagierte, ging die Restfamilie dazu über, Ihn Jean-Lucas zu rufen. Das war er seiner geliebten Mutter schuldig. Dadurch konnte er sein schlechtes Gewissen beruhigen. Später wurde aus dem französischen Rufnamen ein amerikanisiertes „JL“. Romantisch verklärt würde man sagen, die arme reiche Frau sei an gebrochenem Herzen gestorben oder aus Resignation vor der Schlechtigkeit der Welt. Zur ganzen Wahrheit gehören aber auch ihre manifeste Depression und ihr über Jahre andauernder Drogenmissbrauch. Das Leben ist nicht für die Schwachen gemacht.

Spreewald, Unterholz

Opa und Enkel brechen früh am nächsten Morgen zur nächsten Etappe auf. Der kleine Lonzo sitzt stumm und mit ausdruckslosem Gesicht, aber geöffneten Augen auf den Schultern des Alten. Noch knapp 20 Kilometer Fußmarsch auf gewundenen Pfaden. Noch ist es nicht so heiß. Ein Navigationssystem existiert nicht mehr. Zwei Wochen zuvor, als sich die Zuspitzung der Ereignisse nicht mehr leugnen ließ, hatte Heni sich seine Netz-Implantate, die die Kennung für den Zugang zur Kommunikationsübertragung oder die Nutzung der zugelassenen Transportsysteme enthielt, durch einen minimalen chirurgischen Eingriff von Zetkina, seiner Tochter, entfernen lassen. So war seine Ortung durch das System ausgeschlossen. Für die herkömmliche Überwachung war er fortan faktisch unsichtbar. Der Nachteil: Er war nun auch von jeder zivilisatorischen Leistung abgeschnitten, der Wasserversorgung, der Nahrungsdistribution, sogar von der Toilettenbenutzung. Sein geringstes Problem im Untergrund …

Henis Tochter, Lonzos Mutter, zeigte in dieser Zeit schon eindeutige Symptome der Fieberkrankheit. Außerdem gehörte sie zum Ring, galt als Terroristen, war enttarnt worden. Zetkina wusste, was das bedeutete und wählte ohne zu zögern den Weg, den sie gehen würde. Ein letzter Dienst für die Sache… Nachdem sie Heni ultimative Instruktionen für die Rettung seines Enkels gegeben hatte, zerschnitt sie sein Band zur Zivilisation, den lebenserhaltenden Tropf, das Gängelband, Zuckerbrot und Peitsche der Mächtigen, indem sie das Netz-Implantat entnahm. Anschließend schickte sie ihn in die mörderische Verbannung, durch den geheimen Tunnel in die letzte Zuflucht.

Ixus, Lonzos Vater, der als Kopf der Terrorzelle gehandelt wurde, galt derzeit schon 2 Monate als vermisst. Keinerlei Nachricht, keinerlei Lebenszeichen. Wahrscheinlicher, als dass er untergetaucht war, war, dass man ihn verschleppt, gefoltert, getötet und im Krematorium pulverisiert hatte.

Nun, knapp vierzehn Tage nach den Ereignissen, dem Untertauchen, dem Versteckspiel, der Flucht auf allen Vieren durch den Kriechtunnel, dem ungewohnt strapaziösen Fußmarsch steht Heni mit Lonzo vor einer leerstehenden Jagdhütte: Sein Domizil für die nächsten Tage, vielleicht Wochen, bis sich die Passage öffnen würde…

Kapitel 1

Die Legende von Pangäa

Mit warmer Färbung fallen die letzten Sonnenstrahlen des Tages in die halb verschattete Kammer eines alten Bauernhauses. Ein hölzernes Bett steht an der weiß gekalkten Wand. Fast verloren liegt Lonzos kleiner, schwitzender Körper darauf. Sein Großvater hat ihm feuchte Wickel um die Waden und die Arme gelegt. Aus einer henkellosen Steinguttasse gibt er ihm gezuckertes Wasser zu trinken. Der Kleine nippt nur kurz und dreht dann wortlos den Kopf zur Seite. Einen Seufzer unterdrückend setzt sich Heni auf die Bettkannte, die Schultern hängend, die Unterarme auf den Knien ruhend, ins Leere schauend. Nichtssagend klotzt die karge Zimmerecke zurück.

„Opa, eine Geschichte…!“, dringt schwach, aber nicht unaufgeweckt die zarte Stimme des 6-Jährigen an Henis Ohr. Erfreut durch dieses Lebenszeichen wendet der Alte sogleich lächelnd seinen Blick auf das Kind. Kurz sammelt er sich, runzelt seine Stirn, reibt sich mit der rechten Hand erst das linke, dann das rechte Auge. „Also gut -“, und dann fängt er an zu erzählen…

„Sehr weit weg von hier gibt es eine ganz andere Welt. Ich meine nicht irgendeine Phantasiewelt auf irgendeinem anderen Planeten. Und ich meine auch nicht die Welt beim lieben Gott, die nur die Toten erreichen können. Ich meine ein fernes Land hier auf der Erde, das von richtigen Menschen bewohnt wird und das trotzdem so viel besser ist als das unsere. Die Menschen dort helfen einander. Sie sorgen dafür, dass niemand Hunger leiden muss, dass keiner verfolgt und gequält wird. Keiner ist wichtiger oder mehr wert als ein anderer. Keiner darf andere Menschen bezahlen, damit sie für ihn arbeiten. Jeder arbeitet für die Gemeinschaft. Jeder arbeitet dafür, dass es allen gut gehen kann. Aber so viel müssen die Menschen da gar nicht arbeiten, denn das Volk ist ungeheuer reich. Und jeder bekommt davon etwas ab. Nicht nur wenige, wie hier bei uns. Die Menschen dort haben viel Zeit für die schönen Dinge. Sie spielen, singen, machen die abenteuerlichsten Sportarten, all das, was bei uns nur den Besitzern vorbehalten ist.

Man kann sich an die tollsten Orte begeben, denn es gibt keine Zäune und keine schießwütigen Wachmannschaften. Es ist ganz einfach. Man steigt in eine gläserne Kapsel und mit rasender Geschwindigkeit wird man durch ein unterirdisches Tunnelsystem fast in Sekundenschnelle zu jedem erdenklichen Ort transportiert. Keine Checkpoints an denen man abgewiesen wird. Es gibt keine Autos, keine Flugzeuge, keine Drohnen. Alle Transporte laufen in diesem gewaltigen unterirdischen System. Deshalb ist auch nicht alles zugebaut oder vergiftet. Auch die Fabriken mit ihren Roboterhallen liegen unterirdisch. Sogar die Wohn- und Schlafräume der Menschen befinden sich in kilometertief reichenden Städten unter der Erdoberfläche.

Oben stört nichts, dröhnt nichts. Überall nur himmlische Ruhe. Das Rauschen des Windes und das Zwitschern der Vögel. Weil sich so Vieles unter der Erde abspielt, gibt es wunderbar unberührte Landschaften. Die Luft ist frisch und rein. Es gibt gesundes Wasser in Flüssen und Seen. Man könnte es gleich mit der Hand schöpfen und trinken wie es ist. Alles ist grün, die Wiesen, die Wälder. Und alles ist frei zugänglich, für jeden. Bunte Blumen. Alte Bäume … Auch die Tiere laufen frei. Tiere, die es bei uns längst nicht mehr gibt. Die schönsten Schmetterlinge flattern von Blüte zu Blüte. Lustige Vögel, wie du noch keine gesehen hast, hüpfen, stolzieren, gleiten, flattern. Tiere mit vier Beinen gibt es in allen Größen und Formen. Sie haben ein Fell, manche lang, manche kurz, manche struppig. Von Weiß bis schwarz. Gefleckt, gepunktet, gesprenkelt. Gelbbraun, rotbraun, schwarzbraun, graubraun. Ein lustiges Tier kann sich zu einer Kugel zusammenrollen. Und weil es rundherum Stacheln hat, kann kein Feind es auffressen. Auf den Sonnenfelsen Eidechsen, in den Tümpeln Frösche und in den Bächen Fische. Und alles ist echt. Keine Computeranimation. Kein Hologramm.“

„Gibt es auch gefährliche Tiere?“

„Oh ja, es gibt sehr gefährliche Tiere. Manche haben scharfe Zähne und Krallen. Ein Krokodil ist fast so schlimm wie der Raptor aus deinem Computerspiel. Es speit aber kein Feuer, kann nicht fliegen und verfolgt die Menschen nicht in ihre Häuser. Es gibt auf dem Boden kriechende Schlangen mit Giftzähnen. Die bleiben aber meist versteckt hinter den Steinen. Und es gibt sehr gefährliche Spinnen. Wenn man aber weiß, was man tun muss, begibt man sich nicht in Gefahr… Die meisten Tiere legen sich nicht freiwillig mit den Menschen an, weil der nämlich selbst das gefährlichste aller Raubtiere ist. Dann gibt es riesige Bären oder Pumas. Die sind ein bisschen wie ein Hund, nur größer, aber nicht so angriffslustig. - Aber von der Vielzahl der friedlichen Tiere kannst du dir keine Vorstellung machen: Kühe, Schweine und Hühner leben dort nicht in stinkenden Batterien. Viele leben wild, einige werden auf weitläufigen Höfen gehalten. Aber bei uns hast du ja leider noch nicht viel mehr als Ratten und Wachhunde sehen können. Du armes Kind konntest noch nie ein Kaninchen streicheln, nie eine Ziege füttern oder eine Katze auf dem Arm halten. Kein Hamster, keine Rennmaus. Weil man sie uns bereits vor vielen Jahren weggenommen hat, der angeblichen Seuchengefahr wegen. Als ich klein war, hatten noch viele Kinder ein Haustier. Es gab ihnen Trost mit ihnen zu sprechen und durch das weiche Fell zu streichen. Es gab dem Leben einen Sinn, sich liebevoll kümmern zu können. Doch dann wurde die Nahrung knapp. Es reichte nicht mehr für die Liebe zu den Tieren. Jedenfalls für uns, die Deltas und die Epsilons. Alphas und Betas können sich selbstverständlich immer noch jeden Wunsch erfüllen, auch den nach einem süßen Meerschweinchen.“

„Warum sind die Menschen dort so anders und so gut zueinander?“

„Weil sie gelernt haben, dass sie das sein müssen. Einst waren sie genauso verbissen, neidisch und hasserfüllt wie wir. Doch sie haben eingesehen, dass, wenn man so lebt, alles kaputt geht. Man hat deshalb weisen Frauen die Macht gegeben. Man nennt sie Matronen. Diese haben das Zusammenleben und das Handeln in der Welt neu erfunden. Gier ohne Not wurde zur Sünde erklärt und wie ein Verbrechen bestraft. Ausdauernd und allmählich, wurde geduldig über Jahrhunderte hinweg eine friedfertige, achtsame Zivilisation aufgebaut. Hätten auch sie so weiter gemacht wie wir, wären auch sie in den Abgrund gefallen. Aber in Pangäa waren und sind die Menschen einsichtiger. Natürlich gab es am Anfang auch erbitterte Kämpfe. Einige Besitzer wollten nicht teilen und nichts abgeben. Sie waren nicht anders als die Besitzer heute bei uns. Nur dass sie in Pangäa den Machtkampf nach und nach verloren haben. Zuerst gab es im Chaos der auch dort fortschreitenden Zerstörung nur einige erfolgreiche Modellregionen. Die Besitzer versuchten sie zu destabilisieren, zu sabotieren, die Matronen zu verleumden, erste sichtbare Erfolge zu deskreditieren und schließlich die erstarkenden Zentren mit Krieg zu überziehen. Aber das Volk war wehrhaft und vor allem müde, sich von den Falschen gegen die Richtigen aufhetzen zu lassen. Die Vernunft siegte trotz aller Intrigen über die Dummheit und die Gier. Die Matronen und ihre Anhänger aber waren fleißig, opferbereit und unermüdlich. Wie ein Lauffeuer breitete sich das neue System aus und der Erfolg war überwältigend…“

Verträumt sieht der alte Mann ins Leere. Lonzo atmet schwer. Er hat die Augen geschlossen und schläft. Zärtlich streicht ihm der Alte übers Gesicht, entfernt die Wickel und deckt den Jungen leicht mit dem Leinentuch zu.

Jeden Tag bittet Lonzo nun seinen Großvater ihm von der anderen Welt zu berichten. Und immer wenn es geht, setzt sich der Alte zu ihm ans Bett und beginnt zu erzählen.

„Erzähl mir von den Haustieren …“

Heni lacht: „In Pangäa sind die Hausstiere für die Kinder gar nicht so aufregend, wie du vielleicht denkst. Die Kinder dort haben jeden Tag so viele tolle Dinge zu erleben und zu lernen, dass sie nicht wirklich auf die Idee kommen, sich eines zu halten. Weil sie viele Freunde und gute Lehrer haben, brauchen sie auch keine lebenden Kuscheltiere wie wir früher. Dennoch kommen sie früh und häufig mit Tieren in Kontakt. Bereits im Kindergarten dürfen sich die Dreijährigen täglich und intensiv um Kaninchen, Hamster, Meerschweinchen und Springmäuse kümmern. Das alles sind lustige kleine Wollknäule, die sich auf die eigenartigsten Weisen fortbewegen, süße große Augen haben und alle völlig ungefährlich sind. Sie können mit ihnen spielen und sie streicheln so viel sie wollen und sie füttern.

Mit fünf sind Hunde und Katzen an der Reihe. Erzogene Hunde! Hunde, die sogar auf Kinder hören. Keine Wachhund-Bestien. Das macht allen riesigen Spaß. Dabei lernen die Kinder die Tiere zu lieben, sie gut zu behandeln und sie nicht zu quälen. Nur was man liebt, ist man bereit zu schützen. Bruder Fuchs und Schwester Luchs…

Im Wald wird nach Tierspuren gesucht: Fährten auf dem Boden, Bissspuren an Rinde und Trieben, abgeknickte Äste. Es wird auf die Laute der Tiere gehorcht: das Heulen der Wölfe, das Röhren des Hirsches, der Ruf des Uhus, das Quaken der Frösche, das Zirpen der Heuschrecke. Es ist schwierig all die verschiedenen Vogelstimmen auseinander zu halten. Oft sind die kleinen Gruppen auch nachts oder morgens sehr früh im Wald unterwegs. Es kann spannend werden wenn eine Bache mit ihren Frischlingen, ein Dachs, ein Wolfsrudel, Otter, Biber oder ein Bär aufgestöbert wird. Auch große Fledermaushöhlen sind sehr aufregend. Oft sind die Kinder aber auch schon zufrieden, wenn sie Eichhörnchen, Rehe oder Buntspechte und Kraniche sehen.“

„Das wäre ich auch…“

„Unter Steinen finden sie Kröten oder Salamander. Manchmal eine Blindschleiche oder Ringelnatter. Zwischen den Tierbegegnungen lernen sie Bäume, Sträucher, Kräuter, Früchte und Pilze kennen. Früh werden Orientierungsaufgaben gestellt, Bäume und Felsen erklettert, Bäche gestaut, Brücken geschlagen, auf Balken balanciert und Unterstände gebaut. Eine Gruppe besteht meist aus 5-7 Kindern, die von 2-3 Erwachsenen begleitet wird. Die wissen wirklich alles. Und was sie nicht wissen, zeigt ihnen ihr Scanner an.

Nach solchen 2-3stündigen Exkursionen, die ja doch ziemlich anstrengend sein können - man muss ja ständig aufmerksam sein und trotzdem geduldig warten können und vor allem muss man ständig still sein -, gibt es eine ganz besondere Belohnung. Die Computerspiele. Simulationen entschädigen für jede Strapaze und rechtfertigen für die Kinder jede vorausgehende Anstrengung. In einer solchen Simulation kann man zum Beispiel zum Maulwurf werden. Man schlüpft quasi in den Körper des Tieres hinein, fühlt sich auf dem Bauch liegend und kann mit kurzen starken Beinen flink vorwärts und rückwärts durch dunkle, nach Erde riechende Gänge laufen. Die mitspielenden Begleiter erscheinen einem ebenfalls als Maulwürfe. Das ist lustig, Gesichtszüge eines Bekannten in einem haarigen Maulwurfsgesicht wiederzuentdecken. So geht man auf die Jagd nach leckeren Regenwürmern. Sensoren an den Schnurrhaaren leiten die Reize an die Schnauze weiter. Gefahrlos läuft man behände auf allen Vieren durch die Dunkelheit, lähmt die Beute mit einem geschickten Biss der spitzen Zähne und schleift sie in die Vorratskammer. Danach werden mit den riesigen Pranken mühelos weitere Gänge gegraben.

Ganz toll ist auch die Eichhörnchen-Simulation. Bei der kann man die höchsten Bäume heraufklettern, kopfüber wieder runter laufen, Schatzkammern mit Vorräten anlegen, tollkühne Sprünge von Ast zu Ast vollführen, sich einen Kobel bauen. Es ist schön die eigenen Krallen zu betrachten oder den ungeheuer buschigen Schwanz. Wenn einem dann ein anderes Eichhörnchen begegnet und die bekannten Gesichtszüge eines Freundes oder Lehrmeisters über dem koboldhaften Körper in dem Kopf mit den Pausbäckchen, den riesenhaften Schneidezähnen und den aufrechten Pinselohren durchscheinen, kann man sich vor Lachen kaum halten. Das Lernerlebnisprogramm mit den Eichhörnchen ist aber erst für Kinder ab 8, wegen dem Karussellerlebnis bei den Sprüngen, vermute ich.

Dann gibt es Simulationen, die einen als Wal in die Tiefsee führen oder als Pinguin ins ewige Eis. Man kann zu einer Qualle werden oder zum Tintenfisch oder zu einer Ameise im Ameisenstaat. Es ist toll, den Fleiß und die chaotische Ordnung und den mit Leichtigkeit vollbrachten Krafteinsatz beim Transportieren der duftenden Tannennadeln im Gewimmel des Ameisenhaufens live und lebensgroß zu erleben. Oder stell dir vor du bist eine Biene und du summst über eine Wiese voller Blumen. Du landest auf den skurrilsten Blüten. Alles um dich herum ist Form, Farbe, Duft. Der süße Nektar macht dich fast betrunken vor Glück. Und doch tust du etwas Sinnvolles für dein Volk. Was du tust hat keine egoistischen Motive. Es sichert das Überleben Deinesgleichen. In den automatischen Abläufen deiner Tätigkeiten, die du jetzt vollführst, lernst du wie in Trance etwas über die platzsparende Wabenbauweise, die Belüftung und Klimatisierung des Stocks und über die Brutpflege. Einfach phantastisch. Es ist aber keine Phantasie. So gut kann Phantasie gar nicht sein. Es ist, wie sich echte Tiere verhalten. Das sind alles keine Ballerspiele und doch gibt es keinen, der sie nicht lieben würde. Aber man darf nicht mehr als 7 mal 20 Minuten in der Woche spielen, damit man nicht süchtig wird.

Im Winter liegt Schnee. Dann gibt es Schlittenfahrten. Ein Schlitten ist so was Ähnliches wie ein flaches Stühlchen, mit dem man auf dem Schnee rutschen kann. Dafür hat es unten keine Räder, sondern Kufen. Die Kinder laufen damit zu Fuß den Berg hoch, setzen sich dann drauf und rutschen rasant den Hang wieder runter. Dann gibt es aber auch die Möglichkeit, den Schlitten von Tieren ziehen zu lassen, zum Beispiel von einem Hund, für die ganz Kleinen oder von einem Rentier für die etwas Größeren. Mit einem Gespann von acht Hunden oder sechs Rentieren wird es dann schon wieder eine aufregend schnelle Partie. Dafür sollten die Kinder dann aber wenigstens schon 8-9 Jahre alt sein.

Für die 6-7jährigen gibt es viele einwöchige Besuche auf äußerst weitläufigen Farmen. Diese Modellhöfe haben nichts mit den industriellen Futter- und Mastbetrieben bei uns zu tun. Wie wir Deltas und Epsilons ernähren sich die Pangäi vorrangig von Insekten, Larven und Würmern, wenn sie nicht ganz auf Fleisch verzichten. Ziel der Bauernhöfe ist also nicht die Massenproduktion von billigem Fleisch. Das Vieh dort leidet nicht. Man hält eine Vielzahl verschiedenartiger traditioneller Rinder: das langhaarige Galloway, den weiß-grauen Boskarin mit den langen Hörnern, das robuste Anglerrind, das Keltenrind, das ein hohes Alter erreicht und ausgeprägte Muttereigenschaften zeigt, die pommersche Schwarzbunte und das Glanrind mit der gelblichen Färbung, … Da wird nicht künstlich besamt oder geklont. Die Kälber werden alle durch Natursprung gezeugt. Man lässt dem Vieh seine Hörner, damit die Herden gegenüber Bären und Wolfsrudeln nicht wehrlos sind. Das Weideland ist riesig. Wie vor 600 Jahren gibt es Cowboys. Außerdem gibt es frei laufende Büffelherden. Es gibt Vogelfarmen mit den unterschiedlichsten Hühnerrassen, mit Gänsen, Truthühnern und Straußen. Mancherorts weiden Ziegen oder Schafsherden. Auch die Ferkelzucht ist bei Kindern beliebt. In dieser Zeit wird aber auch unheimlich viel über Pflanzen, Gemüse, Getreide und Obst gelernt. Die Arbeit auf den Höfen ist dank der hundertprozentigen Automatisierung der Bodenvorbereitung, Aussaat und Ernte überschaubar. Die Maschinen zur Futterausgabe und Wasserverteilung sowie zur Stallreinigung können von anderer Stelle per Satellit gesteuert und überwacht werden. Es geht ja auch weniger um die Sicherstellung der Ernährung, sondern um Lehr-, Lern-, und Forschungsanstalten. So können die Schüler sich auf das Studieren und Einüben vieler Tätigkeiten einlassen, ohne sich körperlich zu verausgaben oder in monotoner Gleichförmigkeit zu versinken: Hier ein paar Möhren ziehen, dort einige Radischen ernten, Schnittlauch schneiden, Kürbis pflücken, Spargel stechen, Kartoffeln ausgraben, 2 Reihen spaten, hacken, rechen, Unkraut jäten, Kräuterbeet einsäen, Blumensträuße zusammenstellen, Äpfel keltern.

Mit 8 Jahren beginnen viele eine Reitausbildung. Ab 10 Jahren gibt es wiederholte Praktika in Aquarien, Vogel-, Reptilien-, Spinnenzuchten. Als 12jähriger kann man bei der Affenforschung hospitieren. Es werden keine bösen Experimente mit den Primaten gemacht, sondern durch das einlassen auf eine zeitweilige Lebensgemeinschaft im Familienverband werden Erkenntnisse zum Lernverhalten und zur Kommunikation gewonnen. Ab 13 kann man sich zum Falkner ausbilden lassen. Mit 14 darf, wer das will, mit Delfinen schwimmen. Das soll wunderbar gegen die Beschwerden der Pubertät wirken. Wen es mit 15 in die nördlichen Regionen zieht, der kann eine Schlittenhundeausbildung absolvieren.“

Heni ist erschöpft, der Kleine zufrieden. Vielleicht ist er auf dem Wege der Besserung. Heni hofft inständig, dass das Schlimmste überstanden ist. Doch er weiß, dass das Fieber in Schüben immer wieder zurückkehren kann. Mancher, der sich schon über den Berg geglaubt hatte, wurde noch dahingerafft. Er streicht Lonzo übers Haar und deckt ihn, da er sich nicht verschwitzt anfühlt, bis zum Kinn zu.

„Ab jetzt mit dir! In deine Bärenhöhle! Die Winterschlafsimulation beginnt sogleich!“

Party-time

Spreewald, ein zur Gartenfront klassizistisch als Landsitz verblendeter Bunker. Das aus rechteckigen Baukörpern bestehende Bollwerk am Haupteingang und die zentrale Kuppel prunken mächtig in dunklem Beton. Ein Innenraum von megalomaner Schlichtheit. Feudales Ambiente. Fahnen und Embleme. Reichsparteitag in Nürnberg? Nein, nur ein Geburtstag. Jean-Lucas wird 13. Die Regie will, dass der Standort der Festtafel von Ferne an Leonardos Letztes Abendmahl erinnert. Doch es sitzen nicht die 12 Apostel zu Tisch. Um das Geburtstagskind gruppieren sich zirka 20 weitere Kinder seines Alters auf schwer verrückbaren Eichenstühlen. Neben einigen Alphas sind auch viele Betas dabei. Zwei Gammas stechen schon optisch durch ihre provinziell und leicht altbackene Kleidung hervor. Top Marken, aber eindeutig aus der vorletzten Saison. Es nehmen nur wenige Mädchen teil. Am Tisch herrscht ein ziemlicher Lärm. Auch wenn er nicht mit einem großen Auftritt in Erscheinung tritt, so dominiert Jean-Lucas doch eindeutig die ganze Gruppe.

Großspurig gibt Björnwulf die neuesten Abenteuer zum Besten: eine Roverfahrt in die Outbacks. Ungewöhnlich groß und breitschuldrig für seine 13 Jahre, steht er immer wieder auf und untermalt seine Ausführungen mit Ganzkörpereinsatz. Es wird laut gelacht und es gibt Zwischenrufe aller Art. Jean-Lucas verhält sich eher ruhig. Er ist nicht unanimiert, aber doch seiner Gewohnheit entsprechend eher still und verschlossen.

„Wann kriege ich noch was zu trinken?“, herrscht Björnwulf eines der 5 Dienstmädchen an. „Und wer räumt endlich die Fischgrütze hier weg? Sushi und Kaviarkacke. Wer hat sich das hier nur ausgedacht? Haifischflossensuppe? Das ist nicht euer ernst, oder?“ Er schüttelt ungläubig den Kopf. Die Anwesenden lachen. „Bringt mir endlich mein Rindersteak!“ Die beiden Gammas sehen sich an und kriegen vor Freude feuchte Augen. Feinstes Fleisch wartet auf sie…

Diese Einladung, dieser gesellschaftliche Aufstieg, … die Speisen und exotischen Säfte, … die Aussicht auf die außergewöhnlichsten Aktivitäten! Solche Freunde zu haben: ein Traum. Mit Sicherheit verfügt die Familie des Gasgebers über eines der weltbesten Simulationsdecks. Die Kriegsspiele-Events sind legendär. Alle ein bis zwei Monate gibt es Kurzfilme zu ihren Verläufen im Internet zu bestaunen. Heute sind sie dabei! Die Vorfreude hat sie in der letzten Zeit schon Nächte lang wachgehalten.

Für Koschia und Ubo ist es eine außergewöhnliche Ehre, heute dabei sein zu dürfen. In der Kadetten-Schule hatten sie sich bei Planspielen als gute Strategen und gewiefte Taktiker hervorgetan. Noch genießen sie ihr Kobe-Filet und ahnen nicht, dass ihr heutiger Auftritt einem vorbestimmten Unterhaltungszweck dienen soll.

Die Stimmung ist unbefangen und fröhlich. An den harschen Befehlston Björnwulfs hat man sich längst gewöhnt. In dieser Hinsicht hätte niemand je etwas anderes erwartet. Ist halt der erste Adjutant des Geburtstagskindes. Bei künftigen Befehlshabern gehört das Einüben des Herausbellens von nicht zu hinterfragenden Kommandos zur frühkindlichen Ausbildung.

Jean-Lucas spielt nicht gerne gegen Loser und Schwächlinge. Gleichzeitig kann er aber für seine Spielchen auch nicht die Getreuen aus dem engeren Zirkel verbrennen. In der „Sim“ verlieren ist das eine. Aber außerdem soll heute noch einer richtig bluten. Besser zwei. Einer soll um sein Leben fürchten und einer soll zum feigen Verräter werden. Die Opferrolle war bereits vor der Einladung entsprechend zugedacht. Außer Björnwulf sind auch die anderen Alphas Janus und Artus mit im Boot. Tonja wird den Lockvogel spielen.

Man versammelt sich vor der Projektionswand. Der Vorhang geht auf. Die einführende Präsentation des anstehenden Spiels beginnt: Kombinierter See- und Luftkrieg, 2 Flotten stehen gegeneinander, jeweils 4 Fregatten 1 Flugzeugträger und 2 Jagdflieger sind zu besetzen. Ziel soll sein, die Seewege zu sichern und die gegnerischen Häfen einzunehmen. Die Mannschaften sind schnell bestimmt. Im jeweiligen Zirkel trifft man sich zur Stabsbesprechung - bereits routiniert durch das Nachstellen historischer Schlachten aus dem Persisch-Arabischen Krieg, der in den ersten und zweitenPan-Lau(Pangäisch-Laurasischen Krieg) mündete. Wetterbericht, Bewaffnung, Sonar, Flughöhe, Staffelformation, Kommunikationskanäle, Abtauchtiefe, Spionageabwehr, … Schlagworte hier, nicken dort. Dann werden die Gefechtsstationen besetzt. Dazu klettert ein jeder in seine mit Bordkameras und Freisprechanlage ausgestattete Simulationskabine. Auf das gegebene Startsignal hin betritt man gemeinsam, noch in voller Tarnung, die „Tanzfläche“. Aufspüren, Aufbringen, Auslöschen! Dabei die Veränderung der geo-physischen und technischen Parameter beachten. Ein Fehler kann den Tod bedeuten. Und der wird im Spiel mit einer massiven „körperlichen Züchtigung“ durch das System bestraft. Ein echter Anreiz, nicht zu viel zu riskieren. Was aber ein nervenstarker Elitesoldat - für deren Training wurde die Hardware entwickelt - vielleicht noch halbwegs locker verkraften mag, hinterlässt aber, wie zu vermuten steht, bei Heranwachsenden einen deutlich bleibenderen Eindruck. Das Spiel beginnt ad hoc mit dem Auftauchen lebensechter, vom System generierter Kommunikationspartner und der unmittelbaren Einbindung in interaktive Kommandostrukturen. Bildübertragungen, Funksprüche, Rückmeldung vom Steuermann, Hinweise aus dem Maschinenraum und von der Gefechtsstation. Sogleich herrscht eine große Entscheidungsdichte, welche einen in das Geschehen hineinsaugt. Alles erscheint echt: das Meer, das Schwanken, die Geräusche, die Menschen an Bord. Der Einsatz läuft. Alarmstufe eins. Adrenalin.

Nach einer halben Stunde Nervenkrieg und wölfischem Umkreisen schlägt die erste Falle zu. Fregatte eins unter Kapitän Tonja - das streng dreinblickende Mädchen mit den stahlblauen Augen und den blonden Zöpfen - fordert eindringlich Deckung aus der Luft und beordert den 200 Meilen südlich fliegenden Jäger zur Luftdeckung herbei. Die Situation scheint sich dramatisch zuzuspitzen. Vor Ort angekommen wird fatalerweise klar, dass das Flugbenzin nicht für die gewünschten Manöver ausreichen wird. Koschia hat zwei Möglichkeiten: Erstens: baldmöglichst abdrehen und zusehen möglichst nahe an die eigene Basis heranzukommen. Dann aber auch unweigerlich über Wasser abspringen und auf unwahrscheinliche See-Notrettung hoffen. Zweitens: Im Kamikaze-Flug eine der feindlichen Fregatten attackieren und sehenden Auges auf eine unvorstellbar heftige „körperliche Züchtigung“ zurasen. Beide Optionen sind weder in kriegerischer Hinsicht erfolgversprechend noch erscheinen sie in ihrer Perspektive auf das persönliche Schicksal verlockend. Plötzlich schlägt über Feindfunk ein Tauschangebot ein. Für das verraten des U-Boot Codes wird die gefahrlose Landung auf Feindgebiet garantiert. Überlaufen wird somit zum einzigen sich anbietenden, schmerzfreien Ausweg. Die Zeit drängt. Soll er als Feigling rüberkommen oder will er lieber als unbrauchbarer Hitzkopf in die Geschichte eingehen. Er knickt ein, um sich die Elektroschocks zu ersparen. Dass er damit zum Verräter wurde, wird ihm erst nach seinem unehrenhaften ausscheiden bewusst. Triumpf auf der anderen Seite. Damit sitzt Ubotnik in der Falle. Durch die Charakterschwäche seines Freundes wird auch sein Spiel gleich zu Ende sein. Schuldbewusst sieht Koschia von außen dem von ihm verursachten Trauerspiel zu. Ein Regen fallender Bomben von oben. Ringsum Wasserminen. Weiteres Abtauchen erscheint als einzige Option. Der Druck steigt. Ohren und Stirnhöhlen beginnen tierisch zu schmerzen. Die Atemluft ist verbraucht und ohne Sauerstoff. Es knackt und kracht in allen Ecken. Die Anzeigen spielen verrückt. Die Lage des U-Bootes kann nicht mehr stabilisiert werden. Es beginnt unkontrolliert zu sinken. Auf einmal bewegen sich die Außenwände auf Ubo zu. Er bekommt einen Anfall von massiver Platzangst. Plötzlich dringt Wasser in die Kabine ein. Der eiskalte Spiegel steigt rasant schnell. Ubo beginnt panisch um sich zu schlagen. In kürzester Zeit ist auch sein Kopf unter Wasser. So wie in diesem Augenblick hat er sich noch nie gefürchtet. Es erscheint ihm endlos, bis er endlich von zwei Sanitätern aus seiner „Spiel“-Kapsel befreit wird. Immer noch wehrt er sich mit Händen und Füßen. Auf einmal beginnt es eigenartig zu riechen. Langsam dämmert ihm, dass er zwar gerettet ist, er sich aber in seiner Todesangst in die Hose geschissen hat.

Nach einer weiteren Stunde ist die feindliche Armee geschlagen. Jean-Lucas hat wiedermal seine überlegenen strategischen, nervlichen und körperlichen Fähigkeiten eindrucksvoll demonstriert. Das Spiel ist vorbei.

Spreewald, Zimmer in der Jagdhütte

„Opa, erzähl mir vom Land ohne Alphas und Deltas!“, klingt es aufgeweckt von der Matratze. Mild gibt Heni zurück:

„Was willst du denn wissen, mein Schatz?“

„Gibt es in der anderen Welt nicht so viele Menschen wie bei uns?“

„Doch, vielleicht sogar mehr. Wie kommst du darauf?“

„Schau, bei uns ist es so eng. Wenn aber die Pflanzen und Tiere so viel Platz haben, wo wohnen dann die ganzen Menschen? Wo sind die Fabriken? Was machen die Büffel, wenn Sie an eine 12 spurige Autobahn kommen?“

„Die Büffel kommen niemals an so eine unüberwindbare Schneise. Es gibt nämlich gar keine Autos mehr. Abermillionen von Menschen haben nicht nur ihre Transportwege unter die Erde verlagert, sondern auch ihre Wohnstätten. Das klingt erst einmal sehr düster, ist es aber nicht. Das bringt sogar ungeheuer viele Vorteile mit sich. Wo bei uns Wolkenkratzer in den Himmel ragen, reichen die Wohnkomplexe dort in x-facher Größe in die entgegengesetzte Richtung. Eine ganz ungeheuerliche Leistung ihrer Erfinder, Ingenieure und Städteplaner: Die Belüftung, die Wasserversorgung, die Entsorgung der Verdauungsrückstände.“

„Meinst du die Kacke?“

„Über alles haben sich die schlausten Leute mit Hilfe der besten Computer über Jahrhunderte akribische Gedanken gemacht und dabei nie ihr Ziel aus den Augen verloren. Man wohnt jetzt dort viel gesünder und sicherer als bei uns. Dadurch, dass man nicht gegeneinander baut, sondern füreinander und miteinander, kann man viel energiesparender, vernetzter, effizienter, nutzbringender denken und planen und gestalten. Der Wohlstand dort ist explodiert und nicht nur das Prestige und die Privilegien weniger Alphas, wie bei uns. Dort ist es nicht wichtig, den anderen zu übertrumpfen und auszustechen. Geltung kann man dort erwerben, indem man der Gemeinschaft, den Hilfsbedürftigen, den Kindern, den Kranken, der Natur, der Wissenschaft, der Unterhaltung dient, aber auch indem man seine Arbeit, die niemals nur egoistischen Zwecken dient, gut und verlässlich erledigt. Das heißt, ein Arzt, der komplizierte Operationen ausführt ist nicht unbedingt höher angesehen als die Betreuerin in der Krabbelgruppe der Kita, die liebevoll und achtsam schaut, dass die Kleinkinder im Schonraum spielen und Erfahrungen sammeln können. Der Arzt operiert trotzdem. Weil er gut darin ist und weil er es kann. Weil das der Platz ist, an dem er sinnvoll arbeiten kann. Der tolle Schauspieler ist dort nicht großartig mehr gefeiert als der Lebensmittelkontrolleur, der vor Ort schaut, dass die maschinelle Verarbeitung der Insektenlarven zu Hamburgern reibungslos läuft. Diejenigen, die großartige Ideen haben, haben die nicht, um vor anderen zu glänzen, sondern um eine werthaltige Sache voranzubringen, einen Arbeitsgang zu vereinfachen, eine Materialverschwendung zu beenden. Es geht nicht darum, einen eigennützigen Vorteil zu befeuern, eigentlich gute Dinge zu verhindern, um einen kurzsichtigen egoistischen Profit herauszuschlagen. Unser Rummel um Ruhm und Geltung, der ganze Hype um Stars und Promis, Olympiasieger und Schönheitsköniginnen, wird in Pangäa eher als eine Krankheit angesehen, die dort schon im vorvorvergangenen Jahrhundert herausgeimpft wurde. Die Kultonikoitis.-

Dort sind auch die Beiträge der kleinen Leuchten wichtig und finden Anerkennung. Und jeder, der weiß, dass er etwas Richtiges tut, fühlt sich gut. Hier hingegen muss man fürchten, dass man selbst oder die eigenen Angehörigen dafür von den Mächtigen bestraft werden. Bei uns erfahren viele Menschen, dass sie nutzlos sind. Damit verlieren sie auch ihren Wert. Wertlose Menschen wie wir… Andere haben einen falschen Wert. Sie werden hoch geachtet, sind ausgestattet mit Geld, Ansehen und Einfluss, obwohl sie gegen das Wohl der Menschen und gegen die Natur arbeiten. Nicht alle Aufseher an den Grenzzäunen verrichten ihre Arbeit dort, weil sie sie für richtig halten. Sie tun diese Arbeit, weil sie ihnen ein Auskommen sichert und dadurch der Lebensunterhalt für sie und ihre Familien bestritten wird. Viele sind durch ihre Tätigkeit entfremdet von sich und ihren eigentlichen Zielen. Sie spalten ihre Gefühle ab und schalten ihr Gewissen stumm, weil sie keinen anderen Weg erkennen können. Indem sie gezwungen sind, ihre Arbeitskraft billig und jedem anzubieten, verkaufen sie ihre Seele gleich mit. Viele von uns, den Gammas, Deltas und Epsilons, laufen herum wie Zombies. Wir betäuben uns mit Drogen, Scheinwelten, Konsumprodukten und Computersimulationen, weil unsere Wirklichkeit so ungeheuer traurig ist.“

„Mutter und Vater waren anders.“

„Ja, das stimmt.“-

„Erzähl weiter!“

„Wir machen einfach alles kaputt und wissen nicht, wie wir es stoppen sollen. Wir sind hin- und hergerissen und können uns niemals entscheiden. Wir fühlen uns verunsichert, sind gelähmt und nur noch in der Lage, in vorgefertigte Wunschhülsen hineinzuschlüpfen. Unsere Vorstellungswelt besteht nur noch aus vorgestanzten Klischees. Wir neiden den Nachbarn ihre Erfolge und den nächsthören Kasten ihre Privilegien. Unsere Wünsche verkommen zu Fantastereien, erreichte Ziele zu hastig durchstolperten Etappen. Selbst die oben auf der Leiter betäuben ihr vages Unwohlsein mit Tand und Wegwerfartikeln oder Stimmungsaufhellern. Oder sie gleiten ab in wüste Exzesse und verwechseln das dann mit Freiheit. Wir wissen, dass wir überall belogen werden: von der Werbung, von den Facebook-Friends, von den Energiekonzernen, von den Politikern, von den Versicherungen. So kreist jeder alleine um sich und findet keinen Ausweg. Jeder ist misstrauisch und befürchtet, wenn er es nicht sei, automatisch in den Nachteil gesetzt zu werden. Es gibt wohl nützliche Seilschaften im Labyrinth der Spinnennetze, aber die Solidarität und Verantwortung für das große Ganze fehlt. So kommt nichts zu Stande. Um uns herum geht alles kaputt, schon lange. Unaufhaltsam. Und mit zunehmender Schnelligkeit. Was nicht schon alles unwiederbringlich verloren ist. Wir sind wie Raubtiere. Überall wo ein zartes Miteinander entsteht, werden gleich etliche Keile eingeschlagen, die die Menschen wieder auseinandertreiben. Teile und herrsche!

Besonders gewissenlose Menschen stacheln Unruhen an, damit der Staat die neuen Waffen der eigenen Firma für den Nahkampf in ihrer Waffenfabrik bestellt und so die Verkaufszahlen und der Aktienwert des Unternehmens in die Höhe geht.“

„Das weiß ich, wie es bei uns ist. Erzähl von dort!“

„Nun ja, man lebt also in riesigen unterirdischen Städten. Dort ist alles vorhanden und für jeden jederzeit frei verfügbar. Geld hat man schon vor mehr als 300 Jahren abgeschafft. Nirgendwo muss man Eintritt bezahlen. Ob du in die Wasserwelt willst oder zum Klettern in die Felsenhalle, geh einfach hin! Es gibt riesige Eislaufkanäle und gleich daneben Skipisten und Abenteuerspielplätze, Ateliers und Straßenkünstler, Fußballplätze, Tennis- oder Badmington-Courts, natürlich Versorgungsstationen, … Simulationspaläste in denen die herrlichsten Animationen zur Verfügung stehen.

Zahlungsmittel ist die täglich zu erbringende Arbeitszeit von vier Stunden. Ab 7 eine Stunde, mit 10 eineinhalb, mit 14 zwei und mit 17 zweieinhalb. Hat man seinen Dienst für die Gemeinschaft erbracht, ist man dazu aufgerufen, sich selbst in Schuss zu halten. So kommt es auch, dass Leute in meinem Alter dort noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Wenn man täglich Zeit für Sport, Fitness, Fortbildung und Selbststudium hat, dann kann man auch noch als Sechsundachtzig-jährige für 2 Stunden eine Krabbelgruppe von 6 Kleinkindern unterstützen oder als Einhundertvierundzwanzigjähriger für eineinhalb Stunden am Tag die Videoüberwachung checken. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von einhundertneununddreißig Jahren erscheint das durchaus zumutbar.

Wenn alle Erwachsen sich nur für vier Stunden am Tag richtig verhalten, baut sich rasend schnell eine außergewöhnliche Zivilisation auf. Vor allem, wenn an den restlichen 20 Stunden des Tages nicht alles wieder mit dem Popo eingerissen wird. So kann ungeheuer viel Positives wachsen.

„Wie sieht dort eine Wohnung aus?“

„Es gibt zumindest keine fensterlosen, dunklen Höhlen, wenn du das meinst. Für jeden ist geräumig Wohnfläche vorhanden. Wenn man in einer Familie lebt, sind pro Person zwei Zimmer vorgesehen.

In einem Zimmer befinden sich rundherum Kommunikationswände. Sie dienen quasi als Fenster. Die Decke bringt beste Tageslichtqualität, eine gesunde UV-Dosis auch von November bis Februar. Wenn man es darauf anlegt, kann man sogar braun werden. Und wenn man einen Mittagsschlaf braucht, kann man sich unter einen Sternenhimmel in die Wüste zaubern und sich vor dem Wegdämmern einen wolkenlosen Blick auf des Kreuz des Südens genehmigen. So wie das Licht lassen sich auch Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftbewegung, Salzgehalt, Druck, Sauerstoffgehalt regeln. Für das Höhentraining oder das Trockentauchen.“

„Erzähl weiter!“

„Eine Küche und ein Esszimmer gibt es nicht, höchstens ein Bar-Tischlein mit Hocker an einem Versorgungsschacht. Für den großen Hunger trifft man sich mit Freunden in den Versorgungsstationen. Das klingt klinisch. Einerseits ist es das auch, denn es ist immer alles sauber, frisch und gesund. Beste Lebensmittel werden hygienisch, vitaminreich, energieeffizient und ressourcenschonend mit kurzen Transportwegen von best ausgebildeten Köchen zubereitet. Immer verabredet man sich mit Freunden. Geselligkeit ist wichtig. Immer steht eine ungeahnte Bandbreite auch exotischster Gerichte und Geschmacksrichtungen zur Auswahl. Die eine Restauration kommt in Schilfhüttenoptik am Wasserfall, die nächste als Bürgerkeller in Bruchstein oder als venezianischer Palazzo daher. Das ist alles andere als langweilig oder belastend oder ineffizient. Private Haushaltsführung entfällt vollkommen. Dadurch werden Berge von Müll, Abermillionen unnötiger Kleintransporte und Großeinkäufe sowie häusliche Energieverschwendung oder langwierige Besorgungs- und Zubereitungszeiten vermieden.“

Besorgt schaut Heni zu Lonzo, der stärker schwitzt, die Augen geschlossen hat und zwischendurch immer wieder leise hüstelt.

„Erzähl!“

„In der Mitte der Wohneinheit ist eine selbstreinigende Badezimmerlandschaft. Ein dünner, sehr heißer Wasserfilm überspült kurzzeitig von der Kuppel aus die schmutzabweisende Oberflächenversieglung der Wände, Böden, Wannen und Leuchtobjekte. Anschließend setzt das Gebläse ein und sauber ist die Chose. Sauber ganz ohne ätzende oder giftige Reinigungsmittel, die unsere Flüsse und Teiche so zum Schäumen bringen. Kein Schimmel! Kein Fußpilz!

Die Animationskuppel ist natürlich gleichzeitig auch wieder Bildschirm. Auf Zuruf werden Projektionen, Lichtspiele, verschiedene Wasserspiele, Fontänen, Sprudel, Strömungen, Wasserfälle, Düfte und Geräuschkulissen erzeugt. – Probier‘ es doch mal aus!“

„Was soll ich sagen?“

„Kiefernwald!“

„Nein, Bergsee!“

„Heißer Geysir“

„Eisbach“

„Steilküste in Nordkanada“

„Südsee“

„Orientalisches Dampfbad“

„Wasserfall im Urwald“

„Kohlegrube“

„Zwergenschatz im Tropfsteinhöhlensee“

„Lonzo, dein Fieber ist wieder gestiegen. Ich muss dir Medizin besorgen.“ Die Fröhlichkeit hat Heni nicht übersehen lassen, dass ein bedrohlicher Fieberschub bevorsteht. In zweieinhalb Stunden Fußmarsch könnte mit etwas Glück das Haus eines aspirierenden und dadurch unverdächtigen Gammas erreicht werden, der dem Ring trotz seiner in Aussicht gestellten Aufstiegsmöglichkeiten immer nahe gestanden hat. An Medizin wüsste der auch heranzukommen …

„Gut“, flüstert Lonzo nun wieder mit geschlossenen Augen.

„Wenn ich bis heute Abend nicht zurück bin, musst du dieses Telefon einschalten und sagen wer du bist. Ich lege es direkt hier unter das Bett. Dann kommen dich Freunde suchen. Hast du mich verstanden? Schalte es sofort danach wieder vollständig aus!“

Nur mehr ein erschöpftes Hauchen: „Ja!“

„Hoffentlich kommen nicht die Feinde zuerst“, denkt Heni in die verschwiegene Pause. „Du stellst dir jetzt vor, wie es wohl in deinem Badezimmer zugehen würde und wenn alles gut geht, bin ich in 5-6 Stunden wieder da.“ Er küsst ihn auf die verschwitzte Stirn und macht sich auf.

Spreewald-Bunker

Nach der heißen Dusche und dem allgemeinen „Runterkommen“ im Wellnessbereich bei Massage, Sauna, Dampfbad, Whirlpool sind alle wieder in adretter Kleidung im Festsaal versammelt. Auch Ubotnik und Koschia scheinen äußerlich wieder hergestellt und gefasst.

Die Auswertung des Spiels beginnt mit der Punktevergabe. Anschließend werden die besten filmischen Takeouts und Funkspruche von einem Experten-Team in weniger als keiner Zeit in Hollywood-Manier, mit dramatischer Musik und Spezialeffekten hinterlegt, als Heldenepos präsentiert: Der erste Gefechtsturm der 3. Fregatte brennt. Ein Feuersturm wütet. Brennender Treibstoff rundumher. Tonjas Gurt klemmt. Sie behält die Nerven, zieht behände ein rasierklingenscharfes Messer aus ihrer Wadenbeintasche, schneidet sich los, läuft zur Kommandobücke und bringt sich vorläufig in Sicherheit. Artus und Janus fliegen waghalsige Manöver mit ihren Kampfjets und Jean-Lucas wird in Nahkampfszenen gezeigt, nachdem er sich mit einer Flugdrohne unter dem Feindradar durchfliegen und auf dem Flugzeugträger hat absetzen lassen. Björnwulf ist kurzzeitig schlechter Laune, als er, mit seinem banalen Leinwandtod konfrontiert, über die sinnlose Rakete schimpft. Man sieht wie Rovina mit ihrem Jagdflieger abgeschossen wird, wie zuerst das Triebwerk in Brandt gerät, im Cockpit alles zu rütteln beginnt und sich der Flieger Schnauze nach unten und um die eigene Achse schraubend abwärts spiralt. Erst wirkt sie orientierungslos, scheint nicht zu wissen wo oben und unten ist, zeigt Anzeichen rasender Kopfschmerzen; das Gesicht von den wirkenden Fliehkräften verzerrt. Endlich gelingt es ihr, auf den Notknopf zu drücken und den Schleudersitz zu betätigen. In extreme-slow-mo sieht man jede Phase der Grimasse, die sie während des Herausgeschleudert Werdens zeigt. „Topmodel on tour“, ruft Björnwulf. Weitere Tode werden beschaut. Einige Betas kriegen sich gar nicht mehr ein. Jena-Lucas genießt still die Demütigung seiner Spielzeug-Gammas. Der ganze Alptraum von Koschia und Ubo werden noch einmal in epischer Breite ausgewalzt. Noch sind die Eindrücke zu frisch, als dass sie wissen könnten, dass sie tief traumatisiert und schwer gedemütigt durch ihrpersönlichesVersagen noch lange an den Vorfällen des heutigen Tages zu beißen haben werden. Sie versuchen, gute Miene zu bösem Spiel zu machen.

Das Schlimmste aber ist, dass das ganze Spektakel auf der Ego-Boost-Seite von JL im Netz die Jahrhunderte überdauern wird. Sein Triumpf - deren Schmach. Jean-Lucas und sein Kader haben wieder einen grandiosen Sieg errungen und die feindliche Flotte vernichtend geschlagen. Die Huldigungen der Erwachsenen, der Starkult auf den Schulhöfen, das Kontrastprogramm der Gewinnerpose des einen, der cool und routiniert schon einige Tode absolviert hat und dagegen das beschissene Scheitern der allzu Menschlichen, die des Spottes der konkurrierenden Kadetten gewiss sein können. In Ubos Kopf läuft bereits der nächste Film. Er simuliert, wie sich die anderen wohl auf dem nach Hauseweg oder am nächsten Tag unterhalten würden:

„Hast du die Fresse gesehen?“

„Der hat sich tatsächlich von oben bis unten bepinkelt!“

„Bist du blöd oder was? Der hat sich von oben bis unten in die Hose geschissen!“

„Echt jetzt? Ohne Scheiß?“

Am Ende bereichern Vater und Opa die Veranstaltung mit ihrem Erscheinen. Sparta übernimmt die pathetische Lobrede: „Heldenmut- gibt es etwas Ehrenvolleres? Verrat - Gibt es etwas Würdeloseres? …“ und die Dekorierung der Helden der Schlacht mit Auszeichnungen. Apollo verteilt teuere Geschenke. Doch der Held des Tages fühlt nicht wirklich viel dabei. Nur die gewohnte Kälte. Zur Stärke gehören eben auch Inszenierung und Rücksichtslosigkeit. Die Kollaboration von Tonja wird der Gastgeber, zu einem späteren Zeitpunkt großzügig zu vergelten wissen.

Katerstimmung

Am folgenden Morgen: Es regnet. JL sieht genervt aus dem Fenster. Nichts regt sich vor dem grauen Schleier. Björnwulf starrt unentwegt auf einen Monitor. Ruckartig steht Jean-Lucas auf und bewegt sich mit großen Schritten Richtung Tür.

„Was hast du vor?“

„Die kriechende Scheiße zertreten!“

Zwischen Schreck und Dienstpflichterfüllung ist Björnwulf aufgesprungen. Bei dem Gedanke, dass er doch hoffentlich nicht Ubotnik meint, den er nun endgültig fertigmachen will, wird ihm angst und bange. Wie immer müsste er eigentlich jetzt sagen: Bin dabei. Doch noch ist sein Magen zu sehr in Aufruhr. Wie kann er JL von einer unnötigen Grausamkeit abhalten? Hat das gestern nicht gereicht? Sadismus ist nicht Björnwulfs Ding. Jean-Lucas scheint seine Irritation zu bemerken. Er sieht ihn eine kurze Weile prüfend an, sagt aber vorerst nichts. Björnwulf wirkt untypisch verlegen… Jean-Lucas verzieht seinen Mund zu einem schrägen Lächeln und deutet auf die riesenhafte Nacktschnecke, die im dichten Nieselregen über den mit Regenbogenschlieren überzogenen, öligen Asphalt kriecht.

„Bin dabei!“, klingt es aufatmend hinter seinem Ohr.

Lonzos Zustand verschlechtert sich

Mit der Zeit verschlechtert sich Lonzos Zustand. Mal wirft er sich hin und her und mal beginnt er, wirres Zeug zu reden. Als Heni am Abend verbittert, enttäuscht und abgekämpft mit nichts in den Händen nach Hause kommt, sitzt der Junge zusammengekauert auf seinem Bett und zittert. Der befreundete Gamma war auf Geschäftsreise und dessen Frau zu feige, die Tür zu öffnen. Fast hysterisch vor Angst, hätte sie beinahe auf ihn eingeschlagen und einen Alarm ausgelöst. Unwissentlich hatte sie dabei den Stab über seinem geliebten Enkel gebrochen. Er legt tröstend den Arm um ihn und verspricht ihm tapfer eine heiße Suppe, ohne sich seinen resignativen Unterton anmerken lassen zu wollen.

Höhen und Tiefen wechseln sich in der Nacht ab und die Sorgenfalten auf dem Gesicht des inzwischen kraftlosen alten Mannes vertiefen sich von Stunde zu Stunde. Die Helligkeit dringt langsam ins Zimmer. Heni stößt die Läden auf.

„Ich will auch dort sein.“ Kaum mehr hörbar klingt dies nach dem sehnsüchtigsten Wunsch des Kleinen.

„Irgendwann wirst du es schaffen und dorthin gelangen. Es gibt eine Passage. Aber du musst erst einmal zu Kräften kommen.“

Mit Tränen in den Augen erzählt Heni weiter. Auf ein Frühstück hat er keinen Appetit.

„Familie ist in Pangäa nicht so überlebenswichtig wie bei uns. Deshalb ist der Zusammenhalt dort viel loser. Mit 3 Monaten kommen Kinder von 9.00 bis 16.00 Uhr in die Krippe, mit 3 Jahren beginnt der Kindergarten und mit 6 die Schule. Die gesamte Gesellschaft übernimmt die Verantwortung für die Kinder und nicht ausschließlich das einzelne Elternhaus. Wie sagt ein altes afrikanisches Sprichwort doch ganz richtig: Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf! Das hat eine Reihe Vorteile. Jeder hat allerbeste Bildungschancen, kein Kind leidet unter Verwahrlosung, die mit dem Alter der Kinder zunehmenden Spannungen stören nicht den häuslichen Frieden, Mütter geraten in der Nachelternzeit nicht in Sinnkrisen. Schuldzuweisungen und Selbstvorwürfe entfallen. Die Zahl der Neurosen sinkt beträchtlich. Mit dreizehn verlassen die Heranwachsenden die Wohnung der Eltern und ziehen in Internate ein. Anfangs alle zwei, später alle drei Monate verbringen Sie eine Woche Ferien mit den Eltern, damit sie sich nicht zu sehr entfremden.

Zuerst müssen die Kinder aber viele Dinge beherrschen. In der ersten Klasse lernen die Kinder neben dem abstrakten Rechnen natürlich das Schreiben ihrer Muttersprache. Das ist überall Pangu, egal zu welchem Volk oder Land man einmal gehört haben mag. Jeder versteht und spricht dort diese Sprache. Außerdem können sie im Laufe ihres Lebens eine Reihe von Altweltsprachen erlernen. Englisch wird meist als erste Sprache gewählt, dann Chinesisch, Arabisch, Spanisch, Französisch, Russisch und so weiter. Ist ein Pangäer wenig älter als du jetzt - also so ungefähr mit acht -, dann lernt er die universelle Programmiersprache, so dass er schon mit zehn einfache und mit zwölf recht komplexe Computer-Apps schreiben kann.

Feste Klassen gibt es nach den ersten 3 Jahren nicht mehr. Man bleibt danach immer nur noch für die Zeit gewisser Projekte beisammen. Je nach Altersgruppe kümmern sich 2-3 Lehrer um 8-15 Kinder. Auf dem Plan stehen selbstverständlichReden haltenoderStreiten lernen, aber auchGeschichten erfindenoderPhilosophieren.Demokratie und Mitbestimmungheißt dort ein Fach und ein anderesQualitative Freiheit. Bei uns steht so etwas bestimmt nicht auf dem Lehrplan. Im sogenannten geheimen Curriculum erfahren wir hingegen ganz effektiv am eigenen Leibe die Herrschaft der rücksichtslosesten Clique, Volksverhetzung als Normallfall des Miteinanders und die wohltuend betäubende Wirkung des alternativlos wahlfreien Konsumierens …

Zwischen Traum und Klarheit wispert Lonzo: „Weiter…“

Biologie, Physik, Chemie, Erdkunde und Geschichte sind zu allererst einmal Erlebnisfächer. In Kleingruppen begibt man sich mit seinen Lehrern in Simulationen, Labore oder auf Ausflüge. Unterrichtet werden ist dort, als würde man die Hauptrolle in einem Film spielen. Ob man beim Untergang der Titanic dem Kapitän oder dem Arbeiter im Maschinenraum über die Schulter sieht, vor dem ersten Weltkrieg einen Zeppelin besteigt, den Vulkanausbruch in Pompeji miterlebt, dem Kult des Ammun-Re beiwohnt, den Mord an Cäsar beobachtet, im Raumanzug von Nils Armstrong auf dem Mond hüpft – kein geschichtliches Ereignis ist tröge oder langweilig verpackt.

Im Literaturunterricht steht man mit Othello zwischen den holographisch dargestellten Schauspielern auf der Bühne. Die Szenen lassen sich an jeder beliebigen Stelle anhalten, diskutieren, nachstellen, kreativ umprogrammieren und wiederholen.

Aufgrund der guten Visualisierungen verstehen deutlich mehr Menschen grundliegende molekulare und subatomare Zusammenhänge. Quantenphysik und anorganische Chemie sind anschaulich, verstehbar, spannend und interessant und keineswegs Hokuspokus und Zauberei.

Stell dir vor du bist dabei! Du bist ein Junge von 12 Jahren und hilfst bei der Erschaffung eines architektonischen Wunderwerkes seiner Zeit, einer riesenhaften gotischen Abteikirche: die Säulen der Erde!“

Kathedrale von Exeter - Zur gleichen Zeit irgendwo in Pangäa

Minoa, Arbol und Zennu stehen auf einem knirschenden Holzgerüst 30 Fuß über dem Erdboden. Der Wind pfeift. Nieselregen. Minoa sieht nach unten. Die Höhe macht ihr nichts aus, auch wenn es keine Simulation wäre. Das Wetter schon. Ganwin und Lanuwa verwenden ihre ganze Kraft darauf, mittels der Hebel der großen Seilwinde die Diele mit dem nächsten Steinpaket nach oben zu bringen. Taumelnd kommt die Fracht Stück für Stück näher. Sie sind Helfer der Dombauhütte. Als solche bauen sie mit am linken Turm des Westwerkes der Kathedrale von Exeter. Jeder Stein ist gekennzeichnet und alles erstaunlich gut durchorganisiert, wenn auch an moderne Arbeitsschutzmaßnahmen vor 1000 Jahren selbstredend kaum ein Gedanke verschwendet wurde. Gottes Wille geschehe! Obwohl die Steine unhandlich, spröde und schwer sind und nach knapp 20 Minuten die Finger schon rau werden und Risse zeigen, entsteht ein eigentümlicher Stolz, hier dabei zu sein. Zu zweit ziehen sie die Steinpackung auf das Holzgerüst, machen die Leinen los und beginnen mit dem Entladen. In einer Reihe stehend, reichen sie Stein für Stein an den Setzer weiter. Heute Morgen noch hatten sie mit dem Ersten Dombaumeister über der Zahlenmystik und der ausgefeilten Geometrie des gebundenen Systems bei der Vermessung der Joche der Seitenschiffe im Verhältnis zu den Jochen des Hauptschiffes gebrütet. Dann wurde unter fachkundiger Leitung das Werkzeug erprobt und ein Ausschnitt der zarten Kurve des Spitzbogens vorgestochen. Nicht mehr lange und sie würden mit den Handwerkern ihr Mittagessen einnehmen. Hoffentlich nicht so spartanisch und ungesalzen wie am Vortag … Die Gedanken schweifen ab. Minoa rutscht mit ihren glatten Ledersolen auf den nass gewordenen Rundhölzern aus, stolpert, kann sich nicht mehr halten und stürzt in die Tiefe. Erschrocken halten alle inne. Jeder weiß, „Es ist nur eine Simulation!“, doch der Schreck sitzt tief. Unten hört man das Wehgeschrei der Bauersfrauen und Mägde.

Lonzos Stimme aus dem Off: „Was ist mit Minoa?“

Für den Tag ist sie raus aus allem. Der eigentliche Sturz hat ihr nicht viel anhaben können, nur eine leichte Prellung am linken Ellenbogen und ein unangenehmes Schwindelgefühl. Schlimmer für sie sind der Ausschluss, der Verlust von jeglicher Sozialzeit für den Tag und der Abzug der Animationspunkte. Den Rest des Tages wird sie zu Hause in völliger Isolation und ohne Computer oder Musik verbringen. Heimsport, Lesen, häuslicher Versorgungsschacht. Die Gesprächszeit mit den Eltern wird auf 5 Minuten zusammengestrichen. Was in Minoas Alter nicht unbedingt als Nachteil erlebt werden muss…

Kurze Zeit darauf sitzen Arbol, Zennu, Ganwin, Kobina und Lanuwa zusammengekauert auf einer viel zu kleinen Holzbank in einem zugigen Raum auf der Baustelle. Jeder hält eine Holzschale mit halbkaltem, ungewürztem Erbsenpüree und eine Scheibe trockenen Brotes in der Hand. „Nicht wahr jetzt, oder?“, stöhnt Zennu, „Ich hatte die halbe Nacht Blähungen von dem Bohnen-Hirse-Fraß gestern.“

„Gestern gab es wenigstens den halben Tag gute Musik auf die Ohren“ meint Arbol und stimmt einen gregorianischen Choral an: „Adoremus Dominus omnipotentis …“ Ganwin verdreht lächelnd die Augen und schüttelt nur kurz mit dem Kopf. Während Arbol im Hintergrund leise weitersingt, ruft Zennu beschwingt: „Die Lüftung in meinem Zimmer hat sich automatisch auf Notversorgung umgestellt. Zu viel Methan und zu wenig Sauerstoff, versteht ihr?“

Ganwin: Schade, dass sie beim Bier so empfindlich sind und uns hier nur die alkoholfreie Variante zugestehen. Authentisch ist das ja nicht gerade.

Lanuwa: Und heute Mittag würdest du im Skriptorium dann die Linien doppelt sehen und das wertvolle Pergament der Bernwartbibel vollklecksen.

Kobina: Nur eine halbe Stunde Steine schleppen ist auch nicht authentisch. Wenn du das den ganzen Tag von morgens bis abends durchhalten müsstest und dazu abends in einer feuchten Hütte pennen würdest, bräuchtest du zum Überleben wohl auch echtes Bier, alleine schon, um die Schmerzen und vor allem die Eintönigkeit zu betäuben.

Lanuwa: Stell dir vor deine nächtlichen Träume wären die einzige Unterhaltung, die dir dann geboten würde…

Arbol: Nicht ganz. Du hättest immerhin das Gejammer deiner Alten über die Rückenschmerzen.

Ganwin: Und nicht zu vergessen die ewig gleichen und einfältigen Märchen der senilen Oma.

Allgemeines Lachen

Zennu (mit gespielter Ungläubigkeit): Keine Matrix? Kein Star-Wars-Geballer zum abreagieren?

Lanuwa (schelmisch): Sonntags dürftest du dir nach der Messe die Höllenqualen ausmalen, die dich erwarten, weil du nachts wieder zu viel unter der Bettdecke gerubbelt hast.

Lachen. Kurze Gesprächspause. Alle kauen schmunzelnd auf ihrem geschmacklosen Erbsenpüree-Brot herum.

Arbol: Was geht nach der Schule?

Lanuwa: Ballett.

Kobina: Schwimmen.

Ganwin: Fußball.

Zennu: Dito! Du?

Arbol: Strandsegler.

Kobina: Arme Minoa…

Medizin für Arme / Jagdhütte

Heni kommt vom Wasserholen. Ängstliche blickt er um sich, bevor er die kleine Lichtung überquert. Keine Drohne in Sicht. Er bringt die Eimer ins Haus. Gleich darauf ist sein Kopf noch einmal zu sehen. Zwischen dem langen Gras hat er Sauerampfer ausgemacht. In der Heilkunde der Hildegard von Bingen heißt es, dass frische Blätter bei „Pestilentzischen febern“ gegeben werden sollen. Er bückt sich, um zwischen dem angefressenen und leicht verwelkten Laub noch einige verzehrbare Blättchen an den Stängeln zu finden.

Games Unlimited

Die Kamera zoomt von der Lichtung heraus auf die Waldfläche. Am Bildrand erscheint ein riesiger Gebäudekomplex: Games Unlimited, Schaltzentrale und Privatsitz der Besitzerfamilie, ca. 13 Kilometer Luftlinie entfernt. Wir kennen den überdimensionierten Hochsicherheitstrakt von der beschaulichen Geburtstagsfeier des kleinen Erbprinzen, Jean-Lucas …

Die Kameraführung zoomt heran und dringt durch die Decken bis in einen überraschend feudalen Konferenzraum. Noch steht Apoll alleine an einem ovalen Tisch. Mental geht er zum letzten Mal die Highlights seiner Präsentation durch. In der Zeit vor dem Einlass lässt er seine Gäste gerne einen Augenblick warten. Jede Gelegenheit ist gut, um Eindruck zu schinden. Zu diesem Zwecke hat er ein kleines Spektakel vorbereiten lassen. Der Glastunnel unter dem Haifischbecken hätte sicherlich schon manch einem genügt. Aber um wie viel schöner muss es erst sein, wenn Fütterungszeit ist. Sieben hungrige Haie durchstreifen, sich argwöhnisch belauernd, in nervöser Gespanntheit das Becken. Plötzlich fallen von oberhalb des Wasserspiegels, wild strampelnd, nacheinander drei ausgewachsene Hausschweine ins Wasser. Sofort sind die Haie zur Stelle. Erbarmungslos schlagen sie ihre Raubtierzähne in die rosafarbenen Körper. Das Blut verunklärt das Wasser. Zwei Fische sind an jeder Sau. Schnell werden große Fleischfetzen herausgerissen. Gebannt richten sich die Blicke der Zuschauer nach oben auf den Tumult im Wasser. Ein wahrhaft schauderhaftes Schauspiel mit kathartischer Wirkung. Man fühlt sich gereinigt, fast wie neu geboren, ist bereit für revolutionäre Erfindungen, neue Geschäfte, das große Geld.

Kurze Zeit später befinden sich die wenigen Teilnehmer des erlesenen Kreises aus Aktionärsvertretern und Generälen - teils in Zivil, teils in Uniform - um den ovalen Tisch des Konferenzraumes gruppiert. Nachdem alle einen Sitzplatz gefunden haben, weicht das lockere Geplauder einer aufmerksamen Stille. Nach solch einer Einstimmung, darf man wohl zurecht wieder auf etwas Sensationelles hoffen.

Apoll erhebt sich: „Verehrte Gäste, ich darf Ihnen heute die neuste Errungenschaft der Ingenieure unseres Spieleimperiums vorstellen. Sie wird die Welt der Simulation vom Kopf auf die Füße stellen. Alles wird neu, alles wird einzigartig. Wir nennen esNew Reality. Wirklichkeit geht in Zukunft nicht mehr den Umweg über die Sinne. Künftig setzen wir direkt im Nervensystem des Users an. Die herkömmliche, sehr aufwändige und teure Hardware unserer klassischen Simulationsdecks wird bald nicht mehr benötigt werden. Das Legen eines Bioportes ist zu einem Spottpreis zu bewerkstelligen. Die Gewinnmargen im kommerziellen Sektor werden sich durch die geringen Investitionskosten, bei gleichzeitiger Erschließung völlig neuer Konsumentenkreise, verdreifachen. Durch einen minimalen chirurgischen Eingriff legen wir den Zugang zum Universum unserer Spiele in den Körper des Endverbrauchers. Die Schnittstelle, der körperliche Anschluss des Individuums an unseren Playstore, wird als der ultimative Zuwachs eines neuen Sinnesorganes erlebt, eines Hyperorganes, welches beliebige, zu vermittelnde Inhalte realer als die Realität selber erscheinen lässt. Das Spiel dockt ohne jeden Umweg oder Filter direkt am zentralen Nervensystem des Spielers an. Die Psyche wird 1:1 an die Ladestation des Spieledesigners angeschlossen. Überlegen Sie, meine Herren, was das für ein Suchtpotential einerseits und ein Manipulationspotential andererseits bedeutet. Dem Militär bieten sich hier ungeahnte Möglichkeiten. In all unseren Tests war kein Proband nachher mehr in der Lage zu unterscheiden was Realität oder Fiktion war, welche Erinnerung echt und welche vermittelt war. Für das Individuum ist es ausgeschlossen Sein von Schein zu unterscheiden. Alle Testreihen sind abgeschlossen. Unsere Erwartungen wurden bei weitem übertroffen. If it is perfection what you want: Come to Games Unlimited!“

Nach dem obligatorischen Heraushauen des Firmenmottos durch den Präsentator beginnt die Projektion des passenden Werbetrailers an der Stirnwand hinter dem Sprecher. Gezeigt werden Actionszenen a la Hollywood. Ein Par-Force-Ritt durch alle Genres, schnelle Cuts, große Gefühle.

„Spielen Sie Ihren Soldaten vor, sie seien 4 Wochen auf Heimaturlaub gewesen! Und sparen Sie die Spesen!“

Effektive Pause, bis das Gesagte bei den Anwesenden gesackt ist und mit kurzem Gelächter und munter spontanem Applaus quittiert wird.

„Fragen Sie den Programmierer Ihres Vertrauens… Ihrer Fantasie und unserem Können sind nun keinerlei Grenzen mehr gesetzt… Im öffentlichen Raum argumentieren Sie damit, dass nun 10.000 statt nur 100 Soldaten gleichzeitig in eine Übungs- oder Gefechtssimulation eintreten können. Keine Wartezeiten. Keine Belegungspläne. Die Meute wird Ihnen aus der Hand fressen. Und noch einmal für die Aktionäre: Wir stehen als Marktführer allein auf weiter Front. Sollte es heute noch marginales Konkurrenzaufkommen in Nischensegmenten geben, so wird das morgen schon vorbei sein. Wir werden alle Mitbewerber vom Markt fegen. Ich verspreche rosige Zeiten. Auf zu neuen Bilanzrekorden! Während unsere Kosten auf ein Minimum zusammenschrumpfen, werden die Gewinne exorbitant. Eine Win-win-Situation für alle hier im Raume Versammelten.“

Pangäa einmal anders: graue Wände / Minoas Apartment

Minoa ist für den Tag aus dem Spiel. Nichts geht mehr. Ihr Responder scheint tot. Die Segway-Brille zeigt ihr nur noch aschgraue Wände an. Musikalische Untermalung: Fehlanzeige. Trauerfahrt. Der Aufzug ist erreicht, zwei Flure noch, dann deponiert sie „Kartoffelbrei“, ihrenfliegenden Besenin der Segway-Station. Langsam schlendert sie zur Wohnung. Die Tür öffnet automatisch. Sie schlüpft hinein. Keiner zu Hause. Der Raum bleibt trostlos und halbdunkel. Heute liefert der Versorgungsschacht nur mehr stilles Wasser und zum Abendessen wird es wohl kaum mehr als trockene Körner geben. „Ich wollt ich wär ein Huhn“, denkt Minoa lächelnd. Ihr trödeln fällt auf. Unmissverständlich fordert ihr Responder sie auf, ihr Quartier aufzusuchen. Selbst im Tode wird man gehetzt… Wie ist das blöd. Die anderen werden heute Mittag mit Bruder Beringar (das ist der kahlköpfe Dicke ausDer Name der Rose, der nach der Arsenvergiftung in der Badewanne ertrinkt) das Skriptorium der Abteibibliothek erkunden. Unausweichlich wird der ehrwürdige Jorghe ihr ungezogenes Lachen schelten. Der Nuntius wird ihre Transkription aus dem Griechischen ins Lateinische anleiten (jeder nur 2 Sätze) und Bruder Malachias wird Tintenflecke bitter bestrafen. Was aber bleibt ihr heute stattdessen? Auch von den Freizeitaktivitäten wird sie ausgeschlossen sein und vom Abendessen mit den anderen. Auf Zumba und Powertanzen hätte sie sich heute richtig gefreut… Rechenaufgaben? Die darf man auch als Tote machen. Auf Knopfdruck fahren 2 beschichtete Bretter aus der Wand: Ihr Schreibtisch und die Sitzbank. Also Gehirngymnastik. Mit einem Wisch über die Tischplatte geht der Bildschirm an. Schnell hat sie sich in die Arbeit vertieft. Selbstmitleid hat noch nie jemandem geholfen.

Das Märchen geht weiter / Jagdhütte

Der Alte hat sich halb hinter den Kleinen gesetzt, um ihn besser abstützen zu können. Auf seinem Hals hat sich ein großer, roter Fleck gebildet. Der Junge scheint weniger Gewicht wie ein Waldvöglein zu haben, so dünn ist er geworden. „Komm mein Rotkehlchen, versuch dass einmal!“, sagt Heni und schiebt ihm ein paar grüne Blättchen mit rötlichem Rand in den Mund. Ohne die Augen zu öffnen und ohne die Miene zu verziehen, kaut der totkranke Junge langsam auf den Sauerampferblättern. Eine viel zu schwache Medizin für so eine starke Krankheit. Mitnichten wird das bisschen Grünzeug die Pestilenz aus dem überhitzten Körper austreiben.

„Warum sind die Menschen so schlau in Pangäa?“