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Jetzt, da die Geschwister Nex und Liah das Geheimnis gelüftet und Para gefunden haben, stehen sie vor neuen Problemen, um die sie sich unbedingt kümmern müssen. Um Gelbauge und seinem Komplizen keine Vorteile zu gewähren, reisen die Kinder nach Para, wo sie nicht nur nach einer Lösung suchen, sondern auch allerhand schräge Bekanntschaften machen. Während sie ein weiteres Abenteuer jenseits aller Vorstellungskraft erleben, muss Handix in der Villa die Stellung halten. Das ist gar nicht so leicht, denn Moona stellt Fragen, Gelbauges Männer suchen etwas und Handix muss sich seiner Vergangenheit stellen, um Mandis Spuren folgen zu können. Werden die Millers eine Lösung finden? Was sind das für Spuren, denen Handix folgen muss? Was werden Nex und Liah alles erfahren? Aber vor allem: Werden sie ihrer Aufgabe als Wechsler auch gerecht?
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Seitenzahl: 332
Veröffentlichungsjahr: 2020
Für Marie.Du warst die erste, die Nex und Liah gefolgt ist.
Zeraphina Cloud
Para
Das Schicksal liegt in euren Händen…
Band 2
© 2020 Zeraphina Cloud
Umschlag, Illustration: Ines Kaiser
Instagram: zeraphinacloud
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN: Paperback
978-3-347-06382-2
ISBN: Hardcover
978-3-347-06383-9
ISBN: e-Book
978-3-347-06384-6
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhaltsverzeichnis
Ein Versprechen
Recherche
Noch ein Tag
Bluws, Feys, Slings
Die Bluws
Jenseits der Wege
Quinz
Spiegel
Kollin
Zu viele Geheimnisse
Mandi
Abendessen in Para
Verstecken spielen
Unterwegs
Die Feys
Auf der Flucht
Auf der Suche
Im ersten Stock
Der Wechsler
Ein Versprechen
Obwohl es draußen schon stockfinster war, ging Handix in die Küche und machte sich einen Kaffee. Die Küche war ein kleiner, aber gemütlicher Raum, wo jeder der vier Stühle mit weichen Kissen belegt worden war und der Küchentresen im Sonnenlicht (wenn vorhanden) rot und himmelblau schimmerte. Mandi liebte Farben. Er selbst legte nicht so großen Wert darauf, aber er sah es gern, wenn seine Frau glücklich war. Sie hatte ein umwerfendes Lachen und allein ihre Gegenwart reichte aus, um die schlechte Laune der Leute zu vertreiben. Nur bei ihm half es nicht sofort, und das war wohl auch der Grund, warum sie sich in ihn verliebt hatte. Handix konnte unmöglich sagen, womit er eine Frau wie sie verdient hatte.
Das Knarzen der Dielen hinter ihm sagte ihm, dass sie gerade die Küche betreten hatte. Er drehte sich um und sah sie, seine Frau, in Bademantel und Schlappen, die dunklen Haare in alle möglichen Richtungen abstehend und in den Augen noch diesen dünnen Film der Müdigkeit. Er lächelte sie an und Mandi lächelte zurück, dann schlang er seine Arme um sie. In letzter Zeit hatte sie nicht so viel gelacht wie sonst. Es lag an Tohm und seinen Anhängern, die sie unaufhörlich belagerten und nach irgendwelchen Gegenständen ausfragten, von denen Handix nie etwas gehört hätte, wäre er nicht in die Geheimnisse seiner Frau eingeweiht worden. Zu allem Überfluss hatten diese Männer auch noch herausgefunden, dass Mandi die Tante zweier Kinder war und man die Gabe des Wechselns durchaus in der Familie weitergeben konnte. Mandi hatte ihm gestern erst gesagt, dass sie Nex und Liah für Wechsler hielt. Erst hatte Handix es abstreiten wollen, aber dann wurde ihm irgendwie klar, dass sie recht hatte. Sie hatte immer recht.
Handix setzte sich auf einen der Stühle und zog Mandi auf seinen Schoß. Sie lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter und seufzte. Er hasste es, wenn sie solche Laute von sich gab, denn dann hatte er immer das Gefühl, ihr irgendetwas nicht geben zu können.
„Liebling, versprich mir etwas“, sagte sie plötzlich und sah zu ihm auf. Ihre kastanienbraunen Augen schenkten ihm einen ungewohnt ernsten Blick. Er fragte sich, was wohl in ihr vorging und ob es irgendetwas gab, das er tun konnte, um ihr diese Last abzunehmen, aber weil ihm gerade nichts einfiel, nickte er bloß.
„Natürlich.“
Sie nagelte seinen Blick weiterhin fest.
„Handix“, ihre Stimme war fest, „versprich mir, dass du gut auf Nex und Liah achtest. Ich glaube, dass sich diese Kerle irgendwann dazu entschließen werden, sie zu suchen und… Nun, ich denke, du weißt, was ich meine.“
Oh ja, das tat er, aber warum bat sie ihn, auf die beiden zu achten? Das würde er auch so tun, immerhin waren sie die Kinder seines Bruders.
„Ja, werde ich, aber warum…“
„Bitte frag nicht weiter nach. Es ist bloß so ein Gefühl, das ich habe. Versprichst du es?“
Ihre Augen sahen ihn flehend an und er seufzte.
„Ja, ich verspreche es.“
Mandi nickte und lehnte sich wieder gegen ihn, die Augen geschlossen.
„Wenn sie Fragen haben, dann beantworte diese bitte“, murmelte sie noch, dann war sie fest eingeschlafen.
Handix wartete noch eine halbe Stunde lang, ob sie wieder aufwachen würde, dann trug er sie hoch ins Schlafzimmer. Es war halb vier in der Nacht und morgen musste er wieder zur Arbeit gehen, aber er konnte nicht schlafen, also nahm er sich ein Buch und setzte sich ins Wohnzimmer. Der Kaffee in der Küche war wahrscheinlich schon kalt, also beschloss er, ihn am Morgen wegzuschütten. Handix las für sein Leben gern und irgendwie genoss er es, wenn er Nex vorlesen durfte, weil sich der Junge für ähnliche Geschichten interessierte wie er selbst auch.
Bei dem Gedanken an seinen Neffen spürte er einen Kloß im Hals. Was für Träume waren das, die er hatte? Handix ahnte es bereits, aber er weigerte sich, diese Möglichkeit auch nur in Erwägung zu ziehen. Andererseits musste er dann immer an Mandis Worte denken.
„Ich glaube, du weißt irgendwie immer, was ein Wechsler in der anderen Welt kann“, hatte sie ihm vor zwei Wochen gesagt und vermutlich hatte sie auch damit recht. Ja, irgendwie wusste er, wozu seine Frau und die beiden Kinder in der Lage waren, aber er wollte es sich einfach nicht eingestehen. Denn wenn er bei Nex richtig lag, dann würde Mandi nicht mehr viel Zeit bleiben…
In dieser Nacht las er nicht mehr weiter; eine ungeahnte Angst hatte von ihm Besitz ergriffen.
Trotz allem, was er wusste oder ahnte, war er nicht auf das Gefühl vorbereitet gewesen, als man ihm die Nachricht von ihrem Tod brachte. Zuerst stand er unter Schock, dann versuchte er sich einzureden, dass das alles nur ein Irrtum war, und als kein Zweifel mehr bestand, spürte er abwechseln unendlichen Schmerz und Leere. Er konnte nicht mehr in dieser farbigen gemütlichen Wohnung leben, konnte nicht mehr zusehen, wie sich die Familie seines Bruders gegenseitig tröstete, aber vor allem konnte er sich einfach nicht dazu überwinden, sein Versprechen einzulösen. Also zog er weg, so weit fort wie nur irgend möglich, um den Erinnerungen zu entkommen. Sieben Jahre lang war ihm das gelungen, aber dann tauchte das Jugendamt auf, um ihn an seine Pflichten als Onkel zu erinnern. Er hätte nie gedacht, dass sein Bruder vor ihm sterben würde, immerhin war er doch der ältere von ihnen gewesen. Und das alles nur wegen eines lächerlichen Autounfalls.
Auch jetzt, in dieser Villa, war es mitten in der Nacht und Handix konnte nicht schlafen. Er hatte in so vielerlei Hinsicht versagt. Er hatte Tohm ungewollt verraten, wo die goldene Taschenuhr versteckt war, und er hatte Nex und Liah nicht so beschützt, wie er es hätte tun sollen. Seinetwegen hatte sein Neffe ziemlich viele Schläge einstecken müssen und Liah war zu Tode geängstigt. Diese Moona war dann auch noch hineingeplatzt und hatte viele Fragen gestellt. Dabei ging sie die andere Welt nichts an. Sie war nur die Putzfrau, außerdem sollte sie nicht in diese Angelegenheit hineingezogen werden. Schlimm genug, dass die restlichen Millers mittendrin steckten.
Die Uhr im Wohnzimmer tickte laut. Handix seufzte. Er hatte sich so viel Mühe gegeben, unnahbar und griesgrämig zu sein, damit er sich sämtliche Menschen vom Hals halten konnte, mit Erfolg. Aber mit einem hatte er dabei wirklich nicht gerechnet: Die Art und Weise, wie Nex ihn angesehen hatte, als sie sich vor acht Tagen auf der Terrasse begegnet waren. Es war, als hätte der Junge ganz genau gewusst, dass er sie beide im Stich gelassen hatte… Und dann hatte Nex ihm auch noch das Leben gerettet.
Handix schüttelte den Kopf und beschloss, dass er besser wieder ins Bett gehen sollte, wobei er im zweiten Stock einen möglichst weiten Bogen um Nex´ Zimmertür machte. Er wollte gar nicht wissen, was das für Träume waren, von denen sein Neffe heimgesucht wurde, aber er bewunderte die Entschlossenheit des Jungen. Allein die Tatsache, dass die Kinder den Schaden, der heute Nachmittag entstanden war, wiedergutmachen wollten, beeindruckte ihn. Er selbst hätte nicht die Kraft dazu, aber er wusste, dass er dieses Mal nicht kneifen durfte. Er würde ihnen helfen.
Handix wollte es sich nicht eingestehen, aber er tat es nicht aufgrund des Versprechens, das er Mandi gegeben hatte. Er tat es, weil er die Kinder irgendwie doch gernhatte. Sieben Jahre waren nicht genug gewesen, um die Liebe vollständig aus seinem Herzen zu verbannen.
Recherche
Der Morgen begann grau und windig. Obwohl Nex wieder so schlecht geschlafen hatte wie die anderen Tage auch, musste er feststellen, dass er dieses Mal keine Kopfschmerzen hatte. Dafür taten ihm andere Körperteile weh. Er hatte die Prügelei deutlich unterschätzt, aber woher sollte er denn wissen, wie stark Glatzkopf zuschlagen konnte? Er schleppte sich in den dritten Stock, wo die einzigen Duschen waren, und ließ kaltes Wasser über sich laufen. Aus irgendeinem Grund musste er an seine Eltern denken. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihm breit, als er daran dachte, dass die beiden Menschen, die ihm so viel Liebe entgegengebracht hatten, einfach gestorben waren.
Mit dreizehn Jahren war er Vollwaise. Liah war erst zehn. Er dachte an diese Frau aus dem Jugendamt, eine gewisse Tanja Simons, die ihnen erklärt hatte, dass sie eine Villa von Tante Mandi geerbt hatten und dort sechs Wochen lang mit Onkel Handix wohnen würden. Mit seinem Onkel!
Nex war alles andere als begeistert gewesen, immerhin hatte dieser Typ sie sieben Jahre lang ignoriert und war noch nicht einmal zur Beerdigung seines eigenen Bruders gekommen. Was für ein Familienzusammenhalt. Und dann hatten Liah und Nex feststellen müssen, dass in dieser Villa merkwürdige Dinge passierten, etwas, das so unlogisch war, dass der Junge unbedingt hatte herausfinden müssen, was los war. Aber er hätte nie gedacht, dass es sich bei all dem um eine weitere Welt handelte, Para, die seine Schwester und er, im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen, betreten konnten, weil sie Wechsler waren. Und dann war da noch Glina, die sie in Para getroffen hatten, und die ganzen Gesetzmäßigkeiten, die die beiden Welten betrafen und… Nex schüttelte den Kopf. Es war einfach unglaublich viel, was er verstehen musste, und er konnte das jetzt unmöglich alles in Gedanken durchgehen.
Außerdem musste er heute wieder in die Schule gehen, weil das Jugendamt beschlossen hatte, Liah und ihn für die paar Wochen, die sie hier sein würden, zum Unterricht zu schicken. Seiner Meinung nach war das überflüssig. Dachten die wirklich, dass das zwischen ihnen und Onkel Handix funktionieren würde? Okay, gut, Handix hatte sich in den letzten Tagen als gar nicht so schlecht erwiesen, aber ob sie wirklich jahrelang zusammenwohnen konnten? Nex bezweifelte es.
Er stieg aus der Dusche und zog sich an, dabei warf er sich im Spiegel einen Blick zu. Er hatte die goldbraunen Haare und waldgrünen Augen seines Vaters geerbt. Seine Nase war immer noch blutverschmiert, dabei hatte er sie gestern abgewaschen. Dazu der Bluterguss auf der linken Seite seines Gesichts. Die anderen Ergüsse und Prellungen, die er hatte, zählte er besser nicht mit. Er spritzte sich nochmal Wasser ins Gesicht und atmete tief durch. Sein zweiter Schultag hier und er sah wirklich furchtbar aus. Egal. Er ging nach unten in die Küche, die, wie die meisten Zimmer in der Villa, wirklich altmodisch aussah und dazu noch ziemlich trostlos wirkte. Überrascht musste Nex feststellen, dass sein Onkel Brötchen gekauft hatte. Wahrscheinlich war das seine Art, sich zu entschuldigen oder zu bedanken, je nachdem. Nex konnte immer noch nicht fassen, dass er sich beinahe hätte erschießen lassen, um seinem Onkel aus der Klemme zu helfen. Andererseits hatten sie jetzt einen Waffenstillstand vereinbart, also war das schon okay.
Als Nex sich setzte, protestierte sein ganzer Körper, aber er biss die Zähne zusammen und sagte nichts. Liah sah ihn von der Seite aus an. Sie hatte die gleiche Haarfarbe wie er, aber gelbbraune Augen und war erschreckend dünn, obwohl sie durchaus gut essen konnte. Handix saß den Kindern gegenüber, seine staubgrauen Augen strahlten dauerhaft schlechte Laune aus. Sein Haar war braunschwarz und er musste sich dringend wieder rasieren. Sie aßen schweigend, wie eigentlich immer. Normalerweise war Liah nicht besonders still, aber für die Mahlzeiten machte sie mittlerweile eine Ausnahme, was wohl daran lag, dass sie beim ersten Mal so viele Fragen gestellt hatte, dass Onkel Handix kurz vorm Kollabieren gewesen war. Außerdem schien sie zu merken, dass niemand reden wollte.
Nach dem Essen standen die Kinder auf und wollten schon nach oben gehen, um ihre Sachen zu holen, als Handix sie unterbrach.
„Wartet“, sagte er mit seiner mürrischen Stimme und die beiden drehten sich um. Nex hob eine Braue. Sein Onkel musterte ihn schnell.
„Vielleicht wär´s besser, wenn du heute hierbleibst“, bemerkte er, aber der Junge schüttelte den Kopf.
„Ich lasse Liah doch nicht allein“, widersprach er und wusste genau, warum er das sagte.
Gestern hatten ihnen diese Männer vor der Schule aufgelauert. Sie hatten nach Para wechseln und von dort aus nach Hause gehen müssen. Nach Hause. Wieso dachte er so? In ein paar Wochen waren sie doch ohnehin wieder weg! Handix stieß die Luft aus, sein Gesicht war unmöglich zu deuten.
„Gut. Musst du wissen“, antwortete er schließlich und wandte sich dem Geschirr zu.
Apropos Geschirr. Was wohl Moona von ihnen dachte? Schließlich hatte sie gestern den ganzen Lärm gehört und das ein oder andere zerstörte Möbelstück gesehen. Und einen demolierten Nex. Seit ihren verzweifelten und möglicherweise unglaubwürdigen Erklärungen hatte Nex die Putzfrau nicht mehr gesehen.
Die Kinder holten ihre Rucksäcke (Nex hatte den seinen vor ein paar Jahren von seinem Vater bekommen) und Handix fuhr sie wieder zur Schule, die sich zwei Städte weiter befand und eine Autofahrt von zwanzig Minuten bedeutete.
Der Junge wusste immer noch nicht, wo sein Onkel das Auto bei der Villa abgestellt hatte, denn in all den Tagen, die er hier verbracht hatte, hatte er es nie zu Gesicht bekommen.
Dieses Mal waren die Männer nirgends zu sehen. Nex wusste nicht genau, wer sie waren, aber sie wussten von Para und jetzt hatten zumindest zwei von ihnen einen Weg gefunden, dorthin zu gelangen, obwohl sie keine Wechsler waren. So ein Chaos wegen einer goldenen Taschenuhr.
In der Klasse, sie war nicht besonders groß, starrten ihn alle an, weil er einen ordentlichen Bluterguss im Gesicht hatte, aber Nex ignorierte sie und setzte sich neben Sebastian, dem einzigen hier, der sich ihm namentlich vorgestellt hatte. Er erinnerte Nex ein wenig an seinen besten Freund Paul, weil er auch so direkt und gut gelaunt war. Paul. Was er wohl gerade tat? Ob er ihn vermisste? Ob er sich bereits damit abgefunden hatte, dass sie sich vielleicht nie wiedersehen würden? Denn selbst wenn Liah und er nicht bei Onkel Handix bleiben würden, hieß das nicht, dass sie wieder in ihre Heimatstadt zurückkehrten. Bei wem sollten sie auch wohnen? Bei Beatrice? Sie war die beste Freundin ihrer Mutter, aber furchtbar unorganisiert und kam auch nicht so gut mit Kindern zurecht.
Nex riss sich wieder zusammen und versuchte sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Trotzdem wanderten seine Gedanken immer wieder zu Glina, seiner Freundin, die in Para lebte und sich jetzt mit Gelbauge und Glatzkopf herumschlagen musste. Und ja, Glina war ein Glühwürmchen und mit einem Insekt befreundet zu sein war verrückt, aber so war Para nun mal.
Irgendwie überlebte Nex bis zur ersten großen Pause. Vor dem Sekretariat traf er sich mit Liah, so wie gestern auch, und zusammen überlegten sie, was sie tun wollten. In diesem Moment kam Sebastian vorbei. Er hatte straßenköterblonde Haare und blaue Augen. Die Nase sah aus, als ob er sie sich schon einmal gebrochen hätte, und Nex wurde klar, dass er während des Kampfes gestern ziemliches Glück gehabt haben musste.
„Hey“, sagte Sebastian und grinste Nex an.
„Hi. Ist was?“
Sein Klassenkamerad sah zu Liah.
„Ist das deine Schwester?“, fragte er und überging Nex´ Frage. Er beschloss, ihm deshalb nicht böse zu sein, und nickte.
„Ja. Das ist Liah. Liah, das ist Sebastian, mein Sitznachbar.“
„Nennt mich einfach Basti, ich mag lange Namen nicht.“
Liah nickte und lächelte. Ihr Bruder ergriff wieder das Wort.
„Was machst du eigentlich hier?“, wollte er wissen und verschränkte unbewusst die Arme vor der Brust. Basti zuckte mit den Schultern.
„Ich dachte, wir könnten zusammen abhängen“, sagte er und sah dabei in alle möglichen Richtungen, „weil du ja noch niemanden richtig kennst und nicht als Opfer enden sollst.“ Bei den Worten musste Nex grinsen.
„Was denn, so denkst du von mir?“, erwiderte er mit gespieltem Entrüsten und Basti sah ebenfalls grinsend auf.
„Ich weiß ja, dass du deine Schwester hast, aber männliche Unterstützung kann nicht schaden.“
Okay, er hatte sich offensichtlich schon zum x-ten Mal seit seinem Umzug in die Villa geirrt. Basti war gar nicht so schlecht und er würde sich unmöglich an seine Ichbin-eh-nur-noch-ein-paar-Wochen-da-also-können-mirandere-egal-sein- Regel halten können.
„Okay“, antwortete er deshalb, „aber nur, wenn ich mein liebes Schwesterchen mitnehmen darf.“
„Klar.“
Dank Basti war der Tag doch aushaltbar und zwischendurch gelang es Nex tatsächlich, nicht an Para und die damit verbundenen Probleme denken zu müssen. Zumindest solange, bis es nach der letzten Stunde klingelte und er einen Blick nach draußen warf, ehe Liah und er zum Parkplatz gingen.
Dieses Mal war Onkel Handix schon da und wartete auf sie. Nex hatte ihn noch gar nicht gefragt, warum er gestern nicht da gewesen war und wie Gelbauge und Glatzkopf in die Villa eindringen konnten. Er begriff es immer noch nicht.
Handix sah die Kinder wie immer mürrisch an und nickte Richtung hintere Autotür.
„Dann mal rein mit euch“, brummte er, aber er sah seinen Neffen nicht direkt an. Okay, vielleicht schämte er sich tatsächlich, dabei hätte Nex schwören können, dass Scham nicht im Wortschatz seines Onkels existierte. Liah stieg zuerst ein und ihr Bruder wollte ihr gerade folgen, als er einen Ruf hörte. Er drehte sich um.
„Nex, warte!“, rief Basti, der gerade angerannt kam und vor ihm stehenblieb. Nex sah ihn schweigend an.
„Ich… ich wollte nur schnell Tschau sagen. Wir sehen uns dann morgen!“ Ein Grinsen.
„Ja, bis morgen.“
Die Millers fuhren zur Villa zurück, aber irgendetwas fühlte sich merkwürdig an. Beinahe so, als ob irgendwo etwas kaputtgehen würde…
Nach dem Mittagessen (wieder Fertigsuppe; konnte Onkel Handix denn wirklich nicht kochen?) gingen die Geschwister wieder auf den Dachboden, der mittlerweile einer ihrer Lieblingsorte war. Wieder schlugen sie das Notizbuch auf, das sie in einer Kiste auf dem einzigen Tisch hier oben gefunden hatten. Er stand zusammen mit einer alten Couch, einem Sessel und einer Stehlampe herum und die beiden hatten hier schon ein wenig Zeit verbracht, um in diesem Büchlein zu stöbern.
Normalerweise hatten sie es von vorne bis hinten durchlesen wollen, aber heute suchten sie nach Hinweisen. Vielleicht stand dort etwas über die goldene Taschenuhr und über diese Männer, die ihnen aufgelauert hatten. Aber auf dem ersten Blick ließ sich nichts erkennen, was Nex ziemlich ärgerte. Er musste so viel wie möglich in kürzester Zeit herausfinden, damit sie den Männern voraus waren.
Obwohl, wahrscheinlich waren sie das schon, immerhin hatten sie Para viel früher entdeckt. Aber warum waren sie noch nicht zurückgekommen? Und was wollten sie eigentlich erreichen, wenn sie in Para waren? Da gab es kaum einen Menschen, abgesehen von anderen Wechslern und Einheimischen, die sie unterdrücken konnten, oder so. Und wirklich viele Tiere hatte Nex dort auch nicht gesehen…
Was auch immer diese Typen vorhatten, sie würden es verhindern müssen, immerhin hing jetzt eine ganze Welt von ihnen ab. Wow, eigentlich hatte der Junge gedacht, dass es schon viel Verantwortung wäre, sich um eine kleine Schwester zu kümmern, aber das…!
Liah stöhnte auf.
„So wird das doch nie was!“, nörgelte sie und warf ihrem Bruder einen vielsagenden Blick zu.
„Vielleicht sollten wir es wieder einteilen, du weißt schon. Einer nimmt sich das Buch vor und der andere guckt sich im restlichen Haus um.“
Nex zuckte mit den Schultern.
„Okay, meinetwegen.“
Er wusste auch nicht, warum er zustimmte. Vielleicht, weil er gerade selbst keine Ahnung hatte, wie sie das anpacken sollten.
Plötzlich, er konnte nicht sagen, warum, musste er an die Bibliothek denken, die sich im dritten Stock befand. Was war, wenn Tante Mandi dort einen weiteren Hinweis versteckt hatte? Es gab nur einen Weg, das herauszufinden.
„Wir treffen uns dann im Zimmer wieder“, entschied Nex und ging, ehe er erklären konnte, welches Zimmer er meinte, aber im Grunde genommen war das klar, denn bisher waren sie immer nur in seinem gewesen.
Ein Glück, dass Liah noch nicht die Skizze über seine Träume gesehen hatte. Die würde er nur ungern erklären wollen, vor allem, weil er sie selbst nicht richtig verstand. Kurz gesagt ging es bloß darum, dass er vor einem Haufen Männer weglief und am Ende immer starb, egal, welchen Weg er einschlug oder was er anders machte. Er konnte aus seinen Fehlern lernen, aber am Ende machte er wieder neue. Und dann war da noch die Tatsache, dass Gelbauge, der Mann, der gestern Onkel Handix angegriffen hatte, am häufigsten vorkam. Wie war es möglich, dass er von jemandem träumte, den er erst Tage danach kennenlernte? Das ergab keinen Sinn, aber das hatte Nex in der letzten Zeit oft feststellen müssen. Wenn er nicht herausgefunden hätte, dass eine Parallelwelt existierte, dann wüsste er immer noch nicht, wo ihm der Kopf stand.
Nex erreichte die geschlossene Tür, die zur Bibliothek führte, und öffnete sie. Am Tag nach ihrer Ankunft hier hatten sich die Kinder alle Räume kurz angesehen, deswegen wurde er nicht gleich von der Größe der Bibliothek erschlagen, die wirklich gewaltig war. Wahrscheinlich gab es hier deshalb weniger Räume als in den anderen Stockwerken. Hier waren es fünf, unter ihnen gleich sechs, allesamt Schlafzimmer.
In der Bibliothek roch es nach alten Büchern, ein Geruch, den Nex sehr gern hatte. Er atmete tief ein und beruhigte seine Gedanken, dann trat er ein. Eigentlich hatte er keine besonders große Lust, nach irgendetwas zu suchen, vor allem, weil ihm nach wie vor alles wehtat, aber Langeweile war keine gute Idee. Wenn sie schon in einer Villa wohnten, dann sollten sie das auch ausnutzen. Sie hatten sogar eine Putzfrau.
Mindestens fünfzehn Minuten lang stöberte Nex in den Regalen nach irgendetwas, das ihm vielleicht ein paar seiner Fragen beantworten würde, aber da war nichts, nur Bücher und noch mehr Bücher. Einige sahen wissenschaftlich aus, andere waren wohl fiktiv und könnten sicher vorm Schlafengehen gelesen werden. Vielleicht sollte er sich bei Gelegenheit eines aussuchen.
Langsam kämpften sich Sonnenstrahlen durch die dicke Wolkendecke und fielen einzeln durch die riesigen, aber verstaubten Fenster. Zwischen den Regalen, die fast bis zur Decke reichten, hatte jemand ein paar Tische im Raum verteilt hingestellt, bei jedem von ihnen drei Stühle.
Nex seufzte. Wie um alles in der Welt sollte er hier etwas finden?
In diesem Moment sah er eine Bewegung hinter einem der Regale (wie viele gab es hier?) und spähte daran vorbei. Moona. Mit einem Staubwedel bewaffnet fegte sie alles ab, was ihr in die Quere kam, und als sie ihn bemerkte, sah sie mit einem strahlenden Lächeln auf. Sie war überraschend hübsch und sah jünger aus, als sie tatsächlich war. Moona hatte gelockte schwarze Haare, blaue Augen, perfekte Zähne und sah alles in allem ein wenig wie Schneewittchen aus.
„Hallo Nex“, begrüßte sie ihn und schwenkte den Staubwedel herum.
„Na, was machst du hier?“
Tja, eigentlich war er auf der Suche nach einem Hinweis seiner Tante, weil er mehr über Para, diese seltsame Taschenuhr und die Männer herausfinden wollte, aber das konnte er Moona unmöglich erklären, also zuckte er bloß mit den Schultern.
„Ich stöbere nur ein bisschen“, antwortete er und bemerkte, dass ihn die Putzfrau musterte. Sie sah nachdenklich aus, wie sie so die Stirn in Falten legte und den Mund ein wenig verzog.
„Sag mal, liest du gerne?“, fragte sie ihn und er nickte.
„Ja.“
Ihr Blick blieb an seinem Bluterguss hängen. Verdammt. Wieso mussten auch alle immer wieder dort hinstarren?
„Ich, ähm, sehe mich mal weiter um“, sagte Nex und wollte sich schon umdrehen, als sie ihn wieder ansprach.
„Warte!“
Er drehte sich mit hochgezogener Braue um.
„Ja?“
Sie sah kurz zu Boden, dann hob sie den Blick wieder.
„Ich habe mich nur gefragt, ob du mir vielleicht…“
Nex hörte ihr nicht weiter zu, denn in diesem Augenblick bemerkte er das Kribbeln in seinen Fingerspitzen. Gleich darauf war Moona verschwunden, genauso wie das trübe Licht. Das hieß, Licht war noch da, aber es sah anders aus, wie bei einem Sonnenaufgang. Und der Geruch alter Bücher hatte sich verstärkt. Nex schloss die Augen. Er war wieder in Para.
Plötzlich schlug er die Augen wieder auf. Wenn er in Para war, dann bedeutete das, dass er einen Hinweis finden konnte, denn die hatte Tante Mandi meist hier versteckt. Irgendwie wusste Nex, dass es so war. Also fing er wieder an, die Regale zu durchsuchen, aber er fand nichts.
„Hey, was machst du denn hier?“, fragte eine Stimme und der Junge zuckte zusammen, dann drehte er sich um. Vor ihm schwebte ein Licht. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
„Glina.“
Ein Insektengesicht grinste ihn an.
„Nex! Fantastisch, dass du wieder mal vorbeischaust. Ich habe dich vermisst. Aber sag mal“, sie starrte ihn entsetzt an, „was ist denn mit dir passiert? Du siehst furchtbar aus!“
Nex seufzte.
„Das ist eine lange Geschichte.“ Er rieb sich kurz die Augen.
„Und ich glaube, dass ich echt Mist gebaut habe.“
„Das kannst du laut sagen“, erwiderte Glina und er sah auf. Sie musterte ihn besorgt.
„Zwei von diesen komischen Typen, die Mandi erwähnt hat, sind hier aufgetaucht. Mit diesem Dingsbums, dass ich euch beschrieben habe.“ Sie hielt kurz inne, dann fuhr sie leise fort: „Habt ihr es ihnen gegeben?“
Nex schluckte. Im Grunde genommen nicht, aber er hatte es auch nicht verhindert, dabei wäre das seine Aufgabe gewesen, davon war er überzeugt.
„Ich… Nein, haben wir nicht, aber…“ Er brach ab. Wie sollte er Glina erklären, was gestern passiert war? Er begriff es ja selbst nicht! Er konnte ihr nicht sagen, wie Gelbauge und Glatzkopf in die Villa eingedrungen waren; was er sich dabei gedacht hatte, Onkel Handix zu retten; wie er mit ihnen gekämpft und sich später sogar mit Glatzkopf geprügelt hatte; aber vor allem wusste er nicht, wie Gelbauge es geschafft hatte, Handix zum Reden zu bringen, denn der war für gewöhnlich so stur wie ein Esel.
Glina beobachtete ihn.
„Okay, setz dich lieber, dann kannst du mir alles erzählen“, schlug sie vor und Nex widersprach nicht.
Sein Körper fing wieder an zu schmerzen und Schuldgefühle überkamen ihn. Er hatte es vermasselt. Tante Mandi hatte ihn in einem ihrer Briefe vor diesen Männern gewarnt, und er? Er hatte sie unglaublich provoziert.
Glina schwirrte davon und er folgte ihr, bis sie zu seiner Überraschung bei einer kleinen blauen Couch landeten. Verdutzt blieb er stehen, aber dann fiel ihm ein, dass die Dinge in Para nicht genauso sein mussten wie in der normalen Welt (hatte die eigentlich auch einen Namen?). Nex ließ sich auf die Couch fallen und bereute es sofort: Der Schmerz schoss ihm durch den Körper. Er stöhnte leise. Das Glühwürmchen setzte sich auf sein Knie und sah ihn wieder besorgt an.
„So schlimm?“, fragte sie leise und der Junge wusste, dass es sinnlos war, zu lügen, also nickte er. Glina machte es sich auf seinem Knie bequem und versuchte es mit einem Lächeln, die dunklen Augen glitzerten.
„Bei Schmerzen ist Ablenkung immer gut. Und Reden lenkt ab. Also, schieß los, was ist denn passiert, seit ihr das letzte Mal hier gewesen seid?“
Nex seufzte.
„Tja, also… Liah und ich haben die Villa über die Hintertür betreten. Da habe ich Stimmen gehört und bin losgerannt, um nachzusehen…“
Er erzählte eine ganze Weile und seine kleine Freundin hörte ihm mit großen Augen zu. Er schloss seinen Bericht damit, wie Moona nach draußen gekommen war und sie alle erwischt hatte, aber von Para wusste sie nichts. Anschließend gab er noch kurz die ganzen Ausreden wieder, die Onkel Handix und er sich ausgedacht hatten, um die ganze Sache zu erklären.
„Und jetzt wollen wir die beiden finden und euch helfen“, erklärte der Junge.
Das Glühwürmchen schwieg nachdenklich und blinkte dabei mit dem Hintern.
„Okay, also… Bis jetzt haben die beiden (wie hast du sie noch gleich genannt?), nichts angestellt, aber ohne ihre ganzen Freunde schaffen die offenbar nichts.“
Glina flatterte wieder los und zog Kreise um Nex herum.
„Hm… Ihr müsst wissen, wie diese Taschenuhr“, sie sprach das Wort ganz vorsichtig aus, „überhaupt funktioniert. Und ihr müsst die Gesetzmäßigkeiten Paras kennen… Und eure Gaben natürlich… Und ihr müsst wissen, was diese Männer von Para wollen…“ Sie kratzte sich mit einem ihrer sechs Beine hinten am Kopf.
„Wow, das ist ganz schön viel!“
Nex´ Mundwinkel zuckten kurz.
„Oh ja, du sagst es.“
Er lehnte sich zurück.
„Aber ich habe keine Ahnung, wie wir das alles hinbekommen sollen. Ich meine, ich habe Liah davon überzeugt, dass wir das wieder in Ordnung bringen können, aber ich weiß nicht, wie ich das machen soll!“
Beide seufzten.
„Tja… Und was machen wir jetzt?“
Nex schüttelte den Kopf.
„Also eigentlich habe ich gehofft, dass ich hier irgendwo einen Hinweis von Tante Mandi finde, aber wie soll ich das schaffen?“
Glina grinste.
„So schwer ist das gar nicht“, sagte sie keck, dann war sie auch schon fortgeflogen. Nex sah ihr verwirrt hinterher, und als sie wieder zurück war, klappte ihm beinahe der Mund auf. Das Glühwürmchen hatte einen Umschlag zwischen seine Beinchen geklemmt und flog große Schlenker. Nex sprang auf (was natürlich furchtbar schmerzte) und eilte zu seiner kleinen Freundin.
„Warte, ich nehme dir das lieber mal ab.“
„Ja, danke“, japste sie und ließ sich auf seiner Schulter nieder.
Der Junge schmunzelte, dann setzte er sich wieder auf die kleine blaue Couch und betrachtete den Umschlag.
Er sah alt und vergilbt aus, aber er konnte Tante Mandis Handschrift darauf erkennen. An 40 und 41 stand dort geschrieben.
Was sollte das schon wieder heißen? Außerdem war Mandi jetzt schon seit Jahren tot, warum also bekamen Liah und er erst jetzt ihre Briefe? Und wieso wollte sie, dass sie die Villa erst erbten, wenn sie nicht mehr von ihren Eltern abhängig waren? Er wurde daraus einfach nicht schlau, aber seit dem Unfall war fast alles verwirrend.
Glina beobachtete ihn mit schräg gelegtem Kopf.
„Sag mal, willst du es jetzt aufmachen, oder was?“, fragte sie und tippelte auf Nex´ Schulter herum. Er zwang sich zu einem Lächeln.
„Ja, klar“, antwortete er, dann faltete er den Umschlag auseinander.
Tante Mandis Handschrift nahm das gesamte vergilbte Papier ein. Hatte sie mit echter Tinte geschrieben? An einigen Stellen war die Schrift verwischt und schwer zu lesen oder gar von Klecksen bedeckt. Großartig. Nex seufzte, dann las er laut vor, weil er nicht sagen konnte, ob die Glühwürmchen in Para lesen konnten.
An die Nummern 40 und 41,ihr werdet es nicht sofort verstehen, aber ihr müsst mir vertren. Ich kann jetzt keine Namen nennen, also wundertnicht, wenn ich stattdessen Zahlen angeben werde. Bitte tut, was ich euch sage: Erzähltandem von dieser Welt. Es ist wirklich wichtig, dass es geheim bleibt! Vertrauteurer Familie, denn die wirdmer zu euch stehen, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann. Und ihr müsst zur Mauer gehen. Nur, wenn ihr sie eial gesehen habt, könnt ihr dazugezählt werden. Tut ihr das bitte für mich? Ach, und euren kleinen Begn könnt ihr auch vertrauen, die hat jeder von uns. Ich hoffe, ihr tut euer Nötigstes, um diese Welt hier zuzen, auch, wenn sie keinen Namen hat… Schade, ich werde ihn wohl nieahren. Meine Rolle in dieser Geschichte ist nun vorbei, aberre hat gerade erst angefangen. Und ich bin sicdanoch Großes leisten werdet. Bis dahin: Seid geduldig, neugierig und mutig. Findet eure Gaben und damit eurenatz imLeben. Und damit meine ich in dieser wie in der anderen Welt. Ich wünschte, ich könnte es euch perssagen. Das Schicksal dieserischen Welt liegt nun in euren Händen. Viel Glück!
Nummer 39.
P.S.: Es gibt zwei Gegenst, von denen niemand etwas erfahrendarf. Aber falls eines abhandenkommen sollte, gibt es noch eines…
Glina summte aufgeregt.
„Wow, das war ganz schön viel! Sag mal, ist der auch von Mandi?“
Nex nickte.
„Ja, das ist ihre Schrift. Aber was soll das mit diesen Zahlen? Wieso kann sie nicht mehr unsere Namen benutzen?“
Glina verdrehte die Augen.
„Na, wegen der Mauer. Hast du denn gar nicht aufgepasst?“
Mauer? Aber was denn für eine? Die einzige, die ihm einfiel, war die in der Ruine im Wald, wo diese ganzen Namen und Zahlen standen… Plötzlich wurden seine Augen groß und seine kleine Freundin grinste.
„Na bitte, du weißt es doch!“, rief sie aus, „deswegen habe ich dich doch dorthin gebracht! Weißt du das denn nicht mehr?“
„Doch, doch klar, aber ich habe immer noch keine Ahnung, was diese Zahlen bedeuten. Einmal hatte ich das Gefühl, ganz nah an der Antwort zu sein, aber dann war es wieder weg…“
„Ach ja?“ Glina schwirrte wieder los und machte es sich auf Nex´ Knie bequem. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie diese Stelle mochte. Er zuckte mit den Schultern.
„Ja, aber das bringt jetzt auch nichts.“
Plötzlich sah das Glühwürmchen nachdenklich aus.
„Hm… Wann war das denn?“
Erneutes Schulterzucken.
„Puh, keine Ahnung. Vor ein paar Tagen? Da habe ich von der Mauer geträumt und wie jemand Liahs und meinen Namen zusammen mit ein paar Zahlen eingeritzt hat.“ Seine Augenbrauen zogen sich zusammen.
„Da waren eine 40 und eine 41 dabei…“ murmelte er und tauschte einen Blick mit Glina aus. Diese summte und blinkte aufgeregt mit ihrem Hintern.
„Du hast davon geträumt? Im Ernst?“
„Ähm, ja? Und?“
Glinas Aufregung war schlagartig verschwunden. Nex sah sie verwirrt an.
„Was ist denn?“
Sie schüttelte nur den Kopf.
„Ach nichts.“
Plötzlich breitete sie wieder ihre Flügel auseinander und erhob sich in die Lüfte.
„Komm, du wolltest doch noch ein bisschen mehr über diese ganzen Sachen hier herausfinden, oder? Dann lass uns mal anfangen. Ich kenne ein paar Ecken in diesem Bücherraum, die wirklich interessant sind. Los jetzt!“
Und dann war sie auch schon weg. Nex blieb noch eine Weile mit tausend Fragezeichen im Kopf sitzen, dann stand er auf und folgte Glina. Hoffentlich würden seine Schmerzen bald nachlassen. Vielleicht gab es irgendwelche Tabletten, die er nehmen konnte? Er hielt es für unwahrscheinlich, aber er durfte wohl noch ein bisschen hoffen, oder?
Glina und Nex suchten etwa zwei Stunden lang, aber erst, als Nex schon aufgeben wollte (und er hasste es, einfach aufzugeben), wurde er doch noch auf etwas aufmerksam.
Es war ein Buch, hinten links im letzten Regal, das an der Wand stand. Eigentlich waren alle Regale in eine Richtung ausgerichtet, aber dieses hier stand quer. Die Bücher darin sahen um einiges älter aus. Nex blieb stehen und ließ den Blick über die Buchrücken gleiten. Er erinnerte sich daran, wie Onkel Handix mal ein dickes und altes Buch mitgebracht hatte, um ihm daraus vorzulesen, und dass es eine verwirrende, aber spannende Geschichte gewesen war. Der Junge schüttelte den Kopf und verdrängte die Gedanken an seinen Onkel. Sie hatten zwar einen Waffenstillstand vereinbart, aber das hieß nicht, dass er ihm verziehen hatte. Handix war bloß das kleinere von zwei Übeln.
Entschlossen streckte Nex die Hand aus und griff sich ein besonders dickes Exemplar mit dunkelblauem Einband. Mit zwei Händen zog er es heraus. Es war unfassbar schwer, aber Nex trug es bis zum nächsten Tisch, wo er es mit einem lauten Knall fallen ließ. Unmengen an Staub wurden aufgewirbelt. Er hustete und fächerte den Staub mit der Hand weg, dann sah er sich das Buch genauer an. Zu seiner Überraschung hatte es keinen Titel. Er schlug es auf und sah mit gerunzelter Stirn hinein. In diesem Moment kam Glina angeflogen und ließ sich auf seiner Schulter nieder. Mit schräg gelegtem Kopf begutachtete sie das Buch.
„Wow, da hast du dir aber einen Schinken ausgesucht, was? Aber gut, wenn du möglichst viel von Para auf einmal verstehen willst, dann ist das echt gut“, bemerkte sie und hob wieder die vorderen zwei Beinchen an. Nex sah überrascht auf.
„Ach ja? Und wieso?“
Glina schwirrte über dem Tisch hin und her und landete, um über die Seiten krabbeln zu können.
„Na, weil die liebe Mandi praktisch alles aufgeschrieben hat! Schon, als sie noch ein kleines Ding war wie du. Jeder hat sofort gesehen, dass sie eine waschechte Wechslerin war. Und sie hatte mit all ihren Beobachtungen recht. Weißt du was? Du könntest gleich das Kapitel über die Mauer aufschlagen, damit sollten wir anfangen. Und wenn du dann noch nicht kaputt bist, kannst du das Kapitel über diese goldenen Dinger lesen.“ Sie holte zum ersten Mal Luft.
„Kann ja nicht schaden“, fügte sie hinzu und zwinkerte Nex zu. Dieser lächelte.
„Ich fürchte, du hast recht. Aber hey, endlich hat sich Tante Mandi die Mühe gemacht, alles klar und deutlich aufzuschreiben.“ Er warf dem Buch einen zweifelnden Blick zu.
„Auch, wenn es ganz schön viel ist.“ Und dann las er.
Noch ein Tag
Irgendwann spürte Nex, dass das Buch unter ihmverschwunden war. Verwirrt sah er auf. Er saß aufeinem Stuhl, an einem Tisch, in der Bibliothek. Das Licht, das von draußen hereinschien, wirkte plötzlich trüb. Er hatte Para verlassen. Aber wann? War er etwa beim Lesen eingeschlafen? Nicht zu fassen! So etwas war ihm noch nie passiert. Er setzte sich gerade hin und verzog vor Schmerz das Gesicht. Rückenschmerzen. Auch das noch. Reichte es denn nicht, dass er mit den Überresten der Rauferei von gestern zu kämpfen hatte?
„Nex? Hey, wo bist du denn?“, hörte er Moona rufen. Mit einem Schlag war er hellwach. Wie lange hatte er hier gefehlt? Oder war er einfach verschwunden und Moona hatte sein Fehlen jetzt erst bemerkt? Ja, wahrscheinlich war es ihr bis eben nicht aufgefallen, denn er war die ganze Zeit über in der Bibliothek gewesen. Vielleicht sollte er eine Liste mit dem ganzen Para-Kram anfertigen, das alles war immer noch ziemlich verwirrend, obwohl er sich einige Dinge gut merken konnte, aber das Buch war wirklich dick und umfangreich.
„Ähm, Nex?“ Er seufzte, dann stand er unter Schmerzen auf.
„Ich bin hier“, antwortete er und schon rauschte Moona um die Ecke. Sie sah tatsächlich wie eine professionelle Putzfrau aus, wie sie so den Staubwedel hielt. Und dann hatte sie doch allen Ernstes ein schwarz-weißes Kleid an. Putzfrau durch und durch. Sie starrte ihn perplex an. Stimmt, für sie war nicht eine Sekunde vergangen. Sie blinzelte überrascht, dann atmete sie sichtbar durch.
„Nex! Wow, wie bist du so schnell…“, begann sie, brach jedoch ab. Er musste sie ziemlich verwirren. Nex erinnerte sich daran, wie Liah und Onkel Handix plötzlich verschwunden waren und er eine ganze Weile allein in der Villa gewesen war. Was sollte er jetzt tun? Moona von Para zu erzählen kam überhaupt nicht infrage, aber was sollte er ihr denn sonst sagen? Es war wohl das Beste, wenn er sich dumm stellte.
„Was bin ich?“
Moona wirkte auf einmal unsicher.
„Nun, du warst eben bei mir und dann… warst du plötzlich weg und tauchst hier wieder auf…“ Sie bedachte ihn mit einem merkwürdigen Blick. Lass dir nichts anmerken. Tu einfach so, als sei nichts gewesen. Nex zuckte möglichst lässig mit den Schultern.
„Ja, wir haben uns eben kurz getroffen, aber ich bin doch gegangen“, er runzelte die Stirn, „wissen Sie das nicht mehr? Ich wollte mir ein neues Buch zum Lesen holen, aber bis jetzt habe ich nichts gefunden.“ Die Putzfrau starrte ihn an. Hoffentlich kauft sie mir das ab…
„Ich, ähm, doch, natürlich“, erwiderte sie und wirkte mit jedem Wort etwas verwirrter. Das war besser, als dumme Fragen gestellt zu bekommen, da war Nex sich sicher. Er zwang sich zu einem Lächeln.
„Tja, ich gehe dann mal wieder hoch. Liah wartet bestimmt schon.“ Moona hob fragend die Augenbrauen.
„Wolltest du dir nicht ein Buch holen?“ Verdammt. Jetzt musste er sich schon wieder etwas einfallen lassen.
„Ja, aber ich habe nichts gefunden. Ich kann mich auch später nochmal umsehen.“
