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"Und dann passierte es wieder. Der Junge spürte dieses seltsame Kribbeln in den Fingerspitzen und sein Herz begann zu rasen. Im nächsten Augenblick war Liah verschwunden." Es scheint, als würde alles schiefgehen. Als ob es nicht schon reichen würde, dass ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen sind, müssen die Geschwister Nex und Liah die nächsten Wochen bei ihrem feindseligen Onkel Handix verbringen. Doch es kommt anders, als erwartet: Sie ziehen in eine riesige Villa, die ihnen ihre vor Jahren verstorbene Tante vererbt hat, und finden ein altes Notizbuch, in dem jemand rätselhafte Dinge geschrieben hat. Schon sind die Kinder von seltsamen Ereignissen umgeben. Warum verschwindet einer von ihnen immer wieder spurlos? Warum verändert sich ihre Umgebung? Was sind das für Männer, die plötzlich auftauchen? Und was ist es, was ihnen ihre Tante wirklich hinterlassen hat?
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Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2019
Für Helene.
Ohne dich wäre Para nur ein Traum geblieben.
Zeraphina Cloud
Para
Möge es euch helfen, den Weg zu finden…
Band 1
© 2019 Zeraphina Cloud
Umschlag, Illustration: Ines Kaiser
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7497-2819-0
Hardcover
978-3-7497-2820-6
e-Book
978-3-7497-2821-3
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
Das Testament
Die Villa
Abendessen mit Onkel Handix
Schnappt ihn!
Für meine Tochter
In Liebe, M.B
Und gleich nochmal
Draußen
Anders
Kleine Lichter
Neue Bekanntschaften
Die Verbindung
Ein Plan
Gelbe Augen
Es liegt an euch
Glina
Para
Auf drei!
Die Taschenuhr
Das Testament
Die Frau des Jugendamtes saß vor ihnen und sah sie nachdenklich an. Sie hatte blaue Augen und gelockte schwarze Haare, die ihr bis zur Schulter reichten. Dazu lange dünne Finger, die sie auf dem Schreibtisch verschränkt hatte. Ihr gegenüber saßen zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen. Sie sahen sich sehr ähnlich, goldbraune Haare und schmale Nasen, aber der Junge hatte waldgrüne Augen, während die des Mädchens gelbbraun waren. Das Mädchen klammerte sich an der Hand seines Bruders fest, als ob es Angst hätte, er könne ihm weggenommen werden. Die Frau versuchte es mit einem Lächeln, um die angespannte Stimmung zu entschärfen, die man überall in der Luft spüren konnte. Der Junge sah ihr direkt in die Augen.
Sein Name war Nex, und er war 13 Jahre alt. Seine kleine Schwester war drei Jahre jünger und hieß Liah. Sie war so dünn, dass man befürchten konnte, sie zu zerbrechen, wenn man sie in den Arm nehmen sollte.
„Ich kann euch nur sagen, wie leid es mir tut“, sagte die Frau schließlich und ihr Lächeln sah dabei sehr bekümmert aus.
Liah starrte auf den Becher voller Stifte, der auf dem hölzernen Schreibtisch stand. Nex reagierte mit einem Brummen. Er hatte sich schon so oft anhören müssen, wie sehr es den Leuten leidtat. Aber Mitleid änderte nichts an der Situation. Ihre Eltern waren fort, für immer. Daran konnte niemand etwas ändern. Und diese Frau (ihr Name war doch Tanja Simons, oder?) hatte sich nicht mit ihnen getroffen, um ihnen zu helfen, weil sie sie mochte. Sie machte nur ihren Job.
Sie räusperte sich und das Lächeln schwand.
„Nun, ihr wisst sicher, warum wir hier sind.“
Natürlich wussten sie das, es war offensichtlich. Nex hatte keine Lust auf all dieses Gerede. Sie sollte zum Punkt kommen. Er bereitete sich innerlich auf den Moment vor, in dem sie ihnen eröffnen würde, dass man sie in verschiedenen Familien unterbringen wollte. Sobald sie das sagen würde, würde er widersprechen. Man durfte ihn nicht von Liah trennen, unter keinen Umständen. Tanja Simons fuhr fort und lehnte sich dabei etwas weiter vor.
„Ich sollte euch sagen, wie wir uns um das Problem mit dem Sorgerecht gekümmert haben.“ Jetzt kommt´s, dachte er.
„Wir wissen, dass ihr weder Eltern noch Großeltern habt, aber wir konnten euren Onkel benachrichtigen. Er wird sich ein paar Wochen um euch kümmern, damit wir sehen können, wie gut er mit euch zurechtkommt.“
Nex kam es vor, als hätte man ihm einen Schlag verpasst. Sie sollten bei Onkel Handix wohnen? Das war ja noch schlimmer als alles, was er sich vorgestellt hatte! Dieser Mistkerl hatte nach Tante Mandi´s Tod einfach den Kontakt abgebrochen. Es war, als ob er sich nicht mehr für seine Familie interessiert hätte. Nex war deshalb immer noch sehr wütend auf ihn, aber für den Moment war er einfach nur geschockt. Onkel Handix. Liah sah auch sehr verwundert aus.
„Wir haben noch einen Onkel?“, fragte sie ungläubig. Es war das erste, was sie seit Stunden gesagt hatte. Die Frau vom Jugendamt nickte und ihre dunklen Locken wippten dabei.
„Ja, den habt ihr. Und er wird erst einmal für sechs Wochen euer Vormund sein. Dann werden wir sehen, wie es weitergeht.“ Sechs Wochen. Nex konnte nur hoffen, dass sie schnell vorbei waren.
Er schluckte.
„Sonst noch was?“, wollte er wissen und drückte verstohlen die Hand seiner Schwester. Bitte nicht noch mehr schlechte Nachrichten. Es ist so schon schlimm genug.
„Nun, ich muss euch noch sagen, dass ihr etwas geerbt habt.“ Die Worte schlugen ein wie eine Bombe. Beide Kinder fuhren hoch.
„Geerbt?!“, kam es wie aus einem Mund und sie warfen sich einen überraschten Blick zu. Nex starrte die Frau an.
„Aber wie… Wir können nichts geerbt haben! Unsere Eltern hatten nichts, was sie uns weitergeben könnten. Ich verstehe das nicht“, platzte es aus ihm heraus und Liah nickte zustimmend. Simons hob die makellosen Augenbrauen.
„Ich habe hier ein Testament vorliegen, in dem es heißt, dass ihr eine Villa und alles, was in ihr drin ist, vererbt bekommt.“ Eine Villa? Das Ganze wurde immer merkwürdiger. Die Frau wühlte in ihren Unterlagen und holte schließlich zwei Blatt Papier hervor, die aussahen, als hätten sie bereits ein paar Jahre hinter sich. Die konnten nicht von ihren Eltern sein, unmöglich. Papa hatte einen Job bei der Bank gehabt, und Mama war Altenpflegerin gewesen. Die hatten doch nie im Leben das Geld für eine Villa gehabt!
Simons strich das Papier glatt und überflog die Zeilen.
„Das Testament stammt von einer gewissen Mandi Miller, geborene Brooke.“ Tante Mandi? Die Frau räusperte sich wieder (anscheinend eine Angewohnheit von ihr) und sah abwechselnd vom Blatt zu den Kindern.
„Laut dem Testament hat Mandi Miller unter anderem ihren Neffen und ihre Nichte als Erben eingesetzt. Nex und Liah Miller. Das seid doch ihr, oder?“
Die beiden nickten stumm. Ihre Tante hatte eine Villa gehabt? Warum hatten sie nie davon erfahren? Und warum sollte ihnen ihre Tante so etwas vererben?
„Wieso sagen Sie uns das erst jetzt?“, fragte Nex und wurde ganz zappelig. Er hatte sich geirrt; dieser Tag war doch ganz anders als erwartet. Simons sah noch einmal aufs Testament.
„Nun, hier steht, dass ihr erst dann euer Erbe erhalten dürft, wenn ihr beide nicht länger von euren Eltern abhängig seid. Wir haben angenommen, dass eure Tante die Volljährigkeit meinte, aber genau betrachtet seid ihr ja nicht mehr länger auf eure Eltern angewiesen, deshalb ist es nun an der Zeit, euch euer Erbe zuzusprechen.“
Nex hatte es die Sprache verschlagen. Er konnte den fragenden Blick seiner Schwester auf sich spüren und bemühte sich darum, so auszusehen, als hätte er alles im Griff.
„Und was genau bedeutet das jetzt für uns?“
Er konnte seinen Herzschlag praktisch schon hören. Tanja Simons sah die beiden eindringlich an.
„Ihr werdet zusammen mit eurem Onkel in diese Villa ziehen, zumindest so lange, bis wir die Angelegenheit mit dem Sorgerecht geklärt haben. Laut dem Testament ist der Besitz unter euch dreien aufgeteilt worden. Das heißt, dass jeder von euch je ein Drittel besitzt. Der Inhalt des Dachbodens gehört nur euch beiden und ihr habt das Recht, über die Stücke dort zu entscheiden.“
Sie machte eine Pause und holte ein weiteres Blatt Papier hervor. Dann nahm sie einen Kugelschreiber aus dem Becher und legte beides vor Nex hin.
„Normalerweise müsste ein Vormund für euch unterschreiben, aber in Anbetracht der Tatsache, dass ihr momentan keines habt und auf diesem Blatt ohnehin eure persönlichen Unterschriften verlangt werden, werde ich darüber hinwegsehen.“
Die Kinder sahen sich den Zettel an. Tatsächlich, ganz unten waren drei Linien zu sehen. Und unter diesen Linien waren die Namen Nex Miller, Liah Miller und Handix Miller gedruckt worden. Über der linken Linie hatte bereits jemand mit unordentlicher Handschrift unterschrieben.
Die beiden tauschten einen Blick aus, dann nahm Nex den Stift in die Hand und unterschrieb. Er hatte noch nie zuvor so etwas gemacht. Er reichte den Stift an seine Schwester weiter und sie machte es ihm nach. Mit einem Lächeln steckte Simons alles wieder weg.
„Okay, dann bleibt nur noch eines zu tun: Wir werden euch zu eurem neuen Zuhause fahren. Dort werdet ihr auf euren Onkel treffen. Wir werden in sechs Wochen vorbeikommen.“
Nex nickte und die Geschwister standen auf. Die Frau erhob sich ebenfalls und streckte ihnen die Hand entgegen. Der Junge ergriff sie.
„Nun denn, ich wünsche euch alles Gute.“
„Danke.“
Die Villa
Der Moment, in dem sie zum ersten Mal die riesige alte Villa ihrer Tante sahen, sollte sich in ihr Gedächtnis einbrennen.
Sie fuhren etwa drei Stunden lang mit einem Taxi, das vom Jugendamt bezahlt worden war. Der Fahrer war sehr nett, aber er sagte kaum etwas. Nex war das ganz recht, ihm war nicht nach reden zumute. Liah hielt ihn während der gesamten Fahrt an der Hand und starrte stumm aus dem Fenster. Irgendwann schaltete der Mann das Radio an und überbrückte somit die bedrückende Stille. Zu Nex´ Füßen lag ein abgenutzter Rucksack, den ihm sein Vater zum zehnten Geburtstag geschenkt hatte. Er hatte ihn schon lange nicht mehr getragen, aber jetzt kam es ihm so vor, als ob er es seinem Papa schuldig war. Außerdem gehörte es zu den wenigen Dingen, die sie behalten hatten.
Als sie also die Straße verließen und auf einem holprigen Weg den Rest der Strecke zurücklegten, tat das Unterbewusstsein beider Kinder sein Bestes, um sie in späteren Zeiten an alles erinnern zu können.
Das Taxi hielt vor einem riesigen Gebäude. Es war gelb, aber es wirkte ziemlich abgenutzt und der Efeu kletterte an den Säulen empor, die den Eingang zierten. Drei schmutzig weiße Stufen führten zur Eingangstür, die aussah, als ob sie jeden Augenblick in tausende von Splittern zerfallen könnte. Das Grundstück sah verwildert aus, überall spross Unkraut zwischen den Gräsern und Blumen hervor und die Blumen, die auf der Terrasse standen, waren schon seit Längerem nicht mehr gegossen worden. Nex seufzte, dann stieg er aus. Seine Schwester tat es ihm nach. Mithilfe des Taxifahrers luden sie ihre Koffer aus und stellten sie auf den Pfad, der direkt zum Haus führte.
„Also denn, auf Wiedersehen“, verabschiedete sich der Mann und fuhr davon.
Stille.
Ratlos standen die Kinder da und betrachteten die alte Villa, die von nun an ihr Zuhause werden sollte. Für die nächsten sechs Wochen, stellte Nex richtig und versuchte das beklemmende Gefühl zu verdrängen, das sich in ihm breitmachte. Liah stieß die Luft aus, die sie wohl angehalten hatte.
„Glaubst du, es ist schön hier?“, fragte sie leise und ihre großen Augen musterten das Gebäude. Hier sieht es furchtbar aus, dachte Nex, aber laut sagte er nur:
„Klar, wir müssen uns nur daran gewöhnen.“
Liah sah erleichtert aus. Der Himmel hatte sich völlig mit Wolken zugezogen und ließ keinen einzigen Sonnenstrahl zu ihnen durch. Vielleicht sah es hier deshalb so trostlos aus.
Mit einem knarzenden Geräusch öffnete sich die Eingangstür und ein Mann tauchte auf der Terrasse auf. Onkel Handix. Er hatte braunschwarze Haare und staubgraue Augen, die immer so mürrisch aussahen. Eigentlich hatte Nex gedacht, dass sein Onkel den feindseligsten Blick der ganzen Welt hatte, aber da irrte er sich. Heute sah er noch viel grimmiger aus. Er musterte sie stumm, sein Blick glitt von den Kindern zu ihren Koffern und wieder zurück. Sein Gesicht zeigte keine Reaktion. Sein Neffe konnte seinen Drei-Tage-Bart erkennen. Die Haare waren länger, als er sie in Erinnerung hatte, aber er hatte ihn seit sieben Jahren nicht mehr gesehen. Das war genug Zeit, um sich zu ändern, dabei war sich Nex sicher, dass sein Onkel genauso so egoistisch und mürrisch war wie eh und je. Seine Schwester beobachtete den Mann neugierig. Sie konnte sich kaum noch an ihren Onkel erinnern, genau genommen hatte sie bereits vergessen, dass er überhaupt existierte. Bis zu dem Tag, an dem sie von Tante Mandi´s Testament erfuhren.
„Wollt ihr reinkommen, oder was?“, bellte Handix barsch und Liah zuckte erschrocken zusammen. Nex´ Blick verfinsterte sich und er sah zu seinem Onkel hoch.
„Wir kommen schon“, erwiderte er und ließ seine Schwester nach einem kurzen Händedruck los.
Dann griffen sie sich ihre Koffer und liefen zu den Stufen. Nex wuchtete sie hoch. Onkel Handix beobachtete sie stumm, dabei hätte er ihnen helfen müssen, da war sich Nex sicher. Wortlos schob er sich an dem Mann vorbei und betrat die Villa.
Der Flur war riesig. Es sah so aus, als ob hier fünf Leute nebeneinander hergehen konnten, ohne sich zu rammen, wenn nicht die Kommoden gewesen wären. Sie standen an der rechten Wand und auf ihnen waren bunt verzierte Vasen mit vertrockneten Blumen zu sehen. Am Ende des Flurs konnte Nex ein paar Kleiderhaken erkennen. Na, immer hin. Er sah über die Schulter, um sicher zu gehen, dass Liah auch wirklich hinter ihm war, dann steuerte er die Haken an. Seine Schritte wurden von dem dicken Teppich unter seinen Füßen verschluckt. Er hatte gar nicht gewusst, dass sich seine Tante für solche Dinge interessiert hatte. Aber sie war ja immer so merkwürdig gewesen. Seine Mutter hatte zum Spaß gesagt, dass Mandi leicht durchgeknallt war; jetzt konnte er es sich sehr gut vorstellen.
Der Koffer ruckelte über die Unebenheiten im Teppich, und Nex musste immer wieder kräftig an ihm zerren, damit er nicht einfach hängen blieb. Liah schien noch mehr Probleme zu haben und er nahm sich vor, ihr zu helfen, sobald er sein Gepäck abgestellt hatte. Der Junge stellte den Rollkoffer bei den Kleiderhaken ab, hängte seine Jacke auf und eilte zu seiner Schwester zurück. Mama hatte seine Fürsorge immer bewundert. Er hatte es immer abgestritten und es auf die Tatsache geschoben, dass er eben ihr großer Bruder war. Jetzt war er alles, was Liah noch hatte (Onkel Handix konnte man einfach nicht mitzählen, er war keine Hilfe).
„Warte, ich mach das“, sagte Nex und nahm seiner Schwester den Koffer ab. Sie liefen nebeneinander her und das Mädchen schien den unbekannten Onkel bereits vergessen zu haben.
„Glaubst du, dass hier alles so alt aussieht?“, fragte sie und bestaunte ein Gemälde, das an der linken Wand hing.
„Ich denke nicht, immerhin hat das alles mal Tante Mandi gehört. Die war viel zu jung, um diese alten Möbel zu mögen“, erwiderte er und konnte nur hoffen, dass er recht hatte. Liah nickte.
„Klar.“
Nex schmunzelte. Seine Schwester tat immer so, als ob sie Mandi ganz genau kennen würde, dabei war sie erst drei Jahre alt gewesen, als ihre Tante starb.
Irgendwie schaffte es Handix, ihnen ihre Zimmer im zweiten Stock zu zeigen, ohne sie dabei direkt ansprechen zu müssen. Nex´ Zimmer befand sich neben Liahs. Sie waren mindestens doppelt so groß wie ihre alten, aber er hätte sie sofort gegen seine Eltern eingetauscht. Sie waren jetzt seit zwei Wochen tot.
Sie hatten bei einer Freundin ihrer Mutter gewohnt, bis die Sache mit dem Vormund geklärt war. Beatrice war zwar sehr nett, aber sie war viel zu unorganisiert, um sich um zwei Kinder zu kümmern. In jedem Zimmer standen je ein Bett, ein Kleiderschrank, eine kleine Kommode neben dem Bett, ein Schreibtisch und ein paar Stühle. Auf einer Seite der Zimmer waren unglaublich viele Fenster angebracht, durch die das fahle Sonnenlicht schien. Nex platzierte seinen Koffer vor dem Schrank und seufzte schwer. Das alles würde nicht einfach werden.
Wie sollte er sich um seine Schwester kümmern? Und wie sollte er seinen Onkel überleben? Er wusste es nicht, aber er musste stark bleiben. Für Liah. Sie hatten ihre Eltern verloren und mussten zu allem Überfluss auch noch ihre Freunde und Schulen verlassen. Wenn er, Nex, jetzt Schwäche zeigte, dann würde seine Schwester zerbrechen, und das durfte er auf keinen Fall zulassen. Sie hatten nur noch sich. Und für die nächsten Wochen Onkel Handix.
Abendessen mit Onkel Handix
Es war das furchtbarste Abendessen ihres Lebens, abgesehen von dem ersten Abend ohne ihre Eltern. Die Kinder saßen mit Onkel Handix am Küchentisch, der zu den neuesten Möbeln zu gehören schien, und sahen sich kaum an. Gesprochen wurde überhaupt nicht. Ihr Onkel hatte ein paar Dosensuppen besorgt, die sie jetzt hinunterwürgten, und Nex sehnte sich bereits nach Beatrice, die wenigstens kochen konnte.
Es war ein Wunder, dass sich Handix so lange allein versorgt hatte. Irgendwo tickte eine Uhr und betonte mit jedem Schlag die Einsamkeit, die in diesem Raum, in dieser Villa herrschte. Schließlich hielt Liah das Schweigen nicht mehr aus.
„Bist du der Bruder von Papa?“, fragte sie und Nex zuckte zusammen. Das hatte sie nicht gesagt, bitte nicht. Handix sah langsam von seinem Teller auf und starrte sie mürrisch an. Sie erwiderte seinen Blick, vielleicht bemerkte sie den Ausdruck in seinen Augen auch gar nicht. Nex bereitete sich darauf vor, seine Schwester im Notfall zu verteidigen. Die Sekunden verstrichen.
„Offensichtlich“, brummte Handix schließlich und wandte sich wieder seinem Essen zu, eine Geste, die das Ende des Gespräches kennzeichnete. Aber Liah ließ sich von dieser Antwort anspornen.
„Bist du der ältere oder der jüngere?“ Ihr Onkel reagierte nicht, sondern konzentrierte sich auf seine Suppe, die er sich löffelweise in den Mund schob.
„Also, was bist du jetzt? Älter oder jünger?“, wiederholte Liah. Handix reagierte immer noch nicht. Das Mädchen blinzelte nachdenklich oder verwirrt und setzte schließlich zu einer neuen Frage an.
„Wieso hast du uns nie besucht?“ Ihr Onkel hob kurz den Blick und starrte sie finster an, aber er antwortete nicht. Nex verspürte so ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, vermischt mit Wut. Diese Frage hatte er sich schon oft gestellt.
„Du hättest wenigstens zu Weihnachten oder Ostern kommen können. Also, warum bist du nie aufgetaucht? Ich hab erst nach dem Unfall von dir gehört.“ Sie schwieg kurz und ihre Augen leuchteten auf, wie immer, wenn ihr eine Idee kam.
„Hat das was mit unserer Tante zu tun? Ihr wart doch verheiratet, oder?“, wollte sie nun wissen und erkannte nicht die Gefahr, in der sie schwebte. Nex schon.
„Liah, lass gut sein“, zischte er ihr zu, aber sie ignorierte ihn.
„Wieso denn? Ich will doch nur wissen, ob-“
In diesem Moment knallte eine Hand auf den Tisch und ließ das Mädchen erschrocken zusammenfahren.
„Wirst du wohl die Klappe halten?“, donnerte Handix und funkelte seine Nichte zornig an. Liah lehnte sich tiefer in ihren Stuhl zurück und starrte ihren Onkel mit großen Augen an.
„Ich-will-nur-meine-Ruhe-haben“, knirschte er mit zusammengebissenen Zähnen und erhob sich langsam, bedrohlich. Nex sprang auf und packte seine Schwester am Arm.
„Gut. Dann gehen wir eben“, gab er zurück und zog Liah hinter sich her, bis sie in einem der Kinderzimmer waren. Nächstes Mal verpasse ich ihm eine, dachte Nex grimmig und ballte die Hände zu Fäusten, während sich seine kleine Schwester auf das Bett sinken ließ.
„Warum ist er so komisch?“, wollte sie wissen.
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Ihr Bruder durchquerte das Zimmer, um sich zu beruhigen.
„Weil er ein Mistkerl ist, deswegen“, knurrte er und zu spät bemerkte er, was er da gesagt hatte. Liah sah ihn erschrocken an.
„Ich, ähm, meinte das nicht so“, stammelte Nex und wusste, dass das eine glatte Lüge war. Er hatte jedes einzelne Wort so gemeint, aber das konnte er nicht offen zugeben. Nicht jetzt, nicht hier. Das Mädchen verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn nachdenklich an, wahrscheinlich hatte sie den Schock schon längst überwunden.
„Warum bist du so sauer auf ihn?“
„Ich bin nicht sauer“, murmelte Nex.
„Doch, bist du. Du sagst nur ´Mistkerl´, wenn du wütend auf jemanden bist oder ihn nicht magst“, widersprach Liah und hatte diesen besserwisserischen Blick drauf, der ihre Worte unterstützte. Der Junge seufzte und ließ sich neben sie fallen.
„Du hast ja recht“, gestand er und warf ihr von der Seite aus einen Blick zu, „aber ich hab auch meine Gründe.“
„Welche denn?“ Er stieß die Luft aus.
„Hör mal, das ist schwer zu erklären, okay? Vielleicht sage ich es dir ein anderes Mal“, wich er ihrer Frage aus und starrte zu Boden. Wieder Stille.
„Kommst du vor dem Einschlafen nochmal zu mir?“
Ihre Stimme klang so dünn wie sie selbst aussah. Nex lächelte sie sanft an.
„Klar. Das hab ich dir doch versprochen.“
Dann nahm er sie in den Arm und so saßen sie eine Weile schweigend da. Normalerweise wäre das Mamas Job gewesen, aber die war jetzt nicht mehr da. Sie würde nie wieder da sein.
„Ich hab dich lieb, Nex.“
„Ich dich auch.“
Schnappt ihn!
Nex rannte die Straße entlang, weg von dem Haus, weg von der Vergangenheit. Es nieselte. Seine Schuhe platschten immer wieder in irgendwelche Pfützen, aber nichts konnte ihn aufhalten. Sein Herz schlug schnell, sehr schnell. Die Straßenlaternen flackerten, und in dem wechselnden Licht konnte er Häuser, Straßen, Autos und zerbrochene Scheiben erkennen. Plötzlich stand ein Mann vor ihm. Nex bremste ab und sah hoch. Der Fremde hatte blitzende gelbe Augen und die ersten Spuren eines Barts waren zu sehen. Das Haar hing ihm feucht ins Gesicht. Mit bedrohlichen Bewegungen kam er auf Nex zu. Dieser reagierte sofort. Blitzschnell schoss seine Faust hoch und verpasste dem Mann einen Kinnhaken. Dann schob er sich an ihm vorbei und rannte weiter, so schnell ihn seine Beine trugen. Hinter ihm waren Rufe und Herumgebrülle zu hören.
„Schnappt ihn! Greift ihn euch!“, dröhnten sie und der Junge bekam es mit der Angst zu tun. Sie würden ihn schnappen.
Er hetzte weiterhin durch die Straßen, und dann fiel ihm eine Gasse ins Auge. Sie gähnte ihm schwarz und fremd entgegen. Vielleicht hätte er sie betreten sollen, aber er entschied sich dagegen und lief weiterhin geradeaus, auf der Suche nach etwas, von dem er nicht wusste, wie es aussah, bis er es gefunden hatte. Mit einem Schlag knallte etwas seitlich gegen ihn und warf ihn zu Boden. Nex rang nach Luft und drehte sich auf den Rücken, um sehen zu können, was ihn da gerammt hatte. Es war der Mann. Zähnefletschend beugte er sich über ihn, ein Messer in der Hand, das im elektrischen Licht der Laternen aufblitzte.
„Verräter!“, brüllte der Mann, dann schoss die linke Hand samt Waffe nach unten, direkt auf Nex zu. Der Junge drehte sich weg, aber er konnte den stechenden Schmerz spüren, der in seiner Seite aufflammte. Er schrie auf. Dann kickte er dem Fremden die Beine weg und kroch ein Stückchen davon. Er konnte das Blut spüren, das warm an ihm herunterfloss. Ihm war schlecht. Er wollte um Hilfe rufen, aber keiner würde ihn hören, abgesehen von den anderen, die zu dem Mann gehörten. Sein Kopf dröhnte und seine Sicht verschwamm. Er ließ den Kopf sinken und beobachtete, wie sich sein Blut mit dem Regen vermischte. Der Schmerz nahm seinen ganzen Körper ein. Er sah, wie der Fremde wieder aufstand und zu ihm kam. Seine Gedanken wanderten zu Liah, zu seinen Eltern. Er hatte ihnen noch gar nicht gesagt, wie sehr er sie liebte.
„Jetzt bist du dran mit Sterben“, knirschte eine Stimme über ihm. Im nächsten Moment fuhr Nex hoch.
Er saß kerzengerade im Bett und fasste sich an die rechte Seite. Sein Herz raste, genau wie sein Atem. Er war völlig verschwitzt und nur langsam begriff er, dass er das alles nur geträumt hatte. Es hatte sich so echt angefühlt. Unglaublich echt. Nach ein paar Sekunden hatte er sich davon überzeugt, dass er sich die Wunde nur eingebildet hatte, und er ließ die Hand sinken. Mit der anderen fuhr es sich übers Gesicht.
„Oh man“, murmelte er und atmete ein paar Mal tief durch.
Solche Alpträume hatte er schon seit Jahren nicht mehr gehabt; damals hatte er geträumt, dass irgendein Irrer ihn und seine Schwester verfolgte, was natürlich völliger Unsinn war, aber es hatte sich so real angefühlt, genauso, als ob es tatsächlich passieren würde. So wie gerade eben.
Nex sah zu den Fenstern, um sich irgendwie ablenken zu können. Fahles Mondlicht schien hinein und tanzte in blassen Flecken auf dem dunklen Boden. Ich dreh noch durch, schoss es dem Jungen durch den Kopf, aber er schüttelte den Gedanken schnell wieder ab. Er konnte es sich nicht leisten, den Verstand zu verlieren; seine Schwester zählte auf ihn. Langsam ließ er sich ins Bett gleiten und versuchte wieder einzuschlafen. Doch kurz bevor er seine Augen schloss, fiel sein Blick zur Zimmertür, die er geschlossen hatte, und das dringende Bedürfnis, das ganze Haus auf den Kopf zu stellen und nach irgendetwas zu suchen, machte sich in ihm breit, aber er ignorierte es und warf sich die Bettdecke über den Kopf. Nach ein paar Minuten schlief er wieder ein.
Für meine Tochter…
Der nächste Tag war sehr regnerisch und grau, genau wie die Stimmung im Haus. Onkel Handix war übler drauf als am Tag zuvor und
Nex hatte leichte Kopfschmerzen, die er auf seine schlechte Nacht schob. Liah versuchte ein Gespräch aufzubauen, aber keiner der anderen beiden wollte reden, also verfiel sie in Schweigen und aß betrübt ihr Frühstück auf. Nach dem Essen ließ Handix die Kinder mit dem dreckigen Geschirr allein und verschwand im riesigen Wohnzimmer, wo er sich mit einem dicken Buch in der Hand auf die Couch pflanzte und seine Umgebung ausblendete.
Nex hatte bereits vergessen, wie vernarrt sein Onkel in Bücher war. Früher, als Tante Mandi noch gelebt hatte, hatte er ihm aus seinen Büchern vorgelesen, die meist von irgendwelchen Fantasiegeschichten handelten und den Jungen jedes Mal aus der Realität entführt hatten. Jetzt war alles anders.
Bruder und Schwester räumten die Küche auf und verzogen sich dann nach oben, um ihre Schränke einzuräumen, wovor sie sich tags zuvor gedrückt hatten. Irgendwann um elf Uhr beschloss Liah, dass es an der Zeit war, die Villa zu begutachten.
„Na komm schon, wir müssen uns mal umsehen. Wir werden hier ja ab jetzt wohnen, also müssen wir uns hier auskennen“, erklärte sie in sachlichem Ton, aber die Art und Weise, wie sie an Nex´ Ärmel zog, sagte alles über ihre Ungeduld aus. Eigentlich hatte Nex keine große Lust
