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Für die fünfzehnjährige Hamburger Adelige Marie-Helene beginnt ein großes Abenteuer, als sie mit ihrer Familie ans andere Ende der Welt reist. In der noch jungen Kolonie Deutsch-Samoa hofft sie den eng gesteckten gesellschaftlichen Konventionen der Heimat entfliehen zu können. Aber schnell muss sie erkennen, dass sich nur die Umgebung geändert hat. Die Regeln sind die gleichen geblieben. Ausgerechnet in einem Eingeborenen findet sie einen Freund und Seelenverwandten. Aber ihre Eltern haben ganz eigene Pläne für ihre Zukunft. Ein langer, harter und sehr schmerzhafter Weg liegt vor Marie-Helene.
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Seitenzahl: 548
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Anna-Irene Spindler
Paradies im Mondlicht
Als man in der Südsee noch Deutsch sprach
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Paradies im Mondlicht
Das Abenteuer beginnt
Endlich da
Alles beim Alten
Ein Geheimnis
Das Fest
Nichts verraten!
Barbaren und Menschenfresser
Skandalös
Interessante Neuigkeiten
Elend und Leid
Alles wird gut
Erwachsen geworden
Für immer
Ein geschäftliches Arrangement
Ein Sturm zieht auf
Nie im Leben
Verbotene Verse
Horizonterweiterung
Herzliche Grüße
Die Entscheidung
Nur Mut!
Der Brief
Eine neue Erfahrung
Ein Gartenfest
Traurige Wahrheit
Ein Freund in der Not
Erinnerungen
Wie ist das möglich?
Eine große Neuigkeit
Nachwort
Anmerkungen der Autorin:
Impressum neobooks
Sie beugte sich nach vorn und stützte den Ellenbogen auf ihr Knie. Das Kinn ruhte in ihrer Handfläche. Wenn sie den Kopf ganz nach rechts legte und dabei das linke Auge zukniff, hatte sie den Tassenrand genau in ihrem Blickfeld. Gleich war es wieder so weit! In der Dünung des Ozeans neigte sich das Schiff und der Inhalt näherte sich bedenklich dem Tassenrand. Diesmal würde der Tee bestimmt überschwappen. „Marie-Helene, nimm bitte eine aufrechte Haltung ein. Es sieht unmöglich aus! Möchtest du später einmal einen Buckel bekommen wie eine alte Katze?“ Die schrille Stimme ihrer Mutter ließ sie kurz zusammenzucken. Da war es auch schon geschehen! In der Untertasse hatte sich eine kleine Pfütze gebildet und sie hatte den Moment, in dem es passierte, wieder verpasst. Sie waren jetzt schon seit Wochen auf diesem Schiff. Keine Teestunde war seither vergangen, in der nicht mindestens einmal der Tee übergeschwappt war und sie hatte es noch kein einziges Mal geschafft, diesen Augenblick zu beobachten. Mit einem Seufzer setzte sie sich aufrecht hin. Ein schelmisches Grinsen huschte über ihr Gesicht, als sie die Teetasse mit der linken Hand hochhob, die Untertasse mit der rechten an ihre Lippen hielt und deutlich hörbar leer schlürfte. „Marie-Helene!“ Die Stimme ihrer Mutter überschlug sich. „Lass auf der Stelle diesen Unsinn! Du bist unerträglich.“ Besorgt blickte ihre Mutter nach links und rechts und vergewisserte sich, dass niemand das ungebührliche Benehmen ihrer Tochter bemerkt hatte. „Aber der Tee ist immer so heiß. Wenn ich ihn aus der Tasse trinke verbrenne ich mir jedes Mal die Zunge“, verteidigte sich das Mädchen. „Großmama hat ihren Kaffee auch immer so getrunken“, fügte sie noch trotzig hinzu um ihrem Argument mehr Gewicht zu verleihen. Ihre Mutter hob die vergoldete Lorgnette über die Nase und sah sie höchst missbilligend an. „Du redest wirres Zeug, mein Kind. Du weißt ebenso gut wie ich, dass Grandmère - Gott sei ihrer armen Seele gnädig! - so etwas niemals in der Öffentlichkeit getan hat. So und jetzt benimm dich bitte wie es sich für eine junge Dame geziemt. Und öffne um Himmels willen deinen Parasol, sonst bekommst du wieder diese fürchterlichen Sommersprossen auf der Nase wie im vergangenen Sommer. Es reicht schon, dass du so unanständig braun bist wie eine Bauernmagd.“ Nur äußerst widerwillig öffnete Marie-Helene den verhassten Sonnenschirm. Von je her hatte sie es als albern empfunden immer mit dem rüschenverzierten Schirmchen aus weißer Spitze herumlaufen zu müssen. Man konnte sich nie richtig bewegen. Immer wurde man durch das dumme Ding gestört. Andauernd stieß sie mit anderen Leuten zusammen. Sie verhedderte sich in ihren eigenen, oder was noch viel schlimmer war, in den Haaren fremder Frauen, die sich dann unter hysterischem Gekreische bei ihrer Mutter über ihr unmögliches Benehmen beschwerten. Brav hielt sie das Schirmchen in der Linken, fasste die Teetasse mit Daumen und Zeigefinger der Rechten, selbstverständlich ohne dabei die restlichen Finger ungebührlich weit abzuspreizen, und führte die Tasse möglichst anmutig an die Lippen. Kein Geräusch durfte dabei entstehen. Die Schlückchen durften nicht zu groß sein und die Tasse nicht zu hastig an den Mund geführt werden. Oh ja! Sie verabscheute die Teezeremonie von ganzem Herzen. Endlich war die Tasse leer. „Bitte, Frau Mama, darf ich aufstehen?“ Ihre Mutter legte großen Wert darauf von ihrer Tochter mit Frau Mama angeredet zu werden. Hierbei durfte niemals versäumt werden ‚Mama‘ auf der zweiten Silbe zu betonen, da dies französisch und somit vornehmer klang. Ihrem Vater, als preußischem Beamten durch und durch, war alles Französische verhasst. Aber ihre Mutter hatte ein Faible für alles, was sich jenseits des Rheins abspielte. Wann immer sie konnte, bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit, verwendete Elisabeth Augustine Wilhelmine Freiin von Schlingenhard, Gattin des zweiten Direktors der Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft und von ihrer gesamten Dienerschaft stets als ‚Madame de Slingenard‘ angesprochen, französische Redewendungen und Ausdrücke. „Gerne, liebes Kind“, nickte ihre Mutter huldvoll, neigte den Kopf leicht zur Seite und hielt ihrer Tochter die rechte Wange hin. Marie-Helene gab ihrer Mutter einen leichten Kuss und knickste artig, ehe sie sich zum Gehen wandte. „Achte auf die Sonne! Beuge dich nicht über die Reling! Halte stets deine Röcke fest! Und dass du mir ja nicht wieder mit den Matrosen kokettierst!“, gab Madame de Slingenard ihrer Tochter mit auf den Weg. Seit sie das Schiff betreten hatte, bekam Marie-Helene diese Ermahnungen Tag für Tag zu hören. Morgens, mittags, abends und zwischendurch selbstverständlich ebenfalls. „Denke stets daran: Du bist eine junge Dame, Marie-Helene!“, äffte sie ihre Mutter leise nach und verzog das Gesicht zu den schrecklichsten Grimassen. Oh, wie sehr sie es doch hasste eine junge Dame zu sein! Damen durften niemals auch nur den allerkleinsten Spaß haben. Sie durften nicht rennen, nicht schreien, nicht pfeifen, nicht fluchen, nicht spucken und auch nicht auf Bäume klettern. Und sie durften unter gar keinen Umständen rittlings auf einem Pferd sitzen. Stattdessen mussten sie diesen albernen Damensattel benutzen und stets darauf achten, dass selbst im wildesten Galopp die Knöchel züchtig vom Reitkleid bedeckt blieben. „Hallo Nene!“, tönte es von oben. Marie-Helene legte den Kopf in den Nacken und sah hinauf zur Takelage. Ihr großer Bruder Wilhelm, benannt nach dem deutschen Kaiser - Möge Gott ihm ein langes Leben schenken! -, kletterte in den Wanten herum. Sie seufzte leise vor sich hin. Wie sehr sie ihre beiden Brüder doch beneidete! Sowohl Wilhelm, mit seinen sechzehn Jahren der Älteste und somit der ganze Stolz seines Vater, als auch den kleinen elfjährigen Heinrich. Seit die ‚Kläre Auguste‘ den Hamburger Hafen verlassen hatte, tobten sie von morgens bis abends über das Schiff. Vom untersten Laderaum bis hinauf in den Ausguck. Ihrem Bewegungsdrang waren keine Grenzen gesetzt. In der ersten Woche hatte ihre Mutter noch versucht sie in Zaum zu halten. Sie mussten ordentliche Kleidung tragen. Pünktlich zu allen gemeinsamen Mahlzeiten erscheinen, immer adrett gekleidet und gewaschen. Und sie mussten am Unterricht teilnehmen, den Pastor Rieflein jeden Nachmittag für die drei Kinder abhielt. Aber bereits in der zweiten Woche konnte Madame de Slingenard ihre beiden Söhne nicht mehr bändigen. Die beiden Brüder besorgten sich heimlich Matrosenkleidung, die sie ab sofort täglich trugen. Sie kamen und gingen wie es ihnen beliebte. Weder das gemeinsame Mittagessen noch die nachmittägliche Teestunde interessierte die beiden noch. Ganz zu schweigen von den täglichen Unterrichtsstunden. „Schau mal Nene!“, rief ihr Wilhelm von oben zu. Er hielt sich nur mit einer Hand fest, lehnte sich weit nach außen und streckte den rechten Arm in die Luft. „Ich kann fliegen! Komm doch herauf und versuch es auch einmal. Du kannst deine Unterröcke ja als Fallschirm benutzen!“ Wieder sah Marie-Helene nach oben. „Blödmann!“, schrie sie zornig und streckte ihrem Bruder die Zunge heraus. Wilhelm hatte ein blau-weiß geringeltes, kurzärmliges Hemd an, wie die Matrosen des Schiffes, und trug dazu weite, wadenlange, weiße Hosen. Und er war barfuß! Niedergeschlagen und missmutig betrachtete sie ihre eigene Kleidung. Ein eng anliegendes, Rüschen besetztes Kleid mit langen Ärmeln und einem Stehkragen, der es ihr kaum erlaubte den Kopf so weit zu senken, dass sie die Spitzen der schwarzen Schnürstiefel sehen konnte, die unter dem Saum des knöchellangen Kleides herauslugten. Damit jedoch noch nicht genug. Unter dem Kleid trug sie Strümpfe, die oberhalb der Knie von breiten Strumpfbändern aus Gummi gehalten wurden. Sie hätte sich aber die Strümpfe eigentlich auch sparen können, weil die Beine der baumwollenen Rüschenunterhose bis zur Oberkante der Stiefel reichten. Und obwohl es mittlerweile jeden Tag über fünfundzwanzig Grad hatte, musste sie unter ihrem Kleid selbstverständlich auch noch ein Unterhemd tragen, ebenfalls aus schöner, warmer Baumwolle und darüber dieses ekelhafte, ihr aufs Äußerste verhasste Korsett. Sie konnte sich noch genau an ihren dreizehnten Geburtstag erinnern, als ihre Mutter am Morgen in ihr Zimmer gekommen war und voll mütterlichem Stolz ihrer Tochter das erste Korsett präsentiert hatte. ‚Jetzt bist du wirklich und wahrhaftig eine junge Dame‘, hatte sie gesagt und sich ganz gerührt eine Träne aus dem Augenwinkel getupft. In den ersten Tagen fand Marie-Helene das neue Kleidungsstück ja auch noch richtig spannend. Wohlgefällig betrachtete sie jeden Morgen vor dem Spiegel ihre schlanke Taille und ihren Busen, der sich jetzt viel deutlicher als früher, unter den Falten ihres Kleides abzeichnete. Aber bereits nach kurzer Zeit war die anfängliche Begeisterung über ihre frauliche Figur verflogen und die Nachteile des Korsetts machten ihr das Leben schwer. Beim Sitzen, beim Aufstehen, beim Essen, beim Reiten - selbst mit dem albernen Damensattel -, beim Husten und Niesen, beim Treppensteigen, ja sogar beim Benutzen des Nachtgeschirrs, überall wurde sie von dem störrischen Teil behindert. Marie-Helene lehnte sich an die Reling und stieß wieder einen tiefen Seufzer aus. Nein, das Leben als Dame machte wahrhaftig keinen Spaß! Seit sie auf dem Schiff war, wünschte sie sich inständig immer und immer wieder ein Junge zu sein. Sie musste bei Pastor Rieflein lateinische und griechische Vokabeln pauken und sich mit dem Katechismus abplagen, während ihre Brüder im Laderaum Verstecken spielten. Sie musste jeden Tag beim Teezeremoniell die Standpauken ihrer Mutter über sich ergehen lassen, während Wilhelm und Heinrich mit den Matrosen lachten, aßen, fluchten und spukten. Erst vor zwei Tagen hatte sie den kleinen Heinrich dabei erwischt, wie er vollkommen grün im Gesicht über der Reling hing und die Fische fütterte, weil ihm ein Matrose Kautabak geschenkt hatte und er ihn natürlich sofort ausprobieren musste. Wilhelm stand daneben, kaute genüßlich an einem Priem und spukte gewaltige Fladen des bräunlich gelben Breis ins Meer. Als sie ihren Bruder auch um ein Stückchen Kautabak bat, fing dieser schallend zu lachen an und meinte nur abfällig: „Nene, mach dich nicht lächerlich. Kautabak ist nur etwas für richtige Männer.“ Daraufhin versetzte ihm Marie-Helene einen derben Stoß. Wilhelm erschrak und schluckte den Kautabak hinunter. Kurze Zeit später hing auch dieser hoffnungsvolle Sprößling des Hauses von Schlingenhard, benannt nach dem deutschen Kaiser - Möge Gott ihm ein langes Leben schenken! -, und ganzer Stolz seines Vaters, mit grünlichem Gesicht neben seinem kleinen Bruder über der Reling und versuchte verzweifelt das wieder loszuwerden, was seiner eigenen Aussage nach einen richtigen Mann ausmachte. Sie starrte auf die tintenblaue Wasserfläche, die sich vor ihren Augen bis zum Horizont ausbreitete. Gedankenverloren drehte sie den mit Schnitzereien verzierten Elfenbeingriff ihres Sonnenschirmchens zwischen den Handflächen. Sie versprach sich so unendlich viel von dieser Reise ans andere Ende der Welt. Vielleicht würde sich ja ihr Leben in der neuen Heimat ändern. Vielleicht würden sich die starren Regeln, die für das Verhalten einer wohlerzogenen jungen Dame aus gutem Haus unabdingbar waren, mit der Zeit aufweichen lassen. Vielleicht hatte sie dann auch die Möglichkeit sich ab und zu von den Unterrichtseinheiten davon zu stehlen, wie es jetzt ihre Brüder andauernd taten. Vielleicht durfte sie dann auch legere Kleidung tragen. Vielleicht konnte sie sogar das scheußliche Korsett im Schrank lassen. Vielleicht gab es ja dort keine nachmittäglichen Teestunden und keine gräßlich langweiligen Einladungen bei anderen wohlerzogenen Damen mit denen man elegante Konversation pflegen und die neuerworbenen Französischkenntnisse unter Beweis stellen musste. Vielleicht gelang es ihr ja diesem schrecklich einengenden Gefängnis ihres bisherigen Lebens zu entkommen. Ja, vielleicht! Ihre Gedanken wanderten zurück zu jenem denkwürdigen Tag im vergangenen September, als ihr Vater mit der überwältigenden Neuigkeit nach Hause gekommen war. Ihre Mutter schrieb gerade einen Brief an Frau von Berlitz, die das angesehenste Mädchenpensionat in Hamburg leitete. Marie-Helene sollte diese Einrichtung ab Januar besuchen und Madame de Slingenard wollte in dem Schreiben um die Aufnahme ihrer Tochter in das berühmte Höhere Töchter Institut bitten. Friedrich August Freiherr von Schlingenhard nahm seiner Frau die Feder aus der Hand, zog sie in die Höhe, fasste sie um die Taille, hob sie hoch und wirbelte sie im Kreis herum. „Betty, ach Betty! Ich habe es geschafft. Ach meine Herzensbetty!“, rief er ein ums andere Mal, küsste seine Frau immer wieder auf den Mund und drehte sich wie ein Besessener mit ihr im Kreis. Ihre Mutter, die nichts so sehr hasste wie diese vertrauliche Anrede in aller Öffentlichkeit, kreischte erbost: „Friedrich August! Du vergissest dich! Lass mich auf der Stelle los!“ Ihr Vater stellte seine Frau schließlich wieder auf den dicken roten Teppich und sah belustigt zu wie sie ihr derangiertes Äußeres wieder in Ordnung brachte. „Was um Himmels Willen ist denn in dich gefahren?“ Madame de Slingenard hatte die eine Hand in die Hüfte gestützt und mit der anderen hielt sie sich die unvermeidliche Lorgnette über die Nase. Mit zusammengekniffenen Lippen und stark gerunzelter Stirn sah sie ihren Gatten Antwort heischend an. Ein strahlendes Lächeln auf dem Gesicht, erzählte Freiherr von Schlingenhard, dass er von der Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft mit der Leitung der Niederlassung in Deutsch-Samoa betraut worden war. Im Januar sollte er seinen Dienst dort antreten und im März würde dann der Rest der Familie nachkommen. In den folgenden Wochen kam es immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Ehegatten. Madame de Slingenard war nur sehr schwer von den enormen Vorteilen zu überzeugen, die dieses Amt für das berufliche Vorwärtskommen ihres Mannes bedeutete. Erst das Wissen, dass der Leiter der Niederlassung vom Status her quasi dem Gouverneur gleichgestellt, ja in manchen Angelegenheiten diesem sogar übergeordnet war, ließ das Ganze auf einmal in einem völlig neuen Licht erscheinen. Von diesem Zeitpunkt an ergriff Madame de Slingenard jede Gelegenheit, ihrem Bekanntenkreis die glänzende Zukunft der Familie Derer-von-Schlingenhard in den leuchtendsten Farben zu schildern. Marie-Helene hatte am Anfang eigentlich gar keine Meinung zu dieser überraschenden und so völlig unerwarteten Entwicklung. Sie war einfach nur froh, dass ihr auf diese Weise der Aufenthalt im Pensionat erspart blieb. Denn Viktoria von Berlitz stand in dem Ruf ein grimmiger, halsstarriger, unausstehlicher Drachen, mit unübersehbar diktatorischen Zügen zu sein. Von Pastor Rieflein ließ sie sich auf dem Globus die neue Heimat zeigen. Es war ein winziger schwarzer Punkt mitten im Blau des Stillen Ozeans, der mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen war. Mit zusammengekniffenen Augen suchte Marie-Helene den Horizont ab. Kapitän Gustafsson hatte ihnen heute beim Frühstück erzählt, sie würden in den nächsten Tagen in den Hafen von Apia einlaufen und dass sie den charakteristischen Gipfel des Berges mit dem lustigen Namen Fito schon aus weiter Ferne erkennen würden. In den vergangenen Wochen waren sie an zahllosen Inseln vorbeigesegelt. Manche von ihnen waren nicht größer gewesen als die ‚Kläre-Auguste‘. Pastor Rieflein hatte ihr die flachen, palmenbewachsenen Atolle gezeigt, die sich kaum mehr als ein oder zwei Meter über die Meeresoberfläche erhoben. Es waren aber auch steil aufragende Berge zu sehen gewesen, überzogen von einem dichten grünen Pflanzenteppich. Vulkanischen Ursprungs seien diese Inseln, hatte er ihr erzählt, und dass es im Pazifischen Ozean auch noch unzählig viele tätige Vulkane gäbe. Sie musste an ihr Naturkundebuch denken, in dem sie von dem verheerenden Vulkanausbruch vor noch nicht einmal zwanzig Jahren gelesen hatte. Die ganze Insel Krakatau war in die Luft geflogen. Die Vulkanasche war achtzig Kilometer hoch in den Himmel geschleudert worden und in Europa mit dem Regen wieder zur Erde zurückgekommen. Als sie damals ganz fasziniert die Zeichnungen in ihrem Schulbuch betrachtet hatte, wäre es ihr nie im Traum eingefallen, sie könnte jemals im Leben Vulkaninseln zu Gesicht bekommen. Auch in ihrer neuen Heimat sollte es ja Feuerberge geben, so hatte zumindest der Pastor gesagt. Sie fing zu kichern an, als sie daran zurückdachte wie puterrot der Rieflein geworden war als sie ihn gefragt hatte ob es stimmte, dass die Einwohner in Samoa alle nackt herum liefen. Er hatte dies entschieden verneint und betont, die Missionare würden schon dafür sorgen, dass sich die Wilden anständig kleideten. Sie sah wieder über das Meer und stellte sich vor, wie es wäre in einem Bastrock, einem Oberteil aus halben Kokosnussschalen und einer Blumenkette um den Hals mit nackten Füßen über den weißen Sand eines Palmen gesäumten Strandes zu gehen. „Ach wäre das schön“, murmelte sie vor sich hin. Marie-Helene runzelte die Stirn. Warum eigentlich nicht? Sie straffte ihre Schultern, hob den Kopf und streckte ihr Kinn ein wenig nach vorn. Ein entschlossener Ausdruck ließ ihre Augen funkeln und sie nickte zur Bekräftigung. Jawohl! Sie würde für ihre Freiheit kämpfen! Warum sollten nur ihre Brüder in den Genuss eines freien Lebens kommen, fern aller Zwänge und Konventionen? Sie wusste, sie würde sehr diplomatisch vorgehen müssen um ihre Mutter und Pastor Rieflein zu überlisten. Auf keinen Fall durfte sie eine Revolution anzetteln. Langsam und unauffällig, Schritt für Schritt würde sie sich immer mehr Freiraum verschaffen. Und sie musste ihren Vater für ihre Zwecke mit einspannen. Er liebte sie heiß und innig und wenn sie wollte, konnte sie ihn mit Leichtigkeit um den kleinen Finger wickeln. Er war zwar ein aufrechter Mann, der stets danach trachtete das Richtige zu tun und jeden seiner Schritte hundertmal im Voraus zu überdenken, aber er hatte nicht diesen Faible für überkorrektes und gesellschaftlich einwandfreies Benehmen, dem ihre Mutter so huldigte. Es war immer wieder vorgekommen, dass er sich während einer Gesellschaft zu seiner Tochter heruntergebeugt und ihr alberne Bemerkungen über irgendeine unmögliche Freundin seiner Frau ins Ohr geflüstert hatte. Wenn Marie-Helene dann laut prustend versuchte das Lachen zu unterdrücken, was stets einen bitterbösen Blick ihrer Mutter zur Folge hatte, schenkte er seiner Frau seinen unschuldigsten Dackelblick und zwinkerte aber gleichzeitig seiner Tochter mit verschwörerischer Miene und einem schelmischen Grinsen zu. Marie-Helene war sicher, auf die Unterstützung ihres Vaters zählen zu können. Sie musste es nur richtig anfangen. Wieder suchten ihre Augen ungeduldig den Horizont ab. Sie konnte es kaum erwarten endlich nach Samoa zu kommen. Dort würde alles anders werden. Dort würde für sie ein neues Leben anfangen. Das wusste sie ganz genau.
„Land in Sicht! Steuerbord voraus!“ Ruckartig setzte sich Marie-Helene in ihrer Koje auf. Es musste noch sehr früh am Morgen sein. Die Umrisse der wenigen Möbel waren im grauen Dämmerlicht kaum zu erkennen. Es war so heiß und stickig in der winzig kleinen Kajüte, dass sie das runde Bullauge nachts immer offen ließ. So konnte sie den lauten Ruf des Matrosen, der vermutlich im Ausguck Wache hatte, deutlich hören. Sie warf die Zudecke zur Seite, sprang aus dem Bett, riss die Tür auf und rannte barfuß und im Nachthemd so schnell sie konnte den engen Gang entlang. Flink wie ein Wiesel kletterte sie die steile, enge Treppe nach oben. Sie lief quer über das Deck bis ganz nach vorn zum Bug. Erst konnte sie in dem trüben Zwielicht des frühen Tages nicht das Geringste erkennen. Aber als ihre Augen ganz langsam und sorgfältig den Horizont absuchten, sah sie es auch. Eigentlich sah sie es nicht richtig. Sie erahnte es vielmehr. Der dunkle Umriss eines kegelförmigen Berges zeichnete sich vor dem grauen Morgenhimmel ab. „Ja, kleines Fräulein. Schau es dir nur genau an. Das ist deine neue Heimat. Das ist der Vulkan Fito auf der Insel Upolu.“ Kapitän Gustafsson war neben sie getreten und hielt ihr auffordernd sein Fernglas hin. Er schien kein bisschen überrascht zu sein, dass sie zu dieser frühen Stunde an Deck war. Und dass sie nur im Nachthemd unterwegs war, störte ihn offensichtlich auch nicht. Marie-Helene nahm das Fernglas. Sie hielt es an ihr rechtes Auge, während sie das linke fest zukniff. Am Anfang sah sie nur Wasser und Himmel. Aber plötzlich, wie aus dem Nichts tauchte es auf! Leicht verschwommen, fast wie hinter einem dünnen Schleier verborgen: Das Ziel ihrer geheimen Träume und Sehnsüchte! Die Insel der Freiheit! Samoa! „Wie lange dauert es noch, bis wir dort sind?“ Sie stellte die Frage ohne dabei das Fernglas abzusetzen. „Ich denke kurz nach zwölf Uhr werden wir im Hafen vor Anker gehen“, antwortete der Kapitän. „Bis zwölf? So lange noch?“ Marie-Helene riss die Augen auf und starrte ihn ungläubig an. „Nach den vielen Wochen auf See werden ja wohl ein paar Stunden mehr nichts ausmachen“, schmunzelte er und nahm ihr das Fernrohr aus der Hand. Ihre Aufregung amüsierte ihn. „Ich kann es doch kaum erwarten!“, rief sie. Sie streckte ihre Arme in die Luft und tanzte vor Begeisterung mit ihren nackten Füßen auf dem Deck herum wie ein Irrwisch. Die Matrosen kamen von allen Seiten herbei, klatschten Beifall und feuerten sie mit lauten Pfiffen und Gegröle an. Marie-Helene warf ihnen Kusshände zu und jauchzte. Die pure Lebensfreude sprach aus ihrem fröhlichen Auftritt. Kapitän Gustafsson rief seine Mannschaft mit einem lauten „Alle Mann auf Station!“ zurück an die Arbeit. Ihm war sehr wohl bewusst, dass das Mädchen einfach nur von ihrer Freude und Begeisterung überwältigt worden war. Aber ihm war auch klar, dass sie für die Matrosen eine halbnackte junge Frau war, die vor ihren Augen so einladend hin und her hüpfte, wie eine unvorsichtige Maus vor dem Maul einer hungrigen Katze. „Nun ist es aber genug“, sagte er. Es tat ihm wirklich leid, wie ein langweiliger Spielverderber den Freudentanz des Mädchens beenden zu müssen. Während der gesamten Fahrt hatte er sie beobachtet und heimlich bedauert. Er war zwar ein strenger Mann, der innerhalb seiner Mannschaft nicht den kleinsten Anflug von Ungehorsam duldete, aber die Art und Weise wie die Kleine von ihrer Mutter und dem steifen Pastor behandelt wurde, missfiel ihm gewaltig. Besonders die Tatsache, dass sich ihre beiden Brüder beinahe alles erlauben durften, während sie immer nur bevormundet und gegängelt wurde, ging ihm gewaltig gegen den Strich. Wenn er sie in ihrem züchtigen Kleid, den Schnürstiefeln, den Handschuhen und dem unvermeidlichen Sonnenschirm an Deck stehen sah, wie sie mit sehnsüchtigen Blicken ihre Brüder beobachtete, tat sie ihm von Herzen leid. Er fand diese Art der Erziehung durch und durch widernatürlich um nicht zu sagen brutal und er war sehr froh, dass seine eigenen Töchter sehr viel ungezwungener und natürlicher aufwachsen konnten. „Ich glaube es ist besser du gehst jetzt nach unten und ziehst dich ordentlich an. Wenn dich deine Mutter oder der Pastor in diesem Aufzug sehen, wirst du reichlich Ärger bekommen.“ Mit einem tiefen Seufzer nickte Marie-Helene, warf einen letzten sehnsüchtigen Blick in Richtung Samoa und trottete dann mit hängenden Schultern zum Niedergang. Ehe ihr Kopf in der schmalen Luke verschwand, drehte sie sich noch einmal um. „Sie werden mich doch nicht verpetzen, oder?“ Er legte den Zeigefinger auf seinen Mund. „Meine Lippen sind versiegelt“, antwortete er mit verschwörerischem Grinsen. Kapitän Gustafssons Schätzung erwies sich als ziemlich exakt. Kurz nach zwölf Uhr hörte Marie-Helene das Rasseln der Ankerkette, während sie ungeduldig die letzten Kleidungsstücke in die große lederne Reisetasche stopfte. Ihre Mutter hatte sie ziemlich unwirsch am Arm gepackt und gewaltsam nach unten in ihre Kabine gezerrt, weil sie auch die vierte Aufforderung ihre Sachen zu packen geflissentlich ignoriert hatte. Sofort nach dem Frühstück hatte sie sich einen Platz an der Reling gesucht und die Insel nicht mehr aus den Augen gelassen, beinahe so als hätte sie Angst, das Eiland könnte sich in Luft auflösen, wenn sie es auch nur einen winzigen Augenblick aus den Augen ließ. Endlich! Das Messingschloss war eingeschnappt. Die Tasche war zu. Sie sah sich in der Kabine um, ob sie auch wirklich nichts vergessen hatte. Der kleine Raum sah jetzt genauso leer und öde aus, wie an dem Tag, als sie ihn zum ersten Mal betreten hatte. Kaum zu glauben, dass dies erst einige Wochen her war. Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Hamburg, ihr Elternhaus in der vornehmsten Wohngegend der alten Hansestadt, ihre Freundinnen, die Näh- und Singkränzchen ihrer Mutter, das Höhere Töchter Institut, Frau von Berlitz! Alles hatte sie in dieser kurzen Zeitspanne hinter sich gelassen. Es waren für sie nur noch verschwommene Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit. Eine hoffentlich für immer in der Versenkung verschwundene Episode ihres Lebens, die niemals wiederkehren würde. Energisches Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. Es war einer der Seeleute. „Ich soll die Sachen des gnädigen Fräuleins holen.“ Marie-Helene deutete auf die Tasche. „Danke schön“, sagte sie und lächelte ihm fröhlich zu. Bedauerlich, dass ihre Mutter das jetzt nicht sehen konnte. Sie hätte das Lächeln als höchst ungebührliche Vertraulichkeit eingestuft und sich sicher sehr über das undamenhafte Verhalten ihrer Tochter geärgert. Oben herrschte geschäftiges Treiben. Sämtliche Matrosen waren an Deck. Sie schienen vollkommen ziel- und planlos hin und her zu rennen, in die Wanten hinauf zu klettern nur um dann in affenartiger Geschwindigkeit an irgendwelchen Tauen wieder herunter zu rutschen. Das ganze Schiff hallte wider von lauten Rufen und Geschrei. Sie vermutete zwar, dass jeder wusste was er tat und ein gewisses System hinter dem Ganzen stecken musste, aber in ihren Augen war es nichts anderes als ein wildes, heilloses Durcheinander. Marie-Helene suchte sich einen Platz an der Reling, wo sie nicht im Weg stand und von wo sie deshalb auch keiner vertreiben konnte und sie in Ruhe alles beobachten konnte. Aber es war nicht das Schiffsdeck, dem ihre ganze Aufmerksamkeit galt. Es war der Hafen. Eigentlich war es kein richtiger Hafen. Zumindest nicht so wie der in Hamburg, mit riesigen Lagerhäusern und vielstöckigen Kontoren, turmhohen Ladekränen und unzähligen Schiffen aus aller Welt. Es war eine halbmondförmige Bucht, in der die ‚Kläre-Auguste‘ vor Anker gegangen war. Sie schätzte die Entfernung bis zum Ufer auf fünfhundert Meter. Wobei sie sich auch leicht irren konnte. Entfernungen zu schätzen war nicht unbedingt eine ihrer Stärken. Das also war Apia! So hatte sie es sich in ihrer Phantasie ausgemalt: Weiß gestrichene Holzhäuser mit flachen Dächern und rundumlaufenden Veranden, Kokospalmen, deren Wedel sacht im warmen Wind schaukelten, haushoch wuchernde Bananenstauden, die jede noch so kleine Lücke zwischen den Häusern auszufüllen schienen, ein blendend weißer Sandstrand, der von einer Spitze des Halbmonds bis zur anderen reichte, eingerahmt von grün überwucherten Bergen und über allem ein so tief dunkelblauer Himmel, wie ihn Marie-Helene noch nie gesehen hatte. Als sie ihr neues Zuhause einer etwas intensiveren Betrachtung unterzog, stellte sie ziemlich ernüchtert fest, dass es eigentlich kaum mehr als zehn dieser weißen Kolonialvillen gab. Der Rest waren Hütten. Nein, wenn sie genauer hinsah, waren es noch nicht einmal Hütten. Es waren lediglich riesige, mit Palmwedeln gedeckte Dächer, die auf dicken roh zugehauenen Baumstämmen ruhten. Der eigentliche Hafen bestand aus zwei großen, hölzernen Lagerhäusern, die zwar richtige Wände hatten, aber nicht zu vergleichen waren mit den riesigen, festgefügten Backsteingebäuden in Hamburg. ‚Deutsche Handels- & Plantagengesellschaft‘ war in großen, weißen Lettern auf das Holz gepinselt. Vor jedem der beiden Häuser ragte ein vielleicht fünfzig Meter langer gemauerter Pier in die Bucht hinein. Eine leise Enttäuschung machte sich in ihr breit. Ganz so übersichtlich hatte sie sich die Hauptstadt ihrer neuen Heimat nicht vorgestellt. „Hallo mein kleiner Schatz!“ Der laute Ruf riss sie aus ihren Gedanken. Diese Stimme kannte sich doch! Aufgeregt wanderten ihre Augen hin und her. Die Bucht war jetzt übersät mit merkwürdigen, hölzernen Booten. Sie waren schmal und lang. Vorwärts getrieben wurden sie von Männern mit kurzen hölzernen Paddeln. An einer Seite waren zwei gebogene Stangen angebracht. Sie endeten in einer langen, ebenfalls hölzernen Kufe, die wie ein Schlitten über das Wasser glitt. Und im längsten und größten dieser Boote saß ihr Vater und winkte ihr mit beiden Armen aufgeregt zu. „Papa!“, schrie sie vor Begeisterung, streckte ihm ihre behandschuhte Hand entgegen und schwenkte ihren Sonnenschirm wie das Fähnchen bei der alljährlichen Geburtstagsparade des Kaisers – Möge Gott ihm ein langes Leben schenken! Es war eine solche Freude, ihren Vater nach dieser langen Zeit endlich wieder zu sehen. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie schmerzlich sie ihn vermisst hatte. Stolz erfüllte sie, als sie bemerkte, wie gut er aussah. Seine blonden Haare leuchteten in der Sonne und sein schneidiger Schnurrbart stand in krassem Gegensatz zu seinem braungebrannten Gesicht. Der weiße Leinenanzug sah makellos und adrett aus und nicht einmal ihre Mutter würde irgendetwas zum Herumkritisieren finden, selbst wenn sie ihren Mann durch die Lorgnette hindurch eindringlich mustern würde. Das Boot kam längsseits und Baron von Schlingenhard kletterte geschickt eine der Strickleitern herauf, die jetzt an vielen Stellen über die Reling des Schiffes ins Wasser hingen. „Meine Nene! Dass ich dich endlich wieder habe!“ Marie-Helene konnte deutlich die Rührung in der Stimme ihres Vaters hören, als er sie in die Arme nahm, hochhob und fest an seine breite Brust drückte. „Oh Papa, du hast mir so gefehlt!“, schluchzte sie. Sie ließ den Sonnenschirm los und warf ihm stürmisch die Arme um den Hals. Mit großer Befriedigung stellte sie fest, dass er noch genauso gut roch, wie am Tag seines Abschieds. Es war eine Mischung aus Rasierwasser, Zigarrenrauch und Lagerhaus-Gewürz-Hafen-Duft. „Gut siehst du aus meine Kleine“, stellte er anerkennend fest. Er hatte sie wieder auf das Deck gestellt und eine Armeslänge von sich geschoben. „Mir geht es auch gut. Besonders jetzt da ich dich wieder habe.“ Marie-Helene strahlte über das ganze Gesicht. „Wo ist deine Mutter? Und wo sind die Jungs?“ Suchend sah sich ihr Vater um. „Mama wird vermutlich noch in ihrer Kabine sein. Das unziemliche Getümmel an Deck ist nichts für sie.“ Demonstrativ rümpfte Marie-Helene die Nase und rollte mit den Augen. Dabei grinste sie ihren Vater verschwörerisch an. „Ah, ich verstehe“, nickte er und grinste ebenfalls. „Die Jungs findest du irgendwo bei den Matrosen. Vermutlich im hintersten Laderaum.“ „Na, dann werde ich zuerst deine Mutter begrüßen und Pastor Rieflein. Kommst du mit?“ „Eigentlich würde ich lieber an Deck bleiben.“ Verständnisheischend sah sie ihn an. „War es schlimm?“ Niedergeschlagen nickte sie mit dem Kopf. „Ziemlich.“ „Jetzt hast du es ja überstanden. Und zukünftig bin ich auch wieder da.“ Aufmunternd tätschelte er ihr die Wange. „Gott sei Dank!“, stieß sie hervor und warf ihrem Vater eine Kusshand zu, ehe dieser im Niedergang verschwand. Sie lehnte sich wieder an die Reling. Jetzt hatte sie Zeit die Menschen in den Booten genauer in Augenschein zu nehmen. Atemloses Staunen erfasste sie, als ihr Blick langsam vom Einen zum Anderen wanderte. Noch nie in ihrem Leben hatte sie so viele schöne Menschen gesehen. Es war auch in Hamburg vorgekommen, dass sie Leuten begegnet war die ihren Blick fesselten, weil sie sich wegen ihres guten Aussehens von den Anderen unterschieden hatten. Aber das war nicht zu vergleichen mit dem, was sich hier ihren Augen darbot. Jedes einzelne Gesicht war von ebenmäßiger Schönheit. Alle, sowohl Männer als auch Frauen, hatten lange schwarze Haare. In weichen sanften Wellen flossen sie ihnen über die Schultern und den Rücken. Sie konnte sehen, dass bei einigen Frauen die in den Booten saßen, die Haare sogar bis zum Boden reichten. Alle Frauen hatten sich über den Ohren Blüten in die Haare gesteckt. Dicke Blumenketten schmückten ihre Hälse. Sie trugen einfache weiße Baumwollkleider ohne Ärmel. Diese bildeten einen herrlichen Kontrast zu ihrer wunderbaren Haut, die in der Farbe dunklen Milchkaffees schimmert. Die Männer waren mit knielangen weiten Hosen und kurzärmligen Hemden bekleidet. Die Hemden hatten keine Knöpfe und wurden nur durch Stoffgürtel zusammengehalten. Das leuchtende Weiß des Stoffes wurde auch bei ihnen durch die dunkle Bräune der Haut noch betont. In dem Boot, das ihren Vater gebracht hatte, saß ein Mann, der sich von allen anderen auffällig unterschied. Er war nur mit einem bunten Stück Stoff bekleidet, das wie ein Rock um seine Hüften gewickelt war. Im Gegensatz zu den anderen Männern hatte er kein Paddel in der Hand. Seine Haltung war aufrecht und gerade. Der ganze Oberkörper war überzogen von einem feinen Muster, das aussah als wäre es mit schwarzer Farbe auf seine Haut gemalt. Selbst sein Gesicht war über und über mit diesen dünnen Linien verziert. Er erinnerte Marie-Helene an eine Statue aus dunklem Ebenholz. Das einzig Lebendige an ihm schienen seine langen grauen Haare zu sein, die sich leicht in der sanften Brise bewegten. Selbst der Kaiser in seiner prächtigen Uniform - Möge Gott ihm ein langes Leben schenken! - wirkte nicht halb so würdevoll und vornehm wie dieser halbnackte Wilde. Kapitän Gustafsson war neben sie getreten. „Und was sagst du? Gefällt es dir?“ Fragend sah er sie an. „Es ist ja so aufregend“, stammelte sie. „Na dann pass mal auf. Gleich wird es noch viel aufregender.“ Er hob die Hand. Der würdevolle Mann nickte leicht zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Dann gab er dem vor ihm sitzenden Mann einen kleinen Wink. Dieser hob ein höchst seltsam geformtes Schneckenhaus hoch, setzte es an die Lippen, blähte die Backen auf und blies mit aller Macht hinein. Es war unfassbar, was aus dem kleinen Ding für ein gewaltiges Dröhnen herauskam. Diesen Ton würde sie nie in ihrem Leben je wieder vergessen, selbst wenn sie hundert Jahre alt werden würde. Es klang so, als schickten sämtliche Nebelhörner Hamburgs gleichzeitig ihren klagenden Ton in den Himmel. Ein lautes, fröhliches Geschrei war die Antwort und wie auf Kommando stürzte sich von jedem der Boote einer der Männer ins Wasser. Mit langen kräftigen Armzügen schwammen sie zur ‚Kläre-Auguste‘ und kletterten mit einer affenartigen Geschwindigkeit an den Strickleitern hoch an Deck. Die Seeleute unterbrachen ihre Arbeit und kamen lachend an die Reling. Marie-Helene sah, dass jeder von ihnen ein paar Münzen in der Hand hielt. „Vorwärts!“, brüllte einer der Matrosen. Gleichzeitig warf er seine Münzen über Bord. Sofort kletterte einer der Samoaner auf die Reling und stürzte sich mit einem gekonnten Kopfsprung in das blaue Wasser der Bucht. Aufgeregt beugte sich Marie-Helene über die Reling. Nach ein paar Sekunden tauchte der Mann wieder auf. Mit einem triumphierenden Ruf streckte er die rechte Hand in die Luft. Auf der nassen Handfläche glitzerten die Münzen im hellen Sonnenlicht. Ein lautes Beifallgeschrei sowohl von den Booten als auch vom Deck der ‚Kläre-Auguste‘ war die Antwort. Nach und nach warfen alle Matrosen ihre Geldstücke ins Wasser. Jedes Mal verschwand ein anderer der eleganten Springer im tiefen klaren Blau des Ozeans um dann alsbald mit seiner Beute wieder aufzutauchen. Marie-Helene war sehr erstaunt als auch Kapitän Gustafsson ein Geldstück aus der Tasche zog. „Es sind doch schon alle gesprungen“, sagte sie. „Nicht alle“, meinte der Kapitän. Als sie sich suchend umsah, schüttelte er den Kopf und zeigte lächelnd senkrecht nach oben. Sie legte ihren Kopf in den Nacken. Zuerst konnte sie nichts erkennen. Aber dann entdeckte sie genau über sich auf der obersten Rah des Großmasts eine Gestalt, die rittlings auf dem äußersten Ende saß. „Oh mein Gott!“, flüsterte sie atemlos und krallte sich am Ärmel des Kapitäns fest. „Er will doch nicht etwa..?“ Marie-Helene konnte ihren Satz nicht beenden. „Aber natürlich will er!“, rief Kapitän Gustafsson. „Pass gut auf!“ Er hob den Arm und warf die Münze über Bord. Im gleichen Augenblick stellte sich die Gestalt hoch über Marie-Helene auf die Rah. Sie konnte erkennen, dass es ein junger Mann war. Auch er war nur mit einem Tuch bekleidet, das er um die Hüften gebunden hatte. Er breitete die Arme weit aus und ließ sich rückwärts nach unten kippen. Die Beine kerzengerade gestreckt, den Rücken zum Hohlkreuz durchgebogen, so sah ihn Marie-Helene fallen. Unmittelbar vor dem Aufprall streckte er die Arme nach vorn und tauchte unter dem jubelnden Beifall der Matrosen in das Wasser ein. Marie-Helene atmete tief durch. Sie stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als der dunkle Kopf wieder an der Wasseroberfläche erschien. Noch nie zuvor hatte sie etwas ähnlich Waghalsiges und Verrücktes gesehen wie diesen Sprung. Ihre Blicke folgten dem tollkühnen Springer, als dieser mit kräftigen Armzügen zu dem Boot mit der würdevollen Statue schwamm. Er kletterte hinein und legte mit einer leichten Verbeugung das Geldstück, das er vom Grund des Ozeans geholt hatte, in den Schoß des bemalten Mannes. Obwohl das Boot gefährlich schaukelte, konnte der Junge selbst im Stehen vollkommen mühelos das Gleichgewicht halten. Da Kapitän Gustafsson sich wieder seiner Arbeit zugewandt hatte und sie sich vor den missbilligenden Blicken ihrer Mutter in Sicherheit wusste, gönnte es sich Marie-Helene, den Jungen ungeniert und nach Herzenslust zu betrachten. Sie wusste natürlich, dass dies in höchstem Maße unangemessen, undamenhaft und ungebührlich war. Als sittsames Mädchen hätte sie sich unverzüglich abwenden und ihre Augen angesichts derartig unkeuscher Zurschaustellung nackter Haut züchtig verschließen müssen. Aber der Gegenstand ihrer Betrachtung war einfach viel zu schön und die Versuchung einfach viel zu groß, als dass sie die strengen Regeln ihrer Erziehung hätte einhalten können. Der Junge war mit Sicherheit das Schönste, was sie in ihrem bisherigen Leben jemals gesehen hatte. Die Eleganz und Geschmeidigkeit seiner Bewegungen, das Spiel der Muskeln unter seiner dunkelbraunen Haut, auf der die Wassertropfen wie glitzernde Edelsteine schimmerten, die strahlend weißen Zähne in seinem wunderschönen Gesicht, die nassen Haare die wie ein schwarzer Schleier über seinen Schultern lagen – all dies war von einer solchen Vollkommenheit, dass es Marie-Helene den Atem raubte. Der weit zurückliegende Tag fiel ihr wieder ein, als sie sich mit ihrer besten Freundin Friedericke von Zengen in der Besenkammer eingeschlossen hatte. Im Schein einer Kerze hatten sie mit roten Wangen und unter verlegenem Gekicher ein dünnes Büchlein durchgeblättert, das Friederickes Onkel von seiner Griechenlandreise mitgebracht hatte. Ihre Freundin hatte es sich heimlich ausgeborgt. Athene, Artemis, Aphrodite, Hermes, Zeus, Ares, Herakles, Perseus und Achilles. Alle waren sie abgebildet. Alle vollkommen nackt! Damals hatte sie sich nicht vorstellen können, dass es tatsächlich Menschen geben sollte, die unter ihrer Kleidung so aussahen wie diese Götterstatuen. Aber als sie jetzt diesen jungen Mann vor sich sah, wusste sie, dass es doch so war. Er sah genauso aus wie die griechischen Götter in ihren Tempeln aus weißem Marmor. Nein, er war sogar noch tausendmal schöner! Denn er war lebendig. Lebendig und jung. Mit einem lauten Seufzer stützte sie ihre Ellenbogen auf die Reling und legte den Kopf in ihre Hände. „Richte dich auf Marie-Helene! Halte dich gerade! Was ist das für ein Benehmen? Willst du deinen Vater vor all diesen Wilden blamieren?“ Sie erschrak heftig, als sie die scharfe, schrille Stimme ihrer Mutter hörte. Die Röte schoss ihr in die Wangen und sofort stellte sie sich aufrecht hin. Hoffentlich hatte die Mutter nicht bemerkt, wohin sich die Augen der Tochter verirrt hatten. „Habe ich dir nicht immer und immer wieder gesagt, du sollst dich nicht ohne Schirm der Sonne aussetzen?“, setzte Madame de Slingenard ziemlich ungehalten ihre Strafpredigt fort. „Liebste Elisabeth! Es besteht kein Grund sich so zu echauffieren. Sie trägt doch den großen Strohhut. Er steht ihr übrigens ausgezeichnet. Hast du ihn ausgewählt, meine Liebe?“, kam Freiherr von Schlingenhard seiner Tochter zur Hilfe und tätschelte den Arm seiner Gemahlin, die sich sehr elegant bei ihrem Gatten eingehakt hatte. Die liebenswürdige und charmante Äußerung zeigte augenblicklich Wirkung. Der Blick der Freiin wurde milder. „Fürwahr! Unsere Tochter sieht liebreizend aus! Genau wie es sich für eine junge Baronesse geziemt.“ Huldvoll lächelnd schritt sie an der Seite ihres Mannes über das Deck. „Es war eine große Ehre für mich, Sie nach Samoa bringen zu dürfen, gnädige Frau Baronin“, sagte Kapitän Gustafsson, als Elisabeth von Schlingenhard sich von ihm verabschiedete. „Die ‚Kläre-Auguste‘ bleibt noch eine Woche hier, ehe wir wieder zurück nach Hamburg schippern. Sie können uns gerne ihre Post mitgeben.“ „Danke, Kapitän. Grüßen Sie mir die alte Heimat.“ „Herzlich gern, Madame“, antwortete er mit einer galanten Verbeugung. Freiherr von Schlingenhard blickte seine Frau aufmunternd an. „Nun, meine Liebe! Der Große Matai Malietoa Tanumafili hat mir die Ehre erwiesen, mich in seinem Boot herbringen zu lassen. Es wäre höchst unhöflich jetzt nicht mit ihm zurückzufahren. Und er erwartet sicherlich, dass du mich begleitest.“ Madame de Slingenard zog ihre rechte Augenbraue indigniert in die Höhe, hob die Lorgnette und musterte das Boot, auf das ihr Mann zeigte von vorne bis hinten. Ebenso die Insassen. Danach ließ sie die Lorgnette sinken und sah ihren Mann höchst missbilligend an. „Kapitän Gustafsson hat mir bereits zugesagt, dass wir von einem der Beiboote der ‚Kläre-Auguste‘ an Land gebracht werden.“ „Aber Liebes, so versteh doch. Es wird erwartet! Es könnte als Affront aufgefasst werden, wenn ich nur alleine bei ihm einsteige.“ „Friedrich August! Die Sonne muss dir die Sinne vernebelt haben. Du erwartest doch wohl nicht von mir, dass ich mich in diese winzige Nussschale zu diesen Kannibalen setze? Auf gar keinen Fall!“ Sie sah ihren Mann mit einem Blick an, der keinerlei Zweifel aufkommen ließ, dass dies ihre endgültige Entscheidung war, von der sie sich auf keinen Fall und unter gar keinen Umständen würde abbringen lassen. Marie-Helene sah den resignierten Blick ihres Vaters. Das war ihre Chance! „Papa! Ich könnte dich ja begleiten“, sagte sie höflich und ein kleines schüchternes Lächeln huschte über ihr Gesicht, weil sie ganz genau wusste, dass ihr Vater diesem Blick nicht widerstehen konnte. „Kommt nicht in Frage!“, fuhr ihre Mutter empört dazwischen. „Ein junges unschuldiges Mädchen zwischen lauter Wilden. Das ist einfach unerhört.“ Ihr Vater straffte die Schultern und Marie-Helene wusste, dass sie gewonnen hatte. „Bei aller Liebe. Aber was sollte daran unschicklich sein, wenn eine junge Dame ihren Vater bei einem politisch wichtigen öffentlichen Auftritt begleitet.“ Und an Marie-Helene gewandt fügte er hinzu: „Mein Fräulein, es wird mir eine Ehre sein, dich in deine neue Heimat begleiten zu dürfen.“ Madame de Slingenard gab sich geschlagen. Denn obwohl es nach außen hin oft nicht den Anschein hatte, waren auch im Hause Von-Schlingenhard die Rollen klar festgelegt und sie wusste genau wann es besser war nachzugeben. Marie-Helene verabschiedete sich von Kapitän Gustafsson. Er drückte lang und fest ihre Hand. Als er ihr leise zuflüsterte „Wird schon werden“ huschte ein verschwörerisches Grinsen über sein Gesicht. „Danke für Alles“, sagte sie herzlich und wandte sich zum Gehen. Da sah sie hinter einer hölzernen Kiste einen alten Bekannten hervorlugen. Sie ging in die Hocke und zog ihr seidenes Sonnenschirmchen hervor. Als sie ihren Vater umarmte, hatte sie das lästige Ding einfach fallen lassen. Der Wind musste es quer über das Deck bis zu der Kiste geweht haben. Sie klappte den Schirm zu. Einer plötzlichen Eingebung folgend ging sie zu Kapitän Gustafsson und gab ihm den Sonnenschirm. „Der ist für Sie. Ich brauche ihn nun nicht mehr“, sagte sie mit fester Stimme. Schmunzelnd sah ihr der Kapitän nach, wie sie aufrecht und mit erhobenem Haupt zu ihrem Vater ging, der an der Reling auf sie wartete. „Viel Glück!“, murmelte der Seemann und wandte sich wieder seinen Aufgaben zu. „Möchtest du nicht warten, bis der Transportsitz soweit ist?“, fragte ihr Vater. Auf gar keinen Fall wollte sie mit dieser albernen Schaukel zu dem Boot hinuntergelassen werden, das jetzt direkt neben dem Rumpf der ‚Kläre-August‘ im Wasser lag. „Aber Papa! Wie sähe denn das aus, wenn die Tochter des Leiters der Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft wie ein Überseekoffer abgeseilt würde? Glaubst du vielleicht, ich hätte nicht genügend Schneid um an der Strickleiter nach unten zu klettern?“ Sie kannte die Schwächen ihres Vaters genau. ‚Ein aufrechter Preuße muss in jeder Lebenslage seinen Mann stehen und seinem Land Ehre machen‘ war einer seiner Lieblingssprüche. Und sie wollte ihm beweisen, dass er sich ihrer nicht zu schämen brauchte. „So ist’s recht meine Kleine“, sagte Friedrich August und der Stolz auf seine Tochter schwang deutlich in seiner Stimme mit. Er trat an die Reling. „Tafa’ifa Malietoa Tanumafili darf ich dir meine Tochter Marie-Helene vorstellen. Wenn du es erlaubst wird sie uns zum Ufer zurückbegleiten.“ Erwartungsvoll sah er zu dem würdevollen Mann im Boot hinunter. Ein kurzer musternder Blick streifte Marie-Helene. Der Mann nickte zustimmend und erstarrte dann wieder zur bewegungslosen Statue. Freiherr von Schlingenhard schwang sich über die Reling und kletterte an der Strickleiter zum Auslegerboot des Großen Matai hinunter. Marie-Helene atmete einmal tief durch und tat es ihrem Vater nach. Dabei achtete sie peinlich genau darauf, dass sie sich nicht in ihren langen Röcken verhedderte. Das war gar nicht so einfach, da ja die Männer im Boot unter ihr auf gar keinen Fall einen Blick auf ihre langen Unterhosen erhaschen sollten. Aber auch diese letzte Hürde auf dem Weg in eine neue, aufregende Zukunft meisterte sie sehr gekonnt. Hochaufgerichtet und mit geradem Rücken - ihre Mutter konnte wirklich stolz auf sie sein - ließ sich auf dem hölzernen Sitzbrett vor ihrem Vater nieder. Die Männer vor ihr tauchten die Paddel ins Wasser und manövrierten gekonnt das Auslegerkanu vom Rumpf der ‚Kläre Auguste‘ weg. Marie-Helene drehte sich noch ein letztes Mal zu dem Schiff um, das ihr in den vergangenen Wochen eine Heimat, aber auch gleichzeitig ein Gefängnis gewesen war. Kapitän Gustafsson stand an der Reling und salutierte. Sie hob zum Abschied grüßend die Hand. Dann wandte sie ihren Kopf nach vorn. Marie-Helene wollte ab sofort nicht mehr zurück schauen. Nur noch nach vorne sollte ihr Blick gehen. Die Paddel wurden mit kurzen kräftigen Bewegungen ins Wasser getaucht und das Boot flog richtiggehend über das Wasser. Ihrem neuen Zuhause entgegen! Ihr Herz schlug schneller. Die Wangen röteten sich im Fahrtwind. Sie schloss die Augen und fühlte die feinen Wassertröpfchen auf ihrem Gesicht, die sich bei jedem Auftauchen von den Paddeln lösten. Tief atmete sie die würzige, salzige Luft ein. Oh ja! Die Zukunft würde ein einziges großes Abenteuer sein. Sie öffnete wieder die Augen. Unmittelbar vor ihr saß der Junge, der sich von der Rah der ‚Kläre Auguste‘ ins Meer gestürzt hatte. Mit kräftigen und gleichzeitig unglaublich geschmeidigen Bewegungen tauchte er sein Paddel ins Wasser. Fasziniert beobachtete sie, wie sich das Wasser aus seinen nassen Haaren in dünnen Rinnsalen einen Weg über seinen nackten gebräunten Rücken suchte. Fast hätte sie dem spontanen Drang nachgegeben, ihre Hand auszustrecken und mit den Fingerspitzen vorsichtig das Wasser aufzutupfen. Aber sie beließ es dabei die winzigen Bäche mit den Augen zu verfolgen, bis sie im Bund seines farbenfrohen Hüfttuchs verschwanden. Plötzlich wurde sie sich der Unschicklichkeit ihres Tuns bewusst und sie richtete ihren Blick schnell wieder nach vorn. Die ohnehin schon lebhafte Farbe ihrer Wangen vertiefte sich merklich, als ihr klar wurde, dass sie den jungen Mann nun schon zum zweiten Mal so überaus ungebührlich betrachtet hatte. „Jetzt hast du gleich wieder festen Boden unter den Füßen“, sagte ihr Vater, als das Kanu mit der Spitze auf dem feinen Sand des Strandes zur Ruhe kam. Er stand hinter ihr im Boot und war ihr beim Aufstehen behilflich. Nur der vordere Teil des Bootes lag auf dem Trockenen und Marie-Helene überlegte, wie sie wohl trockenen Fußes an Land kommen sollte. Einer der Männer stand neben ihr im Wasser und streckte ihr die Arme entgegen. Fragend sah sie über die Schulter hinweg ihren Vater an. Dieser lächelte und nickte ihr aufmunternd zu. Auch der Mann im Wasser schien dies bemerkt zu haben. Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern fasste er sie um die Taille, nahm sie auf die Arme und trug sie ans Ufer. Mit einem breiten Grinsen stellte er sie vorsichtig in den weichen weißen Sand. Marie-Helene wusste im ersten Augenblick gar nicht so recht, wie sie reagieren sollte. Sie nickte und murmelte verlegen „Danke!“ Das Grinsen des Mannes wurde noch breiter als er sich ebenfalls verbeugte. Zum Glück war ihr Vater jetzt auch aus dem Boot gestiegen. Gemeinsam mit dem würdevollen Mann kam er zu ihr. „Marie-Helene, ich möchte dir den Großen Matai Malietoa Tanumafili vorstellen. Er ist der tafa’ifa der Insel. Bei uns würde man sagen: Er ist der König von Samoa.“ Als wohlerzogene Baronesse wusste sie sehr wohl, wie sie sich bei einem so feierlichen Anlass zu verhalten hatte. „Es ist mir eine große Ehre Ihre Bekanntschaft machen zu dürfen“, sagte sie liebenswürdig. Sie trat einen Schritt zurück um der hochgestellten Persönlichkeit, wie es sich gehörte, mit einem tiefen Knicks die angemessene Referenz erweisen zu können. Dabei übersah sie jedoch, dass sie sich wochenlang auf einem schwankenden Schiff aufgehalten hatte. Darüber hinaus waren ihre Schnürstiefel mit den fünf Zentimeter hohen Absätzen auch nicht das geeignete Schuhwerk für den mehlfeinen Sand. Marie-Helene hatte plötzlich das Gefühl, der ganze Boden bewege sich wie wild unter ihren Füßen. Sie wankte hin und her und versuchte verzweifelt das Gleichgewicht wieder zu erlangen. Um ein Haar wäre sie der Länge nach in den Sand gefallen. Aber ein kräftiger Arm legte sich um ihre Taille, eine warme Hand ergriff die ihre und hinderte sie daran, ihren armen Vater aufs Äußerste zu blamieren. „Wenn man lange auf See war, ist es am Anfang schwierig, wieder auf festem Boden zu stehen.“ Die Stimme war weich und melodisch. Marie-Helene blickte zur Seite um zu sehen, wer ihr im wahrsten Sinne des Wortes so tatkräftig unter die Arme gegriffen hatte. Ihr Blick fiel auf zwei schwarze Augen, die sie neugierig und auch ein wenig belustigt anschauten. Es war der Junge aus dem Boot. Ihr Herz schlug so laut, dass sie glaubte alle am Strand müssten es hören. „Herzlichen Dank für Ihre Hilfe“, stammelte sie. „Ich hatte tatsächlich das Gefühl, als würde sich alles um mich herum bewegen. Aber ich glaube ich kann jetzt wieder alleine stehen“, fügte sie hinzu und löste sich aus dem Griff des jungen Mannes. Dann versuchte sie es noch einmal. Diesmal gelang Marie-Helene ein formvollendeter Knicks, der jeder preußischen Prinzessin zur Ehre gereicht hätte. Das weitere offizielle Begrüßungsprogramm verlief dann aber ohne peinliche Zwischenfälle. Ihr Vater reichte ihr seinen Arm und Marie-Helene hakte sich dankbar bei ihm unter. Alle wichtigen Leute der Insel waren an den Strand gekommen. Die deutschen Plantagenbesitzer, die Mitarbeiter der Plantagengesellschaft, ein Beamter der deutschen Überseeverwaltung und der Leiter der Missionsstation. Freiherr von Schlingenhard stellte sie der Reihe nach vor, aber Marie-Helene war so aufgeregt, dass sie sich keinen einzigen Namen merkte. Sie versicherte zwar jedesmal freundlich, wie erfreut sie wäre die Person kennen zu lernen, aber im Grunde waren ihr diese Leute vollkommen gleichgültig. Viel lieber hätte sie die am Strand versammelten Samoaner kennengelernt. Diese interessierten sie deutlich mehr, als irgendwelche langweiligen Überseehändler und Verwaltungsbeamte. Sie unterschieden sich kein bisschen von ihren Kollegen in Hamburg, die häufig im Hause Schlingenhard zu Gast gewesen waren und Marie-Helene bei unzähligen Mittagessen mit ihren immer wiederkehrenden Themen unsäglich gelangweilt hatten. Aber anscheinend waren die einheimischen Bewohner Samoas nicht offizieller Bestandteil des Begrüßungskomitees. Und so blieb der Große Matai vorläufig der einzige Samoaner, der ihr vorgestellt wurde. Sie bedauerte das sehr. Hätte sie doch nur zu gerne gewusst, wer der junge Mann war, der so spontan seinen Arm um sie gelegt hatte. Seinen Namen hätte sie bestimmt nicht wieder vergessen.
Eine dicke grün schimmernde Schmeißfliege krabbelte an der weißen Säule des Terrassengeländers nach oben. Marie-Helene beobachtete gespannt, wie sie sich langsam aber stetig dem kleinen Gecko näherte, der geduldig auf der anderen Seite der gedrechselten Säule auf seine Beute wartete. Eine blitzartige Bewegung des kleinen Jägers, die Zunge schnellte in einem Bruchteil einer Sekunde nach vorn und die Fliege verschwand im Maul des Geckos. Wenn Marie-Helene genau hinhörte, konnte sie sogar das genüssliche Schmatzen der kleinen Echse hören. „Marie-Helene! Hör auf zu träumen. Frau von Schwenger hat dich etwas gefragt.“ Die vorwurfsvolle Stimme ihrer Mutter riss Marie-Helene aus ihrer Betrachtung. Der kleine Gecko verschwand und das leise Rascheln des Laubs verriet ihr, dass er sich im dichten Gebüsch in Sicherheit gebracht hatte. Ach wie gerne hätte sich Marie-Helene ebenfalls in den Büschen versteckt! Mit einem kaum hörbaren Seufzer wendete sie sich wieder der dicken Matrone zu, die wie eine fette, aufgeblasene Truthenne auf dem Stuhl neben ihr saß. „Pastor Rieflein sagt, er sei mit meinem Klavierspiel sehr zufrieden und meine Fortschritte seien ganz beachtlich. Besonders meine Bach-Kantaten hätten es ihm angetan. Er meinte kürzlich, ich könnte beim Nachmittagstee des Nähkränzchens einige meiner neu erlernten Stücke vortragen.“ Marie-Helene lächelte artig und nippte gekonnt an ihrem Tee. „Was für eine reizende Idee!“ rief Marianne von Schwenger, die Säule des gesellschaftlichen Lebens der deutschen Kolonie, voll Begeisterung. „Die Damen des Kränzchens werden entzückt sein.“ Sie fächelte sich mit einem großen weißen Spitzenfächer unablässig Luft zu. Aber außer dass sich einige feine Strähnchen aus der aufwendig toupierten Hochsteckfrisur lösten und keck in alle Richtungen standen, zeigten ihre Bemühungen keinerlei Wirkung. Viele kleine Schweißperlen auf ihrer wulstigen, von einem leichten Damenbärtchen verunzierten Oberlippe zeugten von den Qualen, die das tropische Klima Frau von Schwenger bereitete. Das kleine Spitzentaschentuch in der behandschuhten Linken wurde eifrig zum Abtupfen benutzt und hatte mittlerweile schon ziemliche Ähnlichkeit mit einem nassen Spüllappen. ‚Sie sollte einfach die Handschuhe und das Korsett weglassen und ein Kleid ohne Stehkragen und mit kurzen Ärmeln wählen‘, überlegte Marie-Helene. Aber vielleicht würde es auch helfen, wenn sie einfach dreißig Kilo abnahm. Dieser Gedanke war so erheiternd, dass Marie-Helene ein Kichern nicht unterdrücken konnte. Der strafende Blick ihrer Mutter veranlasste sie, das Gekicher hinter einem kleinen Hustenanfall zu verbergen. „Entschuldigen Sie bitte“, stammelte sie „ich habe mich verschluckt.“ „Ich sage es immer und immer wieder: Die jungen Mädchen von heute kennen keine Mäßigung mehr. Selbst das Teetrinken verrichten sie hastig“, mahnte Frau Klienzel. Im Gegensatz zu Frau von Schwenger war sie dürr und hager. Das weiße Spitzenkleid hing an ihren mageren Gliedern wie die Lumpen an einer Vogelscheuche. Sie hatte eine dünne Hakennase, die wie ein riesiger Vogelschnabel aussah. Marie-Helene fand, dass sie eine erstaunliche Ähnlichkeit mit einem Marabu hatte. Aber da ihrem Mann die größte Plantage auf Samoa gehörte, musste Marie-Helene immer besonders nett und zuvorkommend zu ihr sein. „Ich werde zukünftig daran denken und mich der Mäßigung befleißigen“, sagte sie artig. Frau Klienzel nickte hoheitsvoll. „So ist es recht mein Kind. Nur wer stetig an sich arbeitet wird einmal zur Vollkommenheit gelangen. Aber bis dahin ist es für dich noch ein sehr weiter Weg. Also lasse nicht nach in deinem Eifer.“ „Ich werde stets ihrer Mahnung eingedenk sein und ihrem werten Vorbild nachzueifern trachten.“ Marie-Helenes Gesicht zeigte ein unschuldiges und dankbares Lächeln als sie im Geiste ‚du alte Gewitterziege‘ hinzufügte. Oh wie sie die beiden elenden Weiber hasste, die dreimal in der Woche auf der Von-Schlingenhard'schen Terrasse hockten, Tee tranken, sich mit Gebäck und Kuchen vollstopften und über Alles und Jeden auf der Insel herzogen! Gnadenlos zwang ihre Mutter sie dazu, an diesen furchtbaren Teenachmittagen teilzunehmen und den beiden fetten alten Kühen schön zu tun. ‚Sie haben großen Einfluss und können deinem Vater weiterhelfen‘, war die stete Mahnung ihrer Mutter. Also lächelte sie ihnen freundlich ins Gesicht, schmierte ihnen Honig ums Maul und gab all die hirnlosen, kleinen Albernheiten von sich, die man von einem wohlerzogenen Mädchen aus gutem Haus erwartete. Schon vor geraumer Zeit hatte sie gelernt, dass man nur so in das begrenzte Weltbild dieser alten Drachen passte. Immer gut zuhören. Niemals eine der allwissenden Damen unterbrechen. Unter gar keinen Umständen durfte man eine eigene Meinung haben. Schön brav musste man ihnen immer alles nachplappern, wie ein Papagei. Ein junges Mädchen war völlig außerstande ohne entsprechende Anleitung auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Es musste jederzeit demütig, bescheiden, sittsam und keusch sein. Denn nur so konnte es darauf hoffen, dass irgendwann ein junger Mann kam, der es heiraten wollte. Und das war ja nun einmal der innigste Wunsch eines jeden anständigen Mädchens. So war zumindest die gängige Meinung, die ihre Mutter und alle ihre Freundinnen und Bekannten vertraten. Marie-Helene hatte so sehr gehofft, dieses unnatürliche und gezierte Getue für immer hinter sich gelassen zu haben. Umso entsetzter war sie gewesen, als sie festgestellt hatte, dass sich für sie absolut nichts geändert hatte. Diese nervtötenden Teenachmittage hätten ebensogut in der guten Stube der Villa in Hamburg stattfinden können. Und die Damen unterschieden sich um keinen Deut von den Matronen, die schon in ihrem alten Zuhause das Sofa platt gesessen hatten. Auch die Themen hatten sich nicht geändert. ‚Hast du schon gehört?‘ fingen die meisten Gespräche an. Und mit dem vielsagenden ‚Bitte nicht vor dem Kind‘ ihrer Mutter endeten sie. Es war jedes Mal das Gleiche. Immer wenn es anfing wenigstens ein klein wenig spannend und interessant zu werden, warfen sich die Damen vielsagende Blicke zu, rollten mit den Augen, rührten mit wachsender Begeisterung in ihren Teetassen und hockten stumm da, wie ein Haufen steinerner Wasserspeier. Es war zum aus der Haut fahren. „Frau Mama! Darf ich kurz aufstehen? Ich möchte mich ein wenig frisch machen.“ Marie-Helene nutzte eine kurze Gesprächspause und sah ihre Mutter mit ihrem unschuldigsten Lächeln an. Madame de Slingenard lächelte huldvoll und entließ ihre Tochter mit einem kleinen Nicken. Langsam und gesittet wie es sich gehörte verließ Marie-Helene die Terrasse. Sobald sie sich vor den Blicken der Damen sicher wusste, raffte sie ihre Röcke und huschte auf Zehenspitzen quer durch die Diele. Leise schlich sie durch das Arbeitszimmer ihres Vaters. Die langen dünnen Stores bauschten sich vor der offenen Tür zur Terrasse. Die Teegesellschaft saß auf der anderen Seite des Hauses. Aber wenn sie nur angestrengt genug lauschte, konnte sie einige Brocken der Unterhaltung aufschnappen. Das hatte an den vergangenen Nachmittagen wunderbar funktioniert. Wenn sie nicht am Tisch saß, unterhielten sich die Damen ungeniert über genau die Dinge, die für die Ohren eines unschuldigen Mädchens ungeeignet waren. „Es ist ein Skandal! Der Mann ist völlig verkommen und amoralisch!“ Dies war die Stimme der tugendsamen Roswitha Klienzel. „Ich sage schon eine ganze Weile zu meinem Mann, dass man dieses liederliche Subjekt einfach von der Insel jagen müsste.“ „Und was sagt dein Heinrich dazu?“ Deutlich konnte man zwischen den einzelnen Worten das Schnaufen der dicken Marianne von Schwenger heraushören. „Er meint, dass dieser Flügler der beste Verwalter der Insel sei und die Plantage nicht ohne seine Unterstützung geleitet werden könne. Trotzdem finde ich das unerhört.“ „Wie lange geht das denn schon mit den Beiden?“ Marie-Helenes Mutter war noch nicht lange genug hier um bei allen Klatschgeschichten auf dem Laufenden zu sein. „Die Haushälterin von Missionar Wolter hat unserer Köchin erzählt, dass dieses Lotterleben schon ein dreiviertel Jahr dauert.“ Die Stimme von Frau Klienzel zitterte vor Empörung. „Es ist einfach entwürdigend. Wie kann ein Mann, der aus einer so alten und angesehenen Familie stammt, seinen ehrbaren Namen derart beschmutzen?“ Und so leise, dass Marie-Helene es kaum verstehen konnte, fügte sie hinzu: „Mit eigenen Augen habe ich gesehen, wie er abends in das Gesindehaus zu dieser eingeborenen Schlampe geschlichen ist.“ Beinahe hätte Marie-Helene angefangen zu kichern. Sie konnte sich gut vorstellen, wie die Klienzel sich die lange Hakennase an der Scheibe plattgedrückt hatte, damit ihr ja nicht der kleinste Schritt ihres Aufsehers entging. Leise zog sie sich von ihrem Lauscherplatz zurück. Es war höchste Zeit zur Teegesellschaft zurückzukehren um nicht den Argwohn ihrer Mutter zu erregen. Höchst befriedigt und mit einem feinen Lächeln auf den Lippen trat sie auf die Terrasse. Diese kleinen Lauschaktionen machten die öden Nachmittage wenigsten halbwegs erträglich. Und immerhin erfuhr sie auf diese Weise, die letzten Neuigkeiten der Insel.
