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"...Das Machtverhältnis hat sich verschoben und die Welt steht vor dem Untergang. Die Gunst mächtiger Feldherren war seit jeher ein Ausweg aus dem Chaos, doch dies ist nicht mehr genug. Uns fehlt die Macht, gegen Magie zu bestehen und erfolgreich das Sterben des Landes zu bekämpfen, das sich unablässlich ausbreitet..." Das Zeitalter der Kriege auf Paralos war vorüber, doch durch das Eingreifen des finsteren Gottes Sterros und seiner magiebegabten Feldherren tritt die Eigenart des Spielfeldes der Götter in Kraft. Die dunklen Feldherren verwehren der Welt Paralos das Blut der Schlachten, sodass kein Getreide auf den Feldern gedeiht. Inmitten dieses Chaos erglimmt ein Funke der Hoffnung, als die weisen Magier Acyron und Celsinas auf eine der alten Prophezeiungen des Shuarim stoßen. Die Prophezeiungen des Gleichgewichts müssen erfüllt werden, sodass das Spiel der Götter und damit die Zukunft der Menschheit gerettet wird. Der zweite Band der Paralos-Trilogie aus den Chroniken der Götterkriege
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Seitenzahl: 449
Veröffentlichungsjahr: 2016
»Das Leben, selbst des einfachsten Geschöpfes, ist es Wert zu geschützt zu werden und so diene ich der Erhaltung des Wunderbaren und Unbeschreiblichen.«
Ul, Gesandter der Latas, Göttin der Freundlichkeit
Sebastian Blunk
© 2016 Sebastian Blunk
Umschlaggestaltung, Illustration:
Carina Holtwerth
Birte Steinkamp |www.ideenbar.com
Lektorat, Korrektorat: Uwe Hollmann
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN Paperback:
978-3-7345-5869-6
ISBN Hardcover:
978-3-7345-5870-2
ISBN e-Book:
978-3-7345-5871-9
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Personen
Götter
Aitugasil
Gott der Lüfte
Baldan
Gott des Gebirges
Dovorov
Gott des Todes
Estrija
Göttin der Sterne
Ikarios
Gott des Blutes
Isape
Göttin der Hoffnung
Klamtor
Gott der Macht
Kongmao
Gott des Bärensterns
Latas
Göttin der Freundlichkeit
Mooláfà
Göttin der Reichtümer
Myrdika
Göttin der Zauberei
Pollos
Gott des Wahnsinns
Raphálàtas
Göttervater
Savascitul
Gott des Krieges
Sissália
Göttin der Natur
Sterros
Gott von Tod und Verderben
Sûtiria
Göttin der Nacht
Thalassar
Gott der Meere
Tianmao
Gott des Luchssterns
Trika
Göttin des Schicksals
Turanga
Weltenschöpfer
Ujukarz
Gott der Magie
Feldherren
Ikarios - Die Blutritter
Der Adler
Der dreiköpfige Hund
Das Krokodil
Das Schlachtross
Die Waage
Mooláfà - Die Hüter des Zolls
Fina
Der König
Tarkon
Dorn
Pozof
Sterros - Die Sterroka
Kez
Dra
Kelk
Umbra
Sal
Ujukarz - Die Hüter der Urzeit
Owal
Havira
O'ona
Enerofon
Iork
Myrdika - Die Hüter des Grals
Dregos
Falos
Veromos
Leykos
Rudon
Savascitul - Die Hilafet
Yiliz
Milik
Fikret
Eraka
Kadari
Estrija - Der rote Stern
Juna
Belon
Amiki
Peleus
Wures
Kongmao - Stern des Südens
Arkina
Hu
Reden
Logan
al'Moran
Tianmao - Stern des Westens
Guena
Valk
Ierres
Yuna
Gues
Latas – Die Gesandten
Ul
Bamia
Ran
Enor
Alina
Hauptcharaktere
Aleph
Wirt in Dan Kelsor
[Mensch]
Natalia
Heilerin in Dan Kelsor
[Mensch]
Tiberius
Hauptmann in Dan Kelsor
[Mensch]
Fellarn
Tiberius als Grenzwächter
[Mensch]
Erik
Tierheiler aus Dan Kelsor
[Mensch]
Die Elfen
Acyron
Magier der Elfen
[Elf ]
Celsinas
Magier der Schattenelfen
[Schattenelf]
Tiral
Schriftmeister
[Elf]
Irial
Elfenkind einer Legende
[Elf]
Alvia
Mutter der Irial
[Elf]
Thalas
Elfensucher
[Elf]
Colvos
Elfenschmied
[Elf]
Nebencharaktere
Taiwina
[Mensch]
Augenmerk der Götter
Shuarim
[???]
Prophet
Drugan
Zitterhand
Legendärer Zwergensäufer
[Zwerg]
Jaila
[???]
Jägerin
Herkas
[???]
Jäger
Torgas
[Mensch]
Hohepriester vom Kult des Ikarios
Neutrale Personen
Piet
[Mensch]
Junger Bauer auf einem Hof
Ruy
[Mensch]
Herrscher von Iossos
Pano
[Mensch]
Bergführer
Hurin
[Mensch]
Kommandant der weißen Königin
Zumarin
[Mensch]
Stellvetreter Hurins
Karan
[Mensch]
Alephs Leibwächter
Orfos
[Mensch]
Alephs Leibwächter
Amur
[Mensch]
Alephs Leibwächter
Vis
[Mensch]
Hauptmann vom roten Stern
Shilo
[Mensch]
Hauptmann vom Stern des Südens
Eran
[Mensch]
Feldwebel von Amos
Hanvin
[Mensch]
Anführer der Truppe des roten Sterns
Bosco
[Mensch]
Späher des Königs
Marduk
[Barbar]
Kommandant vom Stern des Südens
Jeff
[Mensch]
Bauer auf Jost
Endokles
[???]
Prophet des letzten Zeitalters
Meorin
[Mensch]
Alte Dorfmaid aus Dan Kelsor
Vel'Kanir
[Zentaur]
Schlachtenführer der Vel'Aman
Dolmin
[Mensch]
Beschwörungsmagier
Das Jahr
Ulvaron
[1. Monat]
Herbst
Andalon
[2. Monat]
Winteranfang
Termak
[3. Monat]
Tiefster Winter
Puron
[4. Monat]
Winter
Nebelon
[5. Monat]
Frühlingsanfang
Renas
[6. Monat]
Frühling
Sonnflam
[7. Monat]
Heißer Sommeranfang
Targon
[8. Monat]
Sommer
Murkis
[9. Monat]
Sommer
Wendorg
[10. Monat]
Herbst
Finsternis hatte die ewige Tiefe erfüllt. Stille und Dunkelheit waren ihre Natur gewesen. Doch Raphálàtas hatte die ewige Tiefe mit Leben erfüllt. Sein erster Sohn, Turanga, schuf Welten, die in der Stille ihren Platz fanden. So entstanden Sonnen, die die Finsternis vertrieben und die Schönheit seiner Schöpfungen unterstrichen. Andere Götter erblickten das Licht der verschiedenen Welten. Viele erhoben sich aus ihrer Saat des Göttervaters und belebten die ewige Tiefe. Das Zeitalter der Dunkelheit und Stille war vorüber, eine neue Zeit war angebrochen.
In diesem neuen Zeitalter führten die Götter Kriege untereinander, doch die Zeit, in der sie selbst kämpften, hatten sie bereits hinter sich gelassen. Feldherren kämpften an ihrer Stelle. Turanga hatte Welten erschaffen, die eigens für den Kampf der Feldherren ausgelegt waren. Große Krieger, die nur durch die Macht eines anderen Feldherren vernichtet werden konnten, befehligten die Menschen, die auf den Planeten lebten. Jene Wesen, die so vergänglich waren, wie es für die Götter kaum möglich schien.
Latas, die Göttin der Freundlichkeit, hatte die Menschen erschaffen und erfreute sich an ihnen. Sie konnten die Wesenszüge eines jeden Gottes annehmen, sei es Zorn oder Freude. Die Macht der Menschen war gering, doch sie hatten einen starken Glauben an die Götter selbst. Dieser Glaube war es, der sogar die Kraft der Götter mehrte. Die Menschen vertrauten ihrer Schöpferin, beteten andere Götter an und folgten den Feldherren in die Schlacht. Viele starben in den großen Kriegen der Welten, doch Menschen waren schnelllebig. Sie vermehrten sich rasch und ein nahezu untergegangenes Volk konnte zwischen zwei Lichtblitzen neu entstehen und erblühen. Lichtblitze waren seit jeher das Maß in der unendlichen Tiefe: Das Ereignis, bei dem zwei rasende Partikel aufeinandertrafen und ihre Energie abgaben. Etwas, das dem Göttervater vor all der Zeit Macht eingehaucht hatte.
Latas blickte oft über die Schulter der Menschen. Nicht nur großer Könige, sondern auch dem einfachen Volke. Es begab sich zu einer Zeit, dass die Göttin der Freundlichkeit auf dem Planeten Jost die Menschen beobachtete. Stets blieb sie verborgen unter dem Mantel der Unsichtbarkeit, denn ihre Präsenz ließ die Menschen erzittern. Sie spürte, wie ihre langen, blonden Haare ihren Rücken berührten. Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht dieser einmaligen Schönheit aus und wie so oft wünschte sie sich, dass die Menschen sie erblicken konnten. Würde doch bloß ihre Ehrfurcht nicht so gewaltig sein, sodass sie einem jeden Mann und einer jeden Frau ihr Antlitz zeigen konnte. Seufzend betrachtete sie ihr rotes Kleid, das so fein verarbeitet war, wie es auf keiner Welt ein Mensch herzustellen vermag. So viel Schönheit könnte sie den Menschen zeigen, ihnen die Augen öffnen und sie auf eine neue Ebene heben, doch sie musste verborgen bleiben. Für das Wohl der Menschen.
Auf Jost gab es keine Feldherren, denn es handelte sich um eine neu erschaffene Welt, auf der die Menschen dabei waren Fuß zu fassen. Die ersten Dörfer begannen sich fort zu entwickeln und es entstanden Burgen, die das Bild des Planeten änderten. Die Baumeister der weiter entwickelten Völker ließen sich für ihren Erfolg feiern, denn durch diese für diesen Planeten neuen Ideen konnten Könige und andere Führer ihr Herrschaftsgebiet erweitern. Vieles entwickelte sich auf den Planeten gleich. Die Menschen, die Latas erschaffen hatte, waren vom gleichen Ursprung und so änderte sich das Bild der Welten kaum. Lediglich durch die Eigenschaften, die Turanga dem Planeten aufzwang, gelang es eine einzigartige Bevölkerung zu schaffen. Latas kannte das Antlitz von Burgen zu genüge. Kantige Bauten aus dem Stein umliegender Berge, der nur grob behauen war. Die ersten Burgen kannten keine wahre Schönheit, denn sie waren nur für ihren Zweck gebaut worden. Sie wusste, dass sich die Bauweise der Burgen im Laufe der Jahre ändern würde. Die Baumeister der Menschen würden merken, dass ein Wehrgang auf einer Mauer ein unerlässlicher Vorteil für Verteidiger war oder dass die stärksten Mauern keinen Schutz boten, wenn nur eine einfache Holzpforte den Eingang darstellte. Kopfschüttelnd schwebte Latas über einer dieser einfachen Burgen und gluckste vergnügt. Es war so etwas Wunderbares, den Menschen beim Erschaffen einer neuen Zivilisation zuzuschauen. Was würde wohl die nächste Entwicklung sein, die dieser Welt einen ganz eigenen Hauch verleihen würde?
Latas hatte Gefallen an dem Planeten Jost gefunden. Die junge Welt war ganz anders, als beispielsweise die kriegerische Welt Paralos, die nach Blut dürstete. Die Eigenschaft von Jost war bisher einzigartig. Dem Planeten wohnte eine Kraft inne. Sie wusste nicht, wie Turanga dies geschafft hatte, aber irgendwie waren einige wenige Menschen in der Lage, die Kraft des Planeten zu nutzen, um Dinge zu schaffen, die jenseits der Vorstellungskraft des einfachen Mannes waren. Es gab nicht viele von ihnen, doch jene, die das Talent in sich trugen, waren eine Besonderheit in jedem Volk. Das eine Volk machte diese Menschen zu großen Anführern, ein anderes verabscheute diese Menschen und ließ sie jagen und hinrichten und wieder ein anderes Volk machte diese Menschen zu Sklaven des Königs, die niedere Arbeit erledigen mussten. Ein Wort verbreitete sich über Jost. Magie nannten sie es. Die Kraft einen Menschen zu übertreffen, die Kraft eines Magiers. Wenn dieser Planet seine Feldherren erhält und mit dem Spiel der Götter geehrt wird, wird sich vieles ändern. Das Spiel der Götter wird auf eine neue Ebene gehoben werden, dachte Latas. Ob ein Feldherr durch die Kraft der Magie vernichtet werden kann?, fragte sie sich weiter in Gedanken. In der Manier eines Gottes tauchte sie schnell hintereinander an verschiedenen Orten auf und betrachtete das Schauspiel der Magier. Manche, die gerade erst entdeckten, dass sie diese Kraft besaßen, erschufen mit ihrer Macht kleine Lichtkugeln, sodass Fackeln nicht mehr benötigt wurden. Andere nutzten ihre Macht, um Verletzte zu heilen. Eine wahrlich erstaunliche Welt!
Sie befand sich nun im Raum eines Herrschers. Er war das Oberhaupt eines kleinen Volkes, das die Technologie der Burgen noch nicht entdeckt und übernommen hatte. Die Magie war stark in Ruy und so hatte er sich selbst zum Anführer erhoben und seinem Land Sicherheit gebracht, als sie angegriffen worden waren. Latas mochte diesen jungen Mann, der schon so viel erreicht hatte. Aber das war nicht der einzige Grund, warum sie sich hier aufhielt. Ein Kribbeln tief in ihr gab ihr das Gefühl, dass etwas Großes passieren würde. Und dieser Mann würde im Mittelpunkt stehen.
So vergingen einige Tage, als plötzlich ein Bote eines nahen Königreichs eintraf. Das Reich Fanore fühlte sich zu Größerem auserkoren und hatte sein Herrschaftsgebiet in kurzer Zeit stark erweitert. Der Herrscher von Fanore hasste Magie und beorderte alle Menschen, die die Fähigkeit hatten Magie zu wirken, sich ihm zu ergeben. Sein Berater war ein mächtiger Magier, der alle jungen Magier verfluchte, die sich dem Reich ergaben. Der Fluch trieb die jungen Magier unter die Kontrolle des Heeres, wo sie lernten, die Magie für den Krieg zu verwenden. Sie wurden gezwungen, jeden Befehl auszuführen und so geschah es, dass diese magischen Waffen nahegelegene Reiche in kurzer Zeit unterjochten und dem Reich Fanore angliederten.
Der Bote aus Fanore zeigte nur einen knappen Respekt vor Ruy, dem Herrscher, und überbrachte die Nachricht, dass sich das Reich auflösen musste. Alle Ländereien würden an Fanore gehen und Ruy selbst sollte zu einer magischen Waffe werden. Der Bote gab Ruy nur wenige Tage Bedenkzeit, bevor das Heer einmarschieren würde, um sich das Land gewaltsam zu nehmen. Schon früher hatte Ryu Angriffe von Fanore auf das Land zurückgeschlagen, doch da waren die magischen noch nicht eingesetzt worden. Er konnte allein kaum gegen ein Heer bestehen. Latas konnte die Verzweiflung auf seinem Gesicht sehen. In seinem Kopf drehten sich die verschiedenen Möglichkeiten, doch er würde keine passable Antwort finden können. Was würde der Herrscher dieses kleinen Landes gegen das große Fanore unternehmen?
Doch er unternahm nichts. Er saß auf seinem Thron und wartete die drei Tage ab. Seine Berater brachten ihm sein Essen, stellten es vor dem Thron ab und verließen eiligst den Raum wieder. Die Sonne versank am Horizont und tauchte am nächsten Tag wieder auf, doch der Herrscher saß noch immer reglos auf seinem Thron. Als der Bote am dritten Tage zurückkehrte, lehnte Ryu das Angebot von Fanore ab. Die Göttin der Freundlichkeit war verwundert, denn sie hatte damit gerechnet, dass das Wohl des Volkes über seinem eigenen stehen würde, doch er schien sich anders entschieden zu haben. Es bestünde keine Möglichkeit für den Herrscher, die großen Armeen von Fanore zu besiegen, also blieb nur die Niederlage in der Schlacht. Doch Latas blieb an seiner Seite, auch wenn das Ende nahe war. Sie hatte noch immer das Gefühl, dass sie dort verharren musste. Sie verspürte den Drang, den Mantel der Unsichtbarkeit abzulegen und sich dem Herrscher zu offenbaren, doch sie musste stark bleiben. Andernfalls würde sie lediglich den Verstand des Herrschers vernichten.
Fünf Tage vergingen, bis er sich von seinem Thron erhob und nach Norden marschierte. Latas folgte ihm, noch immer verborgen unter ihrem Mantel der Unsichtbarkeit. Seine Füße trugen ihn bis zum letzten Haus im Norden und noch wenige Meilen weiter, bis er auf einer Wiese stehenblieb. Vor Ruy erstreckte sich das gewaltige Heer aus Fanore, das durchsetzt war von magischen Waffen, deren Präsenz Ruy spürte. Drei Reiter lösten sich aus der Streitmacht und kamen auf den Herrscher zu. Eine weiße Fahne baumelte am Sattel eines der Reiter. Offensichtlich hielten sie es kaum für nötig, die Fahne zu hissen, um über die Schlacht zu verhandeln. Zwei der Reiter trugen diese metallischen Ganzkörperharnische, die von den großen Reichen zur Zeit getragen wurden. Der dritte Reiter trug lediglich eine Lederrüstung und hielt einen Bogen fest umklammert. Er machte den Eindruck, als wollte er die Situation schnell beenden, doch das Zittern seiner Hand zeigte, dass er den Befehl hatte abzuwarten. Ein innerer Kampf für den unbekannten Schützen, den Ruy mit keinem Blick würdigte. Der Ritter auf dem weißen Schimmel brachte sein Ross schräg vor Ruy zum Stehen und betrachtete ihn abschätzig von unten bis oben. Der andere Ritter mit dem schwarzen Wallach trug zwar noch die weiße Fahne, aber hielt sie noch immer gesenkt.
»Ruy, Herrscher von Iossos. Ihr habt das Angebot einer friedlichen Übergabe ausgeschlagen und damit den Angriff der geweihten Armee gefordert.« Der Bote ließ einige Momente der Stille verstreichen, sodass Ruy Zeit hatte, vor der Armee von Fanore zu erzittern. »Ich gebe Euch hiermit die Gelegenheit, Eure Entscheidung zu überdenken, sodass Iossos in Frieden leben kann.«
»Zwei Stunden«, sagte Ruy und setzte sich im Schneidersitz auf die Wiese. Der Bote schüttelte fassungslos mit dem Kopf und nickte dann schließlich nach einigen Momenten.
»Zwei Stunden.« Die drei Reiter wendeten ihre Pferde und kehrten zurück zu ihrer Armee. Latas beobachtete, wie es sich die Soldaten aus Fanore auf der Wiese gemütlich machten. Lediglich die magischen Waffen blieben an ihren Positionen stehen und beobachteten angespannt jegliche Bewegung ihres Feindes. Der König von Fanore führte ein strenges Regime und die magischen Waffen waren stets die ersten, die bestraft wurden. So waren sie es, die die Bewachung ihres Feindes übernahmen.
Ruy bekam von alle dem nichts mit. Er wusste, dass er zwei Stunden Zeit hatte, um seinen verlorenen Posten zu räumen und sein Land an den König von Fanore zu übergeben. Doch faszinierenderweise schien er daran keinen Gedanken zu verschwenden. Latas hörte auf, über der Armee von Fanore zu schweben und kehrte an die Seite von Ruy zurück. Barfuß stand sie vor ihm im hohen Gras und blickte auf den jungen Mann, der konzentriert seine Stirn gerunzelt hatte. Was mochte nur in seinem Kopf vorgehen? Sie beugte sich herunter, sodass ihr Gesicht nur kurz vor seinem war. Latas hob eine Augenbraue und blickte fragend in das angestrengt verzogene Gesicht der Herrschers. Plötzlich öffnete Ruy die Augen und erschrocken fiel Latas rückwärts und saß vor ihm im Gras. Mit einem Mal war sie sich bewusst, dass sie seine Magie spüren konnte.
»Ich fühle dich.«, hauchte Ruy so leise, dass sie es fast nicht vernehmen konnte. Latas blickte überrascht. Er konnte nicht sie meinen, ein Mensch konnte die Anwesenheit eines Gottes nicht spüren. Sie stand auf und wollte sich das Gras vom Kleid klopfen, doch mitten in der Bewegung verharrte sie. Mit einem Lächeln ließ sie ihr Kleid verschwinden und ein blaues trat an Stelle des roten in die Welt. Zufrieden nickte sie und begab sich an die Seite von Ruy, um wieder der Armee entgegenzublicken. Den Vorfall und die Worte des Herrschers hatte sie schon fast wieder vergessen und so bemerkte sie auch nicht das Lächeln auf den Lippen des jungen Mannes.
Zwei Stunden waren vergangen und mühselig richteten sich die Soldaten aus Fanore wieder auf. Sie sahen das eher als schlechten Scherz an, denn ein einzelner Mann war nun wahrllich keine Bedrohung. Der Anführer der Armee aus Fanore ließ zehn magische Waffen vortreten. Sie stellten sich in einer Reihe auf und begannen mit langsamen Schritten auf Ruy zuzugehen.
So erhob auch Ruy sich wieder und blickte den Männern entgegen. Er hatte bereits viel von magischen Waffen gehört, doch hatte er nie einer im Kampf gegenüberstehen müssen. Man hörte allerlei furchterregende Geschichten darüber, dass diese Männer und Frauen nur dafür ausgebildet wurden, um mit ihrer Magie zu töten und keine andere Magie beherrschten. Ruy, der selbst viele Arten der Magie beherrschte, konnte sich kaum vorstellen, dass diese Gerüchte stimmen sollten, doch er wusste auch, dass man sich vor diesen Kriegern in Acht nehmen musste.
Latas spürte plötzlich wieder die Magie in Ruy und bemerkte, dass sie in ihm wuchs. Er bereitete einen Zauber vor. Auf diese Distanz? Die magischen Waffen waren immer noch ziemlich weit entfernt. Vielleicht die doppelte Entfernung eines Bogenschusses. Was hatte er nur vor? Mit einem Mal spürte die Göttin der Freundlichkeit ein Ziehen und sie riss die Augen auf. Das Ziehen verstärkte sich und die Magie in Ruy erbebte förmlich. Über der Armee von Fanore sammelte sich eine kreisende Scheibe aus weißem Licht, die mit jeder Sekunde größer wurde. Die ersten Soldaten blickten panisch nach oben und auch die magischen Waffen waren stehengeblieben und blickten zurück auf die Scheibe aus purem Licht. Die kreiselnde Bewegung wurde schneller und das Licht schien noch intensiver zu werden, sodass die ersten Soldaten ihre Waffen fallen ließen, doch dafür war es bereits zu spät. Plötzlich hielt die Scheibe an und einer Säule gleich bohrte sich das Licht von der Scheibe aus in den Boden. Die gesamte Armee von Fanore wurde von dem Licht verschluckt. Nur die magischen standen außerhalb dieses Schauspiels, mussten aber die Augen vor der Helligkeit diesen Angiffs verschließen.
Nach einer Weile klärte sich die Säule auf und verschwand ebenso plötzlich, wie sie aufgetaucht war. Die Armee des Königs von Fanore war verschwunden. Entsetzen war in den Zügen der zehn magischen Waffen zu sehen, die ungläubig dorthin starrten, wo noch eben die Armee gestanden hatte. Latas hörte das Schluchzen von zwei Frauen der magischen Waffen und ein Mann war zusammengebrochen und wirkte, als wäre sein Verstand zerstört worden. Die anderen diskutierten wild durcheinander und einige begannen zu schreien. Einige Male blickten sie zu Ruy und entschlossen sich dann fortzulaufen. Schmunzelnd bemerkte Latas, dass sie nicht in Richtung Fanore liefen, denn sie konnten sich sicher sein, dass der König ein solches Versagen nicht ungestraft verstreichen lassen würde. Doch wahrscheinlich würde der magische Zwang sie irgendwann zurück zum König und seinem Heer treiben, sodass sie ihre Strafe finden würden.
»Ich danke Euch, Unbekannte«, hauchte Ruy und brach neben Latas zusammen. Seine Augen waren bereits geschlossen und sein Brustkorb hob und senkte sich schneller als gesund sein musste. Latas blickte besorgt auf den jungen Herrscher hinab. Dieser Magier hatte tatsächlich die Macht eines Gottes angezapft und mit seiner Magie verbunden. Das Resultat war gewaltig. Er hatte die Existenz einer ganzen Armee ausgelöscht, ohne dass etwas von der Umgebung zerstört worden war. Irgendwie musste es Ruy gelungen sein, ihre Anwesenheit zu spüren und eine Verbindung mit ihr einzugehen. Doch diese Verbindung war eher etwas Parasitäres gewesen, denn sie hatte es nicht gespürt und auch nicht zugelassen. Ein Hustenkrampf durchschüttelte den Körper des Herrschers und Latas blickte auf ihre Hände. Natürlich könnte sie diesen Mann retten, aber das war nicht ihre Aufgabe. Latas war die Göttin der Freundlichkeit, sie würde Freude unter Menschen und Göttern säen, aber keine Wunder vollbringen und Gutes tun. Schließlich war sie nicht der Widersacher von Sterros, dem Gott des Bösen. Allein bei dem Gedanken, sich dem Finsteren in den Weg zu stellen, schüttelte es sie. Traurig blickte sie auf Ruy herab und eine Träne sammelte sich in ihrem Augenwinkel.
Unter ihren Augen verstarb Ruy, der Herrscher von Iossos, der sein Land verteidigt hatte und dabei sein Leben ließ. Vermutlich würde innerhalb kurzer Zeit das Königreich Fanore einen noch größeren Angriff beginnen und damit das ganze Reich vernichten, doch für diesen Augenblick hatte er Iossos gerettet. Vielleicht war sein Lehrling ja zu den gleichen Kunststücken in der Lage, doch irgendwie bezweifelte Latas dies. Gerade hatte die unendliche Tiefe ein erstaunliches Geschöpf verloren und vermutlich war sie die einzige, die sich dessen bewusst war.
»Wir können so nicht weitermachen!«, beendete Latas ihre rührende Rede, doch die anderen Götter wirkten eher gelangweilt. Klamtor, der Gott der Macht, gähnte herzhaft, während Aitugasil und Thalassar sich leise unterhielten. Raphálàtas laute Stimme donnerte durch das Säulengebäude, in dem sie den Rat der Götter abhielten.
»Zeigt Respekt vor eurer Schwester!« Einige Götter zuckten zusammen, da sie nicht mal bemerkt hatten, dass Latas ihre Rede beendet hatte.
»Göttervater, das ist lächerlich. Ich verstehe nicht mal, warum wir uns dafür überhaupt versammeln mussten«, sagte Savascitul angesäuert.
»Zwei Götter haben den Rat einberufen und Ihr habt zu folgen. So war es seit jeher.«, sagte Raphálàtas mit beherrschter Wut. »Außerdem ist es nicht an dir zu entscheiden, ob ein Antrag überflüssig ist oder nicht. Wir sind hier um zu diskutieren.«
»Welcher Gott hat dir seine Macht geliehen, um diesen Rat einzuberufen, Latas?«, fragte Trika belustigt. Latas senkte ihr schönes Haupt und lief rot an. Trika, die Göttin des Schicksals, die es vermochte, die Schicksalsflüsse zu vermischen und damit das Schicksal eines Menschen zu verändern, strahlte stets eine ungeheuerliche Macht und Autorität aus. Das lange schwarze Kleid stand ihr wieder ausgesprochen gut, mit ihrer hellen Haut und den vollen, blutroten Lippen. Das schöne Gesicht, eingerahmt von schwarzem Haar, konnte eine Kälte ausstrahlen, die auch andere Götter verzagen ließ.
»Es war meine Macht«, sagte Isape, die Göttin der Hoffnung. Gelächter ertönte in der Halle und selbst Raphálàtas griff nicht ein. Er hielt eine seiner gewaltigen Hände vors Gesicht und jeder konnte für sich selbst entscheiden, ob der Vater aller Götter gerade selbst belustigt war oder sich für seine Kinder schämte.
»Die Göttin der Hoffnung. Hoffnung für die Zukunft der Menschen?«, sagte Klamtor höhnisch.
»Niedlich!«, stieß Savascitul lachend aus. Ein lautes Räuspern des Göttervaters brachte die Götter wieder zur Raison. Sie mussten tatsächlich diese Angelegenheit diskutieren. Der Göttervater fasste noch einmal für jene zusammen, die es versäumt hatten, den Ausführungen der Göttin der Freundlichkeit zu lauschen.
»Eure Schwester steht vor euch mit der Bitte, das Spiel der Götter zum Wohle der Menschheit der verschiedenen Welten zu beenden. Sie appelliert an das Mitgefühl ihrer Schwestern und Brüder.« Stille kehrte nach diesen Worten im Saal der Götter ein. Der Göttervater ließ einige Momente verstreichen und blickte jedem Gott einzeln in die Augen. Es wurde eine Abstimmung verlangt und jeder Gott musste sich der Verantwortung gegenüber seinen Mitgöttern und der unendlichen Tiefe bewusst werden. Die fordernden Augen des Göttervaters lösten Unbehagen bei vielen aus, doch alle blieben standhaft und erwiderten den Blick ihres Schöpfers. »Es ist eine Abstimmung verlangt. Soll das Spiel der Götter beendet werden, sodass die Menschheit sich entwickeln kann? Stimmt ab, wie ihr es seit jeher getan habt und hüllt euch in das Kleid eures Gemüts durch die Macht, die ich euch gab und die Macht, die euch über das einfache Volk hebt«, beendete er seine Ansprache mit dem heiligen Wort des Rates der Götter. Alle Götter erhoben sich von ihren Sitzen und blickten auf den Schrein im Mittelpunkt des Saals, der zur Einberufung des Rates verwendet worden war. Nach und nach schloss jeder Gott die Augen und ergab sich der einen Macht, die der Göttervater ihnen eingepflanzt hatte. Bereits nach einigen wenigen Momenten flammte eine Art roter Dampf um die Götter auf.
Der Göttervater erhob sich über alle und schwebte über ihren Köpfen. Er verzog sein Gesicht zu einer finsteren Miene, was lediglich bedeutete, dass er zählte. Latas und Isape standen in der Mitte am Schrein und warteten auf das Ergebnis ihres Göttervaters. Beide schloss ein grünlicher Dampf ein.
»Die Götter haben entschieden«, begann Raphálàtas die rituellen Worte und alle Götter öffneten ihre Augen erneut und der Dampf erlosch. »Es stimmten zwei Götter für die Abschaffung des Spiels der Götter. Die übrigen Götter stimmten dagegen.« Man konnte die Enttäuschung auf dem Gesicht von Latas sehen und Isape sprach tröstende Worte.
»Die Götter haben entschieden«, endete der Göttervater und die anderen Götter nickten. Die ersten Götter begannen zwischen den Säulen zu verschwinden und nur wenige blieben, um sich zu unterhalten. Kaum ein Gott verweilte gern unter den Säulen, weil es ein Zwang für die sonst so freien Götter war. Nur mit viel Geschick und großer Macht war es möglich, sich dem Ruf zum Rat der Götter zu entziehen.
»Und ich habe so gehofft, dass ich wenigstens einige schützen kann«, sagte Latas traurig.
»Warum verlangt es dir so sehr danach, diese Geschöpfe zu beschützen, die nicht einmal die Dauer zwischen zwei Lichtblitzen überleben?«, fragte Thalassar, der Gott des Meeres ein wenig nachdenklich. Latas hatte schon während der Abstimmung das Gefühl, dass Thalassar sehr unentschieden war, als würde er etwas verbergen.
»Die Menschen sind wie alle Götter. Sie haben viele Schwächen, aber auch ihre Stärken. Sie können Gefühle empfinden, ebenso wie wir. Und manche Menschen sind es wert, dass sie weiterleben.«
»Du wolltest das Spiel der Götter beenden, damit ein Mensch diese kurze Zeitspanne überleben kann?«, fragte der Gott des Meeres ungläubig.
»Die Menschen vermehren sich geschwind. Außergewöhnliche Geschöpfe geben ihre Lehren an die Kinder weiter und verbreiten, was sie fühlen und wissen. Ein ganzes Volk kann sich nach einer Person formen.«
»Du sprichst einen wahren Kern an, doch auf unsere Weise überleben nur die Stärksten und die Welt wird ebenso geformt. Nur auf eine andere Weise.« Latas blickte zu Boden, doch plötzlich legte Isape ihr eine Hand auf die Schulter. Sie hatte nicht bemerkt, dass die Göttin der Hoffnung näher getreten war.
»Du musst auch Thalassar recht geben. Die Menschen formen ihr Volk. Auf die eine oder andere Weise.«
»Doch existieren jene, die nicht sterben dürfen«, hauchte Latas und die anderen beiden Götter blickten sie fragend an.
»Welcher Mensch ist so wichtig, dass er nicht sterben darf? Selbst die größten Könige sterben zu einer Zeit und eben größere oder grausame folgen auf den Thron. Die Faszination der Kurzlebigkeit ist doch der Reiz, der unserem Spiel Würze verleiht«, erklärte Thalassar.
»Ich sah...«, begann Latas, doch stockte dann. Sie blickte in die Gesichter der beiden anderen Götter und lächelte dann traurig. »Es spielt keine Rolle, was ich sah. Es gibt jene, die es wert sind zu überleben«, sagte sie entschlossen. Die Göttin der Hoffnung lächelte. Sie trat einen Schritt zurück und ein weißes Licht umgab sie. Ihr gelbliches Kleid mit den durchsichtigen Blumenmustern begann von innen zu strahlen, sodass die anderen beiden Götter nur lächeln konnten.
»Es ist die Hoffnung, die den Menschen Stärke und Vertrauen gibt«, sagte Isape feierlich und das Strahlen wurde noch stärker.
»Ab und an lege ich den Mantel der Unsichtbarkeit auf den Welten ab und gebe einem verloren geglaubten Mann neue Kraft durch das Licht der Hoffnung. Und ab und an schafft es ein solcher Mann zu überleben und zu neuer Stärke zu finden.«
»Wahrlich die Göttin der Hoffnung«, hauchte Thalassar nickend und konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.
»Doch ist es meine Erscheinung, die den Menschen den Verstand raubt. Wenn ich den Mantel ablege, bleibt kaum etwas von der einstigen Helligkeit des Geschöpfs übrig«, sagte Latas leise und blickte erneut traurig zu Boden.
»Es ist nicht mein Weg, der deinen Zielen neues Licht verleiht, sondern dein eigener, den du finden musst. Das Licht der Hoffnung strahlt in mir und meine Gestalt schenkt ein letztes Lächeln vor dem Tode oder neue Kraft zur Erlangung alter Stärke.«
»Auch ich lege den Mantel zu manchen Zeiten ab«, sagte Thalassar stolz. »Doch verändere ich meine Gestalt zu einem Wesen der Meere und Ozeane, das gewaltige Macht verkörpert und von vielen Meeresvölkern als der König des Meeres gesehen wird. Auch ich gebe auf diese Weise neue Stärke an die Kinder. Auch wenn es nicht die Menschen sind, sondern Wasservölker, die nach dem Vorbild meiner Feldherren entstanden sind, so sind doch viele Eigenheiten ähnlich.« Latas verzog das Gesicht bei dem Gedanken an ein schreckliches Meeresungeheuer und lächelte dann schief.
»Mein Weg wird nicht der des fallenden Mantels sein. Ich werde ihn stets tragen, sodass ich niemanden zerstöre. Es muss für mich einen besseren Weg geben, der es mir ermöglicht meinen Willen durchzusetzen.«
»Die Göttin der Freundlichkeit sucht einen eigenen Weg, doch liegt das Attribut so nahe an der Hoffnung«, fügte Isape nachdenklich an.
»Einen Weg, der den Mantel heiligt. Du solltest ein Beschützer sein«, sagte Thalassar mit einem Nicken.
»Ein Beschützer?« Latas wirkte nicht sonderlich überzeugt, doch ihr Gesicht hellte sich plötzlich auf. »Ich habe eine Idee, die mein Attribut unterstreicht und den Mantel heiligt.« Sie machte zwei Schritte und blieb dann stehen. Mit einem Grinsen drehte sie sich um.
»Ich werde Feldherren brauchen«, und dann war sie verschwunden.
Jost blieb eine einfache Welt und die Götter hatten noch immer nicht ihr Spiel begonnen. Es war einige Zeit vergangen, als Latas der Schlacht von Ruy und dem Königreich von Fanore beigewohnt hatte.
Tief im Osten erstreckte sich ein gewaltiges Felsmassiv, das eine Abgrenzung zwischen verschiedenen Regionen darstellte. Bisher war es noch keinem Geschöpf der Menschen gelungen, das Felsmassiv zu überqueren, sodass die verschiedenen Völker, die auf den jeweiligen Seiten aufwuschen, nichts voneinander wussten. Auf der anderen Seite des Felsmassivs hatte sich ein kundiger Bergführer auf den Weg gemacht, einen Pfad durch das Gebirge zu erkunden, denn es hielt sich das hartnäckige Gerücht, dass große Reichtümer auf der anderen Seite warten würden.
Seine Hände waren in dicken Handschuhen eingewickelt, sodass er Mühe hatte, seinen Schal zu greifen, um ihn wieder ein Stück höher zu schieben, um sein Gesicht zu schützen. Der eisige Wind biss an seinen Wangen und er verzog das Gesicht. Pano wusste, dass er aus dem Sturm gelangen musste, um eine Chance aufs Überleben zu haben. Mühselig stapfte er einige weitere Schritte durch den hohen Schnee und hob eine Hand an die Augenbrauen. Er trug seine Schneebrille, die ihm vor der Schneeblindheit schützen sollte, doch nun hinderte sie ihn daran, ein vernünftiges Versteck zu finden. Seine Augen suchten die Umgebung ab, aber er konnte keine Felsspalte oder Ähnliches entdecken, wo er sich bis zum Ende des Sturms verbergen konnte. Nach zwei weiteren Schritten brach sein rechter Fuß durch eine kleine Eisschicht, sodass er unerwartet tief trat und dabei ins Stolpern geriet. Mit beiden Händen voran stützte er sich im Schnee ab und blieb eine Weile keuchend auf einem Knie sitzen. Die Kälte machte sich immer mehr bemerkbar und so raffte er sich keuchend wieder auf.
Pano war ein erfahrener Mann, der schon viele Handelszüge durch Gebirge geschafft hatte und er hatte auch schon Wege durch tiefen Schnee gefunden, doch dieser Gebirgszug raubte ihm die Nerven. Es gab keine Karten oder Wege für dieses Gebirge, sodass er sich auf seinen Instinkt verlassen musste. Er atmete einmal tief durch und blickte dann dorthin, wo sein Fuß eingesunken war. Mit dem anderen Fuß schob er den Schnee von der Eisschicht und versuchte sich ein Bild davon zu machen. Er hatte eine Höhe erreicht, wo das Gebirge etwas ebener wurde, fast wie ein Plateau, bevor es wieder steil anstieg. Es war nur ein kleiner Fleck Eis unter dem Schnee gewesen, doch langsam erkannte er das Ausmaß dessen, was sich vor ihm erstreckte. Hier musste ein Gebirgssee sein, direkt vor ihm.
Der Gebirgsführer wusste, dass es jetzt um alles oder nichts ging. Er machte einige Schritte vorwärts und versuchte stets vorsichtig aufzutreten. Der Schnee war hier weniger hoch, was ihm ein Gefühl dafür gab, dass dieser See vielleicht noch nicht so tief gefroren war. Nach zwei Schritten begann das Eis unter ihm zu knirschen und fluchend zog er sich sofort einen Schritt zurück, doch das Geräusch hielt an. Pano schloss die Augen und stieß ein Stoßgebet aus. Mit neuer Konzentration analysierte er seine Lage. Ihm war bewusst, dass das Eis vermutlich in alle Richtungen nachgeben könnte. Wenn er zurück ginge, sollte es nicht weit sein, bis er wieder an das Ufer zurückgelangte. Doch dort war eine Sackgasse und es würde kein Weg wirklich weiter in Richtung der Gebirgswand führen. Er musste einen Weg finden, der ihn dichter an sein Ziel heran brachte und gleichzeitig sicher genug für jeden Schritt war. Offensichtlich war das Eis direkt vor ihm zu dünn, also würde er einen Bogen schlagen. Zu seiner rechten sah der Schnee aus, als wäre er noch flacher als auf der linken Seite, also ging er nach links. Dort müsste das Eis dicker sein.
Schon beim ersten Schritt erklang wieder das knirschende Geräusch des Eises und er schloss die Augen. Nach einem tiefen Atemzug machte er den nächsten Schritt und versuchte so vorsichtig aufzutreten, wie er es vermochte. Irgendetwas sagte ihm, dass das Knirschen lauter wurde, doch er hatte keine Wahl. Dies war der einzig mögliche Weg.
Plötzlich wurde es hell vor ihm und er hob seinen Arm vor die Schneebrille. Obwohl er eigentlich vor der Helligkeit sicher sein sollte, blendete ihn das Licht.
»Habt acht, Wanderer«, sagte eine weiche Stimme und Pano erschrak. Langsam senkte er seinen Arm und starrte mit offenem Mund auf einen Schemen im Licht.
»Wer ist da? Wer geht in dieser Höhe?«, fragte er dumpf, doch er hatte das Gefühl, dass seine Stimme kaum einen Meter weit erklang, bevor sie im tosenden Wind unterging. Gerade wollte er seine Worte wiederholen, als die Gestalt antwortete.
»Diese Höhe berührt mich nicht. Ich bin hier, um dich zu beschützen«, antwortete die sanfte Stimme der Gestalt und das Licht wurde weniger. Panos Kiefer klappte herunter. Die Gestalt vor ihm stand nicht auf dem Eis, sondern schwebte einen Schritt über der Schneeschicht. Die eindeutig menschlichen Züge zeigten eine Freundlichkeit und Wärme, die Pano sofort Vertrauen einflößte. Eine dünne, weiße Hose wurde lediglich von einer Kordel gehalten. Seine Brust wurde durch einen einfachen Lederpanzer geschützt. Auf Pano machte die Gestalt einen ehrfurchtgebietenden Eindruck, obwohl er keine Waffe sah, die diesen Eindruck verstärkte. Doch das vermutlich erschreckendste waren die Flügel, die den Mann schlagend in der Luft hielten.
»Wer seid Ihr?«, hauchte Pano mit weit aufgerissenen Augen. Sofort wurde er sich bewusst, dass er nicht einmal selbst seine Worte verstanden hatte, doch der Mann antwortete lächelnd.
»Diese Antwort sollten wir auf ein anderes Mal verschieben. Du solltest von hier verschwinden, wenn du leben willst«, das Lächeln untermalt von einem erneuten Knirschen ließ Pano zusammenfahren. Er hatte das Eis unter sich völlig vergessen. Er blickte zu seinen Füßen und hatte das Gefühl, dass er Risse im Eis sehen konnte.
»Vertraue. Folge meinen Worten«, sagte der Mann immer noch lächelnd. »Einen Schritt nach rechts.« Pano wusste nicht, warum er auf die Worte des Mannes hörte, denn eigentlich hatte er genügend Erfahrung, um sich aus schwerwiegenden Situationen zu bringen, ohne sein Leben zu verlieren. Die milde Stimme jedoch verhalf ihm ohne Probleme über das Eis. Er merkte nicht einmal, dass er schon längst das Eis verlassen hatte und einfach nur blind den Anweisungen der geflügelten Gestalt folgte, bis er plötzlich vor einer kleinen Höhle stand. Im Innern sah er trockenen Boden und eilte sofort hinein.
Mit einem lauten Seufzer zog er den Schal vom Gesicht und atmete dann laut aus. »Du hast mir mein Leben gerettet, ich schulde dir etwas, mein Freund«, sagte Pano grinsend und nickte der geflügelten Gestalt zu.
»Du schuldest mir nichts, Pano Ayrana. Meine Worte retteten dein Leben, das ist mir Geschenk genug.« Erstaunt blickte Pano auf die Gestalt. Er war sich sicher, dass er seinen Namen nicht genannt hatte. Vor allem seinen Familiennamen benutzte er eigentlich seit dem tragischen Tod seiner Frau nicht mehr.
»Du schuldest mir noch immer eine Antwort«, sagte Pano noch immer schwer atmend.
»Mein Name ist Ul und ich bin ein Gesandter der Göttin Latas, der Göttin der Freundlichkeit. Geschickt, um das Leben der Wichtigen zu schützen«, sagte der geflügelte Mann lächelnd.
»Die Göttin Latas?«, fragte Pano ungläubig und starrte Ul an. Er hatte schon von Göttern gehört, doch er wusste nicht, dass Götter Namen hatten oder gar Gesandte.
»Dies ist eine junge Welt«, sagte Ul beschwichtigend. »Im Laufe der Zeit wird dein Volk die Existenz der Götter wahrnehmen und sie ehren. Erfreue dich, dass dir der Segen der Göttin zu Teil wurde.«
»Ich danke Euch vom tiefsten Herzen, Gesandter Ul«, sagte Pano feierlich und fiel auf beide Knie und senkte seine Stirn auf den felsigen Boden der Höhle.
»Erhebe dich, Pano Ayrana«, sprach Ul lächelnd.
»Gestattet mir eine Frage«, begann Pano und Ul lächelte, sodass der Bergführer weitersprach. »Warum habt Ihr mich nicht vom Eis getragen. Eure Flügel sehen mächtig genug aus, um uns beide zu tragen.« Nach seinen Worten lief er rot an, weil er bemerkte, wie unverschämt das klang, doch Ul lächelte einfach.
»Meine Aufgabe ist es zu schützen. Doch ist es mir verboten selbst einzugreifen.«
»Aber ist Eure Stimme kein Eingriff?«, fragte Pano, doch Ul lächelte nur. Anscheinend war das eine Art Schlupfloch.
»Verlasst diesen Berg am morgigen Tage. Dein Volk ist noch nicht bereit, das Massiv zu bezwingen«, sagte Ul und verschwand einfach.
Pano verbreitete in den nächsten Wochen die Nachricht seiner Rettung, nachdem er vom Felsmassiv zurückgekehrt war. Natürlich glaubten nur die wenigsten an eine geflügelte Gestalt, die einen verlorenen Mann zurück auf den richtigen Weg brachte. Doch schon bald hörte man Gerüchte von einem fernen Dorf, wo ein Mann auf eine ähnliche Weise gerettet worden war. Im nächsten Jahr vermehrten sich diese spontanen Rettungen und die Menschen begannen, an den Gesandten der Göttin Latas zu glauben und in der Not zu ihm zu beten. Der Gedanke an eine göttliche Hilfe gab vielen Menschen Mut und Hoffnung in aussichtslosen Situationen.
An einem warmen Sommertag kehrte Pano gerade von seiner Arbeit zurück, die ihm einen stattlichen Lohn eingebracht hatte. Der Händlerzug, den er geführt hatte, verweilte noch für einen weiteren Tag in seinem Dorf, um Lebensmittel aufzufrischen und eine Nacht in vernünftigen Betten zu verbringen. Die drei Wagen der Händler führten teure Gewürze aus dem Süden in Richtung Norden und würden einen satten Gewinn auf dem Markt der weißen Stadt bringen.
Pano war gerade auf dem Markt und feilschte mit einer Händlerin über einen Bund Möhren, als er den ersten Schrei hörte. Erschrocken wandten sich beide um in Richtung Gasthof und da erklang erneut der Schrei einer Frau, der abrupt abbrach. Sofort ließ Pano die Möhren fallen und rannte ebenso wie einige andere Bürger zur Quelle der Schreie. Die drei Wagen der Händler waren umringt von johlenden Banditen, die alle ein Tuch vor das Gesicht gezogen hatten. Auf dem Boden um die Wagen lagen zwei der Wächter, deren lederne Brustpanzer durch die Säbel der Banditen zerschlitzt waren. Blut lief bereits über den sandigen Platz und Pano konnte von seiner Position aus die Leiche einer Frau auf dem Boden liegen sehen, die von zwei Pfeilen getroffen worden war.
»Verlasst die Wagen, ihr Pack. Das ist jetzt das Eigentum feinerer Herren.«, sagte ein beleibter Bandit lachend und die anderen fielen grölend mit in das Gelächter ein. Einer der reichen Händler lief aus dem nahen Gasthaus und wollte sehen, was der Lärm bedeutete, doch er drehte schnell um, als ihm Pfeile entgegen geflogen kamen. Pano sah einen dritten Wächter, der verletzt auf ihn zu gehumpelt kam. Mit seinen letzten Worten drückte er dem Bergführer sein Schwert in die Hand und brach leblos zusammen. Der Wächter wollte tatsächlich, dass Pano die Banditen angriff!
Zitternd hob er das Schwert, als plötzlich ein Licht erschien. Er schloss die Augen, musste aber lächeln. Plötzlich hörte er eine Bogensehne zurückschnellen und bekam es mit der Angst zu tun. Erschrocken öffnete er die Augen, doch er konnte noch immer nichts erkennen.
Als das Licht nach einer Weile abklang, konnte er drei geflügelte Gestalten erkennen. Pano erkannte Ul wieder, doch er wusste nicht, dass der Gesandte auch noch einen Bruder und eine Schwester hatte, die ihn in seiner heiligen Mission begleiteten.
»Gesandter Ul, steht uns in der Schlacht bei!«, schrie er und hob sein Schwert, wie er das bei Soldaten gesehen hatte. Aber eigentlich wusste er nicht einmal, wie man mit einer solchen Waffe umgehen musste. Plötzlich erinnerte er sich an die Bogensehne und suchte nach dem Schützen und dem Ziel. Neben dem Anführer der Banditen konnte er einen blassen Bogenschützen erkennen, der wild gestikulierend auf Ul deutete. Plötzlich erkannte Pano, dass Ul den Pfeil in der Hand hielt. Wie war das nur möglich?
»Verlasst dieses Dorf«, sagte die geflügelte Frau an die Banditen gewandt, was diese erstarren ließ. Einer der Banditen ließ schreiend sein Schwert fallen und lief davon. Die fünf anderen blickten ihm erstaunt hinterher, fassten aber ihre Waffen fester. Sie schienen nicht weichen zu wollen. Die abgewrackte Kleidung der Banditen zeigte, dass sie auf diesen Raubzug angewiesen schienen und sie partout nicht weichen würden.
»Wir werden unsere Beute nicht hier lassen«, knurrte der Anführer und hob sein Schwert zu einem Angriff, wesentlich eindrucksvoller als die Geste von Pano. Zwei Pfeile flogen auf die Frau und Ul zu, doch erneut wurden beide aus der Luft gefangen.
»Bitte verlasst diesen Ort.«, sagte der Mann neben Ul mit dem gleichen Lächeln, das auch Ul so perfekt beherrschte. Ungläublig schüttelte der Anführer der Banditen den Kopf und krallte sich an sein Schwert. Seine Knöchel traten weiß hervor und auf dem roten Gesicht konnte man Wutadern erkennen. Der Anführer beschleunigte plötzlich und hielt auf Ul zu, der etwas weiter vor den anderen beiden geflügelten Gesandten stand.
»Fang!«, rief Pano und warf Ul das Schwert zu, das ihm der Wächter gegeben hatten. Überrascht griff Ul das Schwert aus der Luft und blickte es verblüfft an. Es wirkte, als hätte er nie ein Schwert in der Hand gehalten. Die Schläge des Banditen kamen schnell und gnadenlos. Gezielt schlug er auf verwundbare Stellen und versuchte die Deckung von Ul auszuloten und zu umgehen, er war überraschend geschickt für einen Ungesetzlichen. Doch die größere Überraschung war Ul. Er parierte vier Schläge, ging dann in die Offensive über und entwaffnete den Banditen mit dem sechsten Schlag.
Knurrend wich der Bandit einen Schritt zurück und bellte einen Befehl. Sofort kamen die drei anderen Banditen, die keinen Bogen hielten, auf Ul zugelaufen und bedrängten ihn mit ihren Schwertern. In der Verwirrung hob der Anführer das Schwert auf, das ihm aus der Hand geschlagen worden war und half seinen Kumpanen bei dem Kampf gegen die geflügelte Gestalt. Ul schien keine Probleme zu haben, sein Schwert gegen vier Gegner gleichzeitig zu führen und wehrte problemlos alle Angriffe ab. Plötzlich drang sein Schwert in einen seiner Gegner ein, der sofort leblos zusammenbrach. Das Herz war getroffen worden.
Erstaunt blickte Ul auf den Gefallenen und die drei übrigen Banditen sprangen zurück. Sie nickten einander zu und liefen dann alle zusammen los. Die drei Geflügelten blickten sich erstaunt an und Ul ließ das Schwert fallen.
»Wir haben eingegriffen«, flüsterte Bamia, die geflügelte Frau, und Ran, der geflügelte Mann, nickte. »Das hätte nicht geschehen dürfen.« Ul verzog das Gesicht und blickte dann in den Himmel. Die beiden anderen machten die gleiche Geste und dann verschwanden alle drei so schnell, wie sie erschienen waren.
Pano blickte erstaunt auf das blutverschmierte Schwert, was dort am Boden lag, wo gerade Ul noch gestanden hatte. Es herrschte eine beklemmende Stille auf dem Hof um die Wagen, bis plötzlich der erste Jubel ausbrach. Daraufhin kamen auch die Händler aus dem Gasthof gelaufen und besahen sich den Schaden, den ihre Fracht erlitten hatte. Pano hob das Schwert auf und blickte es genau an.
»Dieses Schwert wurde durch einen Gott gesegnet.«, hauchte der alte Jeff neben ihm und nickte sich selbst zu. »Ja. Ein Gott. Das Schwert Gottes. Das stärkste Schwert der Welt!« Mit jedem Wort wurde er etwas lauter und alle blickten in ihre Richtung. »Das Schwert großer Könige!«, fuhr der alte Jeff fort und Pano schüttelte nur den Kopf. Er hatte Ul, den Beschützer, dazu gebracht, einen Mann zu töten.
Erschöpft kauerte Latas auf den Knien und hatte die Hände auf den Boden gestemmt. Schweiß perlte ihr vom Gesicht und und ihr Atem ging schwer. Sie konnte sich nicht erinnern, ob sie sich jemals auf diese Weise verausgabt hatte. Selbst die Schöpfung ihrer Gesandten, der Feldherren der Göttin der Freundlichkeit, hatte nicht so viel Energie und Kraft gekostet wie ihre neueste Schöpfung.
Mit einem Seufzen wollte sie sich erheben und hatte bereits einen Fuß aufgestellt, doch sie hatte einfach keine Kraft mehr übrig, um sich in die Höhe zu stemmen. Seufzend ließ sie sich nach hinten fallen und blieb auf dem Rücken liegen. Schwer atmend blickte sie an ihrer Schöpfung entlang und musste grinsen. Es war ein Meisterwerk. Es vergingen noch einige Augenblicke, bis sie sich schließlich erhob und den Schweiß von der Stirn wischte. Latas konnte ihr Grinsen noch immer nicht unterdrücken. Sie hatte im Gefühl, dass es genau die richtige Entscheidung war, die sie getroffen hatte. Dieses Werk würde alle ihre Ziele und Träume vereinen und erfüllen.
Inmitten der unendlichen Leere erhob sich das mächtige Gebäude aus weißem Stein. Die Architektur war mit nichts zu vergleichen, was ihre Kinder, die Menschen, schaffen konnten. Und auch keines der Götter hatte bisher etwas Vergleichbares geschaffen. Sie stand am Fuße ihrer Schöpfung und ließ sich mit ihrer göttlichen Kraft langsam nach oben schweben. Der unterste Punkt des Gebäudes war eine kleine Plattform, die von einem schmalen Geländer umgeben war. Das Geländer schien aus dem gleichen Stein geformt zu sein wie die Plattform und das restliche Gebäude. Doch konnte man keinerlei Fugen erkennen, es wirkte wie das Werk eines Bildhauers.
Die Mitte der Plattform wurde von einer Art feinen Lanze getroffen, die mit zunehmender Höhe leicht an Umfang gewann. Latas schwebte weiter die Lanze der Prüfung hinauf und konnte im Licht der kleinen Sonne, die ganz in der Nähe schien, ein Funkeln erkennen. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Dies ist wahrlich die Lanze der Prüfung, dachte sie. Das Funkeln, was die Göttin der Freundlichkeit von ihrer Position aus sehen konnte, waren Stufen. Diese Stufen waren jedoch nicht Bestandteil des Gebäudes selbst, sondern schwebten frei um die Lanze herum. Lediglich das Licht der Sonne ließ erahnen, wo sich die Stufen befanden, denn sie waren aus dem Material geschaffen, das nur die Götter kontrollieren konnten. Eine Essenz aus der unendlichen Tiefe selbst, die farblich nicht von ihrer Umgebung zu unterscheiden war. Nur die Würdigen würden diese Treppe erklimmen können.
Latas beschleunigte ihren langen Flug nach oben und kam schließlich an der Basisplattform, dem Feld der Erlösung, vorbei. Die Erlösung von der Gewalt der Lanze der Prüfung. An dieser Stelle werden sie knien und ein Stoßgebet an die Götter entrichten. Erleichterung wird es sein, was sie verspüren, dachte Latas lächelnd. Durch ein Loch im Boden konnte man von der beinahe unsichtbaren Treppe auf das Feld der Erlösung gelangen. Die gewaltige Scheibe aus weißem Stein, die diese Ebene darstellte, repräsentierte aber nur die erste Ebene ihrer Schöpfung. Hierwerden nur die Großen ihren Platz finden. Für jeden, der es würdig ist, wird ein Platz auf dieser Ebene frei sein. Latas' Blick wandte sich zum Rand der Ebene. Um das gesamte Feld herum schwebten weitere kleine Scheiben in der Luft, die einen kurzen Weg beschrieben. Ein jeder Weg führte zu einer frei schwebenden Plattform, die von weißen Säulen umrahmt war, ähnlich einer kleinen Version der Ratshalle der Götter.
Die Göttin der Freundlichkeit schwebte weiter nach oben und besah sich ihre erstaunliche Schöpfung. Vom Feld der Erlösung führten mehrere Wendeltreppen zu verschiedenen Feldern, die alle ähnlich zum ersten Feld aufgebaut waren. Die scheinbar zufällige Anordnung der Felder offenbarte auf den zweiten Blick ein System. Die jeweils zur Rechten benachbarte Plattform befand sich zwei mannshoch über der vorherigen, sodass sich eine Spirale bildete, die in der Höhe kein Ende zu finden schien. Von jeder Plattform gingen diese Wege aus, die in den kleinen Hallen der Götter endeten. Latas hielt in ihrem Flug inne und legte ihren Kopf in den Nacken. Selbst ihre göttlichen Augen konnten kein Ende der Spirale entdecken, doch genau diese Eigenschaft würde vielleicht auch nötig sein.
Latas hatte wieder genügend Kraft gesammelt, um ihrer Schöpfung Leben einzuhauchen. Sie schloss ihre Augen und begann sich zu konzentrieren. Eine Falte bildete sich zwischen ihren Augenbrauen und schon nach kurzer Zeit begann ihr, der Schweiß über die Schläfen zu laufen. Nach etlichen Augenblicken hob sie langsam ihre Arme und konnte eine gewaltige Energie um sich herum spüren. Sie führte ihre Hände über dem Kopf aneinander vorbei und ließ ihre Arme dann vor ihrem Körper wieder zurückgleiten. Ihre Handrücken berührten sich leicht und sie strich entlang ihrer Fingerspitzen. Die Luft um sie herum begann zu flirren, als sie plötzlich einen Trichter mit ihren Händen formte. Ein gewaltiges Tosen erschütterte ihren ganzen Körper, aber verklang dann in der unendlichen Tiefe.
Ein erster Tropfen fiel von der Spitze ihrer Schöpfung in der Mitte der Spirale in Richtung des Feldes der Erlösung. Mit einem leisen Platschen schlug der Tropfen in einer gewaltigen Schale auf, die sich plötzlich in der Mitte erhob. Immer mehr Tropfen begannen von der Spitze zu fallen, bis schließlich ein sanfter Strom dieser honigfarbenen Flüssigkeit zur Schale hinabfloss. An der Stelle, wo die Flüssigkeit auftraf, glitt sie zur Seite bis zum Rand der Schale und erhob sich dann als eine Art Welle in alle Richtungen, die jedoch in der Zeit erstarrt schien. Latas hatte einen kontinuierlichen Fluss geschaffen, doch den konnte wahrscheinlich lediglich Trika, die Göttin des Schicksals sehen, die die Zukunft anhand von Flüssen manipulierte.
Und das Wasser der Rückkehr wird eine neue Zeit einläuten und das Leben in diesen Gefilden beenden. Ein Kelch, der mit Überzeugung und dem Wunsch zu leben gefüllt wird, wird das Ende bringen. Latas Gedanken erhellten ihr Gemüt und sie lächelte wieder.
Es war vollbracht.
Auf der kriegerischen Welt Gorf war stets eine Schlacht zu finden, egal wo man hinsah. Viele Völker traten in großen Schlachten gegeneinander an und versuchten sich zu übertrumpfen. Der Einfluss der Feldherren auf diese Welt war gering geworden, doch ihr Vermächtnis blieb. Viele Jahrzehnte hatten die Feldherren ihre gewaltigen Armeen ins Feld geführt und versucht, einander zu übertrumpfen, doch im Laufe der Jahre waren immer mehr Feldherren aus dem Spiel ausgeschieden. Das Blut der Feldherren begann auf diesem Planeten zu kochen, denn in ihnen allen floss das Blut eines Kriegers. Die Menschen auf Gorf waren so eroberungslustig, dass sich die Feldherren entgegen ihrer natürlichen Vorsicht oft zu Schlachten hinziehen ließen und so war es immer wieder vorgekommen, dass einer der göttlichen Feldherren den gelben Rauch ausstieß, der sein Ende markierte.
Die Armeen der zwei größten Reiche auf Gorf traten auf dem Roten Feld gegeneinander an. Das Feld hatte seinen Namen durch das Blut der Gefallenen erlangt und hielt seit vielen Jahren seine rötliche Erdfarbe. Es handelte sich um ein ausgeglichenes Schlachtfeld, das keinem Heer große Vorteile brachte. Lediglich das Geschick des Feldherren würde den Sieg über die gegnerische Armee bringen. Die großen Kommandeure der Armeen wussten die kleinen Waldstücke, den Fluss und die hügelige Region für ihre Armeen zu nutzen. Schreie gellten über das Schlachtfeld und Hurin, der Kommandeur der Armee der weißen Königin grinste. Mit einer lässigen Bewegung schob er eine hölzerne Figur über die Karte des Roten Felds und stieß damit eine andere Figur um. Seine Abteilung Schwertkämpfer hatte sich als Ablenkung in die hügelige Region geschlichen und sollte als Lockvogel für die leichte Infanterie seines Feindes dienen. Der Kommandeur der blauen Feste konnte natürlich nicht wissen, dass die Bogenschützen der weißen Königin im Wald dahinter lauerten und nur darauf warteten, ihre Pfeile in Scharen auf die Infanterie regnen zu lassen. Die Schreie mussten bedeuten, dass sein Plan aufgegangen war.
»Wollt ihr nicht auf die Bestätigung der Läufer warten?«, fragte Zumarin, sein Stellvertreter mit einer roten Augenklappe über seinem rechten Auge. Die lange Narbe, die sich quer über sein Gesicht zog und hinter der Augenklappe verschwand, ließ jeden erschauern, der in dieses Gesicht blickte.
»Der Plan hat funktioniert«, knurrte Hurin. Sein Gesicht zierte zwar keine Narbe, doch seine tiefliegenden Augen und der wilde, schwarze Bart ließ ihn furchterregend aussehen. Wütend funkelte er Zumarin an, der jedoch nur ausdruckslos zurückblickte.
»Kommandant!«, rief eine atemlose Stimme. Nur wenige Herzschläge später hob einer der Wächter den Eingang zum Zelt hoch und ließ einen der Läufer eintreten. Läufer waren die wichtigsten Waffen im Krieg, denn sie überbrachten die Neuigkeiten zu allen Teilen der Schlacht. Auf diesem Feld traten vermutlich zehntausend Soldaten gegeneinander an und allein Hurin befehligte einhundert Läufer, die ihm stets Neuigkeiten brachten.
»Kommandant!«, sagte der Läufer, brachte aber kein weiteres Wort heraus. Er stützte seine Hände auf den Knien ab und rang nach Atem. Schweiß lief seine Schläfen herab. Dieser Anblick war für einen geübten Läufer eigentlich ungewöhnlich, denn sie wussten, dass sie sich nicht verausgaben sollten. Eine Schlacht konnte lange dauern und die Läufer hatten viele Wege zu erledigen.
»Die Schwertkämpfer sind in arger Bedrängnis durch die Infanterie der blauen Feste. Unsere Bogenschützen schießen nicht«, brachte der Läufer schließlich heraus und keuchte noch immer lautstark.
Zumarin konnte sich immerhin so weit zusammenreißen, dass er nicht grinsen musste. Hurin wusste aber, dass der große Krieger mit der hässlichen Narbe Recht gehabt hatte. Man sollte stets auf die Läufer warten.
»Verdammt. Wo sind die Bogenschützen, wenn man sie braucht?« Hurins Faust krachte auf den Tisch und die hölzernen Figuren klapperten, als sie drohten umzufallen.
