Passion. Leidenschaftlich verführt - S. Quinn - E-Book

Passion. Leidenschaftlich verführt E-Book

S. Quinn

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Beschreibung

Das Kindermädchen Seraphina Harper und ihr Arbeitgeber Lord Patrick Mansfield verbindet eine unbändige Leidenschaft. Seraphina ist verliebt, sehr verliebt. Als sich Patrick mit ihr eines Tages in den nahen Wald begibt, entdeckt Seraphina eine ganz neue Seite an sich: eine wilde Seite, deren Existenz ihr bisher nicht bewusst war. Denn hier gibt es keine Verbote, keine Regeln – nur Lust. Aber Seraphina hat ein dunkles Geheimnis. Ein Geheimnis, von dem Patrick nichts weiß – und auch nichts wissen darf …

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Buch

Als sich das Kindermädchen Seraphina Harper in ihren Arbeitgeber Lord Patrick Mansfield verliebt, weiß sie, dass ihre Beziehung nicht einfach wird. Trotz der unbändigen Leidenschaft, die die beiden verbindet, stammen Seraphina und Patrick aus verschiedenen Welten. Sie ist ein armes Mädchen aus einer armen Gegend Londons, er ist ein reicher, junger Aristokrat, den jede zweite Frau Großbritanniens heiraten möchte. Seraphina ist verliebt, sehr verliebt. Aber bevor sie in Patricks Welt des Reichtums und der Privilegien eintreten kann, muss er eine Bedingung erfüllen: Zuerst muss Patrick ihre Welt betreten – und er muss erkennen, wer sie wirklich ist …

Informationen zu S. Quinn

sowie zu weiteren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

S. QUINN

PASSION

Leidenschaftlich verführt

Band 2

Roman

Aus dem Englischen

von Andrea Brandl

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
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Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »Bed of Ice«.
Copyright © der Originalausgabe 2014 by S. Quinn Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH Neumarkter Str. 28, 81673 München Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München Umschlagfoto: © FinePic®, München Redaktion: Kerstin von Dobschütz BH · Herstellung: Str. Satz: omnisatz GmbH, Berlin ISBN 978-3-641-15403-5V003www.goldmann-verlag.de
Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz:

1

Guten Morgen, meine Schöne.«

Kräftige Finger streichen über meine Wange.

Das Sonnenlicht blendet mich, als ich die Augen öffne, und wie durch sanften Nebel erkenne ich Patricks markante Züge – nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt.

Wir sind in Patricks Schloss.

In seinem Schlafzimmer.

In seinem Bett.

Das Leben kann so wunderbar verrückt sein.

»Guten Morgen«, flüstere ich, doch dann fühle ich mich einen Moment lang beinahe bedrängt, weil sein Gesicht so nahe ist, und weiche zurück.

Aber Patrick erlaubt es nicht.

»Nein, nein, nein.« Sanft presst er seine Lippen auf die meinen und küsst mich zärtlich.

Es fühlt sich wunderbar an. Doch dann kommt mir plötzlich etwas völlig anderes in den Sinn …

»Bertie!« Ich fahre abrupt hoch.

Patrick packt mich an den Schultern. »Alles in Ordnung. Er ist bei seiner Mutter, schon vergessen?«

»Oh.« Ich nicke. »Stimmt ja.«

Ich zähle die Tage an den Fingern ab. Eins, zwei, drei … es ist fast schon eine Woche her, seit Bertie mit seiner Mum nach Euro Disney gefahren ist. Und trotzdem wache ich jeden Morgen panisch auf und muss wieder an den Abend denken, als ich halb bewusstlos im Wald lag. Ohne zu wissen, wo Bertie war, und unfähig, ihm zu helfen.

Er und seine Mum haben anscheinend einen Heidenspaß zusammen. Sie verlängern ihren Kurztrip um einen Tag nach dem anderen und amüsieren sich königlich. Aber Bertie fehlt mir. Und ich werde wohl erst wieder die alte Seraphina sein, wenn er wieder zurück ist.

»Ich rufe ihn kurz an«, sage ich.

»Schon wieder?« Patrick nimmt sein Handy vom Nachttisch. »Das wäre so etwa das fünfzigste Mal, seit sie weg sind.«

»Ich weiß.«

»Stimmt irgendwas nicht?«, fragt Patrick.

»Nein, es ist bloß …«

»Was?«

»Er fehlt mir einfach, das ist alles. Eigentlich müssten sie längst zurück sein – aber er findet es eben toll, mal etwas mit seiner Mum erleben zu dürfen.«

»Hast du Angst, er könnte dir entgleiten?«

»Wenn er glücklich ist, bin ich es auch. Aber … na ja, hier kann ich mich um ihn kümmern.« Ich seufze. »Wahrscheinlich ist das eine Berufskrankheit. Nicht loslassen zu können. Aber manchmal bleibt einem eben keine andere Wahl.«

Ich scrolle zu der Nummer von Anise.

Es dauert eine halbe Ewigkeit, bis sie rangeht.

»Hallo?«

»Anise! Hey, wie geht’s? Ist Bertie in der Nähe?«

»Oh, Sera! Ja, uns geht es gut, danke. Bertie ist nebenan.«

»Kann ich mit ihm sprechen?«

»Natürlich. Ich hole ihn.«

Ich höre, wie sie das Handy weglegt; kurz darauf ist Bertie am Apparat.

»Hallo, Sera.«

Beim Klang seiner Stimme wird mir ganz warm ums Herz. Er klingt größer, als er eigentlich ist. Wahrscheinlich, weil er so viele schlimme Dinge erlebt hat.

»Wie geht es dir, Bertie?«, frage ich. »Habe ich dich beim Frühstück gestört?«

»Nein«, erwidert Bertie.

»Ich vermisse dich sehr. Und von deiner Großmutter Daphne soll ich dir liebe Grüße ausrichten.«

Daphne, Patricks Mutter, ist am Ende doch nicht mit nach Paris gefahren. Ein Jammer. Sie versteht sich wunderbar mit Bertie, außerdem ist sie Französin und liebt Paris deswegen über alles. Aber leider musste sie sich in letzter Sekunde einem kleinen Eingriff unterziehen – nichts Schlimmes, und es geht ihr gut, aber sie liegt immer noch im Krankenhaus.

Ich frage Bertie, was er in Euro Disney so alles erlebt hat. Es hört sich an, als würden Anise und er jeden Tag dasselbe unternehmen: »Hotdogs und Zuckerwatte essen, Achterbahn fahren …«

Er ist ein wenig wortkarg, aber das macht nichts.

»Ich freue mich schon, wenn du wiederkommst«, sage ich.

»Okay.« Bertie legt auf.

Ich sehe Patrick an. »Er fehlt mir so sehr.«

»Geht es ihm gut?«

»Anscheinend schon. Wenn man sich überlegt, was ihm erst vor einer Woche passiert ist.« Ich runzle die Stirn. »Ich will ihn doch nur beschützen. Und deshalb komme ich auch so schlecht damit klar, dass er weg ist. Weil ich nicht bei ihm sein kann.«

»Das Gefühl kenne ich.« Patrick nimmt mir das Handy aus der Hand und wirft es auf die Bettdecke. »Aber bald ist er ja wieder da. Und bis dahin habe ich dich ganz für mich allein.«

Ich lächle. »Ach ja? Habe ich da vielleicht auch ein Wörtchen mitzureden?«

»Vergiss es.«

Patrick streicht mir eine Strähne aus dem Gesicht und lässt den Blick über meinen nackten Körper gleiten.

Unwillkürlich zucke ich zurück. Irgendwie fällt es mir immer noch schwer, ganz nackt seinem Blick ausgesetzt zu sein.

Natürlich ist Patrick ebenfalls nackt. Doch während ich mich verlegen unter seinen Blicken winde, verhält er sich völlig locker und entspannt.

Lächelnd schüttelt er den Kopf. »So schamhaft, Miss Harper? Diese Schüchternheit müssen wir dir schleunigst abgewöhnen. Und deshalb fangen wir gleich heute damit an.«

»Heute?«

Patrick nickt und streicht sanft über meine Brüste.

»Wieso? Ist heute was Besonderes?«

»Heute ist der Tag, an dem ich alles über dich erfahren werde«, sagt Patrick. »Schluss mit den Geheimnissen.«

2

Mein Magen zieht sich kurz zusammen. »Und das heißt?«

»Du weißt ganz genau, was das heißt.«

»Was … was willst du denn von mir wissen?«

Patrick lacht. »Das, was du vor mir verborgen hältst. Wovon du noch nie jemandem erzählt hast.«

Ich schlucke. »Und wer sagt, dass ich etwas vor dir verberge?«

»Du selbst. Oder vielmehr dein Körper.« Er haucht einen Kuss auf eine meiner Brüste. »Er verrät dich ununterbrochen.«

Ein Schauder überläuft mich. »Patrick …«

»Ich will alles wissen. Bis ins kleinste Detail.«

Mir dreht sich der Magen um.

»Und du?« Ich setze mich im Bett auf. »Du hast doch selbst Geheimnisse genug, Patrick Mansfield!«

»O nein. Wir reden hier ausschließlich von dir.«

»Oh«, stoße ich hervor, als er mich an den Unterschenkeln ergreift und wieder in die Horizontale zieht.

»Meine Familie hat Geheimnisse.« Patrick presst die Lippen an meinen Bauch. »Aber ich nicht.«

»Ich bitte dich.« Ich packe ihn bei den Haaren und zwinge ihn, mich anzusehen. »In deiner Vergangenheit sind doch garantiert auch Dinge passiert, die du lieber für dich behältst.«

»Nein. Nichts.«

»Na gut«, schnaube ich. »Schön für dich. Aber du hast mir auch noch nicht alles über dich erzählt. Über dich weiß ich nach wie vor fast gar nichts.«

»Du wärst eine ausgezeichnete Fechterin«, erwidert Patrick.

»Wie kommst du denn darauf?«

»Weil du immer sofort nachsetzt, jede Attacke sofort mit einem Gegenangriff konterst.«

»Komisch, ich dachte, wir wären mehr als bloß Gegner.«

»Das sind wir ja auch«, flüstert Patrick, der immer noch mit meinem Bauch beschäftigt ist. »Weit mehr.«

Unglaublich, wie mich seine Küsse anmachen.

»Ich meine es ernst.« Ich zwinge ihn erneut, mir in die Augen zu sehen. »Wenn du all meine dunkelsten Geheimnisse erfahren willst, möchte ich erst mal hören, welche Leichen du im Keller hast. Das ist nur fair.«

»Welche Leichen ich im Keller habe?«

»Genau.«

»Gut, wie wär’s damit – ich bin hoffnungslos verliebt in ein Mädchen, an deren Sturheit ich mir wieder die Zähne ausbeiße. Sie lässt sich nichts, aber auch absolut gar nichts sagen, selbst wenn es zu ihrem Besten ist.«

Ich lache. »Jetzt mal im Ernst, Patrick. Niemand hat eine makellos weiße Weste. Erzähl mir von dir. Welche Dinge behältst du lieber für dich?«

Patrick verpasst mir einen Klaps und setzt sich auf.

»Los geht’s, Süße.«

»Los? Wohin?«

»Lassen wir Taten sprechen. Wenn du wissen willst, was ich zu verbergen habe – der Ort meiner Geheimnisse liegt da draußen.« Er nimmt meine Hände und zieht mich hoch.

Grelles Sonnenlicht blendet mich.

Durch die großen Fenster von Patricks Schlafzimmer sehe ich auf die Wälder, über denen die Sonne aufgeht.

Es ist wunderschön hier draußen. London und seine Wolkenkratzer können mir getrost gestohlen bleiben. Meine Wahl steht fest.

»Wow!« Ich schirme meine Augen mit einer Hand ab. »Ganz schön hell heute.«

»Und warm«, sagt Patrick. »Tja, der Frühling ist da.«

»Frühling in Schottland? Ich dachte, der kommt hier erst viel später.«

Patrick grinst. »Auch nicht später als anderswo. Er ist bloß anders.«

»Und mit anders meinst du kälter.«

»Mag sein, dass dir das so erscheint. Aber das geht vielen Weicheiern aus dem Süden so.«

»Weicheier?«

»So haben wir in der Armee die Jungs aus London genannt, die bei der kleinsten Kleinigkeit schlappgemacht haben. Und das waren eine ganze Menge.«

»Und wahrscheinlich gab es jede Menge Jungs aus Schottland, die genauso wenig durchgehalten haben.«

»Nein, wer hier oben aufwächst, wird automatisch zum harten Burschen.«

»In London hat man es auch nicht so leicht, wie du denkst«, gebe ich zurück. »Ich habe die letzten fünf Jahre auf einem Hausboot gelebt, wo ich jeden Tag selbst Feuer machen und die Toilette leeren musste. Und im Winter habe ich mir regelrecht den Hintern abgefroren, während Lord Hochwohlgeboren wohl eher in einem Schloss residiert hat, wo ihm die Diener jeden Wunsch von den Augen abgelesen haben.«

»Glaub mir, ich weiß, was hart ist. Weicheier werden beim Militär nicht gebraucht.«

»Trotzdem. Du hast dich aus freien Stücken entschieden, zur Armee zu gehen.«

»Wie man’s nimmt. In meiner Familie hat man keine große Wahl. Alle Mansfields werden Offiziere. Die Männer jedenfalls. Schon immer.«

»Und die Mansfield-Frauen?«

»Heiraten in gute Familien ein.«

»Das heißt, dass deine gesamte Familie im Mittelalter lebt.«

»Das kann man so sehen. Aber man könnte es auch Tradition nennen.«

»Wir kommen vom Thema ab.«

»Und das wäre?«

»Dass du ebenfalls ein Weichei bist. Vergiss nicht, dass du in einem Schloss wohnst.«

»Manchmal. Aber nicht immer.«

3

Ja?« Verwirrt sehe ich ihn an. »Und wo sonst?«

»In den Wäldern.«

Ich lasse den Blick über seine auf dem Bett ausgestreckte Gestalt schweifen. Das Licht fällt auf seine wohlgeformten Muskeln, lässt ein faszinierendes Spiel aus Licht und Schatten entstehen. Aber das Beste an ihm ist immer noch sein Gesicht.

»Was meinst du damit? Dass du auch da draußen schläfst?«

»Genau.«

»Du meinst, im Sommer.«

»Auch im Winter.«

»Aber da ist es doch furchtbar kalt.«

»Was glaubst du, was die Leute gemacht haben, bevor es Häuser gab?« Patrick lacht. »Wenn mir kalt ist, mache ich eben ein Feuer.«

Ich runzle die Stirn; dass ich immer noch splitternackt bin, habe ich völlig vergessen.

»Ich verstehe das richtig, ja? Du bist ein Lord und stolzer Besitzer eines Schlosses mit Koch und Swimmingpool, schläfst aber auch ganz gern mal im Wald, sogar im Winter. Warum?«

Patrick richtet sich auf und ergreift meine Hände. »Da draußen …« Er deutet zum Fenster. »Dort fühle ich mich wirklich zu Hause.«

»Und bringt dir jemand etwas zu essen?«

»In den Wald? Niemand würde mich dort je finden.«

»Wovon ernährst du dich dann?«

»Die Wälder haben jede Menge zu bieten. Vögel. Wilde Pflanzen. Hasen. Was denkst denn du, was der Mensch früher gegessen hat? Bevor es Beton und Gasheizung gab?«

»Du isst wilde Vögel?«

»In der Natur jederzeit. Ich töte sie, rupfe sie und brate sie über dem Feuer.«

»Du machst Witze.«

»Bloß weil ich ein Mann bin, heißt das noch lange nicht, dass ich nicht kochen kann.«

»Das überrascht mich keineswegs, Mr Neandertaler. Tatsächlich kenne ich nämlich eine ganze Reihe von Männern, die kochen können, ob du es glaubst oder nicht. Mich überrascht nur, dass du es draußen im Wald tust. Schließlich hast du hier eine Küche. Und eine ziemlich gute obendrein.«

»Mr Neandertaler.« Patrick lächelt. »Das gefällt mir. Dann wirst du also Mrs Neandertaler, stimmt’s?«

»Nein danke.«

»Ich liebe das Leben in den Wäldern. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen.«

»Ich wusste, dass du dich um den Hirschbestand kümmerst, aber mir war nicht klar, dass du dort draußen auch schläfst.«

»Aber nicht mehr, seit du hier bist.«

»Wieso denn das?«

»Weil ich mich Hals über Kopf in eine zarte Rose aus dem Süden verliebt habe, die schon beim kleinsten Hauch wie Espenlaub zittert. Und weil ich mir dachte, dass du die Zentralheizung bestimmt vorziehen würdest.«

»Ich kann durchaus ohne Heizung auskommen«, erwidere ich. »Mein Hausboot hatte auch keine.«

»Hast du auf dem kalten Boot immer dein Minnie-Maus-Nachthemd getragen?«

Ich greife mir eins der Kissen und hole aus, doch er ist zu schnell für mich. Er duckt sich, schnappt sich das Kissen und hat mich im Bruchteil einer Sekunde entwaffnet.

»Nicht übel«, sage ich. »Bei der Armee haben sie dir bestimmt hinterhergeweint.«

»Manche ja. Einige waren aber auch heilfroh, mich nur noch von hinten zu sehen.« Patrick legt das Kissen beiseite, rollt sich auf mich und packt meine Hände, sodass ich mich nicht mehr bewegen kann. »Wenn du willst, kann ich dir ein paar Kampftechniken beibringen.«

»Das glaube ich gern. Jede Wette, dass du die schon einigen Frauen gezeigt hast.«

»Ich will jetzt nicht über andere Frauen nachdenken.«

»Danke, das kommt mir sehr entgegen.«

»Hast du überhaupt eine Ahnung, wie viel du mir bedeutest?«

Ich sehe ihm in die Augen. »Nein, manchmal nicht.«

»Tja, anscheinend muss ich noch ein bisschen daran arbeiten. Aber lass mich dir etwas sagen.« Er zieht eine Augenbraue hoch, und ein Lächeln schimmert in seinen blaugrünen Augen. Die pure Charmeoffensive – er ist einfach unwiderstehlich.

»Was denn?«

»Du bist die erste Frau für mich.«

»Ich bitte dich, Patrick. Ich dachte, du lügst nie. Die erste? Ich weiß genau, dass du Freundinnen vor mir hattest.«

»Aber du bist die erste, die ich liebe.«

Unwillkürlich strahle ich übers ganze Gesicht.

»Bist du jetzt zufrieden?«, fragt Patrick.

»Ziemlich«, gebe ich zu.

»Und zum weiteren Beweis meiner unendlichen Zuneigung zu dir«, fährt Patrick fort, »werde ich dir jetzt das Frühstück machen. Übrigens auch eine Premiere. Wenn ich für eine Frau Frühstück zubereite, muss sie etwas ganz Besonderes für mich sein.«

Ich muss lachen. »Was für eine Ehre! Ein Mann, der mir Frühstück macht.«

»Nicht irgendein Mann. Sondern ein Führungsoffizier. Wenn die Kameraden aus meiner alten Truppe das wüssten, wäre ich die Lachnummer des Monats.«

»Ich wusste gar nicht, dass du so viel Wert auf die Meinung anderer Leute legst.«

»Nichts könnte mir mehr egal sein.«

»Und was ist dann so schlimm daran, wenn ein Mann sich in der Küche betätigt?«

Patrick zuckt die Achseln. »Weil ich schon immer davon überzeugt war, dass Frauen an den Herd gehören.«

4

Lachend schüttle ich den Kopf. »Du liebe Güte, Patrick, aus welchem Jahrhundert kommst du denn?«

»Ich habe dir doch gesagt, dass das keine Rolle spielt.« Er nimmt meine Hände und zieht mich aus dem Bett.

Ich schlinge die Arme um ihn – halb, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten, aber auch, um meine Nacktheit zu verdecken.

Patrick sieht an mir herunter. »Nicht so schüchtern. Du hast einen wunderschönen Körper. Müsstest du nicht dringend gefüttert werden, würde ich dich hier an Ort und Stelle vögeln.«

»Gefüttert? Du redest von mir, als wäre ich ein Haustier.«

»Wenn ich ein Haustier wollte, würde ich mir etwas Zahmeres suchen.«

Abermals greife ich nach dem Kissen und versuche, ihm eins überzuziehen, doch er packt mich blitzschnell am Handgelenk. »Immer schön langsam, ja!«

»Du verdammtes sexistisches Dreckschwein!«

»Danke, dass du mich auf meine Fehler aufmerksam machst.« Patrick zieht mich an sich und presst seine Lippen fest auf die meinen, dann kneift er mich sanft in den Po. »Zeit fürs Frühstück. Und dann zeige ich dir gern die Leichen in meinem Keller, Mrs Neandertaler – du wolltest es ja so.«

»Mir gefällt nicht, wie du das sagst.«

»Halt die Klappe und zieh dich an.«

»Und das gefällt mir noch viel weniger.«

»Okay, okay. Also, meine liebste Seraphina – würde es Euch etwas ausmachen, Euch anzukleiden?«

»Mit Vergnügen, Euer Lordschaft.« Ich bücke mich, um meine Unterwäsche vom Boden aufzuheben. »Ich hoffe, ich bekomme etwas Genießbares zum Frühstück und nicht rohe Kalbsleber oder so was.«

»Lass dich überraschen.« Patrick tritt an seinen Kleiderschrank und holt einen Pappkarton heraus.

»Was ist denn das?«, frage ich.

»Ein paar Kleinigkeiten, die ich für dich bestellt habe. Nur für den Fall.«

»Für welchen Fall?« Stirnrunzelnd beäuge ich den Karton. Die Schachtel ist mit Klebeband verschlossen, doch Patrick reißt sie mit bloßen Fingern auf.

»Feinster Zwirn für Lady Harper«, antwortet er, während er einen dicken grünen Wollpullover und eine schwarze Cargohose herausnimmt.

»Was? Die sind für mich?«

»Nicht gerade der neueste Look aus London«, sagt Patrick. »Aber glaub mir, du wirst noch froh darüber sein.«

»Warum?«

»Das wirst du schon sehen. Willst du sie anprobieren?«

»Klar.« Ich nehme den Pullover an mich. Weich und kuschelig fühlt er sich an, und als ich ihn über den Kopf ziehe, merke ich, dass er auch noch sehr warm ist. Auf der Brust steht irgendein Markenname, den ich nicht kenne.

Wow! Er passt mir wie angegossen, und obendrein ist er kuschelweich.

Und auch die Hose passt perfekt. Sie ist aus so robustem, widerstandsfähigem Stoff, dass ich damit wohl unbeschadet durch jedes Dornendickicht streifen könnte.

Dann präsentiert mir Patrick auch noch ein Paar Trekkingschuhe. Und dicke Socken.

»Hier.« Er reicht sie mir. »Made in Glasgow. Das Beste, was auf dem Markt zu haben ist.«

»Oh, danke.« Ich nehme die Sachen entgegen. »Woher wusstest du denn meine Größe?«

»Ich habe Vicky gefragt. Ich dachte mir, damit kennt sie sich bestimmt aus.«

Ich drehe den Schuh um und sehe meine Schuhgröße auf der Sohle. »Gut gemacht.«

»Zieh sie an«, fordert Patrick mich auf.

»Willst du mich für die Armee rekrutieren?« Ich löse die Schnürbänder. »Und danach gleich über den Hindernisparcours hetzen?«

»Ich möchte nur, dass du es schön warm hast. Weil ich weiß, wie sehr dir die Kälte zusetzt. Hier.«

Er greift in den Karton und nimmt eine schwarze Wollmütze mit Fleecebund heraus.

Ich grinse. »Soll ich in dem Ding eine Bank überfallen?«

»Sie ist warm, das ist die Hauptsache«, erwidert Patrick. »Ach ja.« Er hält mir eine Wachsjacke mit kariertem Steppfutter hin. »Damit bist du bestens gegen Wind und Wetter gerüstet.«

»Karomuster? Du willst wohl eine Schottin aus mir machen.«

»Niemals. Dann würde mir ja dein Londoner Akzent fehlen.« Er spricht im Cockney-Dialekt weiter. »Awright governor.«

»Tolle Performance. Klingt original wie ich.«

Lächelnd blicken wir uns an.

»Danke für die Sachen«, sage ich.

»Tut mir leid, aber mit Pailletten gab es sie nicht.«

»Als würde ich ausschließlich Pailletten tragen.«

»Dann sieh mal in deinen Kleiderschrank.«

»He! Zieh gefälligst nicht über meine Klamotten her.«

»Niemals. Ich versuche höchstens, sie dir auszuziehen. Wann immer es geht.«

Ich schüttle den Kopf. »Du bist unmöglich.«

»Und du bist zickig.«

»Wieso eigentlich diese Sachen? So kalt ist es im Schloss nun auch wieder nicht.«

»Wir frühstücken nicht im Schloss. Du wolltest doch mehr über mich erfahren, stimmt’s?«

»Wohin willst du mich denn entführen?«

»In den Wald.«

5

Als wir in die Eingangshalle hinuntergehen, tritt ein großer, breitschultriger Mann aus Patricks Büro.

Sein Kopf ist kahl geschoren, und er trägt Armeekluft. Über seinen Hals zieht sich ein tätowiertes Spinnennetz, und auf seinen behaarten Fingerknöcheln prangen die Worte »JOCKPRIDE«.

»Morgen, Rab.« Patrick klopft ihm auf die Schulter.

»Morgen, Sir«, erwidert Rab mit unüberhörbar schottischem Akzent.

Anscheinend sieht Patrick mir an, dass ich mich frage, wer der Kerl ist, weil er erklärt: »Seraphina, das ist Rab Duncroft, ein alter Armeekumpel von mir. Er kümmert sich um die Sicherheitsvorkehrungen.«

»Oh.« Ich nicke. »Ihr wart also zusammen beim Militär.«

»Ich hatte das Privileg, Lord Mansfield dienen zu dürfen.« Rab strafft die Schultern. »Der beste und mutigste Kommandant, den ich je kennengelernt habe.«

»Sie haben mir nie gedient, Rab«, sagt Patrick. »Wir haben zusammen gekämpft. Seite an Seite.«

»In der Tat, Sir, in der Tat«, entgegnet Rab. »Sie haben uns weiß Gott zur Seite gestanden. Ob im Sturm oder im Kugelhagel – Sie waren immer für uns Jungs da, Sir.«

»Das war mir eine Ehre. Aber Schluss jetzt mit dem ›Sir‹, Soldat. Wir sind hier nicht im Dienst.«

»Bitte entschuldigen Sie, Mr Mansfield.«

»Patrick.«

»Patrick.« Sichtlich verlegen wendet Rab den Blick ab.

Ich finde ihn auf Anhieb sympathisch. Er strahlt etwas Sanftes, Gutmütiges aus, auch wenn er wie ein Türsteher aussieht.

»Tut mir leid, dass ich störe«, fährt Rab fort. »Aber da ist gerade was für die junge Lady gekommen.«

Er hält mir eine Postkarte mit Mickey Maus darauf hin.

Lächelnd nehme ich die Karte entgegen. »Danke, Rab.«

»Bitte sehr.«

Ich drehe sie um und runzle die Stirn. Anscheinend ist die Karte von Bertie, aber da steht kein Name. Nur vier Worte in krakeliger Kinderschrift: »HIERISTESTOLL!«

6

Was ist denn?«, fragt Patrick. »Du hast schon wieder diesen seltsamen Gesichtsausdruck.«

»Tatsächlich?«, sage ich, den Blick auf die Karte geheftet. Seltsamerweise bin ich davon ausgegangen, dass Bertie nicht schreiben kann; wahrscheinlich, weil ich ihn nie dabei gesehen habe, von seinen Kritzeleien im Schnee einmal abgesehen.

»Ja«, sagt Patrick. »Was ist los?«

»Die Karte ist von Bertie.« Ich schüttle den Kopf. »Es ist gar nichts. Nur so ein Gefühl. Wahrscheinlich bilde ich es mir nur ein. Vielleicht bin ich ein bisschen paranoid, was ja kein Wunder ist, nach allem, was letzte Woche vorgefallen ist.«

»Willst du Bertie noch mal anrufen?«

Ich schüttle den Kopf. »Das ist nicht nötig. Außerdem ist die Postkarte schon mehrere Tage alt. Ich will Anise nicht das Gefühl geben, ich würde mich ausgerechnet jetzt in ihr Leben einmischen, wo sie endlich ein bisschen Zeit mit ihrem Sohn verbringen darf. Es ist wichtig, dass sie eine Bindung zueinander aufbauen.«

»Trotzdem. Rab, würden Sie dafür sorgen, dass jemand nach meiner Schwester und meinem Neffen sieht?«

»Natürlich, Sir.« Rab nickt knapp.

»Danke. Und, Rab?«

»Ja?«

»Wie gesagt – Schluss mit den Förmlichkeiten. Wir sind nicht mehr in der Armee.«

»Ist auch verdammt gut so«, platzt Rab heraus, ehe er sich eilig die Pranke vor den Mund schlägt. »Bitte um Entschuldigung, junge Dame. Ich wollte nicht fluchen.«

Ich lächle. »Keine Angst, ich habe schon ganz andere Sachen gehört.«

Rab lacht ein wenig verlegen und wendet sich an Patrick. »Bitte entschuldigen Sie.«

»Entschuldigung angenommen«, erklärt Patrick mit einem knappen Nicken. »Sagen Sie mir Bescheid, was Sie herausgefunden haben, okay?«

»Das werde ich, Patrick.« Er verschwindet im Büro.

»Einverstanden?«, fragt Patrick und legt mir seine kräftige Hand auf die Schulter.

»Ja. Danke, dass du das für mich tust. Ehrlich gesagt, hatte ich doch ein bisschen … Angst.«

»Ich weiß.« Patrick sieht mich aus seinen blaugrünen Augen eindringlich an. »Und ich will nicht, dass du Angst hast. Vor nichts und niemandem. Nie wieder. Rab mag wie ein Rottweiler aussehen, aber er ist ein Meister der subtilen Observation.«

»Subtile Observation?«

»Ja, er wird mit Bertie und Anise reden und ihnen genau die richtigen Fragen stellen, ohne dass es nach Überwachung klingt. Und sollte er den Eindruck haben, dass etwas nicht stimmt, wird er es mir sagen. Okay?«

Ich nicke fest. »Okay.«

7

Also, wohin gehen wir?«, will ich wissen und folge Patrick.

Mir ist mollig warm in meinen neuen Sachen. Obwohl das gewachste Gewebe meiner Jacke bei jedem Schritt leise schrappt, trägt sie sich sehr angenehm, und dank der dicken Wintersocken habe ich herrlich warme Füße.

Patrick trägt eine Militärhose, ein Baumwollshirt mit langen Ärmeln und fest zugeschnürte Kampfstiefel.

Wir treten in den strahlenden Sonnenschein.

Patrick nimmt mich bei der Hand.

Ich komme mir ein wenig unscheinbar in meinen Klamotten vor, aber natürlich werde ich Patrick das auf keinen Fall sagen. Es würde nur beweisen, dass ich eine typische Frau bin, die sich nur über ihr Äußeres definiert.

»Du wolltest doch mehr über mich erfahren«, sagt er.

»Ja. Und?«

»Und deshalb gehen wir jetzt in den Wald.«

»Das sagtest du bereits.«

»Und zwar tief in den Wald.«

O Gott. Plötzlich fühlen sich meine Beine wie Pudding an.

»Du meinst … so weit hinein, wie mich die Calders mitgeschleppt haben?«

»Ja.«

»O nein, Patrick. Nein. Bitte, ich kann das nicht. Das schaffe ich einfach nicht.«

»Doch, du kannst.«

Ich schüttle den Kopf. »Auf keinen Fall.«

»Doch.«

»Nein.« Ich stemme die Hacken in den Boden wie ein störrischer Esel. »Ich dachte, ich erfriere da draußen … Ich hatte Angst, sie bringen mich um. Ich werde auf keinen Fall …«

»Aber du bist nicht erfroren. Und sie haben dich auch nicht umgebracht.« Patrick umfasst meine Hand fester.

»Ich schaffe es nicht«, stammle ich mit zittriger Stimme. »Wieso muss ich das tun? Törnt es dich an zu sehen, wie ich mir vor Angst in die Hose mache, oder so was?«

Mir ist klar, wie gemein das von mir ist. Aber ich habe nun mal Angst und kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ich es schaffen soll, mich in die Tiefen dieser Wälder vorzuwagen.

Patrick dreht sich um und nimmt mich in die Arme.

Augenblicklich durchströmt mich Wärme. Und ein Gefühl der Sicherheit. Trotzdem will ich nicht mal in die Nähe der Stelle kommen, wohin mich die Calder-Frauen verschleppt haben.

»Seraphina, gleich bei unserer zweiten Begegnung sagtest du etwas, wodurch ich mich sofort in dich verliebt habe.«

»Wirklich?«

»Ja.«

»Und was war das?«

»Dass du Bertie niemals im Stich lassen würdest, egal was passiert.«

»Und?«

»Und das bedeutet, dass du kein Mensch bist, der einfach abhaut. Nein, du stellst dich deinen Ängsten.«

»Das war etwas völlig anderes.«

»Nein, war es nicht.«

»Patrick …«

»Du bist eine Frau, die sich nicht unterkriegen lässt. Wenn du abgeworfen wurdest, steigst du sofort wieder in den Sattel und reitest weiter.«

»Das hat mein Großvater früher auch immer zu mir gesagt. Es war eine Art Familienmotto bei uns. Woher weißt du das? Aber stimmt ja, du hast mir hinterherspioniert. Seit wann noch mal genau?«

Patricks Narbe auf der Wange kräuselt sich, als er lächelt. »Nicht mal annähernd lange genug.« Er legt die Stirn gegen die meine und streicht mir über die Wange. »Hört sich an, als sei dein Opa ein kluger Mann gewesen. Und hast du getan, was er gesagt hat?«

»Ja, meistens.«

»Wahnsinn.« Patrick blickt zum Himmel. »Du hörst auf das, was man dir sagt?«

»Ich habe keine Ahnung, wie du darauf kommst, dass ich es nicht tue.« Ich grinse.

»Oh, ist nur so ein Eindruck, den ich gewonnen habe. Und damit eins klar ist – notfalls habe ich keinerlei Skrupel, dich zu packen und eigenhändig in den Wald zu tragen. Du darfst vor deinen Ängsten nicht weglaufen. Dieser Teil von dir darf nicht die Oberhand gewinnen.«

»Das ist unfair.«

»Das Leben ist nun mal nicht immer fair. Wenn du willst, dass ich dich trage …«

»Wage es ja nicht!«

»Und wie wollen Sie es verhindern, Miss Harper?«

»Ich könnte einfach abhauen.«

»Ich würde dich aber kriegen.«

»Da bin ich mir nicht so sicher. Rein zufällig kann ich nämlich ziemlich schnell laufen.«

»Trotzdem würde ich dich schnappen, glaub mir.«

»Irgendwann wirst du mit diesem Alphamännchen-Quatsch aufhören müssen, Patrick. Wir leben im 21. Jahrhundert. Frauen dürfen wählen und haben auch sonst Rechte. Ich fasse es nicht, dass du erst … Moment mal, wie alt bist du eigentlich?«

»Siebenundzwanzig.«

»Und redest, als würdest du aus dem finsteren Mittelalter stammen.«

»Zum Glück hilfst du mir ja beim Sprung in die Neuzeit.« Vielsagend zieht er eine Braue hoch.

»Ich komme ziemlich gut ohne Hilfe klar.«

»Ich liebe es, wenn du Widerworte gibst.«

»Gut. Das wird nämlich auch in Zukunft so bleiben.«

Mein Blick schweift zu den herrlichen Wäldern.

Patrick hat vollkommen recht. Ich darf nicht zulassen, dass ich nur wegen der Calders nie wieder einen Fuß dort hineinsetze. Schließlich sagt Patrick, sein Herz gehöre dem Wald. Und rein zufällig liebe ich sein Herz – und zwar heiß und innig.

»Okay«, sage ich mit leicht zitternder Stimme, aber sobald die Worte über meine Lippen gekommen sind, spüre ich neue Entschlossenheit. »Gehen wir.«

8

Hier entlang.« Patrick geht auf eine Wand aus dichtem Gestrüpp zu.

»Moment mal, wollten wir nicht in den Wald?«

»Du stellst eindeutig zu viele Fragen.«

»Kannst du vielleicht endlich aufhören, mit mir zu reden, als wäre ich deine Angestellte?«

Verschmitzt zieht er die Brauen hoch. »Rein zufällig bist du meine Angestellte. Wie du ja selbst so gern betonst, wann immer ich dich ficke.«

»Patrick!« Ich muss lachen. »Und du wunderst dich, wieso ich dich Boss nenne?«

»Ich habe dich gebeten, dieses Wort nicht mehr in den Mund zu nehmen.«

»Was ich auch tue, wenn du aufhörst, dich wie ein Neandertaler aufzuführen.«

Patrick lacht. »Ich will mich doch bloß um dich kümmern. Wenn das für dich das Verhalten eines Neandertalers ist«, er zuckt die Achseln, »dann soll es wohl so sein.«

Lachend schüttle ich den Kopf. »Dir kann wirklich keiner helfen.«

Ich mache eine halb zerfallene Hütte zwischen den Sträuchern aus.

»Was ist denn das?«, frage ich.

»Das Basislager.«

»Ah. Verstehe«, erwidere ich, obwohl ich kein Wort kapiere.

»Du hast keine Ahnung, was das bedeutet, stimmt’s?«

Ich lächle verlegen. »Nicht genau. Ist das so ein Armeeding?«

»Dort lagere ich meine Vorräte, bevor ich in die Wälder aufbreche.«

»Aha.«

»Ich habe noch nie eine Frau hierher mitgebracht.«

»Wieso nicht?«

»Ist eben so.« Er zuckt die Achseln.

»Und wieso dann ausgerechnet mich?«

»Weil ich alles mit dir teilen möchte. Außerdem bist du nicht wie andere Frauen.«

»Was heißt das nun wieder?«

»Es heißt, dass du keine Angst hast, dir könnte ein Nagel abbrechen oder deine Kleider könnten schmutzig werden. Du bist zu klug für so was. Und zu wild.«

»Soll das ein Kompliment sein?«

»Ja.«

»Vielleicht hat es den Anschein, weil ich nicht tue, was du mir sagst.« Ich lächle. »Das macht dich verrückt, was? Dass ich jemand bin, den du nicht bezähmen kannst.«

Patrick lacht. »Komisch, als ich dich das letzte Mal gefickt habe, warst du eigentlich ganz zahm. Hör nicht auf, Patrick, bitte hör nicht auf!«

»Klappe!« Ich gebe ihm einen Klaps auf den Arm.

Patrick schmunzelt. »Pass lieber auf, Weib!«

»Und nenn mich nicht WEIB!«

»Okay, okay, wie soll ich dich dann nennen? Eure Ladyschaft? Mein geliebter, wunderbarer Schatz?«

»Seraphina reicht voll und ganz«, lache ich.

9

Patrick gibt die Kombination in das Zahlenschloss an der Tür der Hütte ein, das prompt aufspringt.

»Eins, zwei, null, drei«, sage ich, während ich ihm über die Schulter spähe. »Sehr originell.«

»Das war Jamies Geburtstag. Der 2. März«, sagt er, ohne aufzusehen.

»Oh, bitte entschuldige«, murmle ich. »Mir war nicht klar …«

»Kein Problem.« Er nimmt das Schloss ab. »Woher solltest du es auch wissen?«

»Ich und meine große Klappe.« Ich beiße mir auf die Lippe.

Sein warmer, intensiver Blick geht mir durch und durch. »Ich mag deinen großen Mund sehr gern.« Er öffnet die Tür. »Ladies first.«

»Danke.« Ich stolpere über eine lose Holzdiele und muss husten, als eine dicke Staubwolke aufwirbelt. Überall an den Wänden befinden sich Regale und Haken mit Kletterseilen, Äxten und Macheten.

»Patrick! Du hast ja ein richtiges Waffenarsenal.«

»Die brauche ich auch alle.« Er tritt vor eine Kiste in einer Ecke und öffnet sie. Ich sehe allerlei Lebensmittel darin liegen – grüne Äpfel, Speck, Milch, Butter, Eier, Honig und Kakao.

»Ist das fürs Frühstück? Sieht lecker aus.«

»Ja. Später.« Er nimmt einen Segeltuchrucksack von einem der Haken an der Tür und gibt die Lebensmittel, Seile, Munition und ein Jagdmesser hinein, zieht die Schnur zu und schwingt ihn sich über die Schulter, ehe er sein Gewehr schnappt.

»Ziehen wir etwa in den Krieg?«, frage ich.

»Allzeit bereit sein«, gibt er zurück. »Vor allem, wenn Menschen um einen herum sind, die man liebt.«

»Dann liebst du mich also noch?«

»Ja.« Einen Moment lang sieht er mir in die Augen, und ich spüre, wie ich dahinschmelze. »Okay.« Er packt meine Mütze mit beiden Händen und zieht sie mir fest über die Ohren. »Es mag zwar Frühlingswetter sein, aber kalt kann es trotzdem werden.«

»Sehr schick«, bemerke ich und betaste meine Kopfbedeckung.

»Da draußen spielt es keine Rolle, wie man aussieht«, sagt er mit einem Nicken in Richtung der Wälder. »Stattdessen ist man bloß froh, dass man nicht zu frieren braucht.«

»Aber ist es dir denn egal, wie ich aussehe?«, frage ich plötzlich verlegen.

Patrick lacht. »Für mich bist du immer wunderschön. Vor allem, wenn dir warm ist.«

»Aber …« Ich sehe an mir hinunter. »Es ist alles so praktisch. Ich sehe so … langweilig aus.«

»Nein, tust du nicht.« Wieder erscheint dieses hinreißende angedeutete Lächeln auf seinem Gesicht.

»Dass du dir ein Trophy Girl suchst, kann man dir jedenfalls nicht vorwerfen.«

»Was ist denn ein Trophy Girl?«

»Du weißt schon, diese Mädchen mit tollen Klamotten, raffinierten Frisuren und viel Make-up.«

»Ich kann es nicht ausstehen, wenn Frauen das machen. Wieso alles zukleistern, was einem die Natur geschenkt hat?«

»Was gibt es dagegen einzuwenden, sich ein bisschen hübsch zu machen?«

»Es nimmt ihnen ihre natürliche Schönheit. Du könntest niemals schöner aussehen als jetzt in diesem Moment – mit deinen geröteten Wangen und deinem vom Wind zerzausten Haar.«

»Wow. Manchmal bist du ja tatsächlich ein Charmeur. Das ist … toll.«

»Mit Charme hat das gar nichts zu tun, sondern ich bin nur ehrlich.« Er befestigt ein Lederetui mit einem Messer an seinem Gürtel.

»Ich wette, du warst ein guter Pfadfinder«, bemerke ich.

»Ja, war ich. Sogar ein ganz hervorragender. Der beste von allen.«

10

Zwanzig Minuten später marschieren wir durch die Wälder. Patrick nimmt meine Hand und führt mich den Pfad zwischen den Bäumen entlang.

»Hast du immer noch Angst?«

»Ehrlich gesagt bin ich gar nicht mehr dazu gekommen, darüber nachzudenken«, antworte ich wahrheitsgetreu – mit Patrick an meiner Seite fühle ich mich sicher und nicht länger, als wäre der Wald mein Erzfeind.

»Gut.«

Wir schlängeln uns weiter zwischen den Bäumen hindurch bis zu einem Felsvorsprung.

»Wow!«, stoße ich beim Anblick der schneebedeckten Landschaft und des klaren blauen Himmels hervor. »Diese Aussicht ist ja unglaublich!«

»Freut mich, dass es dir hier gefällt.« Patrick nimmt den Rucksack ab und stellt ihn auf den Boden. »Hier werden wir nämlich frühstücken. Das Café Mansfield ist geöffnet.«

Ich lächle. »Was für ein herrlicher Platz.« Wieder sehe ich mich um. »Ich bin begeistert.«

»Ich wollte dich herbringen, seit ich dir das erste Mal begegnet bin. Aber es kam mir nicht richtig vor. Der große böse Wolf schleppt die unschuldige Nanny in den tiefen Wald …«

»Du machst mir keine Angst, Patrick Mansfield.«

»Das würde ich nie wagen.«

»Weiß ich.«

Patrick öffnet den Rucksack. »Ich will nie wieder erleben, dass du Angst hast. Niemals. Und sollte jemand versuchen …«

»Ist schon gut. Solange du bei mir bist, wird mir nichts passieren.«

»Du hast bestimmt Hunger.«

»Bärenhunger. Was gibt’s zu essen?«

Aus trockenen Zweigen und Holzspänen macht Patrick ein Feuer. Er häuft alles auf dem Boden auf und zündet es mit einem kleinen Metallding an, das an seiner Schlüsselkette baumelt.

»Was ist das?«, frage ich, als er sich hinkniet, um in die Flammen zu pusten.

»Was meinst du?«

»Dieses Funkending, mit dem du gerade das Feuer angezündet hast.«

»Das Funkending?« Lachend setzt Patrick sich auf die Fersen, als eine kleine Rauchwolke aufsteigt.

»Na ja, du weißt schon, was ich meine.«

»Das ist ein Feuerstahl.«

»Und damit kann man ohne Streichhölzer Feuer machen?«

»Hier draußen würden Streichhölzer nichts nützen. Sie werden nur nass und funktionieren dann nicht mehr. Ein Feuerstahl ist viel besser, außerdem spart er Platz.«

»Aha.«

Als die Zweige und Rindenstücke zu brennen beginnen, geht er zu seinem Rucksack und nimmt Butter, Speck, Milch, Äpfel und Kakaopulver heraus.

»Interessante Zusammenstellung.«

»Von mir kannst du noch was lernen. Das wird das beste Frühstück, das du je bekommen hast.«

»Besser als Vickys im großen Saal?«

»Viel besser.«

»Du bist dir deiner Sache ja ziemlich sicher. Oder sollte ich vielleicht arrogant sagen?«

»Die Wahrheit darf ausgesprochen werden. Also, wie gefällt es dir bisher im Café Mansfield?«

»Es ist schön. Vielleicht nicht so toll wie ein feudales Schloss mit Pool, Spitzenköchin und Zentralheizung, aber trotzdem prima.«

Patrick lacht. »Was ist all das schon im Vergleich zu dem hier?« Er deutet auf die Landschaft ringsum.

»Du als Schlossbesitzer hast da gut reden.«

»Ich schwöre, selbst wenn ich kein Schloss und keinen Penny hätte, wären mir die Wälder trotzdem noch lieber als alles andere.«

»Wirklich?«

»Wirklich.«

Patrick nimmt braune Papiertüten aus dem Rucksack und reibt sie mit Speckstreifen ein.

»Wozu brauchst du diese Tüten?«, will ich wissen.

»Darin brate ich unser Frühstück.«

»Aber verbrennt das Papier nicht?«

»Nicht, wenn es gut eingefettet ist und auf der Glut liegt.«

»Oh.«

»Wie viele Eier willst du?«

»Äh. Eins?«

»Du solltest mindestens zwei essen.« Patrick gibt den Speck in die Tüten, dann schlägt er die Eier auf, zwei in die eine, vier in die andere Tüte.

»Du isst vier Eier?«, frage ich fassungslos.

»Ein Mann braucht ein anständiges Frühstück.« Er faltet die Tüten oben zusammen. »Wie magst du sie haben? Hart oder weich?«

Ich lache. »Egal. Wie es kommt.«

Eigentlich sind mir harte Eier lieber; mit diesem weißlichen Glibber kann ich nicht allzu viel anfangen.

Mit seinem Messer spitzt Patrick einen Zweig an, schiebt ihn durch die Papiertüten und hängt sie über die Glut.

Eine Weile sitzen wir da und lauschen dem Sprotzeln der Eier und des Specks.

11

Der Rauch des Lagerfeuers steigt mir in die Nase.

In den Bäumen singen Vögel, und die Sonne steht hoch über den Bergen.

»Bereit für deine erste Lagerfeuermahlzeit?« Patrick nimmt die verkohlten Tüten aus der glühenden Asche.

»Wie kommst du darauf, dass es mein erstes Lagerfeuermahl ist? In London hätte ich mir jederzeit etwas Leckeres am Feuer zubereiten können.«

»Nie im Leben. Das ist deine Premiere.«

»Und woher willst du das wissen?«

»Ich weiß es eben.«

Einen Moment lang herrscht Schweigen.

»Du hast recht«, gestehe ich. »Es ist mein erstes Mal.«

»Wusste ich es doch.« Er reißt die Tüten oben auf und wirft das Papier ins Feuer.

Es knistert, knackt und zischt.

»Du magst deinen Speck schön knusprig.«

»Ja, ich …«

»Das war keine Frage.« Patrick nimmt den Speck aus den Tüten, hängt ihn über den zugeschnitzten Ast und hält ihn wieder über das Feuer.

»Bon appétit.« Er legt den perfekt gerösteten Speck auf die Eier und reicht mir eine der aufgerissenen Papiertüten.

»Riecht ja ziemlich lecker«, stelle ich fest, während ich die zwei Eier in Augenschein nehme. »Und wie essen wir das jetzt?«

»Ganz einfach. Mit den Fingern.«

»Aber …«

»Sag bloß nicht, du genierst dich, mit den Fingern zu essen.«

Patrick nimmt einen Streifen von dem knusprigen Speck und schiebt ihn sich in den Mund. Während er kaut, wirft er mir einen Seitenblick zu. »Los, iss.«

Vorsichtig nehme ich eins der Eier zwischen zwei Finger. Das Eigelb ist schön hart gekocht, genau wie ich es mag.

Ich probiere einen kleinen Bissen. Es schmeckt richtig gut. Salzig, rauchig und deftig.

»Gar nicht übel«, gebe ich zu und werfe einen Blick auf die vier Eier in Patricks Tüte. »Du hast aber ziemlichen Appetit.«

»Ich muss mich bei Kräften halten. Vor allem jetzt, da ich auf dich aufpassen muss.«

Ich merke, wie ein Lächeln um meine Mundwinkel spielt. »Ich habe in der Vergangenheit schon das eine oder andere Mal bewiesen, dass ich durchaus selbst auf mich aufpassen kann. Vielleicht bin ich ja gar nicht die kleine, zerbrechliche Frau, für die du mich offenbar hältst.«

»Vergiss es. Hier draußen wissen selbst die Füchse und die Dachse mehr als du – sogar die Mäuse, um genau zu sein.«

Die ganze Zeit über behält Patrick das Lagerfeuer im Auge. Er scheint sich hier ganz zu Hause zu fühlen, regelrecht mit der Umgebung zu verschmelzen.

»Ich nehme an, dass du auch den Rückweg kennst«, sage ich, während ich die letzten Bissen verputze.

»Den würde ich mit verbundenen Augen finden.« Patrick knüllt den Rest seiner Tüte zusammen und wirft ihn ins Feuer.

»Ausgezeichnet. Ich müsste nämlich mal pinkeln.«

»Wir gehen heute nicht mehr zurück.«

Ich lache, weil ich im ersten Moment glaube, dass er einen Witz macht, doch dann dämmert mir, dass er es ernst meint. »Wo genau willst du denn hin?«

»Wir gehen noch ein bisschen weiter in den Wald.«

»Noch weiter? Wir sind doch schon ewig weit gelaufen.«

»Stell dich schon mal auf den nächsten Marsch ein. Wir haben ein wichtiges Ziel.«

»Und zwar?«

»Die Stelle, an der dich die Calders zurückgelassen haben. Der Ort, an dem du sterben solltest.«

12

Mir ist, als würde sich die Angst wie eine eiskalte Klinge in mein Herz bohren.

»Du willst mich an den Ort bringen, wohin sie mich verschleppt hatten? Das meinst du nicht ernst!«

»Sogar todernst.«

Ich spüre, wie das Frühstück in meinem Magen rumort. »Ich glaube, ich muss mich übergeben.«

Patrick blickt ins Lagerfeuer. »Das wird nicht passieren.«

»Woher willst du das so genau wissen?«

»Weil du stark genug bist.«

Ich schlucke. »Da bin ich mir nicht so sicher.«

»Aber ich. Du musst dich deinen Albträumen stellen, und zwar so schnell wie möglich. Ich will nicht, dass dich all das bis ans Ende deines Lebens verfolgt. Ich fühle mich selbst schuldig genug.«

Er steht auf, tritt das Feuer aus und scharrt Erde über die brennende Glut.

»Du musst kein schlechtes Gewissen haben«, entgegne ich, während ich mich ebenfalls auf die Beine kämpfe. »Du hast mich doch gerettet.«

»Ich hätte es niemals so weit kommen lassen dürfen. Ich hätte es wissen müssen.«

Beschwichtigend lege ich ihm eine Hand auf den Arm. »Niemand konnte ahnen, dass die Calders so weit gehen würden. Mrs Calder stand schon lange in Diensten deiner Familie.«

»Komm.« Patrick nimmt seinen Rucksack und ergreift meinen Arm. »Lass uns gehen.«

Widerstand ist sinnlos. Der Ausdruck in seinen Augen lässt keinen Zweifel daran, dass er mich notfalls auf der Schulter tragen wird. Außerdem weiß ich in meinem tiefsten Herzen, dass er recht hat. Ich muss dem Horror ins Auge sehen, damit ich wieder ein Leben ohne Angst führen kann.

Also marschieren wir los.

13

Nach einer halben Ewigkeit erspähe ich eine von hohen Bäumen gesäumte Lichtung.

An einem der Äste flattert gelbes Absperrband im Wind. Offenbar hat die Polizei den Tatort für einige Tage abgeriegelt, während sie damit beschäftigt war, Spuren zu sichern und Hawks Leiche abzutransportieren.

Unwillkürlich umklammere ich Patricks Hand ganz fest.

»Das ist die Stelle«, flüstere ich. »Da haben sie mich im Schnee liegen gelassen. Und Hawk Turner sollte mich …«

Patricks Finger schließen sich wie Stahl um die meinen – stark und bestimmt.

»Ja, genau dort war es.«

»Okay.« Meine Stimme bebt. »Dann habe ich ja alles gesehen. Können wir jetzt wieder gehen?«

»Sieh dir das Ganze noch mal ganz genau an.« Patrick zieht mich eng an sich. »Und dann hak es ab.«

»Ich …« Ich starre auf den Boden und erinnere mich daran, wie ich hier gelegen habe, mit der Wange auf der nackten, eiskalten Erde – in der Gewissheit, dass ich erfrieren würde.

Ich schäme mich, aber ich kann nichts dagegen tun. Plötzlich strömen mir Tränen über die Wangen.

Ich schniefe und schlucke, versuche, gegen die Tränen anzukämpfen, aber es ist zwecklos. Meine Schultern beben, und ich klammere mich an Patrick, schluchze an seiner Brust.

Je heftiger ich weine, desto fester drückt er mich an sich.

Ein leises Wimmern dringt an meine Ohren, als mir klar wird, dass es aus meinem eigenen Mund gekommen ist.

»Ich … ich hatte solche Angst«, stammle ich. »Ich dachte … ich dachte wirklich, dass ich sterben … und Bertie ganz allein auf dieser Welt sein würde.«

Patricks Arme sind stark und tröstend.

»Hätten sie dir etwas angetan, hätte ich sie zur Strecke gebracht. Sie hätten nicht mal die Nacht überlebt.«

»Einer hat sie ja auch nicht überlebt.«

»Turner braucht dir weiß Gott nicht leidzutun. Der Kerl war ein gewissenloses Schwein. Die Welt ist ohne ihn besser dran.«

Ich schmiege mich an Patricks warme Brust.

Patrick hält mich eine kleine Ewigkeit fest, reibt beruhigend meine Arme und streicht mir sanft durchs Haar.

»Hak es ab«, flüstert er immer wieder. »Lass es einfach hinter dir.«

14

Als ich nicht mehr am ganzen Körper zittere und meine Tränen versiegt sind, hält Patrick mich auf Armeslänge von sich weg.

»Besser?« Er wischt mir die Tränen ab.

Ich nicke, weiche aber seinem Blick aus. »Ich hasse es, vor dir zu weinen.«

»Warum?«