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Patientenedukation und Familienedukation E-Book

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Beschreibung

Patienten und Familien pflegebezogen informieren, schulen und beraten Menschen die erkranken oder pflegebedürftig werden stehen vor Lernaufgaben, die es mit bedürfnisorientierter und gezielter Information, Schulung und Beratung zu lösen gilt. Das Handbuch für Pflegefachpersonen zur Patientenedukation von Klienten und Familien •beschreibt die Patientenedukation bezüglich ihrer Aufgaben, Entwicklungen, Rollen und Zielgruppen •klärt Konzepte der Patientenedukation von Empowerment über Gesundheitskompetenz (Health Literacy), Ressourcenorientierung, Selbstmanagement und -wirksamkeit, soziale Unterstützung bis hin zu subjektiven Gesundheits- und Krankheitstheorien und Verlaufsmodellen ¨ •erläutert, wie man Informationen verständlich vermittelt, leichte Sprache nutzt, Lesbarkeit erhöht, Falschinformationen entlarvt und Informationsmaterialien entwickelt •differenziert Einzel- und Gruppenschulungen und erläutert die Grundlagen der Beratung mit ihren Besonderheiten, Beziehungen, Formen, Haltungen, Konzepten und Prozessen •unterscheidet die Aufgaben, Rollen und Prozesse der Moderation •skizziert die Handlungsfelder der pflegebezogenen Edukation in den Bereichen ANP, Akutpflege, Altenpflege, ambulante Pflege, Angehörigenedukation, Familiengesundheitspflege, Hebammenarbeit, Pflegeberatungsstellen und Patienteninformationszentren (PIZ) sowie Pflegeberatung nach § 7a SGB XI und Schulgesundheitspflege •erläutert, wie man gezielt nach evidenzbasierten Patienteninformationen sucht und diese erkennt •beschreibt die Patientenedukation im Pflegeprozess mit Pflegediagnosen, -zielen und -interventionen.

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Seitenzahl: 670

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Martin Schieron

Christa Büker

Angelika Zegelin

(Hrsg.)

Patientenedukation und Familienedukation in der Pflege

Praxishandbuch zur Information, Schulung und Beratung

Unter Mitarbeit von

Sonja Beckmann

Kerstin Dengler

Stephanie Federhen

Jürgen Georg

Jörg große Schlarmann

Alexandra Knisch-Wesemann

Andreas Kocks

Patrizia Künzler-Heule

Margareta Leitner

Christina Lusebrink

Rebecca Mensah

Matthias Mertin

Gabriele Meyer

Sarah Plum

Kerstin Protz

Sonja Schiff

Franz Sitzmann

Nadine Sunder

Mareike Ouatedem Tolsdorf

Andrea Umschlag

Gabriele Ungethüm

Susanne Vollmer

Beate Wessel

Patientenedukation und Familienedukation in der Pflege

Martin Schieron, Christa Büker, Angelika Zegelin (Hrsg.)

Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Pflege:

Jürgen Osterbrink, Salzburg; Doris Schaeffer, Bielefeld; Christine Sowinski, Köln; Franz Wagner, Berlin; Angelika Zegelin, Dortmund

Martin Schieron (Hrsg.). Krankenpfleger, Diplom-Pflegewissenschaftler (FH). Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule für Gesundheit Bochum.

E-Mail [email protected]

Christa Büker, Prof. Dr. (Hrsg.). Professorin für Pflegewissenschaft an der Fachhochschule Bielefeld.

E-Mail [email protected]

Angelika Zegelin, Hon.-Prof. Dr. (Hrsg.). Krankenschwester, Lehrerin für Pflegeberufe, Mag. Erziehungswissenschaft, Pflegewissenschaftlerin, Dortmund.

E-Mail [email protected]

Wichtiger Hinweis: Der Verlag hat gemeinsam mit den Autoren bzw. den Herausgebern große Mühe darauf verwandt, dass alle in diesem Buch enthaltenen Informationen (Programme, Verfahren, Mengen, Dosierungen, Applikationen, Internetlinks etc.) entsprechend dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes abgedruckt oder in digitaler Form wiedergegeben wurden. Trotz sorgfältiger Manuskriptherstellung und Korrektur des Satzes und der digitalen Produkte können Fehler nicht ganz ausgeschlossen werden. Autoren bzw. Herausgeber und Verlag übernehmen infolgedessen keine Verantwortung und keine daraus folgende oder sonstige Haftung, die auf irgendeine Art aus der Benutzung der in dem Werk enthaltenen Informationen oder Teilen davon entsteht. Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

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Anregungen und Zuschriften bitte an:

Hogrefe AG

Lektorat Pflege

z. Hd. Jürgen Georg

Länggass-Strasse 76

3012 Bern

Schweiz

Tel. +41 31 300 45 00

[email protected]

www.hogrefe.ch

Lektorat: Jürgen Georg

Bearbeitung: Martina Kasper

Herstellung: René Tschirren

Umschlagabbildung: Getty Images, sanjeri

Umschlag: Claude Borer, Riehen

Satz: Claudia Wild, Konstanz

Format: EPUB

1. Auflage 2021

© 2021 Hogrefe Verlag, Bern

(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96041-8)

(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76041-4)

ISBN 978-3-456-86041-1

http://doi.org/10.1024/86041-000

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Diese Bestimmungen gelten gegebenenfalls auch für zum E-Book gehörende Download-Materialien.

Zitierfähigkeit: Dieses EPUB beinhaltet Seitenzahlen zwischen senkrechten Strichen (Beispiel: |1|), die den Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe und des E-Books im PDF-Format entsprechen.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Nursing is teaching – Grundlagen und EntwicklungenAngelika Zegelin

1.1 Erste Orientierungen

1.2 Notwendigkeit der pflegerischen Patientenedukation

1.3 Rolle der Pflegeberufe

1.4 Professionalisierung der pflegerischen Patientenedukation

1.5 Entwicklung an der Universität Witten/Herdecke (UWH)

1.5.1 Erste Patienten-Informations-Zentren

1.5.2 Mikroschulungen und komplexe Anleitungen

1.5.3 Breast-Care-Nurse und Herzinsuffizienz-Expert:innen

1.5.4 Besuche in Österreich und in der Schweiz

1.5.5 Praxisbeispiel: Patientenedukation in der praktischen Ausbildung Margareta Leitner

1.6 Fortschritte: Patientenedukation und Pflege ab 1995

1.7 Implementierung von pflegerischer Patientenedukation

1.7.1 Brustkrebs-Projekt

1.7.2 Epilepsie-Projekt

1.7.3 Theoretische Orientierung: Caring, Hoffnung und Evidenz

1.8 Besondere Zielgruppen in der Patientenedukation

1.9 Wissenschaftliche Bearbeitung pflegerischer Patientenedukation

1.10 Künftiges und Wünsche

2 Theoretische AnsätzeMartin Schieron

2.1 Empowerment

2.2 Familienorientierung

2.3 Gesundheitskompetenz

2.4 Pflegetheorien

2.5 Ressourcenorientierung

2.6 Salutogenese

2.7 Selbstmanagement und Selbstwirksamkeit

2.8 Soziale Unterstützung

2.9 Subjektive Gesundheits- und Krankheitstheorien

2.10 Trajekt-Modell

2.11 Transtheoretisches Modell

2.12 Es gibt noch mehr …

3 Grundlagen der InformationsvermittlungChrista Büker

3.1 Informationsbegriff

3.2 Bedeutung der Informationsvermittlung

3.3 Informationsvermittlung im Pflegealltag

3.4 Verständlichkeit von Informationen

3.4.1 Einfache Sprache und Leichte Sprache

3.4.2 Hamburger Verständlichkeitskonzept

3.4.3 Lesbarkeitsformeln

3.4.4 Gesundheitsinformationen in verschiedenen Sprachen

3.5 Evidenzbasierung von Gesundheitsinformationen

3.6 Umgang mit Falschinformationen

3.7 Materialien für die Informationsübermittlung

3.7.1 Schriftliche Infomaterialien

3.7.2 Erstellung eigener Informationsbroschüren

3.7.3 Bilder als Eyecatcher

3.7.4 Postereinsatz

3.7.5 Einsatz von Filmen

3.7.6 Sonstiges Anschauungsmaterial

3.8 PIZ als pflegerisches Handlungsfeld

3.8.1 Eine Idee aus Amerika

3.8.2 Implementierung in Deutschland

3.8.3 Ziele und inhaltliche Konzeption

3.8.4 Informationsvermittlung als Schwerpunkt

3.8.5 Sonstige Schwerpunkte und Aktivitäten

3.8.6 Anforderungsprofil für PIZ-Mitarbeitende

3.8.7 Standortwahl und Ausstattung

3.8.8 Qualitätssicherung und Evaluation

3.8.9 Einsatz von Auszubildenden und Studierenden

3.8.10 Erfolgsfaktoren eines PIZ

3.8.11 Forschungsbedarf

3.8.12 Patienten-Informations-Zentren in Deutschland

3.8.13 Praxisbeispiel: Pflegebezogene Edukation im PIZStefanie Federhen

3.8.14 Praxisbeispiel: InformationsinselnMargareta Leitner

4 Grundlagen zu SchulungenChrista Büker

4.1 Lernen zur Krankheitsbewältigung

4.2 Einzelschulungen

4.2.1 Schulungsprozessmodelle

4.2.2 Lernförderliche Faktoren

4.2.3 Mikroschulungen

4.2.3.1 Vorbereitung einer Mikroschulung

4.2.3.2 Durchführung einer Mikroschulung

4.2.3.3 Nachbereitung einer Mikroschulung

4.2.3.4 Mikroschulungen – Kritische Würdigung

4.2.4 Schulungen im Kontext der Expertenstandards

4.2.5 Häusliche Einzelschulungen nach § 45 SGB XI

4.3 Gruppenschulungen

4.3.1 Kurse für pflegende Angehörige

4.3.1.1 Schulungsformen und -konzepte

4.3.1.2 Basispflegekurse

4.3.1.3 Spezialpflegekurse

4.3.2 Patientenschulungsprogramme

4.3.3 Gestaltung von Gruppenschulungen

4.3.3.1 Vorbereitung

4.3.3.2 Durchführung

4.3.3.3 Evaluation

4.3.4 Online-Schulungen

4.4 Praxisbeispiel: Entspannung und Stressbewältigung im PflegealltagAndrea Umschlag

5 Grundlagen der BeratungMartin Schieron

5.1 Besonderheiten der Beratung in der Pflege

5.2 Alltagsberatung und Klinische Beratung

5.3 Formalisierungsgrade von Beratung

5.4 Spontane und geplante Beratung

5.5 Soziale Konstellationen von Beratung

5.6 Unmittelbare und mittelbare Beratung

5.7 Experten-, Fach-, Prozess- und Komplementärberatung

5.8 Der Beratungsprozess

5.9 Grundhaltungen in der Beratung

5.10 Beratungsbeziehung

5.11 Beratungskonzepte

5.11.1 Tiefenpsychologische Beratungsansätze

5.11.2 Humanistische Beratungsansätze

5.11.3 Verhaltensorientierte Beratungsansätze

5.11.4 Systemische Beratungsansätze

5.11.5 Lösungsorientierte Beratung

5.11.6 Integrative Beratungsansätze

5.12 Pflegespezifische Beratungskonzepte

5.12.1 Professionelle Pflegeberatung und Gesundheitsförderung für chronisch Kranke

5.12.2 Das Konzept der leiborientierten Beratung

5.12.3 Systemisches Beratungsmodell HUGADO

5.12.4 Das Wittener Konzept und die Wittener Werkzeuge

5.13 Praxisbeispiel: Patientenedukation in der StomatherapieBeate Wessel und Gabriele Ungethüm

6 Grundlagen der ModerationMartin Schieron

6.1 Entwicklungen der Moderation als Strategie

6.2 Rolle und Aufgaben in der Moderation

6.3 Der Moderationsprozess

6.4 Praxisbeispiel: Familienmoderation bei PflegebedürftigkeitMareike Tolsdorf Quatedem

7 Handlungsfelder pflegebezogener EdukationMartin Schieron

7.1 Advanced Practice Nursing (APN) Martin Schieron

7.1.1 Praxisbeispiel: Patientenedukation bei oral antikoagulativer TherapieAlexandra Knisch-Wesemann

7.1.2 Praxisbeispiel: Institutionsübergreifende Pflegesprechstunde LebertransplantationPatricia Künzler-Heule und Sonja Beckmann

7.2 Altenhilfe und AltenpflegeMartin Schieron

7.2.1 Praxisbeispiel: Beratung Demenzbetroffener und deren AngehörigerRebecca Mensah

7.2.2 Praxisbeispiel: Patientenedukation in der AltenpflegeSonja Schiff

7.3 Ambulante KrankenpflegeMartin Schieron

7.3.1 Praxisbeispiel: Hygiene bei der ambulanten PeritonealdialyseFranz Sitzmann

7.3.2 Praxisbeispiel: Edukation in der WundversorgungKerstin Protz

7.4 Angehörige in der pflegebezogenen EdukationMartin Schieron

7.4.1 Praxisbeispiel: Angehörigenedukation in der neurologischen FrührehabilitationKerstin Dengler

7.5 Community Health Nurses (CHN) Martin Schieron

7.6 Modellprogramm Familiale Pflege Martin Schieron

7.7 Familiengesundheitspflege und präventiver HausbesuchAngelika Zegelin

7.8 Beratung und Schulung in der HebammenarbeitChristina Lusebrink

7.9 Pflegebezogene Edukation im Krankenhaus Martin Schieron

7.9.1 Praxisbeispiel: Edukation bei HerzinsuffizienzGabriele Meyer

7.9.2 Praxisbeispiel: Angstreduktion bei Kindern und den ElternSarah Plum

7.10 Pflegeberatungs- und andere BeratungsstellenMartin Schieron

7.10.1 Praxisbeispiel: Selbstständig in der Gesundheits- und FamilienedukationNadine Sunder

7.11 Pflegegeleitete Entscheidungsberatungen als Self-Care-SupportMatthias Merthin

7.12 Schulgesundheitspflege Andreas Kocks

7.13 Pflegebezogene Edukation im Rahmen des SGB XIMartin Schieron

7.13.1 Praxisbeispiel: Aufsuchende Pflegeberatung nach § 7a SGB XI Susanne Vollmer

8 Nach Symptomen googlenJörg große Schlarmann, Mitarbeit Christa Büker

8.1 Wer sucht?

8.2 Was steht drin?

8.3 Einfluss auf die Patienten-Arzt-Beziehung

8.4 Social Media

8.5 Qualitätssicherung

9 Patientenedukation und PflegeprozessJürgen Georg

9.1 Gesundheitsförderung, -beratung und Gesundheitsversorgung

9.2 Wissen als Ressource

9.3 Pflege- und Beratungsprozess

9.4 Beratungshindernisse

9.5 Beratungsbedarf einschätzen

9.6 Beratungsbedarf erkennen und benennen

9.7 Patientenedukation begründende Pflegediagnosen

9.7.1 Gesundheitskompetenz

9.7.2 Wissen

9.7.3 Gesundheitsmanagement

9.7.4 Gesundheitsförderungspflegediagnosen

9.7.5 Risikopflegediagnosen

9.8 Beratungs- und Lernziele vereinbaren

9.9 Beratungsbedarf befriedigen

9.10 Zusammenfassung

Anhang

Abgrenzung kommunikativer UnterstützungsleistungenMartin Schieron

Weiterführende Literatur

Zusammenfassung im Text verwendeter Links

Herausgeber- und Autorenverzeichnis

Sachwortverzeichnis

|11|Vorwort

Als eine der ersten Publikationen im deutschsprachigen Raum zu edukativen Aktivitäten in der Pflege erschien 2010 die Übersetzung von Fran London’s Buch „Informieren, Schulen, Beraten“ aus dem Amerikanischen. Trotz der Unterschiede zum US-amerikanischen Gesundheitssystem und zum Rollen- und Aufgabenverständnis der professionellen Pflege hier und dort, ist dieses Buch für viele Pflegende zu einem ‚Klassiker‘ der Patientenedukation geworden.

Inzwischen gibt es auch hierzulande eine Reihe von Veröffentlichungen zu diesem wichtigen pflegerischen Handlungsfeld. Jedoch ist kein Handbuch mehr erschienen, welches das Thema umfassend, praxisnah und wissenschaftsgestützt behandelt. Diese Lücke zu schließen, ist die Absicht der vorliegenden Publikation. Insofern freuen wir uns als Herausgebende, ein deutschsprachiges Handbuch auf aktuellem Stand vorlegen zu können. Dabei ist es uns wichtig festzustellen, dass ‚Edukation‘ im Sinne der Patienten- und Familienedukation nicht als ‚Erziehung‘, sondern umfassend als ‚Bildung‘ zu verstehen ist – weit über Wissensvermittlung hinaus.

So schwierig für viele Menschen der Umgang mit der Corona-Pandemie war und immer noch ist, für die Patienten- und Familienedukation scheint sie geradezu ein Motor zu sein. Selten wurde in den Medien über medizinische Themen so ausführlich berichtet. Begriffe wie Aerosol, Inzidenzwert, Vektorimpfstoff oder FFP2-Maske scheinen in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen zu sein. Bildung geschieht häufig dann, wenn der Bedarf an ihr akut ist. Diese Chance sollte auch die Pflege nutzen.

Obwohl im Berufsgesetz als Aufgabe der Pflege verankert, kommt in der Arbeitswelt vieler Pflegender edukativen Aktivitäten hierzulande immer noch nicht der Stellenwert zu, der ihnen gebührt. Dabei kann ihre Bedeutung insbesondere für chronisch kranke und pflegebedürftige Menschen sowie deren Familien gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Informieren, Beraten, Schulen und auch Moderieren sind zentrale Interventionen zur Bewältigung des Lebens mit Krankheit und Pflegebedürftigkeit. Pflegefachpersonen sind aufgrund ihrer Nähe zu den Betroffenen im Alltag prädestiniert, diese Unterstützung zu leisten.

Das Handlungsfeld der Patienten- und Familienedukation zeichnet sich durch eine beeindruckende Vielfalt aus, was dieses Buch zeigen will. Nicht alle Bereiche pflegebezogener Edukation konnten dargestellt werden. Dass hier dennoch Beispiele aus vielen verschiedenen Bereichen vorgestellt werden können, ist insbesondere den vielen Mitautor:innen zu verdanken. Sie zeigen auf, was Patienten- und Familienedukation in den jeweiligen Arbeitsgebieten bedeuten kann und wie sie umgesetzt werden kann. Froh sind wir darüber, auch Beispiele aus Österreich und der Schweiz vorstellen zu können. Allen Mitautor:innen sprechen wir unseren tiefen Dank für ihre Unterstützung und für ihr Vertrauen uns gegenüber aus.

Uns Herausgebenden ist es ein Anliegen, Leser:innen auf dieses Handlungsfeld neugierig zu machen und ihnen Rüstzeug für die Durchführung edukativer Aktivitäten zu geben.

|12|Das Buch richtet sich sowohl an Pflegefachpersonen, die bereits in der Patienten- und Familienedukation aktiv sind, aber auch an alle Praktiker:innen, die sich mit diesem Thema erstmals befassen wollen. Natürlich sollen sich auch Studierende und alle anderen am Thema Interessierte durch dieses Buch angesprochen fühlen.

Was finden Leser:innen in diesem Buch?

In Kapitel 1 gibt Angelika Zegelin einen Rückblick auf ihre vielfältigen Aktivitäten zur Patienten- und Familienedukation im deutschsprachigen Raum.

In Kapitel 2 werden die wichtigsten theoretischen Grundlagen angesprochen. Die weiteren Kapitel beschäftigten sich mit theoretischen Hintergründen zu den einzelnen Interventionen Information (Kap. 3), Schulung (Kap. 4), Beratung (Kap. 5) und Moderation (Kap. 6). Bereits in diesen Abschnitten sind Beispiele aus der Praxis zu finden sowie praxisnahe Handlungshilfen, Tipps, Checklisten etc.

Kapitel 7 greift viele – aber selbstverständlich nicht alle denkbaren – Handlungsfelder der Patienten- und Familienedukation auf. Einige werden nur kurz eher theoretisch beschrieben, den meisten sind zusätzlich Praxisbeispiele der Mitautor:innen angefügt.

Dem Umgang mit Informationen aus dem Internet ist Kapitel 8 gewidmet. Kapitel 9 schließt das Buch mit Betrachtungen zu Patientenedukation im Pflegeprozess ab.

In allen Kapiteln finden die Leser:innen Aufgaben, die sie dabei unterstützen sollen, sich mit verschiedenen Themen tiefer und zum Teil auch praxisnäher auseinandersetzen zu können als dies beim bloßen Lesen eines Buches möglich ist. So gibt es einerseits Rechercheaufgaben, um die Leser:innen anzuregen, inhaltlich vertieft in bestimmte Themen einzusteigen. Es finden sich auch Reflexionsaufgaben, die auf das eigene berufliche Erleben zielen. Wir ermutigen alle Leser:innen, diese Aufgaben (oder zumindest einige davon) zu bearbeiten.

Nun noch ein paar formelle Hinweise. Wir haben versucht, dieses Buch in gendergerechter Sprache zu verfassen. Bei einigen Begriffen (Patientenedukation, Patienten-Informations-Zentrum, Patientenschulungen nach § 45 SGB V) haben wir uns dazu entschlossen, die überall noch nicht gegendert genutzten Versionen dieser Begriffe zu verwenden, da sie beispielsweise in Gesetzen oder Bezeichnungen so vorkommen.

Was uns während der Arbeit am Buch noch klar geworden ist! – Persönliche Gedanken

Martin Schieron

„Aufgrund meiner beruflichen Schwerpunkte in den letzten Jahrzehnten habe ich meinen Blick verstärkt auf den ambulanten Bereich gelegt. Während meiner Zeit als Krankenpfleger in somatischen Krankenhäusern war mein Blick sehr auf die von mir betreuten Patient:innen gerichtet. Die Bedeutung der Angehörigen für die Patient:innen war mir zwar bewusst, ich betrachtete sie jedoch eher instrumentalisierend: Was können sie für die Patientin, den Patienten tun bzw. bewirken? Zwischenzeitlich ist mir die Bedeutung von Krankheit, Behinderung oder Pflegebedürftigkeit für das gesamte Familiensystem oder familienähnliche Gemeinschaften immer deutlicher geworden. Ebenso hat sich meine Aufmerksamkeit vom kurativen zum präventiven Handeln verlagert. Dies ist mir während des Schreibens noch mal deutlich geworden. Und hierbei geht es nicht nur um Prävention für pflegende Familien. Ich bin inzwischen überzeugt, dass Pflegefachpersonen durch gezielt ausgeübte edukative Tätigkeiten ihre Arbeitszufriedenheit deutlich vergrößern können. Dies habe ich selbst in verschiedenen Projekten beobachten können.“

Christa Büker

„Die Arbeit an diesem Buch hat mir wieder einmal vor Augen geführt, wie interessant und vielfältig das Handlungsfeld der Patienten- und Familienedukation ist. Die tägliche Praxis bietet unzählige Anknüpfungspunkte für edukative Aktivitäten! Eine zentrale Zielgruppe bilden die |13|pflegenden Angehörigen. Bereits während meiner früheren beruflichen Tätigkeit in der ambulanten Pflege spielten Information, Schulung und Beratung von Angehörigen eine bedeutende Rolle. Auch in meinen späteren Forschungsarbeiten über die Situation von Familien mit einem schwerkranken oder behinderten Kind wurde deutlich, dass im Kompetenzerwerb eine wesentliche Voraussetzung für eine gelingende Bewältigung des Alltags liegt. Mehr als alle anderen Berufsgruppen kann der professionellen Pflege eine Schlüsselrolle in der Unterstützung von pflegenden Angehörigen zukommen. Indem Pflegende sich dieser Aufgabe stellen, kann das Bild von Pflege in der Öffentlichkeit eine Modernisierung erfahren. Die Attraktivität des Berufs für junge Menschen wird gesteigert und Pflegende können selbstbewusst sagen: I am proud to be a nurse!“

Angelika Zegelin

„Im ersten Kapitel habe ich dargelegt, wie ich zum Thema Patientenedukation gekommen bin – vor fast dreißig Jahren. Nach wie vor bin ich überzeugt, dass die ‚sprechende Pflege‘ den bedürftigen Menschen hilft und den Beruf aufwertet. Nun möchte ich hier zwei Eindrücke aus der jüngsten Zeit wiedergeben. Zum einen habe ich mich etwas mit Wundexpert:innen beschäftigen müssen: Dies hat mir wieder gezeigt, wie breit die Begleitung der Patient:innen sein kann. Dies ist viel mehr als der regelmäßige Verbandwechsel. Natürlich geht es auch hier darum, dass die Patientin/der Patient zur Selbstpflege angehalten wird. Aber es kann auch um Sozialhilfe, Einsamkeit, Krankheitsgewinn gehen oder um die Wohnsituation (wenn nicht gar Obdachlosigkeit besteht). Patientenedukation kann auch ein umfassendes Versorgungsgeschehen umfassen. Ich erinnere mich an die Projektleitung ‚Carenap‘, hier bei Demenz – durch ein gutes Assessment, Ziele und Vernetzung sollte präventiv die familiäre Situation gestärkt werden. Es ging auch um die Aktivierung von Verwandten oder Nachbarn. Ich wünsche mir sehr, dass die professionelle Pflege aus einem engen Korsett herausfindet und mehr solche Aufgaben übernehmen kann – der Pflegeprozess bietet einen geeigneten Rahmen.

Zum anderen ist mir die Kleinteiligkeit der Handlungen wieder deutlich geworden: Allein die Schulung einer richtigen Händehygiene bedarf eines strukturierten Vorgehens. Gerade jetzt in Pandemiezeiten gibt es solche ‚Sternstunden der Patientenedukation‘.“

Wir als Herausgebende möchten uns an dieser Stelle nochmals bei allen Beteiligten sehr herzlich bedanken. Insbesondere gilt unser Dank Jörg große Schlarmann für das Kapitel zum Internet und Jürgen Georg für sein Kapitel und seine Unterstützung als Vertreter des Verlags. Auch allen anderen Personen – insbesondere Martina Kasper –, die uns von Verlagsseite unterstützt haben, gilt unser Dank. Für die finanzielle Unterstützung dieses Projekts danken die Herausgebenden und der Verlag dem Netzwerk Patienten- und Familienedukation in der Pflege e. V. sowie dem Verein Pflege e. V.

Wir wünschen nun allen Leser:innen nicht nur neue Erkenntnisse, sondern auch viel Vergnügen beim Lesen.

Martin Schieron, Christa Büker und Angelika Zegelin

März 2021

|15|1  Nursing is teaching – Grundlagen und Entwicklungen

Angelika Zegelin

Dieses erste Kapitel ist sehr persönlich gefärbt und deswegen auch in Ich-Form geschrieben. Dies liegt daran, dass ich in viele Entwicklungen der „sprechenden Pflege“, mit dem Beginn meines Studiums der Erziehungswissenschaften an der Fernuniversität Hagen 1980, selbst involviert war. Das Kapitel beinhaltet zwei Themenschwerpunkte. Zunächst geht es um erste Grundlagen sowie die Aufgaben und Besonderheiten der Patientenedukation in der Pflege. Dabei werden auch Probleme, Bildungsangebote und die Professionalisierung in diesem Feld angesprochen sowie die Situation in der Vorlaufzeit bis Mitte der 1990er Jahre.

Der zweite Schwerpunkt zeigt den Aufschwung der pflegerischen Patientenedukation vor dem Hintergrund meines Arbeitsplatzes an der Universität Witten/Herdecke seit Mitte der 1990er Jahre. Dort konnte ich die Themen in die Lehre einbinden und zahlreiche Projekte, Gruppen und Abschlussarbeiten anstoßen. Eine Herausforderung stellte die wissenschaftliche Bearbeitung dieser neuen Aufgaben dar. Schließlich möchte ich dafür Beispiele geben und Wünsche an künftige Aufgaben vorstellen.

Pflege ist ein Kommunikationsberuf. Die stellvertretende Übernahme täglicher Aktivitäten und die Überwachung in Krankheitsphasen erfordern einen steten Austausch, Patient:innen müssen informiert, Angehörige ermutigt und Heimbewohner:innen unterstützt werden – kranke Menschen brauchen einen besonderen Zuspruch.

1.1  Erste Orientierungen

Die Interaktionsarbeit in der Pflege ist äußerst vielgestaltig. Sie reicht von nonverbalen Formen wie Lächeln, Nicken oder Berührung, über den Einsatz textlicher Informationen bis hin zu Gruppen-Informationsveranstaltungen. Im Mittelpunkt stehen jedoch Gespräche mit Klient:innen – Pflegearbeit ist in der Regel am Einzelfall, am Individuum ausgerichtet (Abt-Zegelin, 2009a). Bis heute fehlen Forschung und Theoriebildung zur Pflege-Kommunikation, sowohl über Formen oder Bildungskonzepte, besonders aber über die Auswirkungen hinsichtlich der Genesung oder Verbesserung von Lebenssituationen. Viele der jetzt folgenden Überlegungen sind erst nach der Etablierung des Schwerpunktes „Pflegerische Patientenedukation“ an der Universität Witten/Herdecke ab 1995 entstanden.

Patientenedukation – dieser internationale Oberbegriff wurde vor etlichen Jahren von uns gewählt und meint alle psycho-pädagogischen Interventionen in der Pflege, insbesondere aber Beratung, Schulung, Information und Moderation (Kap. 3.6). Mitunter wird die Beratung („Counseling“) extra benannt. Daneben gibt es definierte Gespräche im Pflegeprozess, etwa zur Aufnahme oder zur Entlassung, es gibt Alltagsgespräche, Befindlichkeitsorientierungen oder schweigendes Dabeisein, oft kommen Mischformen vor. In der direkten Pflegesituation kann aus einer Information oder Schulung ein Beratungsgespräch werden. Insgesamt sollten sich alle Interaktionen an Hoffnungsunterstützung und Ermutigung der Kli|16|ent:innen orientieren. Heilsam wirkt v. a. die Beziehung zwischen Klient:innen und Pflegepersonen (Abt-Zegelin, 2009a).

Eine Einordnung der vielen Interaktionsformen steht noch aus. Es fehlt eine Theoriebildung zur „sprechenden Pflege“ – ganz abgesehen von empirischen Arbeiten. Der hierzulande „sperrige“ Begriff wurde gewählt, weil international „patient education“ als Teil von „health education“ längst bekannt und von anderen Berufsgruppen besetzt ist – es gibt dazu eigene Institute, Zeitschriften usw. Dabei sind nicht nur Patient:innen adressiert, sondern alle Nutzer:innen in Gesundheitsfragen, durchaus im Grenzbereich zur Prävention – also auch Angehörige oder Gebärende.

Auch geht es nicht um „Erziehung“, wie im Deutschen leider fälschlich vermutet wird, es geht eher um einen umfassenden Bildungsbegriff. In der Psychiatrie firmiert die Information der Patient:innen schon lange unter dem Begriff „Psychoedukation“, allerdings werden Schulungen selten von Pflegenden, sondern eher von Ärzt:innen und Sozialarbeiter:innen durchgeführt, meistens als Gruppenschulung. Konzepte wie „Recovery“ oder das Gezeitenmodell in der Psychiatrie führen zu einer guten Begleitung der Patient:innen. Hier könnte sich die überwiegend körperorientierte Gesundheitsversorgung etwas abschauen.

In früheren Jahren wurde Pflege eher als Zuarbeit für die Ärzt:innen verstanden, den Patient:innen sollte „stumm gedient“ werden. Erst mit der „Entdeckung der Pflegebedürftigkeit“ und ersten Konzepten der Hilfe bei täglichen Aktivitäten wurde die Pflege zu einem eigenen Gegenstand mit selbstständigem Gesprächsmonopol. Inzwischen dominieren chronische Krankheiten das Spektrum in den westlichen Ländern und es gibt auch deswegen einen immensen Bedarf an Unterstützung.

Interessanterweise wird die „sprechende Pflege“ von extern immer wieder an die Pflegenden zurückgespiegelt. Schon sehr früh – etwa in den Untersuchungen zur Gefühlsarbeit von Strauss – wurden Kategorien wie informieren, trösten, ermutigen, erinnern, helfen Sinn zu finden, lächeln lassen, wiedergutmachen, ablenken, miteinander in Kontakt bringen, vermitteln, dolmetschen, moderieren u. a. festgestellt (Strauss et al., 1980). Auch durch bekannte Linguist:innen wurde etwa auf der ersten Tagung zur Sprache und Pflege 1997 im Bildungszentrum Essen des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK) festgestellt, dass die Pflegeberufe ihre umfängliche Interaktionsarbeit unbedingt deutlicher besetzen sollten (Brünner & Fiehler, 1997).

In Bereichen, in denen die Pharma- und Hilfsmittel-Branche aktiv ist, gibt es schon lange Konzepte zur Patientenedukation, z. B. zu Diabetes, Rheuma, Stoma. In den letzten Jahren haben Produktherstellende ausgefeilte Programme zur Begleitung von Patient:innen in Kliniken auf den Weg gebracht. So werden etwa beim Hüft- und Knie-Gelenkersatz Patient:innen präoperativ einbestellt, sie erhalten umfängliche Informationen und ihnen wird ein (Pflege-)Coach an die Seite gestellt. All dies ist gut evaluiert und bietet den Kliniken Finanzvorteile – wünschenswert wäre dieses Vorgehen für viele Krankheitssituationen, zumindest für weitere elektive Operationen.

Jenseits von Produkten gibt es aber viele Beeinträchtigungen, die der sprechenden Hilfe bedürfen. Neben Mediziner:innen sind auch viele andere Berufsgruppen beteiligt, z. B. Gesundheitswissenschaftler:innen, Pädagog:innen, Psycholog:innen oder Ernährungsexpert:innen. In der internationalen Zeitschrift „Patient Education and Counseling“ finden sich bisher eher wenige Beiträge von Pflegenden. Das Problem dabei sind auch (wie immer in deutschsprachiger Pflege) unterschiedliche Begriffslegungen: So wird oft im Deutschen von Anleitung gesprochen, anstatt die etablierte Bezeichnung Schulung zu wählen. Auch Begriffe wie Training, Instruktion, Unterweisung werden verwendet. Patientenedukation sollte auch eine Domäne in Rehabilitations-Kliniken sein, allerdings erschöpft sich dies häufig in ärztlichen Vorträgen – ein besonde|17|rer Auftrag für die Pflege wird dort oft nicht gesehen.

1.2  Notwendigkeit der pflegerischen Patientenedukation

Patient:innen leben jahrzehntelang mit ihren Erkrankungen, müssen Medikamente nehmen, Prozeduren einhalten. Therapien sind heute aufwändiger. Bei ernsten Krankheiten ändert sich auch die Lebenseinstellung, hier suchen Betroffene Gesprächspartner:innen. Zunehmend müssen Menschen selbst gesundheitliche Entscheidungen treffen (shared decision making, informierte Zustimmung, Kap. 7.11), viele möchten auch mehr Selbstbeteiligung, suchen nach Alternativen oder sanften Methoden. Das Gesundheitswesen internationalisiert sich, Nutzer:innen finden sich kaum auf diesem unübersichtlichen Markt zurecht. Hinzukommt, dass Politik und Kostentragende mehr Eigeninitiative der Kranken fordern – ambulant vor stationär heißt es. Gleichzeitig verkürzen sich aber die Kontaktzeiten zu den professionell Tätigen drastisch. Auch die Patient:innenrechtsbewegung und der Verbraucher:innenschutz sehen die Betroffenen als „Ko-Produzent:innen“ ihrer Situation.

Patientenedukation zielt auf vielmehr als Wissensvermittlung. Es geht um Handeln, besonders zur Selbst-Pflege. Damit ist verbunden: Hoffnung erlangen, Motivation, das eigene Schicksal in die Hand nehmen, Vertrauen ins System, Kontakt zu den professionell Tätigen, Lese- und Verstehenskompetenz, Fertigkeiten, Risiken abwägen, neue Informationen erlangen, Verantwortungsübernahme, Wahrnehmung des eigenen Körpers, Navigation im System u. a. Eine ernste Diagnose kann die gesamte Lebensplanung verändern – Begleitung „tut Not“.

Lernen vollzieht sich nicht nur in der Kognition (Wissen). Es geht immer auch um Gefühle und Einstellungen, es geht um psychomotorische Fähigkeiten (Sehkraft, „Hand“habung). Vom Wissen zur Umsetzung und Beibehaltung ist es ein weiter Schritt. Dabei sind Drohungen oder Angsterzeugung ein schlechter Ratgeber. Ungünstig wirkt sich auch aus, wenn der Wille der Patient:innen keine Berücksichtigung findet.

Stufung von Wissen/Handeln

Manche Patient:innen sind nur an wenigen Fakten interessiert, eventuell können sie auch komplexe Dinge nicht verstehen, hier reichen kurze Verhaltenshinweise. Menschen können aber freiheitlicher handeln und Optionen entwickeln, wenn sie zugrundeliegende Prinzipien verstehen, dies ist eine nächste Stufe. So kann etwa bei einer Diät ein einmaliges Ausscheren wieder „ausgebügelt“ werden. Mit weiterer Erfahrung können Patient:innen zu Expert:innen ihrer eigenen Situation werden, sie interpretieren auch kleine Veränderungen, sie können mit Komplikationen umgehen und auch unter schwierigen Bedingungen, etwa in einem fremden Land, wichtige Aspekte berücksichtigen. Das (gute) Weitergeben eigener Erfahrungen, z. B. in Selbsthilfegruppen, ist eine weitere reife Form. Im Konzept Gesundheitskompetenz (Kap. 2.3) ist eine hohe Stufe erreicht, wenn Patient:innen die Versorgungslandschaft kennen und kritisch nutzen oder gar ihre Anliegen in die Öffentlichkeit und Politik transportieren können.

Abgesehen davon, dass Patient:innen kaum Informationen von Pflegenden erwarten, ergeben sich Fragen meistens erst dann, wenn Probleme auftauchen. Das kann von einfachen Fragen wie „Wie kann ich aus dem Bett aufstehen?“ reichen bis hin zu „Wie ist die Stomaversorgung in Asien?“. In der Regel nimmt das Wissen im Laufe der Zeit zu, leider oft durch schlechte Erfahrungen. Für die Patientenedukation zeigen sich die Stufen in unterschiedlichem Einsatz und Zeitumfang – wenn durch eine dauerhafte Behinderung eine neue Lebenslage resultiert, sind viele Vorkehrungen nötig. Ein Beispiel hierzu aus dem Bereich Paraplegie zeigt Abbildung 1-1.

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Abbildung 1-1:  Modellbildungsplan Paraplegie, aufgebaut anhand des Phasenmodells der ICF, Konzept Patientenedukation (Quelle: Schweizer Paraplegie-Zentrum Nottwil, Haas, 2021, S. 447)

Eigentlich benötigen mehr Gruppen von Patient:innen eine bessere pädagogisch-psychologische Unterstützung durch die Pflegenden. Expert:innen vermuten, dass über die Hälfte der Klinikpatient:innen tiefergehende Unterstützung benötigt, um mit ihrer Krankheit fertigzuwerden. Das Spektrum der pflegerischen Patientenedukation reicht von Sicherheit in einfachen Tätigkeiten, über das Managen von Situationen (Inkontinenz, Dekubitus, Sturz) bis hin zur Bewältigung komplexer Problemlagen wie bei Parkinson, Schlaganfall, Demenz, Herzinsuffizienz, Diabetes.

Aufgabe

Überlegen Sie: Bei welchen Nutzer:innengruppen in Ihrem Arbeitsbereich könnten Patientenedukations-Aktivitäten helfen?

Rechtliche Aspekte

In der Regel wird bei Aktivitäten der pflegerischen Patientenedukation an das Weiterleben mit chronischer Krankheit gedacht. Aber auch rechtliche Pflichten in der Akutphase begründen die Notwendigkeit der Information der Pa|19|tient:innen. Jüngst fragten Patient:innen an, ob es im Krankenhaus ein Recht auf Information vor pflegerischen Interventionen gibt. Der Medizinrechtler Großkopf bejaht dies eindeutig und meint, dass diese vorherige Information sogar dokumentiert werden sollte, um das Einverständnis der Patient:innen einzuholen (Zegelin, 2020b). Möglicherweise helfen auch schriftliche Kurzinfos. Zwar wird immer wieder betont „Patient:innen informieren“. Dies geschieht in den Ausbildungen jedoch oft formelhaft und ohne Konzepte. Oft unterbleibt aber aus Zeitmangel in den Krankenhäusern die Information vor dem Einlauf, vor der Mobilisation oder vor dem Verbandwechsel oder sie geschieht erst handlungsbegleitend. Manche Pflegende denken auch, dass diese standardisierten Abläufe nicht mitgeteilt werden müssen – allerdings sind Pflegemaßnahmen zum Teil auch gefahrengeneigt. Wenn es zu Komplikationen mit rechtlichen Folgen kommen sollte, wird das Verfahren zu Ungunsten der Pflege aufgerollt. Insgesamt weisen auch zahlreiche Aussagen zu Patient:innenrechten auf die Informationspflicht aller Gesundheitsarbeitenden hin. Offenbar hat auch die Corona-Krise dazu geführt, dass Patient:innen und Bürger:innen sich mehr für gesundheitsbezogene Informationen interessieren.

1.3  Rolle der Pflegeberufe

Berufspflegende stellen die größte Gruppe der Gesundheitsarbeitenden in fast allen Settings. Durch den Pflegeprozess haben sie ohnehin Informationen über die Patient:innen/Bewohner:innen und deren Familien. Sie sind stets präsent als erste Ansprechpartner:innen und genießen Vertrauen – Vertrauen ist eine große und tragende Kraft.

Pflege ist immer auch mit Prävention verbunden, der früher übliche Gegensatz („bei Pflege geht nichts mehr“) ist überholt. Pflegende arbeiten rehabilitativ und sie verhüten Schlimmeres.

In allen Pflegetheorien wird die sprechende Pflege besonders betont. Kompetenzmodelle zeigen die Interaktionsarbeit auf, in Berufsbildern nimmt sie eine deutliche Stellung ein. Als besonders wirksam erweist sich aus der Sicht der Patient:innen „ein echtes Interesse“ an ihrem Wohlergehen, das Bemühen der Pflegenden, auf das Individuum einzugehen.

In den letzten Jahren ist das Informieren, Schulen und Beraten der Klient:innen auch durch die Expertenstandards gefördert worden. Auch in klinischen Pfaden sind stets Tätigkeiten aus diesem Feld aufgeführt.

Wenn die Pflegeberufe deutlicher die Patientenedukation wahrnehmen könnten, würde unser Gesundheitswesen einen großen Schub nach vorne machen. Dies betonen u. a. auch immer wieder Gutachten, z. B. des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (2007, 2012).

Im Feld Patientenedukation engagieren sich durchaus viele einzelne Fachpflegende. Selten erreichen die Aktivitäten allerdings einen „Programmstatus“ mit dauerhaften Angeboten, Dokumentation, Evaluation – und deswegen noch seltener mit wissenschaftlicher Bearbeitung. Aus diesem Grund ist es hier wichtig, zahlreiche Beispiele zu geben und zu Entwicklungen anzuregen.

Viele Widerstände

Pflege wird vielfach als nur „handliche“ Arbeit gesehen, als Aneinanderreihung von Tätigkeiten, die eigentlich jeder machen kann.

Pflegende scheuen sich, das Wort zu ergreifen. Deswegen findet Patientenedukation eher zufällig und nicht systematisch statt. Die sprechende Pflege gilt nicht als „richtige Arbeit“, engagierte Kolleg:innen haben oft ein schlechtes Gewissen und leiden unter den Zuständen (die Arbeit bleibt liegen). Vielen Pflegenden ist der Sinn von weitergehenden Interaktionen nicht klar. Sie erleben die Patient:innen während eines kurzen Zeitraums und denken nicht daran, dass viele Menschen später selbstständig werden müssen. Wenn es dann doch mal Anleitun|20|gen gibt, sind diese eher klinikzentriert und adressieren Patient:innen in den Krankenhäusern. Wie bereits erwähnt, wurde immer schon „Patient:innen informieren“ formelhaft gesagt. Damit war gemeint, dass unmittelbar zu Beginn der Maßnahme z. B. angesagt wurde: „Ich gebe ihnen jetzt eine Spritze“. Vor der Klinik-Entlassung kommt es vor, dass festgestellt wird, dass mal eben etwas gezeigt werden muss (z. T. auch aufwändige Interventionen, Verbandwechsel, Katheterspülung, Sondenkostgabe).

Manche Pflegende haben Angst vor Gesprächen, sie fühlen sich überfordert, haben Sorge nicht „genug zu wissen“, rufen nach den Ärzt:innen. „Das darf ich Ihnen nicht sagen, fragen Sie die Ärzt:innen!“, heißt es falschverstanden immer noch (Köpke & Meyer, 2010, 2011) – obwohl es um pflegerische Belange geht.

Vermeintliche rechtliche Unsicherheiten vermischen sich in der Patientenedukation mit der ärztlichen Aufklärung, „Ich stehe da mit einem Bein im Gefängnis“, sagen Pflegende und scheuen die Verantwortung. Dabei geht es nicht um medizinische Belange, sondern um Alltagswissen. Die Pflegenden könnten stets fragen: „Was haben Ihnen denn die Ärzt:innen gesagt?“. Damit können sie eine Vermittlerrolle einnehmen.

Andere Pflegende lassen sich nicht ein, weil sie Sorge haben, „im Leid zu ertrinken“ und ihre „Arbeit nicht zu schaffen“ – sie haben nicht gelernt, empathisch zu sein und sich trotzdem abzugrenzen. Viele bleiben im Patient:innenkontakt stumm, erledigen handliche Arbeiten – sie nutzen die Zeit für Interaktionen nicht, auch weil sie Bedenken haben, „aufgehalten“ zu werden.

Kranke kommen heute nicht mit Banalitäten in die Klinik. Viele fühlen sich existenziell bedroht und haben Angst. In der Maslowschen Bedürfnispyramide (Maslow, 1981) sind sozusagen alle Ebenen betroffen und Patient:innen sind hungrig nach Gesprächspartner:innen. Viele Pflegende spüren das und schützen sich.

Ein Hemmnis in Deutschland ist auch die starke Segmentierung der Zuständigkeiten. Das Bemühen der Krankenhäuser endet an der Kliniktür. Ein Entlassungsmanagement greift sehr kurz, im Grund geht es darum, dass alles zunächst „geräuschlos“ verläuft und die Kliniken keine Probleme bekommen. Erst in der letzten Zeit gibt es eine Sicherstellung, dass wichtige Medikamente bei der Entlassung vor dem Wochenende verfügbar sind.

Ein genereller Widerstand bei der Einführung von Patientenedukation zeigt sich in der Äußerung: „Das machen wir doch schon“. Bei genauem Hinsehen wird dann klar, dass die Interventionen von einem systematischen und qualitätsvollen Vorgehen weit entfernt sind, etwa kurze Informationen bei Visiten, beendet mit: „Haben Sie noch Fragen?“

Überhaupt können sich die Professionellen kaum vorstellen, welche Probleme später bei Patient:innen auftreten könnten, etwa bei dem banalen Rat, ein Sitzbad zu nehmen (Wie? In der Badewanne? Wohin mit den Füßen?).

Ganz ungünstig ist der Tipp: „Kommen Sie wieder, wenn etwas nicht stimmt“. Dies können Patient:innen oft nicht beurteilen, sie achten auf kleinste Zeichen (Nocebo-Effekt). In einem Fall wurde einer Patientin nach einer ambulanten Netzhaut-Operation gesagt. „Wenn Sie Blitze sehen, kommen Sie wieder rein.“ Natürlich hat die Frau dauernd Blitze gesehen und fuhr täglich mit dem Taxi in die 30 km entfernte Augen-Ambulanz. Stets war alles in Ordnung. Ein anderer Patient hatte aufgeschnappt, dass sein Gips nun trocknen sollte. Zuhause angekommen hat er den Unterarm in den Backofen gehalten, er musste mit schwersten Verbrennungen zurück in die Klinik.

Andererseits gelten Patient:innen, die aufpassen und nachfragen, oft als „nervend“ oder schwierig.

Eine gut aufgestellte Patientenedukation zeigt sich in den Ergebnissen vielfach erst nach längerer Zeit. Forschungsvorhaben in diesem Feld verstehen sich durchweg als „komplexe Interventionen“ und sind daher eher aufwändig und teuer.

|21|Aufgabe

Welche Probleme sehen Sie bei Einführung von Interventionen der Patientenedukation in Ihrem Tätigkeitsfeld?

Keine Zeit und engere Rahmenbedingungen

Pflege ist, besonders in Deutschland, immer weiter gekürzt worden, zigtausend Pflegestellen wurden abgebaut. Das „Keine Zeit“-Argument ist ernst zu nehmen. Auch für vieles andere Wichtige ist kein Raum mehr. Dies liegt auch daran, dass Pflegende Patientenedukation nicht als notwendige Aufgabe reklamieren und deutlich dafür eintreten. Die Körperwaschung scheint sich dagegen tief eingegraben zu haben – obwohl eine mangelnde Information oder Bewegungsförderung viel gravierendere Auswirkungen hat. Würde die Bedeutung von Informieren, Schulen und Beraten klarer und die späteren Wirkungen beforscht, käme es auch zu einer deutlichen Aufwertung von Pflegearbeit. Die Minutenpflege, ohne Zeit für Gespräche mit Patient:innen, macht Pflegende unzufrieden und sorgt dafür, dass engagierte Menschen den Beruf verlassen. Pflegende „spüren“ die Bedürfnisse der Kranken.

Überspitzt gesagt brauchen viele Patient:innen mit chronischen Krankheiten „drei Mikroschulungen, zwei Beratungsgespräche, drei (auch textgestützte) Informationseinheiten, ein Partner:innen- oder Familiengespräch und ein Peer-Treffen mit ebenfalls betroffenen Patient:innen“ – alles eingebettet in das Klima einer förderlichen Beziehung. Dieses findet nicht statt. Immerhin wird häufig der Sozialdienst eingeschaltet und bei produktgeneigten Interventionen wird eine HomeCare-Firma eingebunden, um die Patient:innen zu orientieren. Dabei kann natürlich ein besonderes Verkaufsinteresse bestehen.

Hier in diesem Buch geht es darum, die psycho-pädagogischen Aspekte der Pflege in das gewöhnliche Tun zu integrieren, anders gesagt, alle Pflegeinterventionen aufzuwerten durch Gespräche. Ein förderliches Klima für Gespräche mit Patient:innen und Angehörigen braucht nicht immer viel mehr Zeit – aber mehr Aufmerksamkeit.

Wichtig ist dabei allerdings, die Informationen zu konturieren und den Patient:innen deutlich zu machen. Möglicherweise denken Patient:innen und Angehörige, es handelt sich um Konversation. Tatsächlich wird viel informiert und beraten, oft nebenbei. Hier wäre wichtig, dass Pflegende darauf achten, Wichtiges nochmal zusammenzufassen – ansonsten führt die Patientenedukation weiter ein informelles Schattendasein. Entscheidend ist auch die Thematisierung im Team und die Dokumentation. Kliniken könnten umdenken und nicht einfach Patient:innen alles wortlos hinstellen. Um Selbstwirksamkeit zu unterstützen, müssten vielmehr Begründungen abgegeben werden.

Problembereich: Medikamente

Ein gutes Beispiel für Versäumnisse ist das Medikamentenregime im Krankenhaus. Zwar verordnen die Mediziner:innen die Medikamente, die tägliche Verabreichung obliegt aber der Pflege. Die Anleitung zur Selbstmedikation ist ein wichtiger Auftrag für die Pflegeberufe. Viele Studien zeigen, dass niemand richtig zuständig ist und die Patient:innen nicht Bescheid wissen, Beipackzettel gibt es in der Klinik nicht. Zuhause gelesen sind sie oft unverständlich und angsterzeugend. Der Begriff „Nocebo“ zeigt, dass Patient:innen sich oft Nebenwirkungen einbilden, ähnlich wie die heilende Wirkung von „Placebos“, also von „Scheinmedikamenten“ ohne Wirkstoff. Bei beiden wirkt die psychopädagogische Überzeugung der Überreichung – in diesem Sinne sollte dem Kontakt vielmehr Bedeutung beigemessen werden.

Aufgabe

Recherchieren Sie zu den Begriffen Placebo und Nocebo.

|22|Die bekannte Psychologin und Krankenschwester Christine Sowinski sagte 2012 einmal zu mir, im Grunde müsste Patientenedukation wie „eine barocke Oper“ inszeniert werden, mit Überzeugungskraft, bei Herzpatient:innen etwa mit vielen Symbolen und Texten zum Thema Herz. Offenbar werden viele Medikamente überhaupt nicht oder falsch eingenommen, mit unübersehbaren Folgen und wirtschaftlichen Verlusten – auch aus der kritischen Pharmaszene liegen dazu viele Studien vor. Im Rahmen pflegewissenschaftlicher Projekte und Abschlussarbeiten sind in den letzten zehn Jahren die Erkenntnisse dazu gewachsen, insbesondere durch die Rolle der „erweiterten Pflegepraxis (APN)“ sind etliche Publikationen zur Unterstützung des Medikamentenselbstmanagements der Patient:innen entstanden (Kap. 7.2).

Aufgabe

Wer ist in Ihrem Arbeitsbereich zuständig für die genaue Information der Kranken über Medikamenteneinnahme – auch im Hinblick auf die häusliche Situation? Wie geschieht dies in der Praxis? Oft werden die zuhause bekannten Medikamente in den Kliniken umgestellt.

Und: Recherchieren Sie über die Verständlichkeit von Beipackzetteln.

Patientenedukation in den Pflegeausbildungen

In den letzten Reformen sind die Stundenanteile im theoretischen Unterricht etwas ausgeweitet worden. Es wird immer klarer, dass psychologisches und pädagogisches Wissen in der Pflege einen ebenso großen Raum benötigt wie medizinische Tatsachen. Auch in Pflegestudiengängen nimmt das Thema Platz ein, allerdings findet man in der Pflegepraxis kaum Entsprechungen. Das neue deutsche Pflegeberufegesetz mit seiner generalistischen Ausrichtung wird auf diesen Bereich überprüft werden müssen. In einer Artikelserie in der Zeitschrift PADUA wurden unlängst Vorschläge gemacht, um den Bereich abzudecken (Zegelin et al., 2018). In den bisherigen Ausbildungsvorschriften herrschte ein Begriffswirrwarr, Information (der Klient:innen) fehlte ganz, vielfach war von Anleitung die Rede. Außerdem ist die Vorbildung der Lehrer:innen hier sehr unterschiedlich, es werden verschiedene Konzepte aus Pädagogik und Psychologie beliebig übertragen. Früher wurden derartige Themen oft unabhängig vom Pflegeunterricht von berufsfremden Dozent:innen vorgestellt.

Wichtig wären Prüfungen in diesem Bereich, auch Abschlussprüfungen bzw. Abschlussarbeiten, damit könnten die unerträglichen „Waschprüfungen“ zum praktischen Examen abgelöst werden.

Aufgabe

Sondieren Sie das neue deutsche Pflegeberufegesetz, besonders die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung, zu Aussagen zum Thema Patientenedukation. Suchen Sie auch in den Rahmenverordnungen in Österreich und der Schweiz.

Eine besondere Verantwortung kommt hier den Praxisanleiter:innen zu. Sie sollten vermehrt dafür sorgen, dass auch psycho-pädagogische Inhalte vermittelt werden. Die Orte mit einem Patienten- Informations-Zentrum (PIZ) (Kap. 3.8) sind in einer guten Situation, um Auszubildenden und Studierenden einen Einsatz zu ermöglichen. Schon früh hat etwa das PIZ Lüdenscheid vierwöchige Einsätze in der Ausbildung ermöglicht, ein Beispiel dazu ist in einem Buch publiziert (Rusch, 2009). Andere PIZ haben nachgezogen, ermöglichen auch Schnuppereinsätze für Studierende. Aber es gibt auch außerhalb viele Ideen, um dem Nachwuchs diese Seite von Pflegearbeit zu zeigen, sei es im Gesundheitsamt, in der Pflegeberatung, einer Demenz- oder Mütterberatung, im Sanitätsfachhandel oder auch in der Begleitung von Pflegeexpert:innen.

|23|In der letzten Zeit ist in Deutschland ein Curriculum zur Kommunikation in der onkologischen Pflege entwickelt worden, hier sind wichtige Impulse zu entnehmen (Darmann-Finck, 2017).

Die Bedeutung der Pflegeorientierung für uns

Pflegende übernehmen auch Verantwortung für die seelische Befindlichkeit der Patient:innen. Pflege adressiert tägliche Aktivitäten, das Leben mit der Krankheit. Betroffene sollen wieder selbstständig leben können und zurück in ihren eigenen Alltag kommen. Kommunikative Arbeit ist ein Wesenszug der Pflege, anzustreben ist die Selbstständigkeit im Alltag.

Übergeordnet sind verschiedene Modelle entstanden, etwa das „Chronic Care Model“ der Weltgesundheitsorganisation – WHO (2002). Während das Modell für die Medizin relativ neu war, ist es für Pflegezusammenhänge immer schon präsent gewesen – längerfristige Pflegebedürftigkeit entsteht aus dauerhaftem Kranksein.

Der medizinische Begriff Compliance ist keine Zielgröße pflegerischer Patientenedukation – hier geht es nicht um die Befolgung ärztlicher Vorschriften. Dies gelingt ohnehin kaum, deswegen sind die Non-Compliance-Raten immer hoch. Ohne Anerkennung der persönlichen Lebenswelt ist es kaum möglich, Einfluss zu nehmen. Da Compliance von einer veralteten paternalistischen Vorstellung ausgeht, ist dieses Konzept erweitert worden in Richtung Adhärenz und Konkordanz. Richtigerweise werden darin Vereinbarungen mit den einzelnen Patient:innen getroffen. Unter pflegerischen Aspekten reicht aber auch dies nicht aus für einen positiven individuellen Lebensentwurf.

Aufgabe

Recherchieren Sie die Begriffe Compliance und Adhärenz. Überlegen Sie, was diese für die Pflegearbeit bedeuten.

Ähnlich ist auch Verhaltensänderung kein Konzept aus Pflegezusammenhängen. Verhaltensänderung ist zwar manchmal notwendig, aber nicht hinreichend für einen befriedigenden Alltag. Verhalten ist meist verfestigt und es bedarf großer Anstrengungen und starker Motivation, um es zu verändern. Ein paar Info-Veranstaltungen reichen dazu nicht aus – leider sind die Vorstellungen zur Erreichung über die Veränderungen oft naiv.

Symptomkontrolle ist wichtig, dieser Begriff ist durch die interdisziplinäre Palliativbewegung verbreitet worden – ebenfalls eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung und schon gar kein Ersatz für Qualität im persönlichen Alltag.

Selbstmanagement bezieht sich auf den Umgang mit der Krankheit, ein Begriff aus Medizin und Gesundheitswissenschaft und ein gutes Vorhaben. Das Pflege-Korrelat würde Selbstpflege heißen, auch hier geht es um vielfältige Aktivitäten im individuellen Alltag.

Insgesamt lassen sich aber viele dieser Konzepte für die Pflege „umarbeiten“, die Domäne dabei ist ja die Individualisierung.

Interessanterweise stellen Patient:innen den Pflegenden auch andere Fragen als etwa den Ärzt:innen, z. B. „Darf ich trotzdem Alkohol trinken?“, „Kann ich meinen Papagei behalten?“, „Kann ich damit ins Wasser?“, „Wie ist die Versorgung in Spanien?“, „Sieht man das?“, „Riecht das?“. Allein die Frage „Soll ich das meinen Arbeitskollegen sagen?“ kann längere Überlegungen bedeuten.

Als Vorteil zeigt sich auch, dass Pflegende die gleiche Sprache sprechen wie die Nutzer:innen, sie sind oft besser zu verstehen als im Fachlatein verharrende Mediziner:innen.

Der wichtigste Grund für pflegebezogene Patientenedukation liegt in den Themen selbst, hier einige Beispiele: Wie verabreiche ich Sondenkost? Wie ziehe ich die Kompressionsstrümpfe an? Wie komme ich mit meiner Angst vor Atemnot zurecht? Wie schaffe ich meinen Mann aus der Badewanne? Wie erneuere ich den Verband? Wie lagere ich nach dem Bobath-|24|Konzept? Wie werde ich mit den Schmerzen fertig? Welche Hilfe kann ich nach der Entlassung bekommen? Welches Inkontinenzmaterial eignet sich? In diese Richtung sind hunderte von Fragen denkbar.

Interessanterweise wird bei diesen Aufzählungen auch etwa Ärzt:innen klar, wie wichtig hier der Beitrag der Pflege ist. Immer wieder wird anfänglich Skepsis geäußert („Ist das eine Konkurrenz zur ärztlichen Aufklärung?“). Dann wird aber klar, dass es sich um eine notwendige Ergänzung handelt. Nicht selten werden Mediziner:innen zu wichtigen Promotor:innen der Patientenedukation in der Pflege.

Eine Besonderheit ist auch, dass pflegebezogene Patientenedukation v. a. handlungsleitend ist („Was kann ich tun?“) und weniger dem medizinischen Vorgehen in Ätiologie, Diagnose, Therapie usw. folgt. Dennoch fungieren Pflegende auch oft als Dolmetscher:innen für ärztliche Mitteilungen.

Hier vertretene Grundannahmen

Jede Gesundheitsstörung ist auch eine Lernaufgabe, langfristige Prozesse erfordern eine dauerhafte Auseinandersetzung.

Menschen wünschen mehr Beteiligung, sie möchten einen aktiven Beitrag leisten.

Kontrolle über die eigene Lebenssituation zu haben, ist ein elementares menschliches Bedürfnis. Das Gefühl, keinen Einfluss nehmen zu können, ist schwer erträglich. Die Menschen suchen nach Sinn.

Der Gedanke, dass Patient:innen zunächst passiv sein wollen, ist nicht unumstritten. Oft wird behauptet, die „Patient:innen wollen ja gar nichts wissen“, etwa weil sie im Krankenhaus keine Fragen stellen. Dies kann viele Ursachen haben, sie trauen sich nicht, der Augenblick ist ungeeignet – oft ist auch die Tragweite von Veränderungen noch nicht bewusst. Die Fragen stellen sich erst später ein. Zudem möchten Patient:innen zunächst etwas Ruhe haben, das „Nicht-wissen-Wollen“ schiebt sich wie ein Puffer vor die Verarbeitung einer ernsten Diagnose. Patient:innen wollen passiv umsorgt werden, sie delegieren an die „Expert:innen“. Im weiteren Verlauf jedoch möchten die meisten Menschen beteiligt sein, viele werden selbst zu Expert:innen ihres Alltags – deswegen lehnen wir den Laien-Expert:innen-Gegensatz ab.

Aufgabe

Überlegen Sie, ob wenig Interesse an Informationen vonseiten der Patient:innen besteht? Wie schätzen Sie das ein?

Insgesamt ist festzustellen, dass Patient:innen von den Professionellen Expert:innentum erwarten und manchmal zunächst gar nichts Genaues wissen wollen. Selbst intelligente Menschen sprechen von „ich habe Rücken, er hat Magen-Darm, das geht auf die Augen“ usw. Studien zeigen immer wieder, dass Patient:innen nichts verstehen (wollen?). Selbst von „klugen“ Menschen gibt es erstaunliche Fragen, z. B. „Warum denn Plastik? Ich möchte keinen Kunststoff!“. Oder von einer Patientin bei Achselrasur vor einem Brusteingriff: „Bitte nehmen Sie den Arm nicht ab“.

Erst jüngst bescheinigte eine große Studie in Deutschland den Menschen eine mangelnde Gesundheitskompetenz, dies wird in weiteren Kapiteln aufgegriffen. Auch aus Unsicherheit werden die Notaufnahmen der Kliniken bevölkert. Neben zu wenig Information gibt es auch ein Zuviel oder Unverständlichkeit, häufig erhalten Patient:innen auch widersprüchliche Mitteilungen. Der Wunsch nach „mündigen Patient:innen“ ist eben eine vielfache Wunschvorstellung, die Realität sieht anders aus. Vielfach werden Patient:innen nicht gut informiert oder gar bevormundet.

Blunters und Monitors

Internationale Studien zeigen, dass sich Klient:innen im Gesundheitswesen unterschei|25|den. Manche werden als „Blunters“ bezeichnet, Menschen die eher den „Kopf in den Sand stecken“. Andere werden als „Monitors“ bezeichnet, sie suchen eher Informationen (manchmal auch übermäßig) – vermutlich gibt es diese Reinformen nicht, sondern es hängt von der Situation ab. Viel häufiger scheint die Tatsache zuzutreffen, dass Patient:innen nicht zum Selbsthandeln motiviert, sondern eher passiv gewünscht werden.

Erlernte Hilflosigkeit

Dieses Phänomen wurde vor Jahrzehnten bei depressiven Menschen erstmalig beschrieben (Seligman, 1979). Es ist aber inzwischen für chronisch Kranke und besonders für pflegeabhängige Menschen immer wieder untersucht und bestätigt worden. Es wird nichts mehr erwartet, Bewohner:innen und Patient:innen werden „überversorgt“ und verlieren dadurch ihre letzten Fähigkeiten. Besonders in der Altenpflege scheint die erlernte Hilflosigkeit verbreitet zu sein. Durch die Institutionalisierung und den Service wird alten Menschen jegliche Tätigkeit und Verantwortung abgenommen – kein Wunder, dass die Unterstützung bei der Selbstpflege oft unterbleibt.

Aufgabe

Recherchieren Sie die Konzepte „Blunters und Monitors“ und die Theorie der „Erlernten Hilflosigkeit“.

Eine positive Besonderheit der Pflegeberufe im Feld der Patientenedukation ist jedoch, dass sie stets präsent sind, keine festen Zeiten/Verabredungen brauchen. Sie können „teachable moments“ nutzen.

Pädagogisch günstige Momente

Diese eher „informelle Patientenedukation“ nutzt Gelegenheiten im täglichen Pflegeablauf (Kap. 5.1), trotzdem sollten sie dokumentiert und weitergegeben werden. Günstig etwa sind Augenblicke, in denen Klient:innen ohnehin fragen oder sich provokant äußern: „Wie war das mit der Thrombose?“ Oder: „Das hat doch alles keinen Sinn“. Dabei ist wichtig, die Aufmerksamkeit auf diesen Moment zu fokussieren „Ich nehme mir jetzt Zeit, um das zu erklären“. In günstigen Momenten sind Patient:innen beschwerdearm – ein Mensch, der unter Schmerzen oder Atemnot leidet, ist nicht empfänglich für Informationen. Wissen kann hier „portioniert“ vermittelt werden. Allerdings sollte auch diese Form der Patientenedukation akzentuiert werden, sonst gilt die Veranstaltung als „belangloser Schwatz“, obwohl die Wirkung viel besser sein kann als die Teilnahme an einem aufwändigen medizinorientierten Kurs.

Die Erfahrung zeigt, dass ein gutes Gespräch mit Patient:innen oder Angehörigen dazu führt, dass Klient:innen sich immer wieder an diese Pflegeperson wenden und nach ihr fragen.

Aufgabe

Erinnern Sie sich an solch einen guten Moment in den letzten Wochen?

Pflegeprozess – Primary Nursing

Im Pflegeprozess sind psychologisch-pädagogische Maßnahmen immer schon angelegt, Patient:innen- und Angehörigenedukation gehört dazu. Alles beginnt bei der Aufnahme. Viele der in den deutschsprachigen Ländern mühsam angedachten Entwicklungen, etwa Familienorientierung, Palliative Pflege u. a. werden schon früh in der Pflegeprozess-Literatur erwähnt. Nach einer „Hoch“zeit in den 1980er Jahren ist der Pflegeprozess in Deutschland fast verschwunden (ähnlich wie die Pflegetheorien) bzw. bis zur Unkenntlichkeit verkürzt worden. In den Kliniken herrscht das ökonomische Diktat der „Falschpauschalen“ (!), in der Langzeitpflege entscheiden die Vorgaben |26|der Kostentragenden (etwa durch die Strukturierte Informationssammlung). Der Pflegeprozess wird lediglich als Software-Orientierung für die Dokumentation begriffen, nicht als professionelles Instrument. In der Umsetzung des Pflegeprozesses, als Grundlage einer Eigenständigkeit, sind viele Fehler gemacht worden – die Machtlosigkeit der Pflege hat die Entsorgung beschleunigt. Durch das Konzept des „Primary Nursing“ sollte eine Hauptverantwortlichkeit für die Steuerung zur Verfügung stehen, auch dies hat kaum funktioniert, es gibt in Deutschland nur noch wenige vereinzelte Diskussionen und Umsetzungen dazu.

Im Kreismodell des Pflegeprozesses mit Anamnese, Zielen, Planung, Ausführung, Auswertung sind immer wieder Rückmeldeschleifen vorgesehen. Pflegende können einschätzen: Was bedeutet diese Krankheit für diesen Menschen? Gibt es evtl. auch Vorteile durch die Krankheit (Krankheitsgewinn)? Welche Probleme könnte es im Alltag geben? Wie ist das familiäre und berufliche Umfeld? Wie ist die Wohnsituation? Eine Stärke der Pflegeberufe ist ja die Individualisierung des Vorgehens, des Lernens. Dieselbe Diagnose kann für einen älteren Busfahrer etwas anderes bedeuten als für eine junge Sportlehrerin.

Für edukative Maßnahmen liegen viele Konzepte einer erweiterte Pflege-Anamnese vor, u. a. auch nach Lerngeschichte/-typen. Für viele Krankheiten gibt es spezielle Lern- oder Bewältigungs-Assessments, zahlreiche Fragebögen und Skalen. Manche werden nur in Forschungen eingesetzt, als Anfangsanamnese und Outcome-Messung. Andere sind gebräuchlich in Rehabilitations-Kliniken, nicht aber in der Pflegepraxis. Viele existieren nur in englischer Sprache und sind teilweise nicht vorschriftsmäßig übersetzt. Besser geeignet (aber manchmal zu normativ oder zu grob) sind Assessmentkonzepte innerhalb bekannter Theorien, etwa des Selbstpflege-Ansatzes von Orem (Kap. 2.4), der Salutogenese-Orientierung nach Antonovsky (Kap. 2.6) oder des Konzeptes „Selbstmanagement“ (Kap. 2.7).

Literatur zum Thema Einschätzungsinstrumente

Es gibt zahlreiche Bücher mit verschiedenen Einschätzungsinstrumenten zur Patientenedukation, z. B.

B. Klug Redmann (2008). Selbstmanagement chronischer Kranker. Bern: Huber.

B. Klug Redman (2009). Patientenedukation. Bern: Huber.

F. London (2010). Informieren, Beraten, Schulen. Bern: Huber [vgr.].

Auf jeden Fall sollte für eine edukativ orientierte Anamnese das Vorwissen erfragt werden („Hatten Sie schon einmal eine Koloskopie?“), aber auch die Erwartungen, subjektive Krankheitsvorstellungen und mögliche Alltagsveränderungen (Ausgleich). Weiter wird auf manuelle/kognitive Fähigkeiten geachtet, Lerninteresse, Krankheitsverarbeitung, Hilfen durch weitere Personen – oft sollten die Angehörigen zugegen sein. Manchmal ist eine deutliche (schriftliche) Auftragsklärung nötig, evtl. ein Lernvertrag bei größeren Paketen, wie in Tabelle 1-1 dargestellt. In der psychiatrischen Pflege ist dies bekannt unter Contract-Learning.

|27|Tabelle 1-1:  Beispiel für einen Lernvertrag zwischen einer Pflegefachperson und einer Angehörigen (Ehefrau eines Patienten) (Quelle: Eigendarstellung)

Sachverhalt

Der Patient wird bald aus dem Krankenhaus in die häusliche Versorgung entlassen. Die Ehefrau will sich von einem ambulanten Pflegedienst helfen lassen, wird die weitere Versorgung (z. B. Insulingabe per Pen) jedoch allein übernehmen.

Dazu könnte es einen Lernvertrag mit mehreren Aspekten geben. Beispielhaft wird hier das Thema „Insulininjektion“ betrachtet. (Aspekte wie BZ-Messung, Wechsel einer Insulinampulle oder der Injektionsnadel werden dabei zur Vereinfachung der Darstellung außer Acht gelassen.)

Elemente des Lernvertrags

Inhalte anhand des Beispiels

Lernziel (Was möchte ich erreichen? Was soll erreicht werden?)

Das Verabreichen der notwendigen Insulindosis beherrschen.

Handlungsschritte (Wie kann das Ziel mit Hilfe der Pflegefachperson erreicht werden?)

Demonstration und Erläuterung der Insulingabe per Pen durch die Pflegefachperson.

Durchführung einzelner Schritte (z. B. Einstellen der Einheiten) durch die Ehefrau unter Anleitung.

Durchführung der Injektion durch die Ehefrau unter Beobachtung (z. B. 3 Insulingaben).

Indikator für Zielerreichung (Woran ist erkennbar, dass das Ziel erreicht wurde?)

Wenn die Insulingabe unter Beobachtung 3-mal selbstständig ohne Nachfragen oder notwendiges Eingreifen funktioniert hat.

Terminierung (Bis wann soll dieses Ziel erreicht werden? Wie oft finden Treffen statt? Zu welcher Uhrzeit?

Bis 2 Tage vor der geplanten Entlassung des Patienten.

Vertragsaktualisierung (Wann und warum?)

Falls das Ziel früher oder später als geplant erreicht wird oder sich die Situation ändert.

Der Vertrag erhöht Klarheit und Verbindlichkeit, er wird als Schriftstück aufgesetzt und von beiden Seiten unterschrieben.

Im Hintergrund jeglichen langfristigen Krankheitsgeschehens sind Überlegungen wichtig, ob es evtl. für alle Betroffenen einen „Krankheitsgewinn“, also Vorteile durch die Situation geben könnte. Im Laufe einer gemeinsamen Arbeit sollten diese Vorteile abgebaut werden – zugunsten einer unabhängigen Situation.

Aufgabe

Recherchieren Sie den Begriff „Krankheitsgewinn“.

1.4  Professionalisierung der pflegerischen Patientenedukation

Die Akzeptanz und Verbreitung der „sprechenden Pflege“ ist ein Gradmesser für die Professionalisierung der Pflegeberufe. Information, Schulung, Beratung, Moderation ist inzwischen in vielen Pflege-Berufsrollen integriert. Am deutlichsten vielleicht in der Aufgabe einer „Primary Nurse“, welche die gesamte Steuerung individueller Patient:innenverläufe advokatorisch übernimmt – stets im Einvernehmen mit Patient:innen und Angehörigen. Aber auch das allmählich aufkommende Bild einer „Advanced Practice Nurse – APN“ (Kap. 7.2) zeigt eine Erweiterung im Sinne einer sprechenden Pflege und gleichzeitiger fach-wissenschaftlicher Orientierung.

Aufgabe

Zu Advocacy und Advanced Practice Nursing bzw. Advanced Nursing Practice gibt es viele Hinweise, informieren Sie sich.

Aber auch „traditionelle“ Weiterbildungen und Tätigkeiten wie Stomatherapie, Pain-Nurse, Wundexpert:in, Kinästhetik-Trainer:in beinhalten einen großen Anteil an Patientenedukation – auch die Expertenstandards sehen entsprechende Aktivitäten vor.

|28|Qualifikationen

Eine Grundqualifikation zur Patientenedukation sollte jede Fachpflegeperson haben. In überwiegenden Beratungstätigkeiten ist die psycho-pädagogische Bildung wichtig, etwa auch im Rollenzuschnitt der APNs. Darüber hinaus werden zur Konzeptentwicklung und Implementierung andere Fähigkeiten gebraucht – insbesondere dann, wenn eine wissenschaftliche Stützung gefordert wird. Zahlreiche Weiterbildungen können genutzt werden, heutzutage auch Studiengänge. Es ist nicht verkehrt, Bildungsgänge anderer Bereiche zu belegen, etwa eine psycho-onkologische Weiterbildung oder eine Ausbildung zum Suchtexperten – besonders nützlich sind auch Kenntnisse im Sozialbereich, etwa für Antragstellungen und Hilfegesuche. Wichtig scheint, dass die Profis sich in „ihrem“ Bereich auskennen, etwa über Demenz Bescheid wissen, über Inkontinenzhilfsmittel, Krebs-Selbsthilfegruppen, Fachärzt:innen und v. a. lokale Anlaufstellen.

Materialien und Umfeld

Das Umfeld kann Patientenedukation fördern, etwa durch Unterstützung der Leitung oder des Teams und durch die stete Bereithaltung von Materialien. Bedarfe sollten erkannt werden und in jedem Arbeitsgebiet sollte „Anschauungsmaterial“ vorhanden sein: wenigstens ein kleines Regal mit Broschüren, Drahtkörbe mit Übungsobjekten für Mikroschulungen usw. Empfehlenswert sind Fotosammlungen und Zeichnungen. Oft müssen Materialien selbst hergestellt bzw. umgearbeitet werden, zum Teil werden auch ausgediente Geräte noch als Anschauungsmaterial gebraucht (Kap. 3.7). Kerstin Dengler richtete vor Jahren ein Lernzimmer auf einer Station zu neurologischen Frührehabilitation ein (Kap. 7.3). „Rezepte“ für Maßnahmen sollten verschrieben und Konsiliareinsätze von Expert:innen vorgesehen werden.

Wichtig scheint auch die laufende Dokumentation der edukativen Maßnahmen, entweder in der üblichen Pflegedokumentation (auch digital) oder in Sonderformaten. Auf jeden Fall sollte die erforderliche Zeit abgebildet werden.

Tatsächlich sind auch „Übungsstationen“ vorstellbar. Die Klinik für Stoffwechselkrankheiten der Universitätsklinik Düsseldorf hat schon vor vielen Jahren Konzepte entwickelt, Patient:innen und Angehörige nur zu „Trainings“ stationär aufzunehmen – die bekannten medizinorientierten Patientenschulungen im Sinne des deutschen Krankenversicherungsgesetzes (§ 43 SGB V) MEDIAS (Diabetes Typ II) oder ABUS (Asthma) wurden hier unterrichtet. Dies wäre für viele Krankheitslagen sinnvoll, um Betroffenen ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen. Allerdings werden Programme v. a. von Firmen entwickelt, die damit ein Verkaufsinteresse verbinden.

Bei der Einführung von Patientenedukation steht oft am Anfang, alle möglichen Aktivitäten etwa in einem Krankenhaus zu sammeln. Es war immer wieder erstaunlich, welche Angebote es schon gibt – von der Schwangerenberatung über Venensprechstunden bis hin zu Selbsthilfegruppentreffen. Meistens stehen die Aktivitäten unverbunden nebeneinander. Medizinorientierte Patientenschulungen wurden 2004 in einem Auftragsprojekt des AOK-Bundesverbands umfangreich untersucht (Küver et al., 2004) mit sehr schlechten Ergebnissen: lehrer:innen-/ärzt:innenzentriert, methodenarm, didaktisch veraltet, klinik- und complianceorientiert, kaum Evaluation, kaum Train-the-trainer-Programme. Eine Erinnerung an langweilige Ärzt:innen-Vorträge in Rehabilitationsmaßnahmen.

Patient:innen brauchen kein „verkleinertes Expert:innenwissen“. Sie haben oft ganz andere Fragen, als sich Mediziner:innen vorstellen. In einem kleinen studentischen Projekt haben wir die Aufklärungsbögen vor Eingriffen angesehen – sie dienen ja eher der rechtlichen Absicherung und weniger der Information der Patient:innen. Diese wollten eher wissen, wie lange das dauert, was sie anziehen sollen, ob es mit Blutungen und Schmerzen einhergeht, wie lange danach noch Einschrän|29|kungen vorhanden sind usw. In einem anderen Projekt haben wir Patient:innen-Poster eines großen Equipment-Herstellers im Bereich Endoskopie bewerten lassen: „Hurra – eine Coloskopie“ war die Botschaft der Strichmännchen, Null-Information, die Patient:innen fühlten sich „veräppelt“.

Insgesamt lohnt es sich, medizinorientierte Programme umzuarbeiten in Richtung Patient:innen- und Pflege-Orientierung. So wurde etwa das bekannte Programm „Hilfe beim Helfen“ der Alzheimer-Gesellschaft schon ganz früh bei der Entstehung so verändert, dass auf Röntgen-Bilder, Laborwerte und Fachtexte verzichtet werden konnte und die Fragen der Angehörigen berücksichtigt wurden.

Patientenedukation in der Pflege 1960 bis 1990

Bis in die 1980er Jahre wiesen Pflegelehrbücher kaum Inhalte zum Schulen und Beraten durch die Pflege auf. Lapidar hieß es stets „Patient:innen informieren“, damit war aber die unmittelbar anstehende Pflegemaßnahme im Krankenhaus gemeint („Ich wasche Sie jetzt.“). In der Pflegeausbildung wurde diese Art der Information wie ein „Mantra“ vermittelt. Alle weiteren Gesprächsmonopole lagen bei den Ärzt:innen – die Ausbildung war medizinisch ausgerichtet, viele Lehrbücher wurden von Mediziner:innen geschrieben.

Erst durch die Entdeckung der Pflege und die Zunahme chronischer Krankheiten wurde ein eigener Auftrag deutlich, hinzukamen die vorher genannten Notwendigkeiten.

Während meiner eigenen Pflegeausbildung Ende der 1960er Jahre kamen fast keine psycho-pädagogischen oder sozialen Inhalte vor. In allen Ausbildungsreformen wurde seitdem das Feld „Kommunikation“ langsam ausgeweitet. Allerdings wurden diese Inhalte früher von berufsfremden Dozent:innen unterrichtet – oft als Externe beauftragt. Losgelöst vom Pflegeunterricht lehrten Psycholog:innen, Pädagog:innen oder Seelsorger:innen „Gesprächsführung“ und ähnliche Themen in kurzen Sequenzen. Ich habe selbst an mehreren Seminaren teilgenommen, die zum Unterricht in diesen „fremden“ Themen befähigen sollten. Psycholog:innen und Pädagog:innen trugen oft einfach die Ideengeschichte des jeweiligen Faches vor.

Ende der 70er Jahre absolvierte ich eine halbjährige Weiterbildung zur „Unterrichtsschwester“, immerhin hörte ich dort erstmalig etwas über den Pflegeprozess. Durch mein berufsbegleitendes und deshalb langes Studium der Erziehungswissenschaften (Pädagogik, Psychologie, Soziologie) ab 1980 wurde mir selbst klar, dass diese Anteile in der Pflegearbeit eigentlich genauso groß sein sollten wie medizinische Aspekte. Als Lehrerin an einer Krankenpflegeschule habe ich dann versucht, alle Pflegethemen in diese Richtung weiterzuentwickeln und habe alle psycho-pädagogischen Themen selbst gelehrt. Der Pflegeunterricht wurde sehr viel „reicher“ durch meine gerade selbst erworbenen Kenntnisse, die ehemaligen „Schüler:innen“ bezeugen dies bis heute.

Aufgabe

Schlagen Sie Themen in einem beliebigen Pflege-Lehrbuch nach und überlegen Sie, wie diese Inhalte im Sinne von Informieren, Schulen und Beraten der Patient:innen und Angehörigen erweitert werden müssten.

Bis heute gibt es kein verbindliches Gerüst, um psycho-pädagogische Inhalte in der Pflege-Lehre zu unterrichten. Die Ansätze sind vielfältig, leider auch beliebig – je nach Interesse und Vorbildung der Lehrenden. Bücher zeigen oft nur kursorisch alle möglichen Inhalte auf – häufig Konzepte anderer Berufsgruppen, die nicht an das Pflegesetting adaptiert sind. Förderlich ist sicher die Vorstellung von Grundlagen der Kommunikation (Watzlawick et al., 2017) oder das Thematisieren des 4-Ohren-Modells (Schulz von Thun, 2010). Ferner zahlreiche Konzepte, ob es die Transaktionsanalyse ist, die motivierende Gesprächsführung oder die |30|themenzentrierte Interaktion (Cohn, 2009) (Kap. 5.11).

Schon früh fiel mir auf, dass Pflegenden auch Begriffe für psychosoziale Tatsachen fehlen und ich begann mich mit dem Thema „Sprache und Pflege“ zu beschäftigen – auch die aufkommende Pflicht zur Pflegedokumentation regte dieses Feld an. Diese Pflicht entstand aus juristischen Gründen – nicht etwa aus dem Wunsch der Pflegenden, ihre wichtige Arbeit schriftlich mitzuteilen und damit auch einen Nachweis des Aufwandes zu liefern. Die Praktiker:innen lehnten die Schreibarbeit ab. Bisher wurden nur wenige Stichworte in „Nachtwachenbüchern“ aufgeführt – mündlich wurde in „Übergaben“ drei Mal so viel über die Arbeit berichtet. Das Thema Sprache und Pflege hat viele Aktivitäten hervorgebracht, mehrere Bücher, Tagungen, Arbeitsgruppen.

Ein Aha-Erlebnis stellte für mich das Buch „Patientenschulung und -beratung“ von Klug Redman (1996) dar, es wurde bei Ullstein-Mosby ins Deutsche übersetzt. Ich war erstaunt über die elaborierte Patientenedukation in der US-Pflege, mit zahlreichen Einschätzungsinstrumenten, Lehr-/Lernverfahren und anderen Themen.

1.5  Entwicklung an der Universität Witten/Herdecke (UWH)

Mitte der 90er Jahre reiste ich dann, inzwischen in der Weiterbildung Pflegender am Bildungszentrum Essen (DBfK) tätig, für eine Woche mit dem Pflegefachseminar zum Abschluss der zweijährigen Schulung in die USA. Ziel war u. a. das Beth-Israel-Hospital in Boston, zu dieser Zeit das führende Magnet-Spital in Pflegeentwicklung in Nordamerika (Zegelin, 1997). Es ging uns v. a. um das Primary-NursingSystem dort. Zufällig besuchten wir das gerade eröffnete „Patient-Learning-Center“ (PLC), eine Medio-Bibliothek im Eingangsbereich dieser bekannten Klinik. Es war für mich wie eine Offenbarung. Die Einrichtung war damals auch für die USA entwicklungsweisend, heute sind PLC dort Standard für Zertifizierungen. Das PLC in Boston „brummte“, zahlreiche Patient:innen besuchten die Bibliothek, Einzelberatungen und Kurse wurden durchgeführt, Filme konzipiert. Niedergelassene Ärzt:innen überwiesen Kranke „konsiliarisch“ dort hin – Bildung auf Rezept sozusagen.

Im PLC wurden Dossiers entwickelt, entstanden Filme und auf den Stationen wurden Programme etabliert. Dafür stand im PLC eine große Gruppe von Mitarbeitenden zur Verfügung.

Nach der Rückkehr aus den USA begann meine Tätigkeit im Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke – 1996 starteten wir mit dem ersten Studiengang, gewannen Kooperationspartner:innen aus der Praxis. Schon in dieser Zeit startete ich einen Aufruf, um Mitstreiter:innen zum Aufbau einer ähnlichen Einrichtung wie in Boston zu finden, von 40 Kooperationspartner:innen meldeten sich zehn. Zwei Einrichtungen wählte ich aus (auch wegen örtlicher Nähe), das Lüdenscheider Krankenhaus und den Pflegedienst Sprenger, ein ambulanter Pflegedienst in Lippstadt.

1.5.1  Erste Patienten-Informations-Zentren

Eine studentische Arbeitsgruppe begleitete die Entwicklungen, andere Einrichtungen im Ausland wurden besucht und dienten als Vorbild (z. B. Utrecht/NL) – für Deutschland wurde der Name „Patienten-Informations-Zentrum“ (PIZ) gewählt. Innerhalb weniger Jahre Vorbereitung gingen die ersten PIZ an den Start und erfuhren viel Aufmerksamkeit (Abt-Zegelin et al., 2007).

Patientenedukation nahm ein größeres Modul in den Bachelorstudiengängen ein, zahlreiche studentische Abschlussarbeiten widmeten sich diesem Thema. Darüber hinaus existierte universitätsintern über 20 Jahre eine Arbeits|31|gruppe mit wechselnden Mitgliedern, mit vielen Inhalten und Projekten, u. a. fand ein Projekt zur Gesundheitsberatung beim Friseurbesuch statt. Später wurde auch der Beratungs-/Kommunikationsansatz „Wittener Werkzeuge“ (Kap. 5.12.4) hier entwickelt.

Viele der Projekte und Ergebnisse stellen bis heute Pioniertaten dar. Die meisten wurden publiziert und sollen deshalb hier noch einmal dargestellt werden.

Nach der ersten PIZ-Eröffnung in Lüdenscheid gründete sich das „Netzwerk Patienten- und Familienedukation“ 2001. Es sammelte alle Interessierten in diesem Feld, führt bis heute die PIZ zusammen und entwickelt auch andere Felder. Das Netzwerk hat inzwischen über 60 Mitglieder. Besonders bekannt geworden ist es in den letzten Jahren durch den regelmäßigen „Broschürenwettbewerb“, die Arbeit mit Broschüren (Kap. 3.7.2) ist ein wichtiger Schwerpunkt geworden. Davon abgesehen bietet die Homepage eine Fundgrube für Interessierte, allein die Literaturhinweise helfen vielen Akteur:innen (www.patientenedukation.de).

Innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft (DG Pflegewissenschaft) ging die Sektion „Beraten, Informieren, Schulen“ (BIS) an den Start. Hier sind die eher wissenschaftlich am Thema Interessierten tätig. Auch die Sektion hat in den letzten 15 Jahren viele Aktivitäten zu verzeichnen: Publikationen, Stellungnahmen, Tagungen (www.dg-pflegewissenschaft.de).

Die Entwicklung der Patienten-Informations-Zentren gestaltete sich unterschiedlich. Mittlerweile gibt es 10–15 PIZ, überwiegend an Kliniken (Kap. 3.8).

Aufgabe

Recherchieren Sie die Patienten-Informations-Zentren im Netzwerk (www.patientenedukation.de).

Damals war die Idee, dass es alle 20 km ein Patienten-Informations-Zentrum geben sollte, angedockt an verschiedene Träger, auch Bibliotheken, medizinische Versorgungszentren, Gesundheitsämter, ambulante Netze. Manche PIZ entstanden aus „kleinen“ Initiativen, nur zweimal pro Woche zwei Stunden geöffnet, ohne Biblio-Mediothek und Ähnliches. Klar war immer die Ansicht, dass es sich um eine Unternehmung der Pflegeberufe handeln sollte – immer gab es eine Gratwanderung zwischen Ansprüchen, Möglichkeiten und Unterstützung. Im Netzwerk herrschte die Ansicht vor, jedwede Initiative in diese Richtung zu fördern – manchmal wuchs ein Engagement, aus manchen Vorhaben wurde auch nichts – zu neu war diese Entwicklung. Durchaus gab es auch Ideen, einen Markenschutz zu beantragen oder die PIZ nach strengen Qualitätsvorgaben durch das Netzwerk zu zertifizieren. Dann wären nur wenige Akteur:innen übriggeblieben, zumal sich auch Patienten-Informations-Zentren in den letzten Jahren (zurück-)entwickelt haben, v. a. durch ökonomische Bedingungen. Ein PIZ im Krankenhaus soll eigentlich die Entwicklung der pflegerischen Patientenedukation auf den Stationen fördern, als Teil des individuellen Pflegeprozesses und auch als Entwickler:in von Programmen. Zum Teil konnte aber festgestellt werden, dass Angehörige und Patient:innen lediglich an das PIZ verwiesen wurden und Pflegende auf den Klinikstationen sich nicht mehr zuständig fühlten.

Ein leidiger Umstand war auch die Namensgebung. Die Zentren firmierten lokal unter verschiedenen Abkürzungen wie BZ (Beratungszentrum) – je nach örtlichen Interessen. Schwierig war auch die Vermischung mit Vorgängen des Entlassungsmanagements (früher Pflegeüberleitung), heute verbunden mit Case-Management. Eigentlich haben all diese Bereiche eigene Aufgaben und müssten mit den PIZ eng zusammenarbeiten. Vor 25 Jahren habe ich einmal ein PIZ in einer Münchener Klinik mit „großem Bahnhof“ eröffnet: ein winziges Büro mit Schreibtisch und Telefon. Die Ausgestaltung beginnt verschieden, trotzdem sind alle Anfänge zu begrüßen, in denen Fachpflegende |32|steuernde und interaktive Funktionen erfüllen – auch über die Grenzen der eigenen Institution hinaus. Im Netzwerk Patienten- und Familienedukation sammelten sich viele Interessent:innen. Manche traten wieder aus, weil die Vorhaben nicht weitergingen, andere fühlten sich ständig bedroht durch Streichungen – insgesamt zeigte sich, dass diese Aktivitäten in unserem Gesundheits-Pflegewesen nicht verankert sind. Wie in vielen Bereichen hängt alles ab von engagierten Menschen vor Ort.

Ab 2005 wurde der Fernlehrgang zur Patientenedukation vom Institut für Pflegewissenschaft auf den Weg gebracht. Er bestand aus Studienbriefen und der Teilnahme an drei Präsenzwochenenden und einer Abschlussarbeit. Über 120 Teilnehmer:innen haben den Fernlehrgang absolviert. Die Organisation wurde später an ein Universitätsinstitut abgegeben, dann an ein privates Bildungsinstitut in Nordrhein-Westfalen (NRW). Dabei wurden Module vermischt mit der Weiterbildung zur Praxisanleitung und der Weiterbildung zur Pflegeberatung im Rahmen der Pflegeversicherung. Dadurch ging das Profil verloren und die Texte veralteten.

In den zwei Jahrzehnten der Entwicklung pflegerischer Patientenedukation wurden zahlreiche Vorträge gehalten, Publikationen erstellt und Beratungen durchgeführt – das Buch „Informieren, Schulen und Beraten“ von London (2010