Paul Niedergesäß - Ralf Hagedorn - E-Book

Paul Niedergesäß E-Book

Ralf Hagedorn

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Beschreibung

Paul Niedergesäß Erlebnisse eines Flak-Soldaten April 1945. Die letzte Schlacht um Berlin hat begonnen. Paul Niedergesäß, Richtschütze einer 8,8-cm-Flak, steht mit seiner Bedienung auf den Seelower Höhen,dem letzten Bollwerk vor der Reichshauptstadt. Vor ihm wälzt sich die gewaltige sowjetische Übermacht über den Oderbruch. Hinter ihm liegt eine Stadt, die bereits im Sterben liegt. Mit nur einer Handvoll Granaten, einer Handvoll Jungen und dem unerschütterlichen Willen zu überleben, kämpft Paul sich durch das Inferno der Schlacht um die Seelower Höhen, den verzweifelten Häuserkampf in Marzahn und die apokalyptische Belagerung des Zoo-Bunkers. Er erlebt den Untergang einer Armee, den Zusammenbruch aller Ordnung und die völlige Sinnlosigkeit eines Krieges, der längst verloren ist. Als die letzten Geschütze verstummen, beginnt für Paul und den jungen Flakhelfer Dieter eine Odyssee durch brennende Trümmer, überflutete U-Bahn-Tunnel und die Hölle der sowjetischen Gefangenschaft. Basierend auf den realen Erlebnissen seines Großvaters erzählt Ralf Hagedorn eine schonungslose, hautnahe und bewegende Geschichte vom Überleben in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Kein Heldentum, keine Verklärung ,nur der nackte Kampf ums nackte Leben inmitten von Feuer, Stahl und Beton. Ein intensiver, authentischer Roman über den Wahnsinn des Endkampfs um Berlin, gesehen durch die Augen eines einfachen Soldaten, der nie aufhörte, ein Mensch zu bleiben.

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Seitenzahl: 54

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Paul Niedergesäß

Erlebnisse eines Flak Soldaten

IMPRESSUM:

Ralf Hagedorn

c/o IP-Management #4887

Ludwig-Erhard-Str. 18

20459 Hamburg

Mithilfe von Gemini geschrieben

Coverbild Gemini

Kapitel 1: Donner am Horizont

Die Welt bestand aus Staub, Fett und der Erwartung des Todes. Paul Niedergesäß spürte das Metall des Richtrads unter seinen rissigen Handflächen. Es war kalt, obwohl die Aprilluft des Jahres 1945 bereits eine trügerische Milde versprach. Er saß auf dem kleinen Metallsitz der 8,8-cm-Flak 37, die wie ein Insekt in ihrer Stellung am östlichen Rand der Seelower Höhen hockte.

Paul? Träumst du schon wieder oder suchst du nach Engeln?“

Die Stimme von Unteroffizier Hannes Weber riss ihn aus der Starre. Weber war erst ein Jahr älter als Paul, wirkte aber wie ein Greis, dessen Haut zu Pergament geworden war. Er kaute auf einem trockenen Grashalm, während er durch sein Scherenfernrohr starrte.

Ich suche keine Engel, Hannes“, entgegnete Paul heiser. „Ich versuche nur, das Zittern in meinen Fingern als Feinjustierung zu verkaufen.“

Ein kurzes, trockenes Lachen entwich Webers Kehle. Es klang wie das Knacken von trockenem Holz. Hinter ihnen, in der Deckung eines halb verfallenen Schuppens, kauerten die Ladeschützen. Es waren „Flakhelfer“ Kinder eigentlich, kaum fünfzehn Jahre alt, in Uniformen, die an ihren schmalen Schultern schlotterten. Einer von ihnen, der kleine Dieter, hielt eine Sprenggranate fest umschlungen, als wäre sie ein Talisman, der ihn vor dem Unheil bewahren könnte. Hörst du das?“, fragte Paul plötzlich. Was?“ Das Schweigen.“

Es war wahr. Für einen Moment war das ferne Grollen der sowjetischen Artillerie verstummt. In der unnatürlichen Stille hörte man das Zwitschern einer Lerche, die sich über das Schlachtfeld verflogen hatte. Es war ein absurdes Geräusch. Paul blickte über die Mündung des gewaltigen Rohres hinweg auf den Oderbruch. Dort unten, im Morgendunst, lag die Rote Armee. Zehntausende Rohre, Tausende Panzer, Millionen von Menschenleben, die nur auf das Signal warteten, um die letzte Barriere vor Berlin zu überrollen.

Die Munition wird nicht reichen, Paul“, sagte Weber leise, ohne das Fernrohr abzusetzen. „Wir haben noch dreißig Granaten für den Erdkampf. Danach können wir mit Kieselsteinen werfen.“

Paul antwortete nicht. Er dachte an seine Mutter in Berlin-Pankow. Er hatte ihr vor drei Tagen einen Brief geschrieben, den er nie abgeschickt hatte, weil die Feldpost ohnehin nur noch ein Gerücht war. „Wir halten die Stellung“, hatte er gelogen. Er wusste, dass sie nichts hielten. Sie waren nur Wellenbrecher aus Fleisch und Eisen in einer Flut, die bereits über ihnen zusammenschlug. Plötzlich riss der Horizont auf.

Es war kein einzelner Knall. Es war, als würde die Erde selbst aufreißen. Ein greller Blitz jagte am östlichen Rand des Himmels empor, gefolgt von einem Donnerschlag, der Paul fast vom Sitz warf. Die Stalinorgeln.

Deckung!“, brüllte Weber, doch der Befehl war überflüssig. Die Jungen am Geschütz pressten sich bereits in den märkischen Sand.

Paul blieb auf seinem Sitz. Er starrte auf das Inferno. Die Raketen zogen glühende Bahnen durch den dämmrigen Himmel, wie fallende Sterne, die den Weltuntergang verkündeten. Er sah, wie die Stellungen der Infanterie vor ihnen in Fontänen aus Dreck und Feuer verschwanden. Das Zittern in seinen Händen war verschwunden. Jetzt war da nur noch eine kalte, kristalline Klarheit.

An die Plätze!“, schrie er gegen den Lärm an, als er die ersten dunklen Schatten im Dunst der Ebene ausmachte. „Panzer! Direktes Richten! Entfernung zweitausendachthundert!“

Die Maschinerie setzte sich in Gang. Der mechanische Takt der Flak, das Klacken des Verschlusses, das schwere Atmen der Jungen. Paul spürte, wie das Blut in seinen Schläfen hämmerte. Dies war der Moment, auf den sie gewartet hatten. Der Endkampf hatte nicht mit einem Fanfarenstoß begonnen, sondern mit dem Geruch von Ozon und dem Tod von tausend Unbekannten in den Schützengräben vor ihnen.

Halt fest, Dieter!“, rief Paul dem Jungen zu, der die erste Granate in die Ladeschale hob. „Heute werden wir zeigen, dass dieses Rohr noch Feuer spucken kann.“

Doch tief in seinem Inneren wusste Paul, dass dies erst die erste Minute eines sehr langen Sterbens war.

Der Boden unter der Flak-Lafette vibrierte nun ununterbrochen. Es war kein bloßes Zittern mehr; es war ein rhythmisches Beben, das durch Pauls Stiefelsohlen bis in seine Kniescheiben wanderte. Der Dunst im Oderbruch begann sich zu lichten, doch was er freigab, war schlimmer als die Ungewissheit zuvor.

T-34! Ganze Meute auf elf Uhr!“, brüllte Weber. Sein Gesicht war nun von einer Schicht aus Ruß und aufgewirbeltem Kalk bedeckt, die nur von den hellen Streifen seiner Tränenkanäle durchbrochen wurde.

Paul presste sein Auge an die Optik. Das Fadenkreuz tanzte über das Sichtfeld. Dort, am Fuße der Anhöhe, krochen dunkle Käfer aus dem Nebel. Sie wirkten klein und unbedeutend, doch Paul wusste, dass jeder dieser „Käfer“ eine 76-mm-Kanone trug, die sein gesamtes Universum in einer Sekunde auslöschen konnte.

Entfernung eintausendachthundert!“, korrigierte Paul. Er kurbelte hektisch. Das schwere Rohr der 8,8 schwenkte mit einer trägen Präzision. „Panzerbrechend! Laden!“

Hinter ihm hörte er das metallische Ratsch-Klapp des Verschlusses. Der junge Dieter hatte die schwere Granate mit einer Kraft in die Ladeschale gewuchtet, die man seinem schmächtigen Körper kaum zugetraut hätte. Geladen!“, schrie der Junge. Seine Stimme überschlug sich vor Angst.

Paul hielt den Atem an. In der Ausbildung hatte man ihnen beigebracht, in der Atempause zwischen zwei Herzschlägen abzuziehen. Doch sein Herz raste wie ein gefangener Vogel gegen seine Rippen. Er fixierte den führenden Panzer. Das Ziel im Fadenkreuz vergrößerte sich. Er sah die aufgemalte weiße Nummer auf dem Turm, eine 242. Feuer!“

Paul trat das Abzugsblech. Die 8,8 bäumte sich auf wie ein getroffenes Tier. Ein gewaltiger Feuerstoß schoss aus der Mündung, der den Staub im Umkreis von fünf Metern in die Luft peitschte. Der Rücklauf riss das Rohr zurück und stieß die glühend heiße, leere Hülse mit einem klingenden Geräusch auf den Boden. Ein beißender Geruch nach verbranntem Pulver hüllte die Bedienung ein.

Paul starrte durch die Optik. Eine Sekunde verging. Dann zwei.

Ein greller Blitz am Turm des T-34. Die Granate war genau im Turmkranz eingeschlagen. Einen Moment lang passierte nichts, dann wurde der schwere Stahlturm wie ein Spielzeugdeckel in die Luft gehoben. Eine Säule aus schwarzem Rauch und öligem Feuer schoss empor.

Treffer!“, johlte Weber. „Sauberer Schuss, Paul!“

Doch für Jubel war keine Zeit. Hinter dem brennenden Wrack tauchten drei weitere Silhouetten auf. Und links davon noch mehr. Die sowjetische Armee griff nicht in Reihen an; sie griff wie eine Naturgewalt an, die alles unter sich begrub.

Nächste! Laden!“, befahl Paul.