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Das Waisenmädchen Pearl ist bettelarm, aber sie ist mutig und klug. Und entschlossen, bei ihrer Jagd nach einer legendären Perle über jede Grenze zu gehen.
Jamaica in den 1730er Jahren. In Port Royal wächst das Waisenkind Pearl unter Bettlern, Sklaven und Tagelöhnern zu einer bildschönen jungen Frau heran. Um ihre Herkunft rankt sich ein sagenhaftes Gerücht: sie soll die Tochter der berühmten Piratin Anne Bonny sein. Ihr größter Traum ist es, in die irische Heimat ihrer Mutter zurückzukehren. Als ihr zu Ohren kommt, dass ein spanischer Konvoy mit einem unermesslichen Schatz an Bord unterwegs ist, ist sie bereit, alles zu wagen, und findet sich unversehens zwischen den Fronten wieder. Denn auch die Engländer machen Jagd auf die größte Perle der Welt. Pearl ist gezwungen, für ihren Traum ausgerechnet das Leben des Mannes in Gefahr zu bringen, der sie zutiefst fasziniert: der junge Ire Val, der aufgrund einer tragischen Verstrickung in der britischen Armee dienen muss ...
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Seitenzahl: 771
Veröffentlichungsjahr: 2026
Jamaica in den 1730er-Jahren. In Port Royal wächst das Waisenkind Pearl unter Bettlern, Sklaven und Tagelöhnern zu einer bildschönen jungen Frau heran. Um ihre Herkunft rankt sich ein sagenhaftes Gerücht: Sie soll die Tochter der berühmten Piratin Anne Bonny sein. Ihr größter Traum ist es, in die irische Heimat ihrer Mutter zurückzukehren. Als ihr zu Ohren kommt, dass ein spanischer Konvoi mit einem unermesslichen Schatz an Bord unterwegs ist, ist sie bereit, alles zu wagen, und findet sich unversehens zwischen den Fronten wieder. Denn auch die Engländer machen Jagd auf die größte Perle der Welt. Pearl ist gezwungen, für ihren Traum ausgerechnet das Leben des Mannes in Gefahr zu bringen, der sie zutiefst fasziniert: der junge Ire Val, der aufgrund einer tragischen Verstrickung in der britischen Armee dienen muss …
Weitere Informationen zu Elisabeth Herrmann
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Elisabeth Herrmann
Königin der Meere
Roman
Originalausgabe
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Originalausgabe März 2026
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by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich
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Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-33093-4V001
www.goldmann-verlag.de
Für Shirin,in Erinnerung an Ballymackean, Knockendarroch, Cork, das Drury Lane Theatre und unsere Abenteuer in der Karibik
Träume sind wahr, solange wir sie träumen.
Und leben wir nicht immer im Traum?
Alfred Lord Tennyson
Vor dem Eingang zum Gericht war an diesem Donnerstagmorgen eine so große Menschenmenge zusammengekommen, dass die Soldaten der Garnison Mühe hatten, den Zugang freizuhalten.
»Aus dem Weg!«, brüllten sie die Leute an und schoben sie mit ihren Bajonetten zurück. »Macht Platz! Geht an eure Arbeit!«
»Sie kommen!«
Ein Junge, der an der Ecke stand, spähte angestrengt über die Köpfe der Leute in die White Chapel Street. Unter dem Arm trug er, eingewickelt in ein Leinentuch, mehrere Küchenmesser, die er wohl zum Schleifen bringen sollte. Aber so eine Sensation gab es nicht alle Tage zu sehen, und er konnte sicher sein, dass ein Augenzeugenbericht bei seiner Herrschaft äußerst wohlwollend aufgenommen werden würde.
Barfüßige Kinder, johlend und kreischend, waren die Vorhut. Gefolgt von den Tagelöhnern und Nichtsnutzen, den Hafendirnen und Bettlern, für die dieses Schauspiel eine willkommene Abwechslung in ihren rumgetränkten Tagen war. Dann die Laufburschen und Dienstmägde. Freemen1 und Sklaven. Seeleute, Fischer, Handwerker auf dem Weg von oder zur Arbeit, alle reckten die Hälse.
Als der Karren, gezogen von zwei resignierten Pferden und begleitet von vier weiteren bewaffneten Garnisonssoldaten, um die Ecke bog, erhob sich ein lautes Pfeifkonzert, begleitet von Schmährufen. Steine, Dreck und andere übelriechende Dinge flogen auf die beiden Gestalten, die auf dem Karren standen.
»Huren!«
»An den Galgen!«
»Die Hölle ist noch zu gut für euch!«
Die Hände auf dem Rücken gefesselt, waren die Frauen den Angriffen schutzlos ausgeliefert. Die eine, breitbeinig, füllig und mit dunklen, verkletteten Locken, barfüßig und nur mit Mühe das Gleichgewicht haltend, hatte ihr Gesicht zu einer grimmigen Maske verzogen. Die andere, schmal und biegsam wie eine Gerte und hoch aufgerichtet, starrte mit vor Wut funkelnden Augen in die Menge. Ihre langen roten Haare waren schweißnass, ebenso das knöchellange dünne Baumwollkleid, das an ihrem Körper klebte und von dem vor allem die Männer nicht den Blick wenden konnten.
»Rackams2 Hündinnen!«, brüllte ein kräftiger Mann mit geröteter Halbglatze und spuckte vor dem Wagen aus. »Wie hat er es denn getrieben mit euch beiden?«
Sie fuhr vor. Wären ihre Fußknöchel nicht in Ketten gelegt, wäre sie dem Mann wohl ins Gesicht gesprungen. »Komm rauf, und ich zeig’s dir!«
Der Mann wich vor Schreck einen Schritt zurück, was von der Menge mit einem belustigten Aufheulen begleitet wurde. Die Rothaarige wandte sich direkt an die Schaulustigen. »Habt ihr nie eine Frau gesehen, die noch auf dem Weg zum Galgen ihren Mann steht?«
Einer der Soldaten hob seine Muskete und stieß sie mit dem Kolben an. »Halt den Mund, Weib!«
»Hure!«, keifte eine alte Vettel, in deren Korb Flaschen mit vergorener Melasse klirrten. »Widerwärtiges Gezücht!«
Das Gejohle und Gekreische gingen wieder los. Aber es mischten sich auch andere Rufe unter den Spott. Erst vereinzelt, dann immer mehr.
»Fahrt zur Hölle, aber aufrecht!«
»Zeigt’s ihnen!«
Die Menge geriet ins Stocken. Die Rothaarige ließ ihren Blick über die Rufer gleiten, und mit einem Mal schien es, als ob sie jemanden erkennen würde. Sie wandte sich an ihre Leidensgefährtin und flüsterte ihr etwas zu. Die hob nun auch den Kopf und sah mit zusammengekniffenen Augen in die Richtung, in die die Rothaarige kaum merklich mit ihrem Kopf gewiesen hatte. Doch schon ließ der Kutscher, ein stoischer, Tabak kauender Trinker mit verlebten Zügen unter einer dreckigen Mütze, die Peitsche über den Köpfen der Pferde knallen. Der Karren kam wieder in Fahrt, die beiden Gefangenen verloren beinahe das Gleichgewicht.
»Aus dem Weg!«, brüllte er mit sich überschlagender Stimme. »Macht den Weg frei!«
Der Junge, den sie gesehen hatten, war vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Seine blonden Haare hingen ihm zottelig in die Stirn. Er lief barfuß, trug zerrissene Beinkleider und ein schmutziges Hemd. Noch bevor jemand auf ihn aufmerksam werden konnte, hatte er zwei Finger auf den Mund gelegt und diesen Gruß an die beiden Frauen gesandt. Dann tauchte er in der Masse unter und folgte dem Karren in etwas größerem Abstand. Wer ihm ins Gesicht gesehen hätte, hätte es wohl gleich wieder vergessen. Sommersprossen auf Nase und Wangen, abstehende Ohren, ein hübsches, freches Gesicht. Ein Maat vielleicht, ein Wiper von einem der Schiffe in Port Royal, ein Laufbursche, ein Hilfsarbeiter in einem der Handwerksbetriebe von Spanish Town.
Wer ihm allerdings auf den linken Arm gesehen hätte, dorthin, wo eine große, breitflächige Wunde am Verheilen war, hätte sich vielleicht gewundert. Eines Tages würde der Junge genauso eine Narbe tragen wie Männer sie zurückbehielten, wenn sie Brandzeichen oder Tätowierungen auf ihrer Haut getilgt hatten.
Ein P zum Beispiel.
P für … Pirat.
Der Junge sah kurz an sich herab, bemerkte den hochgerutschten Ärmel und zerrte ihn hastig über das Mal.
Der Platz wurde immer voller. Die Nachricht, dass die beiden Frauen gleich das Gerichtsgebäude erreichen würden, hatte gereicht, alles stehen und liegen zu lassen. Was passieren würde, wenn man die zwei nach dem Urteilsspruch zum Gallows Point am Fluss transportieren würde, war seit Tagen Gesprächsthema. Den einen bereitete es ziemliche Sorgen, wie man die Delinquentinnen halbwegs unversehrt zum Ort ihrer Hinrichtung bringen könnte, ohne dass die aufgebrachten Bürger sie lynchen würden. Die anderen malten sich die Geschäfte aus, die sie an einem solchen Tag mit einer schaulustigen Menge machen konnten.
Denn ganz Jamaica hatte von dem Fang gehört, der Captain Barnet Ende Oktober am westlichsten Zipfel der Insel, in Point Negril, ins Netz gegangen war. Eine Zwölf-Tonnen-Schaluppe voll mit betrunkenen Piraten. Die beiden Einzigen, die an Deck nüchtern und mit Verbissenheit, Härte und, ja, man musste es ihnen zugestehen: Tapferkeit gekämpft hatten waren – zwei Frauen.
Zwei Frauen.
Bis an die Zähne bewaffnet.
Auf einem Piratenschiff.
Jetzt allerdings in Ketten und auf einem Karren, der fast in der Menschenmenge stecken blieb. Noch an diesem Morgen würden sie vor dem hochehrenwerten Gericht stehen und für ihre Untaten mit dem Tode bestraft werden. Es gab kaum ein Gespräch auf Jamaica, das sich nicht um den Prozess gegen Jack Rackam und seine Piratenbande drehte. Die ersten Tage hatten bereits mit Todesurteilen geendet, allesamt vollstreckt. Dieser Morgen wurde mit besonderer Spannung erwartet, denn endlich konnte man einen Blick auf Anne Bonny und Mary Read werfen, die Tod und Teufel über Gott gestellt und mehr als zwei Jahre lang die Karibik in Atem gehalten hatten.
Von dem immer lauter werdenden Lärm angelockt, trat im ersten Stock des Gerichtsgebäudes ein Mann ans geöffnete Fenster und verschränkte die Hände hinter seinem Rücken. Er war klein, fast schmächtig, und man hätte ihn von hinten mit einem Heranwachsenden verwechseln können, hätte er nicht die Perücke und die Kleidung eines sehr hochgestellten Herrn getragen.
Mit seinen fast siebzig Jahren und nach vier Ehen mit vier Witwen, gerade verheiratet mit der fünften, sah Sir Nicholas Lawes, Richter und ehemaliger Gouverneur, endlich dem Höhepunkt seines Ringens mit den Gesetzlosen entgegen. Er würde dieser Pestilenz und Geißel der Menschheit den Todesstoß versetzen. Würdig, um in die Geschichte von Spanish Town einzugehen. Ach was, in die von Jamaica, von Großbritannien, der Welt!
Der Blick aus seinen braunen Augen, den er nun über den Platz hinunter Richtung Fluss lenkte, war von kalter Grausamkeit. Seit drei Tagen hing dort die Leiche des gehenkten Piraten Jack Rackam in einem Gibbet, einem Eisenkäfig. Zwei weitere Käfige mit den sterblichen Überresten von Rackams Steuermann und seinem Quartiermeister baumelten etwas weiter entfernt. Sie würden, wenn ihr Anblick genug Entsetzen und Abscheu verbreitet hatte, hinaus auf die Keys vor Port Royal gebracht werden, zur Mahnung an ehrliche Seeleute, ehrlich zu bleiben. Die Ära der Piraten war zu Ende. Dank der eisernen Hand der britischen Krone, der Royal Navy und gesetzestreuen Helden wie ihm, Sir Nicholas Lawes.
Er wollte sich abwenden, als eine blaue Haube mit weißem Band seine Aufmerksamkeit noch einmal auf die Menge lenkte, die sich vor dem Zugang zum Gerichtsgebäude drängte. Die Reaktion bei diesem Anblick war ein leichtes Blähen seiner Nasenflügel. Dann wandte er sich um und gab seinem Haussklaven, der an der Tür stand und versuchte, so unsichtbar wie möglich zu sein, einen Wink.
»Jonatan.«
Alle seine männlichen Haussklaven hießen Jonatan. Sie wechselten so häufig, dass er sich nicht mehr die Mühe machen wollte, ständig die Bibel auf der Suche nach christlichen Namen für sie zu durchforsten. Insgesamt besaß er 279 Männer, 199 Frauen und, Gott sei’s geklagt, 86 nichtsnutzige Kinder, die auf seinen vier Plantagen über die ganze Insel verteilt arbeiteten. In Spanish Town hielt er zudem ein zweistöckiges Stadthaus, nicht weit vom King’s Square. Eigentlich direkt um die Ecke. Das Leben auf den Plantagen war unbequem. Dazu kam noch ein unterschwelliges Rumoren unter den Sklaven, das seine Aufseher im Zaum halten sollten. Dafür wurden sie bezahlt.
Jonatan, der als Kind seiner Familie entrissen worden war, eine grauenhafte Überfahrt auf einem Sklavenschiff erlebt hatte, mehrfach ge- und verkauft worden war und noch immer das Brandmal seines Vorbesitzers auf dem linken Schulterblatt trug, trat mit ausdrucksloser Miene einen Schritt vor und machte einen Diener.
»Sag Mulroy Bescheid, dass er meine Frau zu mir schickt.«
Lawes tat eine halbe Bewegung zum Fenster, sodass klar war, dass sich seine Gattin dort unten inmitten des Pöbels herumtrieb. Der Mann verbeugte sich erneut und zog sich geräuschlos zurück.
Nicht ganz so geräuschlos war wenig später das Auftauchen von Lady Suzanna Lawes, einer korpulenten Mittfünfzigerin, die sich für diesen Tag nicht nur die neue Haube aufgesetzt hatte. Sehr zu Lawes Missfallen trug sie auch noch das Kleid, das sie erst neulich beim Empfang des Gouverneurs gezeigt hatte.
»Nick!«, trompete sie, kaum dass Mulroy, Gerichtsdiener und Faktotum des Hauses mit der Ausstrahlung eines abgebrannten Kienspans, sie freundlich in den Raum hineinkomplimentiert hatte.
Lawes hob die Hand. Er mochte zwei Dinge nicht: wenn man seine Anordnungen unterlief und wenn Suzanna seinen Namen verunstaltete.
»Hatte ich nicht gesagt, du sollst dem King’s Place heute fernbleiben?«
»Es ist der Prozess des Jahres!«, schnaufte sie mit hochrotem Gesicht. »Und ich werde daran teilnehmen!«
Lawes deutete auf den Mahagonitisch neben dem Fenster. Jonatan sprang herbei und goss ein Glas Rumpunsch ein. Er reichte es Lawes, zog sich dann wieder auf den ihm zugewiesenen Platz neben der Tür zurück.
»Meine Gattin wird nicht an einem so würdelosen Schauspiel teilnehmen.«
»Würdelos?«, erwiderte Suzanna schnippisch und nahm sich eine Handvoll von dem Zuckergebäck, das neben dem Punsch in einer Silberschale deponiert war. »Es ist ein Prozess mit Euch als Vorsitzendem. Wie kann das würdelos sein?«
»Diese beiden Metzen machen es zu einem Spektakel.«
»Metzen«, erwiderte Suzanna mit vollem Mund.
Wenn sie nicht aufpasste, würde sie an dem Essen ersticken, das sie jeden Tag in sich hineinstopfte. Lawes wusste nicht, ob er diesen Tag bedauern oder irgendwann herbeisehnen würde.
Sie schluckte.
»So redet auch nur ein Esquire. Ich will mir die beiden ansehen, wie jeder andere auch.«
Lawes erlaubte sich ein minimales Hochziehen der Augenbrauen, bevor er sein Glas in einem Zug leerte.
»Ist Eure Sensationsgier der einzige Grund?«
Suzanna stopfte sich den nächsten Keks in den Mund und antwortete nicht.
»Oder weil Ihr und die gottlose Anne Bonny aus dem gleichen Rattennest in Irland kommt, aus Kinsale?«
Ein Schatten huschte über ihr rundes Gesicht. Es gab drei Dinge, mit denen er bei seiner Frau jeden Ansatz von Trotz zunichtemachte: ihre Herkunft. Ihre Verfressenheit. Und dass ihre Ehe unfruchtbar geblieben war, was weiß Gott nicht an ihm lag. Hatte er doch mit ihren Vorgängerinnen fast ein halbes Dutzend Nachfahren gezeugt.
Der Schatten verschwand. An seine Stelle trat wieder ungezügelte Lust an Gerüchten, Klatsch und Tratsch.
»Und wenn schon«, sagte sie. »Es sind Frauen! Die wie Männer auf einem Piratenschiff waren! Und …« Ein beunruhigendes Glitzern trat in ihre kleinen Augen. »… beide, beide waren die Geliebten von diesem Hund, diesem Calico Jack.«
Während sie sich noch ein Stück Zuckergebäck in den Mund schob, trat sie mit wiegenden Hüften ans Fenster und spähte kurz zur Gallows Pier, wo die Käfige mit den Leichen hingen. Wenn Lawes sich nicht täuschte, hob und senkte sich gerade ihr Busen mit einem unterdrückten Seufzer.
»So ein schöner Mann.«
Er trat neben sie. »Jetzt nicht mehr.«
Sie klopfte sich unwillig mit der freien Hand etwas Zucker vom Busen.
»Ihr werdet die Kutsche nehmen und sofort nach Temple Hall fahren.«
»Was?«
Temple Hall war eine Ansiedlung in den Blue Mountains, die Lawes gerade rodete, um dort mit dem Kaffeeanbau zu experimentieren. Sein Herrenhaus war erst vor Kurzem bezugsfertig geworden, und Suzanna hatte bisher keinerlei Ambitionen gezeigt, sich dort nützlich zu machen.
»Ich werde dort den Winter verbringen. Es war vereinbart, dass Ihr mit den Tuchmachern und den Schreinern sprecht, was wir noch brauchen.«
»Aber …«
»Kein Aber. Ich komme nach, sobald das hier vorüber ist. Es stehen immerhin noch acht weitere Angeklagte vor Gericht. Das wird sich bis Ende der Woche hinziehen.«
Suzanna nickte widerwillig.
»Der Boston Chronicle ist hier und der Jamaica Courant. Ich habe gehört, dass auch ein Korrespondent der Royal Gazette im Gästehaus des Gouverneurs abgestiegen ist. Ich will nicht, dass im ersten Satz ihrer Berichte vorkommt, dass die Gattin des Gerichtspräsidenten im Zuschauerraum sitzt.«
Seine Frau verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln. Im Mundwinkel klebten noch Zuckerkrümel.
»Es ist so süß von Euch, dass Ihr meine Attraktivität über die der beiden Angeklagten stellt. Glaubt mir, das wird den Korrespondenten nicht passieren. Sie werden gehenkt?«
Lawes nickte. »Selbstverständlich.«
»Kein schöner Tod. Aber immerhin hatten sie ein freudvolles Leben.«
Und mit diesem rätselhaften Satz, auf den sich Lawes keinen Reim machen konnte, verließ Suzanna den Richterraum. Vor der Tür warteten bereits die ehrenwerten Esquires Archbould, Moore, Nedham und Gomerfall, allesamt von Lawes als Richter und Beisitzer bestellt. James Archbould hatte seine goldene Taschenuhr in der Hand, die zwar immer eine halbe Stunde nachging, aber doch gut genug war, ihren Deckel ungeduldig zuschnappen zu lassen, um dann durch die offene Tür zu spähen.
»Sir? Es ist gleich zehn Uhr.«
Ezekiel Gomerfall, ein reicher Plantagenbesitzer aus dem Parish Saint Thomas, wandte sich gerade an Samuel Moore, den ältesten der Beisitzer, der hastig eine Flasche hinter seinem Rücken verbarg.
»Wir hatten doch gesagt: keinen Rum vor der Urteilsverkündung!«
»Sagt das mal ihm da drinnen«, war die missmutige Erwiderung. »Es ist so verdammt heiß. Da wird man doch wohl mal?«
Im ganzen Parish war bekannt, dass Sir Nicholas Lawes selten nüchtern das Mittagsläuten hörte.
Suzanna grüßte höflich und gab Mulroy einen Wink, der ebenfalls vor der Tür gewartet hatte. Gemeinsam stiegen sie die breite Treppe hinunter in den Vorraum des Gerichtssaals. Noch war die große, doppelflügelige Holztür geschlossen. Acht Offiziere standen aufgereiht an den Wänden und warteten auf den Befehl, sie zu öffnen. Gerichtsdiener huschten umher. Das Geräusch einer zügellosen, ungeduldigen Menschenmenge vor den Mauern des Gerichts klang, als befänden sie sich im Herzen eines gewaltigen Hornissennests. Aber es war kühl, kühler zumindest als draußen.
Unten angekommen, drückte sie Mulroy die restlichen Zuckerkekse in die Hand. Er bedankte sich überglücklich. Allerdings verschwand sein seliges Lächeln, als Suzanna seine Hand nicht losließ, sondern ihn näher zu sich heranzog.
»Wo kann ich dem Prozess folgen, ohne gesehen zu werden?«
»Mylady?«
»Es muss doch einen Raum neben dem Saal geben, oder ein Kabuff. Eine Besenkammer.«
»Ich … ich weiß nicht …«
Sie ließ seine Hand los. Die Offiziere richteten ihren starren Blick auf das Ziegelwerk der gegenüberliegenden Wand, als wäre es das Interessanteste, was sie seit Langem gesehen hätten. Mulroy ließ schnell die Kekse verschwinden und kratzte sich dann das spärliche Haar unter seiner Perücke.
»Mylady, wenn Sir Lawes nicht möchte …«
»Darum geht es nicht. Es geht darum, was ich möchte. Ich will diese beiden Frauen sehen, aus der Nähe. Ich will mit eigenen Ohren hören, was sie zu sagen haben. Welche Untaten sie gestehen. Wie sie die Konkubinen dieses Piraten wurden. Wie sie gekämpft haben, mit dem Entermesser und Pistolen. Wie sie ihre Schandtaten – ähm – bereuen.« Sie schloss den Satz mit einem Räuspern, denn Mulroy blickte sie verständnislos an. Ihre Aufzählung hatte eher begeistert als schockiert geklungen. »Wie sie ihre Vergebung von Gott erflehen, meine ich. Die sündige Reue. Also. Nein. Die reuigen Sünder. Ihr versteht?«
Das machte es auch nicht besser, aber es schien den dürren Mann zu beruhigen.
»Da gibt es nichts.«
Ungeduldig lief Suzanna zwei Schritte in Richtung des noch leeren Saals und kehrte dann zu ihm zurück.
»Und wo wechseln sie die Perücken? Wo versammeln sie sich, wenn sie beratschlagen? Wo warten die Zeugen? Wo die Angeklagten?« Sie spähte noch einmal über seine Schulter in die Eingangshalle. »Wo trinkt mein Mann?«
Den letzten Satz sagte sie so leise, dass nur er ihn hören konnte. Mulroy schluckte, wobei sein Adamsapfel eine rasante Fahrt seinen sehnigen Hals hinauf und wieder hinunter machte.
»Da ist das Separee, Mylady.«
»Das Separee.«
»Aber Ihr müsst vor dem Mittag verschwinden. Sonst sieht er Euch.«
»Führ mich dorthin.«
Mulroy nickte und ging voraus. Als Erstes durchquerten sie die Küche, in der die Vorbereitungen für die Mittagspause der Esquires getroffen wurden. Rund ein halbes Dutzend Sklavinnen arbeitete unter der Aufsicht eines schwarzen Kochs, der sich freigekauft hatte und auch schon im Stadthaus von Lady Lawes ausgeholfen hatte. Irritiert ließ er bei ihrem Anblick das Beil sinken, mit dem er gerade einen Schweinenacken zerteilte. Da Suzanna seinen Namen vergessen hatte, nickte sie ihm nur kurz zu und folgte Mulroy in einen engen Dienstbotengang, vorbei an Kammern, in denen sich weitere Gerichtsdiener aufhielten, und dem Büro des Schreibers, der ihnen aber glücklicherweise beim Auffüllen seines Tintenfasses den Rücken zudrehte.
Endlich erreichten sie das Ende des Gangs. Dort befanden sich rechts zwei niedrige Türen und voraus eine eisenbeschlagene dritte. Mulroy zog seinen Schlüsselbund hervor und schloss die zweite Tür rechts auf. Suzanna japste nach Luft. Das sogenannte Separee war eine Latrine.
»Mulroy!«
»Es tut mir leid, Mylady, aber das ist der einzige Raum!«
Sie betrat ein kleines stickiges Geviert mit einem vergitterten Fenster und einer weiteren Tür, die offenbar direkt in den Gerichtssaal führte. In der Ecke stand ein abgedeckter Eimer, daneben ein einfaches Gestell mit einer Wasserschüssel und einem Leinentuch, das nicht oft gewechselt wurde.
Aber … das Schlüsselloch zum Gerichtssaal war groß genug. Wenn man schon keine Sicht hatte, konnte man zumindest mit einem Ohr bei dem Prozess dabei sein.
Eine kleine, vergitterte Öffnung befand sich ziemlich weit oben unter der Decke auf der rechten Seite des Raums. Sie führte zu dem Raum nebenan, der sonst wahrscheinlich stockdunkel war.
Mulroy trat unsicher von einem Fuß auf den anderen.
»Wann wurde das letzte Mal, also, geleert?«
Der Gerichtsdiener verbeugte sich. »Nach dem Urteil über Jack Rackam, vor drei Tagen, Mylady. Seitdem war niemand mehr hier.«
Sie schnupperte. Es roch vielleicht etwas muffig, aber nicht so, wie man es von einer Latrine erwarten würde.
»Ich bleibe. Und Mulroy? Kein Wort.«
Er nickte eifrig.
»Nebenan warten die Angeklagten. Mylady, bitte verhaltet Euch ruhig. Ich geleite Euch kurz vor dem Mittagsläuten durch den Hintereingang hinaus.«
Das musste die eisenbeschlagene Tür zur Rechten, am Ende des Gangs, sein. Suzanna nickte. Ihre Wangen glühten, und ihr Atem ging schneller. Der Schweiß sammelte sich schon wieder im Nacken, und sie würde sich am liebsten das Korsett aufreißen. Das himmelblaue Seidenkleid, in das sie sich heute gezwängt hatte, müsste eigentlich um ein paar Inches geweitet werden, aber der Schneider hatte im Moment keinen passenden Stoff. Der Reifrock darunter konnte von alleine stehen, so salzverkrustet von getrocknetem Schweiß war er. Sie hasste ihren Körper, weil er ihr eine Last war und ihr das Einzige verweigert hatte, was man sich als Frau wünschen durfte: Kinder.
Für einen Moment blitzte eine Erinnerung an eine andere Küste auf. Die harschen Winter, die kühlen Sommer. Das aufgewühlte Meer, das sich donnernd an die Klippen warf. Die Luft salzig und frisch, die Wiesen so grün. Muscheln am Strand, manchmal ein Stück Holz, das aussah wie von einem Schiff, dem auch der Leuchtturm nicht mehr helfen konnte.
»Mylady?«
Sie schreckte hoch.
»Danke. Ja. Kurz vorm Mittagsläuten.«
Er verbeugte sich und verließ den Raum. Sie betrachtete den Eimer aus schwerem Eisen und den Holzdeckel. Von außen sah er sauber aus, aber um nichts in der Welt würde sie sich von seinem Inneren überzeugen. Sie wog ab, ob er ihr Gewicht tragen könnte. Dann setzte sie sich vorsichtig und streifte sich mit einem leisen Ächzen die Pantoffeln von den geschwollenen Füßen.
Suzanna Lawes. Sitzt in der Latrine des Courts von Spanish Town, nur um einen Blick auf diese beiden Weibsbilder zu werfen. Sie sollte aufstehen und gehen, aber sie hatte das Gefühl, dafür ihre letzten Kraftreserven zu verbrauchen.
Dieses Leben brachte sie noch um. Davon redete keiner, wenn es um die Kolonien ging. Die feuchte Luft, die jede Frisur ruinierte. Das Ungeziefer überall. Die Unmöglichkeit, ein gesittetes Haus zu führen auf einer Insel, die im Rum ertrank.
Und die Angst.
Von der redete erst recht keiner. Dass sich immer mehr entflohene Sklaven in den Bergen sammelten. Dass Stimmen lauter wurden, die den Menschenhandel verurteilten. Dass die Grausamkeiten, die einige wenige an so vielen verübten, vielleicht doch nicht gottgewollt waren. Dass sie sich, in so gewaltiger Überzahl, eines Tages rächen und das unendliche Grauen vergelten würden, das man ihnen antat …
Die düsteren Gedanken zerstoben, als laute Befehle und wütende Schreie an ihre Ohren drangen. Das Klirren von Ketten über dem Steinfußboden ließ ihr trotz der Hitze einen Schauer den Rücken hinunterrinnen.
Die Tür nebenan wurde aufgerissen. Suzanna presste sich sitzend mit dem Rücken an die Wand und wagte kaum zu atmen.
»Ihr elenden Hunde! Nehmt uns wenigstens die Ketten ab!«
Die Stimme der einen klang dunkel und rau. Die der anderen war klarer und heller.
»Sir, sie scheuern fast bis auf die Knochen. Gebt uns etwas Rum, um die Wunde zu waschen.«
»Ihr habt es ja bald hinter euch«, war die grausame Antwort des Offiziers. »Morgen früh um fünf seid ihr die Ketten los.«
»Dann habt ihr nur einen Strick um den Hals!« Hohntriefendes Lachen begleitete diese Zukunftsaussicht.
Offenbar fanden sich mittlerweile wesentlich mehr Männer in dem Gang zusammen, als es zum Wegsperren dieser beiden Ungeheuer gebraucht hätte.
»Zeig uns mal, was du Rackam gezeigt hast!«
»Was er kann, können wir auch!«
»Wen hatte er denn immer zuerst? Dich? Oder dich?«
Der Satz war kaum ausgesprochen, da folgte ein von Kettenklirren und wüsten Flüchen begleitetes Aufheulen. Offenbar hatte einer der Männer es gewagt, den beiden zu nahe zu kommen. Suzanna schlug die Hand auf den Mund, um nicht vor Entsetzen aufzuschreien.
»Lass sie!«, schrie jemand. »Das sind Furien! Sollen sie in der Hölle verrecken!«
Der Rückzug erfolgte wütend und schnell. Die Tür wurde zugeschlagen und verriegelt. Dann war es still. Nur die Ketten schleiften klirrend über den Boden. Eine der beiden lief unentwegt auf und ab.
Niemand sagte ein Wort.
Suzanna verfluchte ihren Wunsch, der sie in diese unsägliche Situation gebracht hatte. Hoffentlich wurden sie bald hinaus in den Gerichtssaal geführt.
Als die Frau mit der hellen Stimme plötzlich etwas sagte, zuckte sie zusammen.
»Hast du ihn gesehen? Er war draußen.«
»Oliver? Ich weiß nicht. Die Sonne hat mich geblendet.«
»Er hat gesagt, er würde kommen. Er hat es versprochen.«
»Anne!« Die dunkle Stimme wurde wütend. »Es ist vorbei. Verstehst du es immer noch nicht? Jack ist tot. Und uns werden sie hängen. Kein Versprechen gilt da mehr.«
»Es ist ja nicht für mich.«
Ein verächtliches Schnauben war die Antwort. »Das fällt dir aber früh ein. Wie zum Teufel soll der Junge denn jetzt zu dir kommen? Das hättest du viel eher regeln sollen. Jetzt ist es zu spät.«
»Vielleicht der Reverend? Da soll doch einer auftauchen, im Morgengrauen. Bevor es an den Galgen geht. Vielleicht kann ich den Reverend fragen.«
»Ein Pfaffe?« Die mit der dunklen Stimme spuckte geräuschvoll aus. »Der steckt die Perle seiner Jungfrau Maria in den Arsch. Aber vorher steckt er dir noch ganz was anderes ganz woandershin!«
Suzanna riss die Augen auf. Solche gotteslästerlichen Dinge hatte sie ihr gesamtes Leben noch nicht gehört.
»Ich muss sie Oliver geben. Er ist der Einzige, der weiß, wo sie ist. Er wird sie finden und ein Auge auf sie haben.«
Ein Auge auf was? Die Perle der Jungfrau Maria? Suzanna konnte sich keinen Reim darauf machen, was die Frau mit der helleren Stimme meinte. Aber da brachte die andere etwas Licht ins Dunkel.
»Ach Anne. Keiner wird dir helfen. Nimm deinen Schatz mit ins Grab oder kauf dafür zwei Flaschen Rum, dann sind wir morgen früh wenigstens betrunken. Deine Kleine wird es überleben. Besser so, als wenn sie weiß, wer ihre Eltern waren.«
»Aber das Gold geht zu Ende, das wir für sie dagelassen haben. Und du weißt, was mit Kindern passiert, für die keiner sorgt. Sie ist ein Mädchen. Sie ist unschuldig. Sie ist …«
»Der Bastard von Jack Rackam und Anne Bonny, ausgesetzt auf Kuba bei wildfremden Leuten, denen ihr ein paar Pieces of Eight3 zugesteckt habt. Erzähl mir nicht, dass es dich irgendwie interessiert hätte! Dir war es wichtig, mit deinem Heartie weiterzumachen, als gäbe es kein Morgen.«
»Und du?«, fauchte die Frau zurück, die Anne Bonny war. »Ich habe dich auch nicht gerade klagen gehört!«
»Ich und mein Mann sind von euch gezwungen worden, auf eurem Schiff zu dienen und mitzufahren.«
»Gezwungen? Ja? Ist es das, was du denen da drinnen gleich erzählen wirst?«
»Und auch wenn sie meinen Mann hängen«, fuhr die Frau, die Mary Read war, ungerührt fort. »Mit mir werden sie das morgen nicht machen.«
Das darauffolgende Schweigen hielt Suzanna mindestens so gefangen wie das, was sie gerade gehört hatte. Anne Bonny hatte ein Kind, das sie und ihr Piratenliebhaber auf Kuba gelassen hatten. Und nun kam die Reue, und es war keiner mehr da, der ihr half.
Der diesem Kind half.
Suzannas Hand wanderte hinunter auf ihren Bauch, der sich groß und schwer unter den Röcken wölbte. Ein unnützer Bauch. Ein leerer Bauch. Einer, der nie eine Last hatte tragen müssen.
»Du bist schwanger?«, fragte Anne leise.
Die Ketten klirrten. Vielleicht setzte sie sich neben Mary, vielleicht ging sie auch auf Abstand.
»Nun, ich kann es wenigstens behaupten. Und wenn du schlau bist, machst du das Gleiche. Das bringt uns noch ein paar Wochen. Und vielleicht schafft es Oliver in dieser Zeit, zu dir zu kommen, und du kannst deine Sache regeln.«
Nein, dachte Suzanna. Das schafft noch nicht mal die Jungfrau Maria mit einer Perle im … Ihre Augen weiteten sich, und ein leiser Hauch des Entsetzens flüchtete über ihre Lippen. So etwas hatte sie noch nie in ihrem Leben gedacht. Das musste der Einfluss dieser beiden Weiber sein, die sich einfach über alles stellten, was heilig und unantastbar war. Sie wollte ihr Gewicht verlagern, weil ihr linkes Bein gerade einschlief. Das leise Geräusch, das der Eimer auf dem Ziegelboden machte, war kaum wahrnehmbar. Aber die beiden Frauen nebenan hörten es.
»Wer ist da?«
Die Ketten klirrten wieder. Anne sprang auf.
»Wer zum Teufel belauscht uns? Hallo? Zeig dich!«
Die Angst ließ Suzannas Herz fast explodieren. Weniger die, von den beiden Verlorenen nebenan entdeckt zu werden, sondern die, wenn man sie hier finden und zum Gespött der Leute machen würde.
»Komm raus und zeig dich!«
Suzanna versuchte, nicht zu atmen, aber das würde sie nicht lange durchhalten. Scham und Schande über sie. Ganz Jamaica würde sich ausschütten vor Lachen, wenn herauskäme, dass die Frau des Ex-Gouverneurs zum Lauschen in der Latrine hockte. Sie könnte sagen, ein Bedürfnis habe sie übermannt. Ja. Das wäre die Lösung.
Sie stand auf, und der Eimer kippte um. Der Deckel rollte holpernd ein paar Schritte weiter.
»Wer ist da? Jeez! Was hast du gehört?« Und dann: »Mary! Stell dich nicht so an!«
Die Ketten klirrten, jemand stöhnte auf, und dann erschien ein Kopf oben in der kleinen vergitterten Öffnung. Ein Kopf mit roten Haaren, vor Verblüffung aufgerissenen Augen und einem Mund, der sich zu einem spöttischen Grinsen in die Breite zog.
»Ein Goldfasan. Prall, rund, behängt von oben bis unten. Genau das, was wir geschossen, gerupft und gebraten haben.«
Suzanna starrte schreckensbleich zu Anne Bonny hinauf, diese junge Frau von zweiundzwanzig Jahren, die sich sogar noch im Angesicht ihres Todes fast vor Lachen ausschüttete.
»Wer bist du? Was hast du hier zu suchen?«
»Ich …« Suzanna wischte sich ihre durchgeschwitzten Handschuhe an ihrem Seidenrock ab. »Ich wollte … ich musste. Aber dann, meine Damen, ich wünsche Euch …« Einen guten Tag? Das konnte man wohl schlecht jemandem wünschen, der nur noch diesen einen hatte.
Jemand auf der anderen Seite stöhnte. Das musste Mary Read sein, auf deren Schultern Anne Bonny gerade stand.
»So wie du ausstaffiert bist, werden sie dich kennen. Das wird die Runde machen.«
»Nein!« Suzanna, schon fast an der Tür, drehte sich hastig um. »Bitte nicht. Und ich habe auch nichts gehört. Gar nichts.«
Die hellen Augen der Frau verengten sich zu schmalen Schlitzen. Obwohl sie in Ketten lag und Gitter und Wände sie trennten, ging immer noch eine Gefahr von ihr aus, die Suzannas Herz jagen ließ.
»Wir sind nicht allein, Heartie.«
Der Kampf, die Ketten, das Leben, das diese Frau geführt haben musste, hatten Spuren in ihrem schmalen Gesicht hinterlassen. Tiefbraun gebrannt von der Sonne, zu eingefallen, um nicht den Hunger zu kennen, und gezeichnet von einer lauernden Wachsamkeit, die das Morden als Geschäft wohl mit sich brachte. Die Hände, die das Gitter umklammerten, waren kräftig und sehnig. Blut klebte an ihnen. Viel Blut.
Trotzdem war noch etwas von dem zu ahnen, was einmal ihre Anziehungskraft ausgemacht haben musste und was die Worte, die sie jetzt sprach, glaubhaft wirken ließ.
»Es gibt noch Männer da draußen, die mir was schulden. Vielleicht dir die Kehle durchzuschneiden?«
Suzannas Hand fuhr hoch und legte sich an ihren Hals. Anne Bonny warf den Kopf zurück und stieß ein raues, spöttisches Lachen aus.
»Sie macht sich in die Hosen!«, rief sie nach unten.
»Von mir aus. Komm runter! Du bist mir zu schwer!«
»Also? Was hast du gehört?«
Der Blick der Frau, bis jetzt voller Verachtung, veränderte sich für einen kurzen Moment. Und in dem erkannte Suzanna, dass sie diejenige war, die gehen konnte und diese beiden da nicht. Sie hatten nicht mehr viele Schritte. Ein paar rein in den Saal, hinter den Barren, ein paar raus, und dann die Stufen zum Galgen. Selbst wenn sie heute auf schwanger plädierten, das konnte man nicht ewig vortäuschen. Sie gehörten dem Tod. Es war eine unumstößliche Gewissheit. Doch sie löste etwas ganz anderes als Erleichterung in Suzanna aus: eine Welle unendlichen Bedauerns. Dass zwei junge Leben durch eigene Schuld so verschwendet wurden. Dass ihres, Suzannas, so viel lebenswerter gewesen wäre, wenn sie nur einen Tag so frei hätte sein können wie diese Piratinnen.
»Ich werde nichts sagen.« Sie war erstaunt, wie fest ihre Stimme klang, obwohl sie leise sprach. »Mir tut das Kind leid. Gebt mir, was Ihr habt, und ich werde es an diesen Jungen weiterleiten, wenn Ihr ihm vertraut.«
Hohn und Spott kehrten in Anne Bonnys Gesicht zurück. Sie sah wieder nach unten.
»Hast du das gehört? Für wie dumm hält uns diese alte Vettel eigentlich?«
Es war nicht die Beleidigung, die Suzanna plötzlich blinzeln ließ. Da hatte sie hinter ihrem Rücken schon ganz anderes Getuschel gehört. Es war die Verachtung in dieser hellen Stimme, in der nichts von Reue oder Angst zu hören war. Sie fragte sich, ob sie wirklich nur aus Neugier und Sensationslust gekommen war. Oder ob es da nicht noch etwas anderes gegeben hatte, dem sie jetzt, in dieser Latrine und unter dem spöttischen Blick einer der verworfensten Gestalten des christlichen Abendlands, nicht auf den Grund gehen wollte.
Sie kehrte in die Mitte des winzigen Raums zurück.
»Ihr werdet bis zu Eurer Hinrichtung niemand anderen sehen als die Soldaten, die Euch bewachen. Man wird Euch nach Port Royal schaffen und in die Kellerverliese von Fort Charles sperren, in denen Ihr noch nicht einmal aufrecht stehen könnt. Ihr werdet das Sonnenlicht erst wieder am Tag Eurer Hinrichtung sehen. Vielleicht könnt Ihr noch einen Blick auf die Leichen Eurer Kumpane werfen, die sie raus auf die Keys schaffen und da hängen lassen, aber Ihr habt keine Chance, diesem Oliver noch etwas zu geben.«
Anne Bonny presste die schmalen Lippen zusammen. Mit einem Mal sah sie aus wie ein trotziges Kind. All die Geschichten, die über sie im Umlauf waren, fielen Suzanna wieder ein. Ein ungebärdiges Mädchen, das schon mit sieben auf die Dienstboten losgegangen war. Ein Verehrer, den sie fast totgeprügelt hatte. Die Ehe mit einem Loser aus Charleston, James Bonny, der sein Glück auf den Bahamas machen wollte. Und dann, in Nassau, die schicksalhafte Begegnung mit Jack Rackam, der für sie buchstäblich alles über Bord geworfen hatte, was sogar Piraten heilig war. Dagegen war Mary Read fast ein unbeschriebenes Blatt. Gut möglich, dass man ihr glauben würde, wenn sie nur eindringlich genug darlegte, wie sie an Bord von Rackams Schaluppe gezwungen worden war.
»Jeez!«, fluchte es von unten. »Bist du bald fertig?«
Das Gesicht verschwand, begleitet vom leichtfüßigen Aufprall zweier Füße, die allerdings in Ketten gelegt waren.
Was dann folgte, war ein unverständliches Flüstern, Rascheln, Kettenklirren. Kopfschüttelnd ging Suzanna zu ihren Pantoffeln und schlüpfte wieder hinein. Sie konnte kaum fassen, was sie gerade gesagt hatte. Sie war doch nicht etwa im Begriff, dieser Frau anzubieten, ihr Kind zu retten? Das, das sie auf Kuba zurückgelassen hatte und für das sie irgendetwas zur Seite gelegt haben musste?
»Anne!« Der unterdrückte Ruf von Mary klang ungläubig und wütend. »Du glaubst ihr doch nicht etwa? Sie wird damit verschwinden!«
»Warum sollte sie? Sie ist reich.«
»Ja und? Traue niemand. Nur dem Teufel. Deine Worte, Anne! Was tust du?«
Erneut ein Rascheln und Keuchen.
»Jeez!«, rief Mary. »Du bist verrückt!«
Das wilde Gesicht erschien wieder im Fenster.
»He, Frau. Wer bist du?«
»Ich bin Suzanna Lawes. Lady Suzanna Lawes. Gattin des Esquires und obersten Richters.«
»Ah. Nun.« Eine Faust kam zum Vorschein, fest geschlossen um etwas, das Anne Bonny irgendwo verdammt gut verborgen haben musste. »Du findest Oliver Morrison aus Aberdeen. Hast du das verstanden?«
»Oliver Morrison aus Aberdeen. Ja.«
Aus der Zelle kam abermals wütender Protest. »Du bringst ihn an den Galgen! Sie wird ihn verraten!«
Anne Bonnys helle Augen musterten Suzanna, als wollten sie ihr auf den Grund ihrer Seele blicken.
»Ich werde ihn finden, und ich werde ihn nicht verraten.«
»Du gibst ihm das hier.« Anne hob die Faust. »Er soll meine Tochter holen und sie gut unterbringen. Er soll für sie sorgen und ihr später einen guten Mann aussuchen. Es soll ihr an nichts fehlen. Hast du verstanden?«
Das war eine ziemliche Verpflichtung, die diesem Oliver aufgebürdet wurde. Und ihr, nebenbei gesagt, auch. Wie um Himmels willen sollte Anne Bonny noch so viel Gold haben, um das bezahlen zu können?
Aber Suzanna nickte und trat so nahe unter das Fenster, dass sie auffangen konnte, was auch immer Anne Bonny ihr anvertrauen würde.
Die Faust öffnete sich. Etwas fiel heraus, direkt in Suzannas hochgereckte Hände. Als sie sah, was sie gefangen hatte, stolperte sie vor Schreck und Überraschung zwei Schritte zurück.
»Du elendes, verblödetes Miststück!«, brüllte Mary Read.
»Ich verspreche es«, sagte Suzanna.
In ihren Händen lag die größte, schönste Perle, die sie je gesehen hatte. Ein unvorstellbarer Schatz, vollkommen und würdig, die Krone eines Herrschers zu schmücken. Damit würde das Kind in einem Schloss leben können wie eine Prinzessin. Sie ahnte, dass diese Perle irgendetwas mit Rackams Überfällen auf die spanische Silberflotte zu tun hatte, aber sie konnte sich nicht mehr an die genauen Umstände erinnern. Sie wusste nur, dass Anne Bonny ihr gerade das Leben eines Kindes anvertraut hatte.
Das verdammt gute, sorgenfreie Leben.
Ihre Hand schloss sich. Sie würde diesen Schatz bis aufs Blut verteidigen und Oliver Morrison aus Aberdeen finden. Das schwor sie sich, und wenn Suzanna eines wusste, dann das: dass sie diesen Schwur halten würde.
Sie wollte den Raum verlassen, aber da hielt sie der Ruf von Anne Bonny zurück.
»Hey, Rumkugel.«
Die Beleidigung schoss ihr wie eine Ladung glühendes Blei ins Herz. Sie drehte sich noch einmal um und wollte gerade wütend den Mund öffnen, da sah sie das Grinsen von Anne Bonny, das gar nicht mehr so selbstsicher war.
»Cá as duit?«4
Suzanna, die ihr halbes Leben daran gearbeitet hatte, ihr Englisch zu perfektionieren, und die andere Hälfte daran, die Antwort auf diese Frage aus ihrer Erinnerung zu löschen, holte tief Luft.
»Ó Lower Lispatrick.«
Hatte sie gerade auf Irisch geantwortet? In genau dem harten, verwaschenen Dialekt, der den Leuten von Kinsale eigen war?
Anne Bonny nickte. »Dachte ich’s mir. Du bist eine von Scabhat An Óir. Wir sind aus dem Osten von Old Head. Ballymackean. Hätte ich ein Schiff, Heartie, dann wärst du mit an Bord.«
Die Bleikugel schmolz zu einem Geschoss der kurzen, wilden Freude. Das Blut stieg ihr ins Gesicht und ließ ihre Wangen glühen. Das war das Netteste, was sie seit Jahren, ach, seit Jahrzehnten gehört hatte. Sie, die Frau des Gouverneurs. In einer Latrine, von einer Piratin. Die sich jetzt mit einem angedeuteten Salut von ihr verabschiedete. Sie lächelte zurück und wusste nicht, dass es zum gleichen frechen Grinsen wurde, das Anne Bonny ihr zum Abschied schenkte.
Der Kopf hinter dem Gitter verschwand.
»Halt!«
Der Rotschopf tauchte noch einmal auf.
»Wie heißt Eure Tochter?«
Anne Bonny öffnete den Mund – und schloss ihn wieder. Für einen Moment glaubte Suzanna, dass das Mädchen vielleicht noch nicht einmal einen Namen bekommen hatte. Doch dann sagte sie:
»Pearl. Ihr Name ist Pearl.«
1 Ein Freeman ist ein ehemaliger Sklave, der sich freigekauft hat.
2 In den Original-Gerichtsakten wird Jack Rackam ohne »h« geschrieben. Irgendwann hat es sich eingeschlichen. Ich habe die einzig verbürgte Schreibweise übernommen.
3 Währung in den Kolonien. Acht Pieces of Eight entsprachen ungefähr einem spanischen Dollar.
4 Irisch: Wo kommst du her?
Siebzehn Jahre später
Man sollte niemals die Fenster offen stehen lassen. Erst recht nicht am Sonntag. Und schon gar nicht, wenn die Glocken der Kathedrale von St. James zum Gottesdienst riefen. Dann nämlich konnte es passieren, dass keiner in dem großen weißen Haus in der Broad Street von Spanish Town, das mit den prächtigen Säulen am Eingang, mitbekam, was sich gerade auf seiner Rückseite abspielte. Wie jemand im Hinterhof geschickt und fast lautlos auf das Dach des Hühnerstalls kletterte, sich an der Fassade hinaufhangelte und im ersten Stock auf den Fenstersims kletterte.
Hauchzarte Vorhänge aus Musselin bauschten sich in der sanften Brise, die vormittags die Hitze über der Stadt erträglich machte. Zwei nackte Füße schwangen sich auf die spiegelblank gewienerten Holzdielen, eine Hand schob den Stoff zur Seite. Pearl, auf ihren Touren wie üblich in Hemd und Hose, den Strohhut zusammengerollt in den Strick um ihre Taille geschoben, lauschte in die Stille zwischen den Glockenschlägen und sah sich um.
Verdammt. Hatte Hoxie ihr nicht gesagt, dass sich hinter diesem Fenster das Schlafzimmer der Dorans befinden würde? Stattdessen stand sie in einem Raum, halb Bibliothek, halb Schreibzimmer, in dem es schwierig sein dürfte, etwas zum Stehlen zu finden. Zumindest etwas, das sie aus diesem Fenster schaffen könnte, ohne aufzufallen. Die Bilder an den Wänden waren es jedenfalls nicht. Porträts von langweiligen Leuten, Ansichten von langweiligen Landschaften und Ölgemälde von langweiligen Schiffen.
Von der Decke hing ein runder Eisenleuchter. Der könnte einiges bringen, aber er war groß wie ein Wagenrad. Neben dem Schreibtisch stand eine Weltkugel, die sie mit beiden Armen nicht umfassen konnte. Die geschmiedeten Kandelaber in der Ecke bei den Sesseln hatten vermutlich das Gewicht einer Kanonenkugel. Vor Pearls wanderndem Blick offenbarte sich nichts, was man einfach so einstecken könnte.
Die Bücher … Sie lief leise auf das erste Regal zu und nahm die in Leder gebundenen Folianten ins Visier. Die auch nicht. Zu viele Buchstaben. Vielleicht der Schreibtisch. Da lag bestimmt eine Taschenuhr oder eine mit Juwelen besetzte Lupe, ein silberner Brieföffner … Aber die erste Schublade war eine herbe Enttäuschung. Papier, Stifte, Federn und ein paar Tintenflaschen. Siegellack und ein Petschaft aus Messing. Sie wog ihn kurz in der Hand. Das Ding war nichts wert. Ein paar nette Ornamente, noch nicht einmal einen Edelstein hatte der Geizkragen einsetzen lassen.
Master Stevens, Silberschmied und Steinschneider in der Kingston Road, würde sie auslachen, wenn sie damit ankäme.
Aber Lemuel nicht.
Den schreckten auch nicht die neusten Proklamationen. Dass Dieben, Fälschern und Betrügern über den Verlust ihrer Nasen und Ohren hinaus auch noch Kettenstrafen drohten. Er würde schon einen Abnehmer für den Siegelstock finden. Sie steckte das Ding in den kleinen Beutel, der an ihrem Strick baumelte.
Die zweite Schublade war vollgestopft mit Briefen, Karten, Einladungen und anderem Papierkram. Sie schob sie ärgerlich wieder zu.
Das protzige Tintenfass samt Federhalter war zu unhandlich und zudem auch noch mit den Initialen des Besitzers versehen: C. D. Christopher Doran. Vizegouverneur, Plantagenbesitzer, Sklavenhalter. Mitsamt seinem Hofstaat residierte er wie alle wohlhabenden Familien in Spanish Town. Die Stadt, von den Spaniern noch St. Jago de la Vega getauft, hatte sich nach dem Untergang Port Royals zum neuen Zentrum der Insel aufgeschwungen. Die Damen fanden hier Zerstreuung, die Herren widmeten sich der Politik und den Geschäften. Zweifellos ohne beides korrekt voneinander zu trennen.
Dann also das Schlafzimmer. Irgendwo musste Mrs Doran ihre Juwelen ja aufbewahren. Sie würde sie wohl kaum im Tintenfass ihres Gatten unterbringen. Leise schlich Pearl zur Tür, öffnete sie einen Spalt – und fuhr zurück. Stimmen näherten sich. Zwei Männer kamen in ihr Gespräch vertieft die Treppe hinauf. Lautlos schloss sie die Tür und sah sich um nach einem Versteck, aber es gab nichts in diesem Raum, das ihr Schutz geboten hätte.
Sollten nicht alle in der Kirche sein? Konnten ehrliche Diebe in dieser gottlosen Stadt noch nicht mal mehr am heiligen Sonntag ungestört arbeiten? Sie huschte zum Fenster, kletterte auf den Sims und erschrak. Direkt unter ihr, im Schatten des Hühnerstalls, standen zwei Lobster5. Rotröcke. Beide bewaffnet mit einer Brown Bess-Muskete. Ein Blick nach oben, und sie müssten noch nicht einmal zielen, um sie zu erwischen.
Dann war es also hoher Besuch, dem Doran gerade die Tür zur Bibliothek öffnete.
»Nach Ihnen, Gouverneur.«
Sehr hoher Besuch.
Der Sims ragte an beiden Seiten nur zwei Handbreit über die Fensteröffnung hinaus. Sie presste sich, so eng es ging, an die Laibung und versuchte, mit der Hauswand zu verschmelzen. Wenn auch nur ein Passant da unten seine Nasenspitze um ein, zwei Inches hob, würde er sie entdecken.
»Ihr versteht, wir müssen die Dinge in absoluter Diskretion vorantreiben.« Dorans nasale Stimme zerschnitt die Stille zwischen den letzten Glockenschlägen. Pearl verzog das Gesicht und kniff die Augen zusammen, wie immer, wenn plötzliches Unheil drohte. Der Mann kam nämlich näher zum Fenster, blieb aber glücklicherweise kurz davor stehen. Wenn sie sich richtig erinnerte, dann befand sich an dieser Stelle ein runder Holztisch mit einer ganzen Batterie Flaschen.
Tatsächlich war ein leises Klirren zu hören. Die Herren genehmigten sich einfach mal am Sonntagmorgen einen Rum. Das war nicht ungewöhnlich, aber Doran war eigentlich dafür bekannt, Alkohol als achten Reiter der Apokalypse zu geißeln.
»Für mich nicht.« Das war die tiefe, dröhnende Stimme von Gouverneur John Gregory, dem ungekrönten, aber allmächtigen König von Jamaica. Kein Wunder, dass er hier mit seiner Leibgarde auftauchte. »Wir müssen einen klaren Kopf behalten. Mein Vorgänger hat diese Maroons schalten und walten lassen. Ich werde mit aller Härte gegen sie vorgehen.«
Er kam aus einer der reichsten Familien der Insel und war auch noch oberster Richter, Kanzler, Oberbefehlshaber der Streitkräfte und Präsident des Oberhauses. Nicht etwa nacheinander, sondern gleichzeitig.
»Und währenddessen lässt uns die Krone am ausgestreckten Arm verhungern. Aber gleichzeitig will England Zucker, Zucker und noch mal Zucker.«
Pearl schluckte. Das waren die üblichen, markigen Worte, die er auch vor Kurzem zu seiner Amtseinführung auf dem King’s Place von sich gegeben hatte. Es war die einzige Gelegenheit, bei der sie ihn zu Gesicht bekommen hatte. Seine Wutrede war gespickt gewesen mit Verwünschungen, die er an die Feinde der britischen Krone richtete, zu denen er die Aufständischen in den Bergen ebenso zählte wie Diebesbanden zu Wasser und zu Lande, Moskitos, faule Sklaven, die Hitze und die Spanier, gegen die der Groll tief und unauslöschlich in den Herzen saß.
»Sie dürfen auf unsere Schiffe. Sie dürfen uns kontrollieren und gängeln. Sie beschlagnahmen unsere Sklaven! Und was dürfen wir? Nichts!«
Allein das darauffolgende Pfeifkonzert, bei dem die Männer die Hände reckten, zu Fäusten geballt, hatten Hoxie und Pearl zwei Tabakbeutel, eine halbe Guinee und einen verbogenen Löffel beschert.
Und dann war er zum Höhepunkt der Wutrede gekommen.
»Re! For! Men!« Ihr dröhnte noch in den Ohren, wie er dieses Wort ausgesprochen hatte. »Reformen! Abschaffung der Sklaverei? Wollen die, dass unsere Kinder verhungern?«
Bei den Buhrufen war es etwas schwieriger, an die Taschen und Beutel zu kommen. Trotzdem war es ein guter Tag gewesen, denn sie und Hoxie hatten reiche Beute gemacht, und Lemuel hatte ihr sogar erlaubt, den verbogenen Löffel zu behalten.
Die Herren genehmigten sich ein Wasser aus der Karaffe und traten ein paar Schritte zurück.
»Aber es gibt eine Möglichkeit, dass wir König George auf unsere Seite ziehen.«
»Lasst hören.«
»In vier Wochen bricht ein spanischer Konvoi vom Spanish Main6 Richtung Florida auf. Von dort aus geht es weiter nach Cádiz.«
»Und was haben sie geladen?«
»Bonnys Curse.«
Pearl hielt den Atem an. Doran erwähnte eine Legende. Ein Märchen. Ein Gerücht. Es sollte eine Perle geben, die alle anderen in den Schatten stellte. Und natürlich behaftet mit einem Fluch, der den jeweiligen Besitzer Kopf, Kragen und noch einiges andere kostete. Angeblich sollte sie im Besitz von Jack Rackam gewesen sein, der sie seiner Geliebten geschenkt hatte. Und die sollte sie am Tag ihrer Festnahme verflucht haben.
Abgesehen davon, dass man bei einem Gefecht auf Leben und Tod wenig Zeit findet, Flüche über Perlen zu legen, hatte sie auch nie jemand zu Gesicht bekommen. Bonnys Curse, also: Bonnys Fluch, geisterte nur noch durch den Sprachschatz, wenn jemand beim Fremdgehen erwischt worden war.
Krudes Zeug, mit dem man sich die Abende in der Regenzeit verkürzte.
Diese Perle gab es nicht, hatte es nie gegeben und würde auch nie gefunden werden. Von was zum Teufel redete Doran?
Sie hörte ein leises, leierndes Quietschen. Doran hatte die Weltkugel bewegt und zeigte seinem Gast vermutlich gerade die Route.
»Seht Ihr, Sir? Um von Portobelo über Kuba nach Florida zu kommen, muss der Konvoi westlich an uns vorbei.«
»Hm.« Das Räuspern des Gouverneurs klang skeptisch. »Was wollt Ihr damit andeuten? Dass wir einen spanischen Konvoi angreifen sollen?«
»Nicht wir. Nein. Wir lassen gewissermaßen angreifen.«
»Von wem? Und warum überhaupt?«
Doran goss Öl über seine Stimmbänder, sodass die Worte fast schon trieften. »Ich verstehe Eure Bedenken. Sie dürften um einiges gemildert werden, wenn diese Perle nicht an einem Bourbonenhals baumelt, sondern die Krone von George II. ziert.«
»Das allerdings würde eine weitere Eskalation des Konflikts rechtfertigen.«
»Mein Plan sieht vor, die Royal Navy zunächst im Hintergrund agieren zu lassen und den ersten Angriff jemandem zu überlassen, den wir anschließend getrost den Behörden ausliefern können. Zwei Fliegen mit einer Klappe sozusagen.«
»Wen schlagt Ihr vor?«
»Oliver Morrison. Er treibt immer noch sein Unwesen. Aber ich weiß, dass er die Fühler ausstreckt in Richtung Begnadigung. Wir könnten ihm für diese Sache einen Kaperbrief ausstellen.«
»Verzeiht. Aber wir sind gerade einmal nicht im Krieg mit Spanien. Wenn wir wieder mit dem Kapern anfangen, könnte sich das schneller ändern, als uns lieb ist.«
»Sir, erlaubt mir die Bemerkung: Solche Briefe können durchaus im Eifer des Gefechts verschwinden.«
»Ihr meint …«
»Ich meine, dass wir Morrison von der Leine lassen sollten, und wenn er die Perle an uns übergeben hat, versenken wir sein Schiff und mit ihm den Kaperbrief. Zwei Fliegen, eine Klappe.«
Pearl atmete so flach wie möglich, auch wenn ihr Herzschlag gerade verrücktspielte. Was sie gerade hörte, war Hochverrat an dem Mann, der ihr Leben gerettet hatte. Oliver Morrison.
Glas klirrte. Doran schenkte sich noch einmal ein.
»Und dann werdet Ihr geadelt, Sir, und ich kann nach England zurück. Meine Frau liegt mir seit Jahren damit in den Ohren. Meine Tochter soll in London debütieren, nicht in Kingston.«
»Habt Ihr die Sache mit dem Kadetten, nun, regeln können?«, fragte der Gouverneur.
»Ja. Er wird versetzt, nach Passage Fort. Das Kind muss hier weg. Die Kolonien sind kein guter Ort für eine junge Dame.«
Pearl verlagerte ihr Gewicht etwas von einem Fuß auf den anderen. Lange würde sie es nicht mehr auf dem Fenstersims aushalten, aber sie wollte unbedingt wissen, was es mit dem spanischen Konvoi auf sich hatte. Informationen waren wertvoll. Vor allem in Port Royal, wo Lemuel sie mit ähnlichem Gewinn verkaufte wie gefälschte Goldmünzen.
»Was war das?«
Die Schritte kehrten zurück zum Fenster. Der Vorhang wurde zur Seite gezerrt. Pearl wandte entsetzt den Kopf und starrte direkt in das Gesicht des Gouverneurs, und es war kein schöner Anblick. Aus den buschigen Augenbrauen ragten einzelne graue Haare hervor wie Schweineborsten. Anders als bei seiner Rede vor Publikum trug er keine Perücke. Die dünnen Haare klebten an einem kantigen Schädel, fast viereckig wie sein Gesicht, das von einem getrimmten Backenbart umzäunt wurde. Den ziemlich kleinen Mund konnte er erstaunlich weit aufreißen.
»Hundsfott! Was treibst du da!«
Er packte Pearl am Hemd, die sich augenblicklich losriss und den Schwung mitnahm, um aufs Dach des Hühnerstalls zu springen. Das gab unter dem Aufprall nach, und das Letzte, was sie von den beiden Lobstern sah, war, wie sie erschrocken vor dem zurückwichen, was da gerade von oben herunterfiel und krachend ins Dach des Hühnerstalls einschlug.
Holzsplitter jagten sich in ihre Arme und Beine, als sie zusammen mit einigen Brettern auf dem strohbedeckten Boden aufkam und abrollte. Die Hühner, die sich vor der Hitze des Vormittags ins Dunkel des Stalls zurückgezogen hatten, flatterten kreischend auf. Rufe erschollen. Der Gouverneur: »Haltet den Dieb!« Die Lobster: »Rechts rum! Nein, links!«
Sie rannte durch die Türöffnung direkt in die Arme eines jungen Gardisten, der mindestens so schockiert war wie sie. Ein Kadett, ein Baby-Lobster. Nicht viel älter als sie, mit Sonnenbrand auf der Nase, dunklen Locken und einem wachen Blick, der in einem Sekundenbruchteil die Lage einschätzte.
»Ich hab ihn!«, rief er und packte sie an den Schultern.
Dann musste er gespürt haben, dass etwas nicht stimmte. Überrascht lockerte er seinen Griff. Pearl kannte diese Reaktion.
»Ihn hast du ganz sicher nicht.«
Sie holte aus und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige, die ihn zwei Schritte zurücktaumeln ließ. Die Hand an der Wange sah er so übertölpelt aus, dass sie um ein Haar laut gelacht hätte. Sie sah noch seinen Blick, der ihr folgte, und sie bildete sich ein, dass er sich ein anerkennendes Grinsen verkneifen musste.
Umflattert von aufgeregten Hühnern rannte sie los, erreichte das Tor und schlug sich nach rechts zum Ufer des Rio Cobre, der aus Spanish Town hinausführte. Dorthin, wo die armseligen Hütten von denen standen, die sich kein Haus leisten konnten oder nach einem langen, harten Tag keine Unterkunft mehr fanden und sich unter den Bäumen zusammenrollten.
Sie hörte Rufe und Pfiffe hinter sich. Wenn ihr nicht jemand den Weg abschnitt, würden die Rotröcke in ihren schweren Uniformen und den unhandlichen Gewehren keine Chance haben. Ihr kamen nur wenige Menschen entgegen, und diese wenigen hatten genug auf ihren Schultern und an ihrem Leben zu tragen, als dass sie sich einem flüchtenden Jungen in den Weg gestellt hätten.
Sie gelangte zur Old Harbour Street, einer Buckelpiste durch den schlecht gerodeten Urwald Richtung Westen, und durfte auf einen Karren aufspringen, mit dem ein Köhler seine Fracht Richtung Kingston fuhr. Sie bezahlte ihn mit einem Dutzend kleiner Saatperlen, die sie zusammen mit ungefähr dreitausend weiteren vom Kleid einer Lady abgetrennt hatte, das auf verschlungenen Pfaden in Lemuels groben Hehlerhänden gelandet war. Es hatte sie ein paar Nächte Arbeit gekostet, aber der Lohn war, dass sie eines der kleinen Säckchen voll schimmernder, winziger Perlen behalten durfte, von denen sie von Zeit zu Zeit ein paar einsetzte. Um ihr Leben zu retten. Jetzt, beispielsweise.
Glücklicherweise redete der Mann auch nicht viel, was vielleicht daran lag, dass Pearl ihren Strohhut mit den ausgefransten Rändern wieder aufgesetzt und tief ins Gesicht gezogen hatte. Er hielt sie für einen Jungen. Wäre es anders, hätte er vielleicht Fragen gestellt. Erst nach dem Woher und Wohin, dann, wieso eine junge Frau barfuß, schmutzig und in abgerissenen Hosen unterwegs war, wo sie doch in einem ehrbaren Haus arbeiten oder um diese Zeit im Gottesdienst sitzen sollte. Dann kam das Misstrauen, die Fragen wurden fordernder, die Blicke auch, und das angenehme Dahinzuckeln müsste sie mit einem beherzten Sprung ins Dickicht beenden.
So ließ er sie in Ruhe. Bald senkte sich eine willkommene Schläfrigkeit auf ihr Haupt, die den Hunger etwas dämpfte. Der kurze Schrecken der Flucht fiel von ihr ab, Atem und Herzschlag beruhigten sich. Doch ein unangenehmes Gefühl in der Magengrube blieb.
Der Baby-Lobster hatte sie erkannt. Natürlich würde er Doran und dem Gouverneur sofort erzählen, wen sie auf frischer Tat ertappt hatten. Ein Mädchen. Eine Irin oder Engländerin, eindeutig an den rötlich-braunen Haaren mit den ausgebleichten Spitzen zu erkennen. Irgendwas zwischen fünfzehn und zwanzig, und sehr gefährlich. Halb verwildert, wahrscheinlich hatte sie sich den Maroons angeschlossen, die ja jeden aufnahmen, der eine Waffe halten konnte. Der Gouverneur würde schon das Messer an seiner Kehle gespürt haben, und Doran hätte wieder einen Grund, einen Trupp Soldaten in die Berge zu schicken, um »aufzuräumen«. Allesamt Baby-Lobster, jung und unerfahren. Nur wenige würden zurückkehren.
Wahrscheinlich wäre auch der Junge darunter, der so perplex war, dass ihn eine Ohrfeige besiegt hatte. Auch wenn es keine Strafexpedition geben würde, ihr Entkommen würde Folgen für ihn haben.
Sie schloss die Augen und schickte einen Seufzer in die Baumkronen über ihr, durch die eine matte, dunstige Sonne blinzelte. Er hatte gewusst, auf was er sich einließ. Oder? Jeder, der zu den Rotröcken ging, wusste doch, was ihn erwartete. Er konnte froh sein, dass er an Land diente. Der Dienst auf den Kriegsschiffen war mörderisch.
Als sie im Hafen von Kingston vom Wagen des Köhlers sprang, sah sie weiter entfernt Richtung Passage Fort zwischen den Masten der Handelsfregatten und Dogger auch drei Men-of-War7 liegen. Ein Konvoi war eingetroffen, voll mit Leinen, Wolle, Eisenwaren, Teppichen und Getreide, die die Lager am Hafen füllten. In wenigen Tagen würde er auf den Weg zurück in See stechen, begleitet von den schwer bewaffneten Fregatten der Royal Navy. Deshalb herrschte auch, Sonntag hin oder her, dasselbe unübersichtliche Treiben wie immer, bevor sich das halbe Dutzend behäbige Handelsschiffe den Bauch mit Zucker, Indigo und Ingwer vollgeschlagen hatte.
Unter den Kolonnaden stapelten sich Säcke mit Mehl und Kaffee, die abgewogen und auf Ochsenkarren verteilt wurden. Schildkrötenpanzer, Eisentöpfe und Körbe, zu Gebinden von je sechs, zwölf oder vierundzwanzig Stück, lagen zu abenteuerlichen Haufen aufeinandergeschichtet. Kisten wurden zugenagelt oder fluchend geöffnet, Ausrufer versuchten, etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. Zollbeamte inspizierten die Güter, die Kapitäne ließen es ruhig oder mit zeternden Kommentaren geschehen. In den Kellern lagerten Butter, Schinken, Käse und Madeirawein – Luxuswaren, die bis nach Hispaniola ausgeliefert wurden. Pfannen, Zinngeschirr, Kellen, Siebe, Töpfe, zusammengehalten durch Stricke, lagen aufeinander oder hingen von den niedrigen Decken. Ein paar Meter weiter warteten Schneider mit Elle und Schere auf Kundschaft, um Stoff von gewaltigen Ballen abzuschneiden. Es gab Seitengänge, in denen ein Goldhändler neben dem anderen seine Kostbarkeiten bewachte. Perlen, Smaragde, Türkise, Amethyste, silberne Tafelaufsätze funkelten im Licht der Bienenwachskerzen, die mit ihrem noblen Duft betuchte Käufer anziehen sollten.
Pearl wich geschickt allen Hindernissen und Dockarbeitern aus, sprang behände über die Hindernisse, die überall im Weg herumstanden und -lagen, wich den Aufsehern aus, die brüllend und Peitsche schwingend das Stauen bewachten, klaute sich einen Krapfen aus dem Korb einer Frau, die zu dick war, um wirklich Hunger zu leiden, und entdeckte endlich Hoxie in einem Fischerboot mit gerefften Segeln, der ihr aufgeregt zuwinkte.
»Und?«, fragte der Junge, als sie zu ihm an Bord geklettert war. »Wie ist es gelaufen?«
Sie gab ihm eine Kopfnuss, die er mit einem Fauchen quittierte.
»Ich war nicht im Schlafzimmer, sondern in seinem Contor. Hast du keine Augen im Kopf?«
»Woher soll ich das wissen?«, konterte er mit seiner hellen Stimme. »Ich war nicht in seinem Bett!«
»Und sie haben mich fast erwischt.«
Der Fischer, ein Freeman, saß vorne im Boot und rauchte seine Pfeife. Sie kletterte über das Netz auf dem Boden zu ihm.
»Port Royal?«
»Zwei Bits.«
Das war noch nicht einmal ein Drittel Cent. Eigentlich ein fairer Preis für die Überfahrt, wenn man sie besessen hätte.
»Ich hab kein Geld.«
Der Mann zuckte mit den Schultern. Er rauchte eine Tonpfeife mit langem, dünnem Hals, die er von einem in den anderen Mundwinkel schob, wobei es ihm gelang, ein »Dann runter vom Dogger« durch seine verbliebenen Zähne zu quetschen.
»Sechs Perlen?«, fragte sie und versuchte ein gewinnendes Lächeln.
Ein Funken glomm in seinen Augen auf. »Zeig.«
Sie griff in ihren Beutel und kam mit der exakten Anzahl der winzigen Kügelchen wieder heraus. Enttäuscht blies der Fischer den Rauch aus.
»Hast du gedacht, es wären Conches?«, fragte sie.
Die zartrosa schimmernden, kostbarsten Perlen der Welt, selten, aber immer mal wieder zu finden in den Gewässern Jamaicas. Sie hatte selbst danach getaucht, es aber bald wieder aufgegeben. Das Ringen mit den Gezeiten, die Tiefen, in die sie vordringen musste, und die vielen Fehlschläge waren das eine. Das andere war: Sie hatte zu viele weinende Mütter gesehen, die am Ufer standen und nach ihren Kindern schrien, die das Meer nicht mehr zurückgegeben hatte.
Sie verzog den Mund zu einem bedauernden Lächeln.
»Für sechs Conches komme ich nach England.«
Er nahm die Pfeife heraus. »Für sechs Conches würde ich dich sogar nach England rudern.«
Er streckte seine Hand aus, und sie legte die winzigen Saatperlen hinein.
»Hisst das Segel.«
Pearl balancierte zurück zu Hoxie, und gemeinsam brachten sie das Boot sicher aus dem Hafen von Kingston heraus. Die Fahrt dauerte nicht lange, aber jedes Mal, wenn Pearl den Weg übers Wasser nahm, hatte sie ein ungutes Gefühl im Bauch. In der Mitte der Bucht, auf dem Grund des Meeres, lagen die Ruinen von Port Royal, der untergegangenen Stadt. Zwanzigtausend Menschen, so hieß es, hatten dort ihr nasses Grab gefunden. Vom einstigen Glanz Port Royals waren nur noch die Schatten geblieben.
Und in diesen Schatten lebten sie. Ein paar Straßen hatte die Katastrophe verschont, aber dort, wo die halb verfallenden Gebäude schließlich in Mauerbrocken und Geröll übergingen, hausten Diebe, Halsabschneider und Betrüger. Auch ein paar Mörder waren darunter, aber solange Pearl unter Lemuels Schutz stand, hatte sie nichts zu befürchten. Als sie ungefähr die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatten, bekreuzigte sie sich und warf ein paar der kleinen Perlen ins Wasser.
»Was machst du da?«, fragte Hoxie.
