5,99 €
Wonnemonat Mai Ein strahlender Tag, die Sonne gab ihr bestes für ihre Hochzeit. Hundert Gäste, die nach der Trauung in der Jakobikirche zum Mittagessen in den Lönskrug eingeladen waren. Ein Traum von einem weißen Kleid, in edler Spitze. Die Blumenkinder, einfach nur himmlisch. Dieser besondere Tag konnte nur der glücklichste ihres Lebens werden. Plötzlich wurde ihr schlecht, der Magen krampfte, sie sank zu Boden. Der Bräutigam stand hilflos daneben und sah sich flehend um. Endlich hatte der Empfangssekt seine Wirkung gezeigt und der Organist spielte wie bestellt das Lied „Er gehört zu mir“ von Marianne Rosenberg. Danach wurde es totenstill, nicht nur in diesem Kürzestkrimi von Sabine Schymosch. Die Krimis in diesem Band begleiten die Täter an den Eixer See, in die Peiner Innenstadt, nach Vöhrum und an die Fuhse, bis es totenstill wird. Wenn dann die Kommissare gerufen werden, spüren sie die Verzweiflung der Opfer und setzen alles daran, den eiskalten Mördern das Handwerk zu legen. 29 kürzere und längere Krimis von Peiner Autoren
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 312
Veröffentlichungsjahr: 2018
Sabine Hartmann (Hg.)
Peine
eiskalt & totenstill
Hottenstein Buchverlag
An der Höhe 15
D-31079 Sibbesse
Tel. +49 5065 - 1781
Fax +49 5065 - 1824
www.hottenstein.de
ISBN 978-3-935928-89-2
1. Auflage
Bearbeitung und Satz: Martin Hartmann und Andreas Hartmann
Umschlaggestaltung: Martin Hartmann
Umschlaggrafik: Gaby Jensch
SW-Grafik: Carmen Klär (Hanne + Lore)
https://openclipart.org/detail/1231/owl-in-tree
Fachliche Beratung: Dr. Manfred Lukaschewski
Auf Schritt und Tritt. 4
Osterfeuer am Eixer See. 7
Der Inschenör. 13
Schuldig. 14
Fahrerflucht. 29
Lonely Hearts oder Einsame Herzen. 30
Verspannungen. 47
Jeder hat eine Leiche im Keller. 51
Kurz-Schluss. 62
Alt sein / Aktenzeichen 2018/220955. 63
Biathlon. 64
Jungfrau in Nöten. 66
Königsberger Klopse. 68
Der letzte Gast oderPeiner Ansichten. 72
So ein lieber Weihnachtsmann!. 75
Die Schleuse. 76
Sommernachtstraum.. 77
Am Pavillon. 78
Überraschung!. 79
Das Brautkleid. 85
Die besondere Zutat. 86
Wartezeit. 87
Schulpflicht. 89
Frisch geföhnt. 92
Zahltag. 93
Zahltag - Auflösung. 94
Fröhliche Weihnachten. 95
SoKo Zuckerfrei96
Gebranntes Kind scheut das Feuer. 106
Steckbriefe der Autorinnen und Autoren. 107
Es war kurz nach 19.00 Uhr als Susanne Adam ihr Haus in der Oststadt, in der Gutenbergstraße, aufschloss. Sie hängte ihre Jacke und ihre Businesstasche an die Garderobe, entnahm das Handy, streifte ihre Pumps von den Füßen, die Armbanduhr landete auf dem Küchentisch.
Ihr Weg führte sie zum Kühlschrank, sie öffnete ihn und holte eine Flasche Weißwein heraus. Zu faul, ein entsprechendes Glas dafür zu holen, nahm sie ein Wasserglas aus dem Schrank, füllte die kalte Flüssigkeit hinein und trank genüsslich den Rebensaft. Erfrischend lief ihr das Getränk die Kehle hinunter.
Das Personalgespräch, das sie heute in der Bank geführt hatte, war nicht so verlaufen wie geplant. Es hatte sie sehr mitgenommen und es ging ihr einfach nicht aus dem Kopf.
„So Susanne, jetzt tu was für dich“, sprach sie mit sich selber und zog ihren Sportdress und die Laufschuhe an. Schnell noch den Hausschlüssel einpacken und dann lief sie Richtung Schwanenteich, um auf andere Gedanken zu kommen.
Ein Gefühl des Verfolgt Werdens ließ sie kurz stoppen, sie drehte sich um, sah aber kein bekanntes Gesicht und lief weiter.
„Ich werde noch verrückt!“, dachte sie.
Sie nahm sich vor, einmal um den See zu joggen, begegnete einigen Fahrradfahrern und Spaziergängern, die mit ihren Hunden dort unterwegs waren.
Nachdem sie die erste Runde hinter sich hatte, entschied sie sich spontan noch eine zweite Tour zu drehen.
Ausgepowert und frei im Kopf kam sie nach einer Stunde wieder zu Hause an.
Nach der wohltuenden Dusche goss sie sich noch ein Gläschen Wein ein. Zufrieden mit sich selbst, griff sie zu ihrem Handy und wählte die Nummer ihrer Freundin.
„Seifert“, hörte sie die Stimme von Dana.
„Hallo, ich bin es, Susanne. Hast du morgen Zeit auf einen Cappuccino?“
„Oh, gern, meine Liebe. Hast du Urlaub?“
„Nein, morgen bummele ich meine Überstunden ab. Kannst du gegen 14.00 Uhr?“
„Ja, das klappt. Wie immer beim Italiener auf dem Marktplatz?“
„Sehr gern. Ich muss dir was erzählen, also bis morgen.“
Nach dem Telefonat schaltete sie den Fernseher an und sah kurz die Nachrichtensendung auf dem zweiten Programm. Irgendwann schlief sie vor dem Bildschirm ein, als ein Geräusch sie plötzlich weckte. Susanne brauchte einige Sekunden, um zu realisieren, dass ihr Handy klingelte. Auf dem Display erkannte sie die Nummer ihres Mannes Lars Adam. Beide hatten sich vor Monaten getrennt und er war freiwillig aus dem renovierten Reihenhaus ausgezogen.
Aber er kam mit der neuen Situation nicht klar.
Sie wollte jetzt nicht mit ihm reden und drückte den Anruf weg. In der Vergangenheit führten die Gespräche ins Uferlose oder es kam zum Streit.
Susanne ging ins Bad und freute sich auf die restliche Nacht in ihrem Bett, als plötzlich das Telefon erneut klingelte.
„Oh, nein nicht schon wieder!“, sagte sie zu sich selber und stellte ihr Handy komplett aus.
Die Nacht war nicht erholsam. Unruhig wälzte sie sich von der einen zur anderen Seite und wachte schweißgebadet nach einem bösen Traum auf. Sie lag lange wach und beschloss, um 7.30 Uhr aufzustehen.
Der Blick in den Spiegel erschreckte sie. Nach der ersten Tasse Kaffee fühlte sie sich ein wenig besser und sie freute sich auf ein Wiedersehen mit ihrer Freundin Dana. Bis dahin war noch Zeit, die Wohnung zu putzen, auch damit sie auf andere Gedanken kommen konnte.
Pünktlich um 14.00 Uhr traf sie am Marktplatz ein und ergatterte einen freien Tisch vor dem Eiscafé. Dana und Susanne hatten sich vor zehn Jahren in einem Sportstudio in der Werderstraße kennengelernt. Sie fanden sich sofort sympathisch, trafen einander des Öfteren und merkten schnell, dass sie gut in vielen Dingen harmonierten.
Die Unterschiede der beiden konnten größer nicht sein:
Susanne, noch verheiratet, kinderlos, Hausbesitzerin und Karrierefrau.
Dana, verheiratet, zwei Kinder, wohnte mit der Familie in einer Mietwohnung der Salzgitter Wohnbau AG. Sie hatte bewusst auf ihren Job als Reiseverkehrskauffrau verzichtet, um sich um die Kinder zu kümmern.
Die Freundschaft lebten die beiden nach dem Motto:
„Es kommt nicht darauf an, dass die Freunde zusammenkommen, sondern darauf, dass sie übereinstimmen.
Einige Minuten später erreichte auch Dana das Café.
Sie begrüßten sich: Küsschen rechts, Küsschen links. „Schön, dass wir uns mal wieder treffen. Hast du Ärger bei der Arbeit? Du siehst heute ganz schrecklich aus! Susanne, was ist los?“, eröffnete Dana das Gespräch.
Nachdem sie sich beide einen Cappuccino bestellt hatten, begann Susanne zu berichten: „Bei der Arbeit ist alles okay, naja fast alles. Probleme habe ich eher im privaten Bereich. Ich bin heute mit dem Auto hergefahren. Das stand sonst immer im Carport, weil ich mit dem Rad zum Bahnhof fahre. Und stell dir vor, es ist zerkratzt, das sieht aus, als ob jemand mit einem Geldstück an der Seite entlang gegangen ist. Lars ruft mich ständig an, auch zu unmöglichen Zeiten, und will mit mir reden. Das macht mich fertig. Es gibt nichts mehr zu besprechen. Es ist alles gesagt.
Letzte Woche fand ich vor meiner Haustür einen Strauß Blumen, Kornblumen und Mohn, meine Lieblingsblumen ohne Absender. Das kann doch nur Lars gewesen sein. Ein anderes Mal waren es Süßigkeiten, die ich im Briefkasten vorgefunden habe.
Als ich vor drei Wochen von einem Seminar in Schwerin zurückgekommen bin, hat mich am späten Abend meine Nachbarin angesprochen. Sie findet es sehr schade findet, dass ich umziehe. Ich habe zuerst die Botschaft nicht verstanden. Aber irgendwann war mir klar, wer dahinter steckt.
In der Eichendorff Apotheke, hat man mir herzlich zur Schwangerschaft gratuliert.
Ich glaube auch, sein Auto in der Nähe unseres Hauses gesehen zu haben. Und nicht nur einmal. Ich glaube, er beobachtet mich.
Mir wird das alles zu viel. Ich kann bald nicht mehr. Was kann ich tun, Dana?“
Susanne holte aus ihrer Handtasche eine Packung Zigaretten, nahm sich eine heraus und zündete sie an.
„So weit, ist es schon gekommen. Ich rauche wieder“, erklärte Susanne ihr Verhalten.
„Starker Tobak, meine Liebe. Das ist Stalking in Reinkultur. Ruft Lars auch bei dir in der Bank an?“
„Natürlich, aber ich erkenne seine Nummer und nehme das Gespräch gar nicht erst an.“
„Willst du ein paar Tage zu uns ziehen? Wir könnten die Kinder in einem Zimmer schlafen lassen?“
„Nein, auf gar keinen Fall. Erstens bringe ich euren Tagesrhythmus total durcheinander und zweitens gleicht das einer Flucht. Es muss eine andere Lösung her.“
Dana schaltete ihr Smartphone an und googelte. Nach wenigen Sekunden hatte sie gefunden, was ihr vorschwebte. „Hier, für dich quasi als Schutz und Pfefferspray als zusätzliche Waffe. Das gibt dir Sicherheit. Aber ich rate dir auch die Polizei einzuschalten, schon wegen der Lackkratzer am Auto. Fahr doch gleich mal vorbei, um dich zu informieren. Du wohnst ja nicht weit entfernt vom Polizeigebäude.“
Susanne studierte das Angebot, sah ihre Freundin Dana an und nickte zustimmend.
„Gute Idee, das werde ich mir bestellen.“
Auf der Polizeistation in der Schäferstraße hörte sich der Beamte interessiert ihre Schilderung an. Da keine Beweise für die Sachbeschädigung vorlagen, wurde lediglich eine Anzeige gegen Unbekannt aufgenommen.
In der angeblichen Verfolgungsgeschichte sollte Susanne eine Art Tagebuch über die Vorkommnisse führen, so der Rat der Polizei.
Recht unzufrieden mit der Maßnahme der Polizei erreichet sie ihren Carport und stellte ihren Wagen ab.
Vor ihrer Haustür stand Lars.
„Da bist du ja endlich, ich warte schon vierzig Minuten auf dich!“
„Wir waren nicht verabredet, was willst du?“
„Nochmals mit dir reden. Darf ich mit reinkommen?“
Susanne sah ihren Mann an, sie merkte wie wütend sie wurde und schrie aus vollem Hals: „Es gibt nichts mehr zu besprechen! Lass mich in Ruhe! Geh mir aus den Augen! Und hör endlich auf, mich zu verfolgen und anzurufen. Es ist Schluss!“
Sie schloss ihre Haustür auf und verschwand schnell in ihrem Haus.
Glücklicherweise hatte sie schon vor Monaten die Schlösser auswechseln lassen.
Ihre Handtasche flog auf den Boden, ihre Jacke ebenfalls, schnell eine Zigarette anstecken und ja, ein Glas Wein zur Beruhigung. „Ich werde noch zur Alkoholikerin, wenn das so weiter geht“, dachte sie sich.
Und dann passierte etwas, was so gar nicht zu der taffen, selbstbewussten Susanne passte: Sie heulte, sie schluchzte, die Tränen flossen an ihren Wangen herab. Es vergingen Minuten, sie kam nicht zur Ruhe und plötzlich klingelte ihr Handy.
„Schon wieder Lars!“ Sie schmiss wütend das Telefon gegen die Wand.
Als sie am Montagmorgen in der Bank eintraf und ihren Computer startete, um die Mails, die während ihrer Abwesenheit eingegangen waren, zu checken, fiel ihr sofort eine Benachrichtigung ihres Vorgesetzten auf. Er bat um ein Gespräch um 10.00 Uhr.
Was wollte er? Sollte sich die Kollegin, mit der sie in der letzten Woche das Personalgespräch geführt hatte, beschwert haben?
Mit einem unguten Gefühl traf sie pünktlich bei ihrem Chef ein.
„Guten Morgen, Frau Adam. Schön, dass es mit unserem Termin geklappt hat, weniger schön ist der Anlass“, begann er das Gespräch und bot ihr einen Sitzplatz an.
Er holte aus seiner Wiedervorlagemappe einen Brief, den er an Susanne weitergab.
„Was soll das?“
Susanne nahm den Zettel und las die wenigen Zeilen: „Hiermit kündige ich zum nächstmöglichen Termin. Mit freundlichen Grüßen Susanne Adam.“
Ihr Gesicht wurde erst blass, dann rot. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.
Ein leises Wimmern kam aus ihrem Mund. „Den Brief habe ich nicht verfasst“.
„Umso besser“, lautet die knappe Antwort ihres Vorgesetzten.
„Nehmen Sie sich heute frei oder auch die ganze Woche, gehen Sie zum Arzt, lassen sich krankschreiben und klären Sie das Problem. Ich brauche Sie hier in einem gesunden Zustand. Auf Wiedersehen und alles erdenklich Gute für Sie, Frau Adam“, beendete er das Gespräch und erhob sich von seinem Stuhl.
Vollkommen niedergeschlagen ging sie wie in Trance zu ihrem Arbeitsplatz und fuhr ihren Computer herunter und verschloss ihren Schreibtisch.
Sie nahm Jacke und Handtasche und verließ das Gebäude, um mit dem Zug nach Peine zu fahren.
Dass Lars so weit gehen würde, hätte sie nie für möglich gehalten. Eine unglaubliche Dreistigkeit, die ihr da widerfahren war.
In Peine angekommen, ging sie zu Fuß nach Hause, ihr Fahrrad ließ sie am Bahnhof zurück. Frische Luft und der Gang würden ihr guttun.
Sie schloss ihre Haustür auf und ging ins Wohnzimmer. Dort im Sessel saß Lars und sah sie grinsend an.
„Wenn du schon die Schlösser auswechselst, solltest du auch an alle Schlösser denken. Die Kellertür hast du vergessen, meine Liebe.“
„Du Miststück, du Fiesling“, schrie Susanne wütend. „Warum tust du mir das an?“
Lars grinste weiter und Susanne wurde noch wütender, sie griff in ihre Handtasche, holte den Tacticalpen heraus und stach mit dem spitzen Stahlkopf des Kugelschreibers auf Lars ein. Auf die Nase, auf die Stirn, auf die Wangen, dicht am Auge vorbei. Mit einem kräftigen Schlag traf sie eine Stelle am Hals. Lars schrie, hielt sich die Hände vors Gesicht, versuchte sich zu wehren, aber sie konnte nicht aufhören. Mit einer unglaublichen Kraft traf ihre Hand mit der Waffe immer wieder auf die Nase, auf die Stirn, Blut lief aus vielen Stellen. Irgendwann wurde es still, sehr still. Kein Ton, kein Schrei mehr von Lars.
Susanne hatte ihren Mann getötet.
Sie stand blutverschmiert auf und wählte 110.
Am Dienstag, den 18. April 2017 klingelte um 8:00 Uhr morgens der Notruf 110. Kommissarin Carmen Nolte nahm ab: „Hier Kommissarin Nolte, Polizei Peine!“
„Hallo, hier spricht Anne Recke, ich bin auf dem Parkplatz am Eixer See. Hier steht ein ausgebranntes Auto. Kommen Sie doch bitte und sehen sich das an!“ „Hm, okay, danke für den Anruf!“ Kommissarin Nolte gab die Information weiter und schickte die beiden diensthabenden Kollegen mit dem Streifenwagen los. Die Polizisten Hein und Franke fanden auch tatsächlich ganz am hinteren Ende des Parkplatzes am Eixer See, fast ein bisschen versteckt, ein ausgebranntes Auto, sogar einige Äste und Zweige daneben waren angekohlt. Auf dem Platz, etwa zehn Meter vor dem Wrack, stand eine blasse Frau, die Anruferin Anne Recke, mit ihren Walkingstöcken. Sie durfte sich für eine Zeugenbefragung in den Peterwagen setzen.
Der verbrannte Wagen besaß keine Nummernschilder. Der Polizist Hein ging näher an das Fahrzeug heran: „Sieht aus wie ein Golf.“ Er sah genauer hin und wich plötzlich abrupt zurück: „Du, Franke, da sitzt noch jemand drin! Ruf schnell im Kommissariat an. Hier muss die Spurensicherung dran. Ich sperr` schon mal den Tatort ab.“
Kommissarin Nolte erschien fast zeitgleich mit den Mitarbeitern der Spurensicherung. Diese sicherten alle möglichen Hinweise und nahmen die Brandleiche in einem Leichenwagen mit zur Gerichtsmedizin. Das Umfeld des Brandes wurde nach möglichen persönlichen Fundstücken abgesucht. Dann konnte das Auto per Abschleppwagen transportiert werden.
Erst danach kümmerte die Kommissarin sich um die Zeugin Anne Recke, die immer noch brav im Wagen saß und sich inzwischen wieder etwas beruhigt hatte.
„Frau Recke, können Sie uns ein paar Fragen beantworten?“
„Ja.“
„Was tun Sie hier schon so früh?“
„Oh, ich bin fast jede Woche einmal hier zum Walken, eigentlich sonntags, aber heute habe ich noch frei. Ich parke auf dem vorderen Platz und mache eine Runde über die anderen Plätze, bevor ich um den See laufe. So war es auch heute. Da sah ich das Auto. Es stand letzte Woche Sonntag noch nicht hier. Ist es wahr, dass ein Mensch darin verbrannt ist?“
Nolte erwiderte: „Es sieht so aus. Ist Ihnen sonst noch etwas oder jemand aufgefallen?“
„Nein, hier war sonst keiner“, antwortete Frau Recke.
Carmen Nolte sagte: „Gut, können Sie selbst nach Haus fahren? Ja? Und melden Sie sich bitte morgen im Laufe des Tages im Revier zur Unterzeichnung des Protokolls?“
„Ja, okay. Auf Wiedersehen.“
Anne Recke fuhr nach Hause, Carmen Nolte ins Revier.
Die Streifenpolizisten Hein und Franke saßen anschließend im Auto.
Hein fragte: „Was ist das für eine Geschichte? Warum hat keiner das Feuer gesehen?“
Franke antwortete: „Natürlich nicht, vielleicht hat der Wagen ja Samstag oder Sonntag gebrannt. Da waren doch überall Osterfeuer. Und ein Feuer mehr oder weniger fällt dann gar nicht auf!“
Hein sagte: „Das hat ja jemand gut abgepasst.“
Auf dem Weg zum Revier holten sich die beiden, es war inzwischen Mittag, ein paar Happen bei McDonalds‘. Sie aßen im Wagen und rätselten über den neuen Fall. Sie erinnerten sich daran, dass es schon einmal ein ausgebranntes Auto am Eixer See gegeben hatte, allerdings mit einer Leiche im Kofferraum. Ob es eine Verbindung zu diesem Fall gab?
Zurück im Kommissariat wussten die anderen Kollegen schon etwas mehr. Der ausgebrannte Wagen konnte anhand der Fahrgestellnummer einer hiesigen Verleihfirma zugeordnet werden.
Oberkommissar Meier kam hinzu. „Gut, dass Sie alle wieder hier sind. Von der Gerichtsmedizin ist erst morgen mehr zu erfahren. Heute ist noch einiges zu tun: Es muss noch einer zur Autofirma und zwei Kollegen an den See, um dort alle Passanten, Fußgänger, Radfahrer und Pkws anzuhalten und nach möglichen Auffälligkeiten der letzten Tage zu befragen. Wir tragen dann morgen früh um 8:30 Uhr alles zusammen.“
Am Mittwoch, den 19. April gab es schon ein paar Ergebnisse. Die Leiche war vor der Verbrennung an den Fahrersitz gefesselt worden.
Zusätzlich hatte man dem Opfer, dessen Identität bislang unbekannt war, das Gesicht mit Säure übergossen.
In der Autoverleihfirma fand man den Brandwagen nicht in den Unterlagen. Der für die letzten Eintragungen verantwortliche Mitarbeiter hielt sich mit seiner Familie im Urlaub an der Ostsee auf. Er wurde aber so schnell wie möglich zurückgerufen, um eine Erklärung abgeben zu können.
Am Nachmittag konnte der Urlauber, ein Herr Wolle, dann befragt werden. Kommissarin Nolte fuhr in die Firma. Es stellte sich heraus, dass es für den Brandwagen keine schriftlichen Verleihbelege gab. Auf einmal fiel Herrn Wolle wieder ein, dass ein paar Tage vor Ostern ein ehemaliger Schulkamerad um Hilfe bzw. um ein Auto gebeten hatte. Wolle habe ihm dann schließlich, um ihn erst einmal loszuwerden, den ohnehin schon ramponierten Golf mitgegeben, der nicht mehr offiziell zu verleihen gewesen wäre. Wie denn der Bekannte heißen würde, wollte Nolte nun aber endlich wissen.
„Das war der Uwe Eck, der kürzlich aus dem Gefängnis entlassen wurde. Er hat so gebettelt, dass ich nicht anders konnte, als ihm die alte Schleuder für ein paar Tage zu überlassen. Was ist denn passiert?“, wollte Wolle wissen.
Kommissarin Nolte erweiterte sein Wissen, indem sie kurz erklärte, warum er den Kumpel und die Schleuder jetzt los wäre. Er müsse sich aber für weitere Fragen zur Verfügung halten.
Am Mittwoch, den 19. April gegen Abend im Kommissariat, kurz vor Dienstende, gab es eine kurze Teamsitzung.
Die Zusammenfassung der Fragen und Fakten sah folgendermaßen aus:
Der Tote ist möglicherweise Uwe Eck. Seine letzte Tat wegen schwerer Körperverletzung an seiner damaligen Partnerin Carina Schulz verschaffte ihm einen längeren Aufenthalt in der Haftanstalt
Der Golf stammt von der Firma Seitz. Dort gibt es einen merkwürdigen Bekannten von Eck namens Wolle
Die Säure auf der Brandleiche deutet auf die frühere Tat von Eck hin
Vor der Haftanstalt lungerten kurz vor der Entlassung zwei Kerle herum, sollten die auf Eck gewartet haben?
Sollte sein ehemaliges Opfer, Carina Schulz, befragt werden oder ihr mit im Haus lebender Bruder Carl?
Die Tatzeit war etwa Ostersonntagabend
Haben ehemalige Kumpel die Tat begangen und sollte die Säure nur von ihnen ablenken?
Haben Carina Schulz und/oder Freunde/Verwandte etwas mit der Tat zu tun?
Die Recherche des Umfeldes der einzelnen Personen ergab Folgendes:
Uwe Eck (36) und Carina Schulz (31)
Er war ein Einzelkind geschiedener Eltern, lebte früher mit seiner Mutter in einer Telgter Mietwohnung. Der Vater war schon bald nach der Scheidung nicht mehr auffindbar. Die Mutter ging zeitweise anschaffen. Weil sie ihren Sohn trotz allem zur Schule schickte und angemessen versorgte, wurde Uwe bei ihr gelassen. Er schaffte trotz einiger Schulversäumnisse sogar das Abitur. Durch den früheren recht guten Kontakt zum Jugendamt und von einigen Sozialarbeitern inspiriert, studierte Uwe Sozialpädagogik in Braunschweig und erreichte ganz knapp seinen Abschluss. Nach dem Studium arbeitete er zeitweise in Braunschweig, Hildesheim, Hannover und Peine. Er hielt es nie lange an einer Stelle aus, lebte mal bei Freunden oder später im Karstadt-Hochhaus, wo er vor sieben Jahren auch Carina Schulz kennen lernte.
In seinen arbeitslosen Zeiten jobbte er oder bediente in einigen Peiner Kneipen. Mädchen hielten es nie lange bei Uwe aus, obwohl er eigentlich recht gut aussah. Er war ihnen zu grob, unsensibel und zu egoistisch. Carina versuchte, ihn zu verstehen und gab ihm ein paar Wochen lang Halt. Als ihr jedoch die Beziehung zu eng, besitzergreifend und bestimmend von Uwes Seite erschien, beendete sie das Drama und blieb wieder allein in ihrer Wohnung, die sie nie ganz mit Uwe geteilt hatte. Hinzu kam, dass Uwe auch ständig Geld von ihr wollte. Er ging inzwischen auch spielen, da er wieder mal ohne Arbeit war. Zusätzlich hatte er von Carina erwartet, nach Dienstschluss die Kasse noch mit zusätzlichen Tätigkeiten, wie die seiner Mutter, aufzubessern.
Später wohnte Carina Schulz (31) bei ihrem Bruder Carl in der Schäferstraße in Peine. Das Haus der verstorbenen Eltern war hübsch zurechtgemacht, der Garten ordentlich gepflegt. Es gab verschiedene Sitzecken am Haus, am Gartenhäuschen und die andere hinten an der Hecke. Carina war gelernte Pharmazeutisch technische Assistentin und hatte erst vor kurzem wieder angefangen zu arbeiten. Aber nur hinten im Labor der Löwen- Apotheke.
Sie hatte mehrere Gesichtsoperationen und Hautverpflanzungen nötig gehabt. Ihr Ex-Partner Uwe Eck verätzte ihr vor sechs Jahren das Gesicht mit Säure. Damit fehlten ihr der Mut und das nötige Selbstvertrauen, um sich vorne in der Apotheke den Kunden zu zeigen. Carina hatte furchtbare Angst vor Uwes Haftentlassung. Dieser hatte ihr immer wieder Briefe und Karten aus der Vollzugsanstalt geschickt. Die ersten handelten von Versöhnung, Neuanfang, Heirat und Kindern als wäre nichts geschehen. Die folgenden Briefe warf Carina einfach ungelesen fort. Sie hatte immer noch seine Worte im Ohr: „Du gehörst für immer zu mir!“, bevor er ihr Gesicht verätzte. Sie wollte ihn nie, nie wiedersehen noch irgendetwas von ihm lesen oder hören. Nach dem schrecklichen Übergriff hatte sie Hilfe von ihrem Bruder Carl, um ihre Wohnung aufzugeben. Sie zog zurück ins Elternhaus, in dem Carl bis dahin allein lebte.
Carl Schulz, Carinas jüngerer Bruder (28)
Er hatte KFZ-Mechaniker gelernt, war aber nach einiger Zeit zu VW in Braunschweig als Bandarbeiter gewechselt. Als sportlicher Mann war er im Fußballverein, hatte früher selbst gespielt, war auch als Ersatztrainer für die Kleinen dabei. Im Spielmannzug spielte er die große Trommel.
Er war gesellig im Freundeskreis, aber auch ein stiller Büchernarr nach dem Motto: Gute Bücher kauft man sich oder geht ins Krimistübchen, alle anderen kann man in der Bücherei ausleihen.
Des Weiteren war Carl handwerklich begabt, konnte am und im Haus vieles selbst verbessern. Die verschiedenen Sitzgruppen im Garten entstanden unter seinen Händen.
Er hatte Freude an den geschaffenen Werken und man konnte ihn nach getaner Arbeit gemütlich mit einem Buch im Garten sitzen sehen.
Mit Carina hatte Carl sich schon immer gut verstanden, nachdem die kindlichen Machtkämpfe ausgefochten waren.
Seit der schrecklichen Tat fühlte er sich wieder stärker für seine Schwester verantwortlich, was die gute Beziehung noch inniger machte.
Mit ihrem Ex Uwe hatte er nie recht etwas anfangen können. Der war ihm schlicht zu faul und zu undiszipliniert.
Carl hatte auch hin und wieder Freundinnen, aber für eine feste Beziehung oder Ehe hatte es nie gereicht.
Kalle und Ewald
Sie waren zwei Spiel- und Knastkumpel von Uwe Eck. Da Uwe aber sein Abitur erreicht hatte, fühlte er sich ihnen intellektuell überlegen und versuchte oft, auch mit viel Erfolg, sie zu betrügen. Er redete sich immer wieder gekonnt heraus, was Kalle und Ewald richtig sauer machte. Sie konnten ihm leider aber nie exakt etwas beweisen. So war einfach mal das Geld der beiden weg, Taschen leer. Oder Uwe lieh sich etwas und behauptete später gekonnt, alles längst zurückgezahlt zu haben. Nun war Uwe längere Zeit auf Urlaub, und Kalle und Ewald hatten mal richtig Zeit, alles zusammen- und aufzurechnen, was ihr Kumpel ihnen schuldig war. Es kam ein hübsches Sümmchen zusammen. Jetzt hieß es nur noch abzuwarten, bis Uwe entlassen wurde, um dann richtig und gemeinsam mit ihm abzurechnen. Bald hätte der Eck seine Zeit abgesessen, etwa Anfang 2017. Vielleicht sollten sie schon mal hin und wieder vor dem Tor Wache schieben und beobachten, wann Uwe diese gastliche Stätte verlassen würde.
Die Planung für den nächsten Tag gab Polizeioberkommissar Meier vor:
„Morgen müssen alle erwähnten Personen aufgesucht, befragt und die Alibis für die mögliche Tatzeit ermittelt werden. Außerdem muss jemand bitte sensibel Carina Schulz und die sie umgebenden Personen befragen. Aber bitte ganz vorsichtig. Mir ist zu Ohren gekommen, dass ihre Leidenszeit immer noch nicht beendet ist.“
Donnerstag, 20. April:
Im Revier startete Assistent Sven Krause mit Hein und Franke um Kalle und Ewald aufzusuchen und zu befragen. Sie fanden die beiden in einer nicht so netten Unterkunft am Ende der Ilseder Straße vor dem Bahnübergang. Die Klingel an der Tür funktionierte nicht. Nach lautem Klopfen wurde ihnen geöffnet. Die Beamten durften auf einem schmuddeligen Sofa Platz nehmen. Auf die Frage, wann Kalle und Ewald Uwe Eck zum letzten Mal gesehen haben, drucksten sie gewaltig herum.
Nun, gesehen hatten sie ihn etwa zwei Wochen vor Ostern, nachdem Kalle und Ewald ihn am Gefängnistor abpassten, abfingen sozusagen. Sie waren dann gemeinsam mit einem Taxi zur Wohnung gefahren. Uwe brauchte ja erst mal eine Bleibe. Dort wollten sie mit ihm abrechnen. Etwas Geld hatte Uwe schon mal mitbekommen. Er musste es gleich weiterreichen. Davon wurden Nahrungsmittel gekauft, flüssige und feste.
Kurz vor Ostern verließ Eck seine Kumpel, nicht ohne zu versprechen, bald für seine restlichen Schulden aufzukommen. Er gab ihnen noch 100,- Euro für Ostern und ging.
Ein Alibi gaben Kalle und Ewald sich für die ganzen Ostertage natürlich gegenseitig. Sie hatten das Geld in Hochprozentiges getauscht und waren damit die ganzen Feiertage abgetaucht. Dass ihrem Kumpel etwas passiert sein könnte, versetzte sie schon in ehrliches Erstaunen. Mehr war erstmal nicht aus ihnen rauszukriegen.
Kommissarin Carmen Nolte war gar nicht wohl mit dem Auftrag, Carina Schulz zu befragen. Was musste die Frau gelitten haben? Nach neuesten Informationen hatte sie ihre eigene Wohnung vor Jahren aufgegeben und lebte nun wieder im Elternhaus in der Schäferstraße.
Carmen Nolte stand erst kurz vor dem Haus und nahm sich einen Moment Zeit, den hübschen Garten zu betrachten.
Dann atmete sie einmal tief durch und klingelte. Carina öffnete die Tür nur einen Spalt breit: „Ja bitte?“
„Mein Name ist Carmen Nolte. Ich bin von der Polizei. Darf ich kurz reinkommen?“
„Ja, in Ordnung, „antwortete Carina seufzend, ließ sie herein und fügte danach an: „Sie kommen mir recht. Hat Ihnen jemand gesagt, dass mein Ex hier nach seiner Entlassung vor der Tür stand? Mein Bruder war gerade zu Hause, hat ihm mit der Polizei gedroht und ihn verjagt.“
„Nein, das wusste ich nicht“, antwortete Nolte, nachdem sie sich in das hübsch eingerichtete Wohnzimmer gesetzt hatte. „Er war hier? Was wollte er?“
Dann erzählte Carina von ihrer Angst vor Uwe Eck, von den Briefen und dass er nie aufgehört hatte zu schreiben. „Ich habe immer Angst vor seiner Entlassung gehabt. Kurz vor Ostern war er hier. Mein Bruder und ich wollten die Feiertage abwarten. Sollte er noch einmal hier auftauchen, hätten wir uns bei Ihnen gemeldet. Aber vielleicht hat er es jetzt ja doch eingesehen.“
„Nun“, antwortete Carmen Nolte „ob er aufgegeben hätte, kann ich nicht sagen. Und er auch nicht mehr. Er ist tot. Es tut mir sehr leid für Sie, wegen all Ihrer Angst und Ihren Sorgen! Ich muss Sie jetzt leider trotzdem fragen, wo Sie am Ostersonntagabend bis in die Nacht hinein waren.“
Carina Schulz sah sie entsetzt an. Sie tat Carmen wirklich leid. Die eine Gesichtshälfte war fast hübsch, doch die andere Hälfte durch dicke Brandnarben entstellt.
„Was ist denn passiert? Wo ich war? Wo kann ich mit diesem Gesicht schon gewesen sein. Zuhause natürlich. Mit meinem Bruder Carl. Und sein Freund Felix Kahn und unsere Nachbarin waren auch dabei. Wir haben zusammen gegessen und getrunken, sind dann schließlich gegen 23:00 Uhr schlafen gegangen. Felix ist wegen des Weines hier im Gästezimmer geblieben.
Er und mein Bruder haben am Ostermontag noch eine Radtour gemacht, wobei Felix dummerweise sein Handy verloren hat. Reicht ihnen das?“
„Nun ja, das ist erstmal ausreichend“, antwortete Carmen.
„Noch eine Frage: Wissen Sie, ob Uwe Eck Feinde hatte?“
„Ach, das kann ich Ihnen nicht sagen. Er war grausam zu mir, wie Sie sehen. Wer weiß, wen er im Gefängnis kennengelernt, bedrängt oder betrogen hat. Er war ja jahrelang weggesperrt. Und an Freunde von früher kann ich mich nicht erinnern, an gute schon gar nicht. Sagen Sie mir jetzt, was passiert ist?“
„Ja, Herr Eck wurde ermordet! Über die Einzelheiten darf ich verständlicherweise nicht sprechen, solange die Ermittlungen nicht abgeschlossen sind. Sagen Sie mir noch, wo Felix Kahn zu finden ist und wann ich Ihren Bruder antreffe?“
Carina antwortete, dass ihr Bruder bald eintreffen und Felix im Haus seiner Eltern in Essinghausen an der Hauptstraße leben würde.
Die Befragung von Carl Schulz gestaltete sich sehr kurz. Er hatte nur das Gleiche wie seine Schwester zu sagen.
Der Freund Felix Kahn war leider erst am Montag, den 24. April zu erreichen, weil er seit Mittwoch in Berlin an einem Psychologenkongress teilnahm, wo die Teilnehmer unter anderem darum gebeten wurden, zeitweise auf Handys zu verzichten.
Felix meldete sich auf eine Nachricht von Carl und wurde nach seiner Heimkehr auch zu den Ereignissen am Ostersonntag befragt. In diesem Gespräch bestätigte er die Aussagen von Carina und Carl und konnte keine weiteren Angaben zum Mord machen.
Felix Kahn (30),
ein Freund, lebte seit 12 Jahren in Essinghausen. Seine Eltern hatten dort gebaut, die ältere Schwester geheiratet. Felix und seine Eltern bauten später zusammen das Dachgeschoss als Wohnung für den Sohn aus. Über Fußball, Peiner Freischießen und Schule lernte Felix Carl und Carina kennen. Sie waren lange befreundet. Felix war auch kurze Zeit enger mit Carina zusammen. Später blieb dann in der Hauptsache die Freundschaft mit Carl über die gemeinsamen Interessen wie Fußball, Vereine, Haus und Garten und der lockere Freundeskreis. Felix hatte zwar auch handwerklich was drauf, wollte sich aber beruflich lieber sozial einsetzen und studierte Sozialpädagogik in Hannover. In späteren Arbeitsbereichen begegnete er anfangs auch Uwe Eck. Sie wurden nicht unbedingt Freunde, trafen sich jedoch bei Carls Geburtstag, weil Carina Uwe mitbrachte. Felix hatte die letzten Monate weniger Zeit für Freunde und Vereine, weil er noch ein Psychologie-Studium absolvierte. Er wollte gern zusätzlich aus psychologischer Sicht die Schrullen und Denkweisen der Menschen, die ihn umgaben, besser verstehen. Somit blieben bei ihm die Frauenbekanntschaften eher kurz.
Und wieder traf sich das Ermittlerteam im Präsidium zum Austausch. Inzwischen war aufgrund von DNA- und Zahnschemavergleichen hundertprozentig klar, dass der Tote kein anderer sein konnte als Uwe Eck.
Weitere Fragen und Fakten:
-- Aber wer war der Täter? Wer hatte Eck mit dem Auto an den Eixer See gelockt, ihn an den Sitz gefesselt, mit Säure übergossen und angezündet?
-- Der Autoverleiher sah nicht so aus als hätte er ein Motiv, obwohl er bislang der Einzige war, der überhaupt wusste, dass Eck ein Auto hatte
-- Kalle und Ewald waren zwar sauer auf Eck gewesen, hatten sich dann aber vorerst angeblich mit einhundert Euro abspeisen lassen, nach dem Motto: lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach
-- Carina war noch voller Angst, Verletzungen und traumatisiert. Ihr war so eine Tat sicher nicht zuzutrauen.
-- Würde der Bruder Carl Schulz so weit gehen, um seine Schwester zu schützen und sie endlich in Ruhe ohne Angst heil werden zu lassen?
-- Der Freund Felix Kahn? Immerhin war er einmal kurze Zeit enger mit Carina zusammen. Hatte Felix so viel Liebe, Leidenschaft oder auch Verzweiflung für Carina entwickelt, dass er den Säureattentäter umbrachte?
-- Oder vielleicht Carl und Felix gemeinsam? Aber sie waren beide die Ostersonntagnacht im Haus in der Schäferstraße gewesen.
So sahen die Überlegungen der Ermittler aus. Hatten sie etwas übersehen? Gab es vielleicht noch differenziertere Erkenntnisse aus der Gerichtsmedizin?
Am Dienstag, den 25. April fand wieder eine Teamsitzung um 8:30 Uhr statt. Der Polizeioberkommissar Meier hatte die Untersuchungsergebnisse aus der Gerichtsmedizin in der Hand.
„Liebe Kollegen, wir sind noch nicht am Ende! Es hat sich tatsächlich noch etwas Neues ergeben. Schwer zu finden zwar, aber wir haben ja richtig fleißige Kollegen. Wir wissen, bei so einem Brand gibt es kaum bis keine Fingerabdrücke. Es gab auch nichts Persönliches, Aussagekräftiges im Umfeld des Tatortes. Keine Fußspuren, keine Kippen, kein Taschentuch, kein Kaugummi, … gar nichts. Naja und eine Brandleiche gibt auch nicht mehr so viele Informationen her.
Aber, ... aber nun kommt`s! Die Kollegen haben einen winzig kleinen Schnitt an dem Knochen im Halsbereich ausmachen können. Das kann bedeuten:
Das Opfer war gefesselt worden,
mit Säure behandelt, und hat dann aber vermutlich so laut gebrüllt, dass
dem Täter in seiner Not nichts anderes übrig blieb, als ihm lieber schnell die Kehle durchzuschneiden, um ihn zum Schweigen zu bringen.
Schließlich ist am Spätnachmittag das Risiko besonders hoch, mögliche Sonntagsspaziergänger auf sich aufmerksam zu machen!“
„Wieso Spaziergänger, Chef, der Brand war doch abends?“, konnte Carmen Nolte sich nicht zurückhalten.
„Ja schon“, machte Meier weiter, “aber ich habe hier noch einen Bericht.“ Er wedelte mit dem zweiten Hefter: „Hier sind die Ergebnisse über die Fahrzeuguntersuchung. Es wurde alles, aber auch wirklich alles auseinandergenommen. Dabei haben die Fachleute nach langer Suche ein kleines schwarzes, verschmortes Etwas gefunden, ähnlich einem Sender oder Empfänger. Nach eingehender Untersuchung bestätigte sich der Verdacht.
Also, die Fesselung, die Säureattacke und die Ermordung können durchaus schon am Nachmittag bis Spätnachmittag stattgefunden haben. Aber die Verbrennung wird dann abends zur Osterfeuerzeit inszeniert worden sein, mittels Sender und Zünder. Und eben dieser Zünder ist so konzipiert, dass er sich durchaus über ein Handy aktivieren lässt.“
„Puh, ich dachte schon, wir kommen nie weiter“, ließ Krause sich hören.
Jetzt brauchten alle erst mal einen Kaffee.
Anschließend wurde ihnen klar, dass sie bei allen Verdächtigen noch in der Vergangenheit graben mussten; mit dem Ziel: herauszufinden, wer früher schon mit Sprengstoff und vor allen Dingen mit Kleinstsendern zu tun gehabt hatte.
Alle Beteiligten wurden am Mittwoch, den 26. April, dahingehend befragt. Diese neuen Ergebnisse und das Suchen in der Vergangenheit jedes Einzelnen ergab leider nichts, was zur Klärung des Falles beitrug. Alle männlichen in Frage kommenden Personen hatten den Grundwehrdienst bei der Bundeswehr abgeleistet und Carmen Schulz erwarb als Teenager einen Funkerschein. Somit hätte sich jeder Kenntnisse zum Bau von Sendern aneignen können.
Nun musste sich tatsächlich an die Arbeit gemacht und alle in Frage kommenden Handys untersucht werden.
Oberkommissar Meier gab dies an die zuständige Technikabteilung der Polizei ab.
Die nächste, ordentliche Sitzung im Fall Uwe Eck fand am Donnerstag, 4. Mai um 8:30 Uhr im Kommissariat statt, weil die Auswertung der Handydaten sehr viel Zeit in Anspruch genommen hatte.
Oberkommissar Meier ließ sich etwas Zeit, die Besprechung zu beginnen. Dann räusperte er sich und sagte: „Die Ergebnisse der Handyauswertungen sind da. So hatte ich das nicht erwartet! Felix Kahn hat seit dem Dienstag nach Ostern ein neues Handy, weil er seins bei einer Radtour verloren hatte.“
Er bekam verwunderte Blicke von allen Seiten.
„Tatsächlich wurde der Sprengsatz von Carina Schulz‘ Handy angerufen und ausgelöst. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als diese Frau in Untersuchungshaft und ins Verhör zu nehmen.“
Auch wenn Carmen Nolte es nicht fassen konnte, bot sie sich an, Carina festzunehmen. Als Unterstützung nahm sie ihre Kollegen Hein und Franke mit.
Sie erwarteten zwar keine großen Schwierigkeiten, aber die Vorschriften geboten dies.
Bei den Geschwistern Schulz angekommen, wurden sie sofort eingelassen und fanden im Wohnzimmer auch Felix Kahn vor.
Carmen Nolte sagte: „Frau Schulz, auf Grund der uns vorliegenden Erkenntnisse zum Tod von Uwe Eck muss ich Sie leider vorläufig festnehmen! Wenn Sie sich wehren oder Widerstand leisten, müssen wir Gewalt anwenden. Sie können vom Kommissariat aus Ihren Anwalt anrufen. Sie haben das Recht, zur Sache erstmal nichts weiter zu sagen. Es könnte gegen Sie verwendet werden.“
Carina wurde leichenblass, hielt sich am Stuhl fest und konnte es nicht fassen: „Das kann doch nicht wahr sein! Wie sollte ich denn etwas mit seinem Tod zu tun haben?“
Carl und Felix protestieren heftig, konnten jedoch gegen den Beschluss der Polizei nichts ausrichten.
Carina wurde aufgefordert, ein paar Sachen für sich zu packen.
Felix und Carl schauten entsetzt und fassungslos dem Polizeiwagen hinterher.
Am Freitag, den 5. Mai hatte Carmen Nolte wieder Dienst in der Notrufzentrale, als das Telefon klingelte. Es war 10:30 Uhr als sie den Hörer abnahm: „Hier Kommissarin Nolte, Polizei Peine!“
„Kommen Sie schnell, hier dreht einer durch!“
„Wer sind Sie denn und was ist passiert?“, fragte Carmen nach.
„Hier ist Herrmann Schmidt aus Wipshausen. Ich war gerade meine Uhr reparieren lassen und wollte nun noch einen Kaffee trinken, da Sie wissen schon, am Marktplatz. Peine!
Da schreit und tobt auf einmal einer herum. Der hat eine Pistole! Schnell, kommen Sie!“
„Okay verstanden, wir kommen! Bleiben Sie ruhig, unternehmen Sie nichts!“
Carmen informierte sofort ihre Kollegen Sven Krause, Hein und Franke.
Von der Werderstraße kommend, fuhren die Polizisten mit Blaulicht und Martinshorn direkt auf den Marktplatz und hielten vor dem Eiskaffee. Sie stiegen aus und wurden gleich von einem älteren Herrn angesprochen, der sich als der Anrufer zu erkennen gab.
„Gerade ist er weg! Er muss Sie wohl gehört haben und ist in die Breite Straße geflüchtet.“
Auf Nachfragen erfuhren die Polizisten noch, dass die Person männlich und etwa Anfang 30 war. Der Verdächtige hatte eine sportliche Figur und trug eine gelbgrüne Trainingsjacke.
Krause bekam den Auftrag, vom Wagen aus Verstärkung anzufordern, während Hein und Franke die Verfolgung zu Fuß aufnahmen.
Es ging in die Breite Straße in Richtung Kirche.
Hein und Franke konnten anhand der ausweichenden Passanten erkennen, dass der Verdächtige der Fußgängerzone weiter folgte. Manchmal konnten sie in einer Lücke die Trainingsjacke erkennen.
Als sie sich der Brauerei näherten, kam Verstärkung aus Richtung Bahnhof.
Plötzlich bog der Delinquent nach rechts ab.
Zeitgleich mit den Kollegen erreichten Hein und Franke die Abzweigung und konnten von dem Verdächtigen keine Spur mehr entdecken.
Langsam arbeiteten sie sich an den Geschäften vorbei und kamen dem leer stehenden, verfallenen Kaufhausgebäude am Ende des Weges näher.
Sie wurden durch lautes Geschrei gebremst und mussten ihre Blicke nach oben richten.
„Ihr werdet mich nie kriegen!“
Oben auf dem Dach des einsturzgefährdeten Hauses stand der Gesuchte und fuchtelte mit der Pistole. Franke stieß Hein an: „Mensch, das ist doch der Felix Kahn!“
Sie gingen langsam etwas näher heran. „Herr Kahn, seien Sie doch vernünftig!“
Felix rief: „Das war so nicht geplant! Ich wollte nur Carina schützen! Ich habe sie doch immer geliebt! Der Kerl musste sterben, sonst hätte er sie NIE in Ruhe gelassen! Er sollte fühlen, was er ihr angetan hatte! Es wäre so perfekt gewesen, keiner hätte etwas herausgefunden. Und dann habe ich die Handys vertauscht ... Aber jetzt hat alles keinen Sinn mehr. Carina im Gefängnis, NEIN! Das kann ich nicht ertragen.“
Bevor die Polizisten auch nur den Versuch machen konnten, in das Gebäude vorzudringen, setzte Felix Kahn sich die Pistole an die Stirn.
„Nein!“, riefen Franke und Hein gleichzeitig.
Das Letzte, was man dann noch hörte, war der Schuss!
Der Inschenör – hat´s schwör
im Leben – na eben
er hat´s verpennt – lebt jetzt getrennt
in dieser Sache – sinnt er auf Rache
für tausend Rubel – kauft er die Kugel
ein Schuss, ein Schrei – dann ist´s vorbei.
Der Täter – kommt später
er schellt – will mehr Geld
übersieht den Gatten – dort im Schatten
eins übergezogen – stürzt er zu Boden
die Leiche zum Keller – es geht kaum noch schneller
dem Inschenör – ist nichts zu schwör.
Der Dieb – ist lieb
will keine Leichen – stiehlt nur bei Reichen
am liebsten Uhren – verwischt seine Spuren
wird heute gestört – er hat was gehört
kriecht unter den Strauch – da sieht er auch
vom geheimen Ort – den meuchelnden Mord
Der Zeuge – ist feige
er lag fast daneben – hat Angst um sein Leben
verlässt den Garten – will nichts verraten
wähnt sich sicher – da gibt’s ein Gekicher
an seinem Nacken – will einer ihn packen
Du kommst mir grad recht – jetzt geht es dir schlecht
Der Polizist – ist ein Sadist
quält unsern Dieb – mit Schlag und Hieb
Sag mir die Wahrheit – ich will endlich Klarheit
es ist fast vier – was suchst du hier?
Und als er nichts sagt – er ist ganz verzagt
kommt er von hier – mit aufs Revier
Der Herr Kommissar – sieht alles klar
der Dieb kann nicht lügen – das muss er noch üben
Man wird dem Gatten – den Besuch abstatten
Im Keller der Killer – das ist schon ein Thriller
und tot auch die Frau – das war nicht sehr schlau
Herr Inschenör –
das war wohl zu schwör!
Das Gebäude des Polizeikommissariats in der Schäferstraße steht immer noch zeitlos neben dem vor Jahren renovierten und in heller Farbe strahlenden Finanzamt. Der Beton der Außenfassade wird nicht von Jahr zu Jahr schmutziger, denn noch dunkler werden kann er nicht. Die Außenjalousien an den schwarzbraunen Fenstern zur Ostseite sind repariert worden und schützen die frühstückenden Beamten vor der Morgensonne.
Die Kripo-Dienststelle, die sich im gleichen Gebäude befindet, wird um achtzehn Uhr dreißig von den Kolleginnen und Kollegen verlassen. Alle haben, soweit möglich, ihre Arbeit erledigt, denn Robert Bergmann hat heute, aus Anlass seiner Ernennung zum Ersten Kriminalhauptkommissar, zu seiner Beförderungsfeier in das Restaurant Schützenhaus eingeladen. Sowohl Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus seinem unmittelbaren Dienstbereich als auch von benachbarten Dienststellen, mit denen er in den letzten Jahren gut zusammengearbeitet hat, haben zugesagt. Am Morgen um elf Uhr war ihm durch den Leiter der Personalstelle der Polizeidirektion Braunschweig die Ernennungsurkunde überreicht worden.
