Peinlichkeiten des Alltags - Markus Mann - E-Book

Peinlichkeiten des Alltags E-Book

Markus Mann

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Beschreibung

Markus ist der Meister der Peinlichkeiten, er lässt möglichst keine aus. So auch in seinem neuesten Alltagsabenteuer. Dieses Erlebnis beschreibt er auf eine nahezu minutiös analytische und selbstironische, doch zuweilen auch auf eine selbstgerechte Art. Fremdschämen ist auch in dieser Erzählung angesagt.

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Seitenzahl: 53

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Markus Mann

Peinlichkeiten des Alltags

Fall 2: Die Party

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Fall 2: Die Party

Impressum neobooks

Fall 2: Die Party

Raus aus meiner Höhle

Ich habe mich inzwischen von meiner vieltägigen Krankheit (wie lange war ich eigentlich krank?) und von meinem Fahrstuhl-Albtraum wieder erholt. Den alten Nachbarn und das verliebte Pärchen habe ich bisher nicht mehr getroffen, weder im Fahrstuhl noch sonst irgendwo im Haus oder auf der Straße. Darüber bin ich sehr, sehr froh. Die Scham würde mir bei einer erneuten Begegnung den ganzen Körper hochkriechen und sich in meinem Kopf festsetzen. Und aus diesem habe ich sie durch viele Ermunterungen vertrieben:

„Wieso bist du so blöd, Markus, und setzt dich solchen Situationen aus!“

„Ach, komm, das war schon nicht so schlimm, Markus!“

„Das kann jedem passieren, Markus!“

„Die denken gar nicht mehr daran, Markus!“

„Natürlich denken die noch daran, was denkst du denn!“

„Meinst du?“

„Ja.“

„Verdammt, es ist passiert, und du kannst es nicht ändern! Also warum ständig darüber nachdenken? Ist doch egal, was die von dir halten! Steh zu deinen Fehlern, Markus, verdammt!“

Ja, es ist, wie es ist. Davon bloß nicht fertigmachen lassen. Weiter geht es. Das Leben bietet so viele herrliche Möglichkeiten, jeder Moment ist eine neue Möglichkeit, ein Leben für sich. „Nutze jeden Moment und genieße ihn – egal, was kommt.“

„Egal, was kommt?“

„Ja.“

„Hm.“

Also beschließe ich, mein Leben zu nutzen. Meine 86 400 Leben täglich. Heute habe ich nicht mehr so viele Leben übrig, in etwa 18 360 Leben. Und es werden immer weniger.

Okay, irgendwie haben sich die motivierenden Gedanken in deprimierende verwandelt. Also lasse ich das. Scheiß drauf, wieviel Leben ich habe, ob ich den Tag nutze oder nicht. Ich habe nur dieses eine Leben und das will ich nutzen. Wie? Ich möchte heute raus aus meiner Höhle. Ich möchte unter Leute. Nach meinem Fahrstuhl-Desaster fühle mich inzwischen wieder wie ein vorbildlicher, zivilisierter Mensch, der seinen Mitmenschen nicht über die Maßen unangenehm auffällt, und der in die Gesellschaft eingegliedert ist. Doch hat mein Sozialleben in den letzten Wochen stark gelitten. Ich musste für mein Studium lernen, obwohl mich das überhaupt nicht interessiert, das aber nun einmal abgeschlossen werden will, sonst werden Mama und Papa sauer. Tja, und dann kam noch die Krankheit. Geschwollene Lymphknoten. Fies. Und in dieser ganzen Zeit hatte ich nur über SMS oder Facebook mit ein paar Freunden und der Familie Kontakt. Habe auch mal telefoniert. Aber nun möchte ich endlich wieder unter Leute, unter analoge Menschen.

Ich suche mein Handy und finde es in meinem Bett, unter der Bettdecke. Wähle die erste Nummer. Richard ist nicht zu erreichen. Nächste Nummer. Simon hebt auch nicht ab. Hannah ebenfalls nicht. Georg geht zwar ran, meint aber:

„Tut mir leid, ich bin gerade gar nicht in Berlin. Komme erst nächste Woche zurück. Aber viel Spaß dir.“

Na toll. Ich lege auf, gehe in meiner Wohnung hin und her. Warum erreiche ich die meisten meiner Freunde nicht am Telefon? Warum fragen sie mich nicht, ob ich etwas mit ihnen unternehmen möchte? Und warum sagen sie mir nicht zu, wenn ich sie frage? Was sind das überhaupt für Freunde? Ich sollte mir andere Freunde suchen.

Ich beende meinen nervösen Gang durch die Wohnung und rauche erst einmal eine Zigarette auf dem Balkon. Ein wenig zittere ich. Nicht nur wegen der Kälte. Die Straße ist ruhig, nur ein paar Jugendliche schreien übermütig durch die Dunkelheit. Sie lachen, sind offenbar schon angetrunken. Ihre Schreie hallen durch die ganze Straße. Sie sind noch eine Weile zu hören, dann biegen sie um die Ecke. Hastig rauche ich die Zigarette auf, drücke sie in der Erde von einem meiner Blumentöpfe aus. Dann zünde ich mir noch eine an. In meinem Magen flaut ein Leeregefühl vor sich hin, es rumort, der Hunger knurrt mich an, mein Mund schmeckt nach verbranntem Tabak, vermengt mit einer Note klebrigen Teers. Heute habe ich kaum etwas gegessen. Ich habe den ganzen Tag im Internet gesurft, Filme geschaut, auf Facebook gestöbert, alle fünf Minuten in meine Mails und auf mein Handy gestarrt, Kaffee getrunken, ein paar Nüsse gegessen. Eigentlich wollte ich noch ein wenig lernen. Endlich mal etwas schaffen. Doch ich landete immer wieder vor dem Computer. Ich hatte sogar begonnen, meine Küche zu schrubben. Zwischendurch habe ich mich eine halbe Stunde schlafen gelegt.

Ich gehe wieder vom Balkon in meine warme Wohnung. Ziehe meinen Mantel aus und hänge ihn über die Stuhllehne. Es ist kurz nach sieben Uhr abends. Ich brauche heute noch Gesellschaft, sonst werde ich noch wahnsinnig. Nein, ich bin schon wahnsinnig. Deswegen brauche ich ja Gesellschaft, um wieder von diesem Wahnsinn loszukommen.

Einladung

Also setze ich mich wieder an meinen Laptop und gehe auf Facebook. Da war doch noch eine Einladung. Ich suche sie, finde die Benachrichtigung: „Klar Isse hat Sie zu ‚80er-Jahre-Partyyyy!!!‘ eingeladen.“ Ich klicke darauf. Die Party ist heute, Beginn 21 Uhr. 53 Leute haben zugesagt. Wer ist eigentlich diese Klar Isse? Ich schaue mir ihr Profilfoto an. Ich habe sie schon öfters in der Uni gesehen, aber wir hatten, glaube ich, noch nie einen Kurs zusammen… doch, im ersten Semester, also vor fünf Jahren. Gesprochen habe ich mit ihr auch noch nie. Egal. Sie ist hübsch, mit ihren blonden, gewellten langen Haaren und den großen Augen. Auf anderen Fotos trägt sie enge Kleider und Miniröcke. Sehr sexy, wow!

Ich versuche noch einmal, Freunde von mir anzurufen, aber niemand hebt ab. Dann gehe ich eben alleine! Ich werde sauer auf meine „Freunde“.

Vor der Party

In meinem Kleiderschrank finde ich nichts, was nach 80er-Jahre aussieht. Also ziehe ich mir eine schwarze Jogginghose, einen möglichst hässlichen grünen Pullover und meine klobigen Laufschuhe an. Die Haare werden nun noch einmal schön nach hinten gegelt, Mantel angezogen, Handy eingesteckt, und dann verlasse ich die Wohnung und das Haus.

Draußen ist es kühl. Ein eisiger Wind bläst mir ins Gesicht und lässt meine Augen tränen. Ich laufe die Straße hinunter, Gruppen von Mädchen oder gemischte Gruppen laufen an mir vorbei. Ich hoffe, dass sie die Tränen in meinen Augen nicht sehen und denken, ich könnte weinen. Nein, ich bin ein starker junger Mann, cool und selbstbewusst.

Ankunft