Pepper - Nils Mohl - E-Book

Pepper E-Book

Nils Mohl

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Beschreibung

Der neue Roman von Nils Mohl über Familie, Freundschaft und die Suche nach den eigenen Wurzeln. Emotionaler Jugendroman ab 14 Jahren. Die 17-jährige Pepper hat auf den ersten Blick eine ganze Menge: ein schönes Zuhause in der Hamburger Hafencity; eine coole Mutter, die Politikerin ist; einen richtig guten Freund namens August. Und bald Abitur. Trotzdem ist da diese große Lücke in ihrem Leben: Pepper kennt ihren Vater nicht, er war eine flüchtige Affäre ihrer Mutter, die mit seinem Namen nicht rausrücken will. Pepper beschäftigt das Thema bis zur Besessenheit. Sie hält Zillionen von offenen Fragen in ihrem Notizbuch fest – denn wie soll man wissen, wohin man will im Leben, wenn man nicht weiß, woher man kommt? Doch dann ist es endlich soweit: Pepper erfährt den Namen ihres Vaters. Und dass er nur ein paar Kilometer von ihr entfernt wohnt. Pepper ist wild entschlossen, ihren Vater endlich kennenzulernen. Kurzerhand beschließt sie, inkognito in seine WG zu ziehen. Denn wie kann man sich besser kennenlernen als unter demselben Dach? Eine Geschichte über die großen Themen der Jugend, eine schräge WG und die viel zu unbekannte Band Kimme & Popkorn!

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Nils Mohl

Pepper

Roman

 

 

Über dieses Buch

 

 

Wie soll man wissen, wohin man im Leben will, wenn man nicht weiß, woher man kommt? Pepper hat mit fast 18 auf den ersten Blick eine ganze Menge: ein schönes Zuhause in der Hamburger Hafencity; eine coole Mutter, die Karriere als Politikerin macht; den richtig guten Freund August, der sich an der Popakademie bewirbt. Und bald Abitur. Trotzdem fehlt ihr etwas, denn in Peppers Biographie gibt es einen blinden Fleck: Sie kennt ihren Vater nicht. Eine Sache, die sie bis zur Besessenheit seit der Kindheit beschäftigt. Pepper hält Zillionen von offenen Fragen in ihrem Notizbuch fest und lässt nichts unversucht, bis sie eines Tages endlich doch noch den Namen des großen Unbekannten erfährt. Und das katapultiert Pepper dann in eine für sie völlig neue Welt, nur ein paar Kilometer von ihrem Zuhause entfernt …

Eine Geschichte über Familie, Freundschaft, Liebe, Verlust, eine schräge WG und die viel zu unbekannte Band Kimme & Popkorn!

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.fischer-sauerlaender.de

Biografie

 

 

Nils Mohl, geboren 1971, schreibt Romane, Gedichte und Drehbücher. Für seine Werke wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, dem James Krüss Preis, dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis und dem Josef Guggenmos-Preis. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg.

Impressum

 

 

Erschienen bei Fischer Sauerländer E-Book

 

© 2026, Fischer Sauerländer GmbH,

Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main

 

Copyright Artwork Diskografie: Nils Mohl unter Benutzung von Canva, eigenen Fotos und einem Bild von Brozilla

Covergestaltung: Cordula Schmidt Design, unter Verwendung einer Illustration von Brozilla

Coverabbildung: Brozilla

ISBN 978-3-7336-0867-5

 

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

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Inhalt

[Widmung]

Intro

Kapitel 1 Das Rätsel

Kapitel 2 Die Antwort

Kapitel 3 Die Recherche

Kapitel 4 Der Ausflug

Kapitel 5 Der Umzug

Kapitel 6 Die Aufgabe

Kapitel 7 Die Party

Kapitel 8 Die Geheimnisse

Kapitel 9 Das Zerwürfnis

Kapitel 10 Die Rückkehr

Kapitel 11 Das Wiedersehen

Kapitel 12 Die Überraschung

Kapitel 13 Der Abschied

Outro

Diskographie Kimme & Popkorn

[Aber! Aber!]

[Kummer ohne Liebe]

[Konfettifeuer frei!]

[Das echte Falsch]

[Burgen in Sanduhren]

[Gedicht]

Nachwort

für Teddy

– in liebender Erinnerung

Intro

Wählen wir das Schicksal?

Wählt das Schicksal uns?

Hätten wir nie die Wahl,

wäre dann nicht kackegal,

was wir tun und treiben?

Das Leben umschreiben

geht dann nicht.

Ferngesteuert bleiben

ist dann Pflicht.

Schicksal, bist du mein Schicksal:

Find’ ich einen Weg

– und führ’ dich hinters Licht!

Kimme & Popkorn – DIE NEUE UNSACHLICHKEIT

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Ich habe dir den Tod gewünscht. Und ich war eine Meisterin im Zählen von tiefgefrorenen Erbsen. Noch heute passiert es manchmal, dass ich das Gefrierfach öffne, wenn ich etwas für meinen inneren Frieden tun will. Wusstest du das? In diesen 450-Gramm-Kartons sind immer knapp eintausend dieser kleinen runden Dinger drin. Das immerhin habe ich herausgefunden in den letzten fast achtzehn Jahren.

Schwergetan habe ich mich dafür lange Zeit mit Freundschaften. Ich schätze, auch deinetwegen.

Wirklich eng war ich eigentlich nur mit zwei Menschen.

August, der damals mindestens drittwichtigste Mensch in meinem Leben, hat ziemlich geschluckt, als ich ihm einmal von dir, mir und davon erzählt habe, dass ich dir insgeheim den Tod wünschte. Ich erklärte August dann, dass mir an Verstorbenen einfach so gut gefällt, dass es kein großes Kunststück ist, jemandem zu erklären, warum sie einem fehlen. Du hast mir zwar auch gefehlt, die Sache mit dir war aber deutlich komplizierter.

August jedenfalls meinte: «Du kannst es dir nicht aussuchen.»

«Was?», habe ich gefragt.

«Das Schicksal.»

Noch lieber, als auf den Spielplatz zu gehen und dort kopfüber an einer Stange zu baumeln und in den Himmel zu starren, bis das Blut in den Ohren nur so pochte, mochte ich es damals, mit August zusammen zu sein.

Ich war noch in der Grundschule, er ging schon aufs Gymnasium, wo er sich allerdings ziemlich quälte, und auf seiner Oberlippe wuchsen bereits die ersten Barthaare. Wenn er in der Fußgängerzone auf seiner Gitarre herumzupfte, hatte er anfangs meist nicht viel Publikum, obwohl er von der Natur mit einem Gesicht und einer Stimme beschenkt worden war, die man beide einfach mögen musste, fand ich. Vielleicht lag es an dieser eigenwilligen Mischung aus unschuldiger Ausstrahlung und ernsten Songs. Außerdem, wer in dieser Welt nimmt schon Kinder an der Schwelle zur Jugend wirklich ernst? Junge Menschen ganz allgemein?

Aufgewachsen sind August und ich jedenfalls beide im jüngsten Stadtteil von Hamburg, der Hafencity, wo die Wellen an die Kaimauern klatschen und der Wind sich ständig eins pfeift. Noch bevor hier die Elbphilharmonie in unserem Quartier eröffnet wurde, kannten wir uns. Wir waren Nachbarn, wir liebten beide Softeis, und um die Ecke gab es bei Miss Sophie das beste Softeis der Stadt.

«Erklär mir, was das heißt: das Schicksal», bat ich August.

Er legte den Kopf leicht schief, klopfte nachdenklich mit den Fingern einen Rhythmus auf dem Holzkörper der Gitarre. «Die Karten, die das Leben an dich verteilt», sagte er schließlich. «Meine Haare sind kraus, deine nicht, meine Haut ist dunkler als deine. Du bist ein Mädchen, ich bin ein Junge und ein bisschen älter als du, du bist dafür schlauer als ich. Haben wir uns das ausgesucht? Nö. Alles Schicksal.»

«Wer wir sind, ist Schicksal?»

«Vielleicht ist alles Schicksal, das ganze Leben?»

Das allerdings kam mir schon damals zu einfach vor. Deshalb sagte ich: «Nein, glaube ich nicht. Oder ist es auch Schicksal, ob jemand gut oder schlecht Gitarre spielt? Das hat doch damit zu tun, wie fleißig man Akkorde übt und all das. Überhaupt, wieso spielst du Gitarre und nicht Saxofon?»

«Du meinst, ich bin nicht gut auf der Gitarre?» August guckte mich beinah flehentlich an.

«Ach, August, glaubst du, es ist nur Schicksal, ob jemand Popstar wird?»

«Rockstar!»

«Egal: Dafür muss man doch bestimmt ganz viel tun. Wie du.»

«Hm.» Hinter Augusts Stirn sah ich es rattern: «Vielleicht ist ja nur der Anfang Schicksal und der ganze Rest nicht?»

«Gut», nickte ich, «wenn das nämlich anders wäre, würde ich das Schicksal auf der Stelle zu meinem Feind erklären und zum Kampf herausfordern!»

«Du bist echt schräg, Pepper.»

«Danke, August.»

«Wofür?»

«Ich glaube, ich habe gerade was kapiert. Es reicht eben nicht aus, sich nur was zu wünschen und sich auf das Schicksal zu verlassen.»

«Oh Gott!»

Vielleicht dachte August in dem Augenblick, ich würde dich umbringen wollen? Aber das war’s ja: Selbst wenn ich das gewollt hätte, es ging eben gar nicht. «Keine Sorge», sagte ich, «viel mehr noch als die Sache mit dem Tod wünsche ich mir ja ein Happy End für meine merkwürdige Geschichte.»

Und August sagte noch einmal: «Du bist echt schräg, Pepper!»

Was immer er damit meinte, so viel steht fest: Ja, ich war anders. Und es gab da jemanden, dem das gar nicht schlecht gefiel, schätze ich: nämlich dem damals ohne Zweifel wichtigstem Menschen in meinem Leben – Jasmin, meiner Mutter.

Mir würde gefallen, wenn ich jetzt behaupten könnte, wir wären ein Herz und eine Seele gewesen. Aber Jasmin ist ein sehr spezieller Typ Frau. Und sie erzählt immer gern, dass ich als Kind ein Mädchen gewesen wäre, das nicht so leicht zu stoppen war, wobei sie sich nie ein triumphierendes Lächeln verkneifen kann.

Kurz vor meinem zehnten Geburtstag hatte ich die vielleicht schlimmste Phase. Ständig öffnete sich diese unheimliche Falltür in mir. Ich erinnere es noch ziemlich genau, wie ich oft barfuß und im geringelten Nicki-Pyjama zu meiner Mutter getapert bin, die nebenan meist bis spät in die Nacht gearbeitet hat. Als Politikerin kam sie mit erstaunlich wenig Schlaf aus. Sie hob mich dann im Schein der Schreibtischlampe auf den Schoß, legte ihr Kinn auf meinen Kopf, strich mir durch die Haare. Der Geruch der längst geleerten Kaffeetasse, der Geruch ihrer Haut und von dem Stoff ihrer Seidenbluse.

Sie wischte mir Tränen von der Wange, hörte mir zu, stellte mir Fragen, nahm aber auch nie ein Blatt vor den Mund. Sie sagte zum Beispiel: «Du wünschst dir ein Happy End, Pepper? Ich weiß nicht, ob das Leben wie eine Geschichte funktioniert. Und ich muss ja gestehen: Ein Happy End fühlt sich für mich immer so an, als würde man ein Puzzle mit dem Hammer lösen wollen.»

«Du meinst, das ist wie schummeln?»

«Es ist wie ein Schleifchen um etwas zu wickeln, das gar kein Geschenk ist.»

«Was magst du denn für Enden?»

Die Antwort kam, typisch Jasmin, wie aus der Pistole geschossen: «Um ehrlich zu sein: gar keine. Aber wenn schon, dann bin ich doch bitte für einen Abschluss, der nachhallt, der sich einbrennen will, statt alles glattzubügeln. Vielleicht bittersüß, vielleicht offen – aber dafür persönlich, am besten besonders, nicht austauschbar.»

Bin ich bei diesen Worten bereits halb in ihren warmen Armen weggeschlummert? Habe ich nur noch stumm genickt?

Heute denke ich jedenfalls: Puh – ist das nicht ganz schön viel verlangt? Jasmin wäre natürlich nicht Jasmin, wenn das anders wäre. Hohe Ansprüche sind in jeder Hinsicht ihr Standard in quasi allen Lebenslagen. Trotzdem frage ich mich, ob der vielleicht etwas naive Wunsch nach einem Happy End wirklich so falsch sein kann.

Ich wüsste ja zu gern, was du dazu sagen würdest.

Denn auch wenn ich dir den Tod gewünscht habe – noch mehr als das und definitiv mehr als jedes Happy End, habe ich mir ja gewünscht, dass du überhaupt in meiner Geschichte vorkommst. Und dass du eines Tages alles von mir erfahren wirst – das, was ich erinnere, das, was ich mir notiert habe, auch das natürlich, was einen dazu bringt, gefrorene Erbsen zu zählen, einfach alles, den Teil zumindest, der wichtig ist.

Kapitel für Kapitel …

Kapitel 1Das Rätsel

Wieso sind so viele Geburtstage und Feiern am Ende immer eine Enttäuschung? Und warum fiebern wir trotzdem diesen besonderen Ereignissen weiter entgegen, als wüssten wir schon, dass wir uns ganz sicher ein andermal dann vor Glück nicht mehr einkriegen werden, fast so wie Popcorn beim Aufplatzen? Und apropos Enttäuschung: Kann man überhaupt zu viel vom Leben verlangen?

Aus meinem Notizbuch

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Ein Geburtstagsballon strebt Richtung Decke, stößt dagegen. Die glitzernde Folie, bedruckt mit einer großen 10, staucht sich mit Knistergeräusch zusammen. Draußen vor dem Fenster unserer Wohnung schimpfen ein paar Möwen über das Übliche, den grauen Himmel, die Regenschleier.

«Ist es schlimm, anders zu sein?», frage ich und lasse die Hand sinken, mit der ich bis eben die Ballonschnur gehalten habe.

Ein Geburtstagskuchen steht auf dem Tresen unserer Küche. Der Duft von süßem Wachs liegt in der Luft. Zehn flackernde Lichter stecken im Schokoguss. Ich blase mit meinen vom Schlaf noch zotteligen Haaren die Kerzen aus und schließe zum Wünschen fest die Augen, wünsche mir das, was ich mir jedes Mal wünsche.

«Willkommen in einem neuen Kapitel deines Lebens, meine Große», sagt Jasmin und wedelt die winzigen Rauchfäden zwischen uns zur Seite. «Wie wär’s, wenn wir diesen Tag zur Abwechslung mal richtig feiern und die Gästeliste dafür ein wenig erweitern? Vielleicht fühlst du dich dann weniger anders?»

Jasmin weiß natürlich, dass das Letzte wäre, was ich will. Ich habe mich in den Jahren zuvor auch schon immer mit Händen und Füßen gewehrt, Kinder aus meiner Klasse einzuladen.

«Topfschlagen? Sackhüpfen? Eierlaufen?», frage ich.

«Spontan ins Kino, dachte ich eher, von mir aus auch in die Kletterhalle oder zu einem dieser Trampolinparks. Du entscheidest.»

«Stand alles nicht auf meinem Wunschzettel.»

Jasmin verdreht die Augen: «Du bist doch jetzt wirklich kein kleines Kind mehr. Und nun pack erst mal aus.» Sie deutet auf ein paar Päckchen in hübschem Geschenkpapier.

Ich betrachte meine Mutter: eine Frau im Business-Kostüm. Wie beschreibe ich sie am besten? Eine Journalistin hat mal über sie in einem Porträt geschrieben, das ich aufbewahrt habe: «Jasmin Nowak lebt mit ihrer Tochter dort, wo alles noch Baustelle ist, unweit der Speicherstadt – in einem Stadtteil, der schon heute wie wohl kein zweiter in Hamburg für das 21. Jahrhundert steht, für Urbanität und Internationalität, für ein Versprechen auf eine verheißungsvolle Zukunft. Ein Ort, der also gar nicht schlecht zu dieser aufstrebenden Politikerin zu passen scheint, die dank ihrer Ausstrahlung viel weniger zierlich wirkt, als sie ist. Kein Zweifel: Bei ihr hat man es mit einer Macherin zu tun, pragmatisch und intelligent. Weit entfernt von jedem Mutterklischee.»

Was nur ich weiß: Wie sie flucht, wenn sie Pflaster auf die Blasen an ihren Hacken klebt. Wie viel lieber sie auf den alten Hausschlappen läuft, die sie nie wegwerfen würde, statt auf den Absatzschuhen. Ich weiß, dass sie heimlich meinen Kakao probiert, obwohl sie behauptet, sie mag keinen Süßkram. Dass sie mein Lieblingslied schief mitsingt, wenn sie denkt, ich höre nicht zu. Und ich weiß, dass sie innerlich bis drei zählt, wenn sich ihr Blick verfinstert und sie sich auf die Lippen beißt.

«Ich packe später aus», sage ich.

Beim Anziehen im Flur verheddere ich mich mit einem Fuß in eine Luftschlange. Es raschelt, als ich das Bein schüttele, um das Zeug loszuwerden. Nebenbei schlüpfe ich in meinen rosafarbenen Anorak, den ich mir selbst aussuchen durfte und den Jasmin wegen der Mädchenfarbe schon im Laden unmöglich fand.

Wie ich mich am besten beschreiben könnte?

Schon niedlich, wie ja fast alle Kinder, Stupsnase, runde Wangen, aber kein wirkliches Bilderbuchmädchen – dafür bin ich zu unzufrieden mit der Welt.

Ich setze eine rote Mütze auf. Ich drehe den Schlüssel im Schloss um.

«Und, wo geht’s denn diesmal hin, meine Große?», fragt Jasmin, obwohl sie ja wissen müsste, was jetzt kommt. Denn es ist das, was auf meinem Wunschzettel stand.

«Zur Bushaltestelle», sage ich, «ich kann den 2er nehmen, dann muss ich nicht mal umsteigen.»

Jasmin ringt stumm mit sich, aber ich kann leicht von ihrem Gesicht mit den hochgezogenen, in perfekte Form gezupften Augenbrauen ablesen, was sie denkt: Dein Ernst, Pepper? Du willst das wirklich durchziehen? Aber dann reicht sie mir statt des Schulranzens einfach einen Regenschirm: «Es nieselt …», sagt sie. «À bientôt!»

Ich nehme ihn, und meine Stimmung hellt sich auf. «Danke, bis nachher», sage ich und schlüpfe aus der Tür.

Im Treppenhaus höre ich beim Warten auf den Fahrstuhl noch, wie Jasmin telefoniert: «Pepper ist auf großer Suche. Mal wieder. Sag die ersten zwei Termine bitte ab. Komme später.»

 

Kurz darauf trete ich ins Freie und spanne den Schirm auf. Vor dem Haus empfängt mich sofort das Großstadtleben des Überseeboulevards: Es ist, als würde ich ein Wimmelbuch auf einer Seite aufschlagen, die ich in- und auswendig kenne. Zu sehen sind Menschen wie aus einem Lifestyle-Prospekt. Sie sind auf den Weg in Werbeagenturen und Start-ups, Co-Working-Spaces oder schicke Cafés, wo es schon morgens nach Avocado-Toast, Kaffee und Milchschaum duftet.

Zu sehen sind meist auch einige verfrühte Touristen mit grellen Regencapes, die sie wie lebendige Textmarker aussehen lassen, ein paar Lieferanten in Overalls und immer auch mindestens ein Jogger. All das gespiegelt in den Schaufenstern und Panoramascheiben der Läden, Hotels und Restaurants. August, groß und schlaksig, wartet eine Ecke weiter unter einem Vordach auf mich und probiert dabei, sich als Straßenmusiker noch vor der Schule das Taschengeld aufzubessern.

«Du musst allein los», sage ich, «ich schwänze.»

Immer Weltklasse: Augusts Blick, wenn es etwas länger braucht, bis er kapiert hat. Aber dann sagt er: «Darf ich auch schwänzen?» Er lässt die Hand wie eine fallende Kralle einmal über die Saiten der Gitarre schnellen: «Für meine Karriere ist das hier ja viel wichtiger, weißt du …»

Wie ich jetzt mit meinen gerade mal 1,30 Metern die Augen verdrehe, macht bestimmt etwas her: «Auf keinen Fall», sage ich, «wie willst du sonst mitbekommen, was in Mathe läuft? Und vor allem kann ich dir dann nachher nicht bei den Hausaufgaben helfen.»

«Guter Punkt», gibt August zu.

«Und das wäre außerdem voll schade, weil es gibt Kuchen für dich. Und Jasmin beruhigt es, wenn wenigstens ein Gast kommt. Habe nämlich Geburtstag heute.»

August freut sich. Aber es braucht mal wieder einen Moment, bis ihm aufgeht, warum ich ihn jetzt wohl so erwartungsvoll angucke. Dann ein Schlag gegen die Stirn: «Ach! Happy Birthday, Pepper!»

«Danke», sage ich, «und versprich mir, dass du wirklich nicht schwänzt. Das darf nur ich. Und das auch nur ein einziges Mal im Jahr.»

 

Während der Busfahrt schaue ich aus dem Fenster. Tropfen wandern über die Scheibe. Dahinter Menschen auf den Bürgersteigen. Einmal fällt mir ein Pärchen mit Kind auf: Vater und Mutter heben den kleinen Menschen an seinen Händen über jede Pfütze. Richtig geübt bin ich außerdem im Erspähen und Zählen von Wahlplakaten der Grünen. Jasmins Porträt ist recht gut vertreten, darunter groß die Worte: «Zukunft denken. Zukunft lenken.» Oder manchmal auch nur die Botschaft: «Ja! Zu Jasmin Nowak.»

Ich sehe sie – und denke an dich.

Der Bus brummt dazu tief und schwer, ein gedämpfter Ton, der sich mit jedem Ruckeln und Bremsen verändert, mal zum langgezogenen Stöhnen, mal zum kurzen, nervösen Knurren. An den Haltestellen steigt immer auch kalte Luft mit ein, der Boden wird schmutziger und nasser im Laufe der Fahrt. Und an der einundzwanzigsten Haltestelle steige ich dann aus.

Drei Minuten später stemme ich mit beiden Händen eine wuchtige Glastür auf und betrete das Zentrale Fundbüro.

Nichts los. Nur ein Radio läuft leise.

Auf der anderen Seite des Raums hebt ein alter Krausbart das faltige Gesicht. Sein Blick fragt: Wer kommt denn da mit rotem Mützchen und tropfendem Schirm unterm Arm auf den Tresen zugesteuert? Und er sagt: «Na, Teddybär oder Turnbeutel – um was geht es wohl?»

Ich schaue mich um.

Riesige Tafeln voller verlorener Schlüssel. Die Regale im hinteren Teil des Raums füllen Rucksäcke und Taschen. Ich sage: «Es ist lebenswichtig, auch wenn es vielleicht nach Quatsch klingt.»

«Oh, du glaubst nicht, was hier alles abgegeben wird. Auch ganz wertvolle Dinge. Und so was hier …» Der Krausbart lässt die Zähne einer Gebissprothese klappern.

«Ich vermisse meinen Vater», sage ich. Nach dem letzten Wort muss ich trocken schlucken und bin kurz vorm Heulen. Ein Reflex.

Krausbart streicht sich durch seine strähnigen, silbernen Haare. Er nickt: Das wird wirklich schwierig. «Tja, wir haben da hinten ganze Hallen voll mit Männern, die ihre Familien im Stich gelassen haben. Die werden aber selten wieder abgeholt.» Er lässt einen Arm weit ausschwenken, deutet Richtung der abgelegenen Bereiche des Fundbüros.

Ich stelle mir vor, wie dort wirklich Männer Schulter an Schulter in Regalen sitzen, alles zwielichtige Gestalten. Merke, wie sich bei dieser Vorstellung meine Augenbrauen kritisch zusammenziehen: «Wieso sollte mein Vater denn so einer sein?»

«Hast recht. Kenne ihn ja gar nicht. Er ist doch hoffentlich nicht …» Der Krausbart vergräbt die Finger seiner rechten Hand im Bart, spricht nicht weiter.

«… gestorben?», helfe ich aus und zucke mit den Schultern. «Manchmal sage ich das, damit die Leute nicht so viel fragen. Manchmal wünsche ich mir das sogar. Weil, alle haben doch einen Vater. Nur ich nicht.» Ich senke den Blick.

Es ist nicht so leicht zu erklären, was ich mir von einer solcher Aktion wie dieser in Wahrheit erhoffe.

Ein Wunder?

Ein bisschen Mitleid und Aufmerksamkeit?

Wahrscheinlich auch. Aber am allermeisten vielleicht doch die Bestätigung, dass mein Protest gegen das Schicksal beim Rest der Welt auf Verständnis stößt. Wessen Wurzeln bitte hängen schon zur Hälfte in nebliger Luft?

«Keinen Vater? Wo gibt’s denn das?», fragt der Krausbart, als sich hinter mir die Tür zum Fundbüro wieder öffnet.

Schuhe mit hohen Absätzen klackern näher.

Krausbart riskiert einen Blick an mir vorbei: «Oder hat sich die Mama gedacht, was die Jungfrau Maria kann, kann ich auch?»

Ich schüttele den Kopf: «Nein, sie meint, ich bin das Souvenir von einem Kurzurlaub, einem sehr, sehr schönen Kurzurlaub.»

Die Besitzerin der hohen Schuhe kommt am Tresen neben mir an, knufft mich, küsst mir unter dem Saum der Mütze auf die Stirn, sagt: «Deine Mama meint: Du bist das wohl zielstrebigste und erstaunlichste kleine Mädchen, das sie kennt.»

Jasmin lächelt ein kleines Lächeln. Dann streckt sie die Hand aus, und als ich meine hineinlege, schließt sie sie sanft wieder.

 

Einschulung? Die erste Wunderkerze an Silvester? Die selbst gezogenen Milchzähne eins bis sieben? Es gibt Dinge im Leben, die lassen sich nicht wiederholen. Ist jemand nicht dabei, ist er nicht dabei. Und du bist nie dabei gewesen, bei keinem der sogenannten besonderen Ereignisse in meinem Leben. Und deshalb habe ich, das One-Night-Stand-Kind, Geburtstage nie gemocht. Deshalb hat sich die unheimliche Falltür in mir, hinter der sich ein dunkles Heckenlabyrinth verbirgt, zu dieser Zeit im Jahr immer besonders oft geöffnet.

«Soll ich dir mal was verraten, Pepper?», sagt Jasmin.

Wir entfernen uns vom Fundbüro, sie so schnell, dass ich an ihrer Hand kaum Schritt halten kann. «Die Tante von August hat hier mal ein vermisstes Fahrrad zurückbekommen», sage ich stur.

Jasmin ignoriert das. «Ich bin stolz darauf, eine eigensinnige Tochter zu haben, das kannst du mir glauben», sagt sie. «Trotzdem zum hundertsten Mal: Du bist nicht der einzige Mensch auf der Welt ohne Vater.»

«Komisch. Ich habe aber noch keinen getroffen, bei dem der Vater ein solches Geheimnis ist wie bei mir.»

«Adoptivkinder, Halbwaisen, Kinder, die nach künstlicher Befruchtung durch Samenspende zur Welt kommen und so weiter – wirklich, wie oft hatten wir das jetzt schon? Es gibt eine Menge Fälle, in denen man mit dem Erzeuger nicht viel zu tun hat. Das ist keine Schande.»

Inzwischen renne ich fast, um mit Jasmin Schritt zu halten. «Und was, wenn du plötzlich stirbst?»

Jasmin bleibt stehen – an einem Laternenmast, an dem sie ihren elektrischen Motorroller geparkt hat. Sonderfarbe und Folienbeklebung: Vorfahrt für mehr Grün! Während sie am Schloss hantiert, sagt sie: «Damit lasse ich mir Zeit, versprochen.» Jasmin öffnet eine Klappe, reicht mir einen Helm.

Ich setze ihn auf: «Das kann man nicht versprechen. Deine Eltern sind ja auch früh gestorben.» Ich klicke die Plastikverschlüsse am Kinnriemen zu. «Warum hilfst du mir nicht suchen?»

Jasmin geht vor mir in die Hocke, berührt mich an den Oberarmen: «Der Mann hat mir das Geschenk meines Lebens gemacht: dich. Mir reicht das. Mehr muss ich nicht wissen. Ich bereue nichts.»

Meine Augen füllen sich mit Tränen. Aber mir reicht das nicht: «Ich will nicht anders sein.» Durch den Schleier vor den Augen starre ich Jasmin an.