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Percy Stuart, ein millionenschwerer Gentleman aus Amerika, möchte in den angesehenen Excentric Club aufgenommen werden. Dafür muss er ungewöhnliche Aufgaben lösen.Mit Humor und innovativem Improvisationstalent geht er stilvoll und zielstrebig ans Werk.Dieses Buch enthält die folgenden Aufgaben:21. Aufgabe: Die rote Villa im Grunewald22. Aufgabe: Der rote Hermelin23. Aufgabe: In der Kiste von Petersburg nach Paris24. Aufgabe: Der blaue Diamant
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Seitenzahl: 161
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Kult Romane
Buch 22
Einleitung
Die rote Villa im Grunewald
von Joe Weyermoor
Diese Villa ist zu vermieten!
Schlag zwölf Uhr?
Das Geheimnis des Arztes
Eine furchtbare Entdeckung
Der rote Hermelin
von Martin Winfried
Ein sibirischer Jäger
Frankreich – Amerika – Russland
Die Samojedenfrau
Der echte und der falsche Hermelin
In der Kiste von Petersburg nach Paris
von Walter Gernsheim
Ein wohnliches Gefängnis
Dynamit
Ein ehrlicher Kaufmann
Auf dem Scheiterhaufen
Der blaue Diamant
von William Horst
Barney Barnato!
Eine Spur
Ein Affe entsprungen
Eine Verfolgung über die Dächer
Anmerkungen
Dieses Buch gehört zu unseren exklusiven Sammler-Editionen
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Copyright © 2024 BLITZ-Verlag
Hurster Straße 2a, 51570 Windeck
Redaktion: Gerd Lange
Scan- und Textbearbeitung: Peter Emmerich und Gerd Lange
Titelbild: Mignon-Verlag, Dresden 1921
Logo und Umschlaggestaltung: Mario Heyer
Satz: Gero Reimer
Alle Rechte vorbehalten.
www.Blitz-Verlag.de
ISBN: 978-….
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Percy Stuart, jung, sehr reich, unabhängig, liebenswürdig, ein Meister aller sportlichen Künste, hat es sich in den Kopf gesetzt, Mitglied des berühmten Excentric Clubs zu werden.
In diesen Klub werden nur Männer der vornehmsten Gesellschaft aufgenommen, die durch die tollsten Streiche, die man sich denken kann, den Beweis geliefert haben, dass sie keine Dutzendmenschen, sondern ungewöhnliche und merkwürdige Naturen sind. Aber Percy Stuart kann lange Zeit das heißersehnte Ziel nicht erreichen. Denn die Statuten des Klubs bestimmen ausdrücklich, dass niemals mehr als 197 Mitglieder aufgenommen werden können. Überdies hat Percy Stuart in dem Baronet Mac Hollister einen Todfeind, der unerbittlich mit allen Mitteln die Aufnahme des jungen Mannes hintertreibt. Aber Percy dringt mit Gewalt in den Sitzungssaal des Clubs ein und erreicht durch sein mehr als exzentrisches Auftreten, dass man um seinetwillen eine Ausnahme von den Statuten machen will. Es wird jedoch die Bedingung gestellt, dass er, Percy Stuart, ebenso viele, ihm durch die Klubleitung zu stellenden Aufgaben löst, als Mitglieder vorhanden sind, nämlich – 197.
Jede dieser Aufgaben bringt ihn in Lebensgefahr, jede dieser Aufgaben stellt an Percys Kraft, körperliche und geistige Gewandtheit, an seine Energie und seinen Ehrgeiz die größten Ansprüche. Es sind Aufgaben, die irgendein Alltagsmensch gewiss nicht versuchen würde zu lösen. Percy Stuart unterschreibt jedoch sofort freudig die Bedingung und erhält durch den Präsidenten des Excentric Clubs, Mr. William Spencer, einen versiegelten Brief, der die erste Aufgabe enthält. Diese Aufgabe löst Percy Stuart. Er besiegt drei Weltmeister, die bis dahin unüberwindlich galten, in drei Tagen. Kaum ist die erste Prüfung bestanden, so wird ihm ein zweiter Brief mit der zweiten Aufgabe zugestellt. Auch diese löst Percy Stuart. Nun folgt eine unlösbar erscheinende Aufgabe der anderen.
Die 21. Aufgabe lautet:
Die rote Villa im Grunewald wird ein eleganter Wohnsitz im Volksmunde genannt.
Während des letzten Jahres sind die vier Besitzer dieser Villa in der ersten Nacht, die sie in dem neuerworbenen Hause zubrachten, auf unerklärliche Weise aus einer von den Ärzten nicht festgestellten Ursache gestorben.
Percy Stuart wird hiermit aufgefordert, eine Nacht in der roten Villa im Grunewald zu durchleben und das Geheimnis zu enthüllen.
Der Excentric Club
„Mister Percy Stuart, New York?“, sagte Justizrat Malten zu seinem Bureauvorsteher, der ihm soeben eine Visitenkarte überreicht hatte. „Ich kenne den Herrn nicht. Lassen Sie ihn eintreten! Hat er Ihnen nicht gesagt, in welcher Angelegenheit er mich sprechen will?“
„Gewiss, Herr Justizrat! Mister Stuart kommt wegen der roten Villa im Grunewald.“
Das kleine Männchen mit der braunen Perücke auf dem kahlen Kopf und dem goldenen Zwicker auf der spitzen Nase zuckte leicht zusammen. Dann verzogen sich seine schmalen, spröden Lippen zu einem sauersüßen Lächeln.
„Wegen der roten Villa im Grunewald? So, so! Wie gesagt, lassen Sie den Herrn eintreten.“ Und mit einem Blick auf die Visitenkarte fuhr er wie im Selbstgespräch fort: „Scheint mir ein Amerikaner zu sein. Hoffentlich ist er nicht so wahnsinnig, die rote Villa kaufen zu wollen. Na, werden ja sehen, werden sehen!“
Und der Justizrat versank wieder in seinen großen, ledergepolsterten Sessel. Ein leichtes Hüsteln quälte sich aus seiner schmalen Brust. Justizrat Melken galt in Berlin als ein schwerreicher Mann. Freilich zeigte er seinen Reichtum nicht, sprach nie davon und lebte recht bescheiden. Er war Junggeselle, hatte weder für eine Frau noch für Kinder zu sorgen und war in seinen Gewohnheiten so eingerostet, dass er sich nur sehr schwer entschließen konnte, sich einmal einen neuen Rock anzuschaffen. Wenn das geschah, musste der alte Rock ihm schon wie Zunder vom Leibe fallen. Andererseits aber hielt der alte Justizrat stets auf größte Sauberkeit. Und das weiße Tuch, das er um seinen hohen Kragen geknöpft hatte, zeigte nie auch nur den kleinsten Flecken.
Jetzt öffnete sich die Tür. Percy Stuart trat ein.
Man konnte sich wohl keinen größeren Gegensatz denken als diese beiden Männer, die da einander gegenüberstanden. Der alte verknöcherte, zusammengeschrumpfte Justizrat mit seinem Mumiengesicht, und Percy Stuart mit seiner schlanken, geschmeidigen Gestalt, die durch die elegante Kleidung noch zu heben wusste, mit seinem rosigen Gesicht, seinen strahlenden grauen Augen und seinen verbindlichen Formen.
„Habe ich die Ehre, Herrn Justizrat Malten vor mir zu sehen?“, fragte er, indem er sich verneigte.
„Mein Name! Sie sind mir herzlich willkommen, Mister Percy Stuart. Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen und mir dann Ihr Anliegen vorzutragen. Ich hörte bereits von meinem Bureauvorsteher, dass es sich um die rote Villa im Grunewald handeln soll. Aber ich hoffe, mein Angestellter hat sich geirrt, vielleicht verhört. Ich hoffe wirklich, dass es eine andere Angelegenheit ist, die Sie zu mir führt.“
„Ihr Beamter hat sich durchaus nicht verhört“, antwortete Percy Stuart, indem er sich dem Justizrat gegenüber in einem der alten, verschossenen Sessel niederließ. „Ich habe ihm gegenüber die Absicht ausgesprochen, die rote Villa im Grunewald zu mieten oder zu kaufen, gleichviel.“
„So, so, mieten oder kaufen! Dann würde ich Ihnen vorschlagen, mein Herr, dass Sie es erst mal mit dem Mieten versuchen. Da sind Sie doch an dieses Haus nicht gebunden, und wenn Ihr Mietvertrag abläuft, können Sie es ja jederzeit verlassen.“
„Das könnte ich wohl auch, wenn ich die Villa gekauft hätte“, meinte Percy Stuart lächelnd. „Ich besitze sehr viele Grundstücke und sehr viele Häuser, und kann sie naturgemäß nicht alle bewohnen. Die Villa gefällt mir. Ich habe sie mir angesehen. Allerdings vorläufig nur von außen, denn mir fehlte die Möglichkeit, einzutreten. Ein wenig verwahrlost, aber so romantisch schön am See gelegen, mitten im Grunewald, in einer herrlichen, mir zusagenden Einsamkeit, dass sich der Wunsch in mir geregt hat, Bewohner dieser Villa zu werden.“
Der Justizrat begleitete jedes einzelne Wort, das Percy Stuart sprach, mit einem mechanischen Kopfnicken. „Sie haben die Villa innen nicht gesehen“, meinte er dann. „Natürlich, der Schlüssel befindet sich in meinem Gewahrsam, und niemand kann das Haus im Grunewald ohne meine Erlaubnis betreten.“
„Gerade deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Würden Sie die Güte haben, mir den Schlüssel für vierundzwanzig Stunden zu überlassen? Ich würde natürlich inzwischen ein Depot erlegen …“
„Bitte, bitte, davon kann ja gar nicht die Rede sein“, wehrte das kleine Männchen hastig. „Der Schlüssel steht Ihnen zur Verfügung. Aber ich möchte doch vorher mit Ihnen ein paar Worte über die rote Villa im Grunewald sprechen, oder hat man Ihnen vielleicht schon davon erzählt? Das Haus ist ja gegenwärtig hier in Berlin in aller Leute Mund. Man erzählt … nun also, um es Ihnen gerade heraus zu sagen: Es sind nicht die besten und angenehmsten Gerüchte, die über die rote Villa im Grunewald im Umlauf sind.“
„Ich habe davon schon etwas läuten hören!“, antwortete Percy Stuart. „Man erzählt von verschiedenen Todesfällen, die sich in der Villa zugetragen, von einer gewissen Wiederholung der Fälle, die darauf schließen lassen, dass es im Innern dieser Villa nicht ganz geheuer sei. Das ist natürlich Unsinn. Es gibt keine übernatürlichen Dinge, und alles geht ganz natürlich zu, am allernatürlichsten aber das Sterben der Menschen.“
„Ohne Zweifel, sterben müssen wir bekanntlich alle“, nickte der kleine Justizrat und rutschte unruhig in seinem Ledersessel hin und her. „Alle, aber ich möchte Sie doch darauf aufmerksam machen, dass in der roten Villa im Grunewald bisher überhaupt noch kein Besitzer oder Bewohner am Leben geblieben ist. Doch hören Sie! Ich halte es für das Beste, wenn ich Ihnen chronologisch die Fälle aufzähle, die sich in dieser Villa zugetragen. Ich will Ihnen einen kurzen Überblick über die Geschichte dieses Unglückshauses geben.“
Der Advokat zog eine alte, silberne Dose hervor, nahm bedächtig eine Prise und begann: „Mehr als fünfundzwanzig Jahre sind es her, da erhielt ich eines Tages einen Brief, in dem mir ein Herr, der sich Henry O’Connor nannte, mitteilte, dass er meinen Besuch in einer dringenden Angelegenheit wünsche. Er werde mir am Abend des Tages, an dem ich diesen Brief erhielte, einen Wagen schicken, der mich in seine Wohnung bringen werde. Es handle sich um die Abfassung eines Testamentes. Das schlug in mein Fach, und ich war natürlich sofort bereit, der Aufforderung Folge zu leisten. Und als gegen Abend der geschlossene Wagen vorfuhr, stieg ich ein.
Ich hatte eine ziemlich lange Fahrt zu machen. Sie führte mich hinaus in den Grunewald.
Endlich hielt der Wagen vor einer großen, zweistöckigen Villa, die dicht am Schlachtensee stand. Der Kutschenschlag wurde von einem alten Diener geöffnet. Der führte mich sofort in das Haus hinein. Während ich auf das Haus zuschritt, machte ich trotz der Dunkelheit eine Entdeckung, die mich reichlich verwunderte. Die ganze Villa schien aus einem rosenfarbenen Holz erbaut. Hier und da war wohl auch Mauerwerk zu sehen. Aber in der Hauptsache war das Baumaterial eben dieses Holz, das unmöglich aus Deutschland stammen konnte.
Ich wurde in ein elegant möbliertes Arbeitszimmer geführt. Kaum hatte ich mich dort niedergelassen, so öffnete sich eine Tür, und Henry O’Connor trat ein. Es war ein Mann von etwa siebzig Jahren, von hoher, ungebeugter Gestalt, mit einem weißen Knebelbart und einem hageren, gebräunten Gesicht. Er begrüßte mich höflich und teilte mir dann kurz mit, dass er ein Testament zu machen wünsche. Er wollte alles, was er besaß, und er verfügte über Millionen, seiner Gattin Lilian vermachen, jedoch nur unter einer unerlässlichen Bedingung.
Und diese Bedingung?, fragte ich.
Meine Frau soll bis zu meinem Tode diese Villa nicht verlassen, soll niemals in Gesellschaft gehen, niemals Theater oder Konzerte besuchen und niemals mit einem anderen Manne zusammenkommen als mit mir und meinem alten Diener.
Über diese seltsame Bedingung machte ich mir natürlich meine eigenen Gedanken. Der alte Herr musste eine recht junge Frau geheiratet haben. Nun peinigte ihn die Eifersucht.
Und während ich das noch dachte, ging die Tür auf. Eine junge Frau trat ein, so schön, dass ich vor Staunen wie gebannt war. Allein schon ihre Augen, ihre tiefen, dunklen, glänzenden Augen waren ein Märchen. Sie schien nicht gewusst zu haben, dass ihr Gatte Besuch hatte. Denn mit einem leichten Schrei fuhr sie zurück und wollte das Zimmer eilig wieder verlassen.
Aber O’Connor ergriff ihre Hand. Meine Liebe, gestatte, dass ich dir Justizrat Malten vorstelle. Er ist hier, um mit mir den Wortlaut meines Testaments festzulegen.
Ein Testament?, fragte sie ganz bestürzt. Oh, Liebster, du denkst doch nicht ans Sterben? Nein, nein, du wirst noch recht lange leben, und wir werden sehr glücklich sein.
In Henry O’Connors Augen blitzte es auf. Er machte eine Bewegung, als wollte er das entzückende, schöne, junge Geschöpf an sich ziehen. Aber er beherrschte sich und jagte nur mit heller, freundlicher Stimme: Es ist nur für alle Fälle. Und nun, Lilian, bitte ich dich, lass mich mit dem Herrn allein. Bereite aber das Souper vor! Der Herr wird mit uns zu Abend speisen.
Sie zog sich zurück und wir gingen an die Arbeit. In einer Stunde bereits war das Testament fertig. Ich ersah daraus, dass Henry O’Connor ein Mann war, der zumindest über ein Vermögen von zehn Millionen verfügte. Überdies besaß er viele Brillanten, Edelsteine und kostbare Antiquitäten. Er war zuerst sehr zurückhaltend wurde aber später recht gesprächig.
Er erzählte mir, dass er als armer Mensch hinübergegangen sei nach Indien, und dass er sich drüben allmählich diese großen Reichtümer erworben hätte. Allerdings habe er ein Leben voll härtester Arbeit hinter sich. Denn nur mit größter Mühe und unter beständigen Entbehrungen und Gefahren habe er sich im Innern des Märchenlandes Indien seine Erfolge erringen können.
Vor zwei Jahren, fuhr er dann fort, besann ich mich dann plötzlich darauf, dass es doch Torheit wäre, weiterzuarbeiten und immer nur Gold anzuhäufen. Ich erinnerte mich daran, dass das Leben doch auch dazu da sei, genossen zu werden. Und so liquidierte ich denn, brachte meine Gelder in sicheren Banken unter und kehrte nach Europa zurück. Ich lebte zuerst ein paar Wochen in London und ging dann nach Paris. Dort lernte ich meine Frau kennen, die … nun, einem Manne, dem man sein Testament anvertraut, kann man ja schließlich auch andere Geheimnisse enthüllen … Lilian war ein armes Mädchen, das in einem Blumengeschäft für ein paar Franks die Woche sich die zarten Hände wund arbeiten musste. Aus diesem Joch befreite ich sie. Sie wurde meine Frau, und ich gestehe Ihnen, mein lieber Justizrat, dass ich der glücklichste Mensch von der Welt wäre …, wenn mich nicht ein Gedanke quälte. Der Gedanke, dass Lilian mir jemals untreu werden könnte. Wenn ich nur … nein, nein, nichts davon! Das wäre ein unberechenbares Unglück für mich und für das … Weib!
Wir wurden durch den alten Diener zum Souper gerufen, und ich verweilte noch eine volle Stunde in der roten Villa.
Sie haben sich wahrscheinlich darüber gewundert, wandte sich O’Connor einmal lächelnd an mich, dass ich das Haus zum größten Teil aus Holz errichtet habe. Das ist ein Holz, wie man es in Europa nicht kennt. Ich habe mir diese kostbare Holzart aus Indien herüberbringen lassen, eine ganze riesige Schiffsladung, und ich kann Ihnen die Versicherung geben, dass dieses rote Holz fester und besser ist als irgendeine Mauer, da es im Winter die Kälte abhält und im Sommer die herrlichste Kühle garantiert. Übrigens haben mir die Leute drüben in Indien versichert, dass das Ozon, das dieses Holz ausströmt, ungemein gesund sein soll. In Indien behauptet man, wer in einem solchen Hause lebt, der erreicht ein hohes Alter!
Das will ich den Herrschaften von ganzem Herzen wünschen, sagte ich, und bald darauf verließ ich das Haus und wurde von dem Wagen, der mich dahin gebracht hatte, wieder nach Berlin zurückgefahren. Insoweit wäre also alles in bester Ordnung gewesen“, fuhr der Notar fort, indem er wieder eine Prise nahm. „Ich deponierte das Testament bei Gericht, und es vergingen volle vier Monate, ohne dass ich von Henry O’Connor irgendetwas hörte. Da eines Abends, als ich mein Bureau bereits schließen wollte, trat er ganz unvermutet bei mir ein.
Mein lieber Justizrat, sagte er zu mir indem er einen Bund Schlüssel vor mich hinlegte. Wir treten eine längere Reise an. Ich möchte Sie bitten, bis zu meiner Rückkehr die rote Villa im Grunewald für mich zu verwalten. Natürlich braucht sie nicht geöffnet zu werden. Nur sie allein haben das Recht, die Villa zu betreten. Im Übrigen sind ja alle Bestimmungen über den Besitz der Villa für den Fall meines Todes in meinem Testament enthalten. Das wissen Sie ja alles bereits, Herr Justizrat. Und nun gestatten Sie mir noch, Sie für Ihre Mühewaltung auf zwei Jahre im Voraus zu bezahlen. Nehmen Sie diesen Scheck, so! Und jetzt möchte ich mich verabschieden. Ich muss so schnell wie möglich nach dem Bahnhof. Ich werde dort erwartet.
Fort war er. Ich nahm als sicher an, dass er mit seiner jungen Frau eine längere Vergnügungsreise angetreten hätte. Schließlich konnte man es der schönen Lilian ja auch nicht verdenken, wenn sie ihre Tage nicht immer wie eine Gefangene in der roten Villa im Grunewald zubringen wollte.
Wenige Tage später besuchte mich ein Vertreter der Gothaer Feuerversicherung. Er sagte mir, die Versicherung der roten Villa und ihrer Einrichtung sei abgelaufen und müsse erneuert werden. Da ich die Vollmacht des Besitzers hatte, erklärte ich ihm: Gut! Wir werden die Versicherung erneuern.
Dazu müsste ich aber die Villa unbedingt noch einmal sehen, meinte der Beamte. Ich muss mich davon überzeugen, ob die Werte, die bisher versichert waren, auch wirklich noch vorhanden sind.
Das war ganz korrekt gehandelt, und ich lud den Herrn ein, mich nach der roten Villa im Grunewald, so hieß sie damals schon im Volksmund, zu begleiten. Wir nahmen einen Wagen und hielten bald vor der roten Villa im Grunewald. Ich zog die Schlüssel hervor und öffnete selbst die Tür. Tiefes Schweigen war in diesem Hause, als wir beide eintraten. Als wir in das Arbeitszimmer O’Connors kamen, in dem ich damals das Testament aufgenommen hatte, sah ich, dass der Besitzer der Villa offenbar in großer Hast abgereist war. Da lag noch alles so, als wäre er nur ausgegangen und müsste jeden Augenblick wiederkommen. Einige Kasten des Schreibtischs standen offen, auf der Schreibtischplatte lagen Papiere verstreut. Auf einem türkischen Diwan fand ich zu meinem größten Erstaunen einen Revolver.
Damit muss man vorsichtig umgehen, sagte ich zu dem Agenten. Man weiß nicht, ob er noch geladen ist.
Mein Begleiter sah sofort nach und stellte fest, dass alle Kammern abgeschossen waren. Es steckte keine Patrone mehr darin. Nun öffneten wir die Tür, die zum Schlafzimmer der schönen Mrs. Lilian führte. Kaum waren wir dort eingetreten, als wir beide entsetzt zurückprallten. Ein fürchterliches, grauenerregendes Bild bot sich uns dar. Quer über dem Bett lag die junge Frau und zu ihren Füßen auf dem Teppich ein junger, dunkelbärtiger Mann. Beide schienen vor mehreren Tagen gestorben zu sein. Beide waren erschossen. Der jungen Frau war eine Kugel in die Brust gedrungen. Im Körper des Mannes fand man später nicht weniger als vier Geschosse. Wir schlugen sofort Lärm. Die Polizei kam, dann eine Gerichtkommission, und die ganze Sache nahm ihren vorschriftsmäßigen Gang.
