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Er hat ihr Leben zerstört − nun will sie ihn zu Fall bringen. Die düster-romantische Buchvorlage zum Kinofilm. Von Liebe, Leidenschaft und Rache »Als mir klar wird, dass ich Kayden zum ersten Mal auf diese Weise berühre, setzt mein Herz aus. Ich blicke hoch und sehe, wie er seine grauen Augen auf mich gerichtet hat, ein unleserlicher Ausdruck liegt auf seinem Gesicht. Verdammt, ich könnte mich für immer in seinen Augen verlieren.« Jax und Sienna waren das perfekte Paar: Er der skrupellose gefürchtete Kämpfer und Favorit für den größten illegalen Kampf der Saison, sie seine Partnerin. Doch das war, bevor Jax sie mit ihrer eigenen Schwester betrog. Von einem Moment auf den anderen steht Sienna auf der Straße, ohne Freund, ohne Schwester, ohne Wohnung. Getrieben von Hass und Verzweiflung schmiedet sie einen Plan, um sich für die Demütigung und den Verrat zu rächen. Dafür geht sie einen Deal mit dem abweisenden Kayden ein, Jax' größtem Rivalen im Ring. Während der gemeinsamen Trainingsstunden kommen Sienna und Kayden einander näher und keiner von ihnen kann die entstehenden Gefühle und die Leidenschaft verleugnen. Aber kann eine Beziehung unter diesen Umständen funktionieren? Und Siennas verzweifelter Wunsch nach Rache droht, alles zu zerstören ...
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Mehr über unsere Autoren und Bücher: www.piper.de
Bei »Perfect Addiction« handelt es sich um eine übersetzte Version des erstmals auf Wattpad.com von claudiaoverhere ab 2015 unter dem Titel »Perfect Addiction« veröffentlichten Textes.
Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »Perfect Addiction« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.
Deutsche Erstausgabe
© 2022 by Claudia Tan. The author is represented by Wattpad WEBTOON Studios.
Titel der Originalausgabe: »Perfect Addiction« in Canada by Wattpad WEBTOON Book Group, 2022
© der deutschsprachigen Ausgabe: Piper Verlag GmbH, München 2024
Übersetzung aus dem Englischen: Mila Reki
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
Covergestaltung: FAVORITBUERO, München
Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt
Button: © Constantin Film Vertriebs GmbH
Fotografin: Anne Wilk
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Cover & Impressum
Widmung
Triggerwarnung
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
Fünfundzwanzig
Sechsundzwanzig
Siebenundzwanzig
Achtundzwanzig
Neunundzwanzig
Dreißig
Einunddreißig
Zweiunddreißig
Dreiunddreißig
Vierunddreißig
Fünfunddreißig
Sechsunddreißig
Vier Monate später
Siebenunddreißig
Danksagung
Contentnote
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Für meine Leserschaft –
Ihr wisst, ich bin »lucky«, jeden Einzelnen von euch zu haben.
Vielen Dank dafür, dass ihr mit mir und diesen Protagonisten aufgewachsen seid.
In diesem Buch sind Themen enthalten, die triggernd wirken können. Am Ende des Textes findet sich eine Aufzählung, die jedoch den Verlauf der Geschichte spoilern kann.
Wir wünschen ein bestmögliches Leseerlebnis.
Treffer.
Ich stehe im Wohnzimmer unserer Wohnung. Es ist dunkel, nur unter der Zimmertür meiner Schwester dringt ein schwacher Lichtschein hervor. Ich ziehe meine Jacke aus und werfe die Schlüssel in die Schale auf dem Schuhschrank. Sie klirren leise im Dunkeln.
Treffer.
»Beth?«, rufe ich, doch meine Stimme geht im Grollen eines Donners unter, das von draußen hereindringt. »Beth, bist du beschäftigt?«
Treffer.
Seit meine Schwester Beth und ich in dieses Apartment gezogen sind, hat sich bei uns eine gewisse Routine eingestellt. Wenn ich abends aus meiner Schicht im Fitnessstudio nach Hause komme, ist sie meistens in ihrem Zimmer, hibbelig von ihrem dritten Latte und in ihre Aufgaben vertieft. Und wenn mein Freund Jax vor mir vom Training kommt, empfängt er mich auf dem Bett, frisch geduscht und mit offenen Armen.
So sollte es auch sein.
Treffer.
Ich hatte nicht erwartet, an diesem Tag früher von der Arbeit zu kommen, doch einer meiner Schüler war nicht aufgetaucht und Julian hatte mich gehen lassen. Ehrlicherweise bin ich froh darüber, denn ich bin mehr als bereit, ins Wochenende zu starten. Ich frage mich, ob es Beth auch so geht. Wir könnten Essen bestellen und die Gilmore Girls anschalten, wie immer.
Treffer.
Ich erreiche die Tür meiner Schwester, die Hand schon zum Anklopfen gehoben, als ich eine leise Männerstimme höre, unterlegt vom Quietschen des Bettes. Ich lasse meine Hand sinken, plötzlich verlegen. Beth hat gar nicht gesagt, dass sie heute Nacht jemanden hierhaben würde. Sie hatte noch nie jemanden da, daher ist das neu für mich. Ich wünschte, sie hätte mir eine kurze Nachricht geschickt, dann hätte ich ihr mehr Privatsphäre geben können. Normalerweise schreibe ich ihr, wenn Jax und ich dringend etwas Zeit zu zweit brauchen. Ich wende mich von der Tür ab; vielleicht erzählt sie mir später von diesem mysteriösen Mann.
Doch dann … höre ich es.
»O Jax«, stöhnt Beth.
Ich bin wie paralysiert, taumele zurück, bis ich mit dem Rücken gegen die Wand pralle.
Treffer.
Das schreckliche Quietschen des Bettes endet abrupt, ich höre hektisches Rascheln, bevor die Tür aufgestoßen wird. Jax und Beth starren mich schockiert und mit schuldbewussten Mienen an.
Treffer. Treffer. Treffer.
Jax’ Atem geht rasch und schwer, als er mich ansieht. Bei diesem Blick fühle ich, wie mein Herz zerreißt.
»Prinzessin!« Er kommt auf mich zu, streckt den Arm nach mir aus. Ich weiche zurück. »Prinzessin, warte …«
»Wie lange?«, krächze ich. Ich bin überrascht, überhaupt etwas herauszubringen.
Jax’ Mund steht offen, er schweigt. Beth zuckt bei meinem scharfen Tonfall zusammen, und in der Sekunde habe ich Mitleid mit ihr. Doch dann nehme ich die Szene in vollem Ausmaß wahr: Jax nur in eine Bettdecke gewickelt, Beth trägt ein Shirt, das nicht ihr gehört.
Jax’ Shirt.
»Wie lange?«, schreie ich, meine Stimme bricht fast.
»Ein paar Monate«, bringt Beth hervor.
Mein Herz schmerzt fürchterlich. Ich kann es verdammt noch mal nicht glauben.
Mein Freund und meine Schwester. Ficken in unserer Wohnung miteinander. Seit Monaten. Während er auch noch mich gefickt hat.
Treffer. Treffer.
Ich muss so schnell wie möglich hier raus. Ich wirbele herum und gehe direkt auf die Tür zu. Meine Schwester beginnt hysterisch zu schluchzen, während Jax versucht, die Situation herunterzuspielen. Eine Welle an Entschuldigungen, die aus jedem schlechten Betrugsfilm stammen könnten. »Wir haben nur etwas herumgemacht … Es ist einfach so passiert … Ich schwöre, wir wollten dich nicht verletzen.«
Gott, wie dumm kann man sein? Natürlich wollten sie mich damit verletzen. Andernfalls hätten sie es gar nicht erst getan!
Ich kann nicht atmen. Meine Brust schmerzt, während sie mir weiter ihre dummen, halbherzigen Entschuldigungen an den Kopf schmeißen. Bis ich genug davon habe und die in mir brodelnden Emotionen überkochen.
»Hört auf!«, schreie ich, als ich mich zu ihnen umdrehe. Doch das tun sie nicht, und je mehr sie auf mich einreden, desto hektischer schnappe ich nach Luft. Ich fühle mich benommen. Überwältigt. Ich versuche die Kontrolle zurückzubekommen, doch die Welt um mich herum taumelt.
»Hört auf! Hört auf! Hört auf!«
Treffer. Treffer Treffer.
»Hör auf, Sienna!«, sage ich zu mir selbst, als der Sandsack zurückschwingt und mich trifft. Ich stolpere, meine Beine geben schließlich nach. Ich falle, lande mit einem Aufprall und ringe nach Luft. »Scheiße.«
Ich wickele die Bandagen von meinen Händen und werfe sie durch die Halle, so fest ich kann. Schweiß und Tränen laufen über mein Gesicht, während ich versuche, meinen Atem wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ich greife in mein Haar, es ist ein wirres Durcheinander und klebt in meinem Gesicht. Meine Hände tun weh, und als ich sie vor mir ausstrecke, sehe ich die roten Flecken auf meinen Knöcheln.
Sieht so aus, als wäre es keine gute Idee gewesen, die Boxhandschuhe wegzulassen, denke ich. Ich könnte mich schlagen dafür, so blöd gewesen zu sein. Ich wusste, es war dumm, und habe es trotzdem getan. Es heißt, dass körperlicher Schmerz den emotionalen überdeckt. Das ist purer Blödsinn. Ich fühle beide, roh und eindeutig.
Tränen laufen mir übers Gesicht, als ich einen Verband nehme und ihn um meine Knöchel wickle. Sie werden wahrscheinlich noch eine Weile wehtun, was heißt, dass ich mir ein paar Tage freinehmen muss, um sie heilen zu lassen.
Ich bin ins Fitnessstudio gekommen, nachdem ich es über mich gebracht hatte, noch einmal ins Apartment zurückzukehren, um mein Zeug zu holen. Jax war dieses Mal nicht da, und Beth hat wenig getan, um mich aufzuhalten. Das war auch besser so, sonst wäre es hässlich geworden.
Nun bin ich hier. Das Universal Fighter’s Gym war immer eine Art sicherer Hafen für mich, der Platz, an dem ich mich am meisten zu Hause fühle. Ich arbeite seit dem letzten Sommer als Mixed Martial Arts-Trainerin hier und bin entschlossen, das in Vollzeit zu machen, sobald ich das College abgeschlossen habe.
Aber auch wenn ich mit dem Chef des Ladens – Julian – auf gutem Fuß stehe, würde er mich umbringen, wenn er herausfände, dass ich das Studio als Schlafplatz nutze.
Ich schnappe mir meine Sachen, trete hinaus und schließe hinter mir ab. Es regnet. Nervös beiße ich mir auf die Lippe, denn mir ist klar, dass ich nirgendwo hingehen kann. Ich kann nicht zurück in die Wohnung. Beth ist dort, und ich würde mich lieber umbringen, als ihr noch einmal zu begegnen.
Jax’ Wohnung? Nicht besser als Beths. Mein Ex-Freund und meine Schwester sind für mich gestorben.
Freunde? Ich habe alle Freundschaften beendet, als ich herausgefunden habe, dass sie lange vor mir von der Affäre wussten und mir nichts davon erzählt haben.
Bleibt nur noch die Familie.
Ich kann nicht zu Dad gehen. Ich hasse ihn immer noch dafür, dass er Mom verlassen und ein neues Leben ohne mich angefangen hat. Und Mom? Ich weiß nicht, wo sie ist. Zuletzt habe ich was von ihr gehört, als sie mit Fremden in Rio am Feiern war.
Der Regen wird stärker, zuerst nur leicht, aber bald schon ertränkt er mich. Mein Haar und meine Kleidung sind bereits durchnässt, meine Beine mit Schlamm bedeckt.
Ich wische mir den Regen aus dem Gesicht, aber ich glaube, es sind eher Tränen. Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht regnet es Tränen.
Ich habe kein Zuhause. Keine Freunde. Keine Familie. Keinen Freund und keine Schwester. Ich glaube nicht, dass ich vorher jemals so einen Tiefpunkt erreicht hatte.
Bitterer Groll kriecht in mir hoch und bringt meine Wut zum Kochen. Wie konnten sie nur? Wie konnten sie mir das Herz herausreißen? Ich hätte nie gedacht, dass sie so hinterhältig sein könnten. Vor allem meine Schwester. Süße, sanfte Beth. Sie und ich sind so unterschiedlich, dass unsere Freunde oft vergessen, dass wir verwandt sind. Sosehr ich auch wie sie sein wollte, ich konnte mich nie dazu bringen, Problemen aus dem Weg zu gehen. Aber das heißt nicht, dass Beth und ich nicht gut miteinander ausgekommen wären. Wir haben uns gestritten, wie Schwestern es eben tun, aber wenn es hart auf hart kam, standen wir füreinander ein. Erst recht nach der Scheidung unserer Eltern.
Als sie letztes Jahr die Highschool abschloss, hielt ich es für eine tolle Idee, zusammen in die Stadt zu ziehen. Es war auf jeden Fall eine angenehme Lösung: Wir hatten unseren Abstand zu Dad, und da wir beide die Boston University besuchen, war es so viel besser, als mit Unbekannten zusammenzuleben Wer hätte gedacht, dass es für sie auch angenehm wäre, mit meinem Freund zu schlafen?
Und Jax. Verdammter Jax. Ich war mir so sicher, dass unsere Beziehung für die Ewigkeit wäre. Ich habe ihn getroffen, kurz nachdem meine Eltern ihre Scheidung verkündet hatten, und er hat mir durch ein paar der dunkelsten Momente meines Lebens geholfen. Jungs waren immer schwierig für mich, doch mit Jax war es so einfach. Schon damals hatte er eine gefährliche Seite an sich, die zu verführerisch war, um sich von ihm fernzuhalten. Ich liebte es. Und ich liebte es, dass er verstand, welcher Aufruhr in mir tobte, und mir dabei half, mich selbst so zu schätzen, wie ich wirklich war.
Ich bin nichts ohne ihn. Nur eine leere Hülle.
Ein Auto rast so schnell durch eine Pfütze vorbei, dass das Wasser in meine Richtung spritzt. Es durchnässt mich noch mehr, aber ich bin zu müde, um mich weiter darum zu kümmern. Ich habe bereits alle Stufen der Erbärmlichkeit hinter mir gelassen.
Ich renne zur nächsten Bushaltestelle und suche auf meinem Handy nach einer Unterkunft für die Nacht. Ein paar Straßen weiter ist ein billiges Hotel, und da ich zu stur bin, mir für die kurze Strecke ein Taxi zu rufen, sprinte ich dorthin.
Ich betrete die dämmerige Lobby, tropfend nass, wie ich bin. Am Empfang sitzt eine Frau, die mich mit Missfallen mustert. Sie sieht aus, als wäre sie auch lieber irgendwo anders als hier.
»Hallo«, sage ich und lege meinen Arm auf den Tresen. »Ich brauche ein Zimmer für heute Nacht.«
Sie starrt mich noch zehn Sekunden lang an, bevor sie seufzt, einen Schlüssel nimmt und ihn mir zuwirft. »Zweiter Stock. Zimmer 104«, sagt sie. »Genießen Sie Ihren Aufenthalt.«
Mich die Treppen hinaufzuschleppen ist eine Herausforderung in den schweren nassen Sachen. Als ich die Tür zu meinem Zimmer öffne, trifft mich der Geruch. Es riecht steril hier, als hätte ein Mord stattgefunden und die Tatortreiniger hätten alles sauber geschrubbt. Doch der Anblick eines gemütlichen Bettes und eines sauberen Badezimmers reicht aus, um mich den unangenehmen Geruch vergessen zu lassen.
Ich schäle mich aus meinen Klamotten und springe unter die Dusche, dann mache ich mich bettfertig. Ich ziehe die Decke über mich, stecke sie fest und versuche, mein Gehirn abzuschalten.
Ich kann nicht schlafen.
Der Albtraum, Jax mit Beth im Bett vorgefunden zu haben, spielt sich wieder und wieder vor meinem inneren Auge ab. Jedes Mal, wenn ich die Lider schließe, sehe ich es – seine Hände auf ihrer Haut, seine Küsse auf ihrer Kehle, seine Hüfte an ihrer, so leidenschaftlich, dass sie tief aufstöhnt. Gott, mir ist wieder schlecht.
Wie konnte ich davon so überrascht werden? Es muss doch Anzeichen gegeben haben, die ich als simple Paranoia abgetan habe. Momente, in denen Jax und Beth einander etwas zu nah, zu vertraut waren. Ich krame in meinem Gedächtnis und hinterfrage jedes ihrer Worte, doch ich finde nichts Auffälliges. Vielleicht haben sie es gut vor mir versteckt, oder ich war nur zu blind, es zu sehen. Ich habe Jax und Beth mein Leben anvertraut.
Und nun fühle ich mich wie eine verdammte Närrin.
Die Erschöpfung wird verdrängt von neuer Wut. Denken Jax und Beth wirklich, sie können mir ein Messer ins Herz rammen und dann einfach so davonkommen? Das werde ich auf gar keinen Fall zulassen. Ich wurde schon so oft verletzt, doch dieses Mal fühlt es sich anders an. Ich fühle einen wilden, ungezähmten Zorn.
Ich wälze mich im Bett herum und beiße die Zähne aufeinander.
Ich werde keinem von ihnen die Genugtuung geben, mich zu brechen. Denn ich kann nicht zerbrechen. Es liegt einfach nicht in meiner Natur.
Ich mag hingefallen sein, aber ich bin mir sicher, dass ich wieder aufstehen kann.
Ich bin nicht schwach.
Nein.
Ich bin eine Kämpferin.
Und ich werde Jax und Beth dafür bezahlen lassen.
Es wird ihnen leidtun, dass sie sich jemals mit mir angelegt haben.
Das Hotel liegt nicht weit vom Campus entfernt. Das schlechte Wetter von gestern ist weitergezogen, und die Sonne scheint. Ich vermisse den Regen – er verströmt einen gewissen Trost, wenn einem gerade das Herz in Stücke gerissen wurde.
Meine Hand schmerzt. Hin und wieder bleibe ich kurz stehen und passe den Verband über meinen Knöcheln an. Jedes Mal, wenn ich ihn neu wickle, ziehe ich ihn fester.
Mein Unterricht beginnt erst in einer halben Stunde, und während ich mich normalerweise darauf freue, sind nun vier lange Unterrichtsstunden das Letzte, was ich ertragen möchte. Ich gehe dennoch hin und hoffe, dass es mich von der Scheiße letzte Nacht ablenkt.
Ich suche mir den unauffälligsten Platz aus, im hinteren oberen Teil des Hörsaals. Hier errege ich keine Aufmerksamkeit. Ich halte meinen Kopf gesenkt und ziehe mir die Kapuze meines marineblauen Hoodies über, um meine blonden Haare zu verbergen. Ich betrachte mein Spiegelbild auf dem Display meines Handys und bin schockiert, wie schlecht ich aussehe. Ich habe dunkle Ringe unter den Augen und wirke völlig fertig.
Da ich nicht viel an meinem Aussehen ändern kann, stecke ich mein Handy weg. So langsam füllt sich der Hörsaal, die meisten Plätze sind schnell besetzt. Den Sitz zu meiner Rechten halte ich für Brent frei. Als er mich sieht, winkt er, kommt hoch und setzt sich.
Ich kenne Brent noch nicht lange, doch seitdem ich ihn am ersten Tag getroffen habe, ist er das Beste, was mir in diesem Fach hätte passieren können. Wir teilen unsere Notizen – oder, genauer gesagt, er teilt seine mit mir – und hin und wieder kitschige Anmachsprüche, um uns gegenseitig zum Lachen zu bringen.
»Was hast du für mich, Jacobs?« Ich klicke mit meinem Kuli. »Schieß los.«
»Bist du meine Hausaufgabe? Denn ich würde dich am liebsten auf meinen Schreibtisch knallen und die ganze Nacht lang bearbeiten.«
»O Gott.« Wir lachen. Jetzt fühle ich mich gleich viel besser. Es hilft, den ganzen Mist zu ertragen, den ich in den letzten Tagen durchmachen musste.
Brent grinst und klappt einen Pizzakarton auf, in dem sich einige Stücke Pepperonipizza befinden. »Ich habe ein paar vom Food Sale bekommen. Ich weiß, dass du mit Arbeit und so immer sehr beschäftigt bist, aber vielleicht hast du Lust auf Mittagessen?«
»Danke für das Angebot, aber heute nicht«, weiche ich aus und möchte nicht näher darauf eingehen. Doch es reicht, um seine Neugier zu erregen. Er betrachtet mich überrascht.
»Was zur Hölle ist denn mit dir passiert?« Er zieht die Augenbrauen zusammen. »Du siehst aus, als wäre Godzilla auf dich getreten.«
»Danke auch.« Ich versuche, den allzu ehrlichen Kommentar hinunterzuschlucken. »Ich habe mich von meinem Freund getrennt, okay?«, sage ich ein bisschen zu hart. »Er hat mich mit meiner Schwester betrogen, und jetzt habe ich keine Bleibe mehr, weil ich die beiden nicht mal mehr ansehen kann, ohne sie schlagen zu wollen.«
»Verdammte Scheiße.« Sein Mund steht offen. »Das tut mir so leid. Was wirst du jetzt tun?«
»Ich komme schon klar.« Ich zucke mit den Schultern, auch wenn ich meinen eigenen Worten nicht glaube. »Ich wollte es bei den Wohnheimen hier auf dem Campus versuchen. Vielleicht gibt es ein freies Zimmer. Aber da das Semester schon begonnen hat …«
Brent runzelt die Stirn, seine Brille rutscht leicht herunter. Er rückt sie wieder zurecht und räuspert sich. »Ein Studienfreund von mir … er vermietet ein Zimmer in seiner Wohnung in Allston. Du kannst es bei ihm versuchen.«
Ein Flackern der Hoffnung – endlich. »Großartig! Das ist großartig. Wo kann ich ihn finden?«
Brent lächelt, und es ist ein Lächeln, das seine Augen erreicht. Er merkt, dass er mir gerade irgendwie das Leben gerettet hat, also kramt er ein Post-it heraus und kritzelt etwas darauf. Als er es mir überreicht, erkenne ich, dass es eine Adresse ist.
»Sein Name ist Kayden«, sagt Brent. »Aber sei vorsichtig, okay? Er kann … schwierig sein.«
Schwierig? Klingt nicht sehr vielversprechend. »Du schickst mich nicht in das Haus eines Serienmörders, oder?« Ich schnippe mit den Fingern und klebe das Post-it auf meinen Notizblock. Dann starre ich es eine Weile an. Kayden Williams? Der Name kommt mir bekannt vor. Vielleicht hat Julian ihn schon einmal erwähnt, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich es bald herausfinden werde.
»Es wird schon gut gehen. Denke ich«, sagt Brent ein bisschen zögerlich. Er hat nicht abgestritten, dass Kayden ein Serienmörder ist. Das verstärkt meine Skepsis.
»Also gut … Irgendwelche Tipps, um mit ihm klarzukommen?«
Brent überlegt kurz. »Sei nicht du selbst«, schlägt er hilfsbereit vor.
Ich schnaube. »Okay, schon verstanden.« Ich hoffe, das klappt. Denn ich weiß nicht, ob ich eine weitere Nacht als Obdachlose überlebe.
***
Nachdem der Unterricht vorbei ist, nehme ich das Post-it zur Hand und starre auf die Adresse. Ich tippe sie in mein Handy ein und verwende Google Maps, um sie zu finden. Es ist gar nicht so weit weg von hier, nur fünfundzwanzig Minuten zu Fuß vom Campus, worüber ich sehr froh bin. Beths und mein Apartment lag ätzende vierzig Minuten entfernt von der Innenstadt.
Ich beiße die Zähne zusammen, weil ich an die beiden denken muss. Als ich heute Morgen aufgewacht bin, hatte ich eine ganze Reihe verpasster Anrufe und Textnachrichten, die meisten von Beth, die mich bittet, mir alles erklären zu dürfen, und die mir sagt, dass sie mich vermisst. Nachdem ich sie überflogen hatte, habe ich ihre Nummer blockiert. Ich will sie gerade hassen und mich nicht schuldig fühlen, weil ich gegangen bin und ihre Nachrichten ignoriere.
Ein paar Texte sind auch von meinem Vater, den ich anrufen soll, und ich hoffe, er will nicht, dass ich mich mit Beth versöhne.
Zumindest Jax behelligt mich nicht mit Nachrichten. Er denkt vermutlich, dass ich als Erste nachgeben und ihn anrufen werde. Jax hat ein zu großes Ego, um mich zu bitten, nach Hause zu kommen. Seine gleichgültige Art war eine der Eigenschaften, die ich so an ihm bewundert habe. Er ist selbstbewusst – oft bis hin zu arrogant –, und es macht ihn unverletzlich gegenüber allen anderen.
Aber nicht heute.
Es gibt wenig, was Jax etwas bedeutet – tatsächlich gab es neben mir und dem Kämpfen nichts anderes. Jax lebt und atmet MMA. Wir haben zusammen im UFG trainiert, und diese Stunden inspirierten mich dazu, eine professionelle Karriere daraus zu machen.
Wenn ich ihn erwischen will, könnte ich mit ihm in den Ring steigen. Vielleicht würde ich sogar eine Runde gewinnen, aber der Kampf wäre aufgrund unserer körperlichen Unterschiede nicht fair. Ich würde lediglich beweisen, dass ich gegen ihn nicht dauerhaft standhalten kann.
Es wird nicht einfach werden, ihn dort zu treffen, wo es am meisten wehtut. Ich brauche mehr Zeit, um mir etwas einfallen zu lassen.
Einen Moment starre ich auf die rote Ziegelfassade des Apartmentkomplexes vor mir, und während ich das Wohnhaus betrachte, fühle ich mich sofort wohl und entspannt. Dann schlüpfe ich durch die Tür und betrete den Aufzug.
Hoffentlich ist Kayden zu Hause. Brent hat mir nicht gesagt, wann sein letztes Seminar heute endet, und wenn er nicht da ist, werde ich wohl warten müssen.
Ich höre das Klacken von Absätzen aus dem Stockwerk unter mir und blicke über das Geländer, um zu sehen, wer es ist. Ein Durcheinander von blondem Haar kommt in mein Blickfeld, als eine Frau aus einer Wohnung tritt, das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt.
»Kommt ihr heute Abend zum Essen? Simon kocht Lammragout«, fragt sie, laut genug, dass es jeder im Gebäude hören kann. Sie hält einen Moment inne und hört zu. Dann lacht sie auf – ein schönes, sinnliches Lachen, das zu ihrem bemerkenswerten Gesicht passt – und quatscht weiter. Nach einer Weile beendet sie das Gespräch und läuft Richtung Aufzug.
»Hey, ähm, entschuldigen Sie«, spreche ich sie an, während ich hastig auf sie zugehe. Die Blondine sieht hoch und mir in die Augen. »Können Sie mir vielleicht helfen? Ich möchte zur Wohnung 4B, aber die liegt nicht zwischen 4A und 4C.«
Sie lacht. »Ja, weil sie dort hinten ist.« Sie zeigt auf die Ecke ganz links, halb verdeckt von einer Wand.
»Danke«, murmle ich und wende mich ab. Auf halber Strecke ruft die Blondine, ich solle warten. Als ich mich umdrehe, kommt sie auf mich zu, ihre Absätze klackern auf dem Boden. »Hey, sorry. Ich habe deinen Namen nicht verstanden.«
»Sienna«, sage ich mit einem kleinen Lächeln.
Sie strahlt mich an und streckt die Hand aus. »Toll. Ich bin Cara. Freut mich, dich kennenzulernen. Du bist neu hier?«
»Hoffentlich«, sage ich und bemerke dann ihren verwirrten Gesichtsausdruck. »Oh, ich meine … Nun, ich habe gehört, dass dieser Typ hier ein Zimmer vermietet, also …«
Cara versteht. »Richtig. Tja. Sei vorsichtig.« Sie beäugt Wohnung 4B misstrauisch. »Der Typ, der hier wohnt … ist nicht so freundlich. Das kannst du mir glauben. Ich habe ihm Kekse vorbeibringen wollen, als er hergezogen ist. Er hat sie genommen und mir die Tür vor der Nase zugeknallt. Mein Freund Simon findet ihn superseltsam.« Als sie meinen Blick bemerkt, ergänzt sie lächelnd: »Ich bin sicher, dass du mehr Glück haben wirst«
Ich mag ihren Optimismus. Es ist lange her, dass ich jemandem mit ihrer Energie begegnet bin. Und ich stelle fest, dass sie ziemlich hübsch ist. Ein strahlendes Gesicht mit hohen Wangenknochen und vollen Lippen und ein schlanker Körper. Ich würde für ihren Stoffwechsel töten.
»Also gut«, sagt sie und klatscht in die Hände. »Ich hoffe, du wirst meine neue Nachbarin. Wir können auf jeden Fall Freunde werden. Ich stell dir auch gern meine Mitbewohnerin Alex vor. Ihr werdet euch bestimmt gut verstehen.«
»Ähm, sicher«, erwidere ich unbeholfen.
»Okay, bye, Sienna!«, sagt sie, winkt fröhlich und wendet sich ab.
Ich gehe in die Richtung, die sie mir gewiesen hat, und starre auf die Tür vor mir. Ich habe noch nicht einmal geklingelt, und dennoch macht mich Kayden schon nervös. Ich nehme meinen Mut zusammen und läute. Aus der Wohnung ertönt ein Rascheln, dann Schritte, die näher kommen.
Die Tür fliegt auf, und ein großer, dunkelhaariger Mann tritt heraus.
Ich bin überrascht, wie schön er ist. Seine Statur ist beeindruckend: breite Schultern, kräftige Arme und ein schlanker Körper, unter seinem Shirt blitzen Tattoos hervor. Mein Blick wandert hinauf zu seinem Schlüsselbein, seinem markanten Gesicht mit scharfen Wangenknochen und landet schließlich auf seinen Augen. Sie sind dunkelgrau, intensiv und unwiderstehlich.
Ich habe diese Augen schon einmal gesehen, habe das Gefühl, dass sie mich schon einmal beobachtet haben, doch ich weiß nicht mehr wo.
Kayden hebt leicht genervt eine Augenbraue und wartet darauf, dass ich etwas sage.
Ich setze ein breites Lächeln auf, auch wenn es sich so seltsam anfühlt nach allem, was passiert ist. »Hi. Ich bin Sienna Lane. Brent hat mich hergeschickt, er meinte, dass du ein Zimmer in deiner Wohnung vermietest. Stimmt das?«
Er verengt misstrauisch die Augen. »Ja, richtig.«
»Darf ich es mir mal ansehen?« Ich versuche seine Wohnung zu betreten, aber Kayden blockiert die Tür. »Nein.«
»Wie bitte?« Habe ich etwas verpasst? »Ich verstehe nicht. Ist das Zimmer schon vermietet?«
»Nein.«
»Okay. Kann ich dann reinkommen?«
Kayden denkt offenbar nach, sein Blick ist finster. »Nein.«
Ich ziehe verwirrt die Augenbrauen zusammen. Was zur Hölle ist hier los? »Ist nein nur dein Lieblingswort oder gibt es einen anderen Grund, warum ich nicht reindarf?«, frage ich verärgert.
Kayden schüttelt nur den Kopf. »Nichts, was dich angeht. Geh einfach und finde eine andere Unterkunft.« Er will die Tür schließen, doch ich klemme meinen Fuß dazwischen, um ihn daran zu hindern.
»Warte bitte«, sage ich verzweifelt. »Vielleicht habe ich dich zu einem schlechten Zeitpunkt erwischt, aber meine Situation ist wirklich schwierig.«
Ich erwarte zumindest ein kurzes Zögern, werde jedoch überrascht. »Nicht mein Problem«, wehrt Kayden ab. Sein Blick wandert über meinen Körper, und er schluckt schwer. »Ich will keine Schwierigkeiten.«
»Schwierigkeiten?« Ich weiche zurück, denke über seine Worte nach. Dann entspannt sich mein Gesicht, als mir klar wird, was er meint. »Oh. Ich meine, ich verstehe, dass ich heiß aussehe, aber glaub mir, du bist auch nicht mein Typ.«
»Das meine ich nicht«, antwortet er scharf.
»Natürlich meinst du das«, schieße ich verärgert zurück. »Es sei denn, du hast Angst vor Mädchen?« Ich kann nicht glauben, dass ich das gerade gesagt habe. Es ist aber der einzige Grund, der mir für sein mieses Verhalten einfällt.
»Nein. Natürlich nicht.« Ein harter Ausdruck tritt in Kaydens Augen. »Ich denke nur, dass du mir Ärger bringen wirst. Ärger, den ich nicht gebrauchen kann«, sagt er, als ob es eine Tatsache wäre.
»Ernsthaft?« Ich hebe eine Augenbraue, meine Wut wächst. Was für eine seltsame Aussage über jemanden, den er nicht einmal kennt. Vielleicht erkennt er mich von irgendwoher. Vom Campus oder vom UFG. Oder er ist einfach ein vorverurteilendes Arschloch. In jedem Fall ist klar, dass er seine Meinung nicht ändern wird. Ich denke, nichts kann ihn überzeugen.
Will ich das überhaupt? Seine Unhöflichkeit ist so abstoßend, dass es mir zu viel Mühe erscheint, ihn umstimmen zu wollen. Wenn ich weiter darum bitte, komme ich mir außerdem jämmerlich vor. Und so tief werde ich nicht wieder sinken.
»Weißt du, was? Schön«, sage ich bestimmt und richte den Riemen meiner Tasche. »Wie du willst, du Idiot. Es gibt sicher genug andere Plätze, wo ich unterkommen kann.«
Die Muskeln in Kaydens Gesicht entspannen sic,h und er sieht fast erleichtert aus. Er seufzt, mit der Hand umklammert er die Tür. »Bye, Sienna. Komm nicht wieder hierher. Nie wieder.«
Und er schlägt mir die Tür vor der Nase zu.
Ich blinzle stumm zur Tür und frage mich, was zum Teufel gerade passiert ist.
Das lief ja super.
Ich glaube, ich habe noch nie jemanden getroffen, der mich bei der ersten Begegnung so mies behandelt hat. Es war fast so, als würde ich ihn anwidern. Oder er hat bei meinem Anblick direkt das Allerschlimmste angenommen. Was es auch war, ich bin nicht in der Stimmung, hier noch weiter herumzuhängen.
Ich schlucke meinen Stolz hinunter, sammele mich und gehe. Ich schätze, das bedeutet eine weitere Nacht in diesem beschissenen Hotel.
Eine andere Unterkunft zu finden wird Wochen dauern. Vielleicht halte ich bis zu den Ferien durch, wenn wieder mehr frei ist, aber ich bezweifle, dass mein Portemonnaie so viele Hotelübernachtungen hergibt. Brent würde mich vielleicht eine Zeit lang bei sich übernachten lassen, aber ich zögere, jemanden um Hilfe zu bitten, den ich noch nicht so gut kenne.
Ich muss noch ein paar Nächte im Hotel bleiben und mich bemühen, eine andere Unterkunft zu finden. Es wird schon gut gehen. Ich bin sicher, das wird es.
***
Es geht nicht gut.
Es sind schon drei Tage vergangen, und es hat sich nichts ergeben. Ich habe mich auf dem Campus umgehört, aber die freien Zimmer sind entweder zu teuer oder zu weit weg. Ich habe sogar eine Bewerbung für alle Wohnheime auf dem Campus ausgefüllt, aber wie erwartet bin ich mit leeren Händen zurückgekommen.
Um den Kopf frei zu bekommen, beschließe ich, ins Fitnessstudio zu gehen. Als ich am UFG ankomme, ist es erstaunlich leer für Samstagabend. Abgesehen von zwei Typen, die sich im Ring belauern, und einem Trainer, der gerade seine drei Schüler anschreit, ist es sehr ruhig.
Ich beobachte die Trainingsstunde. Normalerweise übernehme ich keine größeren Gruppen, mir ist das Einzeltraining lieber, weil ich mich so voll und ganz auf einen Schüler konzentrieren kann. Die meisten davon sind Anfänger – meistens Typen, die auf YouTube ein paar Filme gesehen und beschlossen haben, dass das nicht so schwer sei. Aber während der Sport interessant anzusehen ist, gibt es nur wenige Leute mit dem Wunsch, einen Schlag ins Gesicht zu bekommen. Und wenn doch, bleiben sie meistens nicht lange.
Anders als bei anderen Sportarten kannst du dich hier außerdem nur auf dich selbst verlassen. Der Kampf liegt völlig in deinen Händen, und das bedeutet ganz eigene psychische und körperliche Anforderungen, die schwierig zu erfüllen sein können.
Als ich damals mit Jax zu trainieren begann, war es überwältigend. Die endlosen Stunden in Ausdauer, Kraft und Martial Arts, gepackt in einen verrückten Trainingsplan, haben meinem Körper im ersten Monat ziemlich zugesetzt. Der einzige Grund, warum ich nicht aufgegeben habe, war die emotionale Genugtuung. Ich absorbierte sie wie eine Droge, all der Ärger verschwand, wenn mein Körper unter Adrenalin stand.
Ich liebte jede Minute des Trainings mit Jax. Ich konnte ihn im Ring für Stunden beobachten, ohne dass es langweilig geworden wäre. Er kämpft wie eine Kobra mit ihrem tödlichen Biss, die über ihrem Opfer lauert und darauf wartet, zuzuschlagen. Ich liebte es, wie er sich im Ring so mühelos bewegt und seinen Gegner umkreist. Ich liebte die Art und Weise, wie er immer weiter drängt, bis er kurz vor dem Abgrund steht und bereit ist zu fallen und dennoch die Oberhand behält.
Besonders liebte ich, wie er mich danach mit Küssen überhäufte, mich mit seinem Mund, seinen Händen, seinem ganzen Körper beanspruchte. Für einen Moment fühlte es sich dann so an, als wäre ich der einzige Preis, den er je wollte.
Er ist erbarmungslos.
Verdammt noch mal, Sienna, denke ich mir, er ist es nicht wert. Er hat dich betrogen. Er ist es nicht mehr wert, geliebt zu werden.
Ich verdränge alle Gedanken an Jax, stelle meine Sporttasche ab und gehe hinüber zu Julians Büro. Er ist ein stämmiger Mann mittleren Alters, mit einem rasierten Schädel und Tattoos auf den Armen. Als ich hereinkomme, sitzt er an seinem Tisch, in den riesigen Händen einen pinken Donut mit Streuseln. Ich mag es, dass er isst, was immer er gerade möchte. Seitdem er vor ein paar Jahren die UFC verlassen und dieses Studio eröffnet hat, trainiert er ab und an, muss sich aber nicht um die strikte Diät kümmern.
Er ist trotzdem immer noch einer der besten MMA-Kämpfer, die ich kenne. Legendär sogar. Jeder in der Szene weiß, wer er ist: Er war fünf Jahre hintereinander Mittelgewichts-Champion der UFC, bekannt für seinen dynamischen Kampfstil und seine Fähigkeit, die Schwächen des Gegners zu erkennen. Ein einzigartiger Kämpfer.
Julian leckt die Finger ab und nickt mir knapp zu, als ich ins Büro schaue. »Hey«, sagt er und hebt eine Augenbraue. »Was machst du hier? Ich habe dir doch gesagt, dass die Stunde mit Parker verschoben wurde. Er hat sich verletzt.«
»Ich weiß. Es scheint, als könnte ich nicht ohne meinen Lieblingstrainer«, sage ich frech, und er rollt übertrieben mit den Augen. Er hasst es, dass ich ihn immer noch so nenne, obwohl er keine Trainings mehr anbietet und sich auf die operativen Dinge konzentriert. Ich sehe mich um und betrachte das halb leere Studio. »Wo sind denn alle?«
Julian schaut unzufrieden. »Du weißt wo.« Er zuckt mit den Schultern, seine Aufmerksamkeit wandert wieder zu seinem Donut. »Sie sind beim Kampf.«
Ich verziehe den Mund. Zu dieser Jahreszeit findet im Keller des Fitnessstudios Breaking Point der größte Untergrundkampf Bostons statt. Es ist ein Kampf mit hohen Einsätzen, bei dem dich eine falsche Bewegung für immer zeichnen kann. Das ist nicht das normale MMA-Zeug. Das ist MMA auf Crack, bei dem all die üblichen Regeln nicht gelten.
Boxhandschuhe und Polster sind verboten, um das Gemetzel im Käfig zu verstärken. Niemand kümmert sich um Sicherheit, und die Kämpfer sind nicht versichert. Jedes Mal, wenn ich einen der Kämpfe besuche, fühlt es sich an wie in einem Schlachthaus, der Gestank nach Schweiß, Blut und Brutalität schlägt mir auf den Magen.
Sie sind illegal, und eine Menge Geld ist im Umlauf, doch sie haben eine gute Verbindung zur Bostoner Polizei, die zur passenden Zeit wegsieht.
Julian verbindet eine Hassliebe mit dem Breaking Point. Während er kein Problem damit hat, sich die Kämpfe anzuschauen, verfolgt er eine strikte Nichts-Illegales-Politik, wenn es um sein Studio geht. Er trainiert nur Kämpfer, die sich von Steroiden wie auch dem Untergrund fernhalten. UFG hat einen guten Ruf deswegen, aber leider schlägt sich das nicht immer in Profit nieder.
Ich bin nur mit dem Untergrund in Berührung gekommen, weil Jax ihn liebt. Er war von Julian trainiert worden und sollte ein Profi werden, bevor er sich entschloss, lieber dort zu kämpfen. Er ist so gut, dass alle glauben, er wird zum dritten Mal den Titel der Championships von Breaking Point holen, ohne auch nur ins Schwitzen zu kommen.
»Es gibt wieder einen Kampf im Breaking Point?«, frage ich.
Julian nickt faul. »Die K.-o.-Runden beginnen in zwei Wochen, also wollen sich alle noch einmal austesten, bevor es ernst wird.«
»Wer kämpft heute Abend?« Ich kann mich einfach nicht davon abhalten nachzufragen.
Julian zuckt mit den Schultern. »Irgendein Murphy-Typ. Und dieser andere Kerl, der seit der letztjährigen Meisterschaft die Köpfe rollen lässt – Kayden Williams, glaube ich.«
»Warte mal.« Ich spüre förmlich, wie mir die Luft aus der Lunge weicht. »Kayden ist ein Untergrundkämpfer?«
»Ja. Erinnerst du dich an ihn?« Als ich den Kopf schüttele, hebt er überrascht eine Augenbraue. »Komm schon. Jax war mit ihm im Finale, ein sehr brutales Match. Du kennst das Ergebnis.«
Ich blicke nach unten. Natürlich.
Jax hat gewonnen.
Jax gewinnt immer.
»Trotzdem ein höllischer Kämpfer«, meint Julian. »Offensichtlich hat er mit der ganzen Scheiße erst letzte Saison angefangen. Ein Neuling kommt fast nie so weit.«
»Ziemlich beeindruckend«, gebe ich zu, trotz meiner Abneigung gegen den Kerl. Ich schätze, ich hätte zwei und zwei zusammenzählen sollen, als ich Kayden begegnet bin. Schließlich ist er sehr muskulös, aber nicht auf die Bodybuilder-Art, und er strahlt eine Aura von Entschlossenheit aus. Und da Jax seine Gegner in sehr viel schlechterer Verfassung zurücklässt, als sie waren, bevor sie den Käfig betraten, bin ich mir sicher, dass hier einige Feindseligkeiten im Spiel sind.
»Warum bist du überhaupt so interessiert an Kayden?«, fragt Julian mit einem verschmitzten Lächeln. »Suchst du nach jemand Neuem? Ich kenne seine Vorgeschichte nicht, aber hey, du hast Jax gedatet. Und ich nehme an, diese Kämpfer sind ziemlich verrückt im Bett.«
»Zunächst mal werde ich das weder bestätigen noch abstreiten«, sage ich und lächle wissend. »Zweitens bin ich nicht interessiert. Zumindest nicht auf diese Art. Ich war vor ein paar Tagen wegen einer Unterkunft bei ihm, und er war unheimlich unhöflich.«
»Vielleicht war die Welt nicht nett zu ihm«, schlägt Julian vor.
»Die Welt war auch zu mir nicht nett, und ich bin so ein Sonnenschein.«
»Definitiv«, sagt Julian trocken, und ich tue so, als würde mich sein Sarkasmus nicht treffen. »Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass es eine harte Saison wird, wenn Kayden dabei ist.« Er zögert einen Moment und fügt dann hinzu: »Jax wird auch dabei sein, weißt du.«
»Ich weiß, er hat die letzten Monate dafür trainiert. Zumindest hat er das gesagt, aber vielleicht waren das auch Vorwände, damit er sich davonschleichen konnte, um meine Schwester zu ficken.«
Julian blinzelt, unsicher, ob er lachen soll, um die Spannung zu brechen, oder Mitgefühl zeigen. So wie ich ihn kenne, halte ich Ersteres für wahrscheinlicher. Das wäre mir auch lieber, als bemitleidet zu werden.
Meine Gedanken wandern zurück zu Kayden. Ich frage mich, wie er sich nach dem Kampf gegen Kayden gefühlt hat. Verloren zu haben war sicher schwer zu verdauen. Ich verstehe das Gefühl, seinem Ziel so nahe gekommen zu sein, nur um es dann aus den Händen gerissen zu bekommen. Sicher freut er sich auf das Rematch dieses Jahr.
Plötzlich scheint sich alles zu fügen. In meinem Kopf formt sich schnell ein Plan, und ich bin so aufgeregt, dass ich anfange, auf und ab zu springen. »O mein Gott, o mein Gott, o mein Gott.«
»Was?« Julian starrt mich an.
»Gehst du hin?«
»Nein, ich bin mit der Scheiße durch.« Er seufzt und hebt eine Augenbraue, als er das wissende Lächeln auf meinem Gesicht sieht. »Du gehst hin.«
»Natürlich.«
»Um Jax zu sehen?«
»Um Kayden zu sehen.«
Ich packe meine Tasche und werfe ihm mit der anderen Hand einen Luftkuss zu. »Bis dann!«
»Was zum Teufel hast du vor?«
»Ich bin ein Genie!« Ich hebe beide Mittelfinger und küsse sie, bevor ich sie in die Luft strecke. »Ein verdammtes Genie!«
Ich weiß jetzt, wie ich mich an Jax rächen kann.
Um an einem der Kämpfe von Breaking Point teilzunehmen, sind gewisse Bemühungen notwendig. Obwohl sie so dicke mit der Polizei sind, versuchen sie, die Veranstaltung sehr unauffällig zu halten, sodass man nur Zuschauer werden kann, wenn man eine Empfehlung von jemandem hat, der bereits Teil des Untergrunds ist. Und diese Person muss schwören, dass du keine unerwünschte Aufmerksamkeit erregen wirst. Ein permanentes Hausverbot und eine brutale Tracht Prügel erwarten dich und deinen Freund, wenn du sie verrätst.
Beth und ich wurden vor drei Jahren von meinem nun ehemaligen Freund Dakota als Zuschauer empfohlen, dessen Bruder hier gekämpft hat. Das macht er jetzt nicht mehr, denn er war schlecht darin und wurde innerhalb der ersten Sekunden eines Kampfes schlimm verprügelt.
Es war zufällig auch der Abend, an dem ich Jax zum ersten Mal im Käfig kämpfen sah. Als er aus dem Schatten auftauchte, gekleidet in seine charakteristische schwarze Robe, verkrampfte sich jeder Muskel in meinem Körper. Ich habe mich so sehr in ihn verliebt, als er mit seinen dunklen, unerbittlichen Augen und seinem lauten Selbstvertrauen um seinen Gegner herumtanzte, als hätte er gerade die einfachste Beute gefunden und vor, sie genüsslich in Stücke zu reißen.
Wenn ich jetzt an diesen Moment zurückdenke, legt sich ein dunkler Schleier über die Erinnerung, genauso bei allen anderen, die ich mit Jax habe. Wusste er von Anfang an, dass er mich mit Beth betrügen wollte? Oder war es Beth, die ihn zum Zweifeln brachte? Wer hat sich wem zuerst genähert? Wessen Willenskraft ist als erste gebrochen?
Ich denke, es sollte nichts ändern, in meinen Augen sollen beide verflucht sein. Und dennoch kann ich all diese Fragen nicht aus meinem Kopf bekommen. Es ist schwierig, nicht so zu fühlen, wenn man so verraten wurde.
Der Anblick des neonroten Breaking Point-Schildes reicht aus, um alle meine Gefühle für Jax in kalte Entschlossenheit zu verwandeln. Ich hatte überlegt, zu Kaydens Wohnung zu gehen, da ich seine Adresse ja habe, aber ich nahm an, dass ihn das nur weiter verärgern würde, nachdem er mich das letzte Mal schon rausgeschmissen hat. Wenn ich heute Abend zu seinem Kampf gehe und versuche, ihn danach zu finden, sind wir wenigstens auf neutralem Boden.
Der Untergrund ist sein Spielplatz, genauso wie es meiner ist.
Ich kann die vibrierende Energie aus dem Inneren des Studios spüren, als ich mich auf den Weg zur Eingangstür mache. Es gibt zwei Schlangen: eine für Neulinge und eine für erfahrene Zuschauer. Zum Glück ist letztere viel kürzer, sodass ich innerhalb weniger Minuten durchkomme. Der Türsteher kontrolliert meinen Ausweis und durchwühlt die kleine Tasche, die ich mitgebracht habe, bevor er zustimmend grunzt und zur Seite tritt, um mich einzulassen.
Ich war nicht mehr hier, seit Jax letztes Jahr seinen Titel gewonnen hat, aber ich weiß, dass Breaking Point jedes zweite Wochenende einmalige Underground-Kämpfe veranstaltet. Meistens ist Jax hier. Und wenn er kämpft, gewinnt er alles. Alle guten Kämpfer tun das hier. Abgesehen von den Eintrittsgeldern bekommen sie auch einen Anteil an allen Wetten, die platziert werden. Wenn du für die Saison antrittst, bekommst du umso mehr Geld, je weiter du im Turnier aufsteigst.
Und wenn du ein angesehener Kämpfer bist, der seit mehreren Jahren im Untergrund kämpft, wetten die Fans vielleicht sogar auf dich. Deshalb kümmern sich die Kämpfer normalerweise während dieser Veranstaltungen um ihre Fans, wann immer sie können.
Jax hat eine Menge Fans. Er hat ein natürliches Charisma, also ist es keine Überraschung, dass er viele in seinen Bann gezogen hat, die ihm gegenüber loyal sind. Die Einnahmen aus den Kämpfen werden ihm genug finanzielle Sicherheit für die nächsten Jahre bringen.
Der Keller ist so groß, dass er mindestens zweihundert Menschen fassen kann. Ein paar Typen prügeln aufeinander ein, die Luft stinkt nach Schweiß, Blut und Rauch. In meinen Ohren schrillt es, als die Stimmen ineinander übergehen und Namen und Nummern gerufen werden. Ich sehe mehrere kleine Gruppen von Zuschauern, die Geldscheine in der Hand halten, um darauf zu wetten, wer den heutigen Kampf gewinnen wird.
»Heilige Scheiße«, murmle ich, während ich mir einen Weg durch die Menge zu bahnen versuche. In der Mitte des Raums steht in all seiner Pracht der achteckige Käfig, der von Scheinwerfern in helles Licht getaucht wird. Er scheint schnell aufgebaut worden zu sein und lässt sich ebenso schnell wieder abbauen, falls die Cops einfallen sollten.
Ich sehe auf meine Uhr. Fünf Minuten bis zum Beginn des Kampfes. Gut. Je schneller Kaydens Kampf vorbei ist, desto eher kann ich mit ihm reden.
Ich rufe einen Buchmacher herbei und gebe ihm einen der letzten beiden Fünfzigdollarscheine, die ich übrig habe, um auf Kayden zu setzen. Ich habe das Gefühl, dass er diesen Kampf gewinnen wird.
Jemand stößt mich versehentlich an, und ich stolpere leicht zurück.
»Sorry …« Die Stimme des Typen verstummt, als er mich ansieht. Meine Augen weiten sich, während mir klar wird, wer er ist.
»Brent?« frage ich ungläubig, als ich die dickrandige Brille und das struppige braune Haar erkenne. Ich hätte nicht gedacht, dass er zu solchen Fights geht. Er wirkte immer wie der Spieleabend-mit-Freunden Typ Mensch auf mich. »Was zum Teufel machst du hier?«
»Was zum Teufel machst du hier?«, erwidert er.
»Ich bin wegen Kayden hier«, sagen wir beide gleichzeitig.
Moment, was?
Brent sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an. »Warum solltest du hier nach ihm suchen? Hast du ihn in seiner Wohnung nicht getroffen?«
»Doch«, sage ich, »aber er hat mich rausgeschmissen.«
»Das tut mir leid. Du bist nicht die Erste, mit der er das gemacht hat.«
Ich will ihn weiter über Kaydens abweisendes Benehmen ausquetschen, doch als ich den Mund öffne, dringt der schrille Ton eines Gongs an meine Ohren. Wir wenden uns dem Käfig zu, als ein Brüllen durch die Menge geht.
Dann sehe ich einen Mann in der Mitte des Rings mit einem Megafon in der Hand. »Willkommen in der Löwengrube, ihr Idioten!« Er schreit, als ob das Megafon seine Stimme nicht eh schon verstärken würde. »Die einzige Regel heute Abend: Es gibt keine Regeln!«
Weiteres Gebrüll von der Menge.
»Kommst du häufiger hierher?«, fragt Brent. »Hätte ich mir ja denken können, du als MMA-Trainerin und so.«
»Ja, auch wenn das was ganz anderes ist«, antworte ich und mustere ihn skeptisch. »Ich bin auch überrascht, dich zu sehen. Das scheint so gar nicht deine Szene zu sein.« Er trägt ein blaues Button-up-Shirt und schwarze Hosen und sieht so aus, als würde er gleich vor der Klasse eine Präsentation über Quantenmechanik halten.
»Ist es nicht«, stimmt er zu, »aber Kayden ist mein Bruder. Ich gehe zu jedem seiner Kämpfe.«
»Warte, Kayden ist dein Bruder? Warum hast du mir das nicht gesagt?«, frage ich ihn verblüfft.
Er zuckt nur mit den Schultern. »Es ist einfacher, das zu sagen, als die Wahrheit zu erklären.«
Ich beuge mich zu ihm hin, denn meine Neugierde ist stärker. »Ihr seht euch überhaupt nicht ähnlich.«
»Ja, das hören wir häufiger. Wir sind Brüder, aber nicht blutsverwandt. Meine Eltern haben Kayden vor vier Jahren adoptiert, als er siebzehn war«, sagt Brent.
»Oh«, ist alles, was ich dazu sagen kann. »Aber warum lebst du dann nicht bei ihm?«
»Kayden geht nicht auf die BU. Ich wollte diese College-Erfahrung, also habe ich mich fürs Wohnheim eingeschrieben«, murmelt Brent und fährt sich durchs Haar. »Ich besuche ihn aber oft, um zu sehen, ob es ihm gut geht.«
Brents Kommentar über Kayden irritiert mich noch mehr. »Warum sollte es ihm nicht gut gehen?«
Bevor er antworten kann, wird unsere Unterhaltung erneut von dem Ansager unterbrochen. »Also lasst uns mit dem Kampf beginnen, ja?« Der Typ schreit wieder, und alle jubeln. »Zu meiner Linken haben wir Frischfleisch – Josh ›Jaws‹ Murphyyyyyy!«
Ich höre verhaltenen Jubel, doch die meisten Leute buhen und brüllen Beleidigungen, als er in den Ring steigt. Das kenne ich, es ist ihre abgefuckte Art, Neulinge einzuschüchtern. Sosehr der Untergrund Kämpfer jeglicher Herkunft willkommen heißt, fühlt es sich eher wie ein elitärer Club an. Wenn Neulinge keinen starken Eindruck in der Gemeinschaft hinterlassen, bleiben sie nicht sehr lange.
Deshalb ist Kayden umso interessanter. Er ist einer der neueren Kämpfer, aber sorgt immer noch für Aufsehen.
»Und zu meiner Rechten haben wir einen unserer Favoriten, den erbarmungslosen, gewaltigen Kayden ›The Killer‹ Williamsssss!«
Ich starre zum Ring hinauf, als Kayden aus der anderen dunklen Ecke hervorkommt, in einen roten Satinmantel gehüllt. Normalerweise tragen MMA-Kämpfer keine Roben, sondern nur professionelle Boxer, doch der Untergrund hat eine Schwäche für das Dramatische. Und verdammt, sieht Kayden gut darin aus. Wie ein König, der bereit ist, seinen Platz auf dem Thron einzunehmen.
Ich habe noch nie ein ohrenbetäubenderes Gebrüll gehört, als er, den Blick hart wie Stahl, seine Faust hebt, um seine Fans zu grüßen. Dann läuft er an den Seilen entlang, klatscht mit den Leuten ab. Alle Mädchen um mich herum hüpfen aufgeregt herum und schreien widerliche sexbezogene Dinge. Schließlich klettert er in den Käfig, wirft seine Robe ab und marschiert in die Mitte. Sein Gegner ebenso, und sie schlagen sich ab, bevor sie in gegengesetzte Richtungen gehen und sich in Pose werfen.
Beim Kämpfen gibt es zwei Arten von Typen: denjenigen, der mit aller Kraft voranstürmt, und denjenigen, der ruhig wartet, bis sein Gegner zuerst angreift und dabei dessen Stärken und Schwächen einschätzt.
Leider scheint Murphy zur ersten Gruppe zu gehören, denn sobald der Ausrufer »Kämpft!« brüllt, springt er in die Mitte und schlägt auf Kayden ein. Er versucht einen rechten Haken an Kaydens Kopf, doch der hat es leicht kommen sehen und blockt ihn problemlos.
Murphy ist unerbittlich, er geht in die Offensive und schlägt mit den Fäusten nach Kayden, aber Kayden schafft es geschickt, einen Schlag nach dem anderen auszuweichen. Murphy, frustriert darüber, dass er so wenig Wirkung auf ihn hat, schwingt sein rechtes Bein, um ihn zum Stolpern zu bringen. Er erwischt Kaydens Fuß leicht, aber der weicht ihm im letzten Moment unbeeindruckt aus. Im Gegenzug schlägt Kayden mit einer effektiven Jab-Cross-Uppercut-Kombination und erwischt Murphy damit unvorbereitet.
Kaydens Strategie scheint zu sein, Murphy dazu zu bringen, Gas zu geben, damit er ihn später leicht ausknocken kann. Ich bin beeindruckt. Die meisten Kämpfer verstehen nicht, dass es beim Kämpfen genauso sehr um Beinarbeit geht wie ums Können.
Kayden kontrolliert seine Distanz gut, blockt nur Murphys Angriffe und landet selbst ein paar Treffer. Starke, präzise Bewegungen. Ich nicke zustimmend. Allerdings sehe ich auch, dass Kayden ein wenig unruhig wird und seine Beinarbeit bereits ins Stocken gerät, was Murphy die Gelegenheit gibt, ihn hochzuheben und umzuwerfen, sodass beide auf den Boden krachen.
Neben mir höre ich Brent nervös einatmen.
In Kaydens Augen flackert es rot auf. Murphy hält ihn auf den Boden gedrückt, aber Kayden zieht sich in eine bessere Position und rammt sein Knie direkt in Murphys Rippen. Der kippt sofort um, und Kayden nutzt die Gelegenheit, wuchtet sich auf ihn und stößt seinen Ellbogen direkt auf Murphys Nase. Bevor der sich erholen kann, trifft ihn Kaydens Faust wieder und wieder.
Murphy beißt die Zähne zusammen, um nicht vor Schmerz aufzuschreien, als er Kaydens Schläge schlampig abwehrt. Er sieht übelkeitserregend aus, ertrinkt in seinem eigenen Blut. Ein erfahrenerer Kämpfer wäre in der Lage, die Position umzukehren, aber weil Murphy zu Beginn des Kampfes so viel Energie darauf verwendet hat, mit Kayden mitzuhalten, hat er wenig bis gar keine Kraft übrig. Kayden hat jetzt seinen Arm fest gegen Murphys Hals gepresst, mit den Beinen umschließt er ihn, während er seine Faust in das blutverschmierte Gesicht des Mannes schlägt. Nach einem letzten Schlag von Kayden klatscht Murphy schwach mit der Hand auf den Boden.
