Perfect Redemption - Claudia Tan - E-Book

Perfect Redemption E-Book

Claudia Tan

0,0
9,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Er läuft vor seiner Vergangenheit davon, sie kämpft für ihre Zukunft. Eine heiße Enemies to Lovers-Romance über Leidenschaft und Vergebung  Jax Deneris war ein gnadenloser Kämpfer und im Untergrund gefürchtet und verehrt – bis zu dem Ereignis, das ihn komplett aus der Bahn warf. Getrieben von Selbsthass und Reue will er nur noch vergessen und zieht dafür nach Los Angeles. Aber nach einem Skandal muss er eine Wohnung mit Blaire teilen, einer selbstbewussten jungen Frau mit Geheimnissen. Sie können sich nicht ausstehen und geraten immer wieder aneinander, und beide haben mit ihren Dämonen zu kämpfen. Doch es fliegen auch die Funken, und gegen seinen Willen ist Jax fasziniert von ihr. Aber Blaire hat nicht vor, sich von Jax Deneris verbrennen zu lassen – denn sie hat eine Mission, die alles, was zwischen ihnen entsteht, zerstören könnte. 

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher: www.piper.de

Bei »Perfect Redemption« handelt es sich um eine übersetzte Version des erstmals auf Wattpad.com von claudiaoverhere ab 2015 unter dem Titel »Perfect Redemption« veröffentlichten Textes.

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »Perfect Redemption« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.

Deutsche Erstausgabe

© 2024 by Claudia Tan. The author is represented by Wattpad WEBTOON Studios.

Titel der Originalausgabe: »Perfect Redemption« in Canada by Wattpad WEBTOON Book Group, 2024

© der deutschsprachigen Ausgabe: Piper Verlag GmbH, München 2024

Übersetzung: Mila Reki

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

Triggerwarnung

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Epilog

Danksagung

Content Note

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Widmung

Für Irwin, der mein persönliches Bad-Boy-Projekt war, das zum Ehemann wurde.

Bitte sehr.

Triggerwarnung

In diesem Buch sind Themen enthalten, die triggernd wirken können. Am Ende des Textes findet sich eine Aufzählung, die jedoch den Verlauf der Geschichte spoilern kann.

Wir wünschen ein bestmögliches Leseerlebnis.

Prolog

Jax

Als ich nach L. A. zog, dachte ich, ich tue mir einen Gefallen, indem ich die Stadt verlasse und ein neues Kapitel aufschlage.

Es hat sich herausgestellt, dass ich nur den Teil »die Stadt verlassen« geschafft habe.

Ich habe in meiner Heimatstadt Boston ziemlich viel Mist gebaut, das gebe ich zu. Teilweise echt Scheiße. Aber ich spreche nicht gern darüber. Deshalb wollte ich in eine andere Stadt ziehen, damit ich nicht darüber reden muss. Außerdem bezweifle ich, dass irgendjemand, der von meinen Taten betroffen war, möchte, dass ich etwas darüber erzähle. Also halte ich die Klappe und versuche weiterzumachen.

Aber … Ich weiß nicht, ich glaube, ein kleiner Teil von mir hat gedacht, dass dreitausend Meilen zwischen mir und Boston in irgendeiner Weise erleuchtend sein würden. Ich dachte, ich würde mich von der Bereitschaft zur Veränderung mitreißen lassen, und von all dem anderen Blödsinn, der mich angeblich zu einem besseren Menschen machen würde. Ich war offen dafür.

Ich hatte meine Rüstung ein bisschen geöffnet, für den Fall, dass die Stadt der Engel mich für würdig genug halten würde, dem Club beizutreten.

Aber nichts von alledem ist geschehen.

Ich bin seit fünf Wochen hier und habe mich nicht verändert. Nicht einmal ein kleines bisschen. Tatsächlich bin ich immer noch das gleiche Arschloch, das ich schon immer war.

Was für eine verdammte Enttäuschung.

Vielleicht ist Veränderung unmöglich. Die Leute, die mir etwas anderes erzählt haben, sind Lügner, die versuchen, sich selbst und dem Rest der Welt eine Gehirnwäsche zu verpassen, um zu glauben, dass wir jeden Tag aufwachen und unser Schicksal aktiv selbst bestimmen, aber das ist weit von der Wahrheit entfernt. In Wirklichkeit gibt es viele umweltbedingte, soziale und familiäre Faktoren, die darüber entscheiden, was für ein Mensch man letztendlich wird, und in den seltensten Fällen ist man selbst derjenige, der hinter dem verdammten Steuer sitzt.

Also nein, ich glaube nicht, dass der Mensch fähig ist, sich zu ändern. Das ist so, als würde man versuchen, die Farbe seiner Haut oder die des Himmels zu ändern. Ich glaube zwar, dass niemand wirklich gut oder schlecht ist, aber ich glaube auch, dass bestimmte Menschen eine angeborene Neigung haben, gute oder schlechte Dinge zu tun. Das ist der menschliche Instinkt.

Eine Schlange wird also immer eine Schlange sein. Ein Serienmörder wird immer mehr Menschen töten.

Und ich werde immer so sein, wie ich war.

Es liegt in meiner Natur, böse zu sein. Jeden zu zerstören, der mich liebt.

Und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, macht mir das sogar Spaß. Es gibt nichts Schöneres, als jemanden, der unschuldig ist, in ein verdorbenes Abbild von mir zu verwandeln.

Außerdem ist es viel besser, derjenige zu sein, der zerstört, als derjenige, der zerstört wird.

Als ich aufwuchs, musste ich vieles ertragen, jahrelang wurde ich von meiner Familie unterdrückt. Mein Stiefvater wollte mich brechen, wollte mich dazu bringen, mich jeder seiner Launen zu unterwerfen. Aber ich habe durchgehalten.

Nachdem ich jahrelang seine Schläge einstecken musste, wurde ich immun gegen Schmerzen. Ich lernte sogar, wie ich das im MMA-Käfig zu meinem Vorteil nutzen konnte. Seitdem habe ich mir geschworen, mich nie wieder in eine Situation der Schwäche zu begeben.

Nach mehr als einem Monat hier bin ich endlich zu der Erkenntnis gelangt, dass meine Suche nach Frieden und Vergebung niemals funktionieren wird. Das Böse hat sich bereits in meine Seele eingebrannt. Ich kann nicht gereinigt werden.

Ich habe gesündigt, habe betrogen, manipuliert, getäuscht, gekämpft und vielen Menschen unvorstellbares Leid zugefügt, einschließlich denjenigen, denen ich am meisten am Herzen lag.

Man nennt mich nicht umsonst den Teufel. Die Flammen des Feuers lecken an meinen Füßen. Ich verbrenne alles, was ich berühre, und jeder weiß es.

Und selbst wenn ich mich in Bezug auf mein Schicksal irren sollte, verdiene ich keine Veränderung. Ich habe keine Erlösung verdient.

Denn man kann niemanden erlösen, der keine Seele zum Erlösen hat.

Wenn ich also nicht hier bin, um mich zu ändern, was zur Hölle mache ich dann noch hier?

Weiß der Teufel. L. A. ist nicht so glamourös, wie alle behaupten, aber alles ist besser, als wieder in Boston zu sein. Außerdem, abgesehen von der oberflächlichen Kultur gefällt mir, dass man hier alles sein kann, was man will. Man kann sich millionenfach neu erfinden. Oder auch nicht. In meinem Fall kann ich genau so sein, wie ich bin, und niemand gibt einen Scheiß darauf.

Es gibt niemanden, bei dem ich Grund genug sehe, ihn in mein Leben zu lassen.

Und das ist in Ordnung für mich. Eigentlich mehr als in Ordnung. Es ist perfekt.

Eins

Jax

Als ich erwache, bin ich nicht wirklich überrascht von dem, was ich sehe. Um mich herum unbekannte Wände. Mein Hemd und meine Hose liegen zerknittert auf dem Hartholzboden. Keine Unterwäsche in Sicht, nur eine Flasche Jack Daniel’s, die auf dem Beistelltisch umgekippt ist, dazu ein paar leere Kondomverpackungen. Der untere Teil meines Körpers ist kaum von den Laken bedeckt.

Oh, und die Frauen.

Die Frau zu meiner Rechten, eine Brünette, ist nackt, aber sie schläft tief und fest. Sie liegt auf dem Bauch und hat einen Arm locker auf meine Brust gelegt. Sie sieht ganz okay aus, aber mir fällt ihr Name nicht ein. Vielleicht würde es meinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen, wenn ich mehr von ihrem Gesicht sehen könnte, aber sie liegt seitlich an das Kissen gepresst und sabbert so sehr, dass mir ihr Speichel bis ans Ohr läuft.

Ruckartig setze ich mich auf. Verdammte Scheiße.

Die Brünette ist immer noch völlig weggetreten, als ich ihren Arm von mir ziehe und ihn neben mich fallen lasse. Zwei weitere Mädchen liegen wie ohnmächtig auf einer Chaiselongue; das grelle Sonnenlicht, das durch das große Glasfenster fällt, stört sie nicht im Geringsten.

Wenigstens sind sie beide bekleidet.

Der Geruch von Gras weht ins Schlafzimmer und füllt meine Lunge ganz aus.

Normalerweise stört mich der Geruch nicht, aber heute muss ich mich fast übergeben.

Oder vielleicht liegt es am heftigen Kater. Zugegeben, das ist Fluch und Segen, wenn man Alkohol wie Wasser behandelt. Aber das war für mich noch nie ein Problem. Meistens begrüße ich den Kater, er ist die passende Bestrafung für die Ausschweifungen der vorangegangenen Nacht. Aber ich kann nicht behaupten, dass der heutige Tag zu einer ähnlichen Vergeltung einlädt. Ich kann mich nicht für eine Nacht bestrafen, an die ich mich nicht einmal erinnern kann, obwohl ich eine vage Vorstellung davon habe, was passiert ist.

Ich zucke mit den Schultern. Tja.

Ich stehe auf und greife nach meinem Handy, das immer noch in der Gesäßtasche meiner Hose steckt. Ich mache mir nicht die Mühe, meine Nachrichten oder verpassten Anrufe durchzugehen. Die einzige Person, die sich überhaupt bei mir melden würde, ist die absolut letzte Person, mit der ich heute sprechen möchte.

Ich schlüpfe in meine Klamotten und ziehe die Schuhe an. Dabei fällt mir auf, dass der linke mit seltsamen Kritzeleien versehen ist, und ich ärgere mich über die Dreistigkeit, mit der jemand im betrunkenen Zustand beschlossen hat, dass ein Filzstift gut zu meinen Nike Airs passt. Betrunken oder nicht, ich würde so etwas nicht machen. Für alles, was ich besitze, musste ich hart arbeiten, das würde ich niemals geringschätzen.

Die Besitztümer aller anderen sind jedoch Freiwild.

Ich habe mich schon fast aus dem Zimmer geschlichen, als ich das Rascheln von Körpern auf der Chaiselongue höre. Konfrontationen am Morgen danach sind nicht meine Stärke, und obwohl die meisten Mädchen in L. A. keine Probleme bei solchen sexuellen Handlungen haben, vermeide ich das Gespräch lieber ganz, wenn ich kann.

Normalerweise würde ich erwarten, dass der Flur mit leeren Bierdosen übersät ist, aber ich muss mich daran erinnern, dass dies nicht irgendein Verbindungshaus in Cambridge ist, sondern die Villa eines B-Promis in den Hills, der viel mehr Geld hat, als er jemals brauchen wird.

Nachdem ich zwischen zerbrochenen Champagnergläsern hindurchgelaufen und dreimal um die Ecke gebogen bin, erreiche ich endlich eine frei schwebende Glastreppe, die mich hoffentlich hier rausbringen wird.

Aus dem Wohnzimmer zu meiner Rechten höre ich Staubsaugergeräusche und das Rascheln von Müllsäcken, also biege ich nach links ab, sobald ich das Erdgeschoss erreicht habe. Ich komme an einem Porträt vorbei, von dem ich annehme, dass es den Besitzer des Hauses zeigt, der wie ein König in einem Sessel sitzt, mit einem Gewand und Rüschen und allem Drum und Dran, zusammen mit einem goldenen Stab. Ich habe in L. A. schon seltsamere Dinge gesehen, aber das hier ist schon etwas Besonderes.

Ich verkneife mir ein Lächeln. Ich werde nicht lügen; wenn ich den Ruhm und das Geld hätte, würde ich so etwas vielleicht auch tun.

Ich starre ihn ein paar Sekunden lang an und versuche herauszufinden, ob der Typ und ich uns gestern Abend begegnet sind. Alles ist noch verschwommen. Wahrscheinlich bin ich aber nicht allein hierhergekommen. Vielleicht waren es Connor oder Watts, die mich hergebracht haben, und keiner von beiden wollte lange genug bleiben, um zu sehen, wo ich landen würde.

Ich entdecke einen goldenen Spiegel mit einem Rahmen aus Stacheln, der an einer der Wände hängt, und benutze ihn, um mich schnell zurechtzumachen. Der Alkohol hat meine Haut so blass werden lassen, dass ich kränklich aussehe. Ich streiche mein Haar glatt nach hinten und richte mein zerknittertes Hemd. Ich möchte nicht riskieren, so fertig auszusehen, falls ich über eine scharfe Tussi stolpere, die mich heiß macht. Wenn ich meinen Kater erst einmal besiegt habe, sollte ich in den nächsten vier bis sechs Stunden wieder voll einsatzfähig sein.

Was mich daran erinnert …

Mein Blick fällt auf den Barwagen vor mir, der unter dem Spiegel steht. Und zwischen den wenigen Schnapsflaschen steht ein fast voller Macallan 18.

Die Verlockung kriecht über meine Haut.

Ich würde nicht sagen, dass ich finanziell am Ende bin. Ich habe in Boston meinen Lebensunterhalt mit diversen Untergrundkämpfen verdient. Aber weil ich damit aufgehört habe und L. A. jetzt als vorübergehenden Zufluchtsort ansehe, habe ich in letzter Zeit etwas zu sehr von meinen Ersparnissen gelebt. Und damit komme ich in dieser Stadt nicht sehr weit, wenn ich zwei Riesen pro Nacht für teuren Whiskey ausgebe.

Rechtschaffenheit wird also warten müssen.

Ich nehme die Flasche von dem Wagen und gehe zur Tür.

Kaum bin ich einen Schritt weitergekommen, starrt mich eine der Reinigungskräfte verwirrt an. Sie scheint Anfang dreißig zu sein, lockiges schwarzes Haar, große Augen. Gute Figur.

Der Staubsauger, den sie benutzt, rumpelt gegen den Perserteppich, aber sie bewegt sich nicht.

Ich habe nichts dagegen, mich mit älteren Frauen einzulassen. Sie wissen meist genau, was sie im Bett wollen, was großartig ist. Weniger Arbeit für mich, da ich nur noch ihren Anweisungen folgen muss.

Schade, dass ich nicht hierbleiben kann, um zu sehen, ob das auch bei dieser Frau der Fall ist. Ich sehe auf den Macallan in der Hand, dann wieder zu ihr.

»Wir sind Freunde«, sage ich.

Die Frau sieht nicht überzeugt aus, aber sie protestiert auch nicht. Sie denkt bestimmt, dass ich keine Ahnung habe, wen ich mit »wir« meine. Ich lasse den Gedanken auf sich beruhen, zwinkere ihr verschmitzt zu, als ich an ihr vorbeitrete und gehe.

Der Macallan in meiner Hand wird immer leichter, während ich darauf warte, dass mich das gerade bestellte Uber zu meinem Hotel zurückbringt.

Zwei

Jax

Die Wohnung, die ich gemietet habe, befindet sich in einer Straße in West Hollywood. Man könnte meinen, dass es allein aufgrund der Lage eine ziemlich anständige Gegend ist, in der man leben kann, aber das ist ein Irrtum. Ich bin fast zwei Meter groß und wiege hundertneunzig Pfund. Ich würde gern glauben, dass ich ein verdammt furchteinflößender Kerl bin, weil ich mich jahrelang mit vielen Typen in zwielichtigen Kellern geprügelt habe, aber ganz ehrlich, wenn ich in dieser Gegend nach Sonnenuntergang in einen Laden gehe, löst das in mir einen Hauch von Angst aus, von dem ich nie wusste, dass er existiert.

Damals habe ich meine erste Lektion in Sachen Umzug gelernt: recherchiere gründlich. Ich hatte zuvor noch nie einen Fuß an die Westküste gesetzt, geschweige denn nach L. A., und ich hatte es eilig, aus Boston herauszukommen. L. A. schien mir zu diesem Zeitpunkt die beste Option zu sein, da ich hier ein paar Freunde hatte, die mich perfekt mit dem Nachtleben vertraut machen konnten, und so habe ich den nächsten Flug gebucht, ohne an eine Rückkehr zu denken. Fünf Wochen später sitze ich nun hier fest, in einer Gegend, in der ich jederzeit überfallen, angegriffen oder getötet werden könnte.

L. A. ist wirklich ein anderes Kaliber.

Es ist gerade mal Mittag. Die Sommerhitze versengt meine Haut, als ich aus dem Uber aussteige. Ich habe dem Fahrer gesagt, dass er mich eine Straße weiter absetzen soll, da ich mir einrede, dass mir ein Spaziergang helfen wird, den Kater zu überwinden. Zu meiner Linken befindet sich ein baufälliges Zwei-Sterne-Hotel, das ich noch nie jemand anderes als ungepflegte alte Männer mit kaum volljährigen Mädchen im Arm habe betreten sehen. Daneben befindet sich ein altes Einkaufszentrum mit einer Reinigung, einem Lebensmittelladen, einem koreanischen Restaurant und einem Fitnessstudio für gemischte Kampfsportarten.

Ich bleibe vor dem Fitnessstudio stehen. Ich gehe nie hinein, obwohl alles in mir danach schreit, eine Mitgliedschaft abzuschließen. Heute leitet ein Trainer einen Gruppenkurs für Anfänger, wie ich annehme, denn die wenigen, die sich an den schweren Sandsäcken zu schaffen machen, haben nicht die richtigen Techniken, um die effektivsten Übungen durchzuführen. Der Mann, der den schweren Sandsack direkt am Fenster benutzt, führt eine Jab-Cross-Hook-Kombination aus, und ich erhasche einen Blick auf glänzendes blondes Haar, das zu einem Pferdeschwanz gebunden ist, ein weiterer Kursteilnehmer zu seiner Rechten. Mein Brustkorb wird plötzlich eng, und ich kann nicht mehr atmen. Es fühlt sich an, als hätte man mir einen heftigen Schlag gegen die Brust versetzt.

Das kann nicht sein. Sienna …

Der Mann taumelt zurück, schüttelt die Arme aus, und dann kommt das Gesicht der blonden Frau zum Vorschein. Die Panik verschwindet, als ich bemerke, dass sie viel kleiner ist als Sienna, und ihre Augenfarbe ist schwarz, nicht blau, wie ich es gewohnt war, dazu ein runderer Kiefer und dünnere Lippen. Ich zwinge mich, den Blick abzuwenden, und fahre mit der Hand zu meinem Kiefer, um den Druck zu lindern, der sich dort aufbaut.

Mir geht durch den Kopf, was gerade geschehen ist.

Warum habe ich auch nur eine Sekunde lang gedacht, dass sie es sein könnte, die hier in meiner Straße einen Boxkurs belegt? Warum geht mein Verstand automatisch davon aus, dass sie mich bis nach L. A. verfolgen würde?

Sie war diejenige, die mir vorgeschlagen hatte, dass ich gehen sollte.

Sie war diejenige, die mir klargemacht hatte, dass ich nicht mehr in ihre Nähe gehöre.

Eine kleine Schweißperle gleitet mir über das Gesicht, und ich wische sie mit dem Unterarm weg. Fuck. Verdammt. Auch wenn Sienna und ich auf entgegengesetzten Seiten des Landes sind, gaukelt mir mein Verstand vor, sie hier zu sehen.

Alles, wirklich alles kommt immer wieder auf sie zurück.

Ich weiß nicht, ob mich das sentimental oder tragisch macht.

***

Ich verschlinge gerade die Reste von gestern vor dem Fernseher, als mein Handy in meiner Tasche vibriert und The Imperial March als Klingelton ertönt. Ich bin nicht im Geringsten ein Star-Wars-Fan; ich dachte nur, dass es für den besagten Anrufer besonders passend wäre.

»Was willst du?«, frage ich kurz angebunden.

»Du warst bereit, alles für eine Flasche Whiskey zu riskieren? Wirklich, Jackson?«, donnert Baxtons Stimme in mein Ohr.

Es erschreckt mich, dass mich mein Vater bei meinem alten Namen nennt, obwohl ich ihn bei zahlreichen Gelegenheiten korrigiert habe.

»Wie? Was …?« Mein Körper ist zu gleichen Teilen von Panik und Verwirrung erfüllt, wie er das wissen konnte, da ich jenes Haus doch erst vor einer halben Stunde verlassen habe.

»Ich habe eine Rechnungsliste von Magnus Stokes erhalten. Da steht, dass du gestern Abend seinen Kühlschrank kaputtgemacht, ein paar Pizzen mit seiner Kreditkarte bestellt und heute eine Flasche Whiskey entwendet hast, wie eine seiner Reinigungskräfte berichtet«, sagt er, wobei er offenbar diese Liste vorliest. Seine Stimme klingt wütend. »Was zum Teufel soll das?«

Magnus Stokes. Ein passender Name für jemanden, der ein Selbstporträt in seinem eigenen Haus hängen hat. Obwohl das das Einzige ist, was hier Sinn zu ergeben scheint.

»Ich versteh’s nicht.« Ich stelle den Teller auf dem Couchtisch ab und wische mir mit dem Daumen über die Unterlippe. »Warum wird es dir in Rechnung gestellt?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht liegt es daran, dass Magnus weiß, dass du mein Sohn bist, und da er dich nicht erreichen konnte, bin ich der Nächstbeste«, stößt mein Vater hervor. »Oder vielleicht liegt es daran, dass du dich weigerst, die Verantwortung für dein eigenes Handeln zu übernehmen?«

An meinem Kiefer pulsiert ein Muskel angesichts seines väterlichen Tons, den er, offen gesagt, nicht verdient hat. Trotzdem fährt er fort, seine Frustration über meine Eskapaden der letzten Zeit zu äußern. Das war nicht immer so. Als er vor drei Wochen Wind davon bekam, dass ich hier war, wollte er einfach nur wieder Kontakt zu mir aufnehmen, nachdem er mehr als ein Jahrzehnt lang nichts von mir gehört hatte. Aber je häufiger sich mein Umfeld mit seinem überschnitt und die Leute über meine Arbeit sprachen, desto mehr verschlechterte sich die Beziehung zwischen mir und Baxton.

Es ist ja nicht so, dass ich auf ein glückliches Wiedersehen gehofft hätte. Ich hatte nicht einmal damit gerechnet, ganz im Gegenteil. Mein Vater war nach der Scheidung von meiner Mutter vor über einem Jahrzehnt aus meinem Leben verschwunden, um eine Karriere als Schauspieler zu verfolgen, und ich wollte ihn seitdem nicht mehr sehen. Vor allem, weil er beschlossen hatte, dass es das Beste wäre, sein altes Leben von seinem neuen zu trennen. Und das bedeutete, keinen Kontakt zu mir, seinem damals elfjährigen Sohn, zu haben.

Es war herzzerreißend und ein wichtiger Grund, warum es mir relativ egal ist, ob diese Beziehung wieder in die Brüche geht. Ich habe es schon einmal erlebt, ich kann das erneut.

»Schick mir die Rechnung, ich werde sie begleichen«, antworte ich ihm und umklammere das Handy noch fester.

Ein hartes Lachen schallt durch die Leitung. »Du willst eine Rechnung in Höhe von zehn Riesen begleichen?«

»Zehntausend?«, frage ich ungläubig nach. »Verdammt noch mal, wie viele Pizzen habe ich denn bestellt?«

»Es waren nicht die Pizzen. Es war der Kühlschrank.«

Ein Stöhnen entringt sich mir. Mein Gott, was habe ich ihm angetan?

Ich schließe die Augen und atme tief durch. Ich muss einfach in den sauren Apfel beißen und die Rechnung begleichen. Entweder das, oder ich lasse Baxton mein Chaos aufräumen. Und ich würde gern glauben, dass ich mehr Stolz habe als das.

»Ich kümmere mich darum, ich schwöre es«, sage ich.

Ein schwerer Atemzug ist zu hören, als ob er mir nicht ganz glauben würde. Ich verstehe nicht warum. Ich habe dreiundzwanzig Jahre damit verbracht, meinen eigenen Schlamassel aufzuräumen. Zehn Riesen werden meine Ersparnisse dezimieren, aber ich war schon einmal in schlimmeren Umständen.

Baxtons Stimme wird weicher, mit einem Hauch von Mitleid.

»Jackson …«

»Du musst aufhören, mich so zu nennen«, sage ich mit einem Stöhnen.

»Ich werde dich nicht bei dem Namen nennen, den du dir selbst gegeben hast.«

»Er ist genauso real wie jeder andere Name«, sage ich abwehrend.

Baxton kennt nicht den Grund, warum ich meinen Namen legal habe ändern lassen. Er weiß nichts von den schrecklichen Taten meines Stiefvaters Charles, die eine veränderte Identität rechtfertigen. Die Änderung meines Namens war die einzige Möglichkeit, mich vollständig von ihm und den Gräueln, die er mir angetan hat, zu trennen.

Baxton stößt einen tiefen Seufzer aus. »Gut. Jax. Ich kümmere mich um Magnus. Unter der Bedingung, dass du mit diesem Wahnsinn aufhörst. Jedes Wochenende verschwinden, feiern und Sex haben, bis der Körper aufgibt? Das wird nicht gut enden, das verspreche ich dir.«

»Ich weiß nicht, wovon du redest, ich bin wohlauf.«

»Du bist in das Haus eines Prominenten eingebrochen, hast seine Kreditkarte benutzt, seine Sachen zerstört und gestohlen.«

»Ich habe nicht gesagt, dass es mir großartig geht.«

Baxton seufzt, legt eine Pause ein. »Hast du jemals eine Therapie in Betracht gezogen?«

O Gott, nicht schon wieder diese Scheiße.

»Ich weiß nicht, was damals in Boston passiert ist«, fährt Baxton fort, wobei seine Stimme einen mitfühlenden Ton annimmt. »Aber du weißt, dass du es nicht länger verdrängen kannst.«

Ich hatte nicht die Absicht, Baxton oder sonst jemandem hier mitzuteilen, was in Boston geschehen ist. Er will es unbedingt wissen, das ist mir klar. Aber er wird diese Information nicht von mir bekommen, das hat er nicht verdient.

»Ich schiebe es nicht weg. Ich mache einfach weiter«, argumentiere ich.

»Selbstzerstörung ist kein Weitermachen«, bellt er zurück.

»Selbstzerstörung bedeutet, dass ich mich selbst quäle, obwohl ich mich in Wahrheit nie lebendiger als jetzt gefühlt habe.«

Ein frustrierter Seufzer ist zu hören. »Können wir wenigstens ehrlich sein und darüber reden, was das mit dir macht? Und einen Weg nach vorn finden? Das muss nicht unbedingt mit einem Therapeuten sein. Sei einfach offen für irgendeine Art von Hilfe«, fleht er, und ich seufze verzweifelt. »Ich sollte mit meiner letzten Szene um neun Uhr fertig sein. Wir können noch spät zu Abend essen.«

»Ich bin beschäftigt, Baxton.« Ich nehme den Teller vom Couchtisch und gehe in die Küche, wobei ich mir das Handy zwischen Schulter und Ohr einklemme.

»Gut. Ich komme morgen vorbei.«

»Ich habe morgen etwas vor.«

»Ach wirklich? Was für Pläne hast du denn?«

»Ein paar Besprechungen. Du bist nicht der Einzige, der einen vollen Terminkalender hat, Baxton«, lüge ich.

»Gut«, lenkt er ein, wenn auch widerwillig. »Aber bitte halte dich die nächsten Tage zurück. Die Leute um mich herum fangen an zu reden. Sie denken, ich hätte meinen Sohn nicht im Griff.«

»Richtig. Mein Fehler«, schnauze ich, während die Bitterkeit meine Kehle verstopft, und lasse die Essensreste in den Mülleimer fallen. »Wenn ich das nächste Mal Mist baue, werde ich alle wissen lassen, dass es meine Schuld ist, damit dein Ruf als der unproblematischste Schauspieler in Hollywood unversehrt bleibt.«

»Du weißt, dass ich das nicht so gemeint habe …«

Ich höre den Rest des Satzes nicht mehr, weil ich bereits aufgelegt habe.

Ich werfe das Handy auf den Küchentisch, klammere mich so fest an den Rand der Spüle, dass ich sie fast abreißen könnte. Meine Schultern wölben sich nach vorn, ich verziehe das Gesicht, während ich angestrengt Luft hole.

Ich könnte netter zu Baxton sein, das ist mir klar. Aber ihn zu verachten, das ist wie ein Muskel, den ich jahrelang trainiert habe, sodass es schwierig ist, es jetzt aufzugeben. Und ob gut gemeint oder nicht, was Baxton von mir will, das kann ich ihm einfach nicht geben. Er denkt, mein Verhalten sei ein Schrei nach Hilfe.

Dabei will ich einfach mein Leben so gut wie möglich leben.

Kaum eine Minute später nehme ich mein Handy wieder in die Hand. Ich rufe die einzige Person an, bei der ich mich darauf verlassen kann, dass sie mir eine gute Zeit beschert.

»Hey, Watts«, sage ich sanft. »Hast du heute Abend irgendwelche Partys mit einer offenen Einladungsliste?«

Drei

Blaire

Mein jüngerer Bruder Eden sieht skeptisch zu den kleineren Kindern, die auf dem Spielplatz herumtollen.

Er beobachtet schweigend, wie ein anderer Junge, der halb so alt ist wie er, seinen Freund um den Park herum verfolgt. Als der Junge um die Ecke biegt, stößt er fast mit Eden zusammen, weicht aber aus und trifft ihn lediglich an der Schulter. Eden wirft ihm einen bösen Blick zu, und der Junge murmelt ein kurzes »Entschuldigung«, bevor er wieder losrennt.

Eden rollt mit den Augen und fährt kurz mit den Händen über sein NASA-Hemd, bevor er seinen Blick wieder auf mich richtet, dieses Mal eher gelangweilt. »Dir ist schon klar, dass ich zehn bin, oder?«

»Komm schon. Ich dachte, es würde Spaß machen«, antworte ich und stoße Eden mit dem Ellbogen an. »Das Klettergerüst war schon immer dein Ding.«

»Ja, vor … einer Million Jahren?« Er wirft mir einen Blick zu, der sagt: Werd mal erwachsen.

Manchmal vergesse ich, dass er kein kleines Kind mehr ist. Obwohl ich nicht mal ein ganzes Jahr weg war, erschüttert es mich immer noch, wie viel ich von seinem Leben verpasst habe.

Ich werfe einen kurzen Blick auf mein Handy. Noch zwanzig Minuten, bis ich ihn zurückbringen muss. Kurz runzle ich die Stirn, bevor ich ihn wieder ansehe.

»Wie wär’s, wenn ich mit dir um die Wette laufe?«, schlage ich vor.

Einen Moment lang funkeln seine tiefblauen Augen vor Neugierde, Eden kann der Herausforderung nicht widerstehen. Er richtet seine Aufmerksamkeit auf die Kletterstangen, die mit dem oberen Teil der Rutsche verbunden sind, und hebt seine Hand in Form eines L, um den Abstand zwischen den Stangen und dem Boden zu messen. Er lässt die Hand wieder sinken und schürzt nachdenklich die Lippen. »Ich weiß nicht, B. Du bist vielleicht zu groß. Dann gehst du einfach auf die andere Seite.«

»Na, dann musst du eben schneller schwingen, nicht wahr?«

Eden grinst. »Du bist dran.«

Sekunden später rennen wir die Stufen zum Klettergerüst hinauf. Eden hat einen Vorsprung, und als ich oben ankomme, ist er schon bei der dritten Stange. Ich lasse meine Füße über dem Boden baumeln und passe auf, dass ich nicht schummle, indem ich laufe, denn ich möchte, dass er den Sieg genießt. Außerdem bin ich nicht so flink wie ein Zehnjähriger, sodass er mich leicht besiegt. Als er die letzte Stange erreicht, springt er auf den Boden, freut sich über seinen Sieg und dass ich verloren habe.

»O mein Gott, tu das nicht«, sage ich streng und umfasse schnell seine Hand, um seinen Mittelfinger nach unten zu drücken. »Laura könnte denken, ich hätte dir das beigebracht. Sie denkt eh schon, dass ich einen schlechten Einfluss auf dich habe.«

»Eh«, sagt Eden abweisend, »was sie nicht sieht, wird sie nicht verletzen.«

»Sei vorsichtig«, entgegne ich. »Du könntest tatsächlich wie ich werden.«

»Na und? Das wäre nicht schlimm.«

»Versuch mal, das Laura zu sagen.«

Laura Adams ist die Adoptivmutter von Eden. Nach vier Jahren, in denen sie nicht schwanger werden konnte, und einem weiteren Jahr, in dem sie versucht hatte, ein Kind zu adoptieren, haben Laura und ihr Mann Connor mit Eden endlich das bekommen, was sie immer wollten. Ich habe Connor nur einmal getroffen; er ist wegen seines Jobs als Pilot nicht so oft zu Hause, aber er ist mir viel sympathischer als seine Frau, die leider immer da ist und alles, was ich mache, sehr kritisch sieht.

Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass Edens Adoptiveltern wussten, dass ich ein Teil von seinem Leben bin. Die ganze Situation ist so gesehen meine Schuld. Es begann damit, dass ich für sieben Monate ins Bezirksgefängnis musste und dadurch von meinem Bruder getrennt wurde.

Der Gefängnisaufenthalt war eine Qual, nicht wegen der eigentlichen Strafe, sondern weil ich Angst davor hatte, was mit meiner Familie passieren würde, während ich weg war. Bevor ich inhaftiert wurde, lebten Eden, unsere Mutter und ich in einem billigen Hotel in der Innenstadt. Ich hatte dummerweise gehofft, dass sie nach meiner Entlassung entweder immer noch dort wohnen oder in der Nähe sein würden. Es dauerte jedoch drei Monate, bis ich herausfand, dass Eden nicht nur nicht mehr in der Obhut meiner Mutter war, sondern auch, dass sie die Stadt verlassen und ihn in einem Kinderheim abgegeben hatte, als würde sie einen Artikel im Laden zurückgeben. Als Eden adoptiert wurde, wusste das Kinderheim also nicht, dass es mich gab, da meine Mutter diese Information nicht preisgegeben hatte.

Ich war gleichermaßen am Boden zerstört und erleichtert, als ich erfahren habe, dass er adoptiert worden war. Eden gehörte zwar rechtlich gesehen nicht mehr zu mir, aber zumindest war er in all den Monaten, in denen ich hinter Gittern war, gut versorgt gewesen. Wenigstens wusste meine Mutter, dass sie nicht egoistisch sein durfte. Sie und ich waren oft nicht einer Meinung, aber letzten Endes wussten wir beide, dass Eden der Beste von uns war und deshalb die Chance auf ein besseres Leben verdient hatte.

Heute besuche ich Eden zum vierten Mal. Ich gewöhne mich immer noch an die Tatsache, dass er jetzt dauerhaft bei einer anderen Familie lebt.

Eden und ich machen es uns auf der Bank mit Blick auf den Spielplatz bequem. Ich reiche ihm ein Schinkensandwich, das ich von zu Hause mitgebracht habe, und er greift hungrig danach, nimmt einen großen Bissen und kaut genüsslich. Sein tiefschwarzes Haar leuchtet in der Spätnachmittagssonne fast kaffeebraun. Mit seiner langen, geraden Nase, dem kantigen Kiefer und dem riesigen Lächeln sieht er unserem verstorbenen Vater sehr ähnlich.

»Und, was hast du letztes Wochenende gemacht?«, frage ich und schiebe das Etikett, das hinten aus seinem gestreiften Hemd herausschaut, wieder hinein.

»Mum ist mit mir zum Santa Monica Pier gefahren, und dort haben wir einige Fahrgeschäfte ausprobiert. Ich hatte die höchste Punktzahl beim High Striker«, erzählt Eden, bevor er einen weiteren Bissen von seinem Schinkensandwich nimmt. Er schluckt es hinunter, bevor er hinzufügt: »Wir haben danach noch Churros gegessen. Die haben aber schlecht geschmeckt.«

»Laura hat dir gesagt, du sollst sie Mum nennen?« Das ist das Einzige, was sich in meinem Kopf festgesetzt hat.

»Ja. Sie sagte, sie mag keine Vornamen, also probieren wir es aus.«

Ich spüre ein schmerzhaftes Ziehen in meinem Magen. Ich verstehe, dass unsere leibliche Mutter nicht gerade die beste Mutterfigur war, aber es fühlt sich an, als würde Laura versuchen, sie in Edens Leben zu ersetzen.

Eden isst das Sandwich auf und zerknüllt die Frischhaltefolie zu einem Ball, bevor er sie in den Mülleimer wirft. »Wann machen wir endlich mal was, was Spaß macht, Blaire?«

»Machen wir nicht gerade jetzt etwas Lustiges?«

Er sieht auf seinen Schoß hinunter. »Du weißt, was ich meine. Ich habe es irgendwie satt, die ganze Zeit herumzulaufen und nur in Parks rumzuhängen.«

Ich bleibe ruhig. Das stimmt. Im Wörterbuch eines jeden Zehnjährigen bedeutet etwas zu tun, was Spaß macht, dass man dafür Geld ausgibt.

Ich kann es nicht verhindern, dass mir die Schamesröte ins Gesicht geschrieben steht.

Ich werfe ihm nicht vor, dass er so etwas machen will. Ich möchte, dass er so etwas erlebt.

Er hat es genauso schwer gehabt wie ich, also ist es an der Zeit, dass er ein normales Leben führen kann wie andere Kinder in seinem Alter. Es schmerzt mich einfach, dass ich ihm nicht geben kann, was er braucht. Es ist Sommer, und er muss mit mir in Parks herumhängen, weil ich zu pleite bin, um ihn irgendwo anders hinzubringen.

»Arbeitest du immer noch bei Creme De La Creme?« Eden stupst mich an.

»Ja.« Die Lüge rutscht mir einfach so heraus.

»Ich hoffe, du bleibst dort. Du warst so traurig, als du deinen alten Job aufgegeben hast.«

Mein Lächeln wird schwächer. Die Wahrheit ist, dass ich seit mehr als einem Monat nicht mehr bei Creme De La Creme angestellt bin. Sie haben von meiner Vorstrafe erfahren und sich einen Grund ausgedacht, um mich zu entlassen. Leider bin ich daran gewöhnt, dass so etwas passiert. Für sie spielt es keine Rolle, dass ich einen Highschool-Abschluss oder Berufserfahrung habe. Sie sehen nur meine Vorstrafe und die mögliche Gefahr, die mit meiner Anstellung einhergeht.

Es ist zum Kotzen, und ich weiß nicht, wie ich in meinem Leben weiterkommen soll, wenn ich mir jedes Mal, wenn ich mich um eine Stelle bewerbe, so etwas gefallen lassen muss.

»Komm her«, sage ich und ziehe meinen Bruder zu mir. Ich drücke meine Stirn gegen seine und atme tief ein. »Du musst dir keine Sorgen um mich machen, in Ordnung? Ich habe alles im Griff.«

»Meinst du das wirklich?«, fragt er skeptisch.

»Ja. Ich habe ja auch mein Wohnproblem gelöst, oder nicht?«

»Das lag nur daran, dass du Baxton hast, der dir hilft«, meint Eden und durchlöchert damit meine Verteidigung.

Baxton Deneris ist ein Freund unserer Familie, mit dem ich vor Kurzem wieder Kontakt aufgenommen habe. Mein Vater hat ein paar Jahre lang als Gärtner für Baxton gearbeitet, sodass ich immer viel in seinem Haus war. Als Baxton von meiner Situation erfahren hat, war er eine große Hilfe, um nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis eine Wohnung zu finden. Er hat mich in einem seiner Häuser in der Melrose Avenue untergebracht und mir geholfen, Eden wiederzufinden. Mein neues Leben habe ich ihm zu verdanken.

Obwohl ich Baxton unendlich dankbar bin, löst Edens Kommentar ein mulmiges Gefühl in mir aus. Alles, was ich nach meiner Inhaftierung erreicht habe, habe ich Baxton zu verdanken. Das Einzige, was ich für mich selbst tun konnte, nämlich ein gesichertes Einkommen zu erzielen, war bisher ein Reinfall.

»Wenn du etwas brauchst, egal was, lass es mich wissen, okay?« Eden sieht besorgt aus. »Ich weiß, du denkst, ich bin zu jung, um dir zu helfen oder so, aber du solltest mich nicht unterschätzen.«

Das bringt mich zum Lächeln. »Okay. Ich verspreche, das werde ich nicht. Und ich danke dir. Aber ich mach das schon.«

Eden nickt zögernd. »Okay.«

Einen Augenblick lang ist das alles, was ich brauche. Dass er mir vertraut, dass ich es schaffen werde.

Der Moment wird durch das Klingeln meines Handys in der Tasche meiner Shorts unterbrochen. »Scheiße.«

»Schon?«, fragt Eden enttäuscht.

»Ja.« Ich stehe auf und lege den Arm um seine Schulter. »Ich bring dich nach Hause.«

Eden erhebt sich eher widerwillig von der Bank.

Kurz darauf stehen wir vor dem perfekt gepflegten dreistöckigen Haus mit den blauen Fensterläden und dem weißen Lattenzaun, in dem wir früher gewohnt haben.

Der idyllische Anblick wird jedoch durch die ungeduldige Besitzerin gestört, die mit einem verärgerten Gesichtsausdruck an der Eingangstür steht.

Auch wenn ich Laura nicht mag, muss ich zugeben, dass sie eigentlich ziemlich hübsch ist, fast schon hinreißend. Sie geht auf die fünfzig zu, aber sie sieht keinen Tag älter als fünfunddreißig aus. Ihr braunes, schulterlanges Haar ist zu einem schicken Bob geschnitten, ihre Zähne sind perfekt weiß. Wahrscheinlich lässt sie die Herzen der Männer höherschlagen, wenn sie lächelt. Nicht dass ich es wirklich wüsste, mich lächelt sie nie an.

Als Laura uns bemerkt, flackert kurzzeitig Erleichterung in ihren dunklen Augen auf, auch wenn sie ihre Lippen zu einer wütenden, angespannten Linie verzogen hat. Die Linie vertieft sich, als sie erkennt, dass Eden mit mir glücklich ist.

Ihr scharfer Blick richtet sich auf seine Turnschuhe. »Deine Schuhe sind schmutzig«, bemerkt sie.

»Oh«, antwortet er und zuckt mit den Schultern. »Wir waren im Park.«

»Zieh sie aus, bevor du nach oben gehst«, sagt sie verärgert.

Eden nickt. Er winkt mir zum Abschied kurz zu, bevor er ins Haus verschwindet. Laura sieht ihm hinterher, und als er außer Hörweite ist, richtet sie ihre volle Aufmerksamkeit auf mich.

»Du bist spät dran«, bemerkt sie mit kühler Stimme.

»Nur acht Minuten. Wir waren im Park in der Nähe, als du mir geschrieben hast.«

Sie schüttelt langsam den Kopf, als Zeichen dafür, dass sie nicht duldet, dass etwas nicht nach ihren Regeln abläuft. »Das ist nicht das, was wir vereinbart haben.«

Mein Körper brennt vor Frustration. Es ist nicht das erste Mal, dass sie versucht, auf jeder Kleinigkeit herumzuhacken, nur um einen Fehler bei mir zu finden. Das läuft schon so, seit ich wieder in Edens Leben aufgetaucht bin.

»Ich versuche mein Bestes, Laura«, ist alles, was ich sagen kann.

Sie schüttelt den Kopf, glaubt mir kein Wort. »Du weißt, dass ich schon sehr großzügig bin, wenn du ihn einmal in der Woche sehen darfst.«

»Ja, für etwa drei Stunden, so wie du es bestimmst.«

Sie verschränkt die Arme vor der Brust und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. »Muss ich dich daran erinnern, dass ich gesetzlich nicht dazu verpflichtet bin, dir ein Besuchsrecht zu gewähren? Dass ich es nur erlaube, weil Eden förmlich darum gebettelt hat, dich sehen zu dürfen?«

»Du weißt, dass ich dir dafür dankbar bin, Laura«, beschwichtige ich mit zusammengebissenen Zähnen. »Ich glaube aber, wenn ich mehr Zeit mit ihm hätte, wäre das gut für Eden.«

»Ach? Und wie willst du gut für ihn sein? Indem du ihn ermutigst zu schwänzen?«

»Ich habe einen Job, das weißt du.«

»Oh, richtig. Im Creme De La Creme?« Laura neigt süffisant den Kopf zur Seite. »Lustigerweise war ich letzte Woche dort und habe von deinem Chef erfahren, dass du seit einem Monat nicht mehr dort arbeitest.«

Ich schlucke schwer. Das habe ich nicht kommen sehen.

Eden wird erfahren, dass ich ihn belogen habe. Laura wird zweifellos die erste Gelegenheit ergreifen, es ihm zu sagen.

»Vielleicht sollten wir auch mal darüber reden, dass du dich bei jemand anderem durchschnorrst und von einem ›Freund der Familie‹ kostenlose Zuwendungen erhältst?« Sie runzelt die Stirn, ihr Blick wird hart. Bei der Erwähnung von Baxton beiße ich die Zähne zusammen. »Ich wette, deine Eltern wären stolz darauf. Gott allein weiß, was für eine Vereinbarung du mit diesem Kerl hast.«

Ihr Kommentar überrascht mich. Ich und Baxton? »Laura, du weißt, dass das überhaupt nicht stimmt.«

»Ich weiß vielleicht nicht alles, aber wenn du nicht mal in der Lage bist, um Miete zu zahlen, wie soll ich dir dann mein Kind anvertrauen?«

Mir fällt die Kinnlade herunter. »Das ist wirklich nicht fair.«

»Bevor du um mehr Zeit mit Eden bittest, solltest du dir vielleicht erst einmal gründlich überlegen, ob du das wirklich verdienst«, sagt Laura spöttisch.

Mir bleibt das Herz fast stehen. Das meint sie doch nicht ernst, oder? Auch wenn ich eher schlecht über sie denke, muss es doch einen Weg geben, dass sie mir glaubt, denn im Grunde ist sie kein böser Mensch.

Aber die rationale Seite von mir gewinnt heute nicht, denn Laura gibt nur ein abfälliges Geräusch von sich und knallt mir die Tür vor der Nase zu.

Vier

Blaire

Nachdem ich Eden bei Laura abgesetzt habe, fahre ich nach Hause, da ich noch etwas Zeit habe, bevor ich mich mit Baxton zum Abendessen treffe. Das Haus ist ein hübscher zweistöckiger Bungalow mit drei Schlafzimmern in Melrose in einer eher ruhigen Straße, mit einem großen Garten und einem Pool im Hinterhof.

Ja, mein Leben ist ein Paradoxon.

Baxton hat es vor ein paar Jahren gekauft, um es später gewinnbringend wieder zu veräußern. Als ich mich nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis wieder mit ihm traf, änderten sich die Dinge. Das Haus stand kurz vor dem Abschluss der Renovierungsarbeiten, und Baxton beschloss, mit dem Verkauf zu warten, damit ich dort bleiben konnte, bis ich wieder vollständig auf die Beine gekommen war. Er hatte mir nie ein festes Datum für den Auszug genannt, aber wahrscheinlich ging er wie ich davon aus, dass ich nach ein oder zwei Monaten ausziehen würde.

Das ist jetzt mehr als ein halbes Jahr her.

Obwohl ich mehr Glück habe als die meisten. Ich habe Geschichten über Ex-Sträflinge gehört, die nach ihrer Entlassung als Obdachlose enden. Ich habe das Glück, dass mir ein solches Schicksal erspart geblieben ist und dass ich Baxton hatte, der sich für mich eingesetzt hat. Meine Freundin Elle glaubt, dass mein verstorbener Vater seine Finger mit im Spiel hatte. Ich liebe meinen Vater, und obwohl ich für Baxton jede Sekunde dankbar bin, weiß ich, dass ich mich nicht auf ihn als Schutzengel verlassen sollte.

Die einzige Person, der ich je vertraut hatte, war ich selbst.

Und wenn ich mich aus dieser misslichen Lage mit Laura befreien will, bin ich die Einzige, die das tun kann. Voller Elan klappe ich meinen Laptop auf.

Lauras Forderung war deutlich: Wenn ich mehr Zeit mit Eden verbringen wollte, musste ich beweisen, dass ich ein gutes Vorbild für ihn sein konnte, moralisch und finanziell. Ich bezweifle, dass sich ihre Sichtweise über Nacht ändern würde, selbst wenn ich einen Job hätte – sie würde mich wahrscheinlich dazu zwingen, noch härter dafür zu arbeiten, als ich es jetzt schon tue –, aber wenn ich ihr immer wieder beweise, dass ich mein Leben auch finanziell im Griff habe, gewinne ich vielleicht ein kleines bisschen ihres Vertrauens. Und das ist für mich im Moment genug.

Eden ist das Einzige, wofür ich lebe. Ich würde sterben, wenn ich es zulassen würde, dass Laura mich für immer aus seinem Leben ausschließt.

Auf meinem Laptop – ein weiteres Geschenk von Baxton – schreibe ich E-Mails und verschicke sie zusammen mit meinem Lebenslauf an alle Restaurants, Cafés und Einzelhandelsgeschäfte im Umkreis von zehn Meilen um meinen Wohnort, die eine offene Stelle haben. Für den Fall, dass ich keine Antwort erhalten würde, habe ich für nächste Woche einen Termin beim Arbeitsamt vereinbart, um zu sehen, ob ich irgendetwas tun kann, um mehr Erfolg bei den Bewerbungen zu erreichen. Es muss doch jemanden geben, der mich trotz meiner Vorgeschichte einstellen würde, oder? Außerdem hat das Arbeitsamt wahrscheinlich Zugang zu allen möglichen Datenbanken, also auf weitere freie Stellen.

Ich klammere mich nicht gern an die Hoffnung, aber sie ist das Einzige, was ich habe.

Allerdings gibt es eine Möglichkeit, die Stellensuche für mich zu erleichtern. Ich könnte meine Vorstrafe aus dem System löschen lassen. Das war eine Option, die ich tatsächlich in Betracht gezogen hatte. Theoretisch könnte ich sie löschen lassen, sodass es so aussieht, als hätte es sie gar nicht gegeben. Ich war wegen eines nicht gewalttätigen Verbrechens im Gefängnis und habe lediglich sieben Monate abgesessen, sodass ich für eine Löschung infrage komme. Aber um das zu veranlassen, müsste ich einen Anwalt beauftragen, der mir bei meinem Antrag hilft, und das ist ein langwieriger Prozess ohne Garantie auf das gewünschte Ergebnis. Die anfallenden Kosten dafür würden mich ruinieren, vor allem die Antrags- und Gerichtsgebühren.

Ich könnte Baxton um das Geld bitten. Aber das würde bedeuten, dass ich die große, fette Lüge, die ich ihm erzählt habe, nämlich dass ich einen Job habe und finanziell gut dastehe, wieder zurücknehmen müsste. Und außerdem weiß ich nicht, ob ich Baxton das jemals antun könnte. Er hat mir mehr als genug geholfen, mich wieder auf die Beine zu bringen. Ich kann ihn nicht um noch mehr bitten … Ich werde es nicht tun.

Die restliche Zeit vor dem Abendessen verbringe ich damit, mich durch Jobangebote zu scrollen.

***

Baxtons Serie Heartstorm Hospital wird auf dem Studiogelände von Paramount Pictures gedreht, das nicht weit von meiner Unterkunft entfernt ist, also mache ich mich auf den zwanzigminütigen Weg dorthin. Baxton wird immer noch am Set aufgehalten, es ist schon sehr spät am Abend, als ich dort ankomme. Die Serie, die er gerade dreht, ist ein satirisches, düsteres Comedy-Drama über eine Gruppe von Vampiren, die nach einer Apokalypse ein Krankenhaus leiten und die ganze Staffel damit verbringen, ihre hinterhältige Natur vor den Überlebenden zu verbergen. Es ist schräg und ein bisschen kitschig, aber es ist großartiges Fernsehen. Vor einigen Monaten wurde bekannt gegeben, dass die Serie zur Freude von Millionen von Fans um eine dritte Staffel verlängert wird, und die Produktion begann vor einigen Wochen.

Nachdem ich mich am Eingang angemeldet und meinen Besucherausweis erhalten habe, werde ich von einer Mitarbeiterin namens Gayle begrüßt. Ihr Lächeln ist herzlich, wirkt aber angestrengt. Sie scheint in meinem Alter zu sein – wahrscheinlich eine Filmstudentin, die hier im Sommer ein Praktikum absolviert –, mit dunklem gewelltem Haar, das sie zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden hat, doch ihre müde wirkenden braunen Augen verraten mir, dass sie erschöpft ist und vermutlich für all ihre Aufgaben auch noch unterbezahlt wird.

»Baxton ist gleich fertig für heute. Sie versuchen gerade die perfekte Aufnahme für die Kussszene«, informiert sie mich, als sie sich mit mir hinten in den Wagen setzt, der uns ans Set bringen soll.

Welche Kussszene? Ich möchte es gern wissen, aber ich werde es wohl noch früh genug erfahren. Ich habe die letzten beiden Staffeln von Heartstorm Hospital gesehen, und die einzige aufkeimende Liebe in der Serie betrifft die beiden Nebenfiguren Camilla und Edward.

Wenn sie jedoch von einer Kussszene zwischen Baxtons Figur Drac und seiner langjährigen Feindin – und vermeintlich zukünftigen Geliebten – Mina spricht, ist mein Interesse sofort geweckt.

Gayle tippt dem Fahrer auf die Schulter und gibt ihm damit zu verstehen, dass niemand sonst mitfährt, und daraufhin fährt er los.

Obwohl ich inzwischen schon ein paarmal am Set war, habe ich immer noch diesen Kneif-mich-Moment, wenn wir durch all diese verschiedenen Drehsets fahren. Mein Herz schlägt schneller, als ich feststelle, dass das Brownstone-Set heute geschlossen ist, und ich einen Blick auf Emma Roberts erhasche, die aus einer U-Bahn-Station kommt, sie telefoniert, hält einen Kaffeebecher in der anderen Hand und mischt sich unter die Menge der Statisten, die geschäftige und unbekümmerte New Yorker mimen.

Als wir das richtige Gebäude erreicht haben, steigen wir aus, Gayle öffnet die Tür mit ihrem Ausweis und wir gehen hinein. Die Kulisse des Heartstorm Hospital ist riesig. Hier befinden sich die meisten Innensets, wie beispielsweise Dracs Büro, der Besprechungsraum des Krankenhauses und die Wohnungen der Charaktere. Szenen im Freien werden draußen auf dem Gelände gefilmt, manchmal auch bei anderen Studios in L. A.

Heute Abend werden sie in Dracs Wohnung drehen. Passend zu seiner Serienfigur ist diese Wohnung düster und charakterlos, denn er soll als launischer, unnahbarer, einsamer alter Mann wirken, der im Krankenhaus ein strenges Regime führt. Wie erwartet, steht Baxton im Mittelpunkt der Aufnahme. Obwohl er in diesem Jahr auf die fünfzig zugeht, hat er nur minimale feine Linien und Fältchen. Er schwört, dass er nie Botox benutzt hat, aber wenn ich ihn jetzt durch den HD-Monitor des Regisseurs betrachte, bin ich mir nicht sicher, ob ich ihm das glauben kann, denn seine Haut sieht ein wenig zu straff und fest aus. Sein blondes Haar ist zerzaust und feucht, als wäre er gerade erst einem sintflutartigen Regenguss entkommen, und an seinem kantigen Kiefer pulsiert ein Muskel, während sein Blick zu Mina wandert, einer Kollegin aus dem Krankenhaus, gespielt von meiner derzeitigen Lieblingsschauspielerin Anastasia Lowell.

In dieser Szene lässt er seine Deckung fallen, als Mina zu ihm herüberschlendert, und die Spannung zwischen ihnen nimmt zu. Sie sehen beide aus, als hätten sie einiges durchgemacht, ihre Kleidung ist völlig durchnässt von Wasser und Blut, aber das scheint sie nicht zu kümmern.

Mina umfasst Dracs Gesicht und presst mit einem tiefen Seufzer ihren Mund auf seinen.

Er klammert sich an sie, als wäre sie sein einziger Rettungsanker, packt sie an den Hüften und legt den Kopf schräg, um den Kuss zu vertiefen. Das Verlangen nimmt überhand, als sie an ihm hochspringt und ihre Beine um ihn schlingt, eine Szene, wie man sie nur aus Seifenopern und Filmen kennt.

»Cut! Das war großartig, Leute«, verkündet der Regisseur hinter dem Monitor. »Das war’s für dich heute, Braxton, und Ana, du kannst in die Maske gehen und dort warten, während wir das Set neu beleuchten.«

Baxton und Ana geben sich lächelnd ein High-Five und beglückwünschen sich gegenseitig zu der Szene, die sie gerade gedreht haben. Ihre Assistenten kommen mit ihren jeweiligen Roben an, und nachdem sie sie angezogen haben, gehen beide in verschiedene Richtungen vom Set. Ich winke Baxton zu, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, und er joggt zu mir herüber, wo ich hinter dem Regisseur und den Produzenten stehe.

»Wow. Das war … heftig«, bemerke ich.

Baxton gibt sein Bestes, um abgeklärt zu wirken, aber er hat dennoch leicht rote Wangen, da die Szene doch recht heiß war. »Hey. Danke, dass du gekommen bist«, murmelt er, zieht mich in eine Umarmung und drückt mich fest.

»Kein Problem«, sage ich, drücke ihn ebenfalls kurz an mich, lehne mich dann zurück und frage zögernd: »Weißt du, ich stehe genauso auf Mina und Drac wie jeder andere Fan, aber habe ich richtig gehört, dass diese Kussszene bereits in der zweiten Folge der dritten Staffel vorkommen wird? Soweit ich weiß, hat Drace zuletzt gerade ihren Ex-Lover umgebracht, und sie hat geschworen, dass sie ihn dafür lebendig begraben würde.«

Baxton verzieht gereizt das Gesicht. »Davon will ich gar nicht erst anfangen.« Der Streit zwischen Baxton und dem neuen Showrunner Marshall Tanner ist kein Geheimnis. Sein Vorgänger wurde vom Studio aufgrund der #Metoo-Debatte zum Rücktritt gezwungen, da er wie einige der Hollywood-Dreckskerle seine Machtposition ausgenutzt hatte. Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan, aber man musste nun schnell einen Ersatz finden, um die dritte Staffel drehen zu können. Und so wurde Marshall Tanner, ein bisher nur wenig erfolgreicher Sprössling prominenter Eltern, ein sogenanntes Nepo-Baby, mit an Bord geholt. Es überrascht mich also nicht wirklich, dass er bereits dabei ist, den Ablauf der Serie zu vermasseln.

»Ich weiß, dass ich gesagt habe, dass wir heute Abend bei Yamashiro’s essen gehen, aber ich habe gerade von einer Cluberöffnung erfahren, zu der ich hingehen muss, daher Planänderung«, sagt Baxton. »Macht es dir etwas aus, wenn wir hier schnell etwas essen?«

»Das ist okay, kein Problem.«

Am Rande des Studios gibt es einen kleinen Catering-Bereich mit Holztischen und -bänken.

Die Auswahl an Speisen ist beeindruckend: Es gibt Meeresfrüchte, gebratenes Hähnchen, schön gebratene Steaks und sogar Sushi. Ich fülle meinen Teller mit so vielen Nigiri, wie ich kriegen kann, und nehme dazu eine kleinere Portion gebratene Nudeln auf einem Extrateller. Baxton winkt mich zu sich herüber, und ich lasse mich auf die Bank gegenüber von ihm fallen. Ich sage kaum zwei Worte zu ihm, bevor ich meine Stäbchen nehme und mir das Sushi in den Mund schiebe.

Baxton sieht mir mit einer Mischung aus Sorge und Interesse dabei zu, wie ich den Rest des Tellers verschlinge. Er nimmt einen kleinen Schluck von seiner Cola, bevor er fragt: »Du warst heute bei Eden, richtig? Wie war’s?«

»Es war ganz okay.« Eher das Gegenteil, wenn ich ehrlich bin. Die Zeit mit Eden ist immer zu kurz.

Sorgenfalten ziehen sich über Baxtons Stirn. Er hatte mir einmal sein Bedauern darüber ausgedrückt, dass er dem Jugendamt wegen Eden nicht zuvorkommen konnte, aber es war einfach zu spät gewesen, als er erfahren hatte, was mit uns geschehen war. »Gibt es immer noch Probleme mit Laura?«, fragt er.

»Nichts, womit ich nicht zurechtkomme.« Ich gehe nicht weiter darauf ein, denn das Letzte, was ich brauche, ist, dass Baxton in dieses Drama verwickelt wird. Ich beschließe, das Gespräch von mir wegzulenken. »Ist Harvey heute da?«

Harvey Dystel. Meine große und einzige Liebe. Er spielt in der Serie Draculas Sohn und ist in dieser Rolle einfach umwerfend. Es ist hilfreich, dass der Kameramann das auch so sieht, denn bei jeder Gelegenheit baut er Nahaufnahmen von Harveys Bauchmuskeln ein. Ich stehe total auf solche TV-Bilder, bei denen man sich Appetit holen kann.

Baxton schiebt sich ein Stück Brathähnchen in den Mund, zieht die Mundwinkel amüsiert nach oben. »Er hat heute keine Szene. Und als ob ich dich überhaupt in seine Nähe lassen würde.«

»Warum nicht? Traust du mir nicht?«

»Ich vertraue dir«, beteuert Baxton. »Aber er hat sich gerade von seiner Freundin getrennt und sucht nach einer schnellen Nummer, um sich davon abzulenken.«

»Ein Grund mehr, warum du mich ihm vorstellen solltest. Ich bin eine tolle Liebhaberin.« Ich lächle und lasse meine Zähne blitzen, woraufhin Baxton mit den Augen rollt. Manchmal vergesse ich, dass er nicht ein Freund, sondern mein Vermieter ist. »Also, die Cluberöffnung heute Abend – wo ist sie?«

»Beverly Hills«, antwortet er und greift nach einer Box mit Servietten vom Nachbartisch. »Ich gehe nur hin, weil der Clubbesitzer ein Freund und Filmproduzent ist, und er will, dass ich in einem Reboot der Addams Family mitspiele.«

Mir fällt fast die Kinnlade auf meinen Teller. Wenn er die Hauptrolle spielen würde, dann … »Als Daddy Gomez?«

»Es ist eine gute Rolle.« Er wischt sich den Mund ab. »Und sie bringt einen fetten Gehaltsscheck mit sich.«

»Weißt du, was? Hollywood hat seine Originalität verkauft, also ist es nur recht und billig, dass Sie das Gleiche mit Ihrer Integrität tun.«

»So kann man es auch ausdrücken.« Er grinst ebenfalls, aber es wirkt eher traurig. Da diese Staffel von Heartstorm Hospital nicht so läuft, wie er es geplant hatte, braucht er wahrscheinlich einen weiteren Studiohit. Seine neue Liebeskomödie A Fool’s Gold könnte unterhaltsam sein, ist aber weit davon entfernt, oscarwürdig zu sein.

»Also, wie sieht’s aus?« Baxton stößt mich mit dem Ellbogen an. »Hast du Lust, einen Abend lang langweilige Fernsehdirektoren und Investoren zu unterhalten? Ich darf eine Begleitperson mitbringen.«

»Nein danke.« Das Letzte, was ich brauche, ist, dass meine Hemmungen abgebaut werden. Ich lege die Essstäbchen beiseite und verschränke die Finger. »Du könntest deinen Sohn mitnehmen«, schlage ich vor.

Daraufhin verändert sich Baxtons Gesichtsausdruck. »Ein Club ist der letzte Ort, an dem er im Moment sein sollte.« Er zieht die blonden Augenbrauen zu einer harten Linie zusammen.

Ich stelle meinen Teller beiseite. »Okay.« Ich hatte von der Alkoholabhängigkeit seines Sohnes Jax gehört. Die Saufgelage, die Partys, die Sexkapaden. Das ist in Hollywood zwar nicht ungewöhnlich, aber es ist tragisch, wenn es dem eigenen Sohn passiert und man von allen anderen zu hören bekommt, dass er eine Gefahr sei.

Ich kenne Jax bisher noch nicht, und ich habe auch nicht die Absicht, ihn kennenzulernen. Wie ich bisher mitbekommen habe, klingt er wie ein Bengel, der sich aufspielt, weil er nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die er braucht, und das Schlimmste daran ist, dass Baxton ihm genau das gibt, indem er ihn kontrolliert.

»Selbst wenn ich wollte, bezweifle ich, dass er meinen Anruf entgegennehmen würde«, sagt Baxton leise und schiebt das restliche Fleisch mit der Gabel auf seinem Teller herum. »Ich habe schon ein paarmal versucht, ihn anzurufen, aber er antwortet nicht. Langsam habe ich das Gefühl, dass er mich auf Abstand halten will.«

Ich zucke mit den Schultern, sage aber nichts. Er will vermutlich eh nicht hören, was ich zu sagen habe, zumindest nicht, wenn es das Gegenteil von dem ist, was er hören will. Aber Baxton deutet mein Schweigen dennoch als Zögern. Er neigt den Kopf zur Seite und wirft mir einen Blick zu.

»Was?«, fragt er nach. »Denkst du, ich bin anmaßend?«

Ich räuspere mich und sehe ihn direkt an. »Ich denke, du kannst es schon ein wenig sein. Aber Baxton, er ist ein erwachsener Mann. Er hat jedes Recht, seine eigenen Fehler zu machen.«

»Wir sind die Deneris’. Wir machen keine Fehler.«

»Alles, was ich sagen will, ist …« Ich halte inne, um zu überlegen, wie ich es am besten ausdrücken kann. »Gib ihm etwas Raum zum Atmen. Wenn er so ist wie du, wird er irgendwann dorthin kommen, wo du ihn haben willst.« Ich bezweifle, dass ich überhaupt etwas von dem, was ich gerade gesagt habe, selbst glauben kann, aber es war einen Versuch wert.

Er nickt und schweigt, während er darüber nachdenkt. »Vielleicht braucht er jemanden wie dich in seinem Leben. Um ihm zu zeigen, dass man etwas Tragisches überwinden kann, obwohl die Chancen gegen einen stehen.«

Ich lächle zurück, aber ich komme nicht gegen die Schuldgefühle an, die durch meine Adern fließen. Jeder Teil meines Körpers zwingt mich dazu, diese Lüge zurückzunehmen und zu sagen, dass ich kaum was auf die Reihe kriege, dass ich in Wirklichkeit überhaupt nichts auf die Reihe kriege und dass ich seine Hilfe brauche. Aber mein Mund bleibt geschlossen. Es ist mir egal, ob mich diese Lüge lebendig auffrisst. Baxton hat mit Jax ohnehin schon genug um die Ohren; das Letzte, was er gebrauchen kann, ist, dass ich ihm noch mehr Sorgen bereite.

Einer der Kellner kommt zu unserem Tisch und fragt uns, ob wir noch etwas möchten, da das Catering bald schließt. Baxton und ich verneinen, und der Kellner deckt unseren Tisch ab.

Kurz darauf folge ich Baxton nach draußen, er raucht eine Zigarette, während er auf seinen Fahrer Cooper wartet, der ihn abholt. Cooper hat eine Sondergenehmigung, um direkt aufs Studiogelände fahren zu können, dieser Glückspilz, und Baxton sagt, dass sie mich zu Hause absetzen können, bevor er sich auf den Weg zum Club macht.

Als Baxton den Rauch über die Nase ausatmet, fährt ein Wagen mit verblüfft wirkenden Frauen vorbei, die ihm zujubeln, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.

»Ich liebe dich, Baxton!«, schreit eine Brünette in einer blauen Seidenbluse, die viel zu alt aussieht, um sich wie ein durchgeknalltes Fan-Girl zu verhalten. »Ich kann die dritte Staffel kaum erwarten!«

Baxton legt bescheiden den Kopf schräg und schenkt ihnen ein freundliches Lächeln. Ich rolle mit den Augen und lächle. Die Bescheidenheit ist eine Fassade; er kann so von sich eingenommen sein, wenn er mit jemandem zusammen ist, den er kennt. Ich frage mich, ob alle Deneris’ – Jax eingeschlossen – so ein aufgeblasenes Ego haben.

Als er gerade seine Zigarette im Ascher ausdrückt, klingelt sein Handy und er holt es aus seiner Hosentasche. »Hey, Nicolas … ich bin gerade vom Set weg und auf dem Weg zur Venus … was?« Eine lange Pause folgt, eine Mischung aus Verwirrung und Überraschung. Schließlich leuchtet die gefürchtetste Emotion, die er besitzt, in seinem Gesicht auf – die Wut. Ich sehe, wie sich jeder Muskel in seinem Körper anspannt. »Ich werde so schnell wie möglich da sein.«

»Moment, was ist los?«, frage ich und deute das Ganze als Signal zum Aufbruch.

»Es geht um Jax.« Seine Augen verfinstern sich, und er gibt mir mit einer Geste zu verstehen, dass ich meine Tasche holen soll. »Wir gehen. Jetzt.«