Perfectly Broken - Sarah Stankewitz - E-Book
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Perfectly Broken E-Book

Sarah Stankewitz

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Beschreibung

Sie hat mit ihrer großen Liebe auch sich selbst verloren. Doch dann hört sie seine Stimme, seine Musik. Sie hat ihn noch nie gesehen, trotzdem berührt er sie tief in ihrem Herzen. Kann sie sich erlauben, ein zweites Mal zu lieben? Als Brooklyn Manchester verlässt, will sie nur eines: mit ihrer schmerzhaften Vergangenheit abschließen und den Tod ihrer großen Liebe verarbeiten. Die neue Wohnung in Bedford ist ihre letzte Rettung. Sie sieht sogar darüber hinweg, dass ihr Apartment durch eine Tür mit dem Schlafzimmer ihres Nachbarn Chase verbunden ist. Immer wieder dringen Geräusche und Gesprächsfetzen durch die verschlossene Tür, und Brooklyn erfährt viel über Chase. Sie fühlt sich von dem Fremden, dem sie noch kein einziges Mal begegnet ist, auf unerklärliche Weise angezogen. Als Chase dann beginnt, ihr Nachrichten zu schreiben und ihr auf dem Klavier ihr Lieblingsstück vorzuspielen, gerät Brooklyn in einen Strudel aus widersprüchlichen Gefühlen: In ihr kämpft die Anziehung zu einem Fremden mit ihrem eigenen Widerstand. Denn sie hatte ihr Herz für immer einem anderen versprochen … Meinungen zum Buch: Ich bin völlig hin und weg von "Perfectly Broken". Wie der Titel schon sagt ist es perfekt. Für mich ein absolutes Lesehighlight 2019. (Buchhändlerin Alyssa Lesch auf NetGalley) Ein riesigen Dank an Sarah Stankewitz, dass sie uns die Geschichte von Brooklyn und Chase geschenkt hat. Diese Liebesgeschichte hat mein Herz berührt und mich völlig fertig gemacht. Ich weiß nicht, ob ich beim lesen schon einmal so gelitten habe wie bei dieser Geschichte. Es war die reinste Achterbahn der Gefühle. Gut, dass es Tempoboxen gibt!  Mädels, dieses Buch müsst ihr einfach lesen! (Buchhändlerin Merle Reuter auf NetGalley)  Unheimlich gefühlvolles Buch. Ich habe es regelrecht verschlungen und war begeistert von den Charakteren und der Liebesgeschichte. Perfekt zum mitfiebern und mitleiden. (Buchhändlerin Nadine Lubda auf NetGalley) Tolle Charaktere, leicht und locker erzählt, trotzdem mit Tiefe und dazu noch humorvoll. (Rezensentin auf Vorablesen)

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Perfectly Broken

Die Autorin

Sarah Stankewitz lebt mit ihrem Freund in einer kleinen Stadt am Rande von Brandenburg. Seit ihrem Debütroman im Januar 2015 lässt sie ihrer Fantasie freien Lauf und ist immer wieder auf der Suche nach neuen Inspirationsquellen. Musik, Kerzen und ein bequemer Arbeitsplatz dürfen im Hause der Autorin ebensowenig fehlen wie eine leckere Tasse Kaffee. Ihre Geschichten spiegeln das wider, was sie sich stets von einem guten Roman erhofft: Liebe, Leidenschaft und eine Prise Humor.

Das Buch

Sie hat mit ihrer großen Liebe auch sich selbst verloren. Doch dann hört sie seine Stimme, seine Musik. Sie hat ihn noch nie gesehen, trotzdem berührt er sie tief in ihrem Herzen. Kann sie sich erlauben, ein zweites Mal zu lieben?

Als Brooklyn Manchester verlässt, will sie nur eines: mit ihrer schmerzhaften Vergangenheit abschließen und den Tod ihrer großen Liebe verarbeiten. Die neue Wohnung in Bedford ist ihre letzte Rettung. Sie sieht sogar darüber hinweg, dass ihr Apartment durch eine Tür mit dem Schlafzimmer ihres Nachbarn Chase verbunden ist. Immer wieder dringen Geräusche und Gesprächsfetzen durch die verschlossene Tür, und Brooklyn erfährt viel über Chase. Sie fühlt sich von dem Fremden, dem sie noch kein einziges Mal begegnet ist, auf unerklärliche Weise angezogen. Als Chase dann beginnt, ihr Nachrichten zu schreiben und ihr auf dem Klavier ihr Lieblingsstück vorzuspielen, gerät Brooklyn in einen Strudel aus widersprüchlichen Gefühlen: In ihr kämpft die Anziehung zu einem Fremden mit ihrem eigenen Widerstand. Denn sie hatte ihr Herz für immer einem anderen versprochen …

Sarah Stankewitz

Perfectly Broken

Roman

Forever by Ullsteinforever.ullstein.de

Originalausgabe bei ForeverForever ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinJuli 2019 (2)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019Umschlaggestaltung:zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®Autorenfoto: © Patrick ThomasE-Book powered by pepyrus.com

ISBN 978-3-95818-398-8

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Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

Widmung

Prolog

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Epilog

Leseprobe: Lovely Mistake

Empfehlungen

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Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Widmung

Widmung

Für Michael – meinen Chase.Weil du mir Tag für Tag zeigst, dass die wahre Liebe nicht nur in Büchern existiert.

Prolog

An diesem Tag lernte ich, die Schneeflocken zu hassen.

»Muss das sein?«

Thomas’ Augen leuchteten, bevor er mir stumm das schwarze Tuch umband. Er stand hinter mir, so dicht, dass mich sein Atem im Nacken kitzelte. Die Härchen an meinen Armen stellten sich auf, weil seine Wärme auf meine kalte Haut traf. Ich fror schon, sobald die Temperaturen draußen unter die Zwanzig-Grad-Marke fielen. Es war also kein Wunder, dass ich mir am Morgen meinen dicksten Pullover angezogen hatte, während draußen die ersten Schneeflocken des Jahres vom Himmel rieselten. Der Herbst war so schnell vorbeigegangen, dass man gar keine Zeit gehabt hatte, sich auf den Winter vorzubereiten.

Der Stoff meiner Augenbinde roch nach Thomas und seinem Aftershave, nach Vertrautheit. Nach meinem Zuhause. Ich lächelte und inhalierte den Duft in einem tiefen Atemzug.

»Muss es«, hörte ich ihn schließlich sagen. Am Klang seiner Stimme erkannte ich, dass er lächelte. Oh, wie ich dieses Lächeln liebte. Es könnte die Eiszeit ausbrechen, sein Lachen würde mir immer Wärme schenken.

Thomas legte mir seine Hände auf die Schultern und drückte mich sanft herunter, sodass ich auf die Knie ging. Zitternd setzte ich mich auf den Fliesenboden in unserem Flur.

»Und weil du nicht schummeln sollst …«, murmelte er und stellte sich vor mich. Etwas fuchtelte vor meinem Gesicht herum, und ich wusste, dass es seine Hände waren. Seine Hände, in die ich seit fünf Jahren meine ganze Welt legte. »Wie viele Finger zeige ich?«

Sein Duft hüllte mich immer noch ein, als ich versuchte, durch das Tuch hindurch etwas zu erkennen, aber der Stoff war blickdicht. Alles blieb dunkel und war doch so hell, weil Thomas jeden Raum erleuchtete. So war es schon immer gewesen. Thomas gehörte zu den Menschen, die allem in jeder Situation die Dunkelheit nahmen.

»Hm, lass mich raten. Keinen?« Meine Mundwinkel zuckten, weil ich wusste, dass ich richtiglag. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, sprach ich weiter. »Wenn du mich fragst, zeigst du keinen Finger, sondern ein Herz.«

Das Murmeln in seinen nicht vorhandenen Bart genügte mir als Antwort.

»Mist, und ich dachte, das Tuch würde reichen.«

»Ich kann wirklich nichts sehen, Schatz«, versprach ich ihm. »Ich kenne dich einfach nur besser, als du denkst.« Und das stimmte. Ich wusste immer, was in seinem hübschen Kopf vorging. Wusste, wann ihn etwas belastete und wann er vor Glück platzen könnte. Thomas Morgan war mein Seelenverwandter.

»Okay, ich glaube dir. Aber nur, weil ich weiß, dass du mich nie anlügen würdest.« Thomas gab mir einen Kuss auf den Mundwinkel und ließ mich auf dem Boden sitzen, während er sich leise entfernte. Das vertraute Knarzen unserer alten Holztür verriet, dass er etwas von der Veranda holte, und ich wurde immer nervöser.

»Du machst es ja wirklich spannend. Bist du dir eigentlich sicher, dass du meine hohen Erwartungen erfüllen kannst? Ich mein ja nur, wenn du so geheimnisvoll bist –«

»Schsch. Du musst ganz leise sein, Brooke. Ich weiß, dass dir das schwerfällt, aber vertrau mir einfach.«

Bevor ich etwas erwidern konnte, stellte Thomas etwas vor meinen Knien ab und legte meine Hände darauf. Es war ein Karton.

»Das bewegt sich!«, schrie ich spitz und rechnete bereits mit dem Schlimmsten. »Ich warne dich, wenn da eine Riesenspinne drin ist, dann bring ich dich um!« Thomas hatte schon häufiger versucht, mir über meine Angst vor den haarigen Achtbeinern hinwegzuhelfen, aber so etwas würde er mir nie antun.

Wieder raschelte der Karton, und ich fuhr mit den Fingerspitzen den Rand entlang, sodass ich unter ihn greifen und den Deckel entfernen konnte.

Einen Moment lang blieb es still. Lediglich Thomas’ Atem erfüllte den Raum und machte ihn lebendig. Gerade als ich ihn fragen wollte, ob ich die Augenbinde abnehmen dürfe, spürte ich etwas Nasses an meinen Fingern. Etwas Nasses und Warmes. Ich öffnete unter dem Tuch die Augen, und als ich merkte, wie eine kleine Zunge über meinen Daumen leckte, konnte ich nicht länger warten. Das war keine Spinne! Ich ignorierte Thomas’ Protest und riss mir das Tuch vom Gesicht.

Ein paar Sekunden setzte mein Herz aus. Meine Kehle schnürte sich zu, und in meinen Augen brannten Tränen, als ich dem niedlichsten Geschöpf der Welt ins Gesicht sah. Große runde Kulleraugen, schwarz wie die Nacht. Schneeweißes Fell und spitze Ohren. Passend dazu eine schwarze Stupsnase, die meine Hand beschnupperte.

»Happy Birthday, Brooke.« Thomas kniete sich neben mich, hob das zarte Wesen vom Boden, das kaum größer als eine Handvoll war, und setzte es in meinen Schoß.

»Oh mein Gott, i-ich –« Ich konnte nichts sagen, weil die Tränen schneller waren. Sturzbäche rannen über mein Gesicht, als der Welpe mich mit großen Augen ansah und begann, meine Tränen mit seiner süßen Zunge abzuschlabbern.

»Gefällt er dir?«

Er. Der kleine Wurm in meinen Armen war ein Rüde. Der süßeste Rüde, den ich je in meinem Leben gesehen habe.

Seine Pfoten waren so klein, dass ich Angst hatte, ihn zu zerbrechen, wenn ich ihn zu sehr drückte. Aber ich konnte nicht anders. Er war so weich und roch so süß. Ein Blick in seine Augen brachte Eisberge zum Schmelzen und mein Herz gleich dazu.

Thomas hockte sich neben mich und streichelte den Kopf des Welpen, dem jetzt die Zunge aus dem Maul hing. Es sah aus, als würde er mich anlächeln.

»Ich liebe dich, Thomas. Weißt du das?« Wieder suchte mich ein Schluchzer heim, weil ich nicht wusste, wohin mit meinen Gefühlen. Schon als kleines Mädchen hatte ich davon geträumt, einen Hund zu haben, und plötzlich ging mein Wunsch so mir nichts, dir nichts in Erfüllung?

Thomas legte stumm seine Hand auf meine. Er sagte nicht oft, dass er mich liebte. Nicht, weil er nicht dasselbe empfand wie ich, nein. Thomas Morgan musste diese drei Worte nicht aussprechen, um es mir zu zeigen. Die Art und Weise, wie er mich ansah, reichte als Beweis. Wenn er mich abends im Bett an sich presste und mit dem Finger Kreise über meine Wange zog, schrie sein Körper lauter Ich liebe dich, als es Worte je könnten.

»Sieh dir sein Halsband an.« Thomas deutete mit einem Nicken auf das schwarze Band. Ich fuhr mit der freien Hand über das Leder, und als ich schließlich einen Anhänger ertastete, schob ich das weiße Fell zur Seite und brach in schallendes Gelächter aus. Neue Tränen schossen in meine Augen, während ich vorlas, was auf der silbernen Medaille geschrieben stand: »Ich bin dein Schattenwolf.«

Ich lehnte meinen Kopf gegen Thomas’ Brust, der jetzt hinter mir saß und mich an sich zog. Hinter mir der Mann, den ich mehr als mein Leben liebte, und vor mir das süßeste Geschöpf dieser Welt. In diesem Augenblick war mein Leben trotz hoher Schulden bei der Bank und unserer mehr als anstrengenden Verwandten perfekt.

»Du bist ein Schattenwolf, ja?« Ich hob den kleinen Spitz in die Luft und gab ihm einen Kuss auf die feuchte Nase. Sofort schnellte seine Zunge über die Stelle, die mein Mund berührt hatte.

»Siehst du nicht, wie gefährlich er ist? Definitiv ist der kleine Kerl ein Schattenwolf. Er würde ganz Westeros auslöschen, um dich zu beschützen.«

Thomas und ich liebten es, abends im Bett zu liegen und gemeinsam in Serienwelten abzutauchen. Wir sahen Michael Scofield dabei zu, wie er in Prison Break seinen Bruder aus dem Gefängnis holte. Sahen, wie in Lost eine Insel Menschen verband und wieder entzweite. Beobachteten Walter White dabei, wie er zu einem Drogenboss mutierte und hellblaue Kristalle unter die Leute brachte. Wie Rick Grimes allein in einem Krankenhaus in einer Welt voller Untoter aufwachte.

Und seit Neuestem tauchten wir in die Intrigen der sieben Königslande ein. Jeden Abend verbrachten wir vor dem Fernseher und liebten Game of Thrones mit jeder Folge und jedem Tod eines Protagonisten mehr.

Eine Weile lang sah ich den kleinen Kerl in meinen Händen noch bewundernd an und genoss das Kribbeln auf meiner Haut, weil Thomas meinen Nacken massierte. Ich liebte ihn mit jeder Sekunde unseres gemeinsamen Lebens inniger.

»Wir nennen ihn Ghost«, platzte es aus mir heraus. Es musste so sein. Kein Name passte besser zu dem Fellknäuel als dieser. Thomas’ Brust bebte an meinem Rücken, weil er lachen musste.

»Okay, dann also Ghost.« Thomas gab mir einen Kuss auf die Haare und kämpfte sich zurück in den Stand, während ich weiterhin auf dem Boden saß und Ghost kraulte. Der kleine Kerl warf sich in meinem Schoß auf den Rücken und schien es zu genießen, wie meine Finger Kreise über seinen weichen Bauch zogen. Kleine schwarze Tupfer auf seiner Haut ließen ihn wie ein Kunstwerk aussehen.

»Kann ich euch einen Moment allein lassen?« Thomas schnipste mit seinen Fingern vor meiner Nase, damit ich ihm meine Aufmerksamkeit schenkte. Aber ich konnte mich einfach nicht von Ghost und seinem zuckersüßen Gesicht trennen.

»Ich denke, ich bin in guten Händen«, versicherte ich ihm.

Thomas gab mir einen Abschiedskuss auf die Stirn und schlüpfte in seine Jacke. »Gut. Der kleine Ghost braucht nämlich noch ein Körbchen.« Im Vorbeigehen schnappte er sich den Autoschlüssel vom Schlüsselbrett und lief zur Veranda.

»Als würde er in einem Körbchen schlafen, Schatz. Du schläfst bei Mommy im Bett, oder?« Ich beugte mich hinunter und strich mit meiner Nase über die des Welpen.

Hätte ich gewusst, was als Nächstes folgen würde, hätte ich alles anders gemacht. Ich hätte Ghost zurück in seinen Karton gesetzt und wäre zur Tür gerannt, um Thomas aufzuhalten. Hätte ihm einen Kuss auf den Mund gedrückt und ihn gebeten, erst am nächsten Tag zu fahren. Oder nie wieder in unseren alten Wagen zu steigen.Hätte ich doch nur gewusst, dass mein Leben bald schon ein Trümmerhaufen sein würde. Dann hätte ich nie zugelassen, dass die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Aber ich wusste es nicht besser. Und so ließ ich ihn gehen – ohne zu ahnen, dass es mein Untergang sein würde.

1

Brooklyn

Ein Jahr, Thomas. Ein Jahr kann so unfassbar lang sein. Ein Jahr, in dem ich sinnlos die Wände angestarrt habe. Ein Jahr, in dem ich Tag für Tag dein Shirt getragen habe, das du an deinem letzten Tag anhattest. Nur ohne all das Blut an der Stelle, unter der dein Herz ein letztes Mal schlug.

Ich wollte es anziehen, so wie es war, aber jemand hat es mir entrissen und gewaschen. Wieso? Dein Blut ist das Letzte, was mir von dir geblieben ist. Sonst nur noch Erinnerungen.

Und so makaber es auch klingt, die roten Flecken auf dem weißen, ausgeblichenen Coldplay-Shirt zeigen mir wenigstens, dass du einmal gelebt hast. Mit mir. Zusammen.

Wir hatten uns immer geschworen, alles gemeinsam zu meistern. Weißt du noch, Thomas? Wieso … also, wieso atme ich noch, obwohl du nicht mehr da bist?

»Was sucht ein so hübsches Großstadtmädchen eigentlich in Bedford?« Der alte Mann wirft mir verstohlene Blicke zu, und ich überlege, wie viel ich bereit bin, ihm anzuvertrauen.

Da ich keinen Wagen mehr besitze und auch kein Geld hatte, um mir ein Zugticket zu kaufen, musste ich mir eine Alternative überlegen. Und neben der sitze ich gerade. Harry James Bricks war so nett, mich in Manchester am Straßenrand aufzusammeln und von dort aus in mein neues Leben zu fahren, auch wenn er mich gar nicht kennt und ich eine Psychopathin sein könnte.

»Die Fahrt ist allein doch viel zu langweilig«, sagte er. Also schmiss ich meine Tasche auf die Ladefläche des schwarzen Trucks und stieg ein.

Normalerweise vertraue ich niemandem blind, aber dieser alte Mann mit den geschwungenen Falten auf der Stirn, der Hornbrille und den grauen Fusseln auf dem Kopf hat mein Herz im Sturm erobert. Bei niemandem wäre ich lieber mitgefahren als bei diesem Mann Mitte sechzig, der alte TV-Serien zitiert und eine CD von Coldplay im CD-Player hat. Außerdem hatte er kein Problem damit, dass mein Gefährte mit seinem Fell die Rückbank ruiniert. Ich betrachte Harrys Profil und lächle.

Was dieser Mann an sich hat? Ich weiß es nicht. Vielleicht erinnert er mich insgeheim an Grandpa. Meinen Grandpa, der jetzt einer von tausend Sternen am Himmel ist. Er hatte die gleiche markante Nase, die gleichen braunen Augen, und selbst die Stimmen ähneln einander. Würde es zu jedem Menschen einen Doppelgänger geben, wäre Harry der meines Großvaters. Allein deshalb vertraue ich ihm blind, auch wenn es naiv ist.

»Ich habe ein Jobangebot in Bedford«, erkläre ich ihm. Beim Gedanken an die bevorstehende Zeit und die Veränderungen in meinem Leben schlägt mein Herz doppelt so schnell.

»Und wieso ausgerechnet in Bedford, Kind? Es gibt doch in Manchester so viele Möglichkeiten, sich zu verwirklichen.«

Mein Herz verkrampft sich, weil ich ihm gern meine Seele ausschütten würde. Aber um meine Geschichte zu erzählen, bräuchte ich mehr als die halbe Stunde Fahrt, die uns noch bleibt. Wenn ich ihm alles berichten würde, müssten wir noch bis morgen früh weiterfahren. Außerdem darf ich nicht mit verweinten Augen zu meinem Vorstellungsgespräch gehen. Denn eines steht fest: Wenn ich den Job nicht kriege, war es das mit meinem grandiosen Neuanfang. Dann kann ich mir direkt eine neue Möglichkeit suchen, wieder günstig nach Manchester zu kommen und bei meiner Mutter einziehen.

»Manchester wurde mir einfach zu viel.« Lüge! Es wurde mir nicht zu viel. Sondern zu erdrückend und traurig. Wenn Erinnerungen wie ein Schatten über deinem Zuhause hängen, kommt kein Licht mehr durch. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass Bedford mir das Licht schenken kann, das Manchester mir entrissen hat.

»Das kann ich verstehen, Kind. Meine Frau ließ in London alles stehen und liegen, um zu mir zu ziehen. Du wirst schon sehen, unsere Stadt ist unvergleichlich schön.« Ein warmes Lachen sorgt dafür, dass weitere Falten in seinem Gesicht erscheinen. Man sieht ihm an, dass die Zeit nicht spurlos an ihm vorbeigezogen ist. Genauso sieht man ihm aber auch an, dass er gelebt hat. Mit ganzem Herzen. Mit Lachen, mit Weinen und schönen Erinnerungen.

»Ich hoffe es.« Das hoffe ich wirklich. Ich klappe die Sonnenblende herunter, schiebe den Spiegel auf und richte mein blondes Haar. Seit einem Jahr trage ich es kurz. Weil es mich sonst daran erinnern würde, dass er mein langes Haar so geliebt hat. »Es sieht aus wie ein goldener Schleier«, hat er immer gesagt. Vielleicht fällt es mir leichter, weiterzumachen, wenn ich alles ausradiere, was er an mir geliebt hat. Dann tut es nicht mehr ganz so sehr weh, in den Spiegel zu sehen. Ich bin es leid, immer zwei Schritte zurückzumachen, wenn ich gerade einen nach vorn geschafft habe.

Als ich die Sonnenblende wieder hochklappen will, erblicke ich im Spiegel Ghost auf dem Rücksitz des Trucks. Ich schaue über meine Schulter und spüre einen Stich in meinem Herzen, als er mich mit seinen Knopfaugen ansieht. Ich liebe ihn über alles, und doch erinnert er mich Tag für Tag an den Schmerz, der mich langsam, aber sicher von innen auffrisst. Immerhin wurde mir an dem Tag, an dem ich ihn bekommen habe, alles entrissen.

Sachte fahre ich mit den Fingerspitzen über seine weichen Pfoten. Ghost seufzt, dreht sich auf der Rückbank einige Male im Kreis und legt sich wieder hin, um weiterzuschlafen.

»Dein Hund ist wirklich schön. Welche Rasse ist das?« Harrys braune Augen folgen meiner Hand im Rückspiegel.

»Ein japanischer Spitz.«

»Und wie alt ist der Kleine?«

Der Kleine. Mittlerweile hat Ghost eine Widerristhöhe von fast vierzig Zentimetern und besteht zu neunzig Prozent aus fluffigem Fell. Mit seinen fast vierzig Pfund würde ich ihn nicht gerade als klein bezeichnen.

»Er ist letzte Woche ein Jahr alt geworden.« Wieder sticht es in meiner Brust, weshalb ich die Augen schließe und die Gedanken und Erinnerungen verdränge, die in mir aufkeimen wollen. Nur noch wenige Wochen trennen mich von dem Datum, an dem mein Leben zerstört wurde. Ich hoffe, dass ich es irgendwie überstehe.

Ich setze mich wieder aufrecht hin, greife nach dem Lautstärkeregler des alten Radios und drehe Coldplays The Scientist lauter. Harry lässt das Ganze unkommentiert, während wir weiter durch die karge Landschaft Richtung Bedford fahren.

»Da wären wir.« Harry parkt den Truck in der 82 High Street, schaltet den Motor aus und deutet auf einen kleinen Laden links von uns. Das Coffee with Art befindet sich genau zwischen dem Millenniums und dem Poppins und sticht durch das auffällige Logo heraus. Eine kleine Eidechse wandert über die Schrift und verleiht dem Café etwas Besonderes.

Ich straffe die Schultern, schlucke den Kloß in meinem Hals herunter und springe aus dem hohen Truck. Dann fische ich meine Reisetasche von der Ladefläche, öffne die Tür zur Rückbank und mache Ghost los. Er streckt seine müden Glieder und gähnt, bevor er aus dem Wagen springt und sich ausgiebig schüttelt. Es nieselt. Wir haben Mitte Oktober, und Ghost hasst kalten Regen genauso sehr wie ich. Man sieht ihm an, dass er am liebsten einfach wieder zurück in den Truck springen und den Regen verschlafen würde.

Harry steigt ebenfalls aus und richtet sein kariertes Polohemd, das über seinem Bierbauch spannt. Danach nimmt er mich ohne Vorwarnung in die Arme und tätschelt meine Wange.

»Willkommen in deinem neuen Zuhause, Kind.«

In Gegenwart dieses Mannes fühle ich mich tatsächlich wieder wie ein Kind, obwohl ich schon dreiundzwanzig bin und eigentlich mit beiden Beinen mitten im Leben stehen müsste.

»Danke fürs Mitnehmen. Darf ich wirklich nichts für die Fahrt bezahlen? Ich fühle mich schlecht«, jammere ich und sehe ihm in die braunen Augen.

Harry winkt ab und deutet auf das Café hinter uns. »Trink dort mal mit meiner Frau und mir einen Tee, dann sind wir quitt. Ich hoffe, du findest hier, was du suchst, Brooklyn.«

Ich nicke und umarme ihn noch einmal, bevor ich die Leine von Ghost um mein Handgelenk wickle, tief durchatme und zur Eingangstür des Cafés gehe.

Meine Mutter kennt die Besitzerin des Ladens und hat dafür gesorgt, dass ich hier fürs Erste arbeiten kann. Jedenfalls, wenn ich mich nicht völlig idiotisch anstelle.

Da ich nicht weiß, ob ich Ghost mit reinnehmen darf, stelle ich mich dicht an die Scheibe und spähe hinein. Es ist bereits Abend und das Café beinahe leer.

Mein Blick wandert zu der zierlichen Frau hinter dem Tresen, und als sie mich sieht, winkt sie mich euphorisch herein. Ich öffne die Tür einen Spalt und deute auf Ghost. Der Duft von frischem Kaffee schlägt mir entgegen, gemischt mit dem Geruch von warmem Käsekuchen. Gott, mir ist gar nicht aufgefallen, wie hungrig ich bin, aber jetzt könnte ich einen ganzen Kuchen allein verputzen.

»Was mache ich in der Zeit mit ihm?«, rufe ich ihr unsicher zu.

Die Frau wirft sich ein Handtuch über die Schulter, bindet ihre Schürze enger und kommt auf uns zu. Sie trägt silbern gefärbtes Haar und eine überdimensional große Brille. Ich bin nicht gut im Schätzen, aber ich vermute, dass sie etwa so alt ist wie ich.

»Gott, ist der flauschig«, quiekt sie und geht in die Hocke, um Ghost zu begrüßen. Mein Fellknäuel wirft sich bereitwillig auf den Rücken und lässt sich von der Fremden den Bauch kraulen. »Entschuldige. Ich liebe Hunde!« Die Frau richtet sich auf und nimmt mich in die Arme, als würden wir uns schon ewig kennen. Dabei habe ich sie noch nie zuvor gesehen! »Ich bin Molly. Deine Mom hat mir so viel von dir erzählt. Komm mit!« Sie packt mich an der Hand und zieht mich hinter sich her.

»Aber hier dürfen doch sicher keine Hunde rein, oder?« Unsicher folge ich ihr, und Ghost tapst hinterher. Ich bin mir sogar sicher, dass draußen ein großes Hunde-Verboten-Schild hängt.

Molly schüttelt den Kopf. »Ist doch nur kurz, komm, wir gehen in den Personalraum, dann sehen die Gäste ihn nicht.«

Während wir den Tresen ansteuern, kann ich meinen Blick nicht von den Wänden nehmen. Das hier ist ein Traum für einen Buchliebhaber wie mich. An der Wand links von mir reiht sich Buchrücken an Buchrücken, und auf der anderen Seite klafft eine Art Durchreiche in der Wand, in der sich ebenfalls Bücher stapeln, als hätte sie gerade erst jemand gelesen und dann dort abgelegt.

Eine Treppe führt in den ersten Stock; der Weg dorthin wird eingerahmt von Abdrucken berühmter Gemälde. Jetzt verstehe ich, wieso das Café seinen Namen trägt. Alles hier drin schreit nach Kunst!

»Danke, dass ich hier aushelfen darf. Ich wüsste nicht, was ich sonst tun sollte.«

Gemeinsam betreten wir den gemütlich eingerichteten Personalraum. Molly geht zu der eingebauten Küchenzeile, nimmt eine Schüssel aus dem Hängeschrank und füllt sie mit Wasser, bevor sie sie auf dem Boden abstellt. Ich leine Ghost ab, und sofort beginnt er zu trinken, als hätte er seit Jahren keinen Tropfen Wasser gesehen.

»Deine Mom kennt meine Mom schon seit Ewigkeiten. Und als sie mir von dir erzählt hat, hey, da wollte ich dich unbedingt kennenlernen!«

Ich runzle die Stirn. Was soll meine Mutter schon über mich erzählt haben? Dass ich vor einem Jahr zu einer Eigenbrötlerin geworden bin, die den Großteil des Tages mit Schlafen und Lesen verbringt? Nicht sonderlich interessant.

»Woher kennen sich unsere Mütter eigentlich?« Ich fahre mit den Fingerspitzen über eine Reihe alter und neuer Bücher, die in dem klapperigen Regal neben mir stehen. Von Jane Austin bis J. K. Rowling ist alles vertreten, und es lässt mein Herz höherschlagen.

»Unsere Mütter sind zusammen zur Schule gegangen. Später ist meine zu meinem Dad nach Bedford gezogen.« Molly gießt mir, ohne mich zu fragen, einen Kaffee mit Milch ein. Als sie schließlich noch einen Schuss Honig dazugibt, wird mir klar, dass sie mehr über mich weiß als die Hälfte meiner alten Freunde.

Mom muss wirklich ausgepackt haben!

»Hier.« Sie reicht mir den Kaffee und deutet auf den Tisch.

Ich ziehe den Stuhl zurück und setze mich neben sie, während sich Ghost unter den Tisch kämpft und auf meine Füße legt. Er ist einfach die beste Fußheizung der Welt.

»Hast du schon eine Wohnung gefunden?«

»Noch nicht.« Ich lache unsicher, auch wenn sich gleichzeitig alles in mir verkrampft. Auf die Frage, wie man in eine wildfremde Stadt ziehen kann, ohne sich zuvor eine Wohnung gesichert zu haben, weiß ich selbst keine Antwort. Alles, was ich wollte, war auszubrechen und die Dunkelheit hinter mir zu lassen. »Ich habe in einer Stunde einen Besichtigungstermin in der Silver Street, direkt neben Marks & Spencer. Wenn ich die Wohnung nicht kriegen sollte, muss ich wohl auf der Straße schlafen.« Ich zucke mit den Schultern, als würde es mir nichts ausmachen, obdachlos zu sein.

Molly reißt die Augen auf und tätschelt meine Hand. Wieso benehmen sich hier alle wie meine Großeltern? Ist das irgend ein seltsamer Fetisch?

»Okay, pass auf. Ich hab gerade eine ziemlich miese Trennung hinter mir. Und ich könnte jemanden gebrauchen, der mich davon abhält, jedes Möbelstück, auf dem ich mit diesem Idioten Sex hatte, in Kleinholz zu verwandeln. Also, wenn du willst, kannst du bei mir wohnen, bis du etwas gefunden hast.«

Ich verschlucke mich an dem heißen Kaffee. Prustend versuche ich, Luft zu holen, und Tränen schießen mir in die Augen. Will ich ihr Angebot wirklich annehmen, wenn sie überall in ihrer Wohnung Sex hatte?

Ihre grünen Augen leuchten, als sie mir in den Arm kneift. »Das war ein Scherz, Mensch. Aber einsam ist die Wohnung wirklich, seit er weg ist. Also, überleg es dir.«

Ich lasse ihre Worte sacken und genieße Ghosts Wärme auf meinen Füßen.

»Danke, Molly.« Ich deute auf das Café hinter uns. »Wie sieht es aus? Soll ich morgen erst einmal zur Probe arbeiten?« Bitte sag Nein! Ich habe zwar genug Erfahrung im Kellnern, aber falls ihr irgendetwas nicht passt, stehe ich nicht nur ohne Wohnung, sondern auch ohne Job und damit ohne Geld da. Meine Ersparnisse sollten mich zwar über die ersten zwei Monate bringen, aber für länger reicht es definitiv nicht.

»Quatsch. Deine Mom hat mir erzählt, dass du dich auskennst. Mach dir mal keinen Kopf, Brooklyn. Komm einfach um neun her, und dann arbeite ich dich ein.«

Molly zieht mich in ihre Arme – und überrumpelt mich damit erneut. Trotzdem lasse ich die Umarmung zu und genieße die Nähe. Molly hat etwas Erfrischendes. Bei ihr fühlt es sich an, als würde ich sie schon mein ganzes Leben lang und nicht erst seit fünf Minuten kennen. Es ist gut, schon am ersten Tag in Bedford jemanden zu treffen, der einem das Gefühl gibt, hier willkommen zu sein.

»Danke«, flüstere ich in ihr silbernes Haar.

Das Wohnhaus in der Silver Street wirkt alles andere als einladend. Es ist kurz vor sieben am Abend, als ich die trostlose graue Fassade anstarre und überlege, gleich wieder in Richtung Café zu rennen und Molly zu sagen, dass ich ihr Angebot annehme. Neben den verklinkerten und gepflegten Einfamilienhäusern wirkt dieses hier ganz schön verloren.

Ghost sucht unter dem kleinen Vordach des Hauses Schutz vor dem Regen und sieht mich an, als würde er mir einen Schubs verpassen wollen, damit wir endlich ins Trockene kommen.

»Entschuldigen Sie, sind Sie Miss Parker?« Die Stimme einer älteren Frau schreckt mich auf, doch nachdem ich mich zu ihr umgedreht habe, entspanne ich mich sofort wieder. Das muss die Vermieterin sein, mit der ich wegen des Besichtigungstermins telefoniert habe.

»Ähm, ja. Brooklyn Parker«, stelle ich mich der Dame im gelben Regenmantel vor. »Ich habe mich auf die möblierte Wohnung beworben.« Und kann nur hoffen, dass das Apartment von innen mehr hergibt als von außen.

»Na, dann kommen Sie mal mit rein, bevor Sie noch ganz durchnässt sind.« Im Vorbeigehen streichelt sie Ghost über den klammen Kopf, dann schließt sie die Tür auf. Sie ist mir sofort sympathisch, weil sie meinem Hund Beachtung geschenkt hat. Wenn ich etwas nicht leiden kann, dann Menschen, die ihn anstarren, als wäre er ein Flohteppich, der nichts anderes kann, als zu bellen und das Bein zu heben.

Im Hausflur ist es noch kälter als draußen, und es riecht nach Putzmittel. Ich ziehe Ghost zu mir und folge der Dame mit der grauen Dauerwelle nach oben in die zweite Etage. Dort befinden sich zwei Wohnungstüren, und wir steuern die rechte von ihnen an.

»Das Apartment steht seit einem halben Jahr leer. Wir suchen schon länger einen Nachmieter für Miss Welsh.« Mit diesen Worten öffnet die Vermieterin die Wohnung und bittet mich hinein.

Ich streife mir die Schuhe von den Füßen, um den Dielenboden nicht zu beschmutzen, und ziehe mir die Kapuze vom Kopf.

»Kommen Sie, ich zeige Ihnen alles. Die Möbel können Sie benutzen, es passt zwar nicht alles zueinander, aber es hat seinen Charme.«

Wir betreten einen kleinen, aber gemütlichen Wohnbereich, und sofort weiß ich, was sie meint. Alles wirkt zusammengewürfelt: das schwarze Sofa, der rotbraune Couchtisch, die weiße Kommode neben den bodentiefen Fenstern. Und doch muss ich zugeben, dass ich überrascht bin, wie sehr mir eben dieser Charme gefällt. Als hätten in dieser Wohnung unzählige Leute ihr Leben miteinander zu einem einzigen Kunstwerk verschmolzen.

»Hier finden Sie die Küche. Ebenfalls von Miss Welsh zurückgelassen.«

Gemeinsam gehen wir in den kleinen Raum, der alles hat, was man für einen Neuanfang braucht. Die Küchenschränke waren sicher einmal weiß, jetzt sind sie leicht vergilbt. Nichts, was man nicht mit Schleifpapier und ein wenig Farbe wieder auffrischen könnte. Ein runder Tisch in der Mitte bietet gerade so zwei Leuten Platz zum Frühstücken, aber da ich in absehbarer Zeit ohnehin niemanden einladen werde, reicht es vollkommen aus. Ghost tapst uns bei jedem Schritt hinterher, und als wir das Bad erreichen, schmiegt er sich an meine Kniekehlen.

»Die Wasserleitungen wurden erst kürzlich repariert, und mein Neffe hat die Dusche neu gefliest. Ich weiß, es ist nicht gerade riesig, aber –«

»Es reicht vollkommen«, versichere ich rasch. Schließlich habe ich keine Alternative und darf nicht wählerisch sein. Außerdem ist alles sauber und ordentlich. Wenn ich mir die Möbel alle selbst zulegen müsste, würde ich ein halbes Vermögen dafür ausgeben müssen. Und das besitze ich nicht.

»Gut, dann zeige ich Ihnen noch das Schlafzimmer.«

Es liegt direkt gegenüber dem Bad und ist sicher doppelt so groß wie mein Schlafzimmer in Manchester.

»Das Bett ist frisch bezogen, im Kleiderschrank befinden sich einige Handtücher und Laken, die Sie benutzen können, wenn Sie möchten.«

Das letzte Licht des Abends durchflutet den Raum. Ghost macht es sich auf dem dunklen Teppichboden bequem, während ich die Ecken nach Schimmel absuche und erleichtert ausatme, als ich keinen entdecke. Mein Hund liebt Teppiche. Man sieht ihm an, dass er froh darüber ist, nicht in jedem Raum auf den Dielen liegen zu müssen. Mein Blick wandert über das Bett, vorbei am Fenster, hin zum geräumigen Kleiderschrank, einer Tür – ich stutze. Eine Tür? Ich gehe zu ihr hinüber und will sie öffnen, aber sie ist verschlossen.

»Was befindet sich dahinter?« Neugierig fahre ich mit den Fingern über das Holz und sehe die Vermieterin fragend an. Sie weicht meinem Blick aus, und ich erkenne an ihrer Körpersprache, wie nervös sie plötzlich ist. Okay, jetzt wird es spannend.

»Das ist das einzige Manko an der Wohnung«, sagt sie und tritt auf mich zu. »Die Vormieterin hat damals die ganze Etage für sich genutzt und aus den beiden Wohnungen eine gemacht, indem sie eine Tür einsetzen ließ.«

Ich reiße die Augen auf und blicke fassungslos zwischen der Tür und der Dame hin und her. Das kann sie unmöglich ernst meinen! Ghost beginnt, laut zu schnarchen, während der Regen vor den Fenstern immer heftiger wird.

»Wollen Sie damit sagen, dass jemand Zugang zu meinem Schlafzimmer hat?«

Sie schüttelt energisch den Kopf, aber alles, was ich anstarren kann, ist die Tür. Direkt neben dem Bett, in dem ich Nacht für Nacht schlafen soll.

»Keine Sorge, weder der Nachbar noch Sie haben einen Schlüssel für diese Tür. Als Miss Welsh verstorben ist, haben wir die gesamte Wohnung nach einem durchsucht und nichts gefunden. Ihr Nachbar hat also keinen Zugang zu Ihrer Wohnung. Glauben Sie mir, Sie werden ganz schnell vergessen, dass es diese Tür überhaupt gibt.«

Ich lache verunsichert, obwohl mir eigentlich zum Schreien zumute ist. Bis eben bin ich fest davon ausgegangen, dass ich die Wohnung nehmen werde – jetzt weiß ich gar nichts mehr. Ich meine, da ist eine verdammte Tür neben meinem Bett! Irgendwie fühle ich mich wie in einem schlechten Horrorfilm aus den Sechzigern.

»Wieso haben Sie die Tür nicht zumauern lassen?«, frage ich sie und ringe innerlich mit mir. Wenn ich diese Wohnung nicht nehme, kann ich zwar bei Molly unterkommen, aber wer weiß, wann wieder so ein erschwingliches Angebot auf den Markt kommt. Alle anderen Wohnungen, die ich im Internet gesehen habe, liegen preislich deutlich über meinem Budget, und das Gehalt im Coffee with Art wird zu meinem Bedauern auch nicht gerade mein Konto sprengen.

»Mein Mann ist krank geworden und hat nicht mehr die Kraft, es selbst zu regeln. Außerdem sind die Mieten dafür zu niedrig und die Handwerker zu teuer.« Sie schaut so traurig drein, dass es mir beinahe leidtut, sie angefahren zu haben. Und in einem Punkt hat sie recht: Die Miete ist wirklich bezahlbar.

»Und es gibt ganz sicher keinen Schlüssel mehr?« Ich blicke noch einmal zur Tür und kann nicht glauben, dass ich tatsächlich darüber nachdenke, die Wohnung trotzdem zu nehmen. Wenn ich genug Geld zusammenkratze, kann ich mir vielleicht in einigen Wochen einen Handwerker leisten, der das regelt.

»Ganz sicher. Ich weiß, dass es ein Schock für Sie sein muss, aber leider kann ich Ihnen nichts anderes anbieten. Alle anderen Wohnungen in diesem Haus sind vermietet.«

»Tja, und ich brauche dringend eine Wohnung«, murmle ich und wippe nervös mit dem Fuß auf und ab.

Die Dame legt mir eine Hand auf die Schulter und lächelt mich warm an. »Ich mache Ihnen ein Angebot: Sie dürfen die Nacht hier verbringen und noch einmal drüber schlafen. Morgen klären wir dann alles Weitere. Na, wie klingt das?«

Ohne zu zögern, antworte ich: »Das klingt perfekt.«

Sie nickt zufrieden und zeigt mir anschließend noch den Stromkasten und eine kleine Abstellkammer im Flur.

Draußen gießt es inzwischen in Strömen, und ehe ich mich jetzt auf den Weg zu Mollys Apartment am anderen Ende der Stadt mache, nehme ich lieber das Angebot der netten Vermieterin an und verbringe die Nacht hier. Außerdem gefällt mir die Wohnung ansonsten wirklich gut. Wäre da bloß nicht diese Tür …

»Vielen Dank. Den Rest besprechen wir dann morgen.« Ich begleite die Dame hinaus und blicke mich unauffällig im Hausflur um. Wer wohl mein Nachbar ist?

Gott, der Mensch muss wirklich verrückt sein, wenn er sich ohne Weiteres auf so eine Wohnung eingelassen hat. Immerhin haben wir damit schon eine Gemeinsamkeit …

»Bis morgen, Miss Parker. Haben Sie eine angenehme Nacht.« Die Vermieterin verschwindet im Treppenhaus, während ich die Wohnungstür schließe und zurück ins Schlafzimmer gehe.

Mein Blick haftet an der Tür, und selbst, als ich mich ins Bett lege und mich kurz von der anstrengenden Fahrt ausruhen will, kann ich nicht aufhören, sie anzustarren. Mir geht die Vorstellung nicht aus dem Kopf, dass ich nachts wach werde und mein Nachbar vor mir steht und mich beim Schlafen beobachtet.

Eine Weile liege ich einfach nur auf der Matratze, bevor ich mich zur Seite rolle, meine Tasche ans Bett ziehe und sie öffne. Ganz oben liegt es. Ich greife nach dem verwaschenen Shirt, ziehe meines aus und streife mir stattdessen seines über.

Immer, wenn ich es trage, fühle ich mich wieder sicherer. Als wäre er dadurch wieder bei mir. Als würde es immer noch nach ihm duften, obwohl sein Geruch längst durch die vielen Waschgänge verflogen ist.

Ich lege mich zurück in die Kissen und starre an die Tür. Male mir aus, wie mein Leben hier verlaufen könnte, wenn ich mich tatsächlich für die Wohnung entscheide. Währenddessen prasselt der Regen lautstark gegen die Fensterscheibe hinter mir.

Eine Ewigkeit vergeht, und als Ghost schließlich auf das Bett springt und sich an mich kuschelt, fühlt es sich fast so an, als würde ich nach Hause kommen. Er bettet seine Schnauze auf meinen Bauch und sieht mich aus traurigen Knopfaugen an.

»Ich vermisse ihn auch«, sage ich leise, obwohl ich die Worte am liebsten hinausschreien würde.

Ghost leckt sachte über meine Hand, und als sich die erste Träne aus meinem Auge stiehlt, weiß ich, dass es keinen Sinn hat, vor dem Schmerz davonzulaufen. Er findet mich überall. Ich kann nur lernen, damit zu leben.

2

Brooklyn

»Also nehmen Sie die Wohnung?«

Ich blicke ein letztes Mal zu der Tür neben meinem Bett und nicke geistesabwesend. Habe ich eigentlich völlig den Verstand verloren? Die halbe Nacht lag ich wach, weil ich das Gefühl hatte, beobachtet zu werden, und trotzdem stehe ich jetzt vor der Vermieterin und nicke?

»Sie werden es nicht bereuen. Von hier aus haben Sie eine perfekte Bus- und Bahnanbindung. Außerdem können Sie alles Wichtige zu Fuß erreichen.« Die Dame mit den tiefblauen Augen stellt ihre Tasche auf der Kommode ab und kramt einen Vertrag hervor. »Lesen Sie ihn sich in Ruhe durch und rufen Sie uns gern an, wenn Sie Fragen haben.«

Ich werfe ihr ein müdes Lächeln zu und nicke.

»Willkommen in Bedford, Miss Parker.« Mit diesen Worten verlässt die Vermieterin die Wohnung.

Schläfrig werfe ich einen Blick auf die Uhr.

»Mist«, murmle ich, als ich sehe, dass es schon kurz nach acht ist. In einer Stunde muss ich im Café sein und vorher noch mit Ghost Gassi gehen!

»Komm, Süßer, wir müssen uns beeilen!« Ich renne zur Tür, und Ghost folgt mir schwanzwedelnd. Nachdem ich ihn angeleint und mir meinen Schlüssel geschnappt habe, betrete ich den Hausflur. Gerade als ich hinter mir abschließen will, beginnt Ghost, tief zu knurren, und ehe ich ihn aufhalten kann, reißt er mir die Leine aus der Hand und stürmt zur Wohnungstür des Nachbarn. Ein Satz meines wild gewordenen Hundes, und sie springt auf.

»Was zum Teufel?« Ich laufe ihm hinterher, bleibe dann aber regungslos im Türrahmen stehen, als würde ein Fluch auf der Schwelle liegen. »Ghost, komm zurück!«, zische ich möglichst leise. Aber außer einem Rascheln höre ich nichts, und von meinem Fellknäuel fehlt jede Spur.

»Entschuldigung? Ist da jemand?«, rufe ich ins Innere der Wohnung, aber ich bekomme keine Antwort. Ob die Tür offen stand? Aber wo zur Hölle ist der Besitzer? Panisch blicke ich mich um, kann aber im dunklen Flur vor mir nicht viel erkennen.

»Ghost!« Als ich ein lautes Fauchen aus dem Raum gegenüber wahrnehme, schlage ich alle Vorbehalte in den Wind und eile in die fremde Wohnung.

Ghost bellt sich die Seele aus dem Leib, und als ich den Raum – sicherlich das Wohnzimmer – betrete, sehe ich auch, was ihn so wütend macht: Eine dicke orangefarbene Katze hockt auf einem Kratzbaum in der Ecke und faucht meinen Hund an.

Ich habe keine Zeit, weiter nach meinem Nachbarn zu suchen – Ghost springt bereits gegen den Kratzbaum, und das Konstrukt aus Kordeln und Seilen gerät ins Wanken. Sekunden später stürzt es zur Seite und reißt eine Vase auf dem Fensterbrett um, die klirrend auf dem Boden zerspringt. Die Katze hat sich auf das Sofa gerettet.

Ich nehme Ghost beim Halsband und zerre ihn schimpfend von der Katze weg. Gott, wenn ich hier erwischt werde, kann ich gleich wieder meine Sachen packen! Auf keinen Fall will ich Krieg mit einem Nachbarn, der nur eine Tür eintreten muss, um in meinem Schlafzimmer zu stehen! Keine Ahnung, wieso, aber instinktiv gehe ich davon aus, dass mein Nachbar ein Mann ist.

Ich stürme mit Ghost aus der Wohnung, schließe zitternd meine auf und schiebe den kleinen Teufel hinein. Ohne ihn gehe ich zurück in das gegenüberliegende Apartment, um das Chaos zu beseitigen, bevor noch jemand aufgrund des Krachs die Polizei ruft. Auf keinen Fall kann ich meinen ersten Arbeitstag auf dem Revier verbringen.

Mit den Händen sammle ich die Scherben vom Boden auf, verstaue sie in meiner Handtasche und stelle den Kratzbaum wieder an seine Position. Wäre die Vase nicht kaputt, würde niemand bemerken, dass ich hier war.

Die Katze schwänzelt derweil zwischen meinen Beinen herum. Ich gehe in die Hocke und sehe dem Tier, das fast so groß ist wie mein Hund, in die Augen. Sie mauzt mich an, und ich streichle ihr über den weichen Kopf. Ihr Fell hat eine interessante Färbung aus Orange- und Brauntönen. Ihre Augen sind strahlend grün.

»Wo ist denn dein Herrchen, hm?« Suchend blicke ich mich um, kann aber niemanden entdecken. Die Wohnung sieht genauso zusammengewürfelt aus wie meine, und ich frage mich, ob mein Nachbar sie auch möbliert übernommen hat. Wegen der fehlenden Deko festigt sich der Eindruck, dass hier ein Mann mit seiner Katze wohnt. Vermutlich allein, denn auf den ersten Blick weist nichts auf eine Frau hin.

Weil ich mich nicht einfach ohne eine Erklärung aus dem Staub machen kann und nicht am Ende des Tages als Einbrecherin gelten will, suche ich in der Wohnung nach Zettel und Stift, um wenigstens eine Nachricht zu hinterlassen.

Ihre Tür stand offen. Deshalb gab es einen kleinen Krieg zwischen meinem Hund und Ihrer Katze, dem Ihre Vase zum Opfer gefallen ist. Die Vase ersetze ich Ihnen, melden Sie sich einfach bei mir.

Mit freundlichen Grüßen, Ihre neue NachbarinBrooklyn Parker

Ich klemme den Zettel unter einem Glas auf dem Couchtisch ein und verlasse anschließend mit klopfendem Herzen die Wohnung. Was für ein turbulenter Einstieg in mein neues Leben …

»Noch mal zum Mitschreiben.« Molly kratzt sich am Kopf, ihre Mähne trägt sie heute zu einem französischen Zopf geflochten. »Also. Du ziehst tatsächlich in eine Wohnung ein, die durch eine Tür in deinem Schlafzimmer mit der Wohnung deines Nachbarn verbunden ist?«

Ich nicke.

»Und als ob das nicht schon seltsam genug wäre, steht seine Wohnungstür morgens einfach offen, dein Hund riecht sein Monster von Katze und will aus ihr Hundefutter machen. Dabei reißt er den Kratzbaum um und verwüstet sein Wohnzimmer.«

Wieder nicke ich und spüre, dass mir der Schweiß auf der Stirn ausbricht, wenn ich nur daran denke, nach der Arbeit in meine Wohnung zurückkehren zu müssen.

»Deine Mutter hat viel über dich erzählt, Brooklyn. Und dass du deinen Kaffee mit Honig trinkst, hätte Warnung Nummer eins sein müssen. Aber sie hat mir nicht gesagt, dass du verrückt bist!« Molly grinst übers ganze Gesicht, als ich den Kopf in den Nacken lege und die Augen schließe.

»Ich weiß doch auch nicht, was in mich gefahren ist! Ich brauche eine Wohnung, und sie ist echt gemütlich. Na ja, wenn man die Tür außer Acht lässt«, erwidere ich verzweifelt. Außerdem bleibt mir keine andere Wahl. Entweder ich vertraue aufs Beste und warte, bis ich mir einen Handwerker leisten kann, oder ich bin obdachlos.

»Tja, dann bleibt nur zu hoffen, dass nebenan kein verrückter Katzenfanatiker wohnt, der dich und deinen Hund verklagen wird, wenn er deine Nachricht liest.«

»Sehr witzig.« Ich werfe Molly einen bösen Blick zu und binde mir die Schürze um. Ich brauche Ablenkung: dringend! »Und jetzt hilf mir, ganz schnell Geld zu verdienen, damit ich die Tür zumauern lassen kann!«

Sechs Stunden später schmerzen mir die Knie vom vielen Rennen, und doch erfüllt es mich mit Befriedigung, zu wissen, dass ich etwas getan habe. Dass ich den Tag nicht wie sonst sinnlos im Bett verbracht habe, sondern mich aufraffen konnte. Etwas, das in letzter Zeit so gut wie nie vorgekommen ist.

Nachdem Molly mir nach Feierabend noch die wichtigsten Ecken in der Umgebung beschrieben hat, packt sie mir die Kuchenreste aus dem Café ein, damit ich mich bei meinem Nachbarn für das Zerschmettern der Vase entschuldigen kann.

»Wenn er sich durch unseren Käsekuchen nicht milde stimmen lässt, dann ist dein Nachbar ein Freak ohne Geschmacksnerven.«

Als ich die Treppenstufen zu meiner neuen Wohnung hinaufsteige, muss ich an Mollys Worte denken und an mein Versprechen, ihr am nächsten Tag Bericht zu erstatten. Wenn ich dann noch lebe …

Mit der freien Hand schließe ich die Wohnungstür auf, und es dauert keine drei Sekunden, bis ein vierzig Pfund schwerer Schneeball auf mich zurast und mich hechelnd begrüßt.

»Hallo, Räuber. Na, hast du die Wohnung auch heile gelassen?« Ein Blick in die Zimmer zeigt mir, dass er nichts zerstört hat. Nachdem ich Ghost in Ruhe begrüßt habe, schaue ich in den Spiegel. Der Tag hat seine Spuren hinterlassen, und so liegen meine Haare lasch an meinem Kopf an, und dunkle Schatten prangen unter meinen Augen. Im Bad schnappe ich mir meinen Concealer, um die Augenringe zu verstecken.

»Ich bringe nur schnell den Kuchen rüber, dann gehen wir raus, ja?« Ich gebe Ghost einen Kuss auf die nasse Schnauze, schnappe mir den Teller mit dem Käsekuchen und verlasse die Wohnung. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, als mein Finger über dem Klingelschild verharrt. C. Graham steht da mit schwacher Tinte aufgedruckt.

Ich straffe die Schultern, setze ein freundliches »Es-tut-mir-leid-dass-ich-unerlaubt-in-Ihre-Wohnung-gegangen-bin-und-mein-Hund-Ihre-Katze-fressen-wollte«-Lächeln auf und drücke die Klingel.

Ein lautes Scheppern aus dem Inneren der Wohnung lässt mich erstarren. Schreie durchbrechen die Stille, und ich lege mein Ohr an die Tür, um zu verstehen, was da gerufen wird.

»Du wusstest, dass wir verabredet waren, Chase!« Wieder poltert es, und es klingt, als würden Teller auf dem Boden zerspringen. »Ich habe zwanzig Minuten am Kino auf dich gewartet. Hast du eine Ahnung, wie ich mich gefühlt habe? Wie ein ausgesetzter Köter!« Ich lache bitter auf, weil ich diesen Vergleich absolut lächerlich finde. Als würde irgendjemand wissen, wie sich ein ausgesetztes Tier fühlt.

Ich will gerade das Weite suchen und zurück in meine Wohnung gehen, als die Tür vor meiner Nase aufgerissen wird. Eine Frau sieht mich aus stark geschminkten blauen Augen an. Ihre braunen Haare reichen ihr bis zum Dekolleté, vor dem sie jetzt angriffslustig die Arme verschränkt.