Perry Rhodan 121: Mission Zeitbrücke (Silberband) - Kurt Mahr - E-Book

Perry Rhodan 121: Mission Zeitbrücke (Silberband) E-Book

Kurt Mahr

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Beschreibung

Die Kosmische Hanse ist ein Garant für Frieden und Wohlstand: Sie fördert den Handel zwischen der Menschheit und den anderen Zivilisationen der Milchstraße. Doch die feindliche Superintelligenz Seth-Apophis versucht mit rabiaten Mitteln, einen Krieg in der Galaxis zu entfesseln. Will Perry Rhodan gegen diese Bedrohung vorgehen, muss er den gefährlichen Weg über die Zeitbrücke wagen. Denn ein großer Teil des Unheils kommt aus ferner Zukunft ...

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Nr. 121

Mission Zeitbrücke

Die Kosmische Hanse ist ein Garant für Frieden und Wohlstand: Sie fördert den Handel zwischen der Menschheit und den anderen Zivilisationen der Milchstraße. Doch die feindliche Superintelligenz Seth-Apophis versucht mit rabiaten Mitteln, einen Krieg in der Galaxis zu entfesseln.

Ein Beispiel dafür ist Arxisto: Diese Welt der Kosmischen Hanse sieht sich schweren Anschlägen ausgesetzt. Angreifer ist eine riesige fremde Raumstation, die jedem Waffeneinsatz widersteht.

1.

Arger Staball hatte Sorgen. Eigentlich hatte er die schon seit dem Tag vor vier Jahren, als er die Führung des Handelskontors von Arxisto übernahm. Wenn es ausnahmsweise keine Schwierigkeiten mit den Arbeiten am Ausbau des Kontors und des Raumhafens gab, dann bestimmt irgendeine Aktion, die dem Wohl der Bewohner von Arxisto-Park dienen sollte.

Aber diese Dinge gehörten nicht zu Staballs aktuellen Problemen.

Vielmehr war es zu unerklärlichen Vorfällen gekommen, die ihn veranlasst hatten, Meldung an das Hauptquartier der Kosmischen Hanse auf Terra zu erstatten. Seitdem wusste er von ähnlich gelagerten Phänomenen bei anderen Kontoren. Ein schwacher Trost für ihn, obwohl er das Versprechen erhalten hatte, HQ Hanse werde sich der Sache annehmen.

Falls sie weiter eskalierten, bedrohten die Geschehnisse die Existenz des Handelskontors Arxisto. Bislang hielten sie sich noch im Rahmen des Erträglichen.

Ein Internholo baute sich auf, Staballs Sekretär meldete sich. Jupp Korein war mit seinen 32 Jahren so alt wie der Leiter des Kontors und überdies ein ausgezeichneter Organisator.

»Germo Hillard ist da. Er will dir einen Zwischenbericht ...« Korein verstummte mit einem Aufschrei und griff sich mit beiden Händen in den Nacken. Aus dem Hintergrund erklang ein zweiter entsetzter Schrei, den Positronikspezialist Hillard ausstieß.

In dem kleinen Übertragungsholo glaubte Staball gesehen zu haben, wie ein schemenhaftes Etwas den Sekretär von hinten ansprang. Dabei mochte es sich um eine Bildstörung handeln, wie sie seit dem Einsetzen der Phänomene immer wieder vorkamen. Dennoch verließ Staball seinen Platz, riss die Verbindungstür auf und stürmte ins Vorzimmer. Er kam gerade dazu, als Korein aus dem Sessel kippte und verzweifelt mit einer schleimigen Masse rang, die sich in seinem Nacken festgesetzt hatte. Hillard stand wie versteinert daneben.

Ohne zu überlegen, stürzte Staball zu seinem Sekretär, packte mit beiden Händen zu und befreite Korein von dem glitschigen Etwas. Er erkannte nicht einmal, was er da angewidert gegen die Wand schleuderte. Trotzdem nickte er zufrieden, als es dort mit dumpfem Knall zerplatzte.

Staball spürte ein heftiges Brennen auf den Händen. Wo das Ding mit seiner Haut in Berührung gekommen war, bildeten sich nässende Bläschen. Ein Blick zu Korein zeigte ihm, dass dessen Nacken gerötete Striemen aufwies. Der Sekretär jammerte vor Schmerz.

Hillard deutete zum Fenster, und Staball wurde blass. Draußen wimmelte es von solchen Gebilden, wie eines Korein im Nacken gesessen hatte.

Womit wirft man jetzt schon wieder nach uns? Arger Staball schwankte zwischen Zorn und Verbitterung.

»Diesen Tag werde ich in meinem Tagebuch besonders anmerken«, sagte Askaargud zufrieden. Der Vorsitzende des Planungsstabs blickte sich an der Baustelle wohlgefällig um. »Heute hat es keinen einzigen Zwischenfall gegeben, und wir haben den Plan um dreißig Prozent überschritten. Wenn es in dem Tempo weitergeht, können wir die Hochstraße termingerecht fertigstellen.«

Es war der 15. Oktober 424 NGZ – Neuer Galaktischer Zeitrechnung, die mit der Gründung der Kosmischen Hanse begonnen hatte. Der Tag war so ruhig verlaufen wie kaum einer in den Monaten zuvor. Heute hatte alles zusammengepasst.

»Ich frage mich nur, wozu wir diese Verbindungsstraße vom Raumhafen zum Kontor bauen«, sagte Eleva Draton, die zum Team des Akonen Askaargud gehörte. Sie lüftete kurz ihren Atemfilter. »Ich muss mich überhaupt wundern, wofür dieses gigantische Projekt gut sein soll.«

»Ich auch«, pflichtete ihr der Blue Catherc bei. Er war der Verlademeister des Raumhafens. »Die Anlage hat mit ihren zwanzig mal vierzig Kilometern Ausdehnung eine Kapazität von hundertundfünfzig Starts und Landungen pro Tag, aber sie wird im Durchschnitt nur von zwölf Schiffen frequentiert. Meine Lagerhallen stehen ohnehin fast leer. Wozu also neue bauen?«

»Wir stehen um die Gunst der Arkoniden in hartem Konkurrenzkampf mit den Springern«, erklärte Askaargud. »Wenn Arxisto erst ausgebaut ist, steigen wir voll ins Geschäft ein – und du wirst dich über leere Lagerhallen nicht mehr beklagen können. Dann wirst du so stressgeplagt sein, wie ich es heute bin.«

Sie befanden sich zu dritt in der mobilen Planungskabine, die von Antigravfeldern in der Schwebe gehalten wurde. Die Kabine verfügte über eine eigene Sauerstoffversorgung, sodass sie die Atemfilter nicht benötigt hätten. Da sie jedoch die meiste Zeit über von einer Baustelle zur anderen unterwegs waren, behielten sie die Filter aus Gewohnheit an. Arxistos Atmosphäre war von verschiedenen Gasen durchsetzt, die auf Dauer eine schädigende Wirkung auf den Metabolismus von Sauerstoffatmern haben konnten.

Eleva Draton hob wieder ihren Atemfilter an.

»Du solltest ihn besser wechseln«, riet Askaargud, der die Bewegung aus dem Augenwinkel beobachtet hatte, während er gleichzeitig die Überwachungsinstrumente kontrollierte.

Draton befolgte seinen Rat. »Du bist nur deshalb überfordert, weil du meinst, dich um alles persönlich kümmern zu müssen, was in deinem Umkreis passiert«, sagte sie in den wenigen Augenblicken, die der Filteraustausch in Anspruch nahm. »Nimm dir ein Beispiel an Gwen Corlin. Er hat die Ruhe weg.«

»Der Wilderer hat auch keine Verantwortung zu tragen.« Askaargud beobachtete, wie ein Roboterteam einen Doppelträger in das halb flüssige Fundamentbecken einsetzte, und prüfte die exakte Positionierung. »Wo treibt sich Gwen schon wieder herum?«, fragte er anschließend.

»Er ist im Dschungel und spielt Pfadfinder. Übermorgen wird er zurück sein. Sag nicht, dass er dir abgeht.«

»Wir brauchen in dieser Ausbauphase jeden Mann.« Askaargud wollte offenbar noch etwas hinzufügen, sprach es aber nicht mehr aus. Ein warnender Summton der Überwachung erschreckte ihn. »Was ist jetzt wieder los?«, rief er aufgebracht.

»Roboter!«, stellte der Akone eine halbe Minute später abfällig fest, weil es zwischen zwei Arbeitstrupps Koordinationsschwierigkeiten gab. »Trupp HS dreiunddreißig und Trupp HS vierzehn arbeiten gegeneinander. Die Fernlenkung reagiert nicht. Geh bitte raus, Eleva, und sieh zu, dass du die Angelegenheit regelst.«

»Sklaventreiber!«, kommentierte sie ohne Groll, schaltete ihren Antigravgürtel ein und schwebte durch die Energiebarriere ins Freie.

»Ich werde ebenfalls an meine Arbeit zurückkehren«, erklärte der Blue. »Ich muss die Ladungen von drei Raumschiffen unterbringen und habe die Qual der Wahl, welchen der leer stehenden Lagerhallen ich den Vorzug geben soll.«

»Deine Sorgen möchte ich haben«, sagte Askaargud, während er beobachtete, wie Eleva Draton auf dem frei hängenden Endstück der Straße landete. Zwei Techniker erschienen zu ihrer Unterstützung.

In diesem Moment begann es.

In der Luft hing ein schnell anschwellendes Pfeifen. Es hörte sich an, als würde ein Sturm aufkommen. Dabei regte sich kein Lüftchen.

Der eben noch einheitsgraue Wolkenhimmel verfärbte sich. Lichtblitze ließen an ein fernes Wetterleuchten glauben.

»Da wirft wieder jemand nach uns«, sagte Catherc.

Erscheinungen wie diese hatten in den letzten Tagen mehrmals stattgefunden. In ihrer Folge war es zu den unerklärlichen Phänomenen gekommen, die alle Arbeiten auf dem Raumhafen und an der Hochstraße immer wieder behinderten.

Diesmal war das Brausen intensiver. Der Planetenboden wurde wie von einem heftigen Beben erschüttert. Die Hochstraße wankte. Die Bauroboter verschiedener Konstruktion gerieten deutlich sichtbar außer Kontrolle. Eine der Maschinen stürzte über den Rand der Straße in die Tiefe.

Ein Schleier schien in der Luft zu hängen wie verformtes und getrübtes Glas, in dem sich das Licht unkontrolliert brach. Heftiger werdende Lichtblitze stachen durch die Wolken. Es war, als bahne sich etwas aus einer anderen Dimension seinen Weg nach Arxisto. Die Instrumente versagten oder zeigten aberwitzige Werte an. Aus dem Funkgerät erklang ein infernalisches Kreischen, während auf der Straße einige Roboter explodierten.

Das Pfeifen und Brausen ging in ein ohrenbetäubendes Kreischen über. Ein orkanartiger Sturm erfasste die Kontrollkabine und wirbelte sie davon. Catherc verlor den Halt und wurde gegen Askaargud geschleudert.

Die Atmosphäre schien zu bersten. Etwas Unheimliches bahnte sich seinen Weg. Eine gigantische Masse türmte sich auf einmal dort auf, wo eigentlich das Band der Straße zum Raumhafen verlief. Diese Materie, die sich schier aus dem Nichts kommend verdichtete, schob eine gewaltige Druckwelle vor sich her.

So schnell, wie die Erscheinungen eingetreten waren, hörten sie wieder auf. Die Leuchteffekte erloschen, der Orkan erstarb, der Planetenboden beruhigte sich.

Irgendwo heulte eine Sirene. Neben Eleva Draton türmte sich etwas so hoch wie ein Gebirge – eine grauweiße Masse, die an Kreideschlamm erinnerte. Als wäre ein gewaltiges Stück einer Urwelt nach Arxisto geschleudert worden.

»Diesmal hat es uns ordentlich erwischt«, sagte einer der Techniker. »Zum Glück scheint nur materieller Schaden entstanden zu sein, der Tod hat uns hoch einmal um Haaresbreite verfehlt. – Da ist Askaargud, er ist schneller zur Stelle als die Sanitätskommandos.«

Die Kontrollkabine setzte wenige Meter entfernt auf. Askaargud und Catherc sprangen hinaus.

»Wir müssen sofort ins Kontor!«, rief der Akone. »Falls ein ähnlich großer Brocken auf das bewohnte Gebiet niedergegangen ist ...« Er sprach nicht zu Ende, sondern ließ die leicht verletzte Frau und die beiden Techniker einsteigen. »Wir bringen dich zur Medostation, Eleva«, fügte er hinzu, als sie die Lippen zusammenpresste, um ihre Schmerzen zu verbeißen.

Sekunden später war die Kabine schon wieder in der Luft und flog in Richtung des Kontors.

Über die grüne Landschaft von Arxisto erstreckte sich eine gut zwei Kilometer lange grauweiße Verwerfung des Kreideschlamms und erhob sich an die zweihundert Meter in die Höhe. Nur die Ausläufer der zerklüfteten, an manchen Stellen zuckenden Masse hatten die Straße erreicht und sie auf etwa fünfzig Metern Länge verschüttet.

»Dieser Brocken ist größer als alles, was uns vorher erreicht hat«, sagte Catherc beeindruckt. »Woher kommt das Zeug?«

Darauf konnte ihm niemand eine Antwort geben.

»Wir können nur hoffen, dass Arxisto-Park von ähnlichen Bomben verschont geblieben ist«, meinte Askaargud.

Zwischen den Gebäuden des Kontors und des Wohnbezirks waren nirgends ähnliche Einschläge zu erkennen, das registrierten sie während des Anflugs schon von Weitem. Dennoch war das Siedlungsgebiet nicht verschont geblieben. In der Luft tummelten sich Schwärme grotesk anmutender bläulich schimmernder Organismen, die entfernt an Quallen erinnerten. Sie hatten kürbisgroße Körper mit kranzförmig angeordneten tentakelartigen Auswüchsen und klammerten sich an allem fest, was ihnen gerade in die Quere kam – egal ob Mensch oder Maschine. Einige dieser fremdartigen Lebewesen stürzten sich sofort auf die Kabine und saugten sich daran fest.

Den anderen Schwebern, Gleitern und Mannschaftsplattformen, mit denen Arbeiter aus der Umgebung nach Arxisto-Park zurückflogen, erging es nicht anders. Zu Tausenden bevölkerten die quallenartigen Geschöpfe den Luftraum über dem Kontor und dem Wohngebiet.

»Erst liefern wir Eleva in der Medostation ab, danach fliegen wir zum Hauptkontor«, sagte Askaargud. »Staball wird jede Hilfe brauchen, um dieser Bedrohung Herr zu werden. Schade, dass Gwen Corlin nicht hier ist, sondern sich irgendwo im Dschungel herumtreibt. Er könnte uns bestimmt wertvolle Ratschläge für die Jagd auf diese Biester geben.«

Eleva Draton war für eine ganze Weile weggetreten. Schockzustand. Erst nach der Behandlung fand sie allmählich ihre Sinne zusammen, sodass sie die Geschehnisse verstand.

»Es ist eine Katastrophe«, schimpfte Doc Lorghen, der sie persönlich behandelte und dabei auf die Assistenz eines Medoroboters verzichtete. »Diese Vorgänge haben das Versorgungsnetz zusammenbrechen lassen. Nahezu alle Geräte sind ausgefallen. Wir können uns nur noch auf uns selbst verlassen. Du scheinst wieder in Ordnung zu sein, Eleva, trotzdem muss ich dich in stationärer Behandlung behalten.«

Er wandte sich seinen nächsten Patienten zu. Draton hätte gern ein wenig geschlafen, fand aber keine Ruhe, weil ständig bewaffnete Kontorbedienstete an ihrem Krankenlager vorbeihasteten. Von draußen klangen schmerzerfüllte Schreie und Befehle zu ihr herein, und einmal erschien dicht unter der Decke des Krankenzimmers eine der grässlichen Quallen. Das Biest, von einem Paralysestrahl aus der Luft geholt, klatschte neben ihr auf den Boden. Wenig später saugte ein Reinigungsroboter den Kadaver auf.

»... Wohnbezirk C-siebzehn-Nord muss evakuiert werden ...«

Saul fiel ihr ein. Ihr Gelegenheitsgefährte hatte sich eine 53-Stunden-Schlafdosis gönnen wollen, nachdem er drei Tage durchgearbeitet hatte. Saul wohnte im Bezirk C-siebzehn-Nord. Wenn er seine Absicht verwirklicht hatte, schlief er vermutlich immer noch wie ein Murmeltier und bekam von den Geschehnissen nichts mit.

Sie musste ihn warnen. Eleva Draton nahm das Bildsprechgerät neben dem Bett und tippte Sauls Anschluss. Er meldete sich nicht.

Sie schlug Alarm, doch niemand schenkte ihr Gehör, in der Medostation hatte jeder andere Sorgen. Sie rief eine Frau zu sich, die den Ordnerdienst versah, und bat sie, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um Saul zu wecken und ihn aus der Gefahrenzone zu bringen. Die Frau versprach ihr Möglichstes, aber ihrer Stimme war anzumerken, dass sie Elevas Sorge nicht teilte.

Da beschloss Draton, auf eigene Faust zu handeln. Sie fühlte sich durchaus in der Lage, den Wohnbezirk C-siebzehn-Nord aufzusuchen.

In dem allgemeinen Durcheinander fiel sie nicht auf, als sie sich durch die Reihen der auf Behandlung wartenden Patienten wand. Sie verließ die Medostation und fuhr auf dem Bodengleiter einer Evakuierungsmannschaft mit. Der Trupp war für den Wohnbezirk abgestellt worden, in den sie ebenfalls wollte. Die Fahrt durch den Schnelltransporttunnel dauerte nur wenige Minuten.

Eleva hatte den Mitgliedern der gemischten Mannschaft so in den Ohren gelegen, dass sich zwei Frauen bereit erklärten, mit ihr zu Sauls Wohnung zu gehen. Sie fanden ihn inmitten von einem Dutzend Quallenkadavern. Er musste die Scheusale geradezu erwürgt haben, denn seine Hände waren nur mehr schwärende, vom Nesselgift zerfressene Klumpen. Und Sauls Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Ungläubig starrte Eleva auf seine leeren, verbrannten Augenhöhlen. »Du bekommst dein Augenlicht zurück«, redete sie ihm schluchzend zu. »Ganz bestimmt. Keine Implantate, sondern richtige Augen. Oder willst du mehr sehen als bisher, Infrarot, ein anderes Spektrum ...?«

Die Situation beruhigte sich allmählich wieder. Schon am Tag nach diesem Schrecken konnte Arger Staball eine erste Bilanz ziehen. Die meisten fliegenden Quallen waren abgeschossen worden, die anderen aus dem bebauten Gebiet vertrieben. Kommandos waren unterwegs, um die letzten Schwärme zu vernichten.

Tote gab es nicht zu beklagen, was beinahe wie ein Wunder erschien. Obwohl fast jeder der achtundzwanzigtausend Bewohner von Arxisto-Park Blessuren davongetragen hatte, gab es nur wenige schwerere Fälle wie den des Mitglieds im Planungsstab, der sein Augenlicht eingebüßt hatte.

Aus Sicherheitsgründen hatte Arger Staball den Raumhafen gesperrt. Landeerlaubnis wurde nur in dringenden Fällen erteilt, auch wenn die dadurch verlorenen Aufträge den Springern zufielen.

Im Hauptkontor herrschte trotz des eingeschränkten Dienstes rege Betriebsamkeit. Der Positronikspezialist Germo Hillard arbeitete mit einem Team Sicherheitsmaßnahmen aus. Die Wahrscheinlichkeitsberechnungen ließen eine Wiederholung und sogar eine Eskalation der Vorfälle befürchten.

Staball stellte über die jüngsten Ereignisse einen ausführlichen Bericht zusammen und schickte die umfangreiche Dokumentation per Hyperkom nach Terra ins HQ Hanse.

»Was muss noch passieren, bis sich endlich jemand dazu bequemt, das Phänomen zu untersuchen und Gegenmaßnahmen zu treffen?«, fragte er zornig nach. Den Gedanken, dass HQ Hanse schwieg, weil dort jeder ebenfalls ratlos war, schob er weit von sich.

»Theoretisch könnten wir mittlerweile ein Vorwarnsystem einrichten«, sagte Hillard. »Neben den bekannten physikalischen Begleiterscheinungen kommt es auch zu solchen hyperphysikalischer Natur. Den Schallschwingungen und elektromagnetischen Eruptionen gingen jeweils Hyperbeben voraus, die unsere hochwertigen Anlagen störten. Zuletzt waren die Hyperbeben so stark, dass das positronische Netz zusammenbrach. Darauf aufbauend könnten wir das Warnsystem einrichten.«

»Das werden wir tun«, entschied Staball. »Was noch?«

»Wir müssen die materialisierte Masse untersuchen. Falls wir ihren Ursprung herausfinden, können wir vielleicht eruieren, durch welche Umstände sie nach Arxisto gelangte – ob es sich um Spuren einer kosmischen Katastrophe in einem anderen Kontinuum oder um Bruchstücke einer Welt in unserer Galaxis handelt. Aus der unmittelbaren Nähe des Arx-Systems gar? Auf der anderen Seite dürfen sich unsere Untersuchungen nicht nur auf den Bereich des Kontors beschränken, sondern müssen das Phänomen global betrachten. Wo auf Arxisto hat es außerdem ›eingeschlagen‹? Denn eines ist nach den ersten Hochrechnungen klar: Die letzte große Masse ist nur zufällig in der Nähe des Kontors materialisiert.«

»Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich dieser Zufall wiederholt?«

»Eigentlich überaus gering ...« Hillard verstummte, als eine Sirene heulte.

Die Holos zeigten blitzartige Leuchterscheinungen über dem Raumhafen. Die akustische Erfassung ließ ein anschwellendes orkanartiges Rauschen hörbar werden.

Sekunden später entstand im Bereich einer der großen Lagerhallen ein gewaltiger Materiebrocken, der wie ein überdimensionales Stück Schlacke aussah. Die Lagerhalle wurde förmlich zermalmt.

Hillard war blass geworden. »Damit dürfte sich die Wahrscheinlichkeit, dass uns so eine Massebombe auf den Kopf fällt, drastisch erhöht haben«, stellte er fest.

Die Nacht vom 18. auf den 19. Oktober war die ruhigste seit einer Woche. Kein Brausen erfüllte die Atmosphäre, keine Leuchterscheinungen erhellten das Dunkel. Die Männer und Frauen des Bereitschaftsdiensts atmeten auf, als der neue Morgen graute.

»Ist es die Möglichkeit!«, rief Askaargud aus, als er Staballs Büro betrat. »Hat man aufgehört, mit Schlamm und Quallen nach uns zu werfen?«

»Machen wir uns nichts vor«, sagte Staball. »Das ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Andererseits scheint das von Germo entwickelte Vorwarnsystem zu funktionieren. Simulationen haben gezeigt, dass wir vermutlich sogar das nächste Einschlaggebiet berechnen und dementsprechend Gegenmaßnahmen treffen können. Dennoch will ich den Ausnahmezustand beibehalten, bis wir mehr über diese Masseerscheinungen wissen.«

»Kommen vom HQ Hanse keine Informationen herein?«, erkundigte sich Askaargud.

»Meine Kontakte nach Terra sind sehr einseitig«, antwortete Staball. »Ich schicke meine Berichte ab und erhalte die Eingangsbestätigung mit der Versicherung, dass bald etwas geschehen wird. Ich war bemüht, mit Perry Rhodan oder einem seiner engsten Mitarbeiter persönlich zu sprechen, aber angeblich sind alle anderweitig beschäftigt. Das Problem scheint doch ernsterer Natur zu sein.«

»Was mag dahinterstecken? Könnte es sich um eine gezielte Aktion gegen die Kosmische Hanse handeln – Urheber womöglich die Springer?«

»Das glaube ich nicht«, widersprach Staball. »Es spricht zu viel dagegen. Gestern waren die Erkundungsgleiter permanent unterwegs. Aus den Berichten geht hervor, dass sich allein auf dem Kontinent Tobal an die dreihundert Einschlagstellen befinden. Dabei handelt es sich aber nur um größere Massebrocken. Die kleineren, wie sie in der Anfangszeit registriert wurden, konnten gar nicht alle berücksichtigt werden. Die Piloten reden auch davon, dass es in der großen Waldfläche nur so von fremdartigen Lebensformen wimmelt, die eindeutig nicht von Arxisto stammen. Ich habe einen Teil der Aufnahmen gesichtet. Manche dieser Geschöpfe sind so fremdartig, dass wir sie kaum als Lebewesen erkennen können. Aus dem Verhalten vieler lässt sich schließen, dass sie völlig verwirrt sind und sich nicht zurechtfinden. Ich werde versuchen, mit selbst ein Bild von der Lage zu machen.«

»Es ist vorbei«, sagte Eleva Draton und unterdrückte den Impuls, Sauls Hände zu drücken, die noch im Heilverband steckten. Doc Lorghen hatte ihr versichert, dass er in ein paar Tagen seine Hände wieder voll gebrauchen könnte, auch dass hinsichtlich seiner Augen kein Grund zur Besorgnis bestehe.

»Aber warum zögerst du die Transplantation hinaus?«, hatte Draton gefragt.

»Zuerst müssen die Augenhöhlen ausheilen, der Sehnerv muss regeneriert werden.«

»Mach mir nichts vor, Doc. Das ist doch nicht das eigentliche Problem.«

»Es gibt kein wirkliches und unlösbares Problem, Eleva. Aber darüber sprichst du am besten selbst mit Saul. Er kennt die Wahrheit.«

»Du hast ihm gesagt ...?«

»Saul ist der Betroffene, und er ist mündig. Er hat ein Anrecht darauf, zu erfahren, wie es um ihn steht.«

»Wäre es nicht gnädiger, ihn allmählich auf sein Schicksal vorzubereiten?«

»Ich halte nichts von Heuchelei. Abgesehen davon ist sie gar nicht nötig. Saul wird bald wieder sehen können. Sprich mit ihm.«

Genau das tat sie.

»Es ist vorbei«, redete sie ihm zu. »Gestern war den ganzen Tag über Ruhe. Bald wird der Alltag wieder Einzug halten ...«

»Das glaube ich nicht«, sagte Saul. »Es braut sich etwas zusammen, was schrecklicher sein wird als alles Vorangegangene. Ich sehe es förmlich vor mir, als könnte ich durch ein Fenster in diese andere Welt blicken, von der aus wir bombardiert werden. Die Schrecken werden nicht lange auf sich warten lassen ...«

»Was redest du da, Saul?« Eleva Draton reagierte entsetzt. »Alles wird gut. Der Doc ist sehr optimistisch, was dich betrifft.«

»Ich rede nicht von mir«, sagte er ungehalten. »Ich zweifle nicht daran, dass ich bald wieder sehen kann. Im Augenblick sehe ich jedoch ...«

»Du hattest Albträume, Saul. Vergiss sie.« Eleva strich ihm übers Gesicht, und er schenkte ihr dafür ein Lächeln.

»Ich wünschte, es wären bloß Albträume«, sagte er. »Doch so etwas kann man nicht träumen.«

»Sprich dich aus, wenn es dich erleichtert. Ich habe vieles mit dir geteilt und werde auch das gemeinsam mit dir durchstehen.«

»Was sollen diese Anspielungen?« Er reagierte verärgert. »Ich brauche dein Mitleid nicht. Mir geht es blendend, Eleva. Ich weiß, dass ich wieder sehen werde, das ist nur eine Frage der Zeit. Wenn ich wollte, könnte ich mir schon heute neue Augen einpflanzen lassen. Aber – möchtest du mich als blauäugigen Arkoniden haben?«

»Das ist es also.«

»Ja, das ist es«, äffte er sie nach. »Entschuldige, ich bin wohl doch nicht so gefasst, wie ich gern vortäuschen möchte. Doc Lorghen sagte mir, dass in seiner Organbank nichts Passendes für mich auf Lager ist. Er hat keine Arkonidenaugen auf Vorrat und muss sie einfliegen lassen. Aber das geht erst, wenn sich die Situation beruhigt hat. Darum muss ich warten.«

Sie lachte befreit. »Dann wird es nicht mehr lange dauern. Staball kann jede Minute den Ausnahmezustand aufheben. Sobald der normale Betrieb wieder aufgenommen wird, steht dem Organtransport nichts mehr im Weg. Das Leben in Arxisto-Park verläuft bald wieder in geregelten Bahnen.«

»Nein!« Saul schrie es fast. »Du musst Staball warnen, Eleva. Noch besser, schick ihn zu mir! Ich muss ihm selbst erzählen, was ich sehe. Da ...!«

»Was ist, Saul?«

»Die Bilder kommen zurück. Ich sehe wieder ... Es ist, als ob ich selbst in dieser fremdartigen Landschaft stünde und zu diesen geflügelten Ungeheuern gehörte, die zum Kampf gegen die – ich weiß nicht, wie ich sie nennen soll – angetreten sind.«

»Beruhige dich, Saul, bitte.«

»Du glaubst, ich spinne, Eleva? Ich bin klar bei Verstand. Ich kann es nicht erklären, aber ich bin zu der Einsicht gekommen, dass ich mit dem Verlust meiner Augen die Fähigkeit eines anderen Sehens bekommen habe.«

»Meinst du?«, fragte sie mit belegter Stimme.

»Ich kann es nur so erklären, dass durch den intensiven Kontakt mit diesen Biestern, deren Gift meine Augen verbrannt hat, etwas auf mich übergesprungen ist. Es ist doch klar, dass sie aus einer anderen Welt gekommen sind. Sie wurden über eine Dimensionsbrücke oder durch einen Dimensionstunnel nach Arxisto geschleudert – kannst du mir folgen? Diese Verbindung besteht weiterhin, über sie kann ich in dieses Anderswo sehen. Und ich sehe, dass unbeschreibliche Schrecken lauern. Du musst Staball zu mir schicken, Eleva! Ich muss ihn warnen!«

»Ich ... werde ihn sofort aufsuchen«, versprach Draton und verließ eilig das Krankenzimmer, um sich durch ihre Gefühlsregungen nicht zu verraten. Sie suchte Doc Lorghen auf, der versprach, sich sofort um Saul zu kümmern.

Der Ibson entsprang tief in den Farrad-Bergen und bahnte sich seinen Weg durch schroffe Schluchten in die südlichen Ausläufer des Tafelgebirges, an dessen Fuß Arxisto-Park errichtet worden war. Der Fluss schlängelte sich entlang der grünen Hügel der Vorberge und verlor sich dann in der weiten Dschungelebene des Nordkontinents Tobal.

Der Raumhafen war parallel zum Fluss angelegt, den man aus diesem Grund auf vierzig Kilometer Länge hatte regulieren müssen. Aus der Luft boten die Anlagen gar keinen so üblen Anblick, fand Arger Staball, wenn die geometrischen Strukturen der Verwaltungsgebäude und Lagerhallen das Antlitz des Planeten auch sehr verfremdeten.

Staball hatte den Gleiterpiloten gebeten, in einer weiten Schleife über die Berge zu fliegen und dann auf Südkurs zu gehen. Der Kontorchef hatte auf seiner Karte markante Punkte eingezeichnet, die tags zuvor von den Patrouillenfliegern ausgekundschaftet worden waren. Es handelte sich durchweg um größere Masseablagerungen, an denen sich fremdartiges Leben tummelte.

Auch Gwen Corlins Camp war gekennzeichnet, der Mann selbst galt als verschollen. Eine Gleiterbesatzung hatte berichtet, dass seine Überlebenskuppel zerstört war. Von ihm selbst fehlte jede Spur, wenngleich verschiedene Anzeichen dafür sprachen, dass er noch lebte.

Staball fragte sich, warum Corlin nicht bei seinem Camp ausgeharrt und auf ein Rettungskommando gewartet hatte. Wo sollte man ihn in dem riesigen Dschungelgebiet suchen?

Der Gleiter hatte das Gebiet des Handelskontors schon weit hinter sich gelassen und näherte sich dem ersten Markierungspunkt.

Unter ihnen erstreckte sich eine gut zwei Kilometer lange Massezunge, eine schroffe Verwerfung, die an vielen Stellen aufgebrochen war. Staball kannte die Ursache dafür. Die Kommandos vom Vortag hatten berichtet, dass Schwärme skurriler Geschöpfe plötzlich aus der Masse hervorgebrochen waren.

Nun machten sie das umliegende Gebiet unsicher. Staball entdeckte beim Überfliegen die Überreste einheimischer Tiere, die Opfer des fremden Lebens geworden waren. Aber er sah auch Kadaver fremdartiger Geschöpfe.

»Was für groteske Lebensformen«, stellte er fest, als sie über eine Gruppe von Wesen hinwegflogen, die aussahen wie auf Stelzen gehende Wattebäusche. »Aber offenbar sind sie alle nur instinktgelenkt.«

»Stimmt«, bestätigte Quert Abarco, der Pilot, der schon auf Erkundungsflug gewesen war. »Zumindest haben wir bei keiner der registrierten Arten Spuren von Intelligenz festgestellt. Es sind Tiere, die aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen wurden. Ihr Verhalten ist gestört.«

Sie erreichten den nächsten Markierungspunkt, bei dem es sich um ein fast kreisrundes Massiv von achthundert Metern Durchmesser handelte, das an die fünfhundert Meter hoch war. Auch dieses Gebilde war durchlöchert, und ringsum wimmelte es von einem vielgestaltigen Leben.

Sie umflogen die Erhebung einige Male in geringer Höhe. Jäh teilte sich vor ihnen das Dschungeldach, ein sich windender, pendelnder Körper tauchte daraus auf. Es war ein riesiges, wurmartiges Geschöpf, das fünfzig Meter über die höchsten Bäume hinausragte und beinahe zehn Meter dick war. Offenbar hielt das Ungetüm den Gleiter für eine willkommene Beute.

Der Pilot konnte einen Zusammenstoß gerade noch verhindern. Aber der Riesenwurm folgte der Ausweichbewegung. Als ein Aufprall schon unvermeidlich schien, barst der gewaltige Körper in Hunderte von Einzelteilen.

Staball erkannte verblüfft, dass jedes dieser Fragmente ein vollwertiges Geschöpf war. Offenbar hatten sie sich zu diesem Kollektiv zusammengeschlossen, um gemeinsam Beute zu jagen.

Eines der Tiere wurde vom Gleiter gerammt und davongeschleudert. Ein anderes schlug gegen die Frontscheibe und hinterließ eine grünliche, schleimige Spur auf dem Panzerglas, die sich jedoch rasch wieder verflüchtigte.

»Ich möchte endlich wissen, wer für diese Sendungen verantwortlich ist.« Abarco zog den Gleiter steil in die Höhe. »Wer könnte ein Interesse daran haben, Arxisto mit diesen fremden Lebewesen zu verseuchen?«

»Wir gehen gar nicht davon aus, dass hinter den Sendungen eine böse Absicht steckt«, antwortete Staball.

»Nicht?« Abarco wunderte sich. »Für mich sieht das sehr nach Sabotage der Springer aus.«

»Wenn die Galaktischen Händler die Möglichkeit hätten, derart gewaltige Massen mitsamt den darauf befindlichen Lebewesen von einem Planeten auf einen anderen zu versetzen, dann würden sie das gezielter tun. Sie hätten damit das Kontor bombardiert. Tatsache ist jedoch, dass Arxisto-Park nicht im Brennpunkt der Massesendungen stand. Darum glaube ich nicht an eine gesteuerte Aktion.«

»Also alles nur ein Produkt des Zufalls?«, fragte der Pilot. »Was ist mit den anderen Kontoren, auf denen ähnliche Phänomene registriert wurden? Gibt es nicht zu denken, dass ausschließlich Planeten mit Niederlassungen der Kosmischen Hanse betroffen sind?«

»Wer sagt das?«, hielt Staball dagegen. »Wer weiß, wie viele andere Welten ebenfalls betroffen sind. Wir erfahren nur nichts davon, weil niemand dort ist, der die Vorfälle registrieren könnte.«

»Daran habe ich gar nicht gedacht.« Abarco kratzte sich das Kinn. »Das hat einiges für sich. Dennoch – es hätte zufällig auch eine der Ladungen auf Arxisto-Park niedergehen können.«

»Das ist mein Albtraum«, gestand Staball.

Sie überflogen den nächsten Zielpunkt.

Hier waren dicht nebeneinander drei verschieden große Massesendungen niedergegangen. »Es sieht beinahe so aus, als wäre die Oberfläche eines anderen Planeten auf Arxisto gekippt worden«, murmelte Staball wie im Selbstgespräch.

»Ein treffender Vergleich«, sagte der Pilot. »Da ich Pessimist bin, füge ich hinzu: Dort, woher die Masse und die Biester kommen, muss es noch viel mehr davon geben.«

Sie setzten ihren Rundflug über den Kontinent in größerer Höhe fort. Überall bot sich das gleiche Bild, die Erhebungen grauweißer kreideartiger Masseverwerfungen sahen im Süden nicht anders aus als im Gebiet von Arxisto-Park; es gab nicht einmal besonders exponierte Gebiete, sondern die Sendungen schienen wahllos verteilt zu sein.

»Fliegen wir zurück!« Staball hatte genug gesehen und erwartete keine neuen Erkenntnisse mehr.

Plötzlich war ihm, als blitze es seitlich des Gleiters auf. Sie durchflogen gerade eine tief hängende, dichte Wolkenbank, und die Sicht war ziemlich schlecht. Aber durch den Nebel drangen eindeutig explosionsartige Leuchterscheinungen.

»Was war das?«, fragte Staball.

»Der Hypertaster spricht nicht an«, erklärte Abarco. »Also kann es sich nicht um die Ankündigung neuer Massesendungen handeln. Vielleicht braut sich bloß ein Gewitter zusammen.«

»Möglich«, meinte Staball. »Ich möchte trotzdem, dass wir umkehren und noch einmal über dieses Gebiet fliegen.«

In diesem Augenblick wiederholten sich die Leuchterscheinungen. Staball erkannte, dass jemand Signalraketen zündete, um auf sich aufmerksam zu machen.

Minuten später konnten sie Gwen Corlin an Bord nehmen, der versucht hatte, sich zu Fuß durchzuschlagen.

Gwen Corlin fand die Geschehnisse in Arxisto-Park viel aufregender, wo doch die ganze Bevölkerung bedroht gewesen war, als seinen Weg durch den von fremdem Leben brodelnden Dschungel. Andererseits hatte er nach der Zerstörung seiner Kuppel mit einem Minimum an Gerät auskommen müssen, und schon immer hatte er den Nimbus eines Abenteurers besessen.

»Ohne die Möglichkeit einer schnellen Rückkehr nach Arxisto-Park, den Gefahren des Dschungels ausgesetzt und eine willkommene Beute für alle möglichen Bestien einer anderen Welt, da spürte ich zum ersten Mal, was Angst ist.« Er leitete seine Berichte in Arxisto-Park stets mit dem Eingeständnis seiner Furcht ein, schon um das ungewollte Heldenimage anzukratzen, das jeder ihm plötzlich aufzwang. »Ich bin Jäger aus Passion. Aber es ist etwas anderes, Tiere aus Sport zu schießen, als gegen sie ums Überleben kämpfen zu müssen. Und es war ein permanenter Überlebenskampf. Hinter jedem Baum, auf jedem Ast konnte eine der unbekannten Bestien lauern, die mitunter gar nicht als Tiere zu erkennen sind. Was muss das für eine Welt sein, von der sie stammen. Nachts verkroch ich mich irgendwohin, wo ich mich einigermaßen sicher fühlen konnte, bekam aber trotzdem kaum ein Auge zu ...

Am schlimmsten war es jedoch, als ich das Geräusch eines Gleiters hörte und vergeblich mit einer Rettungsrakete auf mich aufmerksam zu machen versuchte. Anderntags glaubte ich, dass ich meine letzte Chance vertan hätte. Wieder vernahm ich das Geräusch eines Gleiters und feuerte meine vorletzte Rakete ab. Der Motorenlärm entfernte sich wieder. Das waren die schlimmsten Minuten meines Lebens. Ihr könnt euch meine Erleichterung nicht vorstellen, als das Geräusch zurückkehrte. Sehen konnte ich den Gleiter im dichten Nebel nicht, aber ich riskierte es, mit meiner letzten Rakete ein Zeichen zu geben. Mein Notsignal wurde gesehen, der Gleiter landete irgendwo ... Ich verständigte mich mit meinen Rettern durch Zurufe, so stieß ich schließlich zu Arger Staball ...«

»Du bist eine Ausnahmeerscheinung, Gwen«, sagte Doc Lorghen, der ihn ausgiebig untersucht hatte. »Ich kenne niemanden außer dir, der diese Strapazen ohne gesundheitliche Schäden überstanden hätte.«

Corlin hatte schon von Sauls Schicksal gehört. Er fragte den Arzt, ob es um den Freund wirklich so schlecht stünde.

»Nur sein psychischer Zustand macht mir Sorgen«, antwortete Lorghen. »Saul phantasiert immerfort von grauenhaften Wesen, die nur darauf lauern, Arxisto heimzusuchen ... Es ist blühender Unsinn: Er behauptet, durch ein Dimensionsfenster in eine andere Welt blicken zu können, von der aus wir angegriffen werden.«

»Vielleicht ist doch etwas dran?«, meinte Corlin. »Darf ich zu ihm?«

2.

Als die Sirene des Vorwarnsystems losheulte, empfand Arger Staball fast so etwas wie Erleichterung. Nicht, dass er sich nach einer Katastrophe sehnte, aber er wusste, dass sie kommen würde, und das Warten darauf und die nagende Ungewissheit waren schlimmer als alles andere.

Ein unheimliches Geräusch hing in der Luft, ein orkanartiges Brausen, wenngleich nicht so dumpf und grollend wie während der vorangegangenen Phänomene. Staball konnte förmlich spüren, wie die achtundzwanzigtausend Bewohner der Stadt aufgeschreckt wurden. Es ging von Neuem los! Die Atmosphäre nahm allmählich wieder jene glasige Konsistenz an, die den Wissenschaftlern bislang ein Rätsel war.

Das schrille Brausen schwoll zum kreischenden Crescendo an, und urplötzlich entstanden überall am Himmel dunkle Aufrisse, aus denen Schwärze wie zähflüssig quoll. Staball versuchte, über sein Kombiarmband Funkverbindung mit anderen Führungskräften des Hanse-Kontors zu bekommen, es war vergeblich. Energetische Störungen blockierten die Kommunikation.

Mittlerweile glich die Stadt einem aufgescheuchten Ameisenhaufen. In den Straßen wimmelte es von Menschen. Furchtsam starrten sie in den weiter aufreißenden Himmel, aus dem sich ein Heer geflügelter und gepanzerter Wesen ergoss – mannsgroße Insekten, die terranischen Libellen ähnelten. Ihre Waffen waren Spieße und Hellebarden, die ebenso bronzefarben schimmerten wie die Rüstungen und helmartigen Kopfbedeckungen, die den Schwarm der Angreifer besonders monströs erscheinen ließen.

Auf der Hauptstraße standen die Menschen dicht gedrängt und starrten halb geblendet in den irrlichternden Himmel. Sie redeten aufgeregt durcheinander, und es war kaum einer darunter, der nicht behauptete, das Unheil vorausgesehen zu haben.

Urplötzlich, wie aus dem Nichts, erschien der Schwarm geflügelter Rieseninsekten.

»Das sind keine Tiere!«, rief jemand. »Sie sind bewaffnet!«

Schon vor Tagen, während der Invasion der fliegenden Quallen, waren Waffen verteilt worden, und niemand hatte sie bislang wieder eingesammelt. Eine Frau hob ihren Kombistrahler und feuerte im Paralysemodus. Zwei der geflügelten Geschöpfe wurden getroffen, stürzten inmitten einer Ansammlung wütender Menschen zu Boden und wurden niedergeknüppelt. Zögernd wich die Menge dann vor den beiden sterbenden Wesen zurück.

»Sie tragen Rüstungen und sind mit primitiven Hieb- und Stichwaffen ausgerüstet«, stellte ein Ertruser fest, der einen der Angreifer mit einem Faustschlag niederstreckte. »Es sind Krieger!«

»Ich sage euch, dass diese Insekten mindestens so überrascht sind wie wir«, behauptete eine Arkonidin.

»Trotzdem greifen sie an!«

»Feuert!« Der Ruf wiederholte sich immer wieder.

Eine Salve aus Paralysestrahlen und Energieblitzen schlug den Angreifern entgegen. Viele von ihnen wurden im Flug gelähmt und stürzten auf die Straße. Andere wurden von Thermoschüssen getroffen und erreichten den Boden nicht mehr lebend.

Nur wenige durchbrachen das Sperrfeuer und stürzten sich auf die Kontorbewohner. Ihr wütendes Zirpen vermischte sich mit den Schreien verwundeter Menschen. Ein gespenstischer Kampf entwickelte sich; die Frauen und Männer von Arxisto-Park waren den Angreifern zwar mit ihren Waffen überlegen, doch die Rieseninsekten machten dies mit einem unglaublichen Kampfeswillen wett.

»An alle!«, gellte eine Lautsprecherstimme durch die Straßen. »Hier spricht Germo Hillard. Wir konnten eine Notleitung installieren, blockiert sie nicht mit Privatgesprächen. Die Mitglieder des Nothilfsdiensts sollen sich auf ihre Posten begeben, die Kontorführung wird sich melden. Zieht euch in den Schutz der Gebäude zurück und schließt euch zu Gruppen zusammen ...«

Die Stimme verstummte, als in der Atmosphäre wieder ein schrilles Heulen anhob. Der Himmel wurde erneut gespalten, aus den Dimensionsrissen ergossen sich weitere Schwärme der unheimlichen Armee aus dem Nirgendwo. Tausende und Abertausende geflügelte Rieseninsekten senkten sich auf Arxisto-Park herab.

Schnell waren die Straßen der Stadt wie leer gefegt – bis das Insektenheer sie in Besitz nahm.

Das Gift der quallenartigen Biester hatte Sauls Augen verätzt, aber er sah die menschengroßen Libellen in ihren bronzefarbenen Rüstungen kommen. Die starren Blicke ihrer großen Facettenaugen schienen ihn zu durchbohren.

Sie kamen, um zu erobern, und er, Saul, hatte das Gefühl, sie mit ihren eigenen Sinnesorganen wahrzunehmen. Unaufhaltsam kamen sie näher, doch als ein Zusammenprall schon unvermeidlich schien, lösten sich die Kriegslibellen in nichts auf. Während die vordersten Reihen verschwanden, erschienen im Hintergrund weitere Horden, Tausende und Abertausende, und sie alle wurden von einem unsichtbaren Tor verschluckt, bis auch die letzten Krieger verschwanden.

Sauls Wahrnehmungen endeten.

Er schrie. Schwärze umgab ihn. Die unverkennbaren Schritte des Medoroboters kamen näher. Saul entsann sich, dass er in der Klinik lag.

»Bitte beruhige dich!«, sagte der Roboter.

»Ich werde erst Ruhe geben, wenn ihr Staball zu mir schickt!«, schrie er. »Ich muss ihn warnen. – Was ist das?«

Heftige Erschütterungen waren spürbar. Aus der Ferne erklang ein lauter werdendes Brausen.

»Sie kommen!« Saul bäumte sich auf. Aber der Medoroboter verpasste ihm eine beruhigende Injektion, und sein Aufruhr legte sich schnell. Trotzdem konnte er an nichts anderes denken als an die Libellenkrieger mit ihren archaischen Waffen. Er hatte sie gesehen. Dass ihre Horden nacheinander verschwunden waren, konnte nichts anderes bedeuten, als dass sie nach Arxisto kamen.

Neue Geräusche erklangen. Auf der Station wurde es hektisch. Bald waren wimmernde, klagende Laute zu hören. Jemand schrie vor Schmerz. Saul ahnte, dass Verwundete eingeliefert wurden, dass der Kampf gegen die Libellenkrieger bereits tobte.

Es wurde lauter. Saul reagierte mit Panik. Er war blind und hilflos.

Schritte polterten draußen vorbei. Er hörte Befehle, das charakteristische Fauchen von Energiewaffen und das Klirren von Stahl. Dazwischen ein durchdringendes Rascheln wie von welkem Laub – oder das Reiben von Libellenflügeln gegeneinander!

Zirpende Laute ... Dünne Insektenbeine auf dem Boden, unglaublich nahe schon. Heißer Atem schlug ihm ins Gesicht.

Schreiend warf sich Saul auf der entgegengesetzten Seite aus dem Bett. Unmittelbar hinter ihm ein Energieschuss, gefolgt vom dumpfen Fall eines schweren Körpers.

»Alles in Ordnung?« Das war Doc Lorghens Stimme.

»Habe ich recht gehabt?«, fragte Saul, während er sich am Bett in die Höhe tastete.

»Sie sehen aus, wie du sie beschrieben hast«, antwortete der Mediziner.

»Ich habe keine Wahrnehmungen mehr, also werden hoffentlich keine weiteren nachkommen.«

»Es sind mindestens fünfzigtausend allein im Umkreis von Arxisto-Park. Sie haben das Kontor besetzt.«

»Und ich bin hilflos.« Saul seufzte. »Ich hätte mir wenigstens eine provisorische Sehhilfe einoperieren lassen sollen.«

Doc Lorghen klopfte ihm auf die Schulter. »Wenn das hier vorbei ist, bekommst du neue Augen. Das verspreche ich dir.«

War das ein Erwachen gewesen! Gwen Corlin hatte im ersten Moment geglaubt, sich immer noch im Dschungel zu befinden. Aber da war Eleva, die diese Nacht bei ihm verbracht hatte, ein zitterndes Nervenbündel.

Sie kleideten sich an. Corlin packte seinen schweren Jagdstrahler, Eleva nahm eine Faustfeuerwaffe, die für sie einfacher zu handhaben war als ein schwerkalibriger Strahler.

»Du weißt, was zu tun ist, Gwen«, sagte sie. »Ich richte mich nach dir.«

Er nickte stumm. Gemeinsam verließen sie die Wohnung und gelangten mit anderen Bewohnern des Blocks ins Freie. Erst da erkannten sie, welcher Art die Bedrohung war.

»Ich muss zur Medostation!«, drängte Eleva. »Saul braucht mich.«

Corlin hielt sie zurück. »Saul ist in der Klinik einigermaßen sicher!«, sagte er. »Aber wir müssen von der Straße weg!« Er drängte mehrere Personen zu den Gebäuden zurück.

»Wir kämpfen!«, protestierte eine Frau.

Die ersten Schüsse zuckten den Insektenkriegern entgegen. Aber die Übermacht der Angreifer drängte mit unbeschreiblicher Wildheit voran. Als es unter den Bewohnern von Arxisto-Park die ersten Verluste gab, flüchteten die anderen.

Corlin blieb bis zuletzt auf der Straße zurück, um den Fliehenden den Rücken zu decken. Er tat es, ohne darüber nachzudenken. Im Grunde genommen war er keine Kämpfernatur, sondern handelte aus reinem Instinkt heraus.

»Gwen jagt in jeder freien Minute im Dschungel«, erklärte Eleva den anderen, während er endlich ebenfalls in den Wohnblock zurückwich. »Wenn euch euer Leben lieb ist, hört auf ihn.«

Corlin hätte gern klargestellt, dass er alles andere als eine militärische Führungskraft war. Doch er brachte es nicht fertig, die Leute zu enttäuschen. Er ordnete an, alle Zugänge und Fenster zu schließen und die Schwachstellen zu verbarrikadieren. »... verrammelt Antigravschächte und Notausgänge, die Lüftungskanäle und die Verbindungstunnel zum subplanetaren Verkehrsnetz. Diese Insektenkrieger sind keineswegs dumm. Wenn sie nicht mit roher Gewalt eindringen können, werden sie nach anderen Möglichkeiten suchen.«

Corlin organisierte mit Eleva die Verteidigung des Wohnblocks, bis die Aufforderung an alle leitenden Mitarbeiter kam, sich bei ihren Dienststellen einzufinden. Er selbst wurde namentlich aufgerufen, sich im Hauptkontor einzufinden.

»Wir brauchen dich für die Verteidigung von Arxisto-Park«, sagte Hillard. »Arxisto hat keinen militärischen Stützpunkt, also müssen wir improvisieren. Von allen, die für die Verteidigung infrage kommen, steht dein Name an erster Stelle.«

»Die Positronik ist verrückt.«

»Manchmal sieht es wirklich danach aus. Aber was dich betrifft, stimme ich der Anlage zu. Beeil dich! Du bist unser einziger Held.«

Klang Spott aus Hillards Worten? Corlin zuckte die Achseln. Er fühlte sich im Dschungel wohl, in der Rolle des Jägers; das hier war etwas anderes.

Alle möglichen Leute klopften ihm plötzlich auf die Schulter und wünschten ihm alles Gute. Was hatten sie früher hinter vorgehaltener Hand über seine Jagdleidenschaft gesagt? »Gwen ist kaltblütig, er tötet ohne Gewissensbisse. Was ist, wenn er im Dschungel keine großen Tiere mehr aufspürt ...?«

Sie drängten ihn förmlich ins subplanetare Tunnelnetz. Eleva begleitete ihn, er war ihr dankbar dafür.

Corlin konnte gerade noch seine Jagdwaffe gegen einen handlichen Strahler austauschen, dann schlossen sich die Barrikaden wieder hinter seiner Gefährtin und ihm.

Arger Staball hatte gehofft, dass er in einem der unter der Stadt verlaufenden Tunnel schnell sein Ziel erreichen könne, doch er hatte die Insektenkrieger unterschätzt. In dem verlassenen Tunnel stellten sie ihn und ließen ihm nicht einmal die Möglichkeit, in einen Seitengang auszuweichen. Mit ihren Waffen droschen sie auf seinen Bodengleiter ein, bis er zu Fuß fliehen musste. Einige der Angreifer konnte er zwar niederstrecken, aber ihre Zahl schien immer noch anzuwachsen.

Nach einer Weile hatten sie ihm fast jeden Weg abgeschnitten. Staball stürmte durch das nächste Türschott und verschloss es hinter sich. Zu spät erkannte er, dass der Raum, in dem er sich nun befand, keinen zweiten Ausgang hatte.

Der Lärm von draußen verriet ihm, dass die Insekten sein Fahrzeug demolierten. Andere rannten mit ihren Waffen gegen die Tür an.

Ohne Hilfe von außen war er verloren. Staball tastete nach seinem Kombiarmband in der vagen Hoffnung, dass er trotz der Funkstörungen Verbindung zum Kontor aufnehmen konnte. Aber er hatte das Armband nicht mehr, musste es während des Kampfes verloren haben.

Das schwache Türschott würde dem Ansturm nicht lange standhalten. Tatsächlich brach es schon nach wenigen Minuten krachend auf. Die Angreifer wollten alle gleichzeitig durch die Öffnung drängen und boten Staball ein leichtes Ziel für seinen Paralysator. Ihm war klar, dass er sich damit aber nur einen weiteren kurzen Aufschub verschaffte.

Zu seiner Überraschung blieb der letzte Ansturm aus. Die Insekten wandten sich einem anderen Gegner zu, einem kleinen Fahrzeug, das auf sie zuhielt. Dessen beide Insassen waren allerdings keine leichte Beute, sondern streckten die Angreifer mit breit gefächerten Salven nieder.

Staball erkannte die Näherkommenden: Gwen Corlin und Eleva Draton. Als Corlin ihn erblickte, lenkte er den Wagen durch eine Lücke in den Reihen der Angreifer auf ihn zu.

Staball hetzte los, sprang in das offene Fahrzeug, und Corlin beschleunigte sofort. Die Insektenkrieger schleuderten ihnen ihre Waffen nach, ohne jedoch zu treffen.

»Das war verdammt knapp«, stellte Staball fest. »Wie soll ich dir danken, Gwen?«

»Vergiss es einfach«, sagte Corlin trocken.

Sie hatten das Kontor erreicht. Ungeduldig bedrängte Arger Staball seit einigen Minuten den Funker.

»Du solltest endlich die Verbindung zum HQ Hanse bekommen ...«

»Bis ins Solsystem sind es siebenunddreißigtausend Lichtjahre«, erwiderte der Funker. »Eine Direktverbindung gibt es nicht, und die Zwischenstationen zu überwinden dauert eben.«

»Wir haben höchste Dringlichkeitsstufe«, erinnerte Staball. Als der Funker zu einer Entgegnung ansetzte, winkte er hastig ab. »Mich interessiert nicht, wie viele dringliche Verbindungen bei zweitausend Handelskontoren gleichzeitig anfallen.«

Überall in Arxisto-Park wurde gekämpft, es hatte viele Verluste gegeben, etliche Stellungen waren verloren, und die Invasoren hausten wie die Vandalen. In der Situation war eine Verbindung mit HQ Hanse überlebenswichtig.

»Soviel ich weiß, interessierst du dich für terranische Geschichte, Gwen«, hörte Staball seinen Sekretär sagen. »Dann solltest du wissen, dass bei Primitivvölkern Auseinandersetzungen oft durch Zweikämpfe der Anführer entschieden wurden.«

»Und?«, fragte Corlin desinteressiert.

»Diese Insektenkrieger sind eine Horde von Wilden. Wir müssten herausfinden, wer ihr Anführer ist und wie die Krieger zu ihm stehen, dann ...«

»HQ Hanse!«, rief der Funker.

Staball fuhr herum und zog den Mikrofonring zu sich heran. »Handelskontor Arxisto ruft HQ Hanse. Höchste Dringlichkeitsstufe!«

»Hier HQ Hanse, Perry Rhodan«, erklang eine ruhige Stimme. Staball verschlug es für einen Moment die Sprache. Rhodan höchstpersönlich zu hören, hatte er nicht erwartet.

»Bei uns sind die Phänomene in verstärkter Form aufgetreten. Die Masseeinschläge haben aufgehört, dafür werden wir mit bewaffneten Kriegerhorden bombardiert – Insektenwesen, die uns das Leben zur Hölle machen. Wir haben Verwundete und Tote.«

»Der Reihe nach, bitte«, verlangte Perry Rhodan. »Den letzten Berichten zufolge wurde Arxisto von quallenähnlichen Tieren heimgesucht, dieses Problem hat sich jedoch erledigt. Demnach handelt es sich um eine neue Plage?«

Staball gab eine Schilderung der Ereignisse vom ersten Erscheinen der Insektenkrieger bis zur augenblicklichen Lage ab. »... wir haben die Situation einigermaßen in den Griff bekommen und können unsere Stellungen halten, weil keine weiteren Kriegerhorden mehr eintreffen«, schloss er. »Aber wir müssen weitere Phänomene dieser Art befürchten. Es ist bislang nicht gelungen, ihre Natur zu ergründen. Eigentlich haben wir mit deinem Erscheinen gerechnet, Perry Rhodan.«

»Arxisto ist nicht das einzige betroffene Kontor«, sagte Rhodan. »Wir müssen Prioritäten setzen; ich weiß noch nicht, welches der betroffenen Kontore ich aufsuchen werde.«

Staball war enttäuscht. »Was soll in der Zwischenzeit geschehen?«, fragte er.

»Ich schicke euch zwei Spezialschiffe, ein TSUNAMI-Pärchen«, antwortete Rhodan. »Du hast von den Spezialeinheiten schon gehört?«

Staball hatte Gerüchte über diese Schiffe gehört, aber das weckte nicht unbedingt angenehme Assoziationen in ihm. Irgendwie waren ihm die TSUNAMIS unheimlich, ohne dass er einen plausiblen Grund dafür hätte nennen können.

»Rechnet mit dem Eintreffen von TSUNAMI-36 und TSUNAMI-97 in Kürze«, fuhr Rhodan fort. »Beide sind soeben gestartet und werden euch bei der Lösung der neuen Probleme helfen.«

Rhodan unterbrach die Verbindung.

»TSUNAMI, TSUNAMI ...«, murmelte Staball. »Ich weiß nicht, was ich von diesen Schiffen halten soll. Bedeuten sie die Rettung für uns, oder hat Rhodan Arxisto schon aufgegeben?«

»Schlag dir das aus dem Kopf, Jupp!«, rief Gwen Corlin im Hintergrund. »Es ist eine Schnapsidee. Ich bin bestimmt nicht der richtige Mann dafür, denn ich bin kein Kämpfer.«

»Was ist los?«, erkundigte sich Staball.

»Jupp hat einen durchaus plausiblen Vorschlag gemacht«, erklärte jemand. »Gwen soll den Anführer der Insekten zum Zweikampf herausfordern. Wenn Gwen ihn besiegt, woran ich nicht zweifle, werden die Krieger vermutlich so demoralisiert sein, dass sie fliehen.«

»Ohne mich!«, protestierte Corlin erneut.

Ihr Ziel lag im Kugelsternhaufen M 13, rund 34.000 Lichtjahre vom Solsystem entfernt. Die Entfernung zu Arkon war dagegen mit 87 Lichtjahren relativ gering. Diese Nähe zu den Arkoniden sollte einer Intensivierung der Handelsbeziehungen dienen. Das war aber schon die einzige besondere Bedeutung, die dem Handelskontor auf Arxisto, dem zweiten Planeten der kleinen blauen Sonne Arx, zukam – abgesehen davon, dass Arxisto in hartem Konkurrenzkampf mit den Springern lag.

Galgan Maresch, ein gewichtiger Ertruser, Kommandant von TSUNAMI-36, hatte sich eingehend über Arxisto informiert. Der Planet durchmaß rund 17.500 Kilometer, seine Schwerkraft lag bei 1,1 Gravos, und mit 29,5 Grad Celsius wies er eine hohe mittlere Temperatur auf. Arxisto war eine Dschungelwelt mit drei größeren Kontinenten: Avis-Tar, Polax und Tobal. Letzterer lag auf der nördlichen Hemisphäre, in einer gemäßigteren Klimazone, dort war der Stützpunkt der Kosmischen Hanse errichtet worden. Der Tag auf Arxisto betrug 26,7 Stunden, die Atmosphäre war infolge unverträglicher Beimischungen für Menschen nicht problemlos atembar.

Die Anschläge gegen Arxisto und andere Kontore gingen von Seth-Apophis aus, das war Maresch klar. Auch, dass seine Besatzung und er es wohl nicht mit der Superintelligenz zu tun bekommen würden, denn der Einsatz richtete sich wohl ausschließlich gegen Handlanger.

»Auf Arxisto weiß nicht einmal der Leiter des Kontors, dass hinter den Anschlägen die gezielte Sabotage einer kosmischen Macht steckt«, sagte die ATG-Spezialistin Beryll Fhance. TSUNAMIS mit einer geraden Nummer verfügten über ein ATG-Feld, ein Antitemporales Gezeitenfeld.

»Das mag mit ein Grund sein, warum Arxisto keine wirksamen Gegenmaßnahmen ergreifen konnte«, fuhr Fhance fort. »Es wird nötig sein, Staball über die Hintergründe aufzuklären, um das Beste aus der Zusammenarbeit herauszuholen.«

»Warten wir ab, bis wir am Ziel sind«, sagte Maresch. »Die Linearetappe endet in wenigen Sekunden.«

Kaum ins Einstein-Kontinuum zurückgekehrt, traf eine Funkmeldung von TSUNAMI-97 ein. Das Zwillingsschiff meldete die Ortung eines nicht zu identifizierenden Objekts.

Dem blinden Passagier war der Kugelraumer nicht ganz geheuer. Ursprünglich hatte Icho Tolot beabsichtigt, die Kommandozentrale zu stürmen und TSUNAMI-36 gewaltsam in Besitz zu nehmen, doch mittlerweile hatte er es sich anders überlegt.

Er hatte ein sicheres Versteck gefunden, das er nur selten verließ, um sich an Bord umzusehen.

Einige Seltsamkeiten waren ihm aufgefallen. Der zweihundert Meter durchmessende Kugelraumer der STAR-Klasse sah nur vordergründig wie die Weiterentwicklung eines Schweren Kreuzers der TERRA-Klasse aus. Der Kugelraumer verfügte über keine schwere Offensivbewaffnung, sondern lediglich über eine Reihe von Einrichtungen, die der Tarnung dienten.

Tolot wurde klar, dass der Kugelraumer nicht Eingeweihte über seinen tatsächlichen Zweck hinwegtäuschen sollte. Aber wofür gab es dieses Schiff? Er kam nicht dahinter.

Er hatte noch andere Ungereimtheiten aufgedeckt. So war das Raumschiff mit einer etwa vierzigköpfigen Besatzung eindeutig unterbesetzt. Sicher reichte diese Zahl für die Schiffsführung aus, aber warum gab es daneben keine Einsatzmannschaft? Für Schwere Kreuzer der TERRA-Klasse lag die Besatzungsstärke bei 400 Personen.

Eines wusste Tolot inzwischen genau: Ein TSUNAMI nahm in der Flotte der Liga Freier Terraner eine Sonderstellung ein. Schon deshalb war ihm der Kugelraumer irgendwie unheimlich. Ihm. Damit meinte er nicht sein Ich allein. Etwas war noch in ihm – eine fremde Macht, die ihm ihren Willen aufzwang.

Dieser Zwang war nicht immer gleich stark, aber er bestimmte Tolots Handeln und verstärkte sich, sobald er versuchte, sich zu widersetzen. Tolot unterlag dem Zwang, einen bestimmten Ort aufzusuchen.

Darum war es nötig, dass er sich verborgen hielt und nicht entdeckt wurde.

Er musste alles daransetzen, das Depot zu erreichen.

Er war ein Narr, dass er sich auf diese Sache einließ.

»Du bist unsere größte Hoffnung, Gwen«, sagte Askaargud, der Vorsitzende des Planungsstabs von Arxisto. »Du kannst uns retten und gehst dabei kein Risiko ein.«

Catherc brachte einen Kampfanzug und half ihm beim Anlegen der Montur. Als Corlin in voller Ausrüstung dastand, aber mit geöffnetem Helm, drückte ihm der Blue einen schweren Kombistrahler in die Hand.

»Eine Strahlwaffe gegen ein Schwert, ist das fair?«, fragte Corlin.

»Um wie viel fairer ist es, aus einem Versteck heraus das Wild im Dschungel abzuschießen?«, erwiderte Catherc.

»Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.«

»Wie auch immer, du musst es tun«, redete ihm Eleva zu. »Du brauchst nur hinauszugehen, ein Scheinduell mit dem Anführer der Horde auszutragen und ihn zu besiegen.«

»Wir haben den Anführer ausfindig gemacht«, sagte Catherc, während sie ihn hinausbegleiteten. »Dein Gegner lagert mit seinem Haufen im Errando-Garten. Ich habe einen Peilsender an seine Rüstung geheftet, ferngelenkt, versteht sich. Ich bin kein solcher Held, dass ich mich auf Tuchfühlung mit einem Insektenkrieger wagen würde.«

»Ich auch nicht.« Corlin hatte mit der Bemerkung die Lacher auf seiner Seite. Alle dachten, er mache Witze, und hielten ihn schon deswegen für einen zähen Kerl. Es gehörte einiges dazu, sich bei so einem Waffengang den Humor zu bewahren. »Wieso habt ihr statt des Senders nicht gleich eine Rakete auf den Hordenführer abgeschossen?«

»Der Anführer muss im Kampf Mann gegen Mann besiegt werden«, erinnerte Jupp Korein. »Die Krieger verstehen nur diese Art des Kämpfens. Sobald sie erkennen müssen, dass einer von uns stärker als ihr Stärkster ist, wird das ihre Kampfmoral untergraben. Sie werden Hals über Kopf fliehen ...«

»Und wenn nicht?«, gab Corlin zu bedenken.

»Möglich auch, dass sie in dir den neuen Anführer sehen werden«, redete Korein unbeeindruckt weiter. »Bei Barbaren ist alles möglich. Falls sie sich an dich hängen, kannst du dir den Rattenfängereffekt zunutze machen und die ganze Horde in die Sümpfe locken.«

»Du solltest endlich aus deinem Traum aufwachen«, sagte Corlin. Es klang bitter, aber ebenso zuversichtlich.

Sie erreichten den mit einem HÜ-Schirm gesicherten Ausgang.

Corlin blieb stehen. Theoretisch konnte er noch umkehren. Allerdings wusste er, dass jeder ihm das übel nehmen würde. Er war der Held, der Arxisto zu retten hatte, so und nicht anders.

Im HÜ-Schirm entstand eine Strukturlücke. Corlin schloss den Helm.

»Wir sind mit dir«, drang Askaarguds Stimme aus dem Helmempfänger. Der Akone war in der Zentrale zurückgeblieben, er hatte gut reden.

»Ihr lasst mir wirklich keine andere Wahl.« Corlin schritt durch das aufgleitende Tor. Hinter ihm schloss es sich sofort wieder. Er würde seinen Freunden nie verzeihen, dass sie ihn in diese Rolle gedrängt hatten. Ganz abgesehen davon glaubte er nicht an den Erfolg eines Kampfes Mann gegen Mann. Keiner wusste etwas über die Insektenkrieger, über ihren Ehrenkodex, ihre Kampfmoral – über ihre Hierarchie und gesellschaftliche Struktur. Sie hätten zuerst einen der Krieger einfangen und alles Wissen aus ihm herauspressen müssen. Aber jetzt war es zu spät dafür.

Kaum dass er im Freien stand, wurden einige Insektenkrieger auf ihn aufmerksam. Sie schwirrten mit stoßbereiten Spießen auf ihn zu. Sie nahmen keine Rücksicht darauf, dass er sich nicht mit ihnen, sondern mit ihrem Anführer messen wollte. Corlin blieb keine andere Wahl, als sie abzuschießen.

»Ausgezeichnet«, lobte Askaarguds Stimme im Helmempfang. »Mach weiter so, Gwen!«

Weitere Insektenkrieger stürmten heran und starben im Thermofeuer des Kombistrahlers. Gwen Corlin sah nicht auf die verstümmelten und halb verkohlten Körper, über die er mithilfe seines Antigravtornisters hinwegglitt. Er näherte sich dem Ausgangsort des Peilsignals.

Kurz darauf stand er vor seinem Gegner.

Der Anführer der Invasoren war größer als die anderen Insektenwesen und wirkte deutlich kräftiger.

»Du bist nahe dran«, sagte Askaargud, der in der Zentrale das Geschehen mitverfolgen konnte. »Beachte das Imponiergehabe des Kriegers. Er will dich nicht einfach niedermachen, sondern sich tatsächlich mit dir messen. Gib ihm seine Show, Gwen, spiel ein wenig Katz und Maus mit ihm. Du hast Tausende Insektenkrieger als Zuschauer.«

»Okay, jeder soll seine Show haben.« Corlin schaltete den Schutzschirm ab, der primitive Hiebwaffen ohnehin nicht abhalten konnte. Schon bisher hatte ihn lediglich die Panzerung des Kampfanzugs vor Verletzungen bewahrt.

»Komm her, du hässliches Insekt!« Corlin schlug mit den Armen um sich.

Sein Gegner zirpte schrill, riss seine Waffen hoch und machte Anstalten, sich auf ihn zu stürzen. Corlin hatte den Finger am Auslöser des Strahlers. Aber er schoss nicht. Einer der Insektenkrieger stürzte sich urplötzlich auf den Anführer und hieb ihm mit kraftvollen Schlägen seiner Schwertlanze die Flügel ab. Der auf diese Weise gedemütigte Anführer wich zur Seite.

Corlin wandte sich dem neuen Gegner zu, der ihn auch sofort angriff. Er wartete, bis der Krieger auf fünf Schritte heran war, dann eröffnete er das Feuer. Das wuchtige Insekt starb lautlos.

»Bravo, Gwen!«, rief Askaargud begeistert. »Nun zeig diesen Barbaren, wer der Boss ist!«

Corlin bekam einen heftigen Schlag in den Rücken. Es krachte, dass er schon fürchtete, jemand habe ihm die Wirbelsäule zertrümmert. Allerdings war nur das Antigravaggregat getroffen worden. Er merkte es daran, dass er aus der Schwebe kippte.

Ein zweiter kraftvoller Schlag von hinten ließ ihn der Länge nach zu Boden stürzen. Geschmeidig rollte er sich auf den Rücken und sah einen Insektenkrieger über sich. Er wollte den Strahler in Anschlag bringen, aber der Krieger schlug ihm mit dem Schwert die Waffe aus der Hand und holte zum Todesstoß aus.

Corlin wusste auf einmal, dass mit ihm dasselbe geschah wie mit seinem Vorgänger. Er hätte die Moral der Insektenwesen durchschauen müssen, als ihrem Anführer meuchlings die Flügel gestutzt worden waren. Er, Corlin, hatte den hinterhältigen neuen Gegner zwar besiegt, wurde nun aber selbst ein Opfer der seltsamen Methode, nach der die Krieger ihren Anführer wählten.

Was für ein Idiot er gewesen war, sich darauf einzulassen. Es hatte ihm geschmeichelt, dass die Freunde in ihm den Helden sahen, doch sie hatten ihn in den Tod gehetzt. Nun wussten sie wenigstens, dass er kein Held, kein Kämpfer war. Oder waren nur tote Helden richtige Helden?

Mein Opfer war umsonst. Bald schon werden zwei TSUNAMI-Einheiten eintreffen – welche Bedeutung diesen Schiffen auch immer zukommen mag. Und irgendwann wird sich auch Perry Rhodan einfinden. Ich hätte ihr Eintreffen abwarten sollen ...

Das waren seine letzten Gedanken, ein fürchterlicher Schwerthieb löschte sie für immer aus.

»Was ist das?« Mae Carroll verfolgte das seltsame Leuchtobjekt im Panoramaholo.

Keiner in der Kommandozentrale von TSUNAMI-97 antwortete der Kosmoethnologin. Alle standen im Bann des gigantischen Leuchtobjekts, das den Weltraum optisch beherrschte.

»Was sagt die Ortung?«, fragte Kommandant San Chien. Er war ein klein gewachsener Terraner asiatischer Abstammung und mit seinen 24 Jahren einer der jüngsten Schiffskommandanten in der TSUNAMI-Flotte.

»Eine Ortung ist praktisch unmöglich, wir sind weitestgehend auf optische Beobachtung angewiesen. Das Ding ist gigantisch, seine Größe momentan nicht zu bestimmen. Die Massetaster sprechen ebenso wenig an wie die Energieortung. Nicht einmal die Entfernung des Objekts kann angemessen werden. Es ist fast so, als gehörte es nicht einmal diesem Kontinuum an ...«

»Anfrage von TSUNAMI-36!«, rief der Funker dazwischen. Im Holo erschien das Konterfei des ertrusischen Kommandanten des Schwesterschiffs.

»Was habt ihr herausgefunden?«, drängte Maresch. »Ihr seid schneller vor Ort gewesen und habt uns einiges voraus.«

»Ich sehe da keinen Vorteil.« San Chien lächelte unergründlich. »Das unbekannte Objekt hat etwa die Form und das Profil einer Schiene, mehr kann ich nicht dazu sagen. Es liegen noch keine Ortungsergebnisse vor.«

Maresch wandte sich kurz ab, anscheinend besprach er sich mit jemandem außerhalb seines Erfassungsbereichs. »Unsere Ortung bestätigt die Aussage. Was hältst du persönlich davon, San Chien?«

»Mir erscheint es unwahrscheinlich, dass zwei extreme Phänomene, die örtlich und zeitlich so nahe beieinanderliegen, nicht miteinander in Verbindung stehen sollen.«

»Ich werde die Sache nach Terra melden und auf die möglichen Zusammenhänge hinweisen«, entschied Maresch.

Perry Rhodan dachte an einen Ausspruch von ES, den das Geisteswesen schon vor Gründung der Kosmischen Hanse getan hatte. Damals hatte ihm ES prophezeit, dass er bald schon überall dort sein könnte, wohin er sich wünschte. ES hatte damit natürlich das Auge des Kosmokratenroboters Laire und den distanzlosen Schritt gemeint, der es ihm erlaubte, praktisch in Null-Zeit große Distanzen bis zu den Orten der Kosmischen Hanse zu überbrücken. Rhodan war diese phantastische Möglichkeit bislang als ausreichend erschienen. Wie es aktuell aussah, hätte er an verschiedenen Orten gleichzeitig sein müssen.

Obwohl die Notrufe von Arxisto und anderen betroffenen Handelskontoren dringlicher wurden, war es ihm nicht möglich gewesen, einen der Planeten aufzusuchen. Zuerst hatte ihn Quiupu mit seinem verhängnisvollen Viren-Experiment in Atem gehalten. Dann Icho Tolots Amoklauf und der Vorfall mit Bruke Tosen – und zwischendurch wurde er immer wieder von Jen Salik bedrängt, endlich in der Galaxis Norgan-Tur, auf dem Planeten Khrat und im Dom Kesdschan die Weihen eines Ritters der Tiefe entgegenzunehmen.

Nun erreichte ihn die Meldung des TSUNAMI-Pärchens, das er nach Arxisto geschickt hatte, dass sie nahe M 13 eine gigantische Schiene entdeckt hatten, die kaum anzumessen war. Galgan Maresch knüpfte an seine Beobachtungen die Vermutung, dass das unbekannte Objekt mit den Phänomenen von Arxisto zu tun haben könnte.

Jen Salik kam gerade dazu, als Rhodan die Meldung entgegennahm.

»Das erinnert mich an etwas«, sagte der Ritter der Tiefe. »Es war während meiner Rückkehr nach Terra. Ich passierte M 13 in ziemlicher Entfernung und machte eine Beobachtung ...«

»Davon hast du mir nichts erzählt«, fiel ihm Rhodan ins Wort.

»Damals stand es mit mir nicht zum Besten, sodass ich im Nachhinein alles für eine Halluzination hielt. Jedenfalls erschien es mir nicht wichtig, darauf einzugehen. Aber jetzt, nachdem ich den Bericht gehört habe, messe ich dem Vorfall mehr Bedeutung bei.«

»Was hast du beobachtet?«

»Die Bilder auf den Monitoren waren ziemlich unscharf, ich konnte keine Einzelheiten erkennen. Zuerst stellte sich mir der Vorgang als Bewegung dar. Nach einiger Zeit erkannte ich eine Gruppe grotesker Gebilde, die ich bei aller Fremdartigkeit für Raumschiffe halten musste. Sie bewegten sich um ein riesiges leuchtendes Objekt, eine Art Balken im Weltraum. Nach dem, was ich eben gehört habe, würde ich das Gebilde nachträglich ebenfalls als Schiene bezeichnen. Sie war überdimensional und leuchtete goldfarben. Nach wenigen Minuten verblasste das Bild wie ein Spuk.«

»Ich kann dir wegen der Unterlassung keinen Vorwurf machen«, sagte Rhodan. »Vermutlich hätte ich deiner Entdeckung auch keine Bedeutung beigemessen. Jetzt sieht die Sache allerdings anders aus.«

»Aus dem Bericht geht nichts über die Natur des Objekts hervor«, sagte Salik.

»Ich werde mir die Details an Ort und Stelle beschaffen«, sagte Perry Rhodan. »Ich gehe an Bord von TSUNAMI-36 und werde mich anschließend auf Arxisto umsehen.«

»Was ist mit der anderen Sache?«, fragte Salik.

Rhodan griff demonstrativ an das Augenfutteral, das an seinem Gürtel hing. Das war Antwort genug.

»Die Lage hat sich stabilisiert.« So einfach ließ sich die Situation in Arxisto-Park zusammenfassen. Die meisten der Gebäude des Handelskontors glichen Festungen, in denen sich die Bewohner verbarrikadiert hatten. Weite Bereiche der Stadt wurden zwar weiterhin von Libellenkriegern belagert, aber das Kontor befand sich fest in den Händen der Hanseleute.

Jeder weitere Kampf, auf welcher Ebene er auch ausgetragen wurde, hätte Verluste in den eigenen Reihen zur Folge gehabt. Das wollte Arger Staball vermeiden. Deshalb hatte er angeordnet, sich auf die Verteidigung zu beschränken und allen Kampfhandlungen aus dem Weg zu gehen.

»Wozu unnötig Opfer bringen?«, argumentierte er. »Es kann nicht mehr lange dauern, bis die TSUNAMIS eintreffen. Dann wird uns jemand sagen, wie es weitergehen soll.«